Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2024 - Kunst

Bodenseeregion (?). Martyrium eines Heiligen, um 1500. © Musée Unterlinden, Colmar. Foto: Le Réverbère/Mulhouse.

Stefan Trinks (FAZ) lernt im Colmarer Musée Unterlinden nicht nur viel Interessantes über altdeutsche Tafelmalerei, sondern kann sogar vorher nie gezeigte Retabeln von Martin Schongauer und Albrecht Dürer bewundern. Sein persönliches Highlight stammt aber von Hans Baldung Grien: "Das bis heute rätselhafte und große Profilbild des stehenden heiligen Thomas mit Lanze als möglichem Martyriumswerkzeug. Enigmatisch sind an dem extrem schmalen Hochformat nicht nur die Profilstellung und die knöchelbrecherische Abwinkelung seines linken Fußes, sondern vor allem das aufflatternde stoffreiche Gewand in Giftgelb vor nachtschwarzem Hintergrund - der Apostel und legendarische Missionar Indiens schwebt buchstäblich im Nichts, weil Baldung ihm nicht einmal einen Boden unter den Füßen gönnt und malt."

Ein Biennale-Kurator, der Fake News über Israel teilt, Besucher, die antisemitische Parolen skandieren, vereinfachende Botschaften und Verherrlichung von Terror - Die israelische Kunstkritikerin und -dozentin Hili Perlson macht in der Welt nochmal das Ausmaß des Antisemitismus auf der Biennale von Venedig klar. Wie soll man damit umgehen, fragt sie? Zensur kann nicht die Lösung sein: "Absagen von Ausstellungen haben bereits die Integrität von Institutionen in Deutschland beschädigt. Gleichzeitig haben sie zu einer unverhältnismäßigen Verstärkung von Randfiguren geführt, die von angesehenen Medien eine Plattform erhalten und sich darüber beschweren, dass sie 'zum Schweigen gebracht' werden. Und doch sollten diejenigen, die soziale Normen überschreiten und Israels Dämonisierung normalisieren, zur Rechenschaft gezogen werden. Es sollte allen klar sein, dass die Wahrung sozialer Normen in unserem eigenen Interesse als Gesellschaft liegt. Das jüngste Verbot des Facebook-Konzerns Meta, das Wort 'Zionist' als Code für antisemitische Beiträge zu verwenden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gleiches gilt für den Vorstoß des Berliner Senats, das rote Dreieck in Deutschland zu verbieten, weil es mit der Hamas assoziiert und als Code für Gewalt verwendet wird."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2024 - Kunst

Zoran Minic: Red Crossroad Building. Bild: Galerie Albrecht


Die Beriner Galerie Albrecht stellt 22 Stadtansichten von Mailand aus, die Zoran Minic geschaffen hat, Hans-Jörg Rother bestaunt im Tagesspiegel die Bilder, die eben genau nicht die üblichen Touristenziele zeigen, sondern ganz normale Straßen: "Aber von Geschichte, im Grunde nicht einmal von der Gegenwart der lombardischen Metropole wollen diese ruhig abgetönten Visionen einer auto-, menschen- und natürlich auch vollständig smogfreien Stadt (Mailands Smogglocke ist berüchtigt) nichts zeigen, geschweige denn bildhaft erzählen. Dunkelblau schlängeln sich breite und schmale Kanäle an den rosa-, gelb- oder ockerfarbigen Fassaden rechteckiger Häuser vorbei, über deren blassroten Dächern sich der wolkenlose Himmel im Nichts verliert. Es sieht aus, als wären alle Details einem Modellbaukasten entnommen oder, besser gesagt, als verwandle der Künstler die reale Stadt in Elemente eines Modellbaukastens - und die dunkelgrünen Bäume, die er an den Straßenrand setzt, gleich dazu."

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe unterhält sich für die FR mit Christoph Tannert, der sich als Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien verabschiedet. Marcus Woeller schreibt in der Welt über den äußerst unangepassten Künstler Boris Lurie. Ein weiterer vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi geschaffener Campendonk ist aufgetaucht, meldet die FAZ.

Besprochen werden eine Otto-Dix-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum (NZZ), "Who Cares?" im Jüdischen Museum in Wien (taz), Francis Alys' "Ricochets" im Barbican Center (SZ) und die Sonderausstellung zu Alexander Pohl im Glasmuseum Hadamar (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2024 - Kunst

Mika Rottenberg, Untitled Ceiling Project, 2018. Videoinstallation © Mika Rottenberg, Courtesy the artist and Hauser & Wirth


Elke Buhr interviewt für monopol die israelisch-stämmige Künstlerin Mika Rottenberg anlässlich ihrer Schau "Antimatter Factory" im Baseler Museum Tinguely auch zu Fragen der politischen Kunst: "Ja, ich weiß nicht, wie man Kunst macht, die eine direkte politische Agenda hat", sagt Rottenberg. "Für mich ist Kunst ein Ort, an dem man gleichzeitig kritisch ist und spielen kann. Ich schaffe Kunstwerke, um überhaupt erst einmal herauszufinden, was für Meinungen ich haben könnte. Entschuldigen Sie das Klischee, aber Kunst ist dazu da, um auch Freude zu machen. Wenn man darin seine eigene Stimme finden will, muss man es genießen. Diese Stimme ist sehr schüchtern, man muss sie herauskitzeln, und das geht am besten spielerisch."

Hannes Hintermeier freut sich in der FAZ über die HAP Grieshaber-Renaissance, die das Murnauer Schlossmuseum mit der Ausstellung "Drucken ist ein Abenteuer" anstößt. Holzschnitte sieht man ja nicht mehr so oft: "Die Fünfzigerjahre sollten das Jahrzehnt werden, in denen Grieshaber den seit dem Mittelalter nur noch punktuell florierenden Holzschnitt zu einer neuen Blüte führte. Er arbeitet in nie da gewesenen Großformaten, schafft Drucke vom Format ein mal zwei Meter, und er führt das Genre mit expressivem Farbauftrag in eine eigene Liga, irgendwo zwischen Tafelbild und Skulptur. Es gibt ein SWR-Video in der Ausstellung, das Grieshaber 1964 bei der Arbeit zeigt, ein Berserker, der dem Holz mit Messern, Kreissäge, Flex, Fräsen und Lötkolben zu Leibe rückt, der mit hochenergetischem Körpereinsatz die Druckblöcke immer wieder mit Farbe traktiert. Und der als Hauptantrieb für seine Kunst die Trauer nennt. Grieshaber gibt aber auch dem Eros Raum, generell dem Kreatürlichen. So verarbeitet er motivisch die zahleichen Tiere, die auf der Achalm leben, darunter ein Chow-Chow, ein Hängebauchschwein und ein Rhesusaffe."

Hier das Grieshaber-Porträt des SWR von 1964:



Besprochen werden "Zwischen weißen Wänden" im PEAC Museum Freiburg (Monopol), "Tim Burtons Labyrinth" in der Radsetzerei (Tagesspiegel), "Survival in the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen (Monopol), "Opera of a Black Venus" von Grada Kilomba in der Kunsthalle Baden-Baden (taz), "Loitz" von Barbara Camilla Tucholski im Kunstverein Schwerin (taz) und "Winter/Hoerbelt - Das Verkehrswesen" in den Jakobshallen Bad Homburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2024 - Kunst

Boris Lurie, NO with Mrs. Kennedy, 1963 © Boris Lurie Art Foundation

"Wütend, aggressiv und provokativ" ist die Kunst von Boris Lurie, aber immer auch ein "Schrei nach Humanität", erkennt Michaela Nolte im Tagesspiegel nach dem Besuch der Schau "Life with the Dead", die die New Yorker Boris Lurie Art Foundation und das Museum Zentrum für verfolgte Künste Solingen dem in St. Petersburg geborenen Künstler und Mitbegründer der NO!art-Bewegung am Rande der Biennale in Venedig zum Hundertsten ausrichten: "Mit kraftvoller Vehemenz rüttelt Lurie die Erinnerung an die Shoa wach, indem er sie in großformatiger collagierter Malerei wie 'Big NO Painting', 'Lolita' oder 'Lumumba is Dead (Adieu Amerique)' mit der Gegenwart verknüpfte. Künstlerisch gegen Kapitalismus und Imperialismus, Totalitarismus, Rassismus und Konsumismus aufbegehrte. Die verstörende Wirkung der KZ-Bilder steigert er mit Pin-Ups und Zeitungsausschnitten, mit Werbung und Wortbildern, mit rauschhaften Farbsetzungen und in jeder Collage, auf jeder Leinwand mit mindestens einem NO. Markenzeichen und Haltung, Appell und Verweigerung zugleich. Die Betrachtenden traktiert er so oft und so massiv mit Knochen, Leichen und Pornos bis das nackte Fleisch bar jeglicher Erotik ist."

Aktueller denn je erscheint in der Berliner Zeitung Eckhart J. Gillen die Ausstellung mit Werken des KZ-Überlebenden, der sich vor dem Hintergrund des Verlustes der Frauen seiner Familie immer wieder mit der Beobachtung beschäftigte, "dass die Vernichtung der Körper im KZ-System sich auf unterschwellige, subtile Weise in der Entwertung von Schönheit, Sinnlichkeit und Sexualität der Frauen im kapitalistischen Verwertungsprozess fortsetzt. Dieser zynische Missbrauch unserer intimsten Bedürfnisse und Wünsche durch die aggressive Vermarktung der Sinnlichkeit von Frauenkörpern ist für Lurie obszön, aber nicht seine aufklärende Verwendung von Pin-ups, um auf die Fortdauer der Gewaltverhältnisse und die Gleichgültigkeit des Publikums angesichts dieser Tatsachen hinzuweisen. Entgegen einer Erinnerungskultur, die uns suggerieren will, dass der Völkermord an den europäischen Juden ein überwundenes, abgeschlossenes Phänomen sei, konfrontiert uns Lurie mit der Kontinuität und Gegenwart des Terrors, wie wir ihn nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 in Israel und Gaza erleben."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Cauleen Smith - The Deep West Assembly" im Astrup Fearnley Museum in Oslo (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2024 - Kunst

Eine Ai-Weiwei-Lego-Arbeit nach Vorlage Gustav Klimts stellt Olga Kronsteiner im Standard vor. Felicia Okçu spricht für monopol mit dem Installationskünstler Andrés Reisinger. In der taz interviewt Johanna Weinz den Zeichner Tobias Vogel.

Besprochen werden die Frans-Hals-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung), die Schau "Casablanca Art School" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (SZ), die Ausstellung "Schauen erlaubt?" im Innsbrucker Schloss Ambras (Standard), "The Soul Station", eine interaktives Multimedia-Schau in der Halle am Berghain (monopol) und in einer Doppelbesprechung die Ausstellungen "Twilight is a Place of Promise" und "Aeroplastics" bei den Berliner Galerien Esther Schipper beziehungsweise Max Goelitz (taz Berlin).
Stichwörter: Casablanca, Berghain, Ai Weiwei

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2024 - Kunst

Bild: Sophie Taeuber-Arp, Motif abstrait (masques), Composition verticale-horizontale, 1917 © Stiftung Arp e.V., Rolandswerth/Berlin

Die Künstlerinnen des Dada wurden auch vergessen, weil sie oft keine Autorschaft auf ihre Werke erhoben - oder dem Kunstgewerbe zugeschlagen wurden, lernt Katrin Bettina Müller (taz) in der Ausstellung "der die Dada. Unordnung der Geschlechter" im Arp Museum Remagen: "Zu Dada in Köln gehörten Agnes Arntz, Angelika Hoerle und Marta Hegemann. Letztere hat 1926 August Sander fotografiert, mit einer Zeichnung von zwei Vögeln im Gesicht, die über ihre Wange fliegen. Von ihr zeigt die Ausstellung eine fantastische Landschaft (1939), in der Hände und Vogelköpfe aus amorphen Formen steigen: Sind es Hilferufe in einer Kulisse voller Ruinen? In einem Selbstporträt (mit kurzem Haarschnitt) hat sie sich als Torso dargestellt, eine klassische Form der Kunstgeschichte, in der ihr aber mit den Armen jeglicher Handlungsspielraum fehlt. Nicht alle der vorgestellten Frauen haben ein künstlerisches Werk so wie Hegemann hinterlassen, oft verlieren sich ihre Spuren auch in wenigen Dokumenten."

Bild: Keith Haring, Untitled, 1982, UAB 1317 © The Keith Haring Foundation. Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Nicht nur die Neue Nationalgalerie feiert aktuell einen bislang unbekannten Warhol (unsere Resümees), auch das Münchner Museum Brandhorst zeigt Andy Warhol, allerdings neben Keith Haring. Denn wie weit die New Yorker Künstler einander inspirierten, war bisher wenig bekannt, erfährt Gabi Czöppan (Tsp) in der Ausstellung "Party of Life": "Klug stellt sie die Werke Warhols neben die von Haring und entlarvt, warum beide voneinander lernten. Gleich im ersten Raum fällt der Blick auf das bunte BMW-M1-Rennauto, das Warhol 1979 in einer Blitzaktion von nur 28 Minuten selbst anmalte, angeblich ohne ein Honorar dafür erhalten zu haben. Dahinter hängen Strichmännchen, die Keith Haring einst auf eine rohe Wand strichelte, bevor sich Galeristen das Kunstwerk von der Straße unter den Nagel rissen. Man sieht Andys schillernde Selbstporträts in weißer Silberperücke neben dem quietschbunten Comicporträt des Nerd-Brillen-Boys und Harings Porträt von Warhol als Micky Maus mit Dollarzeichen vor den Augen. Harings 'Pop Shop' von 1986, in dem man die Strichmännchen des Künstlers auf Skateboards, Buttons und T-Shirts für wenig Geld kaufen konnte, ist wieder aufgebaut."

Weitere Artikel: Nach der Diebstahl-Serie im British Museum war dessen Direktor Hartwig Fischer zurückgetreten, nun ist Fischer laut saudischer Museumskommission zum Gründungsdirektor eines neuen Museums für Weltkulturen in Riad ernannt worden, meldet Alexander Menden in der SZ. Hannes Hintermeier resümiert in der FAZ eine Tagung mit dem Titel "Die Rache des Tafelbildes" im Rahmen der Kulturhauptstadt Salzkammergut.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Sommer 24" des CCA Berlin im Neubau der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche (taz) und die Ausstellung "Louise Bourgeois. Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2024 - Kunst

Untitled 2002 Tapestry and aluminum 30,5 x 30,5 x 30,5 cm Collection The Easton Foundation, New York - All images are © The Easton Foundation

Alle Sinne "vibrieren" bei Welt-Kritikerin Gesine Borcherdt in der Ausstellung "Louise Bourgeois: Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom: Die Schau traut sich einiges, indem sie die Skulpturen der Avantgardistin neben die Werke der alten Meister stellt - und es funktioniert prächtig, jubelt Borcherdt: "Tatsächlich sind es ihre Stoffskulpturen, die noch aus der Werkstatt der Eltern stammen, die in der gesamten Schau hervorstechen: "mumienartige Köpfe aus kunstvoll bestickten, oft zusammengeflickten Teppichteilen sind wie blind starrende Wesen in der Sala degli Imperatori aufgestellt, inmitten repräsentativer Marmorbüsten und Berninis berühmter, vor Dynamik beinahe berstender Skulptur Raub der Proserpina. Bourgeois' Köpfe bilden Innenbilder, Metaphern für die verletzte Seele, die neben den idealisierten Abbildern großer Männer gespenstisch und kraftvoll erscheinen."

Weitere Artikel: In der FAZ erklärt Marc Zitzmann, warum Emmanuel Macrons Pläne, bei der Restaurierung von Notre Dame, Modernisierungen an den von Viollet-le-Duc gestalteten Kirchenfenstern vorzunehmen, nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar sind und gestoppt werden müssen. SZ, FR und Tagesspiegel schreiben Nachrufe auf den amerikanischen Videokünstler Bill Viola. Marion Löhndorf besucht für die NZZ die Künstler Gilbert Prousch und George Passmore in London.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum 40-jährigen Bestehen des Braunschweiger Photomuseums: "Back to where we have started from" in der Städtischen Galerie Halle und "Erinnerungsbilder" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz) und die Ausstellung "Van Gogh und die Sterne" Fondation Vincent van Gogh Arles (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2024 - Kunst

Frans Hals, Regenten des Altmännerhauses, Ausschnitt, 1664, Rijksmuseum Amsterdam. Foto: Wikipedia


Gestern wurde sie nun eröffnet, die große Frans-Hals-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie. Wer gravitätisch will, muss woanders hin, bei Hals erfreut sich das Bürgertum lustvoll und höchst menschlich an seinem Wohlstand, notiert ein von roten Nasen, prallen Backen und lässig drapierten Armen sichtlich beeindruckter Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Schon ein Zeitgenosse von Hals rühmte, dessen Bilder "seien gemalt, 'dass sie zu leben und zu atmen scheinen'. Eben diese Lebensechtheit ist es, die auch heute unvermindert anspricht. Hals hält seine Porträts in der Schwebe zwischen Würdeform und Bloßstellung, doch goutierten seine Auftraggeber genau diese Ambivalenz." FAZ-Kritiker Andreas Kilb betrachtet ehrfürchtig das Gruppenporträt der "Regenten des Altmännerhauses", das, wie er meint, vielleicht zum letzten Mal außerhalb der Niederlande gezeigt wird und in dem er "Vollendung und Kontrapunkt zugleich" von Hals' Schaffen erkennt. Gelacht wird hier nicht mehr. "Aber man muss in Berlin nur das Doppelporträt des Mennoniten Lucas de Clercq und seiner Ehefrau Feyntje von 1635 betrachten, um zu erkennen, dass in der Menschlichen Komödie, die Hals malte, bevor Balzac sie schrieb, von Anfang an der Knochenmann steckte."

Weitere Artikel: Die Kunstsammlung des Bundes geht an das Berliner Museum Hamburger Bahnhof, meldet eine überaus zufriedene Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. In der FAZ empfiehlt Ursula Scheer den Berlinern, sich das "Karlsruher Skizzenbuch" von Caspar David Friedrich anzuschauen, das noch bis 18. August im Berliner Kupferstichkabinett ausgestellt ist. Marie Haefner berichtet in der FAZ von der Fotografieausstellung "Les rencontres d'Arles". Freddy Langer gratuliert in der FAZ dem Fotografen Lee Friedlander zum Neunzigsten. Einen Nachruf auf den Fotografen Thomas Höpker schreiben Gerrit Bartels im Tagesspiegel, Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung und Willi Winkler in der SZ.

Besprochen wird eine Schau in der Berliner Gemäldegalerie, die an den Kaufmann und Schulmäzen Sigismund Streit erinnert (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2024 - Kunst

Mohammed Chabaa: Ohne Titel. Foto: Fouad Mazouz.

Werke aus der Casablanca Art School, die in Marokko von 1956 bis in die achtziger Jahre reichte, bekommt man unverständlicherweise fast nie zu sehen, umso besser, dass nun in der Frankfurter Schirn rund hundert davon in einer Ausstellung dieser postkolonialen Avantgarde zu sehen sind, freut sich Lisa Berins in der FR: "Maßgeblich treiben drei Künstler die neue Kunstbewegung an: Farid Belkahia (1934-2014), (…) sowie Mohammed Chabâa (1935-2013) und Mohamed Melehi (1936-2020), die Dozenten für Malerei, Collage und Fotografie, Grafik und Raumgestaltung werden. Ihre künstlerische Arbeit ist ein Befreiungsschlag von den kolonial und akademisch geprägten Vorstellungen von Kunst und Lehre: Statt des Studiums der klassischen schönen Künste, wie sie bisher in der Kunstakademie gelehrt wurden, geht es jetzt um einen eigenen Ausdruck, eine eigene Identität: Inspiration finden die Künstler im afro-amazighischen Erbe, in traditionellen marokkanischen Künsten wie der Deckenmalerei, Teppichen, Schmuck und Kalligrafie. Ihre kulturellen Wurzeln verbinden sie mit der Moderne, mit Abstraktion und den Prinzipien des Bauhauses."

Farid Belkahia war vielleicht der wichtigste Vertreter der Casablanca Art School, meint in der FAZ Katinka Fischer. Das lege auch die Ausstellung nahe: "In dem chronologisch organisierten, ein Vierteljahrhundert umspannenden Rundgang stammt das erste wie das letzte Werk von ihm. Zwei kleine, noch vor seinem Amtsantritt an der Casablanca Art School entstandene Ölmalereien erinnern an die Art Brut von Jean Dubuffet. Ein Wesen mit kreisrundem Kopf und ebenso geformtem, wie im Munch-Schrei geöffnetem Mund sowie eine an den Füßen aufgehängte Figur sind politische Motive. Das geben auch die Titel 'Cuba Si' und 'Sévices', was so viel wie Misshandlung bedeutet, zu erkennen. Gleiches gilt für Belkahias extrem querformatiges, 'Bataille' betiteltes Kupferrelief. ... Seine erdfarbene Farbpalette behält der Künstler in der mehrteiligen, 1985 entstandenen 'Procession' bei. Die kantenlosen Formen, die sich wie ein Puzzle ineinanderfügen, und die Materialien - Leder auf Holz - unterstreichen den Eindruck einer naturnahen Volkskunst, der von den geometrischen Tuschzeichnungen, die darauf zu sehen sind, aber gebrochen wird."

Weiteres: Die NZZ ärgert sich, dass das von Agnes Denes als Konzeptkunstwerk für die Art Basel angelegte Weizenfeld "Wheatfield - A Confrontation" von den Verantwortlichen nun "dem Verfall überlassen" wird. Der Fotograf Thomas Hoepker ist im Alter von 88 Jahren gestorben, Nachrufe gibt es in der FAZ, bei Zeit Online und bei Monopol.

Besprochen werden die Ausstellungen "Courage: Wilhelm Lehmbruck und die Avantgarde" Lehmbruck-Museums in Duisburg (FAZ), "Frans Hals. Meister des Augenblicks" in der Gemäldegalerie (tagesspiegel), "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (monopol) und "Lucia Moholy: Exposures" in der Kunsthalle Prag (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2024 - Kunst


Eva Beresin | Thick Air, 2021 | ALBERTINA, Wien © Eva Beresin | Foto: ALBERTINA, Wien

Ulf Erdmann Zieger (FAZ) kommt hochbegeistert aus der Ausstellung "Dicke Luft" der Künstlerin Eva Beresin in der Wiener Albertina. Orgien, Menschen, Tiere und Räume, deren Grenzen zerfließen - Ziegler weiß kaum, wo er zuerst hingucken soll: "Das Laute und Frivole dieses Werks wird begleitet von Zweifel und Hohn; das Karnevaleske konterkariert von tausend Fiesheiten im Detail. Es ist nicht der Wiener Schmäh, der dieses Werk nah an der Flamme hält, sondern ein gewisser Ekel vor dem Guten, Wahren und Schönen." Der Ausstellung vorausgegangen ist die umfangreiche Auswertung des Tagebuchs von Beresins Mutter, die in Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Zieger liest die Verarbeitung von Geschichte in der allegorischen Bildsprache Berensins als "geglückten Versuch einer kompletten Subjektivierung der Lebensform. Er zeigt den Triumph einer schrillen Gegenwart über eine niemals so ganz zu begreifende Geschichte. Der Triumph wird beschleunigt durch die Überwindung von Skrupeln. Beresins frühes Alterswerk ist nicht zynisch, sondern rücksichtslos, gegen alles und sich selbst."

Frans Hals, Singender Knabe mit Flöte, Detail, um 1627 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Eine in sich widersprüchliche, spielerische Kunst. So liest Hanno Rauterberg für die Zeit die Gemälde von Frans Hals, die ab morgen in der "fulminanten Ausstellung" der Berliner Gemäldegalerie zu sehen sind. Hals malte Porträts, doch interessierte ihn mehr, was Gesichter zu verbergen haben, meint Rauterberg: "Das Steife und Präzise lässt er zurück, er will kein Maler sein, der sich mikroskopierend über die Gegenwart beugt, damit ihm nichts entgeht und alles ja seine ordnungsgemäße Form erhält. Nein, Hals ist kein Ab-, er ist ein Durchmaler. Seine Farbe deckt nichts zu, sie umschreibt, sie öffnet, wird sich selbst zum Spiel. Und wenn Hals einen Jungen malt, nur das Gesicht und eigentlich nur dessen ungebändigten Wuschelschopf, dann wirkt es fast, als habe das Kind keine Haare, dafür aber viele wild hingeschlenkerte Pinselspuren auf dem Kopf."

Weitere Artikel: FAZ, FR und Tagesspiegel freuen sich, dass die Klassik Stiftung Weimar, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Caspar David Friedrichs "Karlsruher Skizzenbuch" haben erwerben können.

Besprochen werden die Ausstellungen "Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" mit Werken von 26 "Städel-Frauen" im Frankfurter Städel Museum (FAZ), "Together We Stand" mit Werken von Marinella Senatore im Kunsthaus Stade (taz), "Territory Defense" von Marcel Dzama und Michael Sailstorfer im Münchner Kunstraum Temporary Contemporary (Tsp) und die diesjährige Auswahl des wichtigen Fotofestivals "Rencontres" im französischen Arles (Tsp).