Niklas Maak wirft in der FAS einen Blick auf die internationalen Künstler, die das Jahr 2026 bestimmen werden - allen voran der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama, der gerade von der Art Review zum wichtigsten lebenden Künstler der Welt gewählt wurde. Mahama wurde bekannt "mit Werken, für die er gebrauchte Jutesäcke verwendet, die in Asien hergestellt und beim globalen Transport afrikanischer Güter abgenutzt werden. In ihren Fasern speichern sie Schweißspuren und Dreck und erzählen so eine Geschichte von globalem Handel, Ausbeutung, Aufstiegshoffnungen, Waren- und Kapitalströmen." Dass diese Säcke jetzt in von der Luxusindustrie gesponserten Kunsthallen hängen, ist nicht nur für ihn ein Dilemma, sondern für alle Künstler, "die den Zusammenhang von exponentiellem Reichtum und globaler Ausbeutung zum Thema machen, dass ihr Werk ausgerechnet in den von ihnen kritisierten Gegenden und Institutionen der Welt besonders gut ankommt. Da etwa Mahama so gut wie nie Menschen darstellt, findet sein Werk auch Interessenten in Staaten, in denen man Darstellungen von Nacktheit oder direkte politische Kritik nicht akzeptiert."
Im Interview mit der Zeit spricht Marina Abramović über das Alter, den Schmerz und die Erotik, der ihre neue Performance gewidmet ist: "Es war mir ungeheuer wichtig, mich genau jetzt, in dieser unglaublich schwierigen Phase der Menschheitsgeschichte, mit den alten Ritualen der Erotik auf dem Balkan zu beschäftigen, in die Vergangenheit zurückzuschauen. Vor Hunderten Jahren benutzten die Menschen die sexuelle Energie für alles, selbst für die Landwirtschaft, um Kartoffeln und Zwiebeln gedeihen zu lassen. Die Erotik war etwas, um sich mit dem Kosmos zu verbinden. Das hat übrigens nichts mit Pornografie zu tun. Es geht um eine neue Sicht auf unsere Körper. Es geht um unsere Energie."
Weitere Artikel: Marc Zitzmann besucht für die FAZ in Bayonne das Musée Bonnat-Helleu. Christiane Meixner besucht für den Tagesspiegel die Berliner Galerie Friedmann-Hahn, wo derzeit Jub Mönster seine mit Kugelschreiber gemalten Bilder von Paris ausstellt. In der FAZ gratuliert Monika Grütters dem Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, W. Michael Blumenthal, zum Hundertsten.
Weitere Artikel: Barbara Dauphin Duthuit, Ehefrau von Henri Matisse' Enkel Claude, hat dem Musée d'Art Moderne in Paris 61 Werke von Matisse geschenkt, die sich im Besitz der Familie befanden und die überwiegend dessen Tochter Marguerite zeigen, meldet Kim Willsher im Guardian.
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Grund und Boden. Wie wir miteinander leben" im K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf (FAZ) und "Fröhliche Freizeit und gute Laune - Freude am Selbermachen" mit Werken der Berliner Künstlerin Lena Schramm im Museum im Kulturspeicher Würzburg (taz).
Justine Konradt streift im Zeit-Auftrag durch die "Katzen!"-Ausstellung im Hamburger MARKK und lernt dort einiges über die lange Tradition von Katzendarstellungen auf aller Welt, oft verbunden mit religiösen Konnotationen: "Die Gegenwart der Katzenverehrung leuchtet uns ... pinkplüschig entgegen. Aus kleinen Augen in gigantischen Kopfovalen beobachten eine Vielzahl japanischer Hello-Kitty-Figuren die umherstreifenden Besucher und eine ganze Armee von Maneki-neko genannten Winkekatzen, ebenfalls japanischer Herkunft, lockt in den nächsten Saal. Mit ihren erhobenen, ständig vor und zurück schwenkenden linken Tatzen versprechen sie Wohlstand und Glück, heißt es. Diese popkulturell aufgepusteten Katzengestalten werden vor allem wegen ihrer grotesk übersteigerten Niedlichkeit geliebt: weg von göttlicher Huldigung hin zu profanem Kitsch."
Zerschnittene Leinwände, durchlöcherte Skulpturen. Das waren die Markenzeichen des Malers und Bildhauers Lucio Fontana (1899-1968), dem die Peggy Guggenheim Collection in Venedig derzeit eine Ausstellung widmet. Gezeigt werden zwar nur Keramiken, Marion Löhndorf bekommt in ihrer Besprechung für die NZZ dennoch das ganze Werk in den Blick: "Die Schnitte und Löcher der runden, ovalen oder elliptischen Objekte vermitteln - wie bei den Bildern - die Illusion eines hinter den Oberflächen liegenden Raums, den Fontana öffnen wollte. (...) Die Geste der Perforation, zusammen mit dem Einreißen oder der Gravur, überwand die Unterscheidung zwischen Skulptur und Malerei. Obwohl seine zerschlitzten Leinwände und Skulpturen etwas mit destruktiver Gewalt zu tun zu haben scheinen, bestand Fontana darauf, dass sie im Gegenteil die Hervorbringung von etwas Neuem seien: 'Ich habe etwas geschaffen, nicht zerstört.'"
Weiteres: Stefan Trinks vergleicht in der FAZ den Renaissancemaler Hans Baldung Grien mit KI-generierter Kunst und gibt, wenig überraschend, Grien den Vorzug. Auf monopollisten zahlreiche Autoren ihre liebsten Ausstellungen des Jahres 2025 auf. Besprochen werden ein Buch der Kunstwissenschaftlerin Nina Schedlmayer über die expressionistische Malerin Stephanie Hollenstein (taz) und eine Zauberkunst-Ausstellung im Hamburger Museum Bellachini (FAZ).
"Selten war eine Schau mit bis zu 5.000 Jahre alten, aber auch nur wenige Jahre jungen Werken derart zeitlos und avantgardistisch zugleich", jubelt FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Archäologie-Museum der andalusischen Stadt Almería. Der Bildhauer Miquel Barceló hat in der Schau "Reflections. Picasso x Barceló" seine eigenen Keramik-Arbeiten mit denen Pablo Picassos, aber auch jenen aus der weit in die Historie reichenden Sammlung des Museo d'Almería kombiniert: "In dem wie eine Höhle abgedunkelten Ausstellungssaal hängen auf der linken Seite Werke Barcelós, die auch aus der Steinzeit stammen könnten. Ein archaisch einfach gehaltenes Rundgesicht wirkt wie eine Himmelsscheibe von Nebra in Ton und scheint sich gleichzeitig mit leichten Höhungen und Vertiefungen einer imaginären Felswand einzuschmiegen, wie dies etwa bei den Höhlenmalereien im kantabrischen Altamira der Fall ist, wo die frühen Maler Unebenheiten für plastische Schultern und Flanken der porträtierten Tiere nutzten. Auch fanden sich in Altamira unzählige Muscheln, Austern und Fischgräten, und so wundert es nicht, dass nun in Almería der Kopf eines urzeitlich anmutenden, blau glasierten Riesenfischs Barcelós aus der Museumswand ragt und wie ein Karpfen nach Luft schnappt."
Weiteres: Die russischen Besatzer haben das von ihnen zerbombte Theater im ukrainischen Mariupol wieder aufgebaut und am Sonntag eröffnet, melden FR und nachtkritikmit afp. Im Zeit-Interview antwortet die Künstlerin Marina Abramović auf die Frage, "Was tun, wenn es wehtut?" Besprochen wird die Ausstellung "Saâdane Afif: Five Preludes" im Im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ) und die Ausstellung "Havelluft und Großstadtlichter. Stadt und Land in der Malerei der Berliner Secession" im Bröhan-Museum in Berlin (FAZ).
Immer schwieriger ist es in Russland, die Verbrechen der Stalinzeit aufzuarbeiten, das gilt auch für die zeitgenössische Kunst, erzählt der Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko in der FAZ. Gerade in den Nullerjahren waren Kunstwerke und Performances der Enkelgeneration der Unterdrückten ein wichtiges Medium, die russische Geschichte zu verstehen - heute braucht es dazu großen Mut, so Ilchenko. Den hat der Künstler Dmitri Machow, "der in der nordrussischen Stadt Syktywkar lebt, der bei einem seiner jüngsten Projekte dort den seltsamen Ausdruck 'Aktentag' (Aktirovannyj den) auf ein gefrorenes Fenster gekratzt hat. Im Kommentar zu seinem Werk erklärt Machow, das Wort habe in der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Workuta, in der er seine Kindheit verbrachte, etwas Freudiges, Festliches bedeutet. Ein 'Aktentag' ist einer, an dem man wegen großer Kälte nicht zur Schule gehen muss. Später stellte er jedoch fest, dass die Schüler von Workuta den Ausdruck aus dem Wortschatz des Arbeitslagers Workuta übernommen hatten, einem der größten und schrecklichsten des Gulag. An 'Aktentagen' mussten die Lagerhäftlinge nicht zur Arbeit."
Um Kunstwerke, die unter freiem Himmel der Witterung ausgesetzt sind, macht sich Rainer Stamm in der FAZ offenbar mehr Sorgen als die Künstler und Käufer es bisweilen selbst getan haben. Dabei ergeben sich aber manchmal Geschichten, von denen der Kritiker einige zusammengetragen hat: "1965 besuchte Bob Dylan Andy Warhol in dessen Atelier an der East 47th Street und erhielt von ihm die 2,10 mal 1,34 Meter große Fassung des Gemäldes 'Double Elvis', die sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art befindet. Als Bob Dylan Warhols Factory verließ, musste er feststellen, dass das Bild nicht in den Kofferraum seines Wagens passte. Die Verbringung in freier Weltstadtluft hat, soweit man das durch Autopsie im Museum heute feststellen kann, keine bleibenden Schäden hinterlassen."
"Die Stärke der Ausstellung liegt vor allem in den Parallelen, die sie zur Gegenwart zieht", stellt Alexander Menden für die SZ fest: "So ist die gegenwärtige Debatte über die richtige 'Work-Life-Balance' ja überhaupt nur möglich, weil während der Industrialisierung erstmals kategorisch zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden wurde. Ob ein Arbeiter, der mit Mörtelkelle und Hammer arbeitete, zur Freizeitgestaltung dann zum Tennisschläger griff, wie es Arthur Segals modernes Stillleben 'Spiel und Arbeit' (1931) suggeriert, darf allerdings bezweifelt werden."
Im taz-Gespräch befragt Fabian Bechtle die ukrainische Kuratorin Alona Karavai: Was wird aus einer Kunstszene, deren Land sich im ständigen Ausnahmezustand befindet? Bietet sie auch noch eine Möglichkeit zur Ablenkung? "Eskapismus gibt es kaum. Das vermissen einige Leute - und ich vermisse das auch. Es gibt ziemlich wenige Künstlerinnen und Künstler, die sagen: Okay, wir gehen jetzt in die abstrakte Form. Die jetzige Kunst in der Ukraine ist sehr realitätsnah. Man ist fast darin gefangen, kann über nichts anderes sprechen. Da spielt auch so etwas wie Selbstzensur eine Rolle, denn es gibt diese große Sache, die Katastrophe, die alles andere ausblendet. Dann sind die kleinen privaten Katastrophen unwichtig. Obwohl auch sie Räume eröffnen, in denen man über etwas anderes nachdenken kann, über die Zukunft, über Visionen. Diese Räume sind notwendig. Wir brauchen ebenso eine Kunst dafür, Kunst muss auch verschieden sein können."
Weiteres: Der Literaturwissenschaftler Thomas Combrink erinnert auf den "Bilder und Zeiten" - Seiten der FAZ an die Malerei des Filmemachers und Schriftstellers Herbert Achternbusch. Im Tagesspiegelschreibt Christiane Meixner den Nachruf auf die Berliner Bildhauerin Gisela von Bruchhausen, die im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Willem de Rooij. Valkenburg." im Centraal Museum Utrecht (FAZ).
Hans-Joachim Müller zeichnet in der Welt nach, wie die Kunst sich insbesondere seit dem 20. Jahrhundert von der Erzählung ab- und der Abstraktion zugewandt hat. Erklärbar ist diese Entwicklung im Zuge der aufeinander folgenden Avantgarden zwar schon, meint Müller. Aber: "Aus unserem Bedarf an Erzählungen, was ist daraus geworden? Betroffen vom Pathos letztmöglicher Abstraktionen, überwältigt von der unendlichen Multiplikation ästhetischer Ereignisse, hat man längst vergessen, dass man vom Bild mal das variantenreiche Spiel mit den Welt- und Lebensgegenständen erwartet hat. Nur eine Ahnung ist geblieben, dass da möglicherweise auch etwas verloren gegangen sein könnte. Anders wäre der ungebremste Massenerfolg gar nicht erklärbar, der noch jede Ausstellung zur Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur prognostizierbaren Sensation macht."
Almuth Spiegler unterhält sich in der Presse mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko, die seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in Wien lebt und deren Bilder heute die Printausgabe der Zeitung schmücken. Es geht im Gespräch natürlich um den Krieg und ums Leben im Exil, aber auch um die Kulturpolitik der Ukraine: "Ich habe früher immer gedacht, oh, wie traurig, niemand beachtet uns in der Ukraine. Aber es war nicht nur die Schuld der westlichen Kuratoren, es war auch die Schuld der Ukraine selbst. Die Ukraine hat keine Kulturpolitik gemacht. Ich lerne jetzt, wie das Polen und Österreich machen, nämlich toll. Die Ukraine aber hat einfach kein Geld in zeitgenössische Kunst gesteckt. So passierte, was eben passiert ist: Ukrainische Künstler bekamen nur Sichtbarkeit, wenn irgendwelche Katastrophen bzw. politischen Verschiebungen passierten."
Außerdem: Stefan Trinks macht sich in der FAZ kunsthistorische Gedanken über die Weihnachtskrippe. Daniel Völzke fragt sich auf monopol, warum so viele Großkünstler wie Weihnachtsmänner aussehen.
Besprochen wird die Schau "Kindheit am Nil. Aufwachsen im Alten Ägypten" im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München (FAZ) und die Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems (FAZ).
Scharia, Finanzierung der Hamas, Verbreitung islamistischer Ideologie, Einschränkung der Meinungs- und künstlerischen Freiheit - darüber schaut die Kunstwelt gern hinweg, solange genug Geld fließt. So eröffnet nun auch die Art Basel einen Ableger in Katar - und gefragt von Philipp Meier (NZZ) hat deren Direktor Vincenzo de Bellis keinerlei Berührungsängste: "'Wir ordnen uns stets dem Gesetz des Landes unter, in dem wir eine Messe veranstalten. (...) Wir vertrauen auf die kulturelle Sensibilität der Aussteller. Tatsächlich üben die Aussteller jeweils Selbstzensur. … In Katar sind Gottesdarstellungen und Nacktheit, beides zentrale Bildmotive abendländischer Kunst, verboten.'" Israelische Galerien nehmen nicht teil - und auf den Landkarten des neuen Partners, Qatar Airways, sucht man "vergeblich nach dem Staat Israel. Die Region zwischen Gaza und dem jordanischen Irbid ist schlicht mit 'Palestinian Territories' bezeichnet. Für die Art Basel sei in diesem Zusammenhang politische Neutralität zentral, erklärt der Direktor Vincenzo de Bellis: 'Die Messe versteht sich als Plattform für die internationale Kunstwelt und ihre Akteure, nicht als politischer Akteur. Es ist nicht ihre Rolle, politische Vorwürfe oder geopolitische Konflikte zu kommentieren.'"
Wirklich zu fassen bekommt Ingeborg Ruthe (FR) den Maler Hans Ticha, der mit Gemälden zwischen russischem Konstruktivismus, Bauhaus und amerikanischer Pop-Art gegen die DDR-Ideologie opponierte weder im Gespräch noch in der Retrospektive in der Kunsthalle Rostock. Aber sie erfährt, wie es Ticha gelang, fast unbemerkt an der Stasi vorbeizumalen: Er stellte "all die politisch zugespitzten Bildmotive von der 'Mauer', die Aufmärsche, das Polit-Theater mit dem 'Großen Trommler', das Instrument mit rotem Zickzack-Dekor wie bei Oskar Mazeraths Grass'scher 'Blechtrommel', die 'Ordensträger' und 'Waffenbrüder' vorsichtshalber mit der 'Butterseite' zur Atelier-Wand. ... Nicht anders erging es den riesigen Klatscher-Händen, den gereckten Fäusten der Hurra-Rufer, den rote Fähnchen-Schwenkern, den Bruderküssern, vollbusigenFDJlerinnen und langbeinigen Sportfest-Turnerinnen. Ölfarbe wie Brandsätze. Alles kam tief hinter die Werkstatt-Schränke. Nur verschwiegenen Vertrauten zeigte er die Bilder. Befreundete Sammler trugen sie bei Nacht zu sich nach Hause."
John Singer Sargent: "Dans le jardin du Luxembourg". 1879. Auch Manuel Brug scheitert in der Welt daran, dem großen Gesellschaftsmaler der Belle Epoque John Singer Sargent in der Retrospektive im Pariser Musée d'Orsay in die Seele zu schauen. In dessen Porträts gelingt es Brug indes schon: Denn John Singer Sargent "bildete eben nicht nur ab, er zeigte selbst im sorgfältigsten Arrangement immer die Imperfektion, das Menschliche seiner Modelle. Er drang tiefer und vielschichtiger in die Persönlichkeiten ein, als sie es eigentlich zugelassen hatten; deswegen sprechen diese Bilder immer noch so beredt zu uns. Egal, ob sie italienische Wäscherinnen verewigen oder amerikanische Bankiersgattinnen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Heute noch, morgen schon" in Museum Nikolaikirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Dialogues", die Werke von Helmut Newton Aufnahmen anderer FotografInnen aus der Helmut Newton Foundation gegenüberstellt.
Dass im Potsdamer "Fluxus+" Anne Frank mit Kufija dargestellt wird, ist zwar für Künstler Costantino Ciervo selbst ein Akt der Solidarität, in der SZ können Alexander Estis und Jana Talke ihm aber nicht zustimmen: Justiziabel ist es nicht für sie, aber "geschmacklos". Der künstlerische Wert dieser und ähnlicher Darstellungen ist "mehr als fragwürdig, denn sie bieten keinen Bedeutungsüberschuss, keine Komplexitätsdimension oder Ambiguitätserfahrung, ihnen wohnt kein Zweifel inne und keine Suche: Sie haben schon gefunden, sie wissen längst alles. Diese Kunst ist sentimentale Simplifizierung, überexplizite Didaxe und aufhetzende Agitation. Sie will unbedingt "auf der richtigen Seite der Geschichte" stehen - und stellt sich abseits der Kunstgeschichte. Es ist eine Kunst, die dem kollektivistischen Clicktivismus gemäß ist. Die Werke haben die Nuanciertheit solcher Posts, wie wir sie von den Social-Media-Kanälen ihrer Urheber kennen, die stilistische Subtilität sowjetischer Kriegspropagandaplakate und den Tiefgang eines an ein Netanjahu-Porträt angeschmierten Hitlerbartes."
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Bernhard Schulz erinnert für Monopol an einen großen Übermalungskünstler: "Mit den Übermalungen fand er zu seiner eigenen Formensprache. Am eindrücklichsten gerieten ihm die Übermalungen von Fotografien seiner selbst; wie Auslöschungen der eigenen Existenz, die sich zugleich im Malakt neu erschafft. Die Gewalt der Pinselhiebe richtete sich gegen das vorhandene Bild und den oder das es darstellte, anders als beim zeitgleichen Wiener Aktionismus, mit dem ihn die aktionistische Geste verband, jedoch nie gegen reale Personen, auch nicht gegen die eigene. Dass er zeitweilig unter Alkohol- und Drogeneinfluss malte, sollte ihm die Ausweitung seiner künstlerischen Mittel ermöglichen. 'Es kommt mir lediglich auf die physisch-körperliche Expression an', grenzte er sich gegenüber den international stark wahrgenommenen Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch oder Günter Brus ab." Weitere Nachrufe in der FAZ, im Tagesspiegel und in der SZ.
Weiteres: Der Nachlass des Künstlers Michael Mathias Prechtl wird von der Stadt Amberg übernommen, meldet die FAZ. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den vor hundert Jahren geborenen DDR-Maler Walter Womacka.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Anton Raphael Mengs 1728-1779" im Madrider Prado (FAZ) und "Horst Bartnig - 3622 Variationen eines Themas" im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (FR).
Tief beeindruckt steht FAZ-Kritiker Ulf von Rauchhaupt im Münchner Museum Fünf Kontinente vor einer Pfostenfigur, die dem Maori Tāwhaki gewidmet ist. Ein Künstler der Rongowhakaata hat sie geschnitzt, bevor sie vom Direktor eines neuseeländischen Museums geklaut wurde und schließlich in München landete. Kuratorin Hilke Thode-Arora hat sich für die Ausstellung "He Toi Ora. Beseelte Kunst der Māori" einen Rongowhakaata als Mitkurator gesucht, den in London lebenden Juristen David Jones. Das Ergebnis findet Rauchhaupt großartig: Zu sehen sind zumeist Schmuck, Waffen, Textilien und kunstvoll verzierte Holzobjekte, "wobei Thode-Arora und Jones sich auch allerhand überlegt haben, um die Besucher in die komplexe Ikonografie der Schnitzmuster einzuführen. Insbesondere an den Häusern ist 'Whakairo', Schnitzwerk, keineswegs nur Ornament, sondern auch mnemotechnisches Instrumentarium für die Weitergabe mythologischer Inhalte oder genealogischen Wissens." Einer Restitution Tāwhakis wird Thode-Arora unterstützen, sagt sie.
Weiteres: In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Anja-Rosa Thöming an die Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher, die sich mit ihren religiösen Skulpturen wenig Freunde im offiziellen Kulturbetrieb der DDR machte. Der dritte Berliner Tiemann-Preis geht an das Museum Marta Herford, das von dem Geld Werke von Kerstin Brätsch erworben hat, die im Museumscafe hängen, berichtet Christiane Meixner im Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (NZZ).
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