Hilka Dirks hat für die taz die Kunstmesse Art-O-Rama in Marseille besucht und ist hin und weg von dem entspannten Vibe der Stadt, der auch die Messe präge: "Verkaufen steht eh nicht im Vordergrund, die Messe richte sich viel mehr an Kuratoren und Mitarbeiter großer Kunstinstitutionen, die ihren Sommer am Meer verbringen und dann zum Ende der Sommerpause hier nach neuen Entdeckungen suchten, berichtet Peter Bancze von Longtermhandstand aus Budapest. Sein Ausstellungsstand sei dementsprechend konzeptionell, er zeige zeitgenössische Antworten auf Marcel Duchamp." Wie widersprüchlich das ist, fällt der gut gelaunten Dirks, deren Artikel vom Messenorganisator Fraeme gesponsort wurde, nicht auf. Im Tagesspiegelschreibt Clara Zimmermann.
Weiteres: In der Welt gratuliert der Kunsthistoriker Raimund Stecker, seinem Lehrer, dem 1988 verstorbenen Kunsthistoriker Max Imdahl, zum Hundertsten. Besprochen wird noch Berlinde de Bruyckeres Ausstellung "Lift not the Painted Veil", in der sie Gemeinsamkeiten zwischen sich und Barlach entdeckt, im Hamburger Ernst-Barlach-Haus (taz).
Weitere Artikel: Dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen endlich die Restitutionen angehen (unsere Resümees), begrüßt Nicola Kuhn im Tagesspiegel, aber dass sie wegen des Gemäldes "Junges Mädchen mit Strohhut" von Friedrich von Amerling vor das künftig zuständige Schiedsgericht ziehen wollen, ärgert sie dann doch. Hans-Joachim Müller trifft sich für die Welt mit dem Maler Robert Motherwell. Das dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker geraubte Porträt der Contessa Colleoni von Giuseppe Vittore Ghislandi, das zufällig auf einem Foto von einer Verkaufsanzeige eines Hauses in der argentinischen Küstenstadt Mar del Plata entdeckt wurde (unser Resümee), wurde von den argentinischen Behörden sichergestellt, meldet ZeitOnline mit dpa.
Besprochen wird die große Diego Giacometti-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum in Chur, die dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks zeigt, dass Alberto Giacomettis Bruder als "Bildhauer und Künstler eigenen Rechts" verstanden werden muss (mehr hier).
Carl Cheng: Nature Never Loses in Bonnefanten 2025. Foto: Saverio Sammartino Katharina J. Cichosch ist in der taz ziemlich begeistert vom Werk des amerikanischen Künstlers und Erfinders Carl Cheng, das derzeit im Bonnefanten-Museum in Maastricht ausgestellt ist. Der 1942 geborene Cheng war ein früher Environmental Artist, der stets das Prozesshafte der Natur betonte. In Maastricht sind unter anderem einige faszinierende Fotocollagen zu sehen. "Vollends zusammen kommt sein Werk in den fantastischen elektronischen Skulpturen und Nature Machines, eigenartigen Apparaten, Schaukästen, Aquarien, Dioramen, in denen Natur- und Kunstvorstellung auf Chengs ausgeprägtes Interesse als Archäologe einer Gegenwart treffen. Ein Fräsen, Rattern und Surren im White Cube. Etliches funktioniert bis heute, kann über ein Fußpedal bedient werden oder arbeitet scheinbar autonom vor sich hin. In großen, elektrisch betriebenen Tanks lagern bemalte Steine, die auf unbestimmte Zeit dem Zahn der Zeit ausgesetzt werden. In anderen finden sich Klimawarnsysteme, Wettersimulationen, utopische und dystopische Erzählungen."
Weitere Artikel: Es geht also doch! Bayern restituiert Raubkunst, die in der Nazizeit jüdischen Besitzern entwendet wurde, vorerst betrifft das, nach langen Querelen (siehe unter anderem hier), immerhin vier Werke, wie unter anderem die tazmeldet. Birgit Rieger unterhält sich im Tagesspiegel mit dem burmesischen Künstler Htein Lin unter anderem über die Zeit, die er in seiner Heimat im Gefängnis verbrachte. Nicola Kuhn resümiert ebenfalls im Tagesspiegel eine Umfrage unter deutschen Galeristen - das Ergebnis: Licht und Schatten. Siehe dazu auch monopol. Fürs selbe Medium unternimmt Silke Hohmann einen Rundgang durch Frankfurter Galerien. Und ebenfalls auf monopolinterviewt Anne Simone Kiesiel die Hamburger Galeristin Lucia Kaufmann. Florian Illies gratuliert in der Zeit dem Maler und Illustrator Hans Ticha zum 85. Adrian Lobe verteidigt in der NZZKI-Kunst, in der er die "Street-Art von heute" sieht. In der FAZ plädiert Stefan Trinks dafür, dass der Teppich von Bayeux in England verbleibt.
Besprochen werden die Ausstellung "Teamwork in Antwerpen - Pieter Bruegel, Hendrick van Balen und die anderen" in der Galerie Alte Meister, Dresden (FAZ), die Lotte-Laserstein-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (BlZ) und die Schau "Sleeping Resistance" in der Berliner Alten Feuerwache (Tsp).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die frühen Arbeiten Stephen Shores, die nun als Buch erscheinen, gehören zu seinen "ungehemmtesten und gewagtesten Bildern", verrät Charlotte Jansen im Guardian. Es sind Porträts und Schnappschnüsse von den New Yorker Straßen, die der spätere Starfotograf als Teenager schoss: "Schwarz-weiße Straßenaufnahmen eleganter, unbeeindruckter älterer Damen. Oldtimer im Schatten der hohen New Yorker Mietshäuser. Straßenprediger. Gangster, die zu sehr mit ihrem Posieren beschäftigt sind, um die Kamera zu bemerken." Diese Bilder sind "voll von solchen alltäglichen New Yorker Momenten, die in Magie verwandelt wurden (...) Es fällt auf, wie wenig Interesse Shore an Menschen seines Alters zu haben scheint. Die meisten seiner Motive sind über 40 Jahre alt. Er weist darauf hin, dass ihre Generation die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg durchlebt hat - viele von ihnen waren Veteranen, die versuchten, in das normale Leben in der Stadt zurückzukehren. Die Bilder vermitteln Ehrfurcht und Respekt vor ihrer Autorität."
Weiteres: Erstmals seit dem Jahr 1070 ist der "Teppich von Bayeux", der die Schlacht von Hastings zeigt, wieder in England zu sehen, berichtet Alexander Menden in der SZ, und zwar im British Museum. Besprochen wird die Ausstellung "Edvard Munch. Angst" in den Kunstsammlungen Chemnitz (FR).
Der Sainsbury-Flügel der National Gallery in London konnte nach zwei Jahren Renovierung und Umbau durch die Architektin Annabelle Selldorf "triumphal" wiedereröffnet werden, freut sich Gina Thomas in der FAZ: "In den Seitenräumen hängen die für private Auftraggeber bestimmten Werke, darunter in einem der venezianischen Malerei gewidmeten Saal Albrecht Dürers kleine Tafel mit dem heiligen Hieronymus. Beispielhaft für die vielen aufschlussreichen Querverbindungen des neuen Arrangements veranschaulicht diese Nebeneinanderstellung den Einfluss Bellinis auf den Nürnberger Maler, wie denn überhaupt die Wechselwirkung zwischen nordalpiner und italienischer Malerei eindrucksvoll dargeboten wird. Zu den größten Höhepunkten gehört im Hauptgebäude der prachtvolle Raum, der Tizians Gemälden gewidmet ist. Durch die Tür fällt in einer suggestiven Sichtachse der Blick auf Bronzinos Allegorie mit Venus und Amor, die erst mehrere Säle weiter im Parcours folgt."
Leiko Ikemura: Reclining Face Orange. Copyright: Leiko Ikemura und Miettinen Collection.
Der finnische Unternehmer Timo Miettinen zeigt seine Kunstsammlung normalerweise in Charlottenburg, jetzt hat er sie nach Düsseldorf ausgeliehen, weiß Alexandra Wach für Monopol: "Where are we now" wird in der Sammlung Philara gezeigt. Für Wach entspannt sich ein anregender "divergenter Parcours": "In einem Kabinett, das sich dem Thema Krieg und Protest widmet, sorgt ein androgyner Clown neben einem Polizeipferd auf einem Foto der Finnin Nora Geagea für Verwirrung, während einige Schritte weiter ein ganzer Saal dem spanischen Künstler Secundino Hernández gewidmet ist. Seine Serie 'Lupis Ipsum' besticht durch gestische Malerei, die auf El Grecos 'Apostel' zu antworten scheint. Miettinens Kunstgeschmack ist nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt, er reicht vom gruselig in der Dunkelheit schwebenden Kopf von Filip Henin über Lichtkunst von Tracey Emin und expliziten Illustrationen von Tom of Finland."
Weiteres: Die hohen Besucherzahlen im Amsterdamer Van Gogh-Museum haben ihren Preis, vermeldet die FAZ: Rund 100 Millionen Euro müssten in den nächsten Jahren für Sanierungsmaßnahmen berappt werden, um den Museumsbetrieb aufrechterhalten zu können. Die niederländische Regierung habe diesbezüglich zugenähte Taschen. Ingo Arend reist für die taz nach Cluj-Napoca, um sich die rumänische Kulturszene und insbesondere das Muzeul Farmaciei näher anzusehen.
Ute Eskildsen / Timm Rautert: Leipzig, Grünewaldstraße Was für ein Glücksfall, dass der Fotograf Timm Rautert beim Katalogisieren seines Frühwerks die mehr als fünfzig Jahre alten und nie veröffentlichten Fotos entdeckt hat, die er gemeinsam mit seiner Frau Ute Eskildsen eine Woche lang in Leipzig im Jahr 1972 gemacht hat, freut sich Nils Kahlefendt auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ. Die Aufnahmen werden nun im Leipziger Grassi-Museum ausgestellt und zeitgleich als Fotobuch veröffentlicht, aber Kahlefendt besucht Rautert lieber in dessen Atelier, um direkt in diese "analoge Zeitkapsel" zu blicken: "Die Abzüge, die Rautert auf dem Tisch seines Essener Ateliers ausbreitet, sind atemraubend: auffällig das Nebeneinander von Ostmoderne und bröckelnden Gründerzeitstraßenzügen, die melancholisch grundierte Stille eigentlich belebter Orte: Der Bahnhof, heute ein Konsumtempel mit Gleisanschluss, von dessen Türen Obdachlose mit Bach-Beschallung vertrieben werden, wirkt wie in einer Nachkriegsszenerie eingefroren."
Weitere Artikel: In der SZ macht sich Peter Burghardt Gedanken, welche Kunstwerke Trump wohl aus den Smithsonian Museen entfernen lassen könnte. Was wird nun aus Jadegar Asisis 360-Grad-Pergamon-Panorama, wenn die weiblichen Gewandstatuen und der Telephosfries wieder in den Pergamonsaal ziehen, fragt sich Birgit Rieger im Tagesspiegel. Von einem irren Fall berichtet Tobias Timm auf Zeit Online: Journalisten der niederländischen Zeitung AD haben auf einer Internetseite eines Immobilienmaklers in Argentinien auf einem Foto, das auf der offiziellen deutschen Datenbank für NS-Raubkunst, lostart.de, gelistete Porträt der Contessa Colleoni des spätbarocken Meisters Giuseppe Vittore Ghislandi entdeckt: Die Spur führt zu Friedrich Kadgien, der für Hermann Göring den Verkauf jüdischen Vermögens mitorganisierte.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelüberlegt Jana Gäng, wie und ob der für die Sanierung des Pergamonmuseums errichtete Interimsbau gegenüber dem Bode-Museum genutzt werden kann.
Besprochen werden die Ausstellung "Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin" im Günter-Grass-Haus in Lübeck (taz) und die Ausstellung "Trevor Yeung. Underwater Haze" in der Kestner Gesellschaft Hannover (Monopol).
Hier kickt die Kunst so, dass es "Zeit und Raum zerlegt", staunt Jonathan Guggenberger, der für die taz die Ausstellung "Vulture" im Berliner Projektraum Scherben besucht hat. Zu sehen sind Fotografien von Sigmar Polke, Collagen von Mickael Marman und Skulpturen von Dylan Spasky, die laut Guggenberger in "ihrer materiellen Rohheit" zugleich "abstoßend und anziehend" erscheinen: "Für Dylan Spaskys Schwamm-Skulpturen trifft dieses Bild besonders zu. Das lebensgroße Bambi-Reh, was mal Dekor war, jetzt aber ohne Plastikhülle fast nackt und ausgeliefert wirkt, genauso der gehäutete Teddybär oder die Delphin-bedruckte Trinkflasche am Boden, die das immer gleiche Wasser aus dem Becken um sie herum erst aufsaugt und dann wieder ausspuckt - eine grausame Endlosschleife. Alles Spielerische an diesen Objekten ist pervertiert. Sie haschen in ihrer schrillen Trash-Ästhetik zwar weiter nach unserer Aufmerksamkeit - lassen uns geiern -, aber nur bis die Falle zuschnappt, unsere Aufmerksamkeit in der Obszönität ihres Anblicks erstarrt oder sich in sinnlosen Kreislaufbewegungen totläuft. Und ist das nicht unsere Gegenwart?"
Sine Hansen, Schreitende Zange, 1975, Ausstellungsansicht, Kunstverein Braunschweig, 2025, Courtesy Estate Sine Hansen und EXILE, Kunstverein Braunschweig, Foto: Frank Sperling Unbedingt wiederzuentdecken gilt es die große deutsche Pop-Art-Künstlerin Sine Hansen, ermuntert Bettina Maria Brosowsky in der taz. Eine Möglichkeit dazu bietet nun eine Ausstellung im Kunstverein Braunschweig. Motivisch dreht sich bei Hansen viel um "Zangen, Scheren oder Kranhaken": "Hansens Zangen mutieren zu beseelten Wesen: Als 'Liegende', als 'Schreitende Zange', als 'Papageienzange' oder 'Generalzange' entwickeln sie ab den 1970er-Jahren eine belebte, fast erotische Aura. Sie füllen den ganzen Bildraum, die Spitzen dieser Kneifinstrumente werden extrem dramatisiert, erscheinen wie rasiermesserscharfe Klingen. Bedrohlich wirkend einerseits, fixieren sie andererseits feinfühlig und zart-mehrfarbig bunte Kugeln. Diese Konstellationen als Seelenbilder einer (bedrängten) Künstlerin zu deuten, ist wohl nicht ganz abwegig."
Sarah Khan besucht für monopol im Berliner Haus am Waldsee eine Ausstellung, die der Videokünstlerin Nina Könnemann gewidmet ist. Ziemlich begeistert ist Khan insbesondere von Arbeiten Könnemanns, die ungewöhnliche audiovisuelle Zugriffe auf mediale Großereignisse ausprobieren. Zum Beispiel, wenn eine Übertragung der Preisverleihung der Filmfestspiele in Cannes mit Bildern der Warteschlange bei der Kreuzberger Fast-Food-Institution Mustafas Gemüsekebab und aufgeregter Fußballfans konfrontiert wird. "Alle drei Situationen, allerdings an den Randzonen der Hotspots aufgenommen, passierten am selben Tag, trafen sich live im Bild, das dann live collagiert und bearbeitet wurde. Während sich die Preisverleihung in Cannes in die Länge zieht und das Publikum gleichzeitig angespannt wie gelangweilt scheint, laufen Fußballfans torkelnd auf die Kamera in Berlin zu, ziehen Fratzen, lachen debil. Die Filmemacherinnen kommunizieren ihre jeweilige Standort-Lage: '23 people waiting in line from the trash can on. The lady in the pink floral trousers. There is not much happening here. Newcomers.'"
Außerdem: Der Bildteppich von Bayeux wird womöglich bald zumindest vorläufig von Frankreich an Großbritannien zurückgegeben, berichtet Dirk Schümer in der Welt. Magnus Klaue rezensiert ebendort ein dem Künstler Jürgen Ploog gewidmetes Buch. Sabine B. Vogel stellt in der NZZ das malerische Werk Arnold Schönbergs vor.
Besprochen werden eine Schau Toyin Ojih Odutolas im Berliner Hamburger Bahnhof (taz) und die von Studenten der Kunsthochschule Mainz bespielte Ausstellung "All diese Dinge. Überall. Die ganze Zeit" in der Kunsthalle Mainz (FR).
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