Hanns-Georg Rodek spricht im Filmdienst mit dem israelischen Regisseur NavadLapid, dessen neue Nahost-Satire "Yes" im November in die Kinos kommt. Eigentlich hätte der Film ohne weiteres in Cannes im Wettbewerb laufen können, Gerüchten zufolge wurde er aber wohl bewusst in eine Nebenreihe und ans Ende des Festivals gestellt. Der Regisseur ist sich sicher, "dass der bestimmende Faktor Angst war. Angst vor dem Film, Angst davor, dass er einen der großen Preise gewinnen könnte. Angst vor dem, was ich bei der Preisverleihung sagen könnte. Vor einem Eklat wie bei der Berlinale 2024. Ich hoffe nicht, dass sich die Regeln in Cannes geändert haben, dass man dort nurnoch 'sichere' FilmeüberalteKonflikte sieht, von denen man schon in Geschichtsbüchern lesen kann. Zu Mut gehört auch Risiko. Wenn Cannes Jafar Panahis 'Ein einfacher Unfall" die Goldene Palme gibt, geht niemand ein Risiko ein - außer Panahi selbst. Das Festival hat keine Ayatollahs als Sponsoren, die es verlieren könnte. Die Entscheidung über 'Yes' hingegen beinhaltete ein Risiko, nämlich das erheblicher Kritik."
"Südsee" von Henrika Kull Auf Artechockempfiehlt Rüdiger Suchsland den aktuell in der ARD-Mediathek stehenden Film "Südsee", den die Berliner Regisseurin HenrikaKull noch vor dem 7. Oktober in Israel gedreht hat. Mit dem Terroranschlag bekam man dann Bammel, der Film wurde von Festivals unter fadenscheinigen Begründungen ausgeladen (mehr dazu bereits hier). Eine Tendenz, die sich auch darin zeigt, dass "- unter dem Vorwand, es sei doch gerade so gefährlich dort unten -, versucht wird, deutschen Filmemachern das Drehen vor allem in Israel, aber mitunter auch in den arabischen Nachbarstaaten, madig zu machen, oder es gleich zu verhindern. Bei Hochschulfilmen kann man einen Israeldreh einfach verbieten, und genau das passiert gerade auch, so wie Austauschprogramme und Forschungsstipendien an den Universitäten gerade heruntergefahren und gestoppt werden, wo es nur rechtlich möglich ist. Der in vielem antiisraelisch bis antisemitisch gestimmte Wissenschaftsbetrieb leistet hier gerade ganze Arbeit für die eigenen politischen Ziele, und das viel wirksamer als bei jeder der täglichen Pali-Demos."
Weiteres: Valerie Dirk unterhält sich im Standard mit der Femen-Aktivistin Alexandra Shevchenko, die durch ArashT. Riahis und VerenaSoltiz' Dokumentarfilm "Girls & Gods" über Religion und Feminismus nachdenkt. Gunnar Hinck freut sich in der taz, dass mit FatihAkins (in der FAZbesprochenem) Film "Amrum" die nordfriesischeSprache im Kino zu hören ist. In der NZZspricht Tobias Sedlmaier mit ChristianPetzold über dessen aktuellen Film "Miroirs No. 3" (hier mehr zum Film).
Besprochen werden HélèneCattets und BrunoForzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (Perlentaucher), KathrynBigelows Atomkriegsfilm "A House of Dynamite" (FAZ, unsere Kritik), RaduJudes "Kontinental '25" (Tsp) und Joachim Rønnings SF-Film "Tron: Ares" (SZ).
Interessiert an Entscheidungsprozessen: Kathryn Bigelows "A House of Dynamite" Actionfilm-Autorenfilmerin KathrynBigelow kehrt nach einer langen Pause mit "A House of Dynamite" zurück - und aktueller könnte ihr Sujet kaum sein: Atombomben nähern sich der USA, Absender unbekannt - was tun? Bigelow schildert die letzten Minuten vor dem Einschlag aus drei hintereinander geschalteten Perspektiven. "Seit 'K-19: The Widowmaker', einem Übergangswerk zwischen ihren klassischeren Studio-Genrearbeiten der 80er- und 90er-Jahre und den unabhängig produzierten prozessualen Thrillern im 21. Jahrhundert, arbeitet Kathryn Bigelow an einem Kino ohne heroisches Zentrum, einer Spannungskonzentration ohne Entladung oder Abschluss", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Die planspielartige Eskalation eines Nuklearkriegs erzählt der Film in seiner Unausweichlichkeit nicht als berufliches Versagen, sondern als ein Endspiel, das aufgrund einer Myriade von abzuwägenden Details nicht beherrschbar gemacht werden kann."
Chicago, soviel kann man verraten, muss in diesem Film dran glauben. Aber wie diese Erkenntnis im Film schlagartig klar wird - alleine dessentwegen muss man den Film "gesehen haben", schreibt Barbara Schweizerhof in der taz: "Wie sich von einem Moment auf den anderen alles verändert, die Stimmung kippt, eine Art Schockfrost einsetzt. Eben noch gab es die Illusion von Kontrolle, von Übersicht, von geregeltem Ablauf. ... Wie schon in 'The Hurt Locker' (2008) und besonders in 'Zero Dark Thirty' (2012) interessiert sich Bigelow für Entscheidungsprozesse. Und zwar sowohl für die der Institutionen mit ihren Handbüchern, ihren Apparaten und Hierarchien als auch für die in den Köpfen der Menschen mit ihrem Wissen, ihren Erinnerungen und ihren hochschießenden Emotionen." Weitere Besprechungen auf Artechock sowie in SZ und Zeit, hier unser Resümee vom Filmfestival Venedig.
Außerdem: Elke Eckert empfiehlt auf Artechock Filme des durch Deutschland tourenden Festivals "Cinema! Italia!". Eckhard Haschen resümiert für Artechock das 33. FilmfestHamburg. Jörg Seewald porträtiert in der FAZ den Schauspieler Max von der Groeben, der in DustinLooses (hier in der FAZ besprochenen) ARD-Film "Die Nichte des Polizisten" zu sehen ist.
Besprochen werden FatihAkins "Amrum" (FR, critic.de, Artechock), GerdKroskes Dokumentarfilm "Stolz & Eigensinn" über DDR-Industriearbeiterinnen, die nach der Wende aus ihren Berufen gedrängt wurde (BLZ), TomShovals Dokumentarfilm "A Letter to David" (critic.de), HélèneCattets und BrunoForzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (taz), Radu Judes "Kontinental '25" (critic.de, Zeit), Jean-Baptistes Dokumentarfilm "Save Our Souls" über ein Rettungsschiff im Mittelmeer (taz), JuliusGrimms "Zweigstelle" (Artechock), Julius Grimms Komödie "Zweigstelle" (SZ), JoachimRønnings "Tron: Ares" ("ein verführerischer Stimmungsrausch", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, Artechock, Standard, Welt), JovanaReisingers "Unterwegs im Namen der Kaiserin" (Artechock), die DVD-Ausgabe von RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (taz) und ein Netflix-Porträtfilm über den Schauspieler CharlieSheen (FD).
Sieht gut aus: "Tron: Ares" FAZ-Kritiker Dietmar Dath hat durchaus Freude am dritten Teil der "Tron"-Kinosaga, um Hacker, die in Computer ganz buchstäblich eindringen und Programme, die sich im Zuge vermenschlichen. Freude hat er nicht nur, weil JaredLeto "glaubhaft" spielt, "wie sein Gesicht ein Gefühl lernt. ... Das Produktionsdesign von Darren Gilford ist eine Liebeserklärung ans Achtzigerjahre-Kinderglück und gleichzeitig dessen strömungstechnische Generalüberholung; die berühmten 'Recognizer', Panzer im Luftraum, sahen nie besser aus; Rennen mit Motorrädern aus Elektrofeuer auch nicht. Wer etwas von Physik versteht, soll nicht hochnäsig fragen, woher das Rohmaterial für die Vergegenständlichung von Datenströmen im Film kommt und wie sich das mit dem Satz von der Erhaltung der Energie verträgt, sondern 'Information-Powered Engines' (2024) von Tushar Kanti Saha lesen; willkommen im Wahnsinn."
Die österreichische Schauspielerin LotteLedl ist tot. Ihr Gesicht fand sie selbst "zu schirch für den Film", schreibt Samir H. Köck in der Presse. Doch gerade dies war ihr Vorteil: "Jedes Mal, wenn man hinschaute, entdeckte man neue Aspekte. Im Herben war Anmutiges, im vordergründig Strengen etwas sehr Menschliches." Schließlich reüssierte sie im Heimatfilm: "Stets stach sie aus dem begütigenden und harmonisierenden Einerlei heraus. Lotte Ledl übernahm mit Vorliebe die mehrdimensionalen Charaktere. Sie gab sich auf virtuose Art bissig, frech und, wenn es sein musste, auch besorgt oder blasiert. 'Sie gefallen mir, wenn sie so schnaufen', meinte sie als Kaiserin Mutter zu einem Feldmarschall. 'Ja, das ist der Blutdruck', so die Antwort. Solche Dialoge entsprachen ihrem Humor."
Bei "Derrick" trat sie mehrfach auf, darunter in dieser von Edgar-Wallace-Auteur AlfredVohrer inszenierten Episode, die das ZDF entgegen vom Boulevard in Umlauf gebrachten Gerüchten keineswegs im Giftschrank versteckt hält, sondern offiziell bei Youtube hochgeladen hat:
Außerdem: Alexander Menden verweist in der SZ auf eine Recherche des Dlf (hier zum Nachlesen, dort zum Nachhören) zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des FilmfestivalsKöln. Jane Fonda trommelt die Hollywood-Garde zusammen, um sich gegen Donald Trumps Einschränkungen der Meinungsfreiheit zur Wehr zu setzen, meldet Frauke Steffens in der FAZ. Tobias Sedlmaier empfiehlt in der NZZ eine Zürcher Retrospektive mit den Filmen des italienischen Horror- und Thrillermeisters DarioArgento, der 85 Jahre alt wird. Besprochen wird TimMielantsNetlix-Film "Steve" mit CilianMurphy (NZZ).
Der US-Experimentalfilmer KenJacobs ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Einen ersten Nachruf liefert Sean Malin in der New York Times: "Ein geisterhafter Seiltänzer, der auf einer unsichtbaren Schnur über der tobenden Menge wandelt. Menschen, die vor laufender Kamera auf die Ermordung von Malcolm X im Audubon Ballroom reagieren. Mächtige Regenwolken, die über dem tosenden Meer ihre Farben wechseln. Dies sind nur ein paar wenige der unvergesslichen Bilder, die Ken Jacobs im Lauf von mehr als 65 Jahren heraufbeschworen hat, jener wegweisender Filmemacher, dessen Experimente mit der filmischen Form ihn zahlreichen Augen zur grauen Eminenz der amerikanischen Avantgarde machten."
In seinen letzten Jahrzehnten konzentierte sich Jacobs in seiner "Eternalisms"-Reihe auf die verblüffende Simulation von Dreidimensionalität auf zweidimensionalen Flächen ohne weitere Vorrichtungen wie Brillen oder ähnliches. Wer zur Epilepsie neigt, sollte sich das allerdings nicht ansehen:
Außerdem: Michael Ranze schwärmt im Filmdienst von James William Guercios 1973 entstandenem Cop-Film "Electra Glide in Blue", den es als "Anti-'Easy Rider'" unbedingt wiederzuentdecken gilt. Dietmar Dath erinnert in der FAZ an den Film "Tron: Legacy", der 2010 in die Kinos kam und dessen Fortsetzung diese Woche startet.
Besprochen werden TomShovals Dokumentarfilm "A Letter to David" über den israelischen Schauspieler David Cunio, der von der Hamas am 7. Oktober entführt wurde (taz, SZ, unsere Kritik), FatihAkins "Amrum" (Tsp), PaulGreengrass' auf AppleTV+ gezeigter Katastrophenfilm "The Lost Bus" mit Matthew McConaughey (Welt), die ARD-Serie "Naked" über Sexsucht (taz), die Netflix-Serie "Alphamännchen" (Zeit Online) und Jean-PierreAméris' französischer Kaffeehausfilm "Wie das Leben manchmal so spielt" (FAZ).
"Die Tochter" von Egor Olesov Bert Rebhandl ist für die FAZ nach Kiew gereist, wo das seit der russischen Eskalation des Ukrainekriegs heimatlos gewordene OdessaFilmfestival auch in diesem Jahr wieder Unterschlupf gefunden hat. Dass Kiew 2022 doch nicht gefallen ist und die russischen Invasoren von der ukrainischen Haupstadt wieder weit zurückgedrängt werden konnten, wird in einigen neuen ukrainischen Filmen erzählt, "am markantesten sicher in 'Die Tochter' von EgorOlesov, einem rasanten Spannungsfilm, in dem die Invasion und die Befreiung auf eine lange Nacht in einem Haus in den Wäldern rund um Kiew zugespitzt werden. ... Der Krieg ist in 'Die Tochter' vollständig aus seinen historischen und politischen Dimensionen herausgelöst, er wird zum intensiven Ringen ums blanke Überleben auf dem Raum, in dem Menschen sonst eigentlich für sich sein möchten. Aber das ist es eben, was der Krieg auch bedeutet: Es gibt kein privates Leben mehr, wenn man im Schlafzimmer, unter der Bettdecke, die Alarm-Apps nie auf lautlos stellen kann."
Weitere Artikel: Pavao Vlajcic berichtet hier und dort auf critic.de vom Festival Européen du Film Fantastiquein Straßburg. Dierk Saathoff erinnert in der Jungle World an die Serie "GilmoreGirls", die vor 25 Jahren an den Start gegangen ist.
Besprochen werden ein Interviewband mit Gespräch mit der Schauspielerin JudiDench (online nachgereicht von der FAS), PaulGreengrass' auf AppleTV+ gezeigter Katastrophenfilm The Lost Bus" (FAZ), PawelTalankins "Mr. Nobody Against Putin" (NZZ), Kogonadas "A Big Bold Beautiful Journey" mit MargotRobbie und Colin Farrell (SZ), KathryinBigelows Atombomben-Kriegsdrama "A House of Dynamite" (Tsp), die Apple-Serie "Die Schwestern Grimm" (taz) und eine Netflix-Serie über EdGein, den Serienmörder, auf dessen Taten Filme wie "Psycho", "Das Schweigen der Lämmer" und "The Texas Chain Saw Massacre" zurückgehen (Welt).
Trump im Bett mit Satan: Screenshot aus der aktuellen "South Park"-Staffel Katharina J. Chichoch staunt in der taz über die aktuell laufende Staffel der für ihren mal beißend satirischen, dann wieder infantil skatologischen Humor bekannte Zeichentrickserie "SouthPark". Deren beiden Macher TreyParker und Matt Stone sind zwar bekannt dafür, dass sie "dem Wahnsinn der Gegenwart immer noch ein Schnippchen schlagen würden." Aber "jetzt kann man der Serie beim Hadern mit dem Realitätsprinzip in Echtzeit zusehen. ... In wahnsinnigem Tempo verarbeiten sie quasi live eine politische Gegenwart, die vielen nurmehr als Travestie erscheint. Und versuchen dabei, eingeradezuKant'schesPrinzip, niemanden ob seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu schonen."
Weitere Artikel: In der FAS unterhält sich Tobias Rüther mit FatihAkin über dessen (in taz und Standard besprochenen) Film "Amrum" nach dem gleichnamigen Roman von Hark Bohm. Elmar Krekeler spricht in der Welt mit dem Schauspieler Moritz Führmann, der in der Netflix-Serie "Alphamännchen" mitspielt. Martin Scholz spricht in der WamS mit der Schauspielerin EmilyBlunt. In der FAZ spricht Christian Aust mit dem Schauspieler Martin Freeman, der in der (in der NZZbesprochenen) Neuverfilmung von MichaelEndes "Momo" zu sehen ist. Valerie Dirk verweist im Standard auf zwei Wiener Filmreihen über KonradWolf und KarinBrandauer.
Besprochen werden Carrie Rickeys Biografie über die Autorenfilmerin AgnèsVarda (FD), ChristinaTournatzés' Kindesmissbrauchsdrama "Klara" (Zeit Online), ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" (Jungle World, unser Resümee), Emmanuel Parvus "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" (Standard), KathrynBigelows Atomkriegsfilm "A House of Dynamite" (WamS, mehr dazu bereits hier), die deutsche RTL-Adaption "Euphorie" der HBO-Skandalserie "Euphoria" (Zeit Online), die Netflix-Serie "Monster: Die Geschichte von Ed Gein" (Welt), die ARD-Serie "Naked" über die Folgen von Sexsucht (Welt), die vierte Staffel der Serie "Slow Horses" mit GaryOldman (Freitag), Amélie Bonnins "Nur für einen Tag" (SZ) und die auf AppleTV+ gezeigte Animationsserie "Die Schwestern Grimm" (FAZ).
"A Letter to David" von Tom Shoval Sehr beeindruckend findetPerlentaucher Benjamin Moldenhauer TomShovals Dokumentarfilm "A Letter to David" über die Folgen des genozidalen Hamas-Massakers vom 7. Oktober. Es geht um den von der Hamas entführten und bis heute gefangenen Schauspieler DavidCunio. Der Film ringt um ein ethisches Verhältnis zu den Bildern der Gewalt - und zeigt sie nicht, sondern allenfalls als Latenz, etwa in einer Ansprache von Davids Zwillingsbruder Eitan, der selbst den 7. Oktober gerade so überlebt hat: Eine "Analogie zu 'Shoah' besteht in der Weise, wie die Kamera Eitan Cunios Rede und ihren körperlichen Ausdruck aufzeichnet, wie er damit als eine Art Medium der Veranschaulichung der Gewalt fungiert, die ihm angetan worden ist. Körper und Sprache erzählen von einem Geschehen, das als unmittelbares Bild nicht zeigbar wäre." Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf eine Berliner Ausstellung, die an das Hamas-Massaker beim Nova-Festival erinnert: "The Moment Music Stood Still". Gezeigt wird dort auch ein Film des Regisseur Yariv Mozer, "We Will Dance Again", der den Opfern und Überlebenden gewidmet ist. Evelyn Finger hat in der Zeit einige Aussagen aus dem Film dokumentiert.
Beim Zurich Film Festival wurde MstyslavChernovs Dokumentarfilm "2000 Meters to Andriivka" über eine ukrainischeSoldatentruppe direkt an der Front gezeigt. Der Film basiert zum großen Teil auf dem Videomaterial, das die Soldaten mit den ständig laufenden Kameras an ihrer Ausrüstung selbst automatisch anfertigen. "Diese Aufnahmen können sehr persönlich sein", sagt der Regisseur im NZZ-Gespräch gegenüber Ivo Mijnssen. "Weil du die Welt durch die Augen der Soldaten siehst. Und wir wollten die Zuschauer direkt in den Schützengraben bringen. Aber wenn die Videos schnell geschnitten und mit Musik unterlegt sind, sehen sie aus wie Computerspiele. Das mussten wir vermeiden, um die Menschlichkeit zu erhalten. ... Die Leute sollen aus dem Kino gehen und sich fragen: Wie können wir die Männer unterstützen, wie können wir stark bleiben? ... Krieg ist das Schlimmste, was sich die Menschheit je angetan hat. Ich bin allergisch gegen seinen Gestank. Ich hasse all die Albträume, die ich habe. Aber wenn wir bombardiert werden, kämpfen wir. Die Männer an der Front haben eine irrationale Hoffnung."
Eine Kunst für sich: "Amrum" von Fatih Akin SZ und Zeit Online unterhalten sich mit FatihAkin, der mit "Amrum" einen Roman seines Mentors HarkBohm verfilmt hat. Es geht um einen kleinen Jungen auf der gleichnamigen nordfriesischen Insel zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Akin zeigt sich hier als "leiserErzähler", stellt Susan Vahabzadeh in der SZ fest. "Man kann auf die unterschiedlichsten Arten vom Nationalsozialismus erzählen, hart und klar und distanziert. 'Amrum' hat sich für Zwischentöne und Unsicherheiten entschieden, und das funktioniert richtig gut: Die Widersprüche und organischen Übergänge aus gesellschaftlichem Druck, elterlicher Gehirnwäsche und kindlicher Erkenntnis abzubilden, ohne in falsche Freisprüche und wackelige Wertungen zu verfallen, ist eine Kunst für sich."
Weitere Artikel: Sehr zur Verunsicherung der Hollywood-Schauspielbranche wurde beim Zurich Film Festival die KI-"Schauspielerin" TillyNorwood der Öffentlichkeit vorgestellt, berichten Tobias Sedlmaier (NZZ) und David Steinitz (SZ). Katja Nicodemus erzählt in der Zeit von ihrer Begegnung mit DwayneJohnson, der aktuell in BenSafdies (in taz und FR besprochenem) Sportdrama "The Smashing Machine" zu sehen ist (unser Resümee). In der Zeitverabschiedet sich AliceSchwarzer von GeorgStefanTroller, der vor wenigen Tagen 103-jährig verstorben ist (unser Resümee). Zu Trollers Tod schreibt auch Rüdiger Suchsland auf Artechock. Außerdem ruft er HartmutBitomsky nach (hier weitere Nachrufe). Valerie Dirk spricht für den Standard mit dem Regisseur AndreasProchaska, der seinen Film "Welcome Home Baby" präsentiert. In der SZ porträtiert Sara Maria Behbehani die Schauspielerin AlexaGoodall, die in der Neuverfilmung von MichaelEndes "Momo" die Titelrolle spielt. Der Guardianerinnert mit einer Bildergalerie an den italienischen Maler RenatoCasaro, der im Alter von 89 Jahren gestorben ist und der im Lauf seiner Jahrzehnte umspannenden Karriere zahlreiche international ikonische Filmplakate gestaltet hat.
Besprochen werden PeterMettlers experimenteller Essayfilm "While the Green Grass Grows (Part 1+6)" (Perlentaucher, critic.de), ChristinaTournatzẽs' Missbrauchsdrama "Karla" (Artechock, SZ) und Kogonadas Liebesfilm "A Big Bold Beautiful Journey", der laut FR-Kritiker Daniel Kothenschulte so aussieht "als habe er sich zum guten Teil der Gestaltungshoheit von KI überantwortet. Und wie die Erotik glänzt der Humor durch Abwesenheit." Auch Artechockbespricht den Film.
Matter Fleischberg: Dwayne Johnson, kaum wiederzuerkennen, in "The Smashing Machine" "The Smashing Machine" ist das Solodebüt des sonst mit seinem Bruder Josh im Kino für ekstatisch-exzessive Inszenierungen generalzuständigen Regisseurs BenSafdie. Für sein Sport-Biopic über den Wrestler MarkKerr konnte er den normalerweise auf hochbudgetierte Actionsausen abonnierten Ex-Wrestler Dwayne "TheRock" Johnson gewinnen, der hier erstmals ins oscarverdächtige Charakterfach wechselt. Safdie "blickt hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit", schreibt Jens Balkenborg in der FAZ, der sich in mancher Ringszene vor Schmerz im Kinosessel windet. Das setzt den Modus dieses Films, der "in den Kampfszenen und ganz generell nicht durch Stilisierung oder Dramatisierung überzeugt, sondern durch einen so ungeschönten wie zurückhaltenden Realismus." Aber Sadie "sucht keinen kinematographischen Sensationalismus", er "entwirft (ohne zu werten) mit empathischem Blick ein zartes Porträt seines Protagonisten und des nicht eben zarten Sports."
Dieser Film versucht die Dramaturgie des Sportfilms zu unterlaufen, hält auch Tobias Sedlmaier in der NZZ fest: "Meist muss sich der Underdog in seiner jeweiligen Disziplin nach oben ackern. ... 'The Smashing Machine' hingegen steigt auf dem Höhepunkt des noch unbezwungenen Kämpfers ein und arbeitet sich von dort aus weiter. Eine leicht nach unten drängende Sinuskurve statt eines blutigen Märchens." Doch das "fluide,zielloseErzählen hat seinen Preis: Am Ende erschlaffen die um sich selbst kreisenden Bewegungen, die ewige Sucht von Kerr, jeder weitere Kampf, der abläuft wie der vorherige. ... Unter dem wankelmütigen Drehbuch leidet vor allem die von EmilyBlunt gespielte Dawn Staples, die Freundin von Kerr. Auch ihre Metamorphose zur White-Trash-Lady mit Leopardenlook ist gelungen. Doch ihre Figur ist undankbar angelegt." Für den Standardbespricht Stefan Weiss den Film.
Weitere Artikel: Tobias Obermeier spricht für die taz mit ChristinaTournatzes über ihren Film "Karla", in dem sie von einem realen Fall von Kindesmissbrauch erzählt. Wolfgang Hamdorf resümiert im Filmdienst das Filmfestival San Sebastián. In der FAZgratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin JulieAndrews zum 90. Geburtstag. Besprochen werden ChristianDitters Neuverfilmung von MichaelEndesFantasyklassiker "Momo" (Welt), die ARD-Serie "Naked" über Sexsucht(Tsp), PaulGreengrass' auf Apple gezeigter Katastrophenfilm "The Lost Bus" (SZ) und WilliamBridges' auf Apple gezeigte Online-Dating-Komödie "All of You" (SZ).
Und WernerHerzog hat mal wieder ConanO'Brien im Podcast-Studio besucht:
Hans-Jürgen Syberberg hat "Nachtgesang", den dritten Teil seiner Demmin-Trilogie, parallel in Moskau und in Demmin uraufgeführt, berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Dieser "Film ist logischer Abschluss und künstlerisches Konzentrat von Syberbergs Versuchen, die Traumata der ehemals stolzen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde und wo sich mehr als tausend Einwohner, da die Rote Armee einrückte, das Leben nahmen, mit Mitteln der Kultur zu therapieren." Die Filmcollage ist auch auf der Website des Regisseurs zu sehen.
Weiteres: Patrick Heidmann spricht in der FR mit Paul Thomas Anderson über dessen neuen Film "One Battle After Another" (unsere Kritik). Stefan Reinecke schreibt in der taz einen Nachruf auf HartmutBitomsky. Das Filmmagazin Revolver hat Dietrich Leders 2009 gehaltene Laudatio auf Bitomsky online gestellt. Mehr zu Bitomskys Tod hier in unserem Resümee. Besprochen wird die auf einem von ihm selbst nie umgesetzten Drehbuch von IngmarBergman basierende Arte-Serie "Faithless" (eine "im sonst auf schnell dahinfließender Unterhaltung ausgelegten Seriengeschäft eine seltene und sehenswerte Arthouse-Perle", findettazler Florian Schmid).
Georg Stefan Troller, 2011 (Bild: Bodow, CA BY-SA 4.0) Georg Stefan Troller ist tot. 103 Jahre ist er geworden - und was für ein Leben der Autor, Journalist und Filmemacher geführt hat: Den Nazis ist er als in Wien geborener Jude über Marseille in die USA entkommen, als US-Soldat kehrte er zurück, war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt und blieb fortan in Paris. Mit seinem Magazin "Pariser Journale" und der Porträtreihe "Personenbeschreibung" schrieb er schließlich bundesrepublikanische TV-Geschichte mit sagenhaften Einschaltquoten. Gefühlt bis zuletzt empfing er in seiner Pariser Wohnung Journalisten aus Deutschland, die sich nach ihm erkundigten und an seinen Lippen hingen. Für seine großen TV-Sendereihen traf er nahezu alle, die im 20. Jahrhundert Rang und Namen hatten, und wurde so zu "einem der beliebtesten Reporter seiner Zeit", wie Uwe Ebbinghaus in der FAZschreibt. "Wo kam die impressionistische Leichtigkeit her, mit der Troller von 1962 an in seinem 'Pariser Journal' Persönlichkeiten, Straßen und Orte der französischen Hauptstadt einfing?" Selbst noch in den Neunzigern war es "eine staunenswerte Erfahrung, zufällig in einen Troller-Film zu geraten und zum ersten Mal diese markante, offenbar völlig selbstgewisse Stimme zu hören. Eine Sprachmelodie, die wie ein Walzer zum Ende eines jeden Satzes immer wieder anhebt und in den nächsten hinübergleitet, als müsse man nicht viel Aufhebens um die Einzelheiten machen."
In seinen Filmen ging es Troller darum "immer wieder neue Formen der Wirklichkeitsauslegung zu entwickeln", schreibt Christian Hißnauer im Filmdienst in einer ursprünglich 2021 erschienenen Rezension einer DVD-Box mit einer Auswahl von Trollers TV-Arbeiten. Diese "sind ungezügelt. Sie zelebrieren die Lust am sprachlichen und visuellen Ausdruck - und an dokumentarischen Grenzgängen." Im TV unserer Gegenwart hätte Troller wohl "keinen Platz mehr. Insofern zeigen seine Filme auch, was Fernsehen einmal war, was Fernsehen sein könnte." Daniel Kothenschulte lobt in der FR die "Kunst der Annäherung" dieses "selbstbewussten Flaneuers". Dessen Beiträge lebten "von einer Kombination aus mobiler Handkamera und Kommentierung. Diese verfasste er in einem scheinbar spontanen Reportagestil im Nachhinein, wobei er das Bild nicht zu erklären, sondern zu erweitern suchte." Dieser "Wortgewalt stand dabei ein visuellerÜberschuss entgegen, das Finderglück von Kameraleuten wie dem großen Carl F. Hutterer. ... Blickt man heute auf Trollers immenses Filmwerk, betritt man die Schatzkammer eines untergegangenen Kulturfernsehens. Experimentierfreudig und doch stets auf Augenhöhe."
Bei diesem "Grandseigneur des Fernsehens wurden aus Heroen Menschen und aus Menschen Heroen", schreibt Paul Jandl in der NZZ über diesen "Jahrhundertmenschen". Nicht nur Stars traf Troller, sondern auch den gesellschaftlich Ausgegrenzten und an den Rand Gestellten hat er "jene Würde gegeben, die das Fernsehen seinen Opfern oft nimmt. Hier war die berühmte Glotze etwas anderes. Keine Schicksalsverwertungsgesellschaft, sondern ein Zeichen dafür, dass Journalismus nicht nur Zeitgenossenschaft ist, sondern auch eine Form der Mitmenschlichkeit. ... Troller-Interviews waren Seelenerkundungen, waren Literatur für sich." Mara Delius erinnert sich in der Welt an ihren Besuch bei Troller, als er seinen 100. Geburtstag feiern konnte: "Der alte Mann hatte nichts Abgeschlossenes oder Starres, obwohl er, wie er selbst mit blitzendem Blick sagte, 'eigentlich ein Fossil' sei." Auch Christoph Amend erinnert sich auf Zeit Online an persönliche Begegnungen.
Die Archive sind reichgefüllt: Zur Literarischen Welt hatte Troller bis zuletzt Kolumnen über seine zahlreiche Begegnungen mit Künstlern und Prominenten beigesteuert - hier seine letzte Lieferung über einen Besuch im Globe Theatre in London. Das ZDF hat ein fast dreistündiges Gespräch mit Troller im Angebot. Auch SWR und Dlf Kultur haben große Gespräche mit Troller in ihren Archiven. Die ARD-Mediathek hat hier, dort und hier Porträts. Auf Youtube gibt es zahlreiche seiner Reportagen, Porträts und Gespräche - wir empfehlen diese sorgfältig zusammengestellte und aus Anlass von Trollers Tod nochmals aktualisierte Playlist. Bücher von und über Troller finden Sie in unserem Online-Buchladen Eichendorff21.
Weiteres: Thomas Abeltshauser resümiert für die taz das Filmfestival in SanSebastián. Dass AppleTV die Serie "The Savant", in der JessicaChastain im Netz nach rechtenAmokläufern fahndet, fürs Erste doch noch nicht online gestellt hat, dürfte wohl an dem Anschlag auf CharlieKirk liegen, vermutet Florian Schmid in der taz. Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ von einer Veranstaltung mit RussellCrowe beim Zurich FilmFestival. Markus Ströhlein erzählt in der JungleWorld von seiner Reise nach Birmingham, wo die Erfolgsserie "PeakyBinders" angesiedelt ist. Marie-Luise Goldmann spricht für die Welt mit dem Team der ARD-Serie "Naked", in der es um die Folgen von Sexsucht geht. Besprochen werden GabrielMascaros auf der Berlinale preisgekrönter Film "Das tiefste Blau" (Zeit Online) und PaulThomasAndersons "One Battle After Another" (vom TA für die SZ online nachgereicht, unsere Kritik).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Karine Tuil: Die Liebeshungrigen Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch. Ein Jahr nachdem er den Élysée-Palast verlassen hat, ist der ehemalige Präsident Dan Lehman ein Schatten…
Raimund Schulz: Odysseus Die Abenteuer des Odysseus faszinieren die Menschen seit der Antike. Der Held erscheint als listiger Überlebenskünstler, politischer Stratege und Vertreter einer Gesellschaft,…
Glenn Dixon: Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte Aus dem Englischen von Bernhard Robben. In einem Smarthome in nicht allzu weit entfernter Zukunft geht ein kleines Gerät seiner liebsten Tätigkeit nach: Scout, ein Staubsaugerroboter,…
Elisabeth Lenk: Kritische Schriften Herausgegeben von Rita Bischof. In den hier erstmals gesammelt vorliegenden Kritischen Schriften Elisabeth Lenks drückt sich ein Denken aus, das sich souverän und mit großer…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier