Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2025 - Bühne

Szene aus "Gertrude Stein und eine Begleitperson" am Frankfurter Kulturhaus. Foto: Andreas Kemler.

An Gertrude Stein, aber vor allem an ihre Partnerin Alice B. Toklas erinnert Anja Becker mit ihrer Inszenierung von Win Wells' Stück "Gertrude Stein und eine Begleitperson" im Frankfurter Kulturhaus, erfahren wir von FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Eine sehenswerte "Bühnen-Bio" über die Freundin und Geliebte, deren "goldbrauner Anwesenheit" sich Stein 1907 zuwandte, wie Sternburg zitiert. "So schäbig der Raum, so symmetrisch stehen je ein körpergrößer Spiegel seitlich davor und vor diesem zwei kleine Sitzbänke. Wichtig ist das Manuskript aus leeren Seiten, das anfangs auf dem Boden liegt und dann, in Fetzen oder durch die Lüfte flatternd, für Steins Testament und Bücher einsteht. Beide tragen samtiges Schwarz: Toklas ein Kleid passend zu ihren kurzen Haaren, Sattler zum Steinschen Streichholzschnitt in Blond. Da das Stück den Todestag Steins zum losen Rahmen macht, ist seine Stein eine Geistpräsenz, der Dialog ein Geistergespräch, was Sattler in wabernde Bewegungen umsetzt."

Weitere Artikel: In der FAZ befragt Jürgen Kesting den Regisseur Tobias Kratzer zu seinen Plänen als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Robert von Lucius schreibt ebenfalls in der FAZ den Nachruf auf den südafrikanischen Schriftsteller und Autor Athol Fugard, eine wichtige Stimme in der Protestbewegung gegen die Apartheid. Kathrin Bettina Müller stellt in der taz die Regisseurin Anita Vulesica vor, die mit ihrer Inszenierung von "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" (unser Resümee) zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist.

Besprochen werden Elas Weilands Inszenierung der Performance "Ein Mensch ist keine Fackel" am Theater Aufbau Kreuzberg (tsp), Anna Malena Großes Adaption von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ulrich Wallers Inszenierung von David Mamets Stück "Oleanna - Ein Machtspiel" am St. Pauli - Theater Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 - Bühne

Szene aus "Freedom Sonata" am Haus der Berliner Festspiele. Foto: Julia Gat.

Der israelische Choreograf Emanuel Gat versteht "Freiheit nicht als grenzenlos, sondern als Übernahme von Verantwortung", erklärt Yi Ling Pan in der taz. Deshalb herrscht auch in seiner "Freedom Sonata", die er im Haus der Berliner Festspiele auf die Bühne brachte "keine Anarchie", aber große Vielfalt, die manchmal schon an Überforderung grenzt, so die Kritikerin: "Gespielt wird mit wilder Assoziation. Die Tänzerin Rindra Rasoaveloson steht scheinbar unbeteiligt in Distanz zur rennenden Meute. Aber mit flatterndem Kleid, leichten Handgesten und im weißlichen Nebel steuert sie die anderen mit göttlichen Kräften. Sakral und zugleich primitiv mutet der Zeitlupengang an, in dem sich fünf Tänzer:innen vor gleißendem Licht in surrealen Posen fortbewegen. Ist es Suche oder Feier? Aber schon ist die Formation aufgelöst und es folgt die nächste. Daraus wird auch ein Spiel der Reizüberflutung. Die Musik bricht abrupt ab, warme und kalte Beleuchtung wechseln sich ab, und die Kostüme beweisen, wie vielseitig eine Farbe sein kann. Weiß, dann Schwarz, als enges Hemd, Sportbra, Boxershorts."

Nicht so viel kann Wiebke Hüster in der FAZ mit diesem Tanzstück anfangen. Warum wechselt sich hier Musik von Kanye West, der im Moment wieder verstärkt mit rassistischer und antisemitischer Hetze auffällt, mit Ludwig van Beethoven ab? Für Hüster verliert das Stück gerade am Ende an Spannung und "die bedeutungsschwangere Atmosphäre und die komplizenhaften Blicke, welche die Tänzer wechseln, sind Bestandteile eines Rätsels, das man nicht mehr unbedingt lösen möchte."

Weiteres: In der FAZ schreibt Simon Strauss den Nachruf auf den DDR-Regisseur Wolfgang Engel. Besprochen werden Philipp Rosendahls Inszenierung von "Liv Strömquists Astrologie" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Marie Bues' Inszenierung von Caren Erdmuth Jeß' Stück "Die Walküren" nach Wagner am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Romy Lehmanns Inszenierung von Juliane Hendes' Stück "Liebe und Plattenbauten" am Hessischen Landestheater Marburg (nachtkritik), André Kaczmarczyks Inszenierung von "Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Londoner Barbican Centre (SZ, taz), Ute M. Engelhardts Inszenierung von Carl Ditters von Dittersdorfs Singspiel "Doktor und Apotheker" an der Oper Frankfurt (FR) und Claudia Bossards Adaption von Emily Brontës Roman "Sturmhöhe" am Schauspielhaus in Bochum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2025 - Bühne

Szene aus "Die Möwe" am Barbican Center London. Foto: Marc Brenner.

"Vom oft beschwiegenen Sinneskonflikt zweier Generationen" bekommt FAZ-Kritiker Simon Strauß bei Thomas Ostermeiers Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Londoner Barbican Centre erzählt. Und zwar mit einer Performance von Cate Blanchett, die den Kritiker fasst vom Sitz fegt. Mit solchem Einsatz verkörpert Blanchett die in die Jahre gekommene Schauspiel-Diva Arkadina, die mit der Liebe ihres Mannes zu einer jüngeren Frau umgehen muss, dass der Kritiker nur staunen kann: "Sie reißt sich den Mikroport vom Leib, zieht alle Glieder zu sich, wird zum elenden Häuflein und: weint. Für einen Moment hört man im großen Saal des Barbican Theatre nichts als ihr Schluchzen. Für einen Moment ist sie das, was Millionen auch sind und vor ihr schon waren: eine Frau, die Angst vor dem Altern hat, voller Wut auf ihren Körper, der seinen eigenen Weg geht, sich dem erotischen Ego widersetzt. So groß ist diese Schauspielerin, dass sie sich ganz klein machen kann, keinen Schutz mehr beansprucht, sich die Blöße gibt und dem Betroffenheitsblick des Publikums ausliefert: Auch sie wurde älter."

Nicht "den Hauch einer Romanze" gönnt Ostermeier seinen Charakteren, betont im Tagesspiegel Rüdiger Schaper, der das Stück ebenfalls gerne gesehen hat. Dass Tschechow selbst sein Stück als Komödie bezeichnet hat, kann man hier dank selbstironischer Blanchett und Situationskomik nachvollziehen: "Ostermeier nimmt die Einladung in London gern an, bis hin zu kleinen Slapstick-Szenen mit Cate Blanchett. Ihr angebeteter Trigorin (Tom Burke) wirkt abwesend, ein Schlaffi, erst in der Begegnung mit der 20-jährigen Nina (Emma Corrin), die eigentlich mit Kostja (Kodi Smit-McPhee) zusammen ist, wacht der müde Narzisst auf."

Besprochen wird Sophia Senns Inszenierung von Hayat Erdogans Lehrstück "Klasse & Kitsch" am Theater Neumarkt (NZZ). Für die WamS trifft Jakob Hayner den ehemaligen Burtheater-Regisseur Matthias Hartmann zum Gespräch in Wien.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2025 - Bühne

FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster schwebt nahezu, nachdem sie "A Land Within" von Ioannis Mandafounis mit der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau gesehen hat, so anmutig und aufwühlend findet sie das Dargebotene: "Der Tanz ist wild, durchdacht, spektakulär gut, umstandslos direkt: so nahbar und verrückt zugleich, rau und dennoch unsentimental. Das Tanzen in den Pas de deux lässt einen stellenweise regelrecht ergriffen zurück, weil es eine große Intimität zu zweit erzeugt und diese zugleich vorführt, sie uns zeigt, uns als Zuschauer mit einbezieht. Wenn man bedenkt, dass in vielen Balletten der Tanzgeschichte Pas de deux die Höhepunkte bilden, die Momentaufnahme dessen, was zwischen Menschen für wünschenswert und möglich gehalten wird, dann manifestiert sich in diesem neuen Stück eine Formel, die der Gegenwart gerecht wird und sie transzendiert."

Weiteres: Wo Krise ist, da ist auch Faust, konstatiert Jakob Hayner für die Welt anhand zweier neuer Goethe-Inszenierungen am Landestheater Eisenach unter der Regie von Lydia Bunk und am Deutschen Nationaltheater Weimar, verantwortet von Jan Neumann. Nachtkritik empfängt einen Theaterbrief aus Serbien, der die Zusammenhänge von Kulturschaffenden und Protestierenden in den Blick nimmt.

Besprochen wird: Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff" am Münchener Residenztheater, sehr frei nach Shakespeare (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2025 - Bühne

Es ist die bisher größte Performance der deutschen Künstlerin Anne Imhof, staunt Tobias Timm im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: In der 5000 Quadratmeter großen Exerzierhalle der New Yorker Park Avenue Armory hat sie zwei dutzend SUVs zu einer "modernen Wagenburg" aufgebaut, auf deren Dächer eine Gruppe junger Menschen skandiert "We're fucked! We're doomed!" Für Timm das "Stück der Stunde": "Ein 'Drill für die Liebe', so hatte es Imhof schon vor einem Jahr angekündigt, solle das werden. Sie habe gespürt, in welche Richtung sich die Dinge in den USA entwickeln würden; so etwas vorauszusehen, sei sie in der Kunst trainiert. Einfach hat sie es sich mit dieser Performance nicht gemacht: Das Stück ist eine komplexe und nicht lineare Neuerzählung von Shakespeares Romeo und Julia, teils Theaterstück und Ballett, teils Punkkonzert und Installation - voll mit Zitaten aus anderen Kunstgenres." Warum die New Yorker Kunstszene zu Trump noch schweigt, will Timm von Marina Abramović, die im Publikum ist, wissen: Sie spricht "von einer 'Katatonie', von einer fast schon physischen Erstarrung als Folge einer Depression."

Auf Hyperallergic ärgert sich hingegen Hakim Bishara über diese "infantile, komisch unpolitische und tragisch hohle" Performance, die zwischen trauriger Schulaufführung und einem Berliner Rave auf Ketamin mäandere: "Zombieartige Teenager klettern auf glänzende schwarze Cadillac-SUVs, wo sie kiffen, sich tätowieren lassen oder einfach nur gelangweilt ins Leere starren. Sie sind unterdrückt von dieser ungerechten Welt, in der unterdrückerische Erwachsene das Klima zerstören und Transsexuellen ihre Rechte nehmen. Das ist das Politischste, was die Show zu bieten hat: irgendwo auf dem Boden lagen ein paar zerrissene Pappstücke mit Sätzen wie 'Help me I'm trans' und 'don't touch my tits'. ... Leider sieht das, was der rebellische Aufschrei einer verkorksten Generation gegen die Brutalität des Kapitalismus und die mörderischen Ideologien unserer Führer hätte sein können, am Ende aus wie ein Fotoshooting für eine Balenciaga-Werbung und klingt auch so." Fotos findet man bei Women's Wear Daily.

Besprochen werden außerdem die Reihe "Digital Sins", die von der Neuköllner Oper und dem Berliner Museum für Kommunikation veranstaltet wird (taz), der Auftakt des F-Festivals - (F for Fuck the patriarchy) im Berliner Ballhaus Prinzenallee (Tsp) und Jan Neumanns "Faust"-Inszenierung am Nationaltheater Weimar sowie Lydia Bunks "Faust"-Inszenierung am Landestheater Eisenach (Welt).
Stichwörter: Imhof, Anne, Balenciaga

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2025 - Bühne

Ronald Pohl stellt im Standard das Mühlheimer Theater an der Ruhr vor, das mit Mitmach- und Nahbarkeitsbühnenkunst dem politischen Gegenwind wie auch den Zwängen des Repertoirebetriebs widersteht. Dass "eines der ungewöhnlichsten Stadttheater der Bundesrepublik" derzeit den Pier-Paolo-Pasolini-Abend "Io so - Mittelungen an die Zukunft" (mehr hier) auf dem Programm hat, kann da kein Zufall sein: "Pasolini, der kommunistische Gottsucher, bildet die Brücke, die aus der Vergangenheit pfeilgerade in die Zukunft führt. Zu Lebzeiten trat dieser Heilige wider Willen wie ein flammender Engel auf. 'PPP' beklagte lauthals die Verfälschung aller Werte: die Korrumpierung jeder Form von Volkstümlichkeit. Jetzt führt man auch in Deutschland den Begriff der 'Volksgemeinschaft' wieder im Mund. Gegen solche Marktschreier betreiben Ciulli und Kollegen das Theater an der Ruhr: im Raffelbergpark, flankiert vom Gebrumm der Ruhrpott-Autobahn."

Außerdem: Stefan Weiss spricht im Standard mit den Kabarettisten Marina "Malarina" Lacković und Lukas Resetarits. Wiebke Hüster schreibt in der FAZ über Boris Charmatz' vorzeitigen Abgang am Tanztheater Wuppertal.

Besprochen werden Jette Steckels "Mephisto" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, "gewitzt, klug und uneingeschränkt charismatisch"), Christof Loys Puccini-Inszenierung "Turandot" am Theater Basel (NZZ, "szenische Details irritieren") und Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Welt, "Durch den Schuss Ayn Rand bekommt der Klassiker Brecht neue Frische").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2025 - Bühne

Szene aus "Der Fall McNeal". Foto: Tommy Hetzel

Große Namen am Wiener Burgtheater: Jan Bosse hat Ayad Akthars neues Stück "Der Fall McNeal" in Übersetzung von Daniel Kehlmann auf die Bühne gebracht, und dafür nach fünfjähriger Burg-Abstinenz Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle als mit Künstlicher Intelligenz tricksender, soziopathischer Großschriftsteller besetzen können. In der Welt staunt Jakob Hayner: "Akhtar gelingt es meisterhaft, mit Schein und Sein zu spielen und so mit jeder Szene das Rätsel weiter zu entfalten. McNeal, ob mit seiner Agentin (Dorothee Hartinger), seiner ehemaligen Affäre (Zeynep Buyraҫ) oder einer jungen, schwarzen Journalistin von der New York Times (Safira Robens), bleibt dabei so widersprüchlich, wie es auch Virginie Despentes mit 'Liebes Arschloch' gelungen ist. Es ist weder ein Abgesang noch eine Eloge auf die alten, weißen Männer. Auch, weil es gar nicht so sehr um diese Männer geht, sondern um die epochale Frage, was wir eigentlich unter Kreativität verstehen. Den genialischen, aber abgründigen Einzelnen? Den mechanischen Apparat, der digitalen Maschine gleich? Oder gibt es ein Drittes zwischen Romantik und Determinismus?"

Fragen nach dem Verhältnis von Kunst, KI und Urheberschaft sieht nachtkritikerin Andrea Heinz hier zwar nicht beantwortet, dennoch bewundert sie, wie Bosse die KI auf die Bühne bringt: "Schon zu Beginn sieht das Publikum sich selbst, von einer Live-Kamera (Andreas Deinert, Andrea Gabriel, Mariano Margarit) auf der Bühne gefilmt, auf die dortige Leinwand projiziert. McNeal fotografiert, um noch eine Ebene hinzuzufügen, mit seinem Handy in den Zuschauerraum. Videotechnik und Deep Fake werden den ganzen, zweistündigen Abend hindurch den Bühnenraum bestimmen, der ansonsten nur aus glänzender lackschwarzer Oberfläche und wenigen Requisiten besteht, einer Krankenhaus-Liege etwa, die ab und zu aus der Unterbühne auftauchen. FAZ-Kritiker Martin Lhotzky sieht indes mehr ein "Kammerspiel".

Besprochen werden Hans Walter Richters Inszenierung von Adolphe Adams "Postillon von Lonjumeau" an der Oper Frankfurt (FAZ, FR) und Christian Stückls Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Münchner Volkstheater (SZ, nachtkritik) und Jetske Mijnssens Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Oper Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2025 - Bühne

Szene aus "Mephisto". Bild: Armin Smailovic

Einen "erschreckend aktuellen" Abend erlebt taz-Kritikerin Sabine Leucht an den Münchner Kammerspielen, wo Jette Steckel Klaus Manns "Mephisto" inszeniert hat und die Frage nach der Verantwortung von Kunst stellt. Vor allem Thomas Schmauser als Höfgen beeindruckt sie: "Er tastet ihn von innen ab, sucht nach den Selbstzweifeln und Brüchen im Künstler-Ego. So sieht man diesen Höfgen sich lust- und fast liebevoll von seiner 'Schwarzen Venus' Juliett - hier ein prächtiger Julien -, erniedrigen lassen und wie einen Hund heulen, wenn er seinen kommunistischen Freund nicht retten kann." In der SZ läuft es Egbert Tholl kalt den Rücken runter, auch wenn er den Abend zunächst "beflissen" findet. Er werde aber zum "Fanal", wenn Edmund Telgenkämper als Göring dem Star aus der Provinz erklärt: "Man müsse 'ein geistiges Zollsystem schaffen', damit die deutsche Kunst nicht länger vergiftet werde. Und: 'Die Aufgabe des deutschen Theaters war von Beginn an Vermittlung deutscher Nationalität.' Kunst, die nur existieren könne, wenn sie Subvention erhalte, 'lohnt nicht der Förderung'. Die beiden Sätze stammen aus dem 'Kulturprogramm' der AfD, hier wirken sie wie eine logische Weiterführung dessen, was ohnehin in Manns heller Analyse steht."

Szene aus "Frauen der Revolutionsstraße". Bild: Behrouz Badruj

Der iranische Regisseur Ayat Najafi war während der Massenproteste 2022 in Teheran und gab dort Untergrundtheater-Workshops, weiß Katja Kollmann in der taz. Drei der Teilnehmerinnen sind nun in seinem Stück "Frauen der Revolutionsstraße", das derzeit im Berliner Ballhaus Ost läuft, im Video zu sehen: "Sie stehen vor einem Fenster mit weißen Gardinen, haben Vogelschnäbel über die Nasen gestülpt und denken laut über eine inhaftierte iranische Theaterregisseurin nach, die ihr Kind in Deutschland in Sicherheit brachte."

Weitere Artikel: Arno Widmann erinnert in der FR an die Eröffnung des von Andrea Palladio entworfenen Teatro Olimpico in Vicenza vor 440 Jahren. Der Choreograf Boris Charmatz schmeißt beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch schon wieder hin, meldet Sylvia Staude ebenfalls in der FR.

Besprochen werden außerdem Edward Clugs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" in der Berliner Staatsoper (Welt), das Stück "(un)leashed" des Physical Theatre am Stadttheater Gießen (FR), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Tagesspiegel, taz), Sidi Larbi Cherkaouis Choreografien "Fall" und "Orbo Novo" am Landestheater Linz (Standard), Sarah Berthiaumes Stück "Wollstonecraft" am Theater Freiburg (taz), Wajdi Mouawads Inszenierung der Debussy-Oper "Pelléas et Mélisande" an der Pariser Nationaloper (FAZ), Johan Simons' Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubu" am Thalia Theater Hamburg (FAZ), Jan Bosses Inszenierung von Ayad Akhtars "Der Fall McNeal" am Wiener Burgtheater (nachtkritik), Helge Schmidts Inszenierung von Maria Ursprungs "Halluzinationen" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ, nachtkritik) und Swantje Lena Kleffs Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2025 - Bühne

Stefanie Reinsperger in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" am BE. Foto: Birgit Hupfeld


Weltwirtschaftskrise und Stefanie Reinsperger? Yes, please! Die Kritiker flogen geradezu ins Berliner Ensemble, zu Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"- mit Stefanie Reinsperger in der Rolle der Großkapitalistin Mauler, Kathleen Morgeneyer als Idealistin Johanna Dark und Amelie Willberg als Fleischunternehmer Lennox. "Ein kluger Abend", lobt Jakob Hayner in der Welt, denn er hat etwas gelernt: "Johanna ist zwar die Titelfigur des Stücks, der eigentliche Held ist aber Mauler. Das Erstaunliche ist, dass der Bühnenbolschewist Brecht dieser Figur eine Tiefe gibt, die an einen Richard III. erinnert, während das Volk und die Arbeiter fast nur im Hintergrund vorkommen. Empowerment sieht anders aus. ... Erstaunlich ist außerdem, wie gut Brecht mit der libertären Kultautorin Ayn Rand zusammenpasst, die Pařízek als Pausenfüller in die Spielfassung eingefügt hat und somit Reinsperger ein weiteres unvergessliches Solo beschert. In einem Auszug aus 'Atlas Shrugged' geht es im Geiste von Nietzsches Übermensch gegen die Sklavenmoral der 'Welt von Nullanbetern'. Durch den Schuss Ayn Rand bekommt der Klassiker Brecht etwas neue Frische."

Politisch mag das Stück heute etwas simpel anmuten, aber Brechts Sprachmusik, die bei den Kapitalisten "das Pathos der deutschen Klassik, die Sprachkraft der Bibel und den Erbauungssermon des Gesangsbuchs parodiert und lustvoll auskostet", macht es immer noch interessant, findet SZ-Kritiker Peter Laudenbach. Dass die verzweifelt an das Gute im Menschen glaubende Johanna am Ende an einer Lungenentzündung stirbt, sei als Kontrast gewissermaßen folgerichtig: "Merke: Das kommt davon, wenn man den Ausweg in Moralappellen und Herzensgüte statt in der stramm kommunistischen Revolution sucht. ... Fressen und gefressen werden - der Abend ist definitiv nichts für Freunde veganen Theaters. Was in Zeiten blutleerer Bühnenkünste ein ebenso rares wie abgründiges Vergnügen ist."

FAZ-Kritiker Simon Strauß hat Brechts "propagandistische Parodie" nicht mehr viel zu bieten - "Statt nach einer Seele wird hier nur noch nach dem Klassenstandpunkt gesucht" - aber die Inszenierung versucht wenigstens was, "den Spagat zwischen ernsthafter Textwiedergabe und sarkastischer Verfremdung. Dass dieser Spagat ihr wirklich gelingt, kann man nicht sagen. Aber wie sie ihn immer wieder versucht, das anzuschauen, lohnt sich - allein schon wegen der dafür in Szene gesetzten Schauspielkunst." Gründlich gelangweilt hat sich hingegen nachtkritikerin Elena Philipp: "Massive Textberge türmen sich, trotz Kürzungen, und das (welt)politische Anliegen geht in Aufmerksamkeitssenken verschütt - alles wird gesagt, das wenigste ausagiert."

Besprochen werden außerdem "Es wär so schade wenn du das verpasst" von Jetse Batelaan und Ensemble am Theater Basel (nachtkritik) und Johan Simons Inszenierung von Jarrys "Ubu" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2025 - Bühne

"Ab in den Ring!" Foto: Thomas Aurin.

"Operette als Sinnbild walzerseliger Piefigkeit" war gestern, das Theaterkollektiv tutti d*amore räumt mit "Ab in den Ring!" an der Deutschen Oper Berlin mit Klischees und Altbekanntem auf: Mit Regisseurin Anna Weber wird das "bildungsbürgerliche Wagner-Erbe seziert, um es als gut gelaunten Klamauk zu servieren", freut sich Tazlerin Anna Schors. Das Kollektiv hat Spaß an der Zerstörung: "Die Abrissbirne zerschmettert das Bühnenbild. Aus den Trümmern, die an Reste einer mittelalterlichen Burg gemahnen, taucht ein Tenor in Korsage auf. Siegfried, Held der Nibelungen, umfasst eine blondbezopfte Schöne und besingt ihre strohige Perücke. Wenig später wird der zarte Moment durch eine Rapperin unterbrochen: 'Habt ihr euch schon mal selbst im Spiegel angeschaut? Da bröckeln die Jahrhunderte wie Staub auf eurer Haut!'."

Besprochen werden: "Modern Mermates" von Simone Saftig am Theater Kiel, inszeniert von Johannes Ender (Taz), Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in der Inszenierung von Dusan David Parizek am Berliner Ensemble (Nachtkritik) und "Sei umschlungen, Millionen!" im Wiener Reaktor, die Choreografie Chris Harings, wird vom Tanzensemble Liquid Loft und Phace performt (Standard).