Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2026 - Bühne

Er würde sich eher umbringen als in München zu leben, sagt der Regisseur Ersand Mondtag im SZ-Gespräch mit Christine Lutz. Das hält ihn aber nicht davon ab, am dortigen Residenztheater derzeit Albert Ostermaiers "Munich Machine" zu inszenieren. In gut subventionierten Theatern arbeitet es sich leichter, aber doch müssen Bühnen Orte der Denkfreiheit bleiben, sagt er außerdem: "Viel wurde … durch die Politik verunstaltet. Da muss ich jetzt auch linke, also vor allem grüne Politik kritisieren, aber auch die CDU, die mit Antidiskriminierungsklauseln Denkverbote einführen wollte. Wenn jemand denkt, dass Israel als Staat eine problematische Anordnung ist, dann ist das eine Meinung - nicht meine, nur als Beispiel -, das muss ich doch nicht staatlich verbieten. (…) Der Israel-und-Palästina-Komplex hat auch alle Kulturinstitutionen in Angst und Schrecken versetzt. Dabei sollte das Theater der Raum sein, in dem wir über alles diskutieren können."

In der FAZ hat der Musikpädagoge Arnold Werner-Jensen ein ganz eigenes Problem mit dem Regietheater in der Oper (unsere Resümees): Wie soll er seinen Schülern das Libretto näherbringen, wenn sie auf der Bühne eine völlig andere Handlung erleben werden? "Hierin erweist sich die Praxis des Regietheaters oft als kontraproduktiv: Sie will durch Aktualisierung Nähe zur heutigen Lebenswelt herstellen, baut aber durch Widersprüche zur Originalfabel zusätzliche Zugangshürden auf. Opernhäuser sind immer auch musikalische Museen, auch wenn diese Zuordnung oft nicht unwidersprochen bleibt. (...) Wenn man den musealen Charakter eines Opernhauses mit seinem aktuell oft so freien Umgang mit dem Libretto akzeptiert, dürften dann in logischer Umkehrung nicht auch Produkte der bildenden Künste beliebig verändert, also 'aktualisiert' werden? Dürfte man dann nicht ein Gemälde von Vincent van Gogh 'ummalen'?!"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Gunda Bartels beklagen die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste, die derzeit Miranda Julys Menopausen-Roman "Auf allen vieren" auf die Bühne der Berliner Sophiensaele bringen, dass Themen von Frauen in mittleren Jahren wenig Raum im Mainstream finden. Derweil fragt sich Katrin Ullmann in der Nachtkritik, warum Frauenthemen auf der Bühne langweilen. Boris Motzki denkt in der FAZ über die Titelwahl in der Gegenwartsdramatik nach. Besprochen wird Evan Gardners Science-Fiction-Opera "You/Me/Alien" des Opera Lab Berlin im alten Weißenseer Kino Delphi (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2026 - Bühne

Bei Backstage Classical berichtet Alexander Brüggemann über den neuerlichen Zoff um den Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser, der seine Favoritin Karin Bergmann als neue Schauspielleitung am Bewerbungsprozess vorbeischmuggeln wollte. Die Festspielleitung erwägt nun sogar eine vorzeitige Entlassung. Für Brüggemann zeigt der Streit Grundsätzlicheres: "Letztlich wirkt der Streit um Markus Hinterhäuser wie ein Streit über die Zukunft der Festspiele und des Theaters an sich - und darüber, wie es in Zukunft zu führen ist. Hinterhäusers Verteidiger gehören oft selber dem kulturellen Auslaufmodell an. Sie sind nicht selten Fürsprecher eines Geniekultes, verzeihen gern emotionale Ausraster und finden, dass Kultur eben Reibung braucht - Notfalls auch jenseits der moralischen Konventionen." In der SZ schreibt Reinhard J. Brembeck zum Thema. 

Weitere Artikel: Die italienische Regierung setzt ihre politische Agenda in der Kultur weiterhin konsequent um, berichtet Ulrike Sauer in der NZZ: Der neueste Coup ist die Einsetzung der rechtsgerichteten Dirigentin Beatrice Venezi als Intendantin des Teatro La Fenice, die ob Venezis Unerfahrenheit für Kritik sorgt. In der FAZ unterhält sich der Schriftsteller Christoph Hein mit Michael Ernst über seine Arbeit als Opernlibrettist für den Komponisten György Kurtág. Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg (Zeit) und Matthew Dunsters Inszenierung von "Die Tribute von Panem" im Carry Warf Theatre in London (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2026 - Bühne

Komische Oper: Lady Macbeth von Mzensk, Foto: Monika Rittershaus

Schlichtweg überwältigt ist Bojan Budisavljević in der nmz von Barrie Koskys Inszenierung der "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin. Dimitri Schostakowitschs Oper knallt diesmal aber so richtig: "Wie Kosky hier das chorische Breitwandformat stets aus Einzelgesten zusammenfügt, damit es in der Masse umso kraftvoller wirkt, das ist schon phänomenal. Wie auch musikalisch der Chor der Komischen Oper, mit Ambur Braid das Zentrum des Abends. (…) Die Kostüme übrigens, denen man, bis auf die schmucken Polizeiuniformen, den Geruch von Schweiß, Exkrementen, Alkohol, Zigaretten und billiger Knoblauchwurst schier ansehen konnte, stammten von Victoria Behr." Dirigent James Gaffigan wiederum hat das brillante Orchester fest im Griff: "Bis zur Besessenheit aufgekratzt folgen ihm die Musiker der Komischen Oper und geben alles, ohne auch bei den höchsten Phonstärken je vom rechten Weg abzukommen. Ein abwechslungsreiches Dirigat zwischen feiner Gerte und grobem Knüppel."

Landestheater Linz: Verräter - Helmuth Häusler, Gemma Vannuzzi, Gunda Schanderer © Herwig Prammer

Einen eindringlichen Theaterabend erlebt nachtkritiker Reinhard Kriechbaum am Landestheater Linz. "Verräter" von Lisa Wentz ist ein starkes Stück über religiöse Bigotterie, lobt er: Eine lesbische junge Frau soll mit Gottes Beistand wieder auf den "richtigen", heterosexuellen Weg gebracht werden. "Lisa Wentz entwirft Figuren aus Fleisch und Blut, in deren Befindlichkeiten man sich leicht hineinfühlen kann. Das ist die Stärke dieser Autorin, die dem Typus 'Volksstück' einen neuen Schub gibt. Ihre Landsmänner Peter Turrini und Felix Mitterer stehen Pate, aber Lisa Wentz setzt auch einen starken Akzent auf Sprachpoesie. So, wie sie in 'Adern' eine allegorische Figur, 'Die Berg', sprechen lässt, ist es in ihrem neuen Stück das personifizierte 'Tagebuch'." Auch die Inszenierung durch Anna-Katharina Wurz' überzeugt den Kritiker.

Kein reines Vergnügen ist hingegen Thaddeus Strassbergers Berlioz-Inszenierung "Benvenuto Cellini" am Brüsseler Théâtre de la Monnaie, findet Holger Noltze, dem die opulente Produktion, wie wir in der FAZ lesen, schlicht zu klamaukig geraten ist. Musikalisch jedoch kann die Aufführung überzeugen: "Der Brüsseler Musikdirektor Alain Altinoglu, zugleich Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt am Main, wirft das Orchestre Symphonique mit gutem Schwung in Berlioz' über alle Maßen ehrgeizige Partitur; wie er dann im Vorspiel für das Pizzicato der Bässe das Tempo sofort bremst, gibt schon eine Ahnung für die kommende, extreme Kontrastdramaturgie der Musik. Altinoglu bleibt Herr des Geschehens noch in den intrikatesten Ensembles, zumal die Holzbläser brillieren mit flinker Eloquenz; der Chor darf glänzen, ebenso Berlioz' Instrumentations-Raffinement."

Weiteres: Janis El-Bira schreibt auf nachtkritik über die in der Theaterwelt und andernorts grassierende Lust, sich mit der eigenen Ignoranz zu brüsten. Besprochen werden Noam Brusilovskys "Fake Jews" am Deutschen Theater Berlin (Welt), Olga Neuwirth und Elfriede Jelineks "Monster's Paradise" (Welt, Presse), Guillaume Poix' "Und dann Romy Schneider", inszeniert von Manon Krüttli, am Theater Neumarkt, Zürich (NZZ) und Christoph Marthalers Mahler-Abend "Die Unruhenden" (FR - "ein leichter und assoziativer Abend").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2026 - Bühne

Szene aus "Monster's Paradis" an der Staatsoper Hamburg. Foto: Tanja Dorendorf.

"Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte zur Musik von Olga Neuwirth", hofft Peter Laudenbach in der SZ nach dem Besuch von "Monster's Paradise" an der Staatsoper Hamburg. Ja, Tobias Kratzers Inszenierung der von Elfriede Jelinek getexteten Oper ist jetzt nicht gerade subtil, gibt der Kritiker zu, aber es hat trotzdem etwas "sehr Befreiendes", wenn hier ein clownesker Trump-Verschnitt von einem Monster mit Namen Gorgonzilla aufgefressen wird und man dabei "Neuwirths raffinierte, sich manchmal zu massiven Klanggebirgen auftürmende, flirrende und garantiert nicht in Wohlklang-Narkotika einlullende Musik mit den hübschen, von Titus Engel dirigierten Soundeffekten wie aus einem B-Movie-Horror-Film (...)" hören kann: "Auf die Farce der Politik reagiert das Musiktheater hier szenisch und musikalisch mit den Mitteln der Groteske, der Kombination aus Komik und Schrecken."

Kein gutes Haar lässt FAZ-Kritiker Jan Brachmann an dieser "Grand Guignol Opéra", wie die Komponistin selbst ihr Werk betitelt: "Diese Oper ist grell überschminkte Verzagtheit, nicht nur, was die Zukunft menschlichen Lebens angeht, sondern auch die Zukunft der Kunst. Kratzer führt mit bunter Varieté-Reklame, Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln, Kinderchören mit Fridays-for-Future-Transparenten nur eine aufwendig inszenierte Resignation vor."

Judith von Sternburg hat sich zumindest nicht gelangweilt, wie sie in der FR schreibt, und hebt die Sänger-Leistung von Georg Nigl hervor, der den fiesen König singt: "Für den Bariton eine schöne Rolle, gesanglich die mit Abstand virtuoseste, durchgeknallteste der Oper." Dagmar Penzlin beklagt in der taz zu viele Kalauer und einen Mangel an "dramaturgischem Biss". Bei VAN besprechen Jeffrey Arlo Brown und Kevin Ng das Stück.

Besprochen werden Francis Poulencs Oper 'Dialogues des Carmélites' an der Semperoper in Dresden (VAN), Fabian Hinrichs Solo-Performance "Irgendetwas ist passiert" an der Volksbühne Berlin (SZ), Martina Drostes Inszenierung des Stücks "Paradiesvögel" an den Kammerspielen Frankfurt (FR) und Irin Claire O'Reillys Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2026 - Bühne

"König Lear" in Kassel. Foto: Sylwester Pawliczek.


Thomas Melles Version von "König Lear" am Staatstheater Kassel zeigt Jürgen Kaube in der FAZ, wie eine Pulp-Fiction-eske Variante der Tragödie um den alten König und seine Töchter aussehen kann, die die Reichsteilung nicht überleben. Lars-Ole Walburg führt Regie, Kaube ist nicht restlos überzeugt, aber doch unterhalten: "Jede Zeit müsse ihren eigenen 'Lear' erfinden, heißt es im Programmheft. Durchaus. Doch was ist das Eigene unserer Zeit nun? Es dürfte nicht genügen, Formeln wie 'polarisierte Gesellschaft', 'Ungleichheit', 'alternative Wahrheiten' oder 'Zeitenwende' aufzurufen, um sie irgendwie mit Textstellen Shakespeares zu verbinden. ... Auf der Bühne sehen wir ein absurdes Puppenspiel, eine toxische Familienaufstellung und einen sich durch die Handlung fressenden Hass. Komisch wirkt das, weil die Schauspieler ständig lästern, höhnen, Witze machen und jede Gelegenheit ergreifen, das Publikum von ihrer Niedertracht und Verzweiflung abzulenken. Das gelingt unterhaltsam und lässt uns dadurch ratlos zurück."
 
Nachtkritiker Simon Gottwald kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: "Es bleibt bei der Dämonie: Vom Apokalyptischen der Vorlage ist trotz all des Mordens und Folterns wenig zu spüren, und das trotz der Bezüge auf Populismus und Fanatismus. Lars-Ole Walburgs Inszenierung fordert heraus und trifft in der Vermengung von Dämonischem und Wahnsinn häufig eher die grotesken als die tragischen Töne. Und doch erhält sie gerade dadurch eine ganz eigene Kontur."

"Freude am Grauen" sieht Nachtkritiker Falk Schreiber in der Oper "Monster's Paradise". Tobias Kratzer inszeniert die Musik von Olga Neuwirth und das Libretto von Elfriede Jelinek an der Staatsoper Hamburg. Trotz starker Bilder ist Schreiber von dieser Auseinandersetzung mit Trump nicht restlos überzeugt: "Das faszinierte Entsetzen über die ausgestellte Dummheit und die vollkommene Empathielosigkeit Donald Trumps galt eigentlich eher für die erste Amtszeit des US-Präsidenten. Jelinek und Neuwirth (und mit ihnen Kratzer) sehen Trump als Wiedergänger von Alfred Jarrys 'König Ubu', und ein Stück weit gehen sie dabei der Strategie des Trumpismus auf den Leim: Seit Trumps Wiederwahl nämlich wird diese Grobheit als Inszenierung deutlich, das Kindische, das Erratische dienen vor allem dazu, den autoritären Staatsumbau der USA zu überdecken. 'Monsters Paradise' aber zeigt weiterhin einen Kindskopf, der von einem Seeungeheuer verspeist wird - Leuten wie Vizepräsident JD Vance oder Politikberater Stephen Miller dürfte das in den Kram passen."

Weitere Artikel: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ vom Hannoveraner Tanzfestival "Real Dance". Arno Widmann lädt in der FR dazu ein, Francesca Caccini kennenzulernen, die vor 400 Jahren die erste Frau war, die Opern komponierte.

Besprochen werden Nuran David Calis' "Hamlet"-Inszenierung am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik), Sam Max' "Pidor und der Wolf" am Schauspiel Dortmund, Inszenierung von Jessica Weisskirchen (Nachtkritik), Emre Akals "Es sagt, es liebt uns" am Nationaltheater Mannheim, Regie führt Dennis Duszczak (Nachtkritik), Erich Wolfgang Korngolds "Violanta", inszeniert von Daniel Hermann an der Deutschen Oper Berlin (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Marlen Haushofers "Wir töten Stella" am Schauspielhaus Graz (Standard), "Irgendetwas ist passiert" von Fabian und Anne Hinrichs an der Berliner Volksbühne (taz, Nachtkritik, Spiegel Online), "Fake Jews" von Noam Brusilovsky am Deutschen Theater (taz, NZZ), "Wir Krisendarstellerinnen: Lookalike in anger!" als Kooperation zwischen andcompany&Co. und dem Theater Thikwa im Hebbel am Ufer (taz)und Barrie Koskys Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper Berlin (FAZ, Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2026 - Bühne

"Benamor". Foto: Monika Rittershaus

Nichts als reueloser Spaß hier. Welt-Kritiker Manuel Brug ist begeistert von der "umwerfend in die Hüfte gehenden" österreichischen Erstaufführung der 1923 von Paolo Luna komponierten Zarzuela (die spanische Operette) "Benamor", die Regisseur Christof Loy im Theater an der Wien inszeniert hat. "'Benamor' ein musikalisch mitreißende Dreiakter, angesiedelt in einem fiktiven Orient, klanglich aber fest auf rhythmisch knallenden spanischen Absatzfüßen stehend, ist ein utopisches Märchen und Menschenexperiment; ähnlich wie es sich Rationalisten der Rokokozeit à la Marivaux für das Theater ausgedacht haben. Dass aus dynastischen Gründen die Geschlechter der beiden Sultanskinder von Isfahan ausgetauscht wurden, dusslige Wesire, Eunuchen, Odalisken, das übrige Palastfußvolk, aber auch die beiden Betroffen nichts davon merken, ist eben Operettenbehauptung - die man einfach glauben muss. Bis aber dann jeweils Mann und Frau als Figuren auf der Bühne, aber real heutig angequeert auch Frau und Frau und Mann und Mann ... dauert über drei quirlige Stunden."

Loy, der sogar nach Spanien gezogen ist, um seiner Leidenschaft für die Zarzuela zu frönen, hat außerdem am Theater Basel Francisco Asenjo Barbieris "El barberillo de Lavapiés" von 1874 auf die Bühne gebracht. Aufgeführt wird das Stück nicht mehr, aber es ist dankenswerterweise auf Youtube zu sehen:



Außerdem unterhält sich Manuel Brug für die Welt mit dem offenbar sehr umtriebigen Opernregisseur Damiano Michieletto. In der nachtkritik freut sich Vincent Koch über die Berufung von Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander als neues Intendanz-Trio am Schauspiel Leipzig.

Besprochen werden Tanju Girişkens Inszenierung von Felicia Zellers Komödie "Der Fiskus" am Theater Trier (nachtkritik), Barbara Freys Walser-Abend "Der irrende Planet. Ein Spaziergang mit Robert Walser" am Wiener Akademietheater (Welt, FAZ) und Bastian Krafts Inszenierung von Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock" am Wiener Burgtheater (nachtkritik, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2026 - Bühne

Szene aus "Die Hölle auf Erden". Foto: Kerstin Schomburg

Weshalb das Theater Magdeburg vergangenes Jahr zum "Theater des Jahres" gewählt wurde, sieht Jakob Hayner (Welt) aktuell durch Julia Prechsls Inszenierung von Maria Lazars Stück "Die Hölle auf Erden" bestätigt. Das Stück, das erst kürzlich im Nachlass der lange vergessenen Wiener Schriftstellerin entdeckt wurde und erzählt, wie Petrus den sich bekriegenden Menschen Frieden bringen soll, besticht nicht nur durch zeitgenössischen Humor, sondern vor allem durch Aktualität, so Hayner: "Internationale Organisationen befinden sich entweder in der Blockade oder in Auflösung, Friedensgeschwätz und Kriegsvorbereitung fallen zusammen, die Bevölkerung verschließt die Augen vor dem drohenden Unheil oder übt bereits den Marschschritt ein. Rettung? Auf die lässt sich nicht hoffen. 'Sind die Menschen allen verrückt geworden?', ruft Petrus aus, bevor er in der Irrenanstalt landet."

Der in Israel geborene Autor und Regisseur Noam Brusilovsky setzt sich in seinem gleichnamigen Stück am Deutschen Theater in Berlin mit sogenannten "Fake Jews" auseinander, also Menschen wie Benjamin Wilkomirski oder Marie-Sophie Hingst, die sich eine erfundene jüdische Identität zuleg(t)en. Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann überlegt er, was hinter dem Phänomen stehen könne: "Das Jüdischsein berechtige in Deutschland dazu, unbequeme Haltungen zu vertreten, sagt der Brusilovsky. Die 'Ich als Jude'-Position nennt er dieses Phänomen, das von links wie von rechts auftrete: 'Manche behaupten, Jude zu sein, um antimuslimische Hetze zu betreiben. Die andere Seite nutzt die Position, um linke Israel-Kritik zu formulieren.' Spätestens seit dem 7. Oktober ein diskursives Minenfeld hierzulande - aus guten Gründen. So oder so haben dann auch die Goyim, also die nichtjüdischen Menschen, eine Stimme, auf die sich berufen können. 'Die es koscher macht', so Brusilovsky."

Weitere Artikel: Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert derzeit das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an der Hamburger Oper. Pünktlich zur Uraufführung befragt ihn Bascha Mika in der FR, was politische Kunst heute leisten muss und wie man mit Jelineks Sprache arbeitet. Die FR meldet außerdem einen Kulturskandal in Moskau: Der putinnahe Regisseur Konstantin Bogomolow, der gleich zwei hauptstädtische Theater leitet, wurde nun auch "noch zum Rektor der Studioschule des Tschechow-Theaters ernannt - einer der renommiertesten Schauspielschulen Russlands. Absolventen und Kulturschaffende machten mit einem offenen Brief Front gegen Bogomolow - allerdings mit nichtöffentlichen Unterschriften." In der taz schreibt Jan Feddersen zum Tod von Holger Klotzbach, Mitbegründer von den Showbühnen "Bar jeder Vernunft" und "Tipi am Kanzleramt".

Besprochen werden außerdem Nina Laisnés Inszenierung von François Chaignauds Stück "Último helecho" im Haus der Berliner Festspiele (FAZ) und Rolando Villazons Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" bei der von Villazon selbst geleiteten Salzburger Mozartwoche (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2026 - Bühne

Szene aus "Der irrende Planet". Foto: Tommy Hetzel

Am Burgtheater hat Barbara Frey Robert Walsers Novelle "Der Spaziergang" adaptiert. Es geht um einen Erzähler, der anhand ganz banaler Alltagsbeobachtungen das Leben zu fassen versucht. Die Inszenierung ist durchaus gelungen, findet Nachtkritikerin Gabi Hift: "Die über allem liegende nachtschwarze Melancholie ist verführerisch und gefällt auch. Aber vom Schrecken in Walsers Text, der aus dem Kontrast zwischen hellem Sonnenschein, unablässigem Entzücken, und dem dahinter dräuenden Abgrund entspringt, würde man kaum etwas spüren, wäre da nicht Maria Happel. Wie sie schnellen Schrittes ihre Bahnen zieht und ihre Finger hinter dem Rücken unablässig klimpern, meint man paradoxerweise Walser zu sehen, wie man ihn von den Fotos kennt: groß, grobschlächtig, im schwarzen Dreiteiler und mit stechendem Blick. Wenn Maria Happel mit Ingrimm sagt: 'auch hat der schöne Tag eine Fröhlichkeit in mir angezündet', meint man Walsers Stimme zu hören. In Happel tobt ein wahnwitziger Kampf mit der Sprache - und sie gewinnt!"

Moritz Kienemann als "Fake Jew". Foto: Jasmin Schuller

Auch das von dem israelischen Regisseur Noam Brusilovsky am Deutschen Theater inszenierte Stück "Fake Jews" über das Wilkormirski-Syndrom überzeugt vor allem durch die Wucht des Schauspielers Moritz Kienemann, meint Nachtkritiker Janis El-Bira, der hier vor allem den Fall Fabian Wolff zu erkennen glaubt: "Kienemann spielt einen 'jüdischen' Journalisten und gleichzeitig dessen Kumpel David, einen nicht-jüdischen Schauspieler, der aber auf jüdische Rollen abonniert ist. Beim gemeinsamen Besuch des Jüdischen Friedhofs in Weißensee wird David vor der Gedenktafel für die im Holocaust Ermordeten 'ganz ernst und klein' und beginnt - inklusive angedeutetem Willy-Brandt-Kniefall - 'ehrfürchtig deutsche erinnerungskulturelle Arbeit zu leisten'. Und wie Kienemann diese 'Arbeit' zeigt, weich die Knie, hochgezogen die Schultern, die Hände verschränkt, da wird die Last der deutschen Schuld ebenso sprechend wie die Lächerlichkeit, ihr einen körperlichen Ausdruck geben zu wollen. Ein großartiger, brutal komischer Moment."

Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert aktuell an der Hamburger Oper das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek über zwei Vampirinnen, die den Niedergang der Menschheit beobachten und von einem Monster gerettet werden soll. Im Welt-Gespräch mit Stefan Grund erklärt Kratzer, auch mit Blick auf die USA, weshalb es aktuell auch Monster braucht: "Gegen ein Monster hilft nur ein Monster. Was das aber wiederum für Konsequenzen hat, wenn die Opposition selbst monströs werden muss, das ist eine Frage, die das Stück so eigentlich an die Realität zurückgibt."

Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht Corina Kolbe mit der Sopranistin Ambur Braid, die die Titelpartie in Schostakowitschs Thriller "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper in Berlin singt. Katrin Bettina Müller erinnert in der taz an den im Dezember verstorbenen Intendanten der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt. Besprochen werden außerdem der Tanzabend "Shakespeare & Love" von Stephan Thoss am Nationaltheater Mannheim (FR) und Bastian Krafts Inszenierung "Zu ebener Erde und erster Stock" nach Johann Nestroy am Wiener Burgtheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2026 - Bühne

Opéra du Rhin - Le Miracle d'Héliane, Nederlandse Reisopera
© Marco Borggreve

Allzu oft bekommt man so etwas nicht mehr zu Gesicht, meint Manuel Brug in der Welt: zweimal Erich Wolfgang Korngold in einer Woche. Zum einen an der Deutschen Oper Berlin, wo Korngolds "Violanta" auf dem Programm steht, in einer allerdings eher mäßigen Inszenierung. Zum anderen an der Opéra du Rhin in Strasbourg, wo die "Wunder der Heliane" gegeben werden. Und die haben es in sich, der "doch sehr zeitverhafteten Singhandlung" zum Trotz: "Und dann plötzlich verführt und schmeichelt diese so fein changierende Korngold-Musik doch wieder ungemein. Ist sie doch eine der schönsten und wirkungsvollsten Tondrogen, die die vierhundertjährige Operngeschichte für den willigen Hörer bereithält. Die Überfülle seines Wohllauts spürt man in jeder Note." Albrecht Selge kann, lesen wir in van, auch mit der Berliner Inszenierung einiges anfangen: "Befremdlicher Quickie, geht trotzdem steil".

Ganz bezaubert ist FR-lerin Sylvia Staude von "Embodied Dissent - Dance in Times of War", einem Tanzfestival am Staatstheater Kassel. Politische Symbolik gibt es da zwischendurch auch, viel mehr jedoch interessiert sich Staude für die vielseitigen Körpersprachen des Programms. Zum Beispiel in "Victims & Images - Vol. 2" von Roni Chadash. Die Choreografin "lässt ihre beiden Tänzerinnen, Romi Lahav und Shira Ben Uriel, Schüchternheit, Koketterie, Konkurrenz andeuten, lässt gleichzeitig in listiger Schwebe, ob sie nicht bloß mit dem Publikum spielen. Mehrfach fühlt sich dieses zum Schlussapplaus aufgefordert, mehrfach geht es weiter, auch mit dem Abba-Song 'Dancing Queen' und im Hintergrund blinkenden Lichtlein. So viel zarten Witz, so viele doppelte Böden, mit so viel Geschick eingezogen, das bekommt man im Tanz nicht oft zu sehen."

Außerdem: Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel voraus auf Fabian und Anne Hinrichs' "Irgendetwas ist passiert" - am 30.1. ist Premiere an der Berliner Volksbühne. Besprochen werden "Eugen Onegin" in der Inszenierung Ralph Fiennes' an der Pariser Oper im Palais Garnier (FAZ - "auf intensiv-überwältigende Weise fein, dicht und genau"), Soe Ratsifandrihanas Tanzstück "Fampitaha, fampita, fampitàna" im Tanzquartier Wien und Maurice Béjarts "Ballet for Life" in der Wiener Stadthalle in einer Doppel-Kurzbesprechung (Standard), "La traviata", von Ute M. Engelhardt inszeniert, am Stadttheater Gießen (FR - "wirkungsvolle Auftritte"), die Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (Welt - "wie eine in Routinen erstickte Ehe") und ein neues Buch des Dramatikers Wolfram Lotz (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2026 - Bühne

Szene aus "Amor vien dal destino" an der Oper Frankfurt. Foto: Matthias Baus.

"Ein Feuerwerk nebst Funkenregen von hohem Unterhaltungswert", erlebt FR-Kritikerin Judith von Sternburg an der Oper Frankfurt: Agostino Steffanis frühbarocke Oper "Amor vien dal destino" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Aeneas und Lavinia, bei deren Verkupplung die Götter im Olymp mitmischen. R. B. Schlather hat hier "barocke Intimität im großen Raum" inszeniert, so Sternburg. "Im leicht angehobenen Graben also Frankfurter Opernmusikerinnen und -musiker mit voller Alte-Musik-Expertise, dazu Harfe, Lauten, Gitarre, eine ausgeklügelte, mit dumpfen Trommeln und glitzernden Glöckchen versehene Perkussion sowie Psalterium und mehrere Chalumeaux - Psalter und Schalmeien nämlich. Das bekommt man nicht jeden Tag zu Gesicht und Gehör, der Rasanz der über weite Strecken tanzbaren Musik gibt es ein enormes, von Luks auch voll ausgeschöpftes Farbspektrum."

"Es muss nicht immer Händel sein", bestätigt auch Wolfgang Fuhrmann in der FAZ und lobt vor allem die Sänger und Sängerinnen: "Aus der Tradition der venezianischen Oper des siebzehnten Jahrhunderts kommend, ist das Werk auch in der Stimmverteilung individuell: Wo bei Händel das hohe Paar stets auch hoch singt, ist hier Lavinia eine Altpartie, von Margherita Maria Sala mit ausdrucksvollem tiefen Register gestaltet, Enea ein von Michael Porter kultiviert gestalteter tiefer Tenor. Dass diese beiden erst nach dreieinhalb Stunden zusammenfinden, liegt auch an grandiosen Dialogen des Librettisten Ortensio Mauro, in denen die füreinander Entbrannten in preziös-uneigentlichem Liebesdiskurs ständig aneinander vorbeireden."

Bei Backstage Classical reagiert Axel Brüggemann auf einen Essay von FAZ-Kritikerin Lotte Thaler (unser Resümee), in dem diese das Regietheater massiv kritisiert, und vorgeschlagen hat, sich die Ideen des Wagnerianers Adolphe Appia zum Vorbild zu nehmen. Dieser schlug eine Bühnenästhetik vor, die sich komplett der Partitur verpflichtet. Manche Kritik ist berechtigt, findet Brüggemann, aber "die ästhetischen Schablonen die Thaler vorstellt, scheinen einfach nicht ins 21. Jahrhundert zu passen. Natürlich würden die meisten heute arbeitenden Opernregisseurinnen und Opernregisseure für sich ebenfalls den Anspruch erheben, die Partitur als Grundlage ihrer Arbeit zu verstehen. Und natürlich richten sie sich in ihren Inszenierungen meist auch nach Zeit(Ablauf) und Raum, wie sie in der Partitur vorgegeben sind. Aber selbst wenn sie das nicht tun, wie zum Beispiel im genialen Pasticcio 'Hotel Metamorphosis' von Barrie Kosky, wird doch gerade das von einem Großteil der Kritik und des Publikums heute zu Recht auch gelobt! Mir anderen Worten: Nicht einmal die Partitur als einzig gültige und unantastbare Grundlage hat Bestand."

Weitere Artikel: Die ruandische Schauspielerin und Regisseurin Odile Gakire Katese gratuliert in der SZ zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung des Müncher Residenztheaters. In der FR schreibt Wilhelm von Sternburg zum 125. Todestag von Giuseppe Verdi. Besprochen werden Yana Ross Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ, taz), das "Wintertanzprojekt" der Hochschule im Frankfurter Gallus Theater (FR) und Volker Löschs Inszenierung von Voltaires "Candide" am Dresdner Schauspielhaus (taz).