Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2025 - Bühne

Szene aus "Bevor ich es vergesse". Foto: Armin Smailovic

Für den SZ-Kritiker Egbert Tholl ist Wiebke Puls ohnehin seit zwanzig Jahren ein "Ereignis" im Ensemble der Münchner Kammerspiele - und das bleibt sie auch, wenn sie nun Anne Paulys 2019 erschienenen Roman "Bevor ich es vergesse" auf die Bühne bringt. Puls hatte den autofiktionalen Text über Paulys Erinnerungen an ihren flamboyanten und geistreichen, aber auch versoffenen und gewalttätigen Vater bereits als Hörbuch eingelesen, nun überzeugt sie auf der Bühne: "Wiebke Puls spielt manchmal völlig für sich, da schaut man Anne einfach gern zu. Mehr noch redet sie mit dem Publikum. Dann gibt es diese unfassbaren Momente, in denen man völlig machtlos ist, in denen man glaubt, in Annes Geschichten hineinzufallen, weil man sie kennt, bis ins Detail." Auch Nachtkritikerin Christine Wahl erlebt "Ausnahme-Schauspiel vom Feinsten": "Wie intensiv und genau sie in ihrem Gesicht etwa - weil Tragödie und Komödie ja auch (oder gerade) bei den letzten Dingen bekanntlich nahe beieinanderliegen - einen Wein- zu einem Lachkrampf mutieren lässt und wieder zurück, wie lakonisch sie die Vitrinenschrankfunde kommentiert, ohne dabei auch nur eine Sekunde den Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen vergessen zu machen."

Szene aus "Mein Schwanensee". Foto: Matthias Horn

Christoph Marthaler vollendet seine Trilogie am Hamburger Schauspielhaus mit dem Stück "Mein Schwanensee" und Nachtkritikerin Katrin Ullmann ist geradezu beseelt: Erscheinen ihr die Abende der "Melancholie-Regie-Legende" doch immer wie Gottesdienste. So auch diese Inszenierung, die zwar wenig Tschaikowski und eher schwache Texte von Elfriede Jelinek im Fitnessstudio präsentiert, aber durch die Schauspieler besticht: "Unbeirrbar singen, summen, schreiten und sprechen sich die Spieler durch diesen Abend. In immer wieder hochplätschernden Wellen voll feinstofflicher Komik. Nur minimal agieren sie dafür zwischen Turngeräten und Klavieren, blicken mal auf die Kanzel und mal auf ein - man muss die Augen beim Blick auf die Trainingsbank an der Bühnenrückwand nur ein bisschen zukneifen - Kreuz. Glockenhelle Stimmen, feine Rhythmik und immer wieder rätselhaftes Innehalten: 'Mein Schwanensee' ist eine typische, hochmusikalische, Marthaler-Andacht."

Besprochen wird außerdem "Blinded by Delight" - eine Grand Show von Oliver Hoppmann und Berndt Schmidt am Friedrichstadt Palast Berlin (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2025 - Bühne

Der georgische Bass Paata Burchuladze wurde bei Protesten gegen die Regierung in Georgien festgenommen, berichtet Jonas Löffler bei VAN. Ebenda fordert Tillmann Triest eine angemessene Vergütung für Hospitanzen bei Theater und Oper. Die Zukunft der Bayreuther Festspiele ist ungewiss, berichtet Axel Brüggemann bei Backstage Classical, 2028 könnte die Zahlungsunfähigkeit drohen. Besprochen wird Stefan Herheims Inszenierung der Strauß-Operette "Die Fledermaus" im Theater an der Wien (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2025 - Bühne

Theater Drachengasse - brennendes Haus. Foto: Barbara Pálffy

Margarete Affenzeller hat, wie wir im Standard erfahren, viel Freude an "brennendes aus", einem Stück der Schweizer Autorin Anaïs Clerc, das derzeit im Wiener Theater Drachengasse zur Aufführung kommt. Thematisch geht es um Familiengeheimnisse und ums Sich-Verstricken in ihnen. Glüchklicherweise bleibt nicht der ganze Abend in düsteren Tonlagen gefangen: "Clercs Text befreit in sich mit dem Plastisch-Werden der Figuren auch zunehmend das Schelmische - eine gute Dynamik. Beispielsweise wiegt die Last der Herkunft so schwer, dass die Enkeltochter beim Vorsprechtermin im Theater provokant sagt, sie hätte gleich mit dem Traktor vorfahren sollen. 'brennendes Haus' ist ein Stück über die Gräben zwischen den Generationen. Und man kann nach dieser österreichischen Erstaufführung nicht ganz sicher sein, ob es die Enkelgeneration besser machen wird."

Der Theatermacher Alexander Karschnia (andcompany&Co) wendet sich via nachtkritik in einem offenen Brief an Milo Rau. Der hatte am 4. Oktober auf der Website der Wiener Festwochen einen "Brief an seine Freunde" aufgesetzt, in dem er zum "Widerstand gegen die Kriegsverbrechen in Gaza" aufrief und den Genozid-Vorwurf aufgriff. Karschnia hingegen will bei dem einseitigen Israel-Bashing nach wie vor nicht mitmachen und ist vor allem vom Schulterschluss vieler Linker mit radikalen Islamisten entsetzt. "Ich fürchte, es hat mit der 'weaponization' des Genozid-Begriffs zu tun. Das führt dazu, dass Menschen sich moralisch erpresst fühlen, die man für eine breite Koalition braucht: Menschen, die gegen den Krieg sind, aber diesen Begriff nicht gebrauchen würden. Denn wer von 'Genozid' spricht, spricht nicht von einem Krieg, der beendet werden könnte, sondern gestoppt werden muss 'by any means necessary'. Und ich glaube, dass es denjenigen, die diesen Begriff im Diskurs durchgesetzt haben, genau darum geht, diese Formel von Malcolm X unmittelbar auf das, was gerade im sog. Nahen Osten passiert, anzuwenden. Mit den Folgen, dass der Terror der Hamas nicht nur nicht länger erwähnt wird, sondern dass er dort, wo er erwähnt wird, oft relativiert und verharmlost bis begrüßt und gefeiert wird."

Außerdem: Christian Rakow fände es, steht in der nachtkritik, gar nicht schön, würde Constanza Macras mit ihrer Tanzkompanie die Volksbühne verlassen. Ebenfalls in der nachtkritik schreibt Wolfgang Behrens über das schwierige Verhältnis zwischen Dramaturgen und Publikum.

Besprochen werden Frank Castorfs "Hamlet"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus (Welt) und Ersan Mondtags "Das rote Haus" am Maxim Gorki Theater, Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2025 - Bühne

Szene aus "Die Fledermaus". Foto: Karl Forster

Was hat sich Regisseur Stefan Herheim nur bei dieser Inszenierung von Johann Strauß' "Fledermaus" am Theater an der Wien gedacht, seufzt Michael Stallknecht in der SZ: Sänger und Orchester unter Chefdirigent Petr Popelka brillieren, nur fügt Hertheim nicht nur weitere Musiken hinzu, sondern reichert seinen "Festtagsgulasch" auch noch mit den wunden Punkten der Geschichte Österreichs an, so Stallknecht: "Der erste ist, klar, der Phantomschmerz um die verlorene Monarchie, Franz Joseph und seine ebenfalls auftretende Sisi, der zweite der 'Anschluss' durch die Nazis im Jahr 1938. Eisenstein und Rosalinde erweisen sich am Abendbrottisch vor dem Siebenarmigen Leuchter als jüdisches Ehepaar, immer wieder laufen SA-Männer durch Chorwimmelbilder, und die Tänzer schwingen vor der Pause mitten im Ballakt Lederschwänze zum Nazi-Peitschen-Porno. Der Nationalsozialismus wird dabei als bloßes weiteres Würzmittel gebraucht, wenn nicht missbraucht, weil er keinerlei Konsequenzen für die Erzählung hat."

Szene aus "Imagine". Foto: Marcel Urlaub

Einen gelungenen Einstand als neuer Intendant am Kölner Schauspielhaus attestiert Patrick Bahners Kay Voges in der FAZ. Denn der "Imagine" betitelte und in einer Mustersiedlung spielende pantomimische Reigen, den Voges auf die Bühne bringt, besticht durch Stille, eine unheimliche Atmosphäre a la David Lynch und Diskretion: "So viel ist nämlich von Anfang an sonnenklar, obwohl sich das Geschehen in einem blauen Zwischenreich auf der Schwelle von Tag und Nacht abspielt: Sensationen sind nicht zu erwarten (irgendwo läuft ein kleiner Fernseher, aber niemand liest Zeitung), die Episoden haben keinen Informationswert, sondern illustrieren den Gang der Dinge, den Lauf der Welt. Eine Kamera fährt um die Häuserzeile im Kreis, ein automatisierter Dorfpolizist, nur ohne Sanktionsgewalt."

Besprochen werden außerdem Bartlett Schers Inszenierung der Oper "The Amazing Adventures of Kavalier & Clay" in New York (Welt), die Gruppenausstellung des 7. Herbstsalons im Gorki Theater (taz), Hannah Frauenraths Inszenierung von Raphaela Bardutzkys "74 Minuten" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels "Wallenstein"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen (taz, mehr hier) und Anthony Hüseyins Musiktheater "Crime of Passion" in der Neuköllner Oper (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2025 - Bühne

"Wallenstein" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic.

Schillers "Wallenstein", inszeniert an den Münchner Kammerspielen von Jan-Christoph Gockel, beschert SZ-Kritiker Egbert Tholl fünfeinhalb Stunden "reines, wunderschönes Theaterglück". Die Geschichte des Feldherrn, der nicht weiß, wann es genug ist mit dem Krieg, wird ergänzt um Erzählstränge, die Wallenstein mit dem Söldner-Führer Jewgenij Prigoschin parallel setzen. Gespielt wird Wallenstein von Samuel Koch: "Seine Sprachbehandlung ist ein Ereignis. Er denkt jeden Schiller-Satz bis zur äußersten Konsequenz, neben Annette Paulmann ist er darin aber auch der Einzige an diesem Abend. Im Rollstuhl sitzend vermittelt Koch die Not des Feldherrn, sein Grübeln, Zaudern und Zögern (…) Der schönste Moment ist Wallensteins Traum. Ein kleines Figürchen, geführt vom genialen Puppenspieler Michael Pietsch, hüpft über die Bühne, man sieht es groß, wie vieles hier, auf zwei Bildschirmen, es hüpft zu Samuel Koch, erweckt ihn liebevoll aus dem Schlaf. Und unendlich zärtlich richtet Pietsch den Schauspieler auf. Reiner Zauber."

Auch Nachtkritikerin Susanne Greiner hält Koch für eine "geniale Besetzung", die der Regisseur kongenial nutzt: "Seine Lähmung nutzt Gockel als Sinnbild eines Mannes, dessen Willen durch seine Söldner realisiert wird. Und Gockel dreht dieses Verhältnis noch weiter. Buttler, der Wallenstein töten wird, wird von Kochs persönlichem Assistenten Daniel Hascher gespielt. Ein jeder ist hier in der Hand des anderen, ausgeliefert. Warum vertraut man einem Menschen sein Leben an? Die Antwort findet Max Piccolomini, wunderbar begeisterungsfähig von Annika Neugart gespielt, in der Stimme seines Herzens. Koch formuliert das als 'Chemie, die stimmen muss'."

Weiteres: Nikolaus Bernau geht im Tagesspiegel auf Spurensuche, welche (NS-)Geschichte das Geld von Klaus-Michael Kühne mitbringt, der in Hamburg einen neuen Opernbau sponsern will.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Hamlet" mit Texten von Heiner Müller, das Schauspielhaus Hamburg eröffnet damit die Spielzeit (FAZ, SZ, ZEIT, Nachtkritik), Ella Rothschilds "Wounds of Autumn", das vom dänischen Kammerballetten im Festspielhaus Baden-Baden getanzt wird (FAZ), Johann Strauss' "Die Fledermaus", inszeniert von Stefan Herheim am Theater an der Wien (FAZ, Standard), das von Axel Schneider geschriebene und inszenierte Stück "Nächstes Jahr Bornplatzsynagoge" an den Hamburger Kammerspielen (taz), Raphaela Bardutzkys "74 Minuten" am Staatstheater Nürnberg, inszeniert von Hannah Frauenrath (Nachtkritik), Ludger Vollmers und Jenny Erpenbecks Opern-Adaption von Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" am Theater Chemnitz, inszeniert von Frank Hilbrich (FR) und Christian Thielemanns Eröffnung der Saison an der Staatsoper Unter den Linden mit Wagners "Ring des Nibelungen" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2025 - Bühne

Szene aus "Das Rote Haus". Foto: Thomas Aurin

Ersan Mondtag eröffnet die neue Saison am Gorki Theater mit "Das Rote Haus": Der Titel bezieht sich auf jenes Gebäude in der Kreuzberger Stresemannstraße, das von der Firma Telefunken seit den 1960er Jahren als Wohnheim für migrantische Arbeiterinnen genutzt wurde, verrät uns Christine Wahl im Tagesspiegel. Und die Inszenierung will nicht weniger als die Lebenswege der Frauen nachzeichnen, verdichtet in fünf Charakteren - angereichert mit Motiven aus Romanen von Emine Sevgi Özdamar, die selbst dort lebte. Und das gelingt prächtig, staunt Wahl: "In animierten scherenschnittartigen Schwarzweiß-Bildern auf einen Gaze-Vorhang projiziert, rasen die Lebens- und Familienhintergründe der Arbeiterinnen vorbei. Ein antiquierter Fernseher spuckt in regelmäßigen Abständen einen üblen Sound aus Nachrichten, Politikerreden und Ressentiments aus, die sich durch die Jahrzehnte hindurch bis in die Gegenwart ziehen."

Anders sieht das Nachtkritikerin Elena Philipp: "'Das Rote Haus' ist ein Clash der ästhetischen Kulturen: Mondtags Handschrift - düstere Kulissen und schummriges Licht; reduzierte Sprache, geisterhaft verfremdet durch Mikroports; ein von Gewalt und Traumata gesteuerter Wiederholungszwang, der sich hier nur andeutet -, steht Genres wie Horror und Mystery nahe. Das passt nicht zu Emine Sevgi Özdamars dem Alltag abgelauschter Prosa, deren sprachspielerischer Humor mit seinen (selbst-)ironisch tänzelnden Beobachtungen eher dem Geist der Nouvelle Vague entspricht."

Szene aus "Hamlet". Foto: Just Loomis

Nicht weniger als ein "überbordendes Fest des Theaters in unsicheren Zeiten" erlebt Nachtkritiker Stefan Forth am Hamburger Schauspielhaus, wo Frank Castorf Shakespeares "Hamlet" mit allerhand Verweisen auf Heiner Müller, Antonin Artaud und Dante anreichert, um in über sechs Stunden von den "Ruinen Europas" zu erzählen. Castorf "schlägt mit Heiner Müllers Hilfe Bögen von der Antike bis nach Auschwitz, vom Kommunismus in den Kapitalismus, vom Ersten Weltkrieg bis zur Angst vor einem dritten. Konsequenterweise hat Aleksandar Denić gleich auch noch einen kleinen Atombunker auf die wirkmächtig gestaltete Bühne gebaut. … Wie soll an diesem Ort des Misstrauens so etwas wie Liebe möglich sein?"

Besprochen werden außerdem das Stück "Radikal jung" der Theatergruppe Polyformers im Berliner Theater unterm Dach (SZ) der Abend "Claire Waldoff: anders als die andern" von Ulrike Kinbach in der Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt (FR) und Susanne Kennedys und Markus Selgs Inszenierung von Wagners Parsifal am Theater in Gent (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2025 - Bühne

Szene aus "Die Ermittlung". Foto: Ingrid Hertfelder

Sechzig Jahre nach der Uraufführung wurde im Stuttgarter Landtag noch einmal Peter Weiss' dokumentarisches Stück "Die Ermittlung" über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse gezeigt - und die TheaterkritikerInnen verneigen sich vor der Regie von Burkhard C. Kosminski, der ganz auf Effekthascherei verzichtet. Es ist ein Kunststück, wie er das Spiel austariert, lobt Judith von Sternburg in der FR: "Einerseits spröde, ohne den Versuch einer Nachempfindung, die hier immer eine Spielfilmidisierung wäre, andererseits aber kein Vortrag, kein Deklamieren. Hier eine kleine Geste oder ein Augenblick der Verzweiflung, da ein regionaler Anklang, die Angeklagten nicht höhnisch lachend, aber doch minimalistisch feixend. Es gelang, sowohl eine Nähe herzustellen, Menschen zu zeigen, sich aber nichts von dem Leid anzueignen. In einer grauenhaften Situation muss man das dennoch feinsinnig nennen."

Ähnlich urteilt Egbert Tholl in der SZ, der das Stück in allen sechzehn deutschen Landtagen aufgeführt sehen möchte. Gerade die Schauspieler beeindrucken ihn: "Alle, die hier sprechen, vermeiden Pathos und Emotion, sprechen klar, sachlich, erschütternd objektiv. ... Im Frankfurter Prozess ging es nicht nur um die konkreten Täter, um die Blockführer, Ärzte, den Adjutanten des Lagerkommandanten, es ging auch um die Gesellschaft, in der deren Taten möglich waren." In der taz urteilt Björn Hayer: "Man hat großes Theater erlebt, durchaus. Aber eben auch ein Requiem, das einen noch lange danach schaudern lässt." Nachtkritiker Thomas Rothschild hebt die Aktualität der Inszenierung hervor, denn: "Wer hätte es in den sechziger Jahren für möglich gehalten, dass 'Argumente', die den Nationalsozialismus und die massenhafte systematische Ermordung von Juden relativieren, in Deutschland irgendwann einmal zwar nicht mehrheitsfähig, aber doch wieder geäußert und geduldet werden könnten?"

Mit dem Mega-Spektakel "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber eröffnete die Komische Oper im Tempelhofer Flughafen ihre aktuelle Saison, veranschlagt wurden 3,4 Millionen Euro Gesamtausgaben für die Produktion - das Geld stammt unter anderem aus dem sogenannten "Migrationsetat" von jährlich 3,26 Millionen Euro, weiß Hartmut Welscher bei VAN. Gedacht war der Etat eigentlich für die Mietkosten im Schillertheater, aber: "Tatsächlich fließt der Großteil des Migrationsetats aber nicht in das Schillertheater, sondern die sogenannten Außenspielstätten, allen voran die Großproduktionen im Tempelhofer Flughafen: Laut aktueller Vereinbarung zwischen Bauverwaltung und Oper vom März 2023, die VAN vorliegt, werden jährlich fast 3 Millionen Euro, und damit über 90 Prozent des gesamten Migrationsetats, für Miete, Betriebskosten und Instandsetzung der Außenspielstätten verwendet. Demgegenüber stehen nur etwa 280.000 Euro für die Bereiche, für die der Etat offiziell veranschlagt wird: Zusatzlager, Transport- und Logistikkosten im Schillertheater."

Weitere Artikel: In der Zeit singt Florian Zinnecker ein Loblied auf Tobias Kratzer, der mit Robert Schumanns Oratorium "Das Paradies und die Peri" seine Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper eröffnet. Backstage Classical veröffentlicht indes die Eröffnungsrede, die Elfriede Jelinek zur Eröffnung der Hamburger Opernsaison hielt und in der sie eine "neue Ära" unter Tobias Kratzer beschwört.

Besprochen werden außerdem das Stück "The Rocky Horror Drag Show", das das RambaZamba Theater in Berlin präsentiert (taz) und Julia Huebners Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" am Stadttheater Hagen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2025 - Bühne

Schauspielhaus Bochum: Der Spieler.
Stefan Hunstein, Stacyian Jackson (v. li.)© Armin Smailovic

Völlig überzeugt ist FAZ-Kritiker Simon Strauss nicht von Johan Simons Dostojewski-Adaption "Der Spieler", die am Schauspielhaus Bochum auf dem Programm steht. Etwas "Verhuschtes, Unkonzentriertes" habe die Inszenierung. Dem Ensemble jedoch, meint Strauss, schaut man "wie immer gerne beim Spielen zu. Lacht mit Stacyian Jackson über ihre Beyoncé-hafte Straßenkatzenhaftigkeit, bewundert die Plateau-High-Heels von Django Gantz als Croupier (überhaupt sind die extravaganten Kostüme von Kevin Pieterse ein eigenes Ereignis!) und lässt sich von Stefan Hunsteins abgebranntem General beim ausdrucksstarken Tanzen in Gedanken mit in die Arme nehmen. Er symbolisiert bei Dostojewski das alteuropäische Gewissen, das in jeder persönlichen Niederlage immer auch ein weltgeschichtliches Schicksalszeichen erkennen will."

Über Barrie Koskys Kafka-Collage "K.", die am Berliner Ensemble zu sehen ist, war an dieser Stelle bereits gestern jede Menge zu lesen. Noch nicht allzu viel allerdings über die Darstellerin der Titelrolle: Kathrin Wehlisch brilliert als Josef K., jubelt heute in der SZ Peter Laudenbach: "Das Tolle an Wehlischs Spiel ist, wie sie gleichzeitig wie Chaplin und mit dessen Tempo, Melancholie und Charme als ein von den Zahnrädern der Macht zerquetschtes, wehrloses Wesen um ihr Leben zappelt und kämpft. Über das, was ihrer Figur zustößt, staunt sie fassungslos - und grundiert das alles mit trockener Komik. Dabei behält ihr Spiel eine atemberaubende Leichtigkeit, als wäre das alles ein Tanz, auch wenn es ein Tanz über dem Abgrund ist."

Weitere Artikel: Sebastian Frenzel unterhält sich auf monopol mit Shermin Langhoff, die nach der laufenden Saison als Indendantin des Maxim Gorki Theaters abtritt. Dominik Straub berichtet in der FR über Proteste gegen die Ernennung Beatrice Venezis zur Leiterin des venezianischen Theaters La Fenice (siehe auch hier): Venezi gilt als Vertraute Giorgia Melonis mit entsprechendem Rechtsdrall.

Besprochen werden Ludger Vollmers "Rummelplatz"-Inszenierung an der Oper Chemnitz (nmz; "ein fabelhaftes ... Ensemble, ... allesamt in Hochform und sozusagen mit dem Herzen dabei"), Susan Kennedys "Parsifal" an der Oper Gent (van; "wunderbar hemmungsloser religiöser Kitsch"), Volker Schmidts "Brand" am Theater Braunschweig (taz; "nett gemeint, aber auch etwas anbiedernd"), Smetanas "Die verkaufte Braut" in der Inszenierung Dirk Schemdings an der Wiener Staatsoper (FAZ; "auf die Dauer etwas eintönig") und Kay Voges "Imagine" am Schauspiel Köln (SZ; "mäandert ein wenig bedrückend vor sich hin").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2025 - Bühne

Szene aus "K." am Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann

Seltsam "mäandernde wie attraktiv schillernd" - und immer wieder "packend" findet Manuel Brug in der Welt Barrie Koskys Kafka-Collage "K." am Berliner Ensemble: "Kosky gelingt spielerisch-mutwillig das operettige Kafka-Kunststück, uns gleichzeitig zum Lachen bringen wie das Fürchten zu lehren. Weil hier alles so schräg und fremd ist, bodenlos bisweilen, aber eben auch so heimelig und unterhaltsam. Denn Koskys Trick, ausgerechnet den nach außen hin assimilierten Deutsch sprechenden Prager Juden mit seinem Spaß am jiddischen, besonders in Warschau von Kafkas Freund, dem Schauspieler Jizchak Löwy gepflegten Tingeltangel zusammenzubringen, ist originell, exotisch, innovativ - und auch irgendwie zwingend."

Für taz-Kritikerin Katharina Granzin dauert es ein wenig, bis der Abend an Fahrt aufnimmt, dann aber ist sie ganz dabei: "Im zweiten Teil des Abends verdichtet sich die Atmosphäre unbestimmter Bedrohung, die den 'Prozess' durchwabert, zu atemberaubender Unentrinnbarkeit. Das abstrakte Prinzip des 'Gesetzes' nimmt übergroße, bühnenfüllende Form an, wird visuell verdeutlicht zu einem talmudischen Über-Ich. Kathrin Wehlisch verliest die 'Vor dem Gesetz'-Passage aus 'Der Prozess' auf Hebräisch. Constanze Becker doziert mit faschistischer Kälte über die Funktionsweise des tödlichen Folterinstruments aus 'In der Strafkolonie', der finstersten aller Kafkaschen Erzählungen." "Geistreiches Musiktheater" mit "Witz und Chuzpe" lobt Irene Bazinger in der FAZ. Und auch Nachtkritikerin Esther Slevogt ist hingerissen.

Szene aus "Das Paradies und die Peri". Foto: Monika Rittershaus.

Zu Beginn seiner Intendanz an der Hamburger Oper überraschte Tobias Kratzer Publikum und Kritiker mit Robert Schumanns kaum bekanntem Oratorium "Das Paradies und die Peri". Reinhard J. Brembeck hält sich in der SZ mit einem abschließenden Urteil zurück, ist aber auf jeden Fall musikalisch überzeugt: "Vera-Lotte Boecker als Peri liegt im weißen Kleid schon gleich zu Beginn auf der kahlen hellen Bühne. Ein paar Federn um sie herum deuten an, dass dieses Engelswesen wohl recht unsanft aus dem Paradies geworfen wurde. Den Grund erfährt man nicht, auch Kratzer vermeidet jede Erklärung. Boecker singt nuancenreich engelsgleich, reiht Sehnsucht an Verzweiflung an Strahlen an Jubel. Und Dirigent Omer Meir Wellber ist der ideale Mann an ihrer Seite. Er folgt ihr und den anderen Sängern bis ins Leiseste nach und lässt die wunderbar Schumanns Romantikton treffenden Hamburger Philharmoniker dann wunderbarerweise noch leiser spielen."

Jürgen Kesting klingt in der FAZ ein wenig ambivalent: "Geht es in der Inszenierung, wie es zur Erklärung der Stoffwahl hieß, um globale Krisen wie die Pandemie, die Blutkirmes des Krieges und die Klima-Krise? Nein, sie ist weit entfernt von den Banalitäten pseudo-aktueller Analogien. Die Peri erlebt und durchlebt Situationen, in denen existentielle Erfahrungen codiert sind. Der szenisch-erzählerische Reichtum Kratzers scheint unerschöpflich. Aber er führt dazu, dass der Regisseur Bilder und Effekte dergestalt aneinanderreiht, dass die Inszenierung zu ihrem eigenen Gegenstand wird - und zum Selbstgenuss eines Regie-Virtuosen."

Besprochen wird außerdem Cosmea Spellekens Inszenierung von Irmgard Keuns Roman "Nach Mitternacht" am Münchner Residenztheater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2025 - Bühne

"Kasimir und Karoline". Foto: Matthias Horn.


Einem "Nachtschattentraum" gibt sich SZ-Kritiker Egbert Tholl mit Barbara Freys Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater hin, das die Handlung auf das Oktoberfest verlegt hat: "Da stehen nun der Kasimir und die Karoline, weit auseinander auf der Bühne, die sich manchmal dreht wie zu einem müden Totentanz. So weit sind sie voneinander entfernt, dass man gleich weiß, die Liebe ist hin. (…) Simon Zagermann und Anna Drexler spielen ihre Figuren, als wären dies die Rollen ihres Lebens. Zagermann ist ein Trumm von einem Mann, aber der Orden, den er beim Hau-den-Lukas erwarb, hängt wie Hohn an ihm. (…) Drexlers Karoline ist kein Hascherl, eher eine scheiternde Idealistin, die einen Traum vom Glück noch nicht aufgegeben hat. Sie leuchtet leise vor sich hin, er kämpft permanent an gegen ein Auseinanderfallen."

Simon Strauss feiert in der FAZ vor allem die weibliche Hauptrolle: "So wie Anna Drexler die Karoline spielt, ist sie eine Schicksalsschaumschlägerin, die unbedingt erfahren will, was es heißt, das Spiel noch einmal ganz anders anzufangen. Nie, auch nicht in den Momenten größtmöglicher Demütigung, wenn sie, von lüsternen Männerblicken bedrängt, einen Schnaps nach dem nächsten trinkt, umgibt sie auch nur der Hauch einer Unsicherheit. Sie kippt die Shots mit großer Genugtuung, sie wechselt die Männer mit lustvoller Härte, sie schaut herablassend auf alle Melancholie - ihr Gemüt ist zum eigenständigen Erleben entschlossen."

Besprochen werden: "Imagine" von Kay Voges am Schauspiel Köln (taz), Tobias Kratzers Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper beginnt mit dessen Inszenierung von Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" und, gemeinsam mit Matthias Piro inszeniert, die Kinderoper "Die Gänsemagd" von Iris ter Shiphorst, Libretto von Helga Utz (FR), Ayad Akhtars KI-Stück "Der Fall McNeal" am Deutschen Theater Berlin, Regie führt András Dömötör (SZ), Barrie Koskys "K." mit Texten von Franz Kafka am Berliner Ensemble (Nachtkritik, Tagesspiegel), "Glaube Liebe Hoffnung oder Leistung muss sich leider lohnen" von Gerlinde Steinbuch auf Basis von Ödön von Horvath am Theater Konstanz, inszeniert von Nina Mattenklotz (Nachtkritik) und Dostojewskis "Spieler" in einer Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik).