Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2025 - Bühne

Szene aus Cedric Mizeros "Umunyana". Spielart Festival München

Bei der inzwischen 15. Ausgabe des Spielart-Festivals in München sieht SZ-Kritiker Egbert Tholl zwar durchaus auch Pathos und Kitsch, vor allem aber Produktionen aus dem Globalen Süden, die die "Wut über den Kolonialismus" ein Stück weit hinter sich gelassen haben: "'Spielart' verzichtet weitgehend auf pädagogisch wertvolle Vermittlungsarbeit, man muss die Kunst hier schon für sich ernst nehmen. Das Politische daran ist, dass unter den 29 Arbeiten, die hier zu sehen sind, viele etwas sichtbar machen, was einem mitteleuropäischen Blick auf Theater fremd ist. Einige davon sind Uraufführungen, vom Festival koproduziert. Wie etwa 'Umunyana' von Cedric Mizero aus Ruanda. Dass sein Aufführungsparcours, in dessen Zentrum eine Kuh steht, auf den Genozid in Ruanda rekurriert, kapiert man nur, wenn man nicht winzige Hinweise darauf übersieht. Und danach googelt, dabei etwa auf den Hinweis stößt, dass es für die Kolonialherren (erst deutsche, dann belgische) für die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi von Bedeutung war, wie viel Kühe jemand besaß." In der Nachtkritik geht Silvia Stammen eingehender auf die einzelnen Stücke ein.

Besprochen werden außerdem der dreiteilige Tanzabend "Boléro, Boléro" mit Choreografien von Anat Oz, Stephan Thoss und Rebecca Laufer & Mats van Rossum am Nationaltheater Mannheim (FR), Angela Denokes Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" am Staatstheater Mainz (FR), Katja Erfurths Tanztheatersolo "Aber ich höre nicht auf, solange ich kriechen kann" nach dem Buch "Guten Morgen, du Schöne" von Maxie Wander in Dresden (FAZ), Therese Willstedts Adaption von Thomas Bernhards Roman "Auslöschung. Ein Zerfall" sowie das Fritzi Wartenbergs Inszenierung "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von Werner Schwab, beide am Wiener Burgtheater (FAZ).
Stichwörter: Spielart-Festival

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2025 - Bühne

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui." Bild: Thomas Aurin.


Am Schauspiel Frankfurt inszeniert Christian Weise Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" und Tilman Spreckelsen hat in der FAZ einen ganz netten Abend mit der Geschichte um den Aufstieg des Kleinkriminellen Arturo Ui, der nicht zufällig an die Nazis erinnert. Mehr als ganz in Ordnung ist das Stück für ihn allerdings nicht: "Wenn es das Ziel war, Travestie zu vermeiden, dann scheint das nicht ganz gelungen. Dabei ist das Spiel der Darsteller in diesem Rahmen vorzüglich, die grotesken Gesten sind ebenso präzise gesetzt wie jene Momente, die das Überdrehte im Kontrast dazu als Stilmittel entlarven sollen. Die Frage, warum man sich dieses Stückes heute annimmt, wenn man es zugleich als grelle Revue von sich fernhält, stellt sich im Verlauf der Inszenierung immer dringlicher, und auch die ständige Illusionsdurchbrechung hilft da nicht weiter."

Judith von Sternburg sieht es in der FR lockerer und lobt das gelungene Spiel des Ensembles: "Zum Ausstattungsfest, das der Frankfurter 'Arturo Ui' bietet, kommt eine darstellerische Lust, auf die bei hohem Schauwert im Theater gelegentlich verzichtet wird. Hier nicht. Dem großen Ensemble wird einiges abverlangt, mancher und manche verschwindet hinter der Maskerade. Es ist aber auch ein großes Spielen und Sich-Gehenlassen. Keinen hier kann man als Clown abtun, und das ist auch nicht einfach Robert-Wilson-Ästhetik. Es gibt eine finstere Grundierung, Unruhe und Angst liegen in der Luft."

Weiteres: Ai Weiwei hat eine Oper inszeniert, obwohl er keine Opern mag und einen Dokumentarfilm darüber drehen lassen: Maxim Derevianko führt Regie bei "Ai Weiweis Turandot" (taz).

Besprochen werden: "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von Werner Schwab, Regie führt Fritzi Wartenberg am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, Standard), "Androgynous - Portrait of a Naked Dancer" von Lola Arias am Gorki Theater (Nachtkritik, Tagesspiegel, SZ), Schillers "Die Räuber" inszeniert Jana Vetten am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), "Holstein-Milchkühe" von Satoko Ichihara am Schauspielhaus Zürich (NZZ) und das Staatstheater Cottbus bringt Gerd Natschinskis Operette "Messeschlager Gisela", inszeniert von Katja Wolff, auf die Bühne (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2025 - Bühne

Szene aus "Die Verwandlung" am Thalia Theater Hamburg © Krafft Angerer

"Unruhige Träume" hat Nachtkritikerin Katrin Ullmann nach Burhan Qurbanis Inszenierung seines Stücks "Die Verwandlung" am Thalia Theater Hamburg. "Schrecklich gegenwärtig" erzähle Qurbani von (post)-migrantischen Schicksalen, kafkaesken Behördengängen, Entfremdung: "Die Szenen, die Qurbani aus dieser Dokumentar-Poesie erschafft, sind Skizzen. Sie zeigen flüchtige Zustände die in- und wieder auseinander fließen, oft unterlegt von ungutem Surren oder kratzenden Streichern. Es sind fahrige Begegnungen von Suchenden und Traumatisierten, von Behördendeutschen und Heimatlosen, von Helfenden, Vaterlosen und Enttäuschten. Von solchen, die die Nacht durchtanzen und welchen, die aus unruhigen Träumen erwachen. Selbstredend ist die Bühne ziemlich ungemütlich: Schwarz verkohlte Überreste eines Hauses hat Elisa Limberg darauf verteilt - sofort denkt man an Brandanschläge. Zwischen Sofa, Tisch und Stühlen reckt sich ein ungesundes Gebilde, ein wucherndes Geschwür, wie dichter, ewiger Rauch zur Bühnendecke."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2025 - Bühne

Besprochen werden Emanuel Şipals Inszenierung "Der Zauberer von Öz. Eine Fußballtragödie" über Aufstieg und Fall von Mesut Özil am Theater Bremen (Welt) und Stefan Puchers Inszenierung von Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" am Theater Basel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2025 - Bühne

Szene aus "Der lachende Mann" am Staatstheater Augsburg © Jan-Pieter Fuhr

"Anti-Kuschel-Theater" sieht Nachtkritiker Willibald Spatz mit Armin Petras Adaption von Victor Hugos Roman "Der lachende Mann" am Staatstheater Augsburg. Lustig ist das nämlich gar nicht, dafür gibt es "bombastische Bilder". Es geht um den jungen Mann Gwynplaine, dem als Kind Schlitze in die Mundwinkel geschnitten werden. So entstellt, muss er sich alleine durchschlagen - bis er erfährt, dass er eigentlich adelig ist: "Weder den Darstellenden noch den Zuschauern wird viel Zeit zum Verschnaufen gegönnt. Sollte das jemand ermüden, entspricht das dem Pace der Zeit. Wer ausruht, ist schnell verhungert auf der Straße respektive am Hof - oder ins Nichts hinausintrigiert. Patrick Rupar muss sich als Gwynplaine einen riesigen roten Mantel umtun, der buchstäblich die Hälfte der Spielfläche ausfüllt und der gleichzeitig als Liebesnest für ihn und seine Herzogin Josiana dient. Diese stattet Katja Sieder mit einer herrlichen Zickigkeit aus. In seinem Lustverhau erfährt dann Gwynplaine auch, dass er eigentlich adelig ist. Jetzt passt der Mantel ihm wirklich nicht. Es wird zu groß. Die neue Rolle, mit der kann er nichts anfangen."

Etwas anstrengend findet Yvonne Poppek in der SZ das Stück, vor allem in der zweiten Hälfte, die als Casting-Show inszeniert ist. Darin stecke allerdings eine Reflexion auf das Theater: "Das fahrende Volk, die Komödianten, die heutigen Showgäste, sie alle dienen der Unterhaltung, dienen dem Schein, verbergen das Sein. Erfolgreich ist, wer bietet, was das Publikum will. Armin Petras scheint den eigenen Beruf hier mitzudenken, nicht umsonst ist der Abend artifiziell, um das Schauspiel als solches sichtbar zu machen."

Weiteres: In der NZZ wird Matthias Schulz, Intendant der Oper Zürich, von Christian Wildhagen zu seiner Entscheidung befragt, Anna Netrebko für die weibliche Hauptrolle in Verdis "Macht des Schicksals" zu engagieren. Besprochen wird Tom Kühnels Inszenierung von Rhea Lemans Stück "Arendt" (eine "Hannah-Arendt"-Revue, die leider "keine Funken" schlägt, Zeit).
Stichwörter: Hugo, Victor, Petras, Armin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2025 - Bühne

Eugen El besucht für monopol das Performance-Festival "Quovadis" in der Frankfurter Katharinenkirche.

Besprochen werden Peter Weiss' im Stuttgarter Landtag von Burkhard C. Kosminski inszeniertes Stück "Die Ermittlung" (NZZ; "Kosminski macht in seiner Inszenierung nichts falsch", siehe auch hier), eine "Fledermaus"-Inszenierung am Theater an der Wien (Zeit Online; "ohne jeden Schmäh, eher grobmaschig in den Effekten"), Detlev Glanerts Kinderoper "Die drei Rätsel" an der Deutschen Oper Berlin (nmz; "eine ganz tolle Sause") und das Brecht-Stück "Furcht und Elend" am Berliner Theater Ost (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2025 - Bühne

Besprochen werden Barbara Englerts Performance "Die Ilias. Jetzt erzähle ich" in der Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter in Frankfurt (FR), zwei Inszenierungen von Verdis Oper "Falstaff", einmal von Marlene Hahn an der Oper Leipzig und von Damiano Michieletto an der Semperoper in Dresden (FAZ), Mats Eks Ballett "Carmen", das die Oper Zürich zum Achtzigsten des Choreografen zeigt (NZZ), und die Märchenoper "Die drei Rätsel" an der Oper Berlin (taz, tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2025 - Bühne

"Spiel des Schwebens." Bild: Felix Grünschloß.


Am Schauspiel Frankfurt hat Christina Tscharyiski Anja Hillings "Spiel des Schwebens" uraufgeführt: Das Stück basiert auf Jean-Jacques Rousseaus pädagogischem Roman "Émile", weiß Tilman Spreckelsen in der FAZ. Die Protagonistin Miko soll von allen schlechten Einflüssen ihrer Eltern Vesna und Nils beschützt werden, die sich als Erziehungsberaterin die KI Kali ins Haus holen, eine körperlose Macht: "Was man einem Wesen antut, das man mit den besten Absichten von seinen Wurzeln fernhält, wird hier sehr deutlich. Freilich auch, dass dieses Stück in seinem Kern nicht auf ein Bühnengeschehen angelegt ist, sondern seinen Inhalt vor allem in diesem Teil über Sprache vermitteln möchte. Das ändert sich im Epilog, der dann auch noch den hintersten Bereich der Bühne nutzt und auf eine transparente Leinwand die Silhouetten von Vesna und Nils projiziert, in wechselnden Größen, und virtuos das Beziehungsgeflecht zwischen Mikos Eltern beleuchtet... Dieser letzte Teil gleicht mit seinen grandiosen Bildern vieles aus, was man an Sinnlichkeit in den vorigen Abschnitten vermissen konnte."

In der FR erkennt Judith von Sternburg zwar die Schwächen des Stücks, aber auch die schöne künstlerische Skurrilität: "Das Unbehagen des Vermutlich-Misslingens liegt über dem Text. Miko treibt es fort von dort und zwischenzeitlich in einen seltsamen, einsamen Selbstfindungsraum hinein (das scheint Kalis Idee gewesen zu sein, schwer zu sagen, ob man wirklich auf eine KI hören soll, wenn es um pädagogische Fragen und Kindeswohl geht). Die Eltern werden ebenfalls auseinandergehen, bevor sie sich vorm Tod wiederbegegnen. So läuft das auf eine etwas mühselig komplex gebaute Situation hinaus. Aber Tscharyiski sorgt zumindest dafür, dass das Künstliche und Konstruierte daran nicht geglättet, sondern mit den Mitteln des Theaters reizvoll ausgestellt wird." Auch taz-Kritikerin Shirin Sojitrawalla schwankt etwas zwischen Interesse und Verwirrung: "Zeiten, Maßstäbe, Realitäten purzeln in dem mit vielen Zeitsprüngen operierenden Stück durcheinander. Man kann es als Plädoyer für die Fehlerhaftigkeit der Welt lesen. So ganz klar ist das allerdings an diesem Abend nicht."

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Rainald Goetz' "Lapidarium" am Residenztheater München, inszeniert von Elsa-Sophie Jach (FAZ), die Kinderoper "Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse", die Samuel Penderbayne an der Komischen Oper basierend auf einem Buch von Christine Nöstlinger inszeniert (FAZ, Tagesspiegel), Klaus Manns Roman "Mephisto" wird von Luk Perceval am Staatstheater Wiesbaden inszeniert (FR, Nachtkritik), Tom Kühnel inszeniert Rhea Lemans Stück "Arendt. Denken in finsteren Zeiten" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik, Spiegel Online), Emre Akal inszeniert "Die Tragödie von Romeo und Julia" frei nach Shakespeare am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik), Itay Tiran inszeniert "Onkel Wanja" von Tschechow am Schauspiel Köln (Nachtkritik) und Detlev Glanerts Oper "Die drei Rätsel", Regie führt Brigitte Dethier an der Deutschen Oper (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2025 - Bühne

Szene aus "Lapidarium" am Münchner Residenztheater. Foto: Sandra Then. 


Rainald Goetz' neues Stück "Lapidarium" gilt eigentlich als unaufführbar ob der zahllosen Referenzen, Namen und Ortswechsel - nun hat Elsa-Sophie Jach es trotz allem im Münchner Residenztheater auf die Bühne gebracht. Ist es ihr gelungen? Nachtkritikerin Dorte Lena Eilers ist ein bisschen zwiegespalten: "Wie schreiben über das, was am Ende zählt? Über Freundschaft. Über ein Lebensgefühl. Über Kunst. Über den Tod. Oberflächlich betrachtet scheint 'Lapidarium' ein Stück aus lauter Skizzen zu sein. In seiner Tiefenstruktur ist es eine fein gesponnene Komposition aus Sprache und Sprache und Sprache. Jachs Inszenierung ist immer dann stark, wenn sie Sprachkomposition und szenische Konkretion in der Schwebe zu halten vermag, und das Goetz'sche Panorama nur für Momente von der Totalen auf das Close-up springen darf. Für Augenblicke geraten da ins Bild: Herr Geiser, Max Frischs einsamer Witwer aus seiner Erzählung 'Der Mensch erscheint im Holozän'. Michael Rutschky, Schriftsteller und früher Mentor des Autors Rainald Goetz. Wolfgang Herrndorf, dessen Selbstmord das Stück nahezu minutiös seziert." Leider "misstraut" die Regisseurin im Laufe der Inszenierung immer mehr dem Text, findet die Kritikerin, dabei bleibt manches, was bei Goetz "zart, eindringlich und erschütternd" ist, hier etwas an der Oberfläche.

Besprochen werden Adrian Figueroas Adaption von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" an der Staatsoper Hannover (nachtkritik), Tomas Schweigens Inszenierung von Miriam Unterthiners Stück "Blutbrot" im Theater am Werk in Wien (nachtkritik), Ulrich Lenz' Inszenierung von Dimitri Schostakowitschs Operette "Moskau, Tscherjomuschki" an der Oper Graz (SZ) und Christoph Marthalers Inszenierung von "Mein Schwanensee" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (FAZ).
Stichwörter: Goetz, Rainald

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2025 - Bühne

Szene aus "Bevor ich es vergesse". Foto: Armin Smailovic

Für den SZ-Kritiker Egbert Tholl ist Wiebke Puls ohnehin seit zwanzig Jahren ein "Ereignis" im Ensemble der Münchner Kammerspiele - und das bleibt sie auch, wenn sie nun Anne Paulys 2019 erschienenen Roman "Bevor ich es vergesse" auf die Bühne bringt. Puls hatte den autofiktionalen Text über Paulys Erinnerungen an ihren flamboyanten und geistreichen, aber auch versoffenen und gewalttätigen Vater bereits als Hörbuch eingelesen, nun überzeugt sie auf der Bühne: "Wiebke Puls spielt manchmal völlig für sich, da schaut man Anne einfach gern zu. Mehr noch redet sie mit dem Publikum. Dann gibt es diese unfassbaren Momente, in denen man völlig machtlos ist, in denen man glaubt, in Annes Geschichten hineinzufallen, weil man sie kennt, bis ins Detail." Auch Nachtkritikerin Christine Wahl erlebt "Ausnahme-Schauspiel vom Feinsten": "Wie intensiv und genau sie in ihrem Gesicht etwa - weil Tragödie und Komödie ja auch (oder gerade) bei den letzten Dingen bekanntlich nahe beieinanderliegen - einen Wein- zu einem Lachkrampf mutieren lässt und wieder zurück, wie lakonisch sie die Vitrinenschrankfunde kommentiert, ohne dabei auch nur eine Sekunde den Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen vergessen zu machen."

Szene aus "Mein Schwanensee". Foto: Matthias Horn

Christoph Marthaler vollendet seine Trilogie am Hamburger Schauspielhaus mit dem Stück "Mein Schwanensee" und Nachtkritikerin Katrin Ullmann ist geradezu beseelt: Erscheinen ihr die Abende der "Melancholie-Regie-Legende" doch immer wie Gottesdienste. So auch diese Inszenierung, die zwar wenig Tschaikowski und eher schwache Texte von Elfriede Jelinek im Fitnessstudio präsentiert, aber durch die Schauspieler besticht: "Unbeirrbar singen, summen, schreiten und sprechen sich die Spieler durch diesen Abend. In immer wieder hochplätschernden Wellen voll feinstofflicher Komik. Nur minimal agieren sie dafür zwischen Turngeräten und Klavieren, blicken mal auf die Kanzel und mal auf ein - man muss die Augen beim Blick auf die Trainingsbank an der Bühnenrückwand nur ein bisschen zukneifen - Kreuz. Glockenhelle Stimmen, feine Rhythmik und immer wieder rätselhaftes Innehalten: 'Mein Schwanensee' ist eine typische, hochmusikalische, Marthaler-Andacht."

Besprochen wird außerdem "Blinded by Delight" - eine Grand Show von Oliver Hoppmann und Berndt Schmidt am Friedrichstadt Palast Berlin (nachtkritik).