Weiterhin viel kommentiert wird der Übergriff von Zuschauern auf einen Schauspieler, der am Schauspielhaus Bochum in einer Vorführung von Tiago Rodrigues' "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten" einen Faschisten spielte (mehr hier). Jakob Hayner findet das in der Welt abstoßend, aber auch hochinteressant: "Einerseits wirkt der Tumult wie eine Live-Aufführung einer Social-Media-Dynamik. Der Mob stürzt sich auf einen Einzelnen, der symbolisch als Feind markiert ist. Einige Schreihälse machen Stimmung, in deren Schutz andere zur Attacke übergehen, während die Mehrheit schweigend zuschaut. Andererseits kann man das auch als Indiz nehmen, dass die heute so oft beschworene 'klare Kante gegen rechts' vor allem eine symbolische Revolte ist. Man tobt sich bevorzugt an Feindbildern aus, die nicht mehr als Repräsentation oder Symptom einer zugrundeliegenden Wirklichkeit begriffen werden. Wer stets nur gegen Zeichen kämpft, attackiert auch Zeichenträger - wie Schauspieler." Rüdiger Schaper ordnet den Vorfall im Tagesspiegel theatergeschichtlich ein und äußert den Verdacht, dass in Bochum rechte Provokateure am Werk gewesen sein könnten.
Weiteres: Lisa Pham spricht auf monopol mit der Choreografin Kianí del Valle, die die Super-Bowl-Halbzeitshow des Musikers Bad Bunny erarbeitet hat. Atif Mohammed Nour Houssein macht sich auf nachtkritik Gedanken über Theater und Politik, beziehungsweise beider Differenz. Besprochen wird Anna Gmeyners "Automatenbüffet" am Münchner Residenztheater (FAZ).
Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" am Thalia Theater. Foto: Fabian Hammerl. Für Aufregung sorgte Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" im Hamburger Thalia Theater schon im Vorhinein. Man ließ verschiedene Persönlichkeiten in den "Zeugenstand" treten und befragte "echte Juristen, Experten und politische Akteure", wie Anna Vollmer in der FAZ berichtet, um am Ende über ein AfD-Verbot abzustimmen. Weil Rau auch Politiker aus dem extrem rechten Spektrum eingeladen hatte, sagten einige Teilnehmer die Veranstaltung ab. Vollmer ist jedenfalls nicht ganz überzeugt von der Sinnhaftigkeit: "Weil das, was hier passiert, nicht geprobt oder abgesprochen ist und auch keine Faktenüberprüfung auf der Bühne stattfindet, werden nicht nur Argumente, sondern auch emotionale Reden und mitunter ziemlicher Unsinn ausgetauscht. Zu den Rednern, die sich vehement gegen ein Verbot der AfD aussprechen, gehört der Journalist Harald Martenstein. Mit seinem Auftritt will er bewusst provozieren, schießt aber selbst nach diesen Maßstäben über das Ziel hinaus: wenn er etwa suggeriert, auch ein Verbot der Union stünde im Raum." Martensteins Redebeitrag ist in der NZZ und in der Welt abgedruckt.
Zwiegespalten rekonstruiert auch Benno Schirrmeister in der taz die Veranstaltung: "Unproblematisch war sie zu keinem Zeitpunkt", meint der Kritiker, dem zum Beispiel die Einladung von Frauke Petry unverständlich ist. "Seltsam inquisitorisch" wurde es manchmal auch, zum Beispiel als der konservative Historiker Andreas Rödder befragt wurde: "Denn Rödder hatte ja zuvor einerseits erklärt, dass ein AfD-Verbot unvermeidlich wäre, sollte der Nachweis gelingen, dass die Partei offensiv verfassungsfeindlich ist. 'Dann gehört sie verboten', so der Professor. Anders, als beim seinerzeitigen KPD-Verbot hätte man Rödder zufolge in diesem Falle aber mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu rechnen (...) Hier weiterzubohren, hätte ergiebig sein können. Aber diese Hakeleien und vergebenen Chancen sind politisch aussagekräftig und markieren Höhepunkte. Die künstliche Situation der Zeugeneinvernahme ermöglicht andere, gleichsam unhöflichere, aber dafür mitunter ergiebigere direkte Kommunikation: Das ist der Vorzug eines solchen Projekts. Das war allerdings ausgerechnet durch Dramaturgiefehler sowohl am Eröffnungsabend als auch am Samstagnachmittag mehrfach an den Rand des Scheiterns gebracht worden." Rau hat hier vor allem sein Talent für "schrille Shows" gezeigt, meint Peter Laudenbach in der SZ: "So viele grelle Figuren hat nicht einmal Christoph Schlingensief auf der Bühne versammelt." Auch Axel Brüggemann ist in Backstage Classical wenig begeistert.
Weitere Artikel: Claus Leggewie resümiert in der FR die Brecht-Tage in Berlin. Tom Mustroph freut sich in der taz über die Festivalreihe "Puppen-Spezial" am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Evgeny Titovs Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" an der Oper Graz (FAZ), Andrea Schwalbachs Inszenierung von Francis Poulencs Oper "Dialogues des Carmélites" am Staatstheater Karlsruhe (FR) und Fabian Hinrichs Ein-Mann-Stück "Irgendetwas ist passiert" an der Volksbühne Berlin (FAZ).
"Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic.
Es ist ordentlich was los am Bochumer Schauspielhaus: Mateja Koleznik inszeniert "Catarina oder Von der Schöhnheit, Faschisten zu töten" von Tiago Rodrigues, ein Stück über eine Familie, die Jahr für Jahr einen Faschisten entführt, ein Festmahl veranstaltet und den Gefangenen als feierlichen Abschluss erschießt. Hubert Spiegel sieht für die FAZ also einen Abend mit Sprengkraft, wie die Publikumsreaktion auf den Monolog des von Ole Lagerpusch gespielten Faschisten beweist: "In Bochum musste die Dramaturgin Angela Obst das erregte Publikum nach etwa fünfzehn Minuten bitten, die Bühne als geschützten Raum zu respektieren und keine der per Mobiltelefon gemachten Videoaufnahmen von Ole Lagerpuschs Monolog ins Netz zu stellen. Tosender Beifall auch jener, die es noch zwei Minuten zuvor als angemessen und geradezu zwingend empfunden hatten, im Theatersessel kämpferisch gegen Rechtsextreme Stellung zu beziehen, obwohl vermutlich gar keine Rechtsextremen anwesend waren. Ein grandioser Theaterabend also. Jetzt könnte man reden über Repräsentanz und Katharsis, die Rhetorik der Extremisten jeglicher Couleur, die Anziehungskräfte des Autoritären und die Ästhetiken des Widerstands."
Nachtkritiker Martin Krumbholz findet harte Worte dafür, dass das Bochumer Publikum nicht in der Lage war, den Monolog als Teil der Rolle zu erkennen und zu Protest ansetzte: "Was für eine Blamage! Teile des Bochumer Publikums, das man fast für eins der theateraffinsten der Republik gehalten hätte, sind offenbar zu doof, man muss es einmal so krass sagen, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden; dabei offenbaren sie die stupende Selbstgerechtigkeit eines Milieus, das die eigene Meinung von vornherein für über jeden Zweifel erhaben hält. (…) Die Leute glaubten, geschickt verdeckte Inhalte zu enttarnen und wurden wütend. Vermutlich wird das Schauspielhaus der zweiten Vorstellung eine Triggerwarnung voranstellen. Es scheint unverzichtbar. Das Fiasko am Premierenabend jedoch wird in die Bochumer Theatergeschichte eingehen, auf andere Art als geplant."
Weiteres: Die NZZ druckt Harald Martensteins Rede auf Milo Raus "Prozess gegen Deutschland"-Veranstaltung - für Martenstein ist darin nicht die AfD demokratiefeindlich, sondern diejenigen, die ein Verbotsverfahren anstreben.
Besprochen werden: "Automatenbüffet" von Anna Gmeyner am Münchner Residenztheater, inszeniert von Elsa-Sophie Jach (SZ, Nachtkritik), Nikolai Rimski-Korsakows Oper "Schneeflöckchen" am Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Maxim Didenko (FR), Rebekka Kricheldorfs "Die Insel", Regie führt Schirin Khodadadian am Hessischen Landestheater Marburg (Nachtkritik) und CharlesGounods Oper "Faust", inszeniert von Lotte de Beer an der Bayerischen Staatsoper in München (Welt).
Endlich mal wieder Kontroverse, seufzt Jacob Hayner in der Welt. Die von Matthias Lilienthal geleiteten Lessing-Tage am Hamburger Thalia Theater geben ihm schon mal einen prickelnden Vorgeschmack auf Lilienthals kommende Intendanz an der Volksbühne. In Hamburg hat Lilienthal Milo Rau mit an Bord geholt. Der lässt auf der Bühne in einem "Prozess gegen Deutschland" ein mögliches Parteiverbot der AfD durchspielen: "Den Vorsitz hat die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin inne, die Verteidigung übernimmt unter anderen Welt-Autor Frédéric Schwilden. Als Zeugen angekündigt sind die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry, der CDU-Politiker Andreas Rödder, der Historiker Volker Weiß, der Correctiv-Chefreporter und Aktionskünstler Jean Peters, der Bild-Kolumnist Harald Martenstein, der Hamburger SPD-Kultursenator Carsten Brosda und viele weitere." Es gab natürlich schon Aufregung, der Ethikprofessor Rainer Mühlhoff sagte kurz vor Beginn ab, "weil auch 'Akteure aus dem ultrarechten und radikalisierten konservativen Spektrum' beteiligt seien. ... Am Ende der drei Prozesstage, die auch als Livestream übertragen werden, entscheiden Geschworene."
Weitere Artikel: In der FAS porträtiert Helene Röhnsch die "Ausnahmeschauspielerin" Maren Eggert, derzeit am Deutschen Theater Berlin. Stefan Grund annonciert in der Welt das Programm des Hamburger Theaterfestivals, das im Mai beginnt.
Besprochen werden Yael Ronens und Itai Reichers Klimakatastrophenkomödie "Planet B" am Landestheater Tübingen (nachtkritik), Karin Henkels Inszenierung der beiden Horváth-Stücke "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung" am Theater Basel (nachtkritik), Stephan Müllers "Hamlet" an der Josefstadt (FAZ), Sabine Auf der Heyde und Holle Münster Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" in den Berliner Sophiensälen (SZ) und Jim Raketes Regiedebüt mit Samuel Becketts "Das letzte Band" mit Christian Redl als Krapp am St. Pauli Theater Hamburg ("passt schon", meint nachtkritiker Falk Schreiber).
Szene aus "Auf allen Vieren". Foto: Mayra Wallraff Mit der Übersetzung von Miranda Julys Roman "Auf allen Vieren" über eine Mittvierzigerin, die sich sexuell befreit, kam die Menopausen-Literatur auch nach Deutschland, nun bringen die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den Roman auf die Bühne der Berliner Sophiensäle. Die Inszenierung gerät mitunter "sperrig", für Spaß aber sorgen die Schauspielerinnen Meike Droste und Fritzi Haberlandt in Personalunion, atmetNachtkritikerin Elena Philipp auf: Zum Beispiel wenn die beiden "die sich aufbauende sexuelle Spannung zwischen der Hauptfigur und dem Tankstellenmitarbeiter Davey illustrieren. Mit flatternden Händen, zuckenden Beinen und gestelztem Gang verlieren sie sich in einem Balztanz - vor einer Tulpentapete, die in der Projektion zu einem drogenrauschartigen Farbflimmern verläuft (Video: Isabel Robson). Die intime Szene, in der Davey der älteren Liebhaberin und als Künstlerin bewunderten Frau einen Tampon einführt, performen Droste und Haberlandt in eingefrorener Schoß-Sitz-Pose vor den Bildern von Schnecken-Sex."
Weitere Artikel: Was für eine Entdeckung, freut sich Hannah Schmidt auf Zeit Online, nachdem sie 130 Jahre nach deren Entstehung die feministische Oper "Die Fritjof-Saga" der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée auf der Bühne des Aalto Theaters in Essen sehen konnte: Ein "feministischer Gegenentwurf" zum Parsifal, so Schmid, allein die Inszenierung von Anika Rutkofsky überzeugt nicht, seufzt sie. Im FR-Interview mit Sylvia Staude erzählt Samuel Wuersten, Leiter des gerade stattfindenden Holland Dance Festivals (mehr hier) unter anderem über den Nachwuchs in den Niederlanden und Tanz in der deutschen Provinz. Simon Strauss porträtiert in der FAZ die Schauspielerin und Regisseurin Julia Riedler, die gerade den Hamlet in Freiburg inszeniert.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Eine Geschichte mit Happy End erzählt Willi Winkler in der SZ. Kaum glauben konnte er beim Spaziergang über den Zürcher Friedhof Fluntern, auf dem viele bekannte Persönlichkeiten liegen, dass das Grab der Schauspielerin Therese Giehse dort aufgelöst werden sollte, weil niemand die Kosten für die Grabpflege übernehmen wollte. Im Endeffekt hat sich die Stadt dann aber doch schnell umentschieden: "Peter Stein antwortet nicht auf eine Mail, dafür reagiert Franz Xaver Kroetz sofort. Auf die Frage, ob er sich an den Kosten für die weitere Grabpflege beteiligen würde, knurrt es in seiner Antwort-Mail hörbar: 'Ich kann mir nicht vorstellen, dass das reiche Zürich sich die Schande antut und dieses Grab auflösen lässt.' Und siehe da, der Dichter hat wie immer recht. Bereits nach einer Woche kommt ein Bescheid von der Fachstelle Grabmal- und Friedhofkultur. Es war alles ein 'administratives' Missverständnis. 'Nicht nur aufgrund des Lebenswerkes und der bedeutenden Persönlichkeit der Verstorbenen, sondern auch durch das unter Denkmalschutz stehende Grabmal wird die Grabstelle sicher erhalten bleiben.'" Übrigens: Über das Leben der Giehse hat Barbara Yelin eine Graphic Novel veröffentlicht.
Besprochen wird Philipp Grigorians Inszenierung von Verdis Oper Luise Miller an der Staatsoper Wien (FAZ).
Richtiggehend wütend wird Welt-Autor Manuel Brug über die szenische Einfallslosigkeit: "Alles ist hier irgendwie possierlich und verzwergt: die Kirmes auf ein paar Holzbänkchen; die Gartenszene vor einem Häuschen, in dem Nachbarin Marthe (Dshamilja Kaiser) als Mutterersatz schnarcht und später stirbt; das Bild in der Kirche, wo nur ein Kapellchen steht und Margarete ihren vielfach herumgezerrten Säugling taufend im Weihwasser ertränkt; die statische Walpurgisnacht als Video im Winkel. An furiose 'Faust'-Regieikonoklasten wie Ken Russell oder John Dew durfte man bei diesem braven, unbedingt repertoiretauglichen Ringelreihen niemals denken." Noch härter geht Wolf-Dieter Peter auf nmz mit de Beer ins Gericht: "Der Buhsturm für sie hätte Orkan-Stärke erreichen müssen".
Gauthier Dance und Gauthier Dance Juniors tanzen Ravel's Bolero, choreografiert von Andonis Foniadakis. Auf Trampolins! Foto: Rahi Rezvani / Holland Dance Festival
Ziemlich begeistert berichtet Sylvia Staude in der FR vom Holland Dance Festival, das in diversen niederländischen Städten Aufführungen auf die Beine stellt und dieses Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Jede Menge erstklassige Bewegungskunst gibt es da laut Staude zu bewundern, sehr viel Freude hat sie beispielsweise an Jan Martens' "Kid In a Candy Shop" und dessen "Bewegungssprache, die ein bisschen drollig ist, manchmal kleinteilig, dann ausgreifend, auch kantig und maschinenhaft. An Merce Cunninghams Streben nach reinem, abstraktem Tanz durch den Zufall und die Improvisation erinnert 'Kid In a Candy Shop', aber zwischendurch entstehen Reihung und Ordnung, entstehen fiebrige Solos zum atemlosen Rattern des Cembalos. Die Formationen und mal auch die Farben der Bodies ändern sich, vor allem aber sind die Bewegungssequenzen reich an Details, an punktgenauem Innehalten, dann wieder herrlicher Schnelligkeit. In keiner der 40 Minuten herrscht Leerlauf."
Weitere Artikel: Marita Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über die Querelen rund um das Theater Ost, das sich am Standort Adlershof mit einer Räumungsklage konfrontiert sieht. Esther Slevogt überlegt in der nachtkritik, was Kürzungen in Bildungsangeboten für das Theater bedeuten könnten.
Besprochen werden ein Tschechow-Abend am Staatstheater Darmstadt (FR), Michael Thalheimers "Salome"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne (Welt, siehe auch hier) sowie in einer Doppelbesprechung zwei Inszenierungen von Lot Vekemans "Blind", am Schauspiel Hannover und am Theater Osnabrück (taz).
Szene aus "Salome" an der Berliner Schaubühne. Foto: Katrin Ribbe Diesen Abend wird SZ-Kritiker Peter Laudenbach nicht so schnell vergessen: Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs Einakter "Salome" an der Berliner Schaubühne und das ist nichts für schwache Nerven: "Theater wie ein Felsbrocken, an dem man sich den Kopf einschlagen kann." Lust sei "hier von Mordlust kaum zu trennen. Thalheimer macht aus dem Stück eine hoch konzentrierte Sprechoper. Die Auftritte der Spieler sind ins Statuarische getrieben, hart und dicht wie Schleefs Text, wenn sie ihre Monologe wie Wahnsinnsarien oder Todesurteile frontal ins Publikum schießen. Alina Stiegler genügen präzise ausgezirkelte Kopfbewegungen, um ihrer Salome eisige Gefühlskälte zu geben. Sehr lustig ist, dass die Stieftochter des Herrschers Herodes hier nicht rollenklischeetypisch als somnambule Jungfrau, sondern als gelangweiltes Rich Kid auftritt."
In der FAZ ist Irene Bazinger völlig begeistert von Thalheimers "abstrakt bestechenden Tableaus des Niedergangs". "Alles ist Form, alles ist Emotion - in seiner packenden Inszenierung sind das keine Widersprüche. Der Tanz der Salome etwa ist ein luzides Konstrukt aus zeitlupenhaft konzentrierten Gesten der Angst, der Demaskierung, des Selbstmords. Dazu begleitet die chinesische Musikerin Yuebo Sun, die nun auch auf die Bühne gekommen ist, auf der Erhu, einer zweisaitigen Röhrenspießlaute. Die sinnlich fremden, klagenden, exotisch anmutenden Klänge geben dem pantomimischen Tanz die Dimension einer Wahrheit, die endlich aufgedeckt wird."
Nach 130 Jahren wurde "Die Fritjof - Saga" von Elfrida Andrée und Selma Lagerlöf zum ersten Mal am Aalto-Theater in Essen uraufgeführt. Die Oper schrieb Andrée für einen Kompositionswettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses Stockholm und gewann die spätere Literaturnobelpreisträgerin als Librettistin, lesen wir. Für FAZ-Kritiker Jan Brachmann hat sich der Besuch der Oper, die die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin Ingeborg und dem Bauernsohn Fritjof erzählt, auf jeden Fall gelohnt: "Im zweiten Akt gibt es ein großartiges Liebesduett zwischen Fritjof und Ingeborg. Und es wird in Essen mit gazellenartiger Eleganz vom Tenor Mirko Roschkowski und mit lodernd-leichter Lyrik von der Sopranistin Ann-Kathrin Niemczyk gesungen. In der girrenden Musik durchdringen einander Hans-Sachs-Schwärmerei und Venus-Berg-Hitze. Da singen zwei Menschen, die es verhängnishaft zueinander zieht, voller Glut und Gier. Und trotzdem entscheidet sich Ingeborg für den Staatsfrieden und gegen das Glück einer erotischen Erfüllung."
Besprochen wird Philipp Preuss' Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Darmstadt (taz).
"Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version)". Bild: Rolf Arnold.
Wer aus unerklärlichen Gründen noch nicht genug von Taylor Swift hat, sollte sich im Leipziger Schauspielhaus einfinden: Hier inszeniert Pia Richter Shakespeares Verwechslungskomödie "Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version)" - also stellenweise mit Liedern von Swift. Die Aufführung gerät mit weniger als neunzig Minuten reichlich kurz, findet Andreas Platthaus in der FAZ: "Entfallen sind schließlich alle burlesken Szenen um die betrunkenen Edelleute und das böswillige Hauspersonal, damit auch die subtile Balance des Stücks zwischen gebundener und prosaischer Sprache. Von dieser Digest-Länge geht noch etwa eine Viertelstunde Taylor-Swift-Lieder ab - so kommen wir auf Shakespeare im Tiktok-Tempo. Andererseits sind auch die verbalen Schlagabtäusche von höchstem Tempo, was dem Bühnengeschehen guttut."
Nachtkritikerin Jorinde Minna Markert bleibt ebenfalls skeptisch: "Das Ganze kommt Best-of-mäßig daher. Handlung wird gerafft, Sätze werden mundgerecht gemacht, das Rollenpersonal durchökonomisiert, ebenso die ausufernde, aber nie uferlose Shakespeare'sche Sprache. Alles in allem - ziemlich entwilliamisiert. Das wäre ja gar kein Problem, wenn es dafür im gleichen Maße taylorisiert würde, wenn es zwischen elisabethanischer und spätkapitalistischer Motivik synergetisch glitzerte. Wenn im Zusammenspiel von Hoch- und Populärkultur eine Musik entstünde, die uns gleichermaßen verliebt wie heartbroken zurücklässt - wie eben nur gute Popsongs das können. Dafür wirken die Pop-Elemente und vor allem die Pop-Ikone hier aber oft zu behelfsmäßig, zu funktional und konstruiert ins Geschehen eingefügt. Zu viel wird erklärt, zu wenig den Zuschauenden zugetraut."
Wagners "Meistersinger von Nürnberg" sind nicht nur durch ihre NS-Rezeption ein schwieriges Stück, weiß Judith von Sternburg in der FR, aber Elisabeth Stöpplers Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper weiß zu überzeugen: "Stöppler und ihr Team erkennen ja die Energie dieser Musik und lassen sich davon tragen. Selten so heitere, leichtfüßige 'Meistersinger' gesehen und auch gehört, denn Cornelius Meister und das formidabel aufgelegte Orchester sind ihrerseits voll in Stimmung. Dann ist von der Ouvertüre an eine beträchtliche Wucht möglich und klingt dennoch nicht pathetisch. Tanzen willman, nicht marschieren."
FAZ-Kritiker Stephan Mösch ist auch absolut begeistert: "Die Stuttgarter Premiere ist klug ohne Krampf und sensibel ohne Selbstgefälligkeit. Ihre Fantasie ist so genau, dass sie mit gezielten Unschärfen arbeiten kann. Sie bleibt auch dort gelassen, wo es um die heikle Rezeption geht. Sie entlastet das Stück keineswegs vom Odium der Verführungskraft, aber sie verrät es auch nicht an die braunen Abschnitte seiner Wirkungsgeschichte. Kurz: Sie sucht und findet eine Balance zwischen dem, was die 'Meistersinger' seit jeher anziehend, und dem, was sie abstoßend macht."
Besprochen werden: Ersan Mondtag inszeniert Albert Ostermaiers "Munich Machine" am Münchner Residenztheater (unser Resümee, FAZ, Nachtkritik, Spiegel Online, SZ), Stefan Pucher inszeniert Büchners "Leonce und Lena" am Wiesbadener Staatstheater (FR), Michael Thalheimer inszeniert Einar Schleefs "Salomé"-Text, inspiriert von Oscar Wilde an der Berliner Schaubühne (Zeit, Berliner Zeitung, Nachtkritik, Tagesspiegel, taz), Marcel Kohler lehnt seinen "Robo Faber" am Staatsschauspiel Dresden an Max Frisch an (Nachtkritik), Joana Tischkau inszeniert Lamin Leroy Gibbas "Die Zwillinge" am Gorki Theater in Berlin (Nachtkritik), Ronny Scholz bringt "Polnische Hochzeit" am Theater Regensburg auf die Bühne, das Haus engagiert sich seit einiger Zeit für den vor den Nazis geflohenen Komponisten Joseph Beer (NMZ), Verdis "Luisa Miller" wird von Philipp Grigorian auf die Bühne der Wiener Staatsoper gebracht (Standard), Ruedi Häusermann bringt, angelehnt an Robert Walser, "Du denkst vielleicht, was hör ich da, und ich sage dir - es ist die Waschmaschine" auf die Bühne des Zürcher Schauspielhauses (NZZ) und "Dat Wasser vun Kölle es jot" nach einer Correctiv-Recherche, Regie führt Calle Fuhr am Schauspiel Köln (SZ, Nachtkritik).
Szene aus "Munich Machine". Foto: Birgit Hupfeld Nicht besonders glücklich wirdNachtkritikerin Susanne Greiner mit Ersan Mondtags Inszenierung von Albert Ostermaiers "Munich Machine" am Münchner Residenztheater. Denn das Stück, in dem Ostermaier den Regisseur KlausLemke reinkarnieren lässt, der dabei zusieht, wie Münchner Utopien in den vergangenen Jahrhunderten scheiterten, ist zwar unglaublich witzig, aber Mondtag kriegt es nicht ganz in den Griff, so Greiner: "Weil Mondtag nicht den Faden findet, um sie stringenter zu binden. So wirken die 'Utopien' teils nur lose aneinandergereiht. An manchen Stellen hätte Mondtag den Text auch kürzen können, beispielsweise bei den beiden Anfangsmonologen von Lemke und Münchner Kindl."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Vermutung, dass Shakespeare seine Stücke nicht selbst geschrieben hat, ist nicht neu. Auch der Name Emilia Bassano, eine Dichterin jüdischer Abstammung, fiel als Urheberin schon häufiger. Nun glaubt die feministische Historikerin Irene Coslet in ihrem neuen Buch "The Real Shakespeare", dass es sich bei Bassano um eine venezianische Jüdin marokkanischer Abstammung handle - Thomas Ribi meldet in der NZZ Zweifel an: "Coslets Argumentation ist im Ganzen eher ideologisch als literaturwissenschaftlich: Die eurozentrische Sichtweise habe schwarze Autoren systematisch ausgeblendet, schreibt sie. Schwarze Autorinnen sowieso, weil der patriarchalen Gesellschaft die Vorstellung unerträglich sei, dass ein Genie wie Shakespeare kein weißer Mann sein könnte. Auf dem einzigen Bild, das von ihr erhalten ist, deutet allerdings nichts darauf hin, dass Bassano dunkelhäutig war."
Besprochen werden der Ballettabend "Waves and Circles" am Bayerischen Staatsballett (FAZ) und Kornel Mundruczos Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Die Sache Makropoulos" an der Opéra Lille (FAZ).