Efeu - Die Kulturrundschau

Ausgerechnet in Brandenburg

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2021. In der FAZ ordnet Hans Belting mit V.S. Naipaul unser kulturelles Bildgedächtnis neu. Die taz vernimmt in Oslo den demokratischen Sound einer ausgemusterten Rathausglocke. Die NZZ entdeckt in den Verlagsvorschauen so viel hintergründige Komik und existenzielle Wucht wie nie zuvor. Die Welt stürzt sich in die Aufregung um die Besetzung der "Kleopatra". Und das ZeitMagazin freut sich auf die Unisex-Zukunft des Morphsuits.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 finden Sie hier

Kunst

Giorgio de Chiico: Rätsel der Ankunft

Der Kunsthistoriker Hans Belting denkt in der FAZ über das Verhältnis von Bildgedächtnis, Individuum und Kultur nach und er erkennt in dem Schriftsteller V.S. Naipaul den Inbegriff eines neuen nomadischen Weltbürgers, der die Bilder nur noch in sich selbst trägt: "Nachdem er lange davon geträumt hatte, irgendwo anzukommen, begriff er mit der Zeit, dass er nur bei sich selbst ankommen und sich in den Bildern einrichten konnte, die ihm selbst gehörten. Diese Erkenntnis ist in dem autobiographischen Roman 'Das Rätsel der Ankunft' beschrieben. Der Titel stammt von einem 1912 entstandenen Gemälde Giorgio de Chiricos, der ihn seinerseits von Apollinaire übernahm. Naipaul ließ sich von dem Zufallsfund einer billigen Abbildung dazu anregen, die Geschichte eines gemalten Bildes zu erzählen, das er nicht gekannt hatte und in dem er dennoch seine eigene Geschichte wiederfand. "

In der taz lauscht Gaby Hartel auf die demokratischen Schwingungen der Soundskulptur, die die norwegischen Künstlerin A K Dolven in Oslos kleinem Yachthafen platziert hat: "Dolven arbeitet gern mit flüchtigen, teils unsichtbaren Materialien, wie etwa Schnee, Licht, Schatten, Klang, der menschlichen Stimme. Oder wie nun in "Untuned Bell 2010-2020" mit dem Ton einer ausgemusterten Glocke. Das über fünfzig Jahre alte Instrument stammt aus dem Carillon des Osloer Rathauses, wo während der Vorbereitungen zur Millenniumsfeier entschieden wurde, dass es nicht zu den übrigen 48 passt. Die Glocke galt fortan als Altmetall, bis A K Dolven sie in einer Gießerei entdeckte und ihr abgelehntes Nichtperfektsein zur künstlerischen Botschaft machte. In einer gedichtartigen Notiz schrieb sie vor zehn Jahren, als sie mit einer temporären Vorgängerarbeit zu ihrem jetzigen Werk beschäftigt war: 'Your sound is good / your sound is good too / I want your sound / I want your sound too / We need you / we need you too.'"

Weiteres: Immer wieder haben sich Künstler in ihre Bilder selbst mit hinein gemalt, aber nie so häufig wie in die Anbetung der Könige, erklärt Stefan Trinks in der FAZ, besonders grandios ist dies Botticelli gelungen, der den Betrachter sehr selbstbewusst aus dem Bild heraus anblick, während Medici Cosimo il Veccio in vollem Ornat vor dem Kind im Stall kniet. Monopol präsentiert die Big Shots des Kunstahres 2021. Auf Hyperallergic schwelgt Hannah Feniak in Danny Lyons Bildern, die das alte lower Manhattan festhalten.
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Bühne

Jeanette Kakareka in Russell Maliphants "Broken Fall"  Foto: Wilfried Hösl / Baerisches Staatsballett 

Mit Muskelkater, aber absolut euphorisiert berichtet Wiebke Hüster von dem dreitiligen Abend "Paradigma" des Bayerischen Staatsballetts, dessen Stücke auch als Video-on-demand zu sehen sind. Neben "fabelhaften" Stücken von Sharon Eyal und Liam Scarlett ist auch Russell Maliphants "Broken Fall" zu sehen: "Es ist eine wundervoll fließende Meditation in Bewegung, eine Art Mischung zwischen kontemplativ vorgetragenen Kampfsportbewegungen und den aufregendsten zeitgenössischen Variationen klassischer Hebungen. Ständig lehnt jemand sich an, verlagert sein Gewicht, um neue Impulse im anderen auszulösen, fasst, hebt, wirft ein Körper den anderen. Das sieht nach Zen-Magie aus, erfordert aber Stamina wie ein Boxkampf und Vertrauen wie unter der Zirkuskuppel.

Weiteres: Auch in Österreich müssen die Theater nach der Verlängerung des Lockdowns umdisponieren, der Standard berichtet von steigendem Ärger bei den Intendanten.
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Literatur

Paul Jandl rollt in der NZZ genervt mit den Augen angesichts all der Wortschaum-Phrasen, mit denen die Verlage ihre Neuerscheinungen ankündigen: "Die Macher unter den Schriftstellern sind im Frühjahr wieder groß da: Buch um Buch setzen sie in die Welt, die Handkes, Heins und Gstreins. Juli Zeh begibt sich mit ihrem neuen Roman 'Über Menschen' in die 'unmittelbarste Gegenwart'. Und das ausgerechnet in Brandenburg. Angeblich erzählt Zeh 'von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten'. Man wüsste gerne, wer ihr von 'unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten' erzählt hat. ... Der Schweizer Christian Kracht hat nach langem auch wieder ein neues Buch. Der Roman heißt 'Eurotrash'. Was sagt der Verlag dazu? 'Eurotrash ist ein berührendes Meisterwerk von existenzieller Wucht und sarkastischem Humor.'"

Weitere Artikel: In der FR schreibt Gerd Rüdiger Erdmann zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und Feuilletonisten Franz Hessel. Besprochen werden unter anderem Juri Andruchowytschs "Die Lieblinge der Justiz" (Tell), neue Romane über Schriftsteller von Frauke Volkland, Ulrike Draesner und Yoko Tawada (ZeitOnline), Florent Rupperts und Jérôme Mulots Comic "Die Perineum-Technik" (Tagesspiegel) und Gerhard Köpfs "Palmengrenzen" (FAZ).
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Design

Die Mode entdeckt den Morphsuit wieder, schreibt Tillmann Prüfer in seiner Mode-Kolumne im ZeitMagazin. Meist dient das Ganzkörperkostüm zwar dem Zweck, weibliche Sexyness zu betonen. Wobei es "aber gar nicht unbedingt als Frauengarderobe gemeint ist. Eigentlich ist es unisex. Wenn sich Science-Fiction-Produzenten in die Zukunft träumen, so tragen die Protagonisten in solchen Filmen oft Morphsuits. Kaum ein Kleidungsstück ist geeigneter, den Unterschied zwischen den Geschlechtern aufzuheben. Es ist wie eine Vorschau auf eine bessere Zukunft, in der sich Mann und Frau nicht mehr durch Kleidung unterscheiden. Leider sind es bislang nur die Frauen, die das wagen. Männliche Träger von Morphsuits sind außerhalb von Kostümfesten selten: Batman und Robin wie auch David Bowie als Ziggy Stardust trugen ein ähnliches Outfit."

Für die NZZ bespricht Marion Löhndorf Alfons Kaisers Biografie über Karl Lagerfeld.
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Stichwörter: Mode, Morphsuit

Film

In der Welt ärgert sich Alan Posener darüber, dass vereinzelt Stimmen die Besetzung Cleopatras mit der israelischen Schauspielerin Gal Gadot ("Wonder Woman") als whitewashing kritisieren. Das gehe noch nicht einmal der eigenen Logik nach auf, sagt er, schließlich kamen die heute in Ägypten lebenden Araber erst im siebten Jahrhundert nach Christus ins Land. "Das Problem ist natürlich die Jüdin. ... Bei Gal Gadot, die aus einem Nachbarland Ägyptens stammt, die mir ihrer bauen Haut, ihren braunen Augen und schwarzen Haaren wahrscheinlich 'orientalischer' aussieht, als es die historische Cleopatra tat, spielt Ethnizität - sprich Rasse - eine Rolle. ... Galten die Juden den rechten Antisemiten als 'Orientalen', die gefälligst nach Palästina zu verschwinden hatten, gelten sie heute linken Antisemiten als 'Weiße', die gefälligst aus Palästina zu verschwinden haben - und aus Filmen, in denen sie 'people of colour' darstellen. Es ist hochgradig degoutant."

Der VOD-Start von Paula Hernández' Arthouse-Film "Los sonámbulos" auf der zwar feinen, aber eben doch auch sehr kleinen Streaming-Plattform Filmingo bestätigt FAZ-Kritiker Bert Rebhandl in seiner Forderung danach, dass die Arthouse-Verleiher ihre Kräfte in Digitalien bündeln sollten, um den großen Streaming-Konzernen Paroli zu bieten: Hier klaffe eine empfindliche Lücke. "Die Lösung liegt nahe: eine europaweite Plattform, die auch Titel aus aller Welt aufnehmen kann und zu der sich kleine Initiativen wie Filmingo nicht einmal zusammenschließen müssten. Sie müssten sie nur als Plattform benützen können, auf der sie sich präsentieren können. ... Das würde den Markt mit den Filmrechten verändern. Wenn man aber weiß, dass derzeit bedeutendste Titel für zum Teil nur dreistellige Beträge (!) für ein Land gehandelt werden, ist klar, dass die Summen, die in Europa für die Produktion von Filmen aufgewendet werden, eine Entsprechung in den Bemühungen um die Verbreitung dieser Filme brauchen."

Besprochen werden Kornél Mundruzcós Schwangerschaftsdrama "Pieces of a Woman", in dem laut Barbara Schweizerhof auf ZeitOnline vor allem Vanessa Kirby heraussticht, und die vom Ersten online gestellte norwegische Serie "Twin" (FAZ).
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Musik

Die um den Sänger Andreas Spechtl gruppierte Band Ja Panik, Anfang der Zehnerjahre everybody's darling in der Poplinken, bricht mit einem neuen Stück ihr langes Schweigen. Schon der Titel "Apocalypse or Revolution" könnte angesichts der Coronakrise dazu verleiten, den Song "als Neujahrsansprache einer Band zu verstehen, die noch etwas anderes überwindet als ihren persönlichen mehrjährigen Stillstand", schreibt dazu Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Geht es also wieder ums große Ganze? "Eine Rückkehr zur Passivität und der bisherigen Normalität, so der Künstler, dürfe es nach der Corona-Pandemie nicht geben. 'Machen wir so weiter wie zuvor, wird es irgendwann im Ende der Welt enden.' Es passt zu einem Song wie 'Apocalypse Or Revolution', der musikalisch gefasst und textlich restzweifelnd bleibt, dass Spechtl solch große Statements diesmal nicht als Refrain, sondern in einem Radiointerview abgibt. Der Neuanfang, nach dem er strebt, ist ebenso wenig selbst- oder gar siegesgewiss wie der Protagonist des Songs, der nach Worten, Schlaf und der zugehörigen Klarheit sucht."



Im taz-Interview vermisst DJ Marlene Stark das Nachtleben, das immerhin auch eine subversive Komponente hat: "Die Tanzfläche ist ein Raum, der nicht kapitalistisch ist. Und Clubbing ist die Rebellion des Nichtstuns. Wir rebellieren, indem wir 30 Stunden lang nicht konsumieren." Für Eintritt und Getränke zahlt man üblicherweise allerdings schon und auch DJs wollen ja in aller Regel ein Honorar.

Besprochen wird das neue Album von Schnellertollermeier, an dessen Komplexitäten tazler Jens Uthoff viel Freude hat, vor allem am Stück "Before and After" - "ein einziges Hin und Her dieser Song. Tikitaka im Studio." Wir hören rein:

Archiv: Musik