Efeu - Die Kulturrundschau

Was mir gefällt, muss anderen auch gefallen

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24.12.2018. Elfriede Jelinek beschert dem Kölner Schauspiel mit dem neuen Stück "Schnee Weiß" eine krachende Skipartie: Die SZ genießt Sarkasmus als Geisteshaltung. Der Freitag feiert den im Vitra Design Museum gewürdigten Gestalter Victor Papanek, der sich der "Überflussgesellschaft der Schwachköpfe" entgegenstemmte. Im Standard möchte Tex Rubinowitz lieber kein Weihnachtsoratorium geschenkt bekommen. Wer immer noch Geschenklaune ist, kann für die Lotte-Laserstein-Ausstellung der Berlinischen Galerie spenden, weiß der Tagesspiegel, vom Senat bekommt sie nämlich nicht nichts.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2018 finden Sie hier

Bühne

Nationalheilige, Jägermeister und Skihasen In Elfriede Jelineks "Schnee Weiß". Foto: Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel Köln

In ihrem neuen Stück "Schnee Weiß" nimmt Elfriede Jelinek den sexuellen Missbrauch österreichischer Skifahrerinnen ins Visier, und in Stefan Bachmanns Inszenierung in Köln erlebt SZ-Kritiker Martin Krumbholz alle Beteiligten in Höchstform, vor allem die Schauspieler, und jubelt über eine gelungene Schussfahrt: "Elfriede Jelinek hat ja den Sarkasmus als Geisteshaltung zu großen Ehren gebracht - den Sarkasmus und seinen Assistenten, den Kalauer. Da wird aus der Skitracht eine 'Ski-Niedertracht', aus dem Kadavergehorsam ein 'Kadergehorsam' und so weiter. Was beim Lesen unerhört nervt, verspielt sich auf der Bühne - weil es im dissonanten Rauschen und im Tempo des Spiels beinahe untergeht. Und: in der Spiellust, die zu der Tristesse des Sujets einen wirkmächtigen Kontrast bildet."

Daniele Muscionico schreibt in der NZZ genüsslich die Kalauer fort, die Jelinek über die Skihasen abfeuerte, aber sie bemerkt auch: "das ist neu an Jelineks Blick auf die Welt: Wer Opfer ist, wer Täter, ist unentschieden, Unschuld ist Schuld und umgekehrt. Selbst ihr Landesvater und Superstar - Jesus am Skikreuz - will nicht mehr die Schuld der Menschen auf sich nehmen. Sein Interesse gilt der Fortschreibung der eigenen Heldengeschichte. Was in Jelineks Parolen früher feministische Schlachtrufe waren, sind in 'Schnee Weiß' desillusionierte Fragen an die eigene Wirkungsmacht." Im Standard erkennt auch Margarete Affenzeller: "Jelineks Schnee Weiß ist keine Erbauungsliteratur, sondern ähnlich wie schon ihr sogenanntes Trump-Stück Am Königsweg ein weiterer Schritt in die bittere Resignation."

Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert und Judth von Sternburg spricht der Frankfurter Schauspiel-Intendant Anselm Weber über die Lage an den städtischen Bühnen, überlastete Patriarchen und die Freuden der Kritik: "Ich habe die Stadt ja noch im Kreuzfeuer von Gerhard Stadelmaier von der FAZ und Peter Iden von der FR erlebt. Da waren sie als einer, der im Kreuzfeuer stand, schon schwer damit beschäftigt, heil herauszukommen. Das war eine Frage von Personen und Eitelkeiten."

Besprochen werden Stephan Kimmigs Uraufführung von Moritz Rinkes Wahlverwandtschaften-Version "Westend" am Deutschen Theater (die Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung als großen Abend für Ulrich Matthes und Anja Schneider genoss und die Peter von Becker im Tagesspiegel zwischen Botho Strauß und Yasmina Reza schwanken sah, Nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung von Marquis de Sades "Philosophie im Boudoir" am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik, taz), Simon Stones "Medea"-Inszenierung an der Wiener Burg (SZ, FAZ, NZZ), David Böschs Aufführung von Smetanas "Verkaufter Braut" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).
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Kunst

Für ihre Lotte-Laserstein-Ausstellung muss die Berlinische Galerie zu Spenden aufrufen, wie auch schon bei den großen Schauen zu Max Beckmann und Jeanne Mammen. Im Tagesspiegel sieht Nicola Kuhn darin die typische Berliner Verlegenheit : "Berlin will zwar glänzen mit seinen Museen, doch werden den Kunsthäusern des Landes nur begrenzt Mittel vom Senat zur Verfügung gestellt - für Ausstellungen müssen sie Projektgelder beantragen. Wird die Zustimmung verwehrt, fallen die Ausstellungen aus oder werden sie bedenklich abgespeckt. Eine tragfähige Planung für Kuratoren, deren Vorbereitungen manchmal über Jahre laufen, sieht anders aus." 

Weiteres: Im Standard untersucht Anne Katrin Feßler, wie die Wiener Kunsthalle in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten droht.Ursula Scheer besichtigt für die FAZ die Restaurierungsarbeiten am Isenheimer Altar im Musée Unterlinden in Colmar.
Archiv: Kunst

Literatur

Im Standard bringt Tex Rubinowitz das Elend der weihnachtlichen Beschenkerei vergnüglich auf den Punkt: "Hier tritt eklatant zutage, dass sich über die meisten kreativerseits auch nicht gerade die Feen gebeugt haben, weil ihr Horizont immer nur so weit geht, dass sie stets von sich ausgehen. Missionarisches Motto: Was mir gefällt, muss anderen auch gefallen, mein Musikgeschmack ist ganz besonders exquisit, das, was ich lese, müssen andere unbedingt auch lesen, niemals schenkt jemand etwas, was er selbst nicht begreift, denn dann würde er ja als geschmacksresistenter Tölpel dastehen. Und auf der Seite des Beschenkten nur falscher Dank, unterdrückte Ratlosigkeit, keiner der beim geschenkten Weihnachtsoratorium aufstöhnt: 'Fucking church shit!'"

Weitere Artikel: In der NZZ berichtet der italienische Schriftsteller Carmine Abate davon, wie er sich in Kalabrien in das Lächeln einer afrikanischen Frau verliebte. Der Freitag bringt den zweiten und dritten Teil von Karsten Krampitz' Bericht seiner Reise mit dem Künstler Ulf Wrede nach Korea. Die NZZ hat Adolf Muschgs japanische Weihnachtsgeschichte aus der Ausgabe vom Samstag online nachgereicht. Die taz bringt eine Weihnachtsgeschichte von Anke Stelling.

Besprochen werden Maruan Paschens "Weihnachten" (online nachgereicht von der FAZ), Ottessa Moshfeghs "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" (online nachgereicht von der FAZ), Eva Gebers "Die Anarchistin und die Menschenfresser" (Standard), Sergej Lebedews "Kronos' Kinder" (FR), Walter Schüblers Biografie über den Feuilletonisten Anton Kuh (Zeit), zwei Bücher des Dichters Franz Josef Czernin (Standard) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Martha Hesses "Fliegende Steine" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Christian Metz über Nora Gomringers "Daheim":

"Mamaundpapaundkindundkinderschwesterundkinder
..."
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Design

Mit seiner harschen, ökologisch und sozial motivierten Kritik am Gegenwarts- und Luxusdesign hatte sich Victor Papanek 1971 in seinem Berufsstand unmöglich gemacht. Das Vitra Design Museum widmet ihm nun eine erste große Retrospektive und steht dabei vor dem Problem das Schaffen eines Designers zu präsentieren, "der nur wenig Sichtbares in der Welt jener Gegenstände hinterlassen hat, die man gemeinhin in einem Designmuseum erwartet", erklärt Hannes Klug im Freitag. "Mit gutem Grund: 'Eine ganze Kategorie von Fetischobjekten ist für unsere Überflussgesellschaft der Schwachköpfe entstanden', schrieb Papanek, und dabei würden die eigentlichen Grundbedürfnisse, nämlich Kleidung, Nahrung und Obdach, die nach wie vor einem Großteil der Menschen fehlten, missachtet." Die Schau führe damit "vom simplen Aussehen der Dinge direkt ins Herz der hoch komplizierten Frage, wie die Menschheit auf dem Planeten überleben und wie sie ihre zukünftige Welt gestalten kann."

Für die taz besucht Annegret Erhard die Mayer'sche Hofkunstanstalt in München, deren Glasfenster Weltruhm haben.
Archiv: Design
Stichwörter: Papanek, Victor, Kleidung

Film

Claudia Lenssen gratuliert in der taz Hanna Schygulla zum 75. Geburtstag, den die Schauspielerin morgen feiert. In der Welt am Sonntag plaudert Martin Scholz mit Julia Roberts. Besprochen wird Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Kindheitserinnerungen "Der Junge muss an die frische Luft" (taz).
Archiv: Film

Musik

Bruce Springsteens Broadway-Show vom Oktober 2017 bis zum 15. Dezember 2018 war das kulturelle Großereignis in New York in diesem Jahr, posaunt Christian Zaschke auf der Seite Drei der SZ: Der "Boss" zeigte sich hier in gediegener Reife und mit dem Herzen auf dem politisch rechten Fleck: "Der durchschnittliche Preis für eine Karte betrug 511 Dollar; das ist der höchste Durchschnittspreis in der Geschichte des Broadways. Das Theater war an jedem Abend ausverkauft, es war nahezu unmöglich, an Karten zu kommen. So hat Springsteen zwar im kleinsten Auditorium seit 40 Jahren gespielt, aber dennoch laut Forbes knapp 107 Millionen Dollar umgesetzt. Es hat etwas ziemlich Amerikanisches, dass Springsteen im Moment seiner künstlerischen Vollendung auch noch richtig viel Geld verdiente."

Heute vor 200 Jahren wurde "Stille Nacht, Heilige Nacht" zum ersten Mal gesungen, erklärt Musikwissenschaftler Michael Fischer in der FAZ. Seinerzeit stoß das Lied beim Klerus durchaus auf Unwillen und barsche Ablehnung, erfahren wir: "Fast scheint es so, als hätten die Theologen Angst vor den kleinen und großen Gefühlen gehabt, die sich mit Weihnachten verbinden. Oder misstrauten sie einer Inkarnationstheologie, welche den göttlichen 'Jesum in Menschengestalt' in herzlichen, nahbaren Worten besang? Der Liebreiz des Kindes und die Idylle der Krippenszene durften offenbar nicht als Zeichen der allumfassenden göttlichen Liebe gelesen werden; die Wärme von Text und Melodie nicht als Gleichnis für die beglückende Botschaft von der Menschwerdung Gottes.Ganz im Gegenteil, dem Weihnachtslied wurde vorgeworfen, die theologischen Gehalte des Textes seien zu dürftig und überhaupt fehle eine anständige Christologie."

Weitere Artikel: Dierk Saathoff befasst sich in der Jungle World mit dem Einfluss von Sonic Youth auf die Musik der 90er. Im Jazz-Nachwuchs zeigt sich eine auffällige Neigung zur Nostalgie, schreibt Ljubiša Tošić im Standard. Arne Löffel macht sich in der FR Gedanken darüber, ob die neue Online-Only-Strategie der beiden 2018 eingestellten Printmagazine Groove und Spex, die künftig beide auf ein Online-Abo mit Zugriff aufs Heftarchiv setzen wollen, wirklich Bestand haben kann. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Christiane Wiesenfeldt über "Merry Christmas (I Don't Want to Fight Tonight) von den Ramones:



Besprochen werden ein Berliner Konzert der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst (Tagesspiegel), ein Konzert des Klarinettisten Kinan Azmeh (Tagesspiegel) und Sidos Weihnachtskonzert (Tagesspiegel).
Archiv: Musik