Efeu - Die Kulturrundschau

Die nächste Stufe zünden

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20.10.2017. In Youtube Videos findet man mehr Jetztzeit als im Kino, behauptet Filmregisseur Ruben Östlund im Tagesspiegel. Zu Ligeti kann man mindestens so gut tanzen wie zu Bowie, behauptet die Sopranistin Sara Hershkowitz in der taz. In Warschau bringt Michail Jurowski die erste - konzertante - Gesamtaufführung von Anton Rubinsteins Oper "Moses" auf die Bühne, berichtet die FAZ.

Bühne

In Warschau bringt der Dirigent Michail Jurowski gerade - zusammen mit dem "bestens präparierten" Orchester Sinfonia Juventus - die erste Gesamtaufführung der Oper "Moses" von Anton Rubinstein auf die Bühne, berichtet Michael Ernst in der neuen musikzeitung. "Rubinsteins Komposition ist von einem gläubig überzeugten Gigantismus geprägt, reflektiert reichlich Romantik und wagt pompöse Aufbrüche in die frühe Moderne. ... Für szenische Umsetzungen dürfte er höchst herausfordernd sein, sich dieses Opus' einmal anzunehmen. Aber auch die konzertante Warschauer Aufführung ist hörbar ein Kraftakt gewesen. Just im Polen von heute ist dieser 'Moses' - neben seiner künstlerischen Potenz - auch inhaltlich ein kulturell werthaltiges Bekenntnis. Ein Ereignis von europäischem Rang." Und das ist nicht mal das einzige "Jahrhundertereignis" auf Warschauer Bühnen, so Ernst heute in der FAZ: Hundert Jahre nach ihrer deutschsprachigen Uraufführung in Breslau hat Grzegorz Nowak am Teatr Wielki die Oper "Eros und Psyche" von Ludomir Różycki herausgebracht.

Im Interview mit der NZZ erzählt der griechische Theatermacher Prodromos Tsinikoris, wie die Theater in Griechenland einfach weitermachen, Geld oder nicht: "Wenn man in einer der vier subventionierten Athener Bühnen arbeitet, wird man bezahlt, sogar rechtzeitig. Dann gibt es einen kleinen Teil der Produktionen, hinter denen ein reicher Produzent steht. Vielleicht 90 Prozent der Stücke werden selber produziert, und am Ende des Abends teilt man sich die Einnahmen. Wenn es 100 Euro sind, gehen 50 Euro an die Spielstätte - und mit dem Rest geht man zusammen ein Bier trinken. ... Wir leben weiter - das ist unser Widerstand. Und obwohl das Land ökonomisch am Boden liegt, hat unser Alltag eine hohe soziale Qualität. . . aber vielleicht sage ich das auch, weil ich verliebt bin."  

Besprochen werden Nurkan Erpulats Adaption von Ágota Kristófs Bürgerkriegsroman "Das große Heft" fürs Maxim-Gorki-Theater in Berlin (taz, nachtkritik) und Barrie Koskys Inszenierung von "Pelléas" an der Komischen Oper in Berlin (SZ).
Archiv: Bühne

Film

Für den Tagesspiegel hat sich Andreas Busche mit dem Regisseur Ruben Östlund getroffen, um mit ihm über dessen Kunstbetriebssatire "The Square" (Besprechungen in Welt, Jungle World und im Perlentaucher) zu sprechen. An steilen Thesen ist das Gespräch nicht arm. So erklärt Östlund, dass er seine Inspirationen hauptsächlich auf Online-Videoportalen, findet: "Ich finde im Netz so viele Filmchen, die mehr mit meinem Leben zu tun haben als die Geschichten im Kino. Das ist heute die größte Herausforderung für einen Regisseur: Wie konkurriert man mit diesen starken Bildern, die überall kursieren? Beim Schreiben gehe ich deshalb immer von einzelnen Szenen aus. Sobald ich mein Thema gefunden habe, entwickele ich Szenarien, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Erst dann beginne ich, eine Geschichte darum zu bauen. ... Ich filme so lange, bis etwas Neues passiert. Die meisten Filme sind heute plotgesteuert - nichts interessiert mich weniger."

Im Interview mit dem Standard denkt Franz Schwartz, Interimsdirektor der Viennale, über die Fortführung der Tradition als dediziert cinephiles Festival nach. Er plädiert dafür, dass auch "weiterhin eine Person für das Programm verantwortlich ist. Ich halte wenig von einem Kuratorensystem. ... In der Auswahlkommission, die nun Anfang November die Bewerbung ausschreibt, denkt man eher an eine Form, wie sie bisher bestanden hat. Hier im Haus gab es neben Hans Hurch keinen Programmer, höchstens Berater. Es kann natürlich sein, dass unter den Bewerbern einer ist, der ein anderes Konzept hat, das überzeugt."

Acht Milliarden Dollar will Netflix 2018 in eigene Produktionen von Serien bis Spielfilmen stecken, berichtet Axel Weidemann, der in der FAZ die Folgen dieser Überschuss-Produktion für die direkte und indirekte Konkurrenz abschätzt: Auch HBO und Amazon müssen nun weiter kräftig ranklotzen, das Publikum könne diesen Content-Grützberg ohnehin nur noch im Schnelldurchlauf abtragen - der Kampf um die Augäpfel ist im vollen Gange. "Dem Buch- und Zeitschriftenmarkt schadet die Allgegenwärtigkeit des Videoangebots sicher gewaltig: Wer stunden- und tagelang Serien konsumiert (...), hat für Lektüre keine Zeit mehr. Ein weiterer Kollateralschaden ist, dass Hochglanzserien der alteingesessenen Fernsehsender, zumal der privaten - beispielsweise 'Deutschland 83' (RTL) oder 'Gottlos' (RTL2) -, völlig untergehen oder gar nicht mehr in Angriff genommen werden."

Weiteres: Dinah Riese spricht in der taz mit der Aktivistin Laura Méritt über feministische Pornografie anlässlich des PorYes-Awards, der am Wochenende in Berlin verliehen wird. Für den Standard spricht Bert Rebhandl mit dem Schauspieler Andreas Lust über seine Rolle in Nicolas Wackerbarths "Casting" (hier unsere Kritik), in dem es um die Dreharbeiten zu einem Fassbinder-Remake geht: "Nicolas ist Fassbinder ohne Drogen", erfahren wir dabei von Lust über seinen Regisseur. Im Tagesspiegel empfiehlt Anne-Sophie Schmidt das Berliner Roma-Filmfestival "Ake Dikhea?". Zum Tod der französischen Schauspielerin Danielle Darrieux schreiben Marli Felvdoss (NZZ), Daniel Kothenschulte (FR), Michael Wenk (Welt), Gerhard Midding (Berliner Zeitung) und Fritz Göttler (SZ).

Besprochen werden das Biopic "Borg/McEnroe" (Tagesspiegel), John Carroll Lynchs "Lucky" mit dem kürzlich verstorbenen Harry Dean Stanton (Standard) und die Netflix-Serie "Mindhunters" über Serienkiller (NZZ).
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Literatur

In der taz verdreht Dirk Knipphals die Augen über den Vorstoß einer Dresdner Buchhändlerin aus dem Pegida-Umfeld, mit der "Charta 2017" gegen eine vermeintliche "Gesinnungsdiktatur" in Deutschland zu protestieren. Dass aber auch Autoren wie Uwe Tellkamp sich dem Aufruf anschließen, findet Knipphals tendenziell anrüchig: "Bevor er mit 'Der Turm' das Epos gerade des Dresdner Weißer-Hirsch-Viertels schrieb, spielte er literarisch auch schon mal mit den Motiven einer Wiedergeburt einer gegen unsere Konsensdemokratie gerichteten intellektuellen Elite. Man darf sich schon mal fragen, was ein Autor wie er nun wirklich will."

Auf einem Flügel drapierte Notizbücher, an die Wand projizierte Faksimiles: Die Übergabe von Peter Handkes Tagebüchern ans Literaturarchiv Marburg bot "maximale Objektaura", berichtet Jan Wiele in der FAZ: "Der Querschnitt eines Bandes zeigt mehrere darin eingelegte Federn. Man werde sie vorsichtig herausnehmen und konservatorisch behandeln, sagt der Archivleiter Ulrich von Bülow."

Weiteres: Anne-Sophie Schmidt besucht für den Tagesspiegel den auf Bücher vergessener jüdischer Autorinnen spezialisierten Aviva-Verlag in Berlin. Marie Schmidt (Zeit) und Axel Veiel (FR) unterhalten sich mit Texter Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad über deren neuen (im Standard besprochenen) Asterix-Comic.

Besprochen werden unter anderem Sabrina Janeschs "Die goldene Stadt" (SZ), Lukas Holligers "Das kürzere Leben des Klaus Halm" (NZZ) und Kim Thúys "Die vielen Namen der Liebe" (NZZ).

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Archiv: Literatur

Kunst

In der taz schreibt Lorina Speder zum 40. Geburtstag des von Marcia Tucker in New York gegründeten New Museum.

Besprochen werden eine Ausstellung über Picasso 1932 im Picasso Museum in Paris (Art), die Ausstellung "Gesichter Chinas. Porträtmalerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1912)" in der Berliner Gemäldegalerie (FAZ, Tagesspiegel), die große Ferdinand-Hodler-Retrospektive im Leopold Museum in Wien (NZZ), die Ausstellung "Herausforderung Moderne. Wien und Zagreb um 1900" in der Orangerie, Unteres Belvedere in Wien (Presse), die Ausstellung "Mehr als Fett und Filz. Materialien im Werk von Joseph Beuys" im Museum Schloss Moyland (Art), die Ausstellung "Seth Price. Social Synthetic" im Museum Brandhorst in München (SZ) und die Anita-Ree-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Der Sopranistin Sara Hershkowitz bringt György Ligeti auch vor einem Indie- und Rockpublikum unter. Im taz-Gespräch mit Benno Schirrmeister erklärt sie, warum es Quatsch sei, Klassik auf cool zu trimmen, um damit ein junges Publikum zu interessieren. "Klassische Musik ist aufregend, kraftvoll, ergreifend, alles mögliche. Aber cool ist sie nicht. Und wer die klassische Musik auf diese Weise runterdimmt, der beleidigt eher das junge Publikum, als es zu gewinnen."  Sie denkt, "dass man Klassik genau so erfahren sollte: Unter freiem Himmel, mit der Möglichkeit dazu zu tanzen, und Ligeti ist dann wirklich genauso mitreißend wie ein Rock-Konzert - wie ein David Bowie-Auftritt vielleicht. ... Das kommt auch bei den ZuhörerInnen an: Die sind total mitgegangen. Herrlich." Das schauen wir uns gerne näher an:



Markus Poschner ist der neue Chefdirigent des Bruckner-Orchesters in Linz. Im Standard-Gespräch gegenüber Ljubiša Tošić spricht er über seine Pläne und Ideen. Er wolle "quasi die nächste Stufe zünden, ich habe ein tolles Orchester, dessen Name Vorgaben liefert. Die Frage aber ist: Was holen wir aus Bruckner heraus, wie drücken wir uns aus? Für mich ist wichtig, dass wir vom Gesang herkommen, Bruckner wegbringen vom Donnerblech. In ihm ist ja viel Schubert. Bruckner kommt anders rüber, wenn man etwa lange Töne richtig aufblühen lässt."

Weiteres: Jonathan Fischer untersucht in der NZZ das Verhältnis der US-Rapper zu Trump: Himmelten viele den Proporz des Millionärs früher an, suchen sie jetzt die offene Konfrontation mit ihm. In der taz spricht Juliana Streich mit Steffen Kache über den Leipziger Technoclub Distillery, der sein 25-jähriges Bestehen feiert. Deutschlandfunk Kultur bringt Christina Kubischs Klangkunststück "Schall und Klang", das sich mit den Experimenten des Dirigenten Hermann Scherchen beschäftigt.

Besprochen werden Dee Dee Bridgewaters "Memphis … Yes, I'm Ready" (taz), das neue Album von King Krule (SZ), ein Schostakowitsch-Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Charles Dutoit (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Zugezogen Maskulin (ZeitOnline). Daraus ein Video:


Archiv: Musik