Samuel Moyn

Der Liberalismus gegen sich selbst

Intellektuelle im Kalten Krieg und die Entstehung der Gegenwart
Cover: Der Liberalismus gegen sich selbst
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518588161
Gebunden, 303 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Christine Pries. Mitte des 20. Jahrhunderts blickten viele Liberale missmutig auf die Welt der Moderne mit ihren verheerenden Kriegen, mörderischen Totalitarismen und der Atomkriegsgefahr. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Ideale der Aufklärung Teil des Problems sind, nicht Teil der Lösung. Der amerikanische Historiker Samuel Moyn zeigt in diesem Buch, das in der angelsächsischen Welt eine intensive Debatte ausgelöst hat, wie führende Intellektuelle in der Ära des Kalten Krieges den Liberalismus daraufhin transformierten und uns dadurch ein katastrophales Erbe hinterließen. Moyn zeichnet nach, wie Hannah Arendt, Isaiah Berlin, Gertrude Himmelfarb, Karl Popper, Judith Shklar und Lionel Trilling den moralischen Kern der Aufklärung zugunsten einer Philosophie preisgaben, die sich einzig und allein um die Bewahrung der individuellen Freiheit dreht. Indem er diese Haltung sowie die jüngste Nostalgie für den Liberalismus des Kalten Krieges zwecks Verteidigung des Westens als moralisch entkernt, ja als gefährlich freilegt, weist Moyn zugleich einer neuen emanzipatorischen und egalitären liberalen Philosophie den Weg. Denn der Schaden jener Epoche muss repariert, das Überleben des Liberalismus muss gesichert werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.01.2025

Der Politikwissenschaftler Jens Hacke hebt an zu produktivem Widerspruch gegen Samuel Moyns Versuch zu erklären, wie der Liberalismus und einige Intellektuelle das liberale Erbe der Aufklärung verspielt haben. Moyns Auswahl seiner Fallstudien irritiert Hacke. Hannah Arendt, Judith Shklar und Gertrud Himmelfarb jedenfalls scheinen ihm alle nicht wirklich als Cold War Liberals durchzugehen. Wenn Moyn Karl Poppers"antihegelianische Affekte" und Isaiah Berlins "Rousseau-Bashing" kritisiert, lauscht Hacke allerdings aufmerksam. Richtig störend findet er, dass Moyn bei aller Verve der Kritik auf eine Begriffbestimmung zum Cold War Liberalism verzichtet und das Thema Kalter Krieg völlig ignoriert. Methodische Gedanken zum Weg von der Idee zur politischen Wirksamkeit fehlen im Buch auch, moniert Hacke. So schmeckt Moyns ideengeschichtlicher Ansatz für den Rezensenten nach moralischer Selbstüberhebung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.01.2025

Rezensent Lukas Leuzinger ärgert sich, dass Samuel Moyn in seiner Kritik des Liberalismus seit dem Kalten Krieg auf eine genaue Definition dessen verzichtet, was Liberalismus eigentlich (für ihn) ist und man diese stattdessen ex negativo aus seinen Kritikpunkten ziehen muss. Zwischen Rousseau, Rawls und Arendt nimmt sich Moyn verschiedene Denker vor, die ihm Leuzinger zufolge alle nicht radikal genug sind. Wenn Moyn den "linksliberalen Säulenheiligen" John Rawls beispielsweise dafür kritisiert, dass er "eine Rücksichtnahme auf das gute Leben", wie der Kritiker zitiert, abgelehnt und stattdessen "Koexistenz und Toleranz Vorrang" eingeräumt habe, fragt sich der Rezensent, was Moyns Liberalismus dann noch vom Sozialismus unterscheidet - dieses Buch ist ihm zu stark ideologisch eingefärbt und zugleich zu unsauber gearbeitet, als dass er es empfehlen könnte.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 08.10.2024

Ein wichtiges Buch, das besser strukturiert hätte sein können: So beschreibt Rezensent Michael Kuhlmann Samuel Moyns Studie zum Liberalismus. Der, so fasst Kuhlmann Moyns zentrales Argument zusammen, schadete sich in der Phase des Kalten Krieges selbst, weil er aus historischen Erfahrungen wie der Jakobinerherrschaft nach der Französischen Revolution die falschen Schlüsse zog. Denker wie Judith Shklar und Lionel Trilling wandten sich gegen die Forderungen eines älteren Liberalismus, setzt Kuhlmann die Rekonstruktion fort, gestalterisch auf die Gesellschaft einzuwirken, um Freiheit für alle zu erringen. Stattdessen verkürzte diese Tradition, beschreibt Kuhlmann mit Moyn, Liberalismus auf Staatskritik und verzichtete beispielsweise auch darauf, den Menschen in Afrika und Südamerika ein Recht auf Befreiung zuzugestehen. Das sind wichtige Gedanken auch mit Blick auf den Siegeszug des Neoliberalismus, findet Kuhlmann, allerdings ist Moyns Buch ihm teilweise zu detailorientiert geraten, auch die Kapitelstruktur ist unübersichtlich. Schade findet das Kuhlmann insbesondere deshalb, weil insbesondere Liberale hier durchaus viel lernen können.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.10.2024

So provokativ wie anregend findet Rezensent Jakob Hayner Samuel Moyns Kritik am heutigen Liberalismus, die laut Rezensent mit einer Ideengeschichte des Cold War Liberalism einhergeht. Wenn Moyn Denker wie Isaiah Berlin, Karl Popper und Hannah Arendt dafür kritisiert, die Aufklärung preisgegeben und die Romantik stigmatisiert zu haben, erkennt Hoyner, dass der Autor nicht immer sein Ziel trifft, aber mitunter eben doch. Ob und inwiefern der Liberalismus eine Zukunft hat, beantwortet der Autor mit Jein, meint Hayner. Die gibt es laut Moyn nur mit radikaler Selbstkritik.

Buch in der Debatte

9punkt 29.01.2025
Der Rechtshistoriker Samuel Moyn legt im Gespräch mit Frauke Steffens auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ dar, warum sich die Liberalen in den USA im Kampf gegen Trump und die Republikaner zu sehr auf die Gerichte verlassen haben. Die Prozesse gegen Trump hätten diesem mehr geholfen als geschadet: "Insbesondere die New Yorker Anklage, die selbst von Liberalen als schwach angesehen wurde, hat Trump geholfen, sich als jemanden darzustellen, der eine Gefahr für die Liberalen darstellt und von ihnen verfolgt wird, weil sie keine politische Alternative zu bieten haben." Unser Resümee
9punkt 12.07.2024
Jannis Lennartz, Professor für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat für die FAZ Samuel Moyns Buch "Liberalism Against Itself" gelesen, das im September bei Suhrkamp auch auf Deutsch erscheint. Moyn ist ein amerikanischer Liberaler und Rechtshistoriker in Yale, der seine Utopien für eine glückliche Menschheit durch zu viele individuelle Freiheitsrechte bedroht sieht. Lennartz hat ein leicht schadenfrohes Mitgefühl für sein Dilemma. Unser Resümee

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