Otfried Höffe

Medizin ohne Ethik?

Cover: Medizin ohne Ethik?
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518122457
Taschenbuch, 262 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

Möglichkeiten medizinischer Behandlung, von denen Hippokrates, auf dessen "Eid" sich die Ärzte nach wie vor berufen, nicht zu träumen gewagt hätte, verlangen neue Antworten auf die Frage, was ethisch vertretbar ist und was nicht. Allenthalben werden Lehrstühle für medizinische Ethik eingerichtet, die Approbationsordnungen der medizinischen Fakultäten haben die Ausbildung in diesem Bereich fest in ihren Curricula installiert. Dennoch besteht weiterhin eine große Unsicherheit, wie mit Pränataldiagnostik, Sterbehilfe, Anwendungen der Gentechnologie oder Geburtenkontrolle umgegangen werden soll. Haben Stammzellen Menschenwürde? Und wenn ja, hat andererseits nicht jeder ein Recht auf die bestmögliche medizinische Versorgung? Der Philosoph Otfried Höffe widmet sich diesen und anderen Fragen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.01.2003

Besonders in den bioethischen Reflexionen mag Thomas Assheuer Ottfried Höffes neuem Buch gerne folgen. Wohlwollend paraphrasiert er Höffes Forderung nach einer doppelten Skepsis, sowohl gegenüber jenen Biopropheten, die sich von der Stammzellforschung das größte Heil versprechen, als auch gegenüber den Apokalyptikern, die die Gentechnik grundsätzlich ablehnen. Höffe plädiert dabei nach Assheuer gegen eine verbrauchende Embryonenforschung - schon der Zweizeller ist demnach als menschliches Leben zu betrachten, das auch in der Hoffnung auf medizinische Fortschritte nicht geopfert werden darf. Weniger überzeugt ist Assheuer von Höffes Versuch, eine neue, an Sokrates angelehnte Ethik des Sterbenlernens zu empfehlen. Assheuer findet diesen Versuch schon deshalb absurd, weil die Grenzen zwischen Leben und Tod mit den Fortschritten der Medizin immer stärker verwischen. Auch die Kritik am deutschen Gesundheitssystem und Höffes Vorschlag , nur mehr eine Grundversorgung zu finanzieren, während zusätzliche Leistungen freiwillig versichert sein sollten, mag Assheuer nicht nachvollziehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2002

Mit dem hippokratischen Eid der Ärzte ist längst nicht mehr alles gesagt und getan, meint Friedrich Wilhelm Graf und berichtet über eine Essaysammlung von Otfried Höffe zur Debatte über eine neue Ethik in der Medizin. Grundsätzliche Probleme dieser Debatte weiß der Autor durchaus zu erkennen und zu benennen, gesteht der Rezensent zu. Doch mit den Schlussfolgerungen ist Graf zumeist überhaupt nicht einverstanden. So seien Höffes Forderungen nach einem "menschenwürdigen Tod" "banal", seine Einwände gegen die Stammzellenforschung in der Argumentation nicht stimmig genug, seine Kritik an britischen Utilitaristen "allzu pauschal". Und besonders widersprüchlich findet er Höffes Annahme, Tugend, Ökonomie und Selbstinteresse seien eng miteinander verknüpft. Auf dieser Grundlage fordere der Autor nämlich einen "tiefgreifenden Umbau" des Gesundheitssystems hin zu einer "massiven Eigenbeteiligung" der Patienten, weil diese die "Selbstverantwortung" fördere. Dumm nur, meint Graf, dass der Mensch gerade dann, wenn es um das eigene Leben gehe, "zutiefst irrational" handelt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.08.2002

Das Buch will Udo Benzenhöfer nicht nur Ärzten und Philosophen ans Herz legen. Sachlich und "mit wünschenswerter Deutlichkeit" formuliert der Autor seine Auffassung von einem erweiterten medizinischen Ethos. Angeboten wird ein Grundsatz- wie Anwendungsfragen gleichermaßen behandelnder "zweistufiger sittlich-politischer Diskurs", bei dem, so gibt der Rezensent die These des Buches wieder, "auch die vielfach des Aufenthalts im Wolkenkuckucksheim gescholtene Philosophie ein Wörtchen mitzureden habe". Das aus der Antike bekannte Quartett der Kardinaltugenden - Besonnenheit, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit beziehungsweise Zivilcourage -, erklärt Benzenhöfer, sei dabei um eine fünfte Haltung zu erweitern, um die Gelassenheit. Der Rezensent folgt der Darlegung grundsätzlicher moralischer Fragen und den Kapiteln, in denen der Autor "konkret" zu aktuellen medizinethischen Fragen (zu einer "gerontologischen Ethik" etwa) Stellung bezieht, ausdrücklich mit Gewinn.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2002

Michael Pawlik zeigt sich in seiner ausführlichen Rezension beeindruckt von dem Sammelband, der sich entgegen der herrschenden Debatte in der Medizinethik für "Mäßigung und Besonnenheit" in der medizinischen Forschung ausspricht. Überzeugend legt Autor Otfried Höffe dar, dass eine "deontologische Pflichtethik" im Sinne Kants im Umgang mit menschlichem Sterben und Krankheiten nicht ausreicht und es der "Tugenden der Klugheit, Gelassenheit und Besonnenheit" bedarf, um nicht völlig überzogene Erwartungen in den Patienten zu wecken, so der Rezensent zustimmend. Pawlik bemerkt anerkennend, dass Höffe auch vor dem Aussprechen "unangenehmer Wahrheiten" nicht zurückschreckt und sich wohltuend von den Allmachtsphantasien, die im medizinischen Bereich verbreitet seien, abhebt. Dass er allerdings nicht erkannt hat, dass seine Ausführungen zum Schutz der Alten gegenüber den Jüngeren das "Vertrauensproblem" lediglich verschiebt und die herrschenden Schwierigkeiten nicht lösen kann, enttäuscht den Rezensenten. Er nennt dies ein "schmerzliches Defizit" des Buches. Am Ende beschleicht ihn deshalb doch die Furcht, mehr als ein "unverbundenes Nebeneinander von kollektiver Klugheitslehre und individuellen Moralitätsappellen" sei auch diesem Buch nicht möglich.