Die Aufzeichnungen Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte, an denen er bis zum Frühjahr 1940 schrieb, sind zugleich nüchterne Bilanz eines leidenschaftlichen Intellektuellen und steile Konstruktion eines kühlen Theoretikers. Der Intellektuelle legt Rechenschaft darüber ab, wie es um das altehrwürdige Unternehmen, die Welt in eine menschenwürdigere zu transformieren, bestellt ist zumal in einer Zeit, in der die Kräfte, denen man dies bislang zugetraut hatte, zerfallen und die Hoffnungen zerstört sind. Der Theoretiker nimmt dies zum Anlass, die verheerenden Folgen der bisherigen Geschichtsphilosophie aufzudecken und eine Alternative zu entwerfen, die die Kritik am linearen Fortschritt nicht mehr allein dem Irrationalismus überlässt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2010
Und wieder ist ein Mythos verpufft. Zumindest für Wolfgang Matz. Von Walter Benjamins einst geradezu "heiligem Text" bleibt für den Rezensenten nach dieser Edition wenig übrig, allenfalls ein "diffuser Komplex von Papieren". Dass Matz dies überhaupt nicht bedauert, erklärt er so: Zum einen sei die Edition so philologisch genau, dass sie jede Fassung, die sich in Frankreich oder Deutschland auftreiben ließ, gleichwertig nebeneinander stellt, es den einen Text also gar nicht mehr gibt. Zum anderen sieht Matz mit dem Historischen Materialismus Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen das Fundament entrissen. Was übrig bleibe, sei eine sehr wacklige Konstruktion aus, wie Matz selbst ein wenig ungläubig schreibt, bescheidenen Einsichten und interessanten Überlegungen. Mehr nicht.
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