Hannah Arendt, Gershom Scholem

Hannah Arendt / Gershom Scholem

Der Briefwechsel 1939-1964
Cover: Hannah Arendt / Gershom Scholem
Jüdischer Verlag, Frankfurt 2010
ISBN 9783633542345
Gebunden, 695 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Marie Luise Knott unter Mitarbeit von David Heredia. "Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde." So schließt der Brief, in dem Hannah Arendt im Oktober 1940 Gershom Scholem mitteilt, dass sich Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hat. In Zeiten größter Bedrohung beginnt eine Korrespondenz, die getragen ist vom Engagement für das Werk des gemeinsamen Freundes und in der von New York und Jerusalem aus immer die Welt des europäischen Judentums im Blick bleiben wird. Im Auftrag der Jewish Cultural Reconstruction, deren Ziel die Rettung der von den Nazis geraubten jüdischen Kulturgüter ist, reisen Hannah Arendt wie auch Gershom Scholem in den frühen Nachkriegsjahren erstmals wieder nach Deutschland. Dieses weitgehend unbekannte Kapitel in beider Geschichte wird über die Briefe hinaus durch bislang unveröffentlichte Berichte Hannah Arendts von ihrer Deutschlandreise 1949/50 dokumentiert. 1963 erscheint Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem. Ihre darin geäußerte Kritik an jüdischen Repräsentanten während der Zeit der Shoah wird von Gershom Scholem in einer auch öffentlich ausgetragenen Kontroverse radikal verworfen: Der über mehr als zwei Jahrzehnte aufrechterhaltene Dialog in Briefen endet im Schweigen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.11.2010

Rezensent Klaus Bittermann begrüßt den nun vorliegenden Briefwechsel zwischen der Philosophin Hannah Arendt und dem Kabbala-Forscher Gershom Scholem. Die Edition und Kommentierung der Briefe schätzt er als exzellent. Sie geben Aufschluss über die 27-jährige Freundschaft von zwei sehr unterschiedlichen Charakteren, eine Freundschaft, die mit dem Streit um Arendts Eichmann-Buch 1963 endete. War Bittermann die Lektüre der anderer Briefwechsel von Arendt, etwa der mit Mary McCarthy, eine reine Freude, so hält sich das Vergnügen im vorliegenden Fall in Grenzen. Das liegt in seinen Augen vor allem an Scholem, dessen "Bildungsbürgerdünkel" ihm zu missfallen scheint. Arendts Antworten findet er dagegen "erfrischend", weil sie kein Blatt vor dem Mund nahm. "Fest steht", resümiert der Rezensent, "auch im Duett mit Scholem erweist sich Arendt als große Briefeschreiberin".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2010

Ludger Lütkehaus begrüßt den mehrfach angekündigten vollständigen Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem, den er gespannt erwartet hat. Der von Marie-Luise Knott herausgegebenen Band scheint ihm sehr aufschlussreich im Blick auf das Verhältnis dieser beiden aus ähnlichen Milieus stammenden "Hitzköpfe", deren Korrespondenz mit der Nachricht vom Tod des gemeinsamen Freundes Walter Benjamins einsetzt. Lütkehaus nennt Gemeinsamkeiten, etwa den Kampf gegen die Ermordung der europäischen Juden oder die Kritik am Umgang Adornos und Horkheimers mit dem Erbe Benjamins, hebt aber auch die Kontroversen hervor. Gegensätzliche Positionen zum Zionismus und vor allem Streit anlässlich des Eichmann-Prozesses führten schließlich zur Entzweiung. Der Band dokumentiert für Lütkehaus somit die "unversöhnte Dissonanz" zwischen Arendt und Scholem. Lobend erwähnt er den "ungeheuer gelehrten" Kommentar der Herausgeberin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Von Anfang an gab es starke Gegensätze im Blick der dennoch einander zunächst persönlich zugetanen Hannah Arendt und Gerschom Scholem auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums. Der Zionist Scholem vertrat einen entschiedenen Nationalismus, mit dem die Denkerin Arendt wenig anfangen konnte. Der Briefwechsel zwischen den beiden zeugt von diesem Gegensatz, der schließlich, nach Arendts Veröffentlichung von "Die Banalität des Bösen" über den Eichmann-Prozess zum Bruch der Beziehung und zum Abbruch des Briefwechsels führte. Der Rezensent Lorenz Jäger zeichnet in seiner Rezension die Auseinanderbewegung zwischen den beiden an den entscheidenden Punkten nach. Nicht sehr freundlich geht er allerdings mit der Herausgeberin Marie-Luise Knott um, der er vorwirft, dass ihr Deutsch nicht so exquisit sei, wie das Hannah Arendts.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.09.2010

Thomas Meyer hat diesen Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem offenbar mit großem Interesse gelesen. Zunächst erzählt er ausführlich von ihrem gemeinsamen Engagement zur Rettung der jüdischen Kultur nach 1945, das die beiden großen Denkern lange Zeit und über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg zusammengeschweißt hat und das eines der Hauptthema des Briefwechsels ist. Hier begegnete ihm auch eine unbeirrbare, und zuweilen in ihren Urteilen auch scharfe Arendt, die, so Meyer, "von allzu unerbetener Zuneigung" verdeckt worden sei. Dass sich die beiden im Streit um ihre Haltung zu Israel und dem Zionismus überwarfen, nimmt den Rezensenten denn auch nicht Wunder. Zur Edition selbst äußert sich Meyer allerdings kritisch, harsch gar, wenn er sich über die Kommentierung, fehlende Hinweise oder nicht mit aufgenommene Tagebuchaufzeichnungen beschwert. Ganz nachvollziehbar sind Meyers Einwände nicht immer und vielleicht mit betriebsinternen Differenzen zu erklären.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.09.2010

Traurig stimmt Jens Malte Fischer der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem. Dass da zwei letztlich nicht miteinander konnten, bei aller Liebe und Achtung nicht, weil ihre charakterliche Prädisposition (Selbstgerechtigkeit, Unbelehrbarkeit und ein "Talent für Entgleisungen") es nicht zuließ, erfährt er hier nicht bloß zwischen den Zeilen beziehungsweise aus den beiden zentralen Kontroversen (zum Zionismus und Eichmann-Prozess) der Korrespondenz. Bei aller Traurigkeit ist es für Fischer aber auch aufregend, Scholems kritische Einlassungen zu Arendts Eichmann-Buch zu lesen und die Vergeblichkeit von Arendts Verteidigung. Über die Hintergründe der beiden Kontroversen hätte Fischer gern mehr gelesen, das ansonsten "instruktive" Nachwort hält er in diesem Punkt für zu allgemein. Insgesamt aber, auch unter Berücksichtigung umsichtiger Kommentierung und eines hilfreichen Anhangs, ist ihm die Edition ein Ereignis - das er nicht zuletzt mit einer ganzseitigen Besprechung würdigt.
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