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Vorgeblättert
Leseprobe zu Hannah Arendt, Gershom Scholem: Der Briefwechsel. Teil 1
30.08.2010.
Anmerkung der Redaktion: Die Herausgeberin Marie Luise Knott hat diesen Briefwechsel mit sehr gründlichen und sehr lesenswerten Anmerkungen versehen, die wir allein deshalb nicht mitaufgenommen haben, weil dies unsere Kapazitäten gesprengt hätte.
[4 Arendt an Scholem
New York, 17. Oktober 1941]
Hannah Arendt-Bluecher
317 West 95th Street
New York, N.Y.
17. Oktober 1941
Lieber Scholem -
Miriam Lichtheim gab mir Ihre Adresse und schrieb mir Ihre Grüße. Nun hoffe ich zwar, dass ich auch ohne diesen Anlass mich aufgeschwungen hätte Ihnen zu schreiben, muss aber zugeben, dass dieser Anstoss doch recht nützlich war.
Wiesengrund sagte mir, dass er Ihnen einen ausführlichen Bericht über Benjamins Tod habe zugehen lassen. Ich habe selbst manche nicht unwichtige Einzelheiten erst hier erfahren. Bin vielleicht überhaupt nicht allzu sehr qualifiziert für eine Darstellung, da ich so wenig mit einer solchen Möglichkeit je gerechnet hatte, dass ich noch wochenlang nach seinem Tode das Ganze für eine Art Emigrantenklatsch gehalten habe. Und dies, obwohl wir gerade in den letzten Jahren und Monaten sehr nahe befreundet waren und uns regelmässig sahen.
Bei Ausbruch des Krieges waren wir alle zusammen in einem kleinen französischen Nest nahe bei Paris zwecks Sommererholung. Benji war ausgezeichnet in Form, hatte seinen Baudelaire teilweise fertig und war der m. E. Berechtigten Meinung, im Begriff zu sein, ausgezeichnete Sachen zu machen. Der Ausbruch des Krieges hat ihn gleich über die Massen erschreckt. Er floh am ersten Tage der Mobilmachung aus Paris nach Meaux aus Angst vor Fliegerangriffen. Meaux war ein berühmter Zentralpunkt der Mobilmachung, mit einem militärisch sehr wichtigen Flughafen und einem Bahnhof, der einen der Knotenpunkte für den ganzen Aufmarsch bildete. Der Erfolg war natürlich, dass dort vom ersten Tage an ein Fliegeralarm den andern ablöste, und Benji ziemlich entsetzt umgehend zurückkam. Er kam gerade zur Zeit, um sich ordnungsgemäss internieren zu lassen. In dem vorläufigen Lager in Colombes, wo ihn mein Mann noch ausführlich gesprochen hat, war er ziemlich verzweifelt. Und dies natürlich mit einigem Grunde. Er setzte sofort eine bestimmte Form von Askese ins Werk, rauchte nicht mehr, verschenkte alle seine Schokolade, weigerte sich, sich zu waschen oder zu rasieren oder überhaupt sich zu bewegen. In dem endgültigen Lager angekommen, hat er sich dann eigentlich gar nicht so schlecht gefühlt: er hatte eine Reihe junger Burschen um sich herum, die ihn gerne mochten und von ihm lernen wollten und ihm alles abnahmen. Als er Mitte oder Ende November zurückkam, war er eher zufrieden, dies Experiment gemacht zu haben. Auch seine ursprüngliche Panik war ganz verschwunden. Er schrieb in den folgenden Monaten die geschichtsphilosophischen Thesen, von denen er Ihnen, wie er mir sagte, auch ein Exemplar geschickt hat und aus dem Sie ja ersehen werden, dass er einer Reihe neuer Sachen auf der Spur war. Er hatte allerdings gleich ziemliche Angst vor der Meinung des Instituts. Sie werden ja wissen, dass vor Ausbruch des Krieges das Institut ihm geschrieben hatte, dass sein monatliches Honorar nicht mehr sicher sei und er versuchen solle, sich nach etwas anderem umzusehen. Das hat ihm viel Kummer bereitet, obwohl auch er von der Ernsthaftigkeit dieses Ansinnens nicht sehr überzeugt war. Das machte die Sache eher unangenehmer als besser. Diese Angst nun fiel mit Ausbruch des Krieges weg; aber vor der Reaktion auf seine neuesten und ja recht unorthodoxen Theorien war ihm doch nicht sehr wohl. - Im Januar nahm sich einer seiner jungen Freunde aus dem Lager, der zufällig auch ein Freund oder Schüler meines Mannes war, das Leben. Das hatte im Wesentlichen ganz private Gründe. Diese Sache hat ihn ausserordentlich beschäftigt und er nahm in allen Gesprächen mit wirklich leidenschaftlicher Vehemenz die Partei dieses Jungen und seines Entschlusses. - Im Frühjahr 1940 traten wir alle schweren Herzens den Gang zum Amerikanischen Konsulat an, und obwohl uns dort einstimmig erklärt wurde, dass wir 2-10 Jahre warten müssten, bis unsere Quotennummern drankämen, nahmen wir zu dritt englische Stunden. Keiner von uns nahm die Sache sehr ernst, aber Benji hatte nur einen Wunsch, so viel zu lernen, um sagen zu können, dass er die Sprache absolut nicht möge. Das gelang ihm auch. Sein horror vor Amerika war unbeschreiblich, und er soll bereits damals zu Freunden gesagt haben, dass er ein kürzeres Leben in Frankreich einem längeren in Amerika vorzöge.
All dies nahm ein schnelles Ende, als ab Mitte April alle entlassenen Internierten bis zum Alter von 48 Jahren auf ihre Tauglichkeit zum militärischen Arbeitsdienst untersucht wurden. Dieser Arbeitsdienst war wirklich nur ein anderes Wort für Internierung mit Zwangsarbeit und gegen die erste Internierung in den meisten Fällen eine Verschlechterung. Dass Benji für untauglich erklärt werden würde, war von vorn herein klar, nur ihm nicht. Er hat sich in dieser Zeit furchtbar aufgeregt und mir mehrmals erklärt, dass er das gleiche Theater nicht noch einmal mit machen könne. Er wurde dann natürlich untauglich geschrieben. Unabhängig von dieser Massnahme kam Mitte Mai die zweite und viel gründlichere Internierung, von der Sie ja wissen werden. Wie durch ein Wunder blieben drei Menschen davon verschont, darunter Benji. Bei dem Chaos der Administration konnte er trotzdem nie wissen, ob und wielange die Polizei eine ordre des Aussenministeriums anerkennen würde und ob er nicht einfach verhaftet werden würde. Ich selbst habe ihn damals nicht mehr gesehen, da ich auch interniert war, aber Freunde erzählten, dass er sich überhaupt nicht mehr auf die Strasse gewagt habe und in einer dauernden Panik war. Mit dem letzten Zug, der Paris verliess, gelang es ihm mitzufahren. Er hatte nichts bei sich als eine kleine Koffertasche mit zwei Hemden und Zahnbürste. Er fuhr, wie Sie wissen, nach Lourdes. Als ich Mitte Juni aus Gurs rauskam, kam ich zufällig gleichfalls nach Lourdes und blieb dann mehrere Wochen auf seine Veranlassung dort. Es war im Moment der Niederlage, es gingen nach wenigen Tagen keine Züge mehr; kein Mensch wusste, wo Familien, Männer, Kinder, Freunde geblieben waren. Benji und ich spielten von morgens bis abends Schach und lasen in den Pausen Zeitungen, sofern es welche gab. Das ging alles ganz gut und schön bis zu dem Augenblick, wo der Waffenstillstandsvertrag mit der berühmten Auslieferungsklausel veröffentlicht wurde. Daraufhin war uns beiden natürlich noch erheblich unwohler, aber ich kann nicht sagen, dass Benji in wirkliche Panik geriet. Immerhin erfuhren wir von den ersten Selbstmorden von Internierten auf der Flucht vor den Deutschen. Und Benjamin begann zum ersten Male zu mir und wiederholt von Selbstmord zu reden. Dass dieser Ausweg eben doch bliebe. Auf meine höchst energische Einsprache, dass man dazu immer noch Zeit habe, wiederholte er sehr stereotyp, dass man das nie wissen könne und dass man auf keinen Fall damit zu spät kommen dürfe. Andererseits sprachen wir von Amerika. Er schien mit diesem Gedanken ausgesöhnter als früher. Ein Brief vom Institut, in welchem man ihm erklärte, dass man alle Anstrengungen mache ihn rüberzubekommen, nahm er ernst; weniger aber eine weitere Erklärung, dass er mit einem gesicherten Gehalt dem Herausgeberstab der Zeitschrift angehören würde. Dies hielt er für einen Scheinvertrag, um sein Visum zu ermöglichen. Er fürchtete sehr, offenbar zu Unrecht, dass wenn er erst einmal hier sein würde, man ihn im Stich lassen könne. Anfang Juli fuhr ich von Lourdes ab, da ich mich a la recherche de mon mari perdu begeben musste. Benji war darüber nicht gerade begeistert, und ich habe lange geschwankt, ob ich ihn nicht mitnehmen solle. Aber das wäre einfach unausführbar gewesen: er war dort den Behörden gegenüber (mit einem Empfehlungsschreiben vom Aussenministerium) so gesichert, wie er es nie mehr irgend wo hätte sein können. Ich habe dann bis September von ihm nur noch brieflich gehört. Inzwischen war die Gestapo in seiner Wohnung gewesen und hatte alles beschlagnahmt. Er schrieb sehr deprimiert. Seine Manuskripte sind zwar inzwischen gerettet worden, damals aber musste er mit Recht alles verloren geben. - Im September kamen wir nach Marseille, weil unsere Visen inzwischen eingetroffen waren. Benji war dort schon seit August, da sein Visum schon Mitte August angekommen war. Er hatte auch bereits das berühmte spanische und natürlich das portugiesische Transit. Das spanische Visum war gerade noch 8 oder 10 Tage gültig, als ich ihn wiedersah. Ein visa de sortie zu bekommen, war damals vollkommen aussichtslos. Er fragte mich verzweifelt, was er tun solle und ob wir nicht die spanischen Visen so rasch bekommen könnten, dass wir alle zusammen über die Grenze gehen könnten. Ich sagte und zeigte ihm, dass das aussichtslos sei und dass er andererseits weg müsse, da damals spanische Visen nicht mehr verlängert wurden. Ich sagte ihm ausserdem, dass es mir höchst fraglich sei, wie lange es diese Visen überhaupt noch geben würde und dass man es doch nicht riskieren könne, es verfallen zu lassen. Dass wir selbstverständlich am besten zu dritt zusammengehen würden, dass er dann zu uns nach Montauban kommen solle, aber dass kein Mensch dafür die Verantwortung übernehmen könne. Daraufhin entschloss er sich ziemlich Hals über Kopf doch abzufahren. - Die Dominikaner hatten ihm einen Empfehlungsbrief an irgendeinen spanischen Abt mitgegeben. Der hat uns allen damals mächtig imponiert, war aber vollkommen sinnlos. - In diesen Tagen in Marseille sprach er wieder von Selbstmordabsichten. - Alles weitere werden Sie ja wissen: dass er mit ihm ganz fremden Menschen losziehen musste, dass sie den längeren Weg wählten, der einen Fussmarsch im Gebirge von ca. 7 Stunden bedeutete, dass sie aus vollkommen unerfindlichen Gründen ihre französischen Aufenthaltspapiere vernichteten und sich damit die Rückkehr nach Frankreich abschnitten, dass sie dann genau 24 Stunden nach Schliessung der spanischen Grenze für Leute ohne nationale Pässe - wir hatten alle nur noch die Papiere des Amerikanischen Konsulats - dort ankamen, dass Benji bereits auf dem Hinwege mehrmals zusammengebrochen war, dass sie am nächsten Morgen an die spanische Grenze gestellt werden sollten und er sich in der Nacht, die ihnen zugebilligt war, das Leben genommen hat. Wir haben, als wir Monate später in Port Bou ankamen, vergeblich sein Grab gesucht: es war nicht zu finden, nirgends stand sein Name. Der Friedhof geht auf die kleine Bucht, direkt auf das Mittelmeer, er ist in Terrassen in Stein gehauen; in solche Steinwälle werden auch die Särge geschoben. Es ist bei weitem eine der phantastischsten und schönsten Stellen, die ich je in meinem Leben gesehen.
Das Institut hat den Nachlass, wagt aber vorläufig nichts in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Ich frage mich, ob man nicht die geschichtsphilosophischen Thesen unabhängig davon bei Schocken herausgeben könnte. Er hat mir das Manuskript geschenkt und das Institut hat es erst durch mich erhalten.
Lieber Scholem, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, und ich habe es so genau wie möglich und so kommentarlos wie möglich getan.
Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße von Monsieur und mir.
Ihre
Hannah Arendt. [handschriftl.]
P. S. Da mir alle Exemplare meiner unglücklichen Rahel verloren gegangen sind, habe ich Verwandte gebeten, das Exemplar von Ihnen abzuholen und mir herzuschicken. Das dafür nötige Geld wird Kurt Blumenfeld an seine Frau überweisen. Merci d?avance!
[NLI, Scholem-Nachlaß; Original; Typoskript.]
[10 Scholem an Arendt
Jerusalem, 21. Dezember 1943
Briefpapier The Hebrew University]
28 Abarbanel Road
Jerusalem, 21. Dezember 1943
Liebe Hannah Blücher
heute kam Ihr Brief vom 4. November und obwohl die anderen angekündigten Sendungen (Ihre Notizen zu meinem Buch und Benjamins Thesen) noch nicht angekommen sind, will ich Ihnen doch gleich einige Worte schreiben. Ich leide sehr unter der schlechten Communikation mit den USA und jene "öffentliche Vereinsamung" von der Sie sprechen, scheint alle meine Freunde und Bekannten dort stumm zu machen und leider sind Sie keine Ausnahme. Von meinem Freunde Herrn Schocken habe ich in drei Jahren sage und schreibe einen Brief vor zwei Jahren bekommen, das Erscheinen meines Buches hat ihn trotz der Lobsprüche nicht redseliger gemacht, so auch halten es Spiegel und andere, so auch Wiesengrund, der ebenfalls auf mein Buch sonderbarerweise durch einige Zeilen seiner Frau reagiert hat, während er selber in New York war, und seither fast 2 Jahre noch keine Zeile an mich hat gelangen lassen. Freilich geht wirklich viel verloren, obwohl es jetzt besser sein soll.
Einige Notizen zu Ihrem Brief: Ihre Meinung daß Schocken "trotz aller Liebe" mein Buch nur in 250 Exemplaren hat drucken lassen ist irrig. Es sind von dieser ersten Auflage 1100 Exemplare gedruckt worden, von der mehr als die Hälfte nach New York ging (und auch ankam). Natürlich haben Sie wohl recht, daß so gut wie nichts zur Propaganda geschah, das ist aber mir persönlich nur allzu peinlich klar: außer Spiegel (der sich wirklich darum gekümmert hat) hat niemand dort ein besonderes Interesse: es ist a) offenbar doch eben zu hoch für dies Publikum, zu wenig zerquetscht (die Jew. Publ. Society hat von mir offenherzig und 〈 wäre eben 〉 ein offenes Quatschbuch über das Thema verlangt hat, für Leser with a moderate interest in Jewish History or Religion !!!) b) paßt die Sache nicht so ganz ins Schema und c) versteht wirklich niemand was von der Sache und will sich keiner anlegen, so begnügt man sich soweit ich seh mit ganz unverbindlichem Geschwätz. Übrigens habe ich nur ein paar Kritiken (bis April nur!!) von Spiegel gesandt bekommen, und wohl das meiste gar nicht gelesen. Sie würden mich verpflichten, wenn Sie mir Notizen über oder aus Besprechungen zusenden würden. Der Schocken Verlag der überhaupt keinen Apparat dort drüben hat, tut nichts dergleichen. Ich hatte ein bißchen auf rein philosophische Beziehungen gehofft (Leo Strauß, A. Heschel, Tillich, Wiesengrund) die jemand ohne eigene Sachkenntnis - die ja eben keiner hat, der verfluchte circulus vitiosus meiner wissenschaftlichen Stellung - vom Denken her liefern könnte. Hierbei wurde auch ein bißchen auf ein philosophisches Köpfchen wie das Ihre spekuliert. Aber alle, alle - blieben im Stalle, und "ferner liefen" nur die wir nicht riefen. Was tun? Das Institut war bereit an alle mögliche Stellen copies zu schicken. Ich denke, mit Kriegsende die zweite Auflage (ungefähr 100 Seiten mehr, mit dem zur Symbolik der 10 und auch sonst unbedingt fehlenden zehnten Capitel - in der Folge ein viertes - über die Entstehung und Anfänge der Kabbala!) erscheinen zu lassen. Nach England ist sowieso so gut wie überhaupt nichts von dieser Auflage gelangt.
An meinem Sabbatianismus knabbere ich immer noch. Ich habe noch nicht die richtige Konzentration. Inzwischen schreibe ich allerlei Allotria der Wissenschaft, zur Beruhigung meines Gewissens und weil es ja aber sowieso eine Unmenge Dinge gibt, die man in diesem Fach nur schreiben muß, um einmal irgendwo mit gutem Gewissen sich darauf berufen zu können. Wenn Sie Gelegenheit haben, für mich "Propaganda" zu machen, dürfen Sie es ruhig tun. Ich hoffe, noch einmal bei guter Stunde, irgend eine Chance zu ergreifen, um für ein oder maximal zwei Jahre nach dort zu kommen, was mir großes Vergnügen machen würde zu meiner eigenen Erziehung mehr als zu der anderer jüdischer Jugend. Daher arbeite ich unverdrossen an der Herstellung eines heilsamen Rezeptes dort drüben.
Wie ich sehe, denken Sie von den Erben Walter Benjamins dort drüben das Schlechteste. Ich wage keine eigene Meinung über den Stand der Dinge. Horkheimer erregte mir bei der ersten (und ich glaube auch letzten) Begegnung heftige Antipathie, von der ich annehmen möchte, daß sie von dort erwidert wird, und bin also kein ganz objektiver Beurteiler. Sein Aufsatz über die Judenfrage in der Zeitschrift ist ein freches, arrogantes und widerwärtiges Gerede ohne Kenntnis und Substanz, über das ich mich in meinem letzten Brief dessen Anlangen bei Benjamin mir noch sicher ist, sehr heftig und offen geäußert habe. Lachen möchte ich, wenn auch diese meine unzweideutige Korrespondenz mit ihm sich unter dem Nachlaß befände, und gar erst die Explikation meiner Beurteilung der Verhältnisse des Instituts und seiner Stellung zu W. B., die ich ihm aus Amerika schrieb. Das wären die rechten Leser meiner Briefe! Von Wiesengrund hatte ich aber eine viel bessere Meinung, die ich ungern unter dem Druck von Tatsachen aufgäbe. Sein attachment an W. B. Schien mir echt zu sein, 〈mehr als dass〉 ich mir von ihm eine bloße Plünderung eines großen Vermächtnisses als Dank an diesen Toten erwarten möchte. Jedenfalls werde ich "rebus sic stantibus", wie wir als kleine Kinder zu sagen pflegten, mich in bezug auf die bei mir befindlichen Benjaminschen Papiere mit gewisser Reserve und Vorsicht verhalten, bis sich herausstellt, woher und wohin der Wind weht. Ich hatte natürlich gedacht, daß mit Kriegsende eine Chance für die Sammlung dieser großen Produktion kommen würde. An Schocken darüber zu schreiben hat gar keinen Sinn, er liest Briefe nicht, und wenn er sie liest, so kommt es nicht zu irgend einer Entscheidung. Er leidet an verhängnisvoller Lähmung der Indiktion. Man kann nur mündlich mit ihm reden, und da macht man entweder in einer selben Minute den nötigen Eindruck auf ihn oder auch (meistens auch bei gutem Zureden) nicht. Ich habe ihm mehr als dreimal gesagt, was nach meiner Meinung (als W. B. Noch lebte) der richtige Kurs eines auf Vergnügen bedachten intelligenten Millionärs zu sein hätte. Und unter den ungelesenen Briefen in New York dürfte sich auch noch der befinden, den ich ihm nach Benjamins Tod über das alte Thema "feriuntque summos fulgura montes" verabfolgt habe. Übrigens würden Sie mich verpflichten, wenn Sie mir mal ausführlicher beschreiben würden, nach dortigen Traditionen, was er eigentlich für Unannehmlichkeiten mit unseren sogenannten Friends dort gehabt hat. Hier ist darüber Genaues nicht zu erfahren, und ich bin für Aufklärungen, die auch für uns wichtig sein könnten, dankbar.
Was ist sonst von uns zu berichten? Wir bereiten uns auf das Endstadium des Krieges vor und sehen mit ziemlicher Spannung den Möglichkeiten die sich mit dem Ende enthüllen werden entgegen. Was uns noch an Offenbarungen über den Stand des jüdischen Volkes in Europa bevorsteht, wissen wir ja nicht, aber krank macht der Gedanke an das was wir da erfahren werden schon jetzt. Daß wir hier grade an dieser Ecke nun doch anscheinend von diesem unmittelbaren Wüten der Kriegsvorgänge selber nicht erreicht wurden scheint ja so gut wie endgültig sicher. Ein nicht wiederzugebendes Gefühl. Wofür sind wir hier nun aufgehoben worden? Und dabei brodelt und zischt es auch hier genug.
Fanja läßt Sie sehr herzlich grüßen. Sie ist mit ihrem Bruder der Soldat ist, gerade einige Tage auf Urlaub gefahren. Da hier eine ziemliche Inflation herrscht und die bekannten Nebenfolgen für Leute mit festen Gehältern wie Professoren schon aufs schwierigste sich auswirken, hat sie es nicht leicht unseren Haushalt zu führen. Und jetzt hat sie noch dazu Angst, daß wir alle die neue große Grippe-Epidemie, die anscheinend mit gespenstischem Tritt gegen Ende des Krieges wieder durch die Länder zieht, auch uns mitnimmt (welches ja schließlich nur gerecht wäre!).
Bitte schreiben Sie bzw. schicken Sie mir doch Ihre Antisemitismus-Artikel, soweit sie etwa Abzüge davon zur freien Verfügung haben. Grüßen Sie Herrn Blücher schön. Drucken Sie Ihr Rahel-Buch (wovon ich nichts in Ihrem Brief finde!!) und seien Sie selbst herzlich gegrüßt von dem Jerusalemer Kabbalisten
Gerhard Scholem
[LoC, Arendt-Nachlaß; Original; Handschrift.]
Teil 2
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