9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 - Wissenschaft

Kann Wissenschaftsfreiheit von normativen Überformungen wie Demokratie- oder Umweltförderungszielen, Gleichstellungs-, Diversitäts- oder Nachhaltigkeitszielen auch bedroht werden. Diese Frage stellt sich, ausgehend von einem Policy Paper "Hochschule in der ungesicherten Demokratie" Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Er hält es in der FAZ mit dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Peter Strohschneider. "Er argumentierte, dass die Koppelung an gesellschaftliche Ziele, so unterstützenswert sie auch sein mögen, die Gefahr blinder Flecken in wissenschaftlichen Fragestellungen berge. Seine Kritik an einer transformativen Wissenschaft lässt sich durchaus als Kritik eines dahintersteckenden 'sanften Autoritarismus' in den Wissenschaften lesen, der von der Wissenschaftspolitik befördert wurde. Etwa dadurch, dass das Erreichen von Gleichstellungs-, Diversitäts- und Nachhaltigkeitszielen in Anträgen bei Förderausschreibungen zwingend thematisiert werden muss." Das kann außerdem stark nach hinten losgehen, hängt Meyer-Guckel noch an: Ein Beispiel "ist das Bremer Hochschulgesetz, das Hochschulen verpflichtet, Forschung und Lehre ausschließlich auf zivile Zwecke auszurichten. Bayern wiederum verbietet seinen Hochschulen eine solche Klausel. Daran lässt sich trefflich illustrieren, wie der normative Impetus bei neuen Machtverhältnissen zurückschlagen kann."
Stichwörter: Wissenschaftsfreiheit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2026 - Wissenschaft

Die Historikerin Ute Frevert, Präsidentin der Max-Weber-Stiftung, hält gerade ein Gastsemester über Nietzsche an der Uni Jerusalem und erzählt in der FAZ, wie gern sie das tut. Und wie dankbar die israelischen Kollegen für jeden internationalen Akademiker sind, der sich von den Boykottaufrufen gegen israelische Wissenschaftler und Institutionen nicht einschüchtern lässt. Noch schlimmer ist die Praxis der "soft exclusion", die sich nicht mal offen zum Boykott bekennt: "Selbst junge Forscher aus den weniger ideologisierten Naturwissenschaften leiden unter dem Boykott, der es ihnen schwer macht, Kontakte und Netzwerke zu knüpfen. Ausländische Postdocs kommen kaum noch ins Land. Das renommierte Weizmann-Institut weiß ein Lied davon zu singen. Aus internationalen Förderungsprogrammen sehen sich israelische Wissenschaftler zunehmend ausgeschlossen. Ihre Erfolgsquote bei den begehrten Starting Grants des European Research Council betrug 2025 acht Prozent, verglichen mit dreißig Prozent bei früheren Ausschreibungen. Auch das fällt unter soft exclusion, ebenso wie die Aufkündigung oder Ablehnung von Kooperationen, von denen die temperamentvolle Vizepräsidentin der Ben-Gurion-Universität in Beersheba erzählt. Viele europäische Hochschulen, so Michal Bar-Asher Siegal, antworteten gar nicht mehr auf entsprechende Anschreiben oder duckten sich weg."

Die Antisemiten haben gewonnen, konstatiert der Jungle-World-Kolumnist Kolja Podkowik. Das erkenne man "am überbordenden Selbstbewusstsein der Antisemiten, die aber alle keine Antisemiten sind. Sich keinerlei Schuld bewusst, haben sie weder etwas zu verbergen noch zu befürchten, es drängt sie in die Öffentlichkeit. Die, die nicht mal legitime Gesprächspartner sein dürften, setzen die Rahmenbedingungen eines jeden Gesprächs. Oft werden die Antisemiten allerdings auch rassistisch diskriminiert, dürfen beispielsweise keine Pali-Tücher in der Gedenkstätte Buchenwald tragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2026 - Wissenschaft

Thomas Thiel kann es in der FAZ nach wie vor nicht fassen, dass die Humboldt-Uni ihr Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie und das Institut für Nordostafrikanische Archäologie einfach abschaffen will. Dass Archäologie ein Orchideenfach sei, will ihm überhaupt nicht einleuchten: "Archäologische Funde und Ausstellungen ziehen breites Interesse auf sich. Als die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft im Dezember das Ende ihres Studiengangs für Grabungstechnik verkündete, obwohl Grabungstechniker für die Energiewende händeringend gesucht werden, wurde klar, wie breit das Tätigkeitsspektrum für Archäologen heute ist. Das Fach ist auch nicht angestaubt oder ausgeforscht. Die digitalen Techniken ermöglichen neue Erkenntnisse und Präsentationsformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2026 - Wissenschaft

Die Humboldt-Uni will das Winckelmann-Institut abschaffen. Es ist "eines der ältesten Institute, das Herzstück der Archäologie in Deutschland", sagt Gabriel Zuchtriegel, Leiter des Archäologischen Parks Pompeji, im Gespräch mit Karen Krüger von der FAZ. Er kreidet der Uni "eine als woke getarnte neoliberale Politik, der die europäische Klassik rein gar nichts mehr sagt", an: "Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2026 - Wissenschaft

In der FAZ steigt jetzt auch der Historiker Christoph Dieckmann in die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe ein (unsere Resümees hier, hier und hier). Auch Dieckmann weist den Vorwurf zurück, deutsche Historiker interessierten sich nur für deutsche NS-Täter, aber nicht für die Kollaborateure in anderen Ländern. Dieckmann listet als Gegenbeweis eine ganze Reihe von Historikern auf, die sich mit der Beteiligung von Nichtdeutschen an antisemitischen Verbrechen befasst hätten. Bei der Beschreibung dieser Beteiligung gehen die Meinungen allerdings auseinander: "Wir schätzten den normativen Kollaborationsbegriff, den zum Beispiel Rossoliński-Liebe bis heute verwendet, eher kritisch ein und suchten nach anderen, weniger belasteten Begriffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Wissenschaft

Rettet die Zettelkataloge in den Bibliotheken, ruft der Bibliothekswissenschaftler Ulrich Johannes Schneider in der FAZ. Er erinnert daran, wie Nicholson Baker schon um die Jahrtausendwende gegen die Auflösung dieser Kataloge im Zeichen der Digitalisierung protestiert hatte. "Damals, am Ende des 20. Jahrhunderts, war der Platzbedarf in den Bibliotheksmagazinen tatsächlich noch groß, ganz anders als heute, wo die Digitalisierung der Zeitschriften den Bibliotheken neue räumliche Ressourcen schenkt. Daher wäre zu wünschen, dass den nicht nur in Deutschland noch zahlreich vorhandenen Zettelkatalogen dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird, die mittelalterliche oder frühneuzeitliche Katalogwerke genießen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2026 - Wissenschaft

Buch in der Debatte

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Die Gedenkstätte Topographie des Terrors hat im November kurzfristig eine Buchpräsentation des an der FU lehrenden Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe abgesagt, nachdem die polnische Botschaft gegen das Buch protestiert hatte: Rossoliński-Liebe beschreibt darin - offenbar sehr kritisch - das Verhalten polnischer Bürgermeister während des Holocaust. Auf die Frage des Holocaustforschers Jan Grabowski in der Jüdischen Allgemeinen: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?", antworten heute in der FAZ die Historiker Stephan Lehnstaedt (mehr hier) und Andrea Löw (mehr hier): Erstens sei die Präsentation nur verschoben worden, zweitens halten sie nichts von Protestaufrufen und drittens werde Rossoliński-Liebe zumindest in Deutschland nicht zensiert, sondern könne frei reden und unterrichten. Vor allem ärgern sich die beiden über den Vorwurf, die deutsche Holocaust-Forschung stelle "die deutschen Täter zu sehr in den Mittelpunkt": "Wenn deutsche Historiker sich mit deutschen Tätern beschäftigen, machen sie dies nicht, weil sie, wie Rossoliński-Liebe unlängst einer Zeitung sagte, so 'stolz' auf deren Alleinverantwortung für den Holocaust sind. Doch leider ist es angesichts von Geschichtsvergessenheit und offenem Revisionismus keineswegs obsolet, immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es ohne den Nationalsozialismus, ohne den vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen begonnene Vernichtungspolitik diesen Völkermord nicht gegeben hätte. Der Holocaust wurde von Deutschland aus in Gang gesetzt. Wenn das geklärt ist, können wir über die große Mitschuld vieler anderer ... reden und forschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2026 - Wissenschaft

Die deutsch-britische Mathematikerin Christina Pagel vom University College London erzählt im Interview mit der FAZ, warum sie den "Trump Action Tracker" gegründet hat, der die Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und antidemokratische Maßnahmen in den USA dokumentieren soll. Damit verfolge sie zwei Ziele, erklärt sie: "einmal die öffentliche Dokumentation. Jeder Eintrag führt zu einer seriösen Quelle. Die Leute sollen sich mit diesen Berichten selbst ein Bild machen können. Zudem sollen sich die Leute fragen: Welche Lehren ziehen wir daraus für unsere eigenen Länder? Es geht darum, die Muster antidemokratischer Prozesse offenzulegen und sie zu erkennen. Ich hoffe, der Tracker kann helfen, unsere Systeme widerstandsfähiger zu machen."

Ebenfalls in der FAZ stellt die Kulturwissenschaftlerin Monika Albrecht die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda vor, die die Aufklärung verteidigt und in ihrem neuen Buch "Postcolonial Theory and the Making of Hindu Nationalism. The Wages of Unreason" darlegt, wie der Postkolonialismus rechte Ideologien stützt. Vor allem das Konzept des "strategischen Essentialismus" lade zu Missbrauch ein: "Tatsächlich wird dies seit Langem intensiv genutzt, beispielsweise in Indien, wo die großen Namen der post- und dekolonialen Theorien - von Edward Said und Gayatri Spivak über Ashis Nandy und Dipesh Chakrabarty bis zu Walter Mignolo und Anibal Quijano - heute voller Respekt in der Literatur der hinduistischen Rechten zitiert werden. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass postkoloniale Theoreme wie die bekannte Forderung nach 'mentaler Dekolonialisierung' ihren Weg aus dem akademischen Elfenbeinturm in die Regierungsgebäude gefunden haben - in Indien ganz konkret, als die hindunationalistische Modi-Regierung im Jahr 2020 'Dekolonialisierung' zum Leitprinzip der nationalen Bildungspolitik erhob."

Außerdem: Kerstin Holm stellt in der FAZ ein Forschungsprojekt vor, das die systemische Indoktrination in Russlands Bildungswesen untersucht. Geleitet wird es von dem Bildungsphilosophen Krassimir Stojanov.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2025 - Wissenschaft

Lorenz Jäger rauft sich in der Welt die Haare, wenn er liest, was vor allem an anglophonen Universitäten heute aus der Kritischen Theorie entstanden ist: "'Critical Age Studies', 'Critical Youth Studies', 'Critical Management Studies', 'Critical Midwifery Studies' (Hebammenstudien), 'Critical Physics' ('an invitation to rethink how the advances of modern science intertwine with (…) hierarchical and exclusionary practices'), eine 'Critical Philosophy of Mathematics', 'Critical University Studies', 'Critical Data Studies', 'Critical Animal Studies', 'Critical Criminology', 'Critical Environmental Justice', 'Critical Historiography', 'Critical Legal Studies', 'Critical Pedagogy', 'Critical Terrorism Studies'." Am besten gefallen ihm die "Critical South Asian Death Studies", die die Uni Münster anbietet.

Die FAZ hätte auf ihren Wissenschaftsseiten so etwas wie eine Critical Pregnancy Theorie anzubieten: Die kanadische Philosophin Kimberley Brownlee hielt in Oxford die Uehiro Lectures - drei Vorlesungen, die sich den "Reproductive Rights" widmen und der Frage, ob Männer dafür entschädigt werden sollten, dass sie nicht schwanger werden können, berichten Jonas Hertel und Coraly von Welser. Sie wertet das als Behinderung: "Ihre Vorschläge zielen allein darauf ab, den Benachteiligten eine Form von Elternschaft zu ermöglichen. Arbeitgeber könnten Gebärbehinderten - also zumeist Männern - zusätzliche Freizeit einräumen, um Fortpflanzungsprojekte zu verfolgen. Der Staat könnte die Rechte von Eltern beschränken, damit an der Fürsorge für ihr Kind viele andere Erwachsene mitwirken dürfen. So könnten Gebärbehinderte sinnstiftend in die Kindererziehung einbezogen werden. Die Kompensation hat laut Brownlee allerdings Grenzen. Frauen dürfen nicht gezwungen werden, Kinder auszutragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2025 - Wissenschaft

Der größte Teil der Nahostforschung an amerikanischen und europäischen Universitäten ist von BDS-ähnlichen Positionen geprägt. Forschungen über islamischen Judenhass und die Grauzone zwischen linkem, rechtem und islamistischem Totalitarismus, die im Nahostkonflikt eine so große Rolle spielt, werden an den Unis meist ausgeblendet - Forschungen dazu werden eher außerhalb der Unis vorangetrieben. Der Historiker Jeffrey Herf, der zu diesen Themen publiziert, ruft die Universitäten darum auf, sich des Problems bewusst zu werden und neue Institute zu schaffen. Die Jüdische Allgemeine übernimmt seinen Vortrag, den er auf einer Berliner Konferenz des Tikvah-Instituts über linken und islamischen Antisemitismus hielt: "Es ist unbestreitbar, dass Verachtung, ja sogar Hass gegenüber den Universitäten in der Politik Trumps - und vermutlich auch in der AfD in Deutschland - Realität ist. Doch außer den derzeit einflussreichen Hochschullehrenden dieser Disziplinen wird niemand die Existenz eines Problems und die Notwendigkeit eines Perspektivenpluralismus leugnen. Es geht darum, Liberalismus und Interpretationsvielfalt in der intellektuellen und akademischen Welt wiederherzustellen und die Rechtfertigung islamistischen Hasses zu beenden."