9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2025 - Wissenschaft

Die "Bibliothek des Konservatismus" steht unter Verdacht der AfD-Nähe. AfD-Politiker sind in ihren Räumen häufig aufgetreten. Nun soll die privat betriebene Bibliothek aus dem Bibliotheksverbund der norddeutschen Bundesländer ausgeschlossen werden, berichtet Morten Freidel in der NZZ. "Was klingt wie eine bürokratische Allerweltsmaßnahme, wird für die Bibliothek ernste Folgen haben: Damit ist ihr Bestand, der mittlerweile 35.000 Bücher umfasst, dann von der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend abgeschnitten. Die katalogisierten Werke konservativer Vordenker und Theoretiker sowie rechter Autoren sind für Interessierte kaum noch auffindbar. Sie wären aus dem Gedächtnis des staatlichen Bibliotheksverbundes gelöscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2025 - Wissenschaft

Das Studierendenparlament der HU hat einen Beschluss von 2018 aufgehoben, in dem die Studierendenschaft die BDS-Bewegung als antisemitisch ablehnte, berichtet Eva Murašov im Tagesspiegel: "Eingebracht wurde die Aufhebung des BDS-Banns von der Linken Liste (LiLi), nach Eigenbezeichnung eine parteiunabhängige Hochschulgruppe, die sich unter anderem für Bildungsgerechtigkeit, Antifaschismus, Feminismus und Antirassismus einsetzt. Die HU teilte auf Anfrage dazu mit, das Präsidium werde den Beschluss 'sorgfältig auswerten und prüfen, ob daraus gegebenenfalls Konsequenzen in Bezug auf Raum- oder andere Ressourcenvergaben zu ziehen sind'. Es habe die Rechtsaufsicht über die verfasste Studierendenschaft. Die HU weist darauf hin, dass das Studierendenparlament nur die Meinung der im Studierendenparlament vertretenen Gruppen wiedergebe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2025 - Wissenschaft

Der Genetikpionier James Watson ist gestorben. Joachim Müller-Jung erinnert in der FAZ an einer erbitterte Debatte, die er in Deutschland auslöste. "Nach einem Artikel Watsons mit dem Titel 'Die Ethik des Genoms' kam es im Feuilleton dieser Zeitung zur besagten heftigen Kontroverse, die Autoren, Philosophen und Theologen bis hin zum damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau beschäftigte. Watson hatte in dem Text das Recht, ja die Aufgabe erwachsener Menschen behauptet, dem Leben erbgeschädigter Föten ein Ende zu setzen. Dass einer seiner beiden Söhne, Rufus, selbst an einem schweren psychischen Leiden erkrankte, hätten die meisten seiner damaligen Kritiker als mildernde Umstände zu Recht kaum gelten lassen. Watsons feste Überzeugung war: Evolution ist von nun an in Menschenhand." Wir zitierten im Jahr 2003 eine Aussage Watsons zum Thema - Watson kritisierte die deutsche Einstellung zum Thema Genforschung.

Thomas Thiel kommt in der FAZ auf die Correctiv-Recherche zu Ahmad Mansour zurück (unsere Resümees). Ihm wird vorgeworfen, dass ihm ein Projekt bewilligt wurde, das von Diskursgegnern als nicht ausreichend wissenschaftlich begutachtet wurde - Mansour will zusammen mit fünf Universitätsinstituten Präventionsarbeit gegen Antisemitismus bei muslimischen Schülern erforschen und verbessern. "Bei näherer Hinsicht ist der Skandalgehalt gering", so Thiel. "Der Soziologe Ruud Koopmans weist darauf hin, die Gründung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) sei ebenfalls ohne Ausschreibung beschlossen worden, der dort angesiedelte millionenschwere Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor sogar ohne Gutachten, was das Bundesfamilienministerium auf Nachfrage bestätigt. Das Zentrum verfolgt allerdings einen anderen Ansatz in der Integrationsforschung als das Ehepaar Mansour und dürfte von kritischen Recherchen verschont bleiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Wissenschaft

Helene Röhnsch greift in der FAZ einen Bericht des Guardian auf (und recherchiert weiter), der zeigt, wie chinesische Behörden europäische Universitäten unter Druck setzen. Die Sheffield Hallam University hat die Arbeit der Sinologin Laura Murphy unterbunden, die eine international anerkannte Expertin für das Zwangsarbeitssystem in China ist. Die Uni fügte sich dem chinesischen Druck, um Mitarbeiter in China zu schützen, hieß es offiziell. Murphy stellte "auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes einen Antrag auf Einsicht in relevante interne Dokumente der Universität. Anhand dieser habe sie erfahren, dass es noch einen weiteren Grund gebe, der ihr von der Universität zuvor jedoch nicht mitgeteilt worden sei: der Wunsch nach Zugang zum chinesischen Studentenmarkt. 'Die internen Dokumente, E-Mails und Risikobewertungen, die ich erhalten habe, zeigen, dass die Verwaltungsmitarbeiter ausdrücklich beschrieben haben, wie die chinesische Staatssicherheit die Website und E-Mails der Universität innerhalb Chinas blockiert hat, wodurch ihnen der Zugang zur Studentenrekrutierung und -ausbildung versperrt wurde', sagt Murphy der FAZ."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2025 - Wissenschaft

Zumindest in bestimmten Fächern ist es offenbar auch an deutschen Unis Mainstream, einen Israelboykott im Sinne der BDS-Bewegung zu fordern, so etwa in der deutschen Nahostwissenschaft. Der laut Kevin Culina in der Welt maßgebliche Verband dieser Disziplin, die rund 1.300 Mitglieder starke "Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient" (Davo) unter der seit September wirkenden Vorsitzenden Christine Binzel bekennt sich offiziell zur "Palästinasolidarität": "Was das bedeuten könnte, zeigen Binzels politische Einlassungen. Die Ökonomin fordert einen akademischen Boykott Israels. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dortigen Institutionen, die sich 'mitschuldig' an Verbrechen wie 'Besatzung, Apartheid und Genozid in Palästina' gemacht hätten, müsse beendet werden, heißt es in der auch von ihr unterzeichneten europäischen 'Uppsala Declaration' aus dem September dieses Jahres. In einem offenen Brief an die Bundesregierung forderte Binzel im Juni die 'sofortige Überprüfung aller diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel'. Mit dem Gaza-Krieg unterstütze Deutschland die 'Vernichtung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und damit 'eines der größten Verbrechen unserer Zeit'." Die Prosa der Davo-Funktionärinnen ist bemerkenswert: "Die neue Davo-Vize Hanna Al-Taher schreibt über den Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023: 'Gleitschirme über dem Grenzzaun von Gaza. Ein Bulldozer durchbricht den Grenzzaun, der Gaza umgibt. Die Symbolkraft dieser Bilder ist enorm: Ausbruch, Rückkehr, Freiheit.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2025 - Wissenschaft

In der Welt schreibt der Islamwissenschaftler Alfred Schlicht einen "Nachruf" auf das von der Professorin Susanne Schröter geleitete "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam", das mit ihrer Emeritierung geschlossen wurde. Schlicht wirft der Uni vor, sich dem in den Geisteswissenschaften vorherrschenden postkolonialen Narrativ gebeugt zu haben. Immer wieder gab es Kontroversen und den Vorwurf des "antimuslimischen Rassismus" (unsere Resümees). Dabei erfüllte Schröter eine wichtige Aufgabe. Natürlich "wollen sich Fachwissenschaftler mit der ganzen Breite ihres Forschungsgebietes auseinandersetzen, alle Facetten und Nuancen berücksichtigen. Sich nicht reduzieren lassen darauf, jede Woche in aktuellen Mediensendungen die neueste Bluttat eines Gewalttäters kommentieren zu müssen, der vorgibt, im Namen des Islam zu handeln. Völlig ignorieren oder gar verschleiern, abstreiten oder verharmlosen darf die Wissenschaft vom Orient freilich solche Erscheinungen nicht, sonst gerät sie ins Abseits, wird zur gesellschaftlich irrelevanten Liebhaberei. Deshalb ist es gut und wichtig, dass es couragierte Wissenschaftlerinnen wie Susanne Schröter gibt. Diejenigen, die ihr Erbe marginalisieren und kaltstellen wollen, sollten beginnen, etwas Selbstkritik zu üben, denn sie tun letztendlich ihrer eigenen Wissenschaft keinen Gefallen."
Stichwörter: Schröter, Susanne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2025 - Wissenschaft

In der FAZ stellt Gerald Wagner eine Studie der FU Berlin vor, die zeigt, dass Forscher mit einem Bezug zum Nahen Osten sich derzeit oft selbst zensieren oder gleich ganz schweigen, weil sie fürchten, sich Anfeindungen auszusetzen. "Befragt wurden Sozialwissenschaftler, die sich mit Israel, Palästina und dem Nahen Osten befassen. Das wesentliche Ergebnis: Die 'Bedrohungslage' für die Wissenschaftsfreiheit habe sich nach Einschätzung einer 'überwältigenden Mehrheit' der Befragten extrem verschlechtert: Rund 48 Prozent gaben an, die Bedrohung habe 'stark zugenommen', 37 Prozent, sie habe 'zugenommen'. Am stärksten bedroht fühlten sich die Postdocs, aber auch unter den Professoren sei die Sorge um die Wissenschaftsfreiheit in ihrer Arbeit massiv, so die Studie." Vor allem vermissen die Betroffenen den Schutz ihrer Hochschulen, so Wagner. "Das 'Klima der Vorsicht' herrscht längst in der Breite des Systems."

In seiner Show ging Kimmel auch auf die Warnungen Trumps vor Paracetamol in der Schwangerschaft ein, das angeblich zu Autismus bei den Kindern führen könne (mehr hier) - Trump stützt damit den Querdenkerwahn seines Gesundheitsministers Robert Kennedy jr. Robert De Niro spielt in dem Clip auch eine Rolle: 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2025 - Wissenschaft

"Es gibt keine kritische Islamforschung mehr an den Universitäten in Deutschland", sagt die Ethnologin Susanne Schröter im NZZ-Gespräch mit Len Sander. Hintergrund: Das von ihr geleitete Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt soll mit ihrer Emeritierung ebenfalls abgewickelt werden. Der Universität wirft sie mangelnde Rückendeckung vor: "Neben ihr und den von ihr betreuten Doktoranden seien es zunehmend ehrenamtliche Mitarbeiter gewesen, die Konferenzen organisiert und für das Zentrum gearbeitet hätten, erzählt Schröter. Zudem habe die Universität Schröters wichtigsten Mitarbeiter auf eine andere Stelle versetzt, erklärt sie, da er Angestellter der Universität gewesen sei. Gleichzeitig hatte sich die Bedrohungslage verschärft. Schröter spricht von einem 'Klima der Anfeindungen'. Weil sich das Zentrum keinen Sicherheitsdienst leisten konnte und Störungen vermeiden wollte, wurde seine letzte, internationale Konferenz Ende August dieses Jahres gar nicht erst öffentlich beworben. Das Universitätspräsidium wehrt sich gegen den Vorwurf, es habe das FFGI nicht ausreichend gegen Anfeindungen geschützt. Man habe sich 'stets für die Wissenschaftsfreiheit und gegen Boykottaufrufe positioniert', erklärt ein Pressesprecher. Jedoch müssten Wissenschafter auch verantwortungsvoll mit dieser Freiheit umgehen. Der Tenor: Protest gegen Veranstaltungen müsse man aushalten."

Auch in Frankreich sorgt ein Israelboykott-Skandal für Empörung. Einige eingeladene Wissenschaftler weigern sich an einem Kolloquium des Pariser Musée d'Art et d'Histoire du Judaïsme über die Geschichte der Juden in Paris teilzunehmen, weil Teilnehmer aus israelischen Universitäten anreisen. Die Reaktion in Frankreich ist recht dezidiert, auch Kulturministerin Rachida Dati äußerte sich in wünschenswerter Klarheit, berichtet Baudouin Eschapasse in Le Point: "Die fünf Forscher bereiten ihrerseits die Veröffentlichung einer Erklärung vor, um ihre Abwesenheit bei diesem Kolloquium zu rechtfertigen. Darin werden sie wiederholen, dass die Unterstützung dieser beiden Tage des Austauschs durch eine öffentliche israelische Einrichtung, in diesem Fall die Hebräische Universität Jerusalem, für sie ein Ausschlusskriterium darstellt. Ein Argument, das für die Organisatoren dieses Kolloquiums nicht akzeptabel ist. Sie betonen, dass es unfair sei, israelische Wissenschaftler mit ihrer Regierung in Verbindung zu bringen, da sie die ersten seien, die die Handlungen ihrer Führer kritisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2025 - Wissenschaft

Donald Trumps Regierung greift derzeit massiv in die Wissenschaften ein. Das wäre nicht so einfach, hätten es ihm besonders die Geisteswissenschaften mit ihrer Entwertung der Wissenschaftsfreiheit nicht so leicht gemacht, analysieren in der FAZ der österreichische Soziologe Alexander Bogner und der Schweizer Historiker Caspar Hirschi, die ihre These mit Beispielen belegen: "Wäre Trump an 'wertfreier' Forschung gelegen, könnte er nicht die Leiterin des Büros für Arbeitsmarktstatistik wegen 'liberal bias' entlassen, sobald die Beschäftigungsdaten, deren Erhebungsmethode jede Manipulation durch die Behördenleitung ausschließt, nicht seinen Erwartungen entsprechen. Und würden wissenschaftliche Aktivisten ihre Behauptung, Forschung sei genauso wertegetrieben wie jede andere Tätigkeit, ernst nehmen, könnten sie andere Forschende nicht wegen des Verdachts auf abweichende Werteprioritäten in ihrer Wissenschaftsfreiheit einschränken. Vielmehr müssten sie anerkennen, dass auch und gerade zum Nahostkonflikt eine politische Einheitsposition innerhalb einer Fachgemeinschaft ausgeschlossen ist - es sei denn, man verabsolutiert ein bestimmtes theoretisches Konzept zur einzig legitimen Grundlage aller Analyse."
Stichwörter: Nahostkonflikt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2025 - Wissenschaft

Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt, wird emeritiert. Und die Uni nutzt den Anlass, um das Institut, das als eines der ganz wenigen an deutschen Universitäten Islam und Ismalismus kritisch erforschte, so schnell wie möglich abzuwickeln. Dabei hat Schröter jahrelang versucht, eine Nachfolge für das Institut zu organisieren, sagt sie im Gespräch mit Stefan Laurin bei hpd.de: "Doch dann ließ man die Berufungsverhandlung platzen, schrieb die Stelle neu aus und besetzte sie schließlich mit einer Mexiko-Expertin. Damit war die Nachhaltigkeit des Zentrums gescheitert. Das war kein Zufall. Das Zentrum war schon damals vielen ein Dorn im Auge, denn die Beschäftigung mit dem Thema Islamismus steht unter Verdacht. In den Geisteswissenschaften wird das Problem des islamischen Extremismus gern der eigenen Gesellschaft angelastet und man betreibt muntere Täter-Opfer-Umkehr. In meiner eigenen Disziplin, der Ethnologie, kommt eine positive Exotisierung des Islamismus hinzu. Man verklärt ihn als 'Frömmigkeit' und bewundert selbst Dschihadisten für ihre kreativen Werbestrategien oder ihre ästhetischen Medienauftritte."
Stichwörter: Schröter, Susanne