Globalisierung und die Idee vom Nationalstaat stehen in komplexer Wechselbeziehung, legt der GlobalhistorikerJörn Leonhard in einem ganzseitigen Essay auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ dar und belegt es mit einem Blick auf den Ersten Weltkrieg und die frühen zwanziger Jahre: "Der Übergang vom Krieg zum Frieden machte deutlich, dass viele Probleme nicht an den Grenzen alter und neuer Nationalstaaten Halt machten. Das galt für den Umgang mit der verheerenden Pandemie der Spanischen Grippe, mit Hunderttausenden von Flüchtlingen, Staatenlosen und Veteranen nach dem Untergang der kontinentaleuropäischen Imperien genauso wie für die transnationale Wirkung der Oktoberrevolution der Bolschewiki 1917 und der gegenrevolutionären Bewegungen, die sich international vernetzten."
In der FRerinnert Michael Hesse an die 1934 in Frankreich gegründete Volksfront, die gegen den Faschismus antrat. Vor fast neunzig Jahren konnte diese noch einen Wahlerfolg feiern: "In Frankreich stellte sich die nun zusammengefundene Linke der 'entarteten Form der Demokratie', für die der Faschismus gehalten wurde, entgegen. Gewaltaktionen und Hetze der Rechten hatten die Linke zusammengeschweißt, 1936 unter einem gemeinsamen organisatorischen Dach mit dem Namen Rassemblement populaire. Man wollte die Freiheit verteidigen und den Frieden in Europa bewahren, den man durch die Nationalsozialisten in Deutschland gefährdet sah." Die Illusion des Antifaschismus zerstob dann mit dem Hitler-Stalin-Pakt.
Nach der Gründung Israels wurde das Land umgehend von den umliegenden arabischen Ländern überfallen. Die im Land lebenden Araber, heute Palästinenser genannt, flohen von selbst vor dem Krieg, aber es gab auch Vertreibungen durch israelische Truppen und Zerstörung von Dörfern. Wir zitierten gestern die Kulturwissenschaftlerin Sarah El Bulbeisi, die auf den Seiten der Böll-Stiftung diese "Nakba" als "Teil des selben historischen Prozesses" wie die Schoa darstellte. "Die systematische Vertreibung von Palästinenser*innen im Zuge der israelischen Staatsgründung und seines Selbstverständnisses als eines jüdischen Staates wird nicht als Folge des Nationalsozialismus diskutiert, geschweige denn betrauert", klagt sie. Der Text sorgte in den sozialen Medien für Empörung und wurde von der Böll-Stiftung dann depubliziert. Nun ist er dort wieder zu lesen, allerdings mit "Disclaimer": "Der Text sollte im Rahmen einer Artikelserie erscheinen, deren Endredaktion noch nicht abgeschlossen war. Durch ein redaktionelles Versehen ging er vorzeitig online und ist nun nach Absprache mit der Autorin in finaler Version und mit Disclaimer wieder zu erreichen", schreibt die Pressestelle an den Perlentaucher. Im Disclaimer heißt es: "Mit dieser Serie wollen wir in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung vielfältige Sichtweisen und auch schmerzhafte Erfahrungen abbilden, um Brücken zu bauen. Dazu gehören auch umstrittene Perspektiven, für die wir Raum zur kritischen Auseinandersetzung bieten wollen."
Ein einziger Satz auf einem Hinweisschild erinnert am Kleinjungfernhof im Süden Rigas daran, dass hier ein Konzentrationslager stand, in dem 3800 deutsche und österreichische Juden starben, kein Mahnmal, keine Gedenktafel - berichtet Anna Goldenberg fassungslos in der FAZ, die unter anderem bei Ilya Lensky, Direktor des Jüdischen Museums in Riga, nachgefragt hat. "Mit der Unabhängigkeit 1991 und dem EU-Beitritt 2014 bemühte sich das Land aufzuholen. Es ist kein einfaches Narrativ: Anders als in Österreich und Deutschland wurden die jüdischen Menschen nicht 'in den Osten' deportiert, sondern meist in der Nähe ihres Wohnorts ermordet. 'Die Nachbarn wussten, was mit ihnen geschah', sagt Lensky. Und sie halfen vielfach mit, auch wenn keine staatlichen Institutionen beteiligt waren. 'Die Nazis erklärten, sie hätten Pläne, die Juden zu isolieren oder zu evakuieren und fragten, wer mitmachen wollte.' 'Holocaust on offer' oder 'Holocaust als Angebot' nennt er es. 230 Orte, an denen solche Morde stattfanden, gibt es im ganzen Land."
Die Kulturwissenschaflerin Sarah El Bulbeisi, die am Orient-Institut in Beirut arbeitet, veröffentlicht in der Böll-Stiftung einen Text über das anhaltende Trauma palästinensischer Flüchtlinge. Dabei skizziert sie eine erstaunliche Kontinuität: "Obwohl zutiefst verflochten mit der Geschichte des Nationalsozialismus, wird die Nakba aus dem deutschen kollektiven Gedächtnis und öffentlichen Diskurs ausgegrenzt, israelische Staatsgewalt weitgehend tabuisiert. Die Nakba und die Shoa werden nicht als Teile desselben historischen Prozesses gedacht. Der Bezug zur Geschichte des Nationalsozialismus wird nur einseitig hergestellt, nämlich in der Verbindung zwischen der Shoa und der Schaffung Israels als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden. Die systematische Vertreibung von Palästinenser*innen im Zuge der israelischen Staatsgründung und seines Selbstverständnisses als eines jüdischen Staates wird nicht als Folge des Nationalsozialismus diskutiert, geschweige denn betrauert. Die Folgen für Palästinenser*innen in Deutschland sind gravierend." Anm. der Red um 11.30 h: Der Text ist auf den Seiten der Böll-Stiftung nicht mehr zu lesen, ein Link findet sich hier.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Hannah Arendt wird auch heute noch von Intellektuellen, die Israel nicht mögen, als Schutzpatronin verehrt. Der Arendt-Biograf Thomas Meyer hat nun einen Band herausgegeben, in dem zwei unbekannte Texte Arendts zu Palästina neu veröffentlicht werden. Einer von ihnen ist vor Kriegsende formuliert und zeige eine "andere Arendt, die angesichts der Vernichtungslager im Osten Europas und der allgemeinen Kriegssituation davon ausgeht, dass es keine Alternative zu einem jüdischen Staat gibt, selbst wenn sie das so nicht direkt formuliert", sagt Meyer im Gespräch mit Helmut Mayer in der FAZ. "Gleichzeitig gab es die Notwendigkeit, den Geflüchteten und Flüchtenden rechtliche Absicherung zu geben, und das war nur in einem Staat möglich. " Arendt habe eine Internationalisierung des Problems vorgeschwebt.
Dass der 256 Seiten zählende, bei Piper erschienene Band nur 16 Seiten enthält, die von Arendt selbst geschrieben wurden - geschenkt, meint Nele Pollatschek in der SZ, besticht er doch einmal mehr durch ihren "eiskalten Humanismus". Die eigentliche Sensation ist für Pollatschek aber der ebenfalls im Buch enthaltene 1958 erschienene Bericht des Institute for Mediterranean Affairs mit dem Titel "Das palästinensische Flüchtlingsproblem: Ein neuer Ansatz und ein Plan für eine Lösung", zu deren siebzehn namentlich aufgelisteten Verfassern auch Hannah Arendt gehört. Auch aktuell sei es noch "inspirierend" zu lesen, wie die Autoren das Flüchtlingsproblem lösen wollen: 1958 wie 2024 gelte: "Ein Zuhause finden, eine Staatsbürgerschaft, eine Arbeit, und die damit verbundene Sinnhaftigkeit. ... An dieser Stelle möchte Hannah Arendt daran erinnern, dass in Deutschland etwa 200.000 palästinensischstämmige Menschen leben, die genaue Zahl lässt sich schwer erheben, denn viele von ihnen sind bis heute staatenlos. Einige leben hier seit Generationen, dürfen nicht wählen und nicht arbeiten - sie verfristen ihr Leben, und ab und zu wundert man sich, dass sie sich nicht ganz genauso verhalten, wie man es sich von guten Staatsbürgern wünscht."
Weitere Artikel: Am Samstag startet die 111. Tour de France in Florenz, zwei mal gewann der in der Nähe aufgewachsene italienische Radfahrer Gino Bartali das Radrennen. Aber nicht deshalb erinnert Stephan Klemm in der FR an Bartali, sondern weil er als Radkurier im Rahmen der Delegation zur Unterstützung jüdischer Emigranten ab 1943 Ausweispapiere schmuggelte und so mehr als 800 Jüdinnen und Juden das Leben rettete.
In der tazwürdigt Claudio La Camera den heute fast vergessenen Dichter und Aktivisten Danilo Dolci, der als "Gandhi Italiens" galt und sich für die Grundrechte der Ärmsten einsetzte, zum hundertsten Geburtstag: "Dolci wurde nicht müde, neue Wege zu finden, um die Gleichgültigkeit des Staates zu erschüttern. Er erfand das 'Radio der armen Christen', ein illegaler freier Sender, das die verzweifelten Stimmen der Ärmsten der Armen verbreitete. Er brachte Mittellose, Bauern, Fischer und Gewerkschafter zusammen, um die in der italienischen Verfassung verbrieften Rechte einzufordern. Wenn es keine Arbeit gab, musste man sie eben aus dem Nichts schaffen. So erfand er den 'umgekehrten Streik': Im Februar 1956 begannen 200 Arbeitslose, eine kaputte Straße zu reparieren, ohne die der Ort von der Außenwelt abgeschnitten war. Wenn der Staat sich nicht darum kümmerte, dann würden eben sie, die arbeitslosen Bauern, die Arbeit erledigen, mit einem 'Wenn es regnet'-Vertrag, d. h. die Zahlung wurde dem Staat sozusagen gestundet, bis die Bürokratie so weit war. Für den Staat war das Vorgehen ein krimineller Akt."
Anouk Aimée erzählt, wie Klassenkameradinnen sie am Schulausgang bei einem deutschen Soldaten als Jüdin denunzierten. Er nahm sie an der Hand, gab sie bei ihrer Großmutter ab und ging seines Weges. https://t.co/Q8O89QYs55
Swinemünde 1936, Kurt and Edith Brent Collections, The Wiener Holocaust Library / Schöneberg Museum. Fast unheimlich idyllisch muten Fotos aus privaten Fotoalben jüdischer Berliner in den Dreißigern an. Solche Fotos aus sechs privaten Alben werden gerade im Museum Schöneberg ausgestellt. Sie zeigen das Leben, das diese Menschen weiter hätten führen können, wenn man sie nicht umgebracht hätte. taz-Autor Klaus Hillenbrand bespricht die von Robert Mueller-Stahl kuratierte Ausstellung. "Ja, auch diese Menschen wollten leben und ein kleines bisschen glücklich sein. Ihre Träume verwirklichen und sich an die schönen Tage in ihrem Leben erinnern - und sei es in einem Fotoalbum. Deshalb dementieren diese Fotos aus sechs verschiedenen Alben auch nicht die Verfolgung. Sie ergänzen das Bild, das wir uns vom Leben unter dem NS-Regime machen, um den Aspekt des Privaten. Es sind 'Zeugnisse des Lebens inmitten von Vernichtung', wie Mueller-Stahl sagt. 'Das Leben festhalten', so lautet denn auch der Titel der Ausstellung, gewählt in dem Wissen, dass viele der auf den Fotos abgebildeten Menschen nur wenige Jahre später ermordet wurden."
Gustav Seibt würdigt in der SZ den Historiker Lothar Gall, der im Alter von 87 Jahren gestorben ist: "Der Höhepunkt von Galls Laufbahn lag in wunderbarer Koinzidenz in den Jahren 1989/90. Zur Buchmesse 1989 erschien sein Bürgertumsbuch, pünktlich zum Fall der Mauer, zur Rückkehr zur liberalen Demokratie auf dem Boden der DDR. 1990 kuratierte Gall eine glanzvolle Bismarck-Ausstellung in Berlin, die während der Verhandlungen zum deutsch-deutschen Grundlagenvertrag eröffnet wurde. Zweierlei Vereinigung? Ach nein, Gall dämpfte den Parallelismus durch liberale Distanz zum gewaltsamen ersten Kanzler der Einheit." In der Welt schreibt Sven-Felix Kellerhoff.
Neue Studien zeigen die Verwicklung der Demeter-Landwirschaft und der Anthroposophie in den Nationalsozialismus, berichtet Stefan Hunglinger in der taz. Als genuin nationalsozialistisch lässt sich die Anthroposophie zwar nicht beschreiben, es gab Verbote und Verfolgungen. Aber Erhard Bartsch, Gründervater des Demeter-Verbandes,versuchte sich sehr aktiv anzupassen: "Der weit größte Teil der NS-Elite stand dem 'Stickstoff-Syndikat' nahe, das zunächst unter der Führung der BASF, später der I.G. Farben, den Einsatz von Kunstdünger in der 'Erzeugungsschlacht' propagierte. Allein Chemiekritiker wie der 'Stellvertreter des Führers' Rudolf Heß, 'Reichsführer SS' Heinrich Himmler und 'Reichsernährungsminister' Walther Darré hingen der Idee einer 'ursprünglichen' Landwirtschaft ohne Kunstdünger an. Bartsch und seine Mitstreiter sahen darin eine Chance, nicht verboten zu werden. Und aus der Nische herauszukommen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Linker Antisemitismus hat eine sehr lange Tradition, lernttaz-Autor Philipp Lenhard in Olaf Kistenmachers Buch "Gegen den Geist des Sozialismus". Der Historiker hat dafür vor allem die KP-Zeitung Rote Fahne ausgewertet: "Wenn die Rote Fahne schon 1925 den Zionismus als 'Kettenhund des englischen Imperialismus' geißelte, so war das bereits ein Ausdruck genau jener antiimperialistischen Ideologie, die auch heute noch trotzkistische, stalinistische und postkolonialistische Israelfeinde in den Gaza-Encampments beseelt. Der Antizionismus der Komintern ging so weit, zeigt Kistenmacher, dass sogar die antijüdische Gewaltserie im Mandatsgebiet Palästina, der 1929 insgesamt 133 vor allem nichtzionistische Juden zum Opfer fielen, von der Roten Fahne als Aufstand 'gegen die Hintermänner des Zionismus' gerechtfertigt wurde." Bestellen Sie bei eichendorff21!Der 23. Juni 1524 wird als Beginn der Bauernkriege betrachtet. Arno Widmann kommt in der FR darauf zurück und erzählt auch, wie er sich mit Hilfe von Peter Blickles kleinem, "ungeheuer informativen" Bändchen "Der Bauernkrieg - Die Revolution des Gemeinen Mannes" von den Romantisierungen Ernst Blochs und anderer befreite: "Die Mehrheit der Bauern wollte nicht mehr als die Rechte wieder haben, die man ihnen genommen hatte. Genau darum war der Bauernkrieg auch mehr als ein Bauernkrieg. Es kam auch in den Städten zu Aufständen."
In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich in einem Essay am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der Mann selbst und sein Redetalent: "Die Entdeckung seiner Redegewalt im Herbst 1919 war das eigentliche Durchbruchserlebnis Hitlers als Politiker. Wie kein Zweiter verstand er es, die Emotionen seiner Zuhörer in Schwingungen zu versetzen, so erfolgreich wie kein anderer spielte er auf der Klaviatur ihrer Ängste und Ressentiments. Das hochgradig antisemitische Klima in München nach dem gescheiterten Experiment der Räterepublik im Frühjahr 1919 bot dem instinktsicheren Populisten einen idealen Resonanzboden für seine hemmungslose Demagogie. Je rauschhafter die Begeisterung war, die er in den größten Versammlungssälen der bayrischen Hauptstadt zu entfesseln vermochte, desto mehr wuchsen seine Selbstsicherheit und die Gewissheit, für eine besondere historische Mission auserwählt worden zu sein. Hitler war jedoch nicht nur ein zugkräftiger Massenredner, sondern auch ein wandlungsfähiger Schauspieler. Früh übte er sich in der Fähigkeit, in wechselnde Rollen zu schlüpfen und sich geschmeidig verschiedenen Milieus anzupassen. Insofern entsprach er bereits besser als die politischen Konkurrenten dem Anforderungsprofil der Mediengesellschaft, repräsentierte er einen modernen Politikertypus, der über ein breites Rollenrepertoire verfügte und es kühl berechnend für die eigenen Zwecke einzusetzen wusste."
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