9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2026 - Geschichte

Absolut empört ist Tobias Ginsburg bei Zeit Online über einen KI-Avatar der Holocaust-Überlebenden Jeanette Wolff, den die Bundesfraktion der SPD in Auftrag gegeben hat: "Was die 1888 geborene Jüdin Jeanette Wolff in dieser 82-sekündigen Ansprache erzählt, ist von einer außerordentlichen Gegenwärtigkeit, voller moderner Konzepte und Begrifflichkeiten. So sei es ihr immer um "soziale Gerechtigkeit" gegangen, sagt sie, um jene, 'die keine Stimme haben' - und sie spricht vom 'Holocaust'. Ein Begriff, der erst 1979 durch die gleichnamige US-Fernsehserie bekannt wurde." Das ist nicht nur Geschichtsklitterung, sondern entbehrt auch jeder Individualität, ärgert sich Ginsburg: "Allen Bemühungen Hitlerdeutschlands zum Trotz überlebten 250.000 bis 300.000 Jüdinnen und Juden das Lagersystem. Das sind viele Schicksale. Unmöglich, sich all diese Geschichten zu erzählen. Also erzählt sich Deutschland einfach immer dieselbe Geschichte: die Story des versöhnungswilligen 'Holocaust-Überlebenden', der verfolgt wurde, aber dessen Leiden und Weiterleben inspiriert - und uns lehrt, wie prima die heutige Bundesrepublik doch ist. Das ist zwar keine komplexe Geschichte, aber sie muss eben griffig sein, muss quasi auf einen Stolperstein passen."

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Viele Dinge liefen in den letzten 30 Jahren besser als gemeinhin behauptet wird, erklärt der Ökonom Hartmut Berghoff, der ein Buch über die Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990 geschrieben hat, im Zeit-Online-Interview. Die Behauptung, es sei nach der Wende zu einem "Ausverkauf an den Westen" gekommen, kann er so nicht stehen lassen: "Hier muss man unterscheiden. Großbetriebe hat die Treuhand tatsächlich oft an westdeutsche oder ausländische Eigentümer verkauft, zum Teil unter Wert. Bei mittleren und kleinen Betrieben kamen hingegen vielfach Ostdeutsche zum Zug. Die Sektkellerei Rotkäppchen ist dafür ein prominentes Beispiel, diese wurde von internen Führungskräften übernommen. Ebenso kam es Anfang der 1990er-Jahre zu vielen Neugründungen von kleinen Unternehmen, etwa von Handwerksbetrieben oder Kfz-Werkstätten. Keine Frage: Es wurden in dieser Zeit viele Fehler gemacht, bisweilen mit krimineller Energie vorgegangen. Aber insgesamt handelte es sich um einen geordneten Privatisierungsprozess, der nicht mit jenen anarchischen Zuständen vergleichbar ist, wie sie Anfang der 1990-Jahre in Russland herrschten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2026 - Geschichte

Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin, antwortet im Spiegel auf Meron Mendel, der vor den deutschen Yad-Vashem-Dependancen gewarnt hatte (unser Resümee). Sein Argument: die israelische Regierung könne auf das schöne deutsche Gedenken Einfluss nehmen wollen. "Mendel fordert, die Arbeit der Yad-Vashem-Bildungseinrichtungen in Deutschland klar auf die Vermittlung der NS-Vergangenheit zu begrenzen, 'um Einflussversuche auf tagespolitische Themen zu verhindern'. Ihm schwebt eine Eingrenzung auf die Jahre 1933 bis 1945 vor... In diesen Vorschlägen zeigt sich nicht nur eine fragwürdige Vorstellung davon, Inhalte historisch-politischer Bildung kontrollieren zu wollen. Sie zeugen auch von erstaunlichem Nichtwissen über die pädagogische Arbeit Yad Vashems. Deren besondere Stärke liegt gerade darin, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust immer auch das jüdische Leben vor der Schoa sowie das Überleben und Weiterleben danach einschließt. Es geht nicht um übergeordnete 'Narrative', sondern um Erinnerungen, Erfahrungen, persönliche Geschichten, Dilemmata und Entscheidungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2026 - Geschichte

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Über das "rote Berlin" wird oftmals erzählt, dass die NSDAP hier bis zur Machtergreifung keinen Fuß fassen könnte - das ist so aber nicht richtig, erklärt der Historiker Arnd Bauerkämper im Tagesspiegel-Interview mit Mai Schulz. Das bürgerliche Milieu war schon früh der NSDAP verfallen. "Berlin ist nie ganz 'rot' gewesen. Zwar gab es Viertel, die sich bis zur Machtergreifung der NSDAP verweigert haben. Der Wedding war ganz eindeutig gegen die Partei. Sie hatte dort unterdurchschnittliche Wahlergebnisse. Doch auch in diesem Bezirk und in anderen Arbeitervierteln gewann die Partei bei den Wahlen 1932 und 1933 steigende Anteile." Doch diese Entwicklung traf nicht nur auf Berlin zu. "In anderen Großstädten blieb die Partei in den frühen 30er Jahren hinter dem Reichsdurchschnitt zurück. Das heißt nicht, dass sie nicht aufstieg, sondern nur, dass die Partei dort schlechter abschnitt als auf dem Land. Ihre ersten Hochburgen hatte die NSDAP in protestantischen, ländlichen Regionen. Aber 1932/33 hat sich das zunehmend ausgeglichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2026 - Geschichte

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Der Historiker Raul Hilberg hat mit "The Destruction of the European Jews" ein Standardwerk der Holocaust-Forschung vorgelegt. Seine Geburtsstadt Wien, aus der er 1939 geflohen ist, schafft es allerdings bis heute nicht, sich an Hilberg zu erinnern: Die Benennung eines Platzes nach ihm sowie das Anbringen einer Gedenkplakette an seinem Geburtshaus sind beide nicht zustande gekommen, ärgert sich Jakob Hayner in der Welt. Sein Biograf René Schlott spricht hier von einer "Frage des politischen Willens". "Die Chance, den großen Pionier der Holocaust-Forschung an seinem 100. Geburtstag zu ehren, hat die Stadt Wien krachend verpasst. (...) Hilbergs Werke zeigen präzise, dass man Aufarbeitung der Vergangenheit nicht mit dem Moraltheater der Gegenwart verwechseln darf, das sich auf drei Klicks bei 'Deutschland sucht den Nazi-Opa' inklusive anschließender Selbsthilfesitzung bei Instagram beschränkt. Erinnerung ist mehr als ein paar Parolen, die bei staatstragenden Gelegenheiten abgespult werden. Vielleicht schafft es die Stadt Wien sogar, nicht nur eine pflichtschuldige Plakette anzubringen, sondern die Auseinandersetzung mit Hilbergs großem Werk in den Stadtraum zu bringen, wie es der Bedeutung seiner bahnbrechenden Arbeit würdig wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 - Geschichte

Als das amerikanische Nationalarchiv vor ein paar Monaten die erhalten gebliebenen Bestände der NSDAP-Mitgliederkarteien veröffentlichten, gab es einen enormen Ansturm, notiert Lorenz Hemicker in der FAZ. Allein, es blieb bei den meisten Suchenden bei ein paar Klicks: "Gemessen an den 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, bleibt die Gruppe der Spurensucher überschaubar. Eine Minderheit. Von einer Erneuerung der deutschen Erinnerungskultur, die so wichtig wäre, wo gerade jetzt die letzten Opfer und Täter uns unwiderruflich nach und nach verlassen, ist bislang kaum etwas zu sehen. Die Suche nach der NSDAP-Karteikarte, sie könnte die Suche nach den familiären Spuren in der Nazizeit sogar zu einem Small-Talk-Thema verkümmern lassen. Sie profan machen. Der Reiz der schnellen Nummer. Im schlimmsten Fall können sie auch jene Kräfte instrumentalisieren, die unsere Demokratie schleifen wollen. Parolen auf Tiktok lassen sich ohne große Anstrengung ausmalen: 'Alle waren Nazis? So what! Hineingeraten 2.0. Schluss mit dem Schuldkult.'"

Die israelische Armee hat die Festung Beaufort im Libanon erobert: "Es ist der weiteste Vorstoß der Israeli ins Landesinnere seit Beginn der Kämpfe gegen den Hizbullah im März", erklärt Thomas Ribi in der NZZ und gibt einen Abriss der Geschichte der Festung, die im 12. Jahrhundert von den Kreuzrittern erbaut wurde: "Seit Beginn des libanesischen Bürgerkriegs wurde sie ab 1976 von der PLO wieder militärisch genutzt, dann von den Israeli erobert. Im Jahr 2000 stellte die Unesco die Anlage unter Schutz, um sie vor weiteren Kriegsschäden zu bewahren. Erfolglos. 2026 wurde sie durch Luftangriffe teilweise zerstört. Und nun gilt sie wieder als strategischer Stützpunkt. So wie 1139, als sie das erste Mal erobert wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2026 - Geschichte

Die Historikerin Kristina Milz kritisiert bei Zeit Online , dass die deutsche Mitverantwortung am Genozid an den Armeniern zu wenig reflektiert werde, denn die deutschen Autoritäten hätten den Genozid während des Ersten Weltkrieges "vielfach begrüßt, ideologisch befeuert und in Einzelfällen auch vor Ort tatkräftig unterstützt", wie Milz darlegt. Eine neue Form der Erinnerungskultur sei "umso wichtiger in einer Zeit, in der lange kultivierte historische Gewissheiten der gesellschaftlichen Mitte offen zur Disposition stehen: Selbst die Erinnerung an den Holocaust wird immer schamloser infrage gestellt. Bisweilen wird dabei als Argument auch ins Feld geführt, dass man mit der nationalsozialistischen Judenermordung in einer postmigrantischen Gesellschaft viele Bevölkerungsgruppen nicht ansprechen könne, da sie mit allzu deutschen Fragen von Schuld und Verantwortung nichts anfangen könnten. Dabei ist - und das lässt sich sagen, ohne die historischen Besonderheiten der Schoa in Zweifel zu ziehen - die Beteiligung an genozidaler Gewalt kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Auf diese Weise betrachtet kann das Gedenken des Völkermords an den osmanischen Christen sogar geradezu gesellschaftsverbindend sein, weil es nicht nur 'Bio-Deutsche' und die türkischstämmige Gemeinschaft hierzulande beschäftigen, ja herausfordern sollte, sondern aufgrund der Involvierung verschiedenster nationaler und ethnischer Gruppen auch in Deutschland lebende Kurden, Syrerinnen, Russen."

Heute bekommt das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung mit Roland Borchers einen neuen Direktor, in den der Historiker Felix Ackermann in der taz große Hoffnungen setzt: Er "könnte die Nachfahren ganz unterschiedlicher deutscher Staatsbürger zusammenbringen, die eine Geschichte der Zwangsmigration erzählen können. Zuhören wäre eine zentrale Kulturtechnik, die am Anhalter Bahnhof eingeübt werden könnte - und die in der Bundesrepublik nicht nur in Bezug auf das Thema Flucht gebraucht wird. Das funktioniert dann, wenn die Kinder von Millionen deutscher Vertriebener aus dem östlichen Europa Gehör finden. Sie könnten im Dokumentationszentrum aber auch selbst zuhören, wenn Ukrainer, Iraner, Syrer und andere Menschen Zeugnis ablegen, die im 21. Jahrhundert als Folge von Zwangsmigration in die Bundesrepublik kamen. Und wo ist in Berlin der Raum für die Erzählungen von Nachfahren vor 1939 ausgewanderter deutscher Juden, die als Reaktion auf Rechtsruck und Krieg in ihrer Heimat Israel und die USA verlassen haben? Wo können Palästinenser, die in Flüchtlingslagern aufgewachsen sind, von ihrem Schicksal berichten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2026 - Geschichte

Bei Zeit Online blickt Christian Staas mit Sorge auf einen Referentenentwurf des Bundesinnenministeriums für eine Umstrukturierung der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Der Entwurf legt nahe, dass die Stiftung "künftig stärker als bisher auf die deutschen Vertreibungsopfer abheben" soll, was von Seiten vieler Historiker kritisiert wird (unsere Resümees). Scharfe Kritik kommt auch von Constantin Goschler, Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, und Mitglied im Vorstand des Historikerverbandes, den Staas zitiert: "'Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert, insbesondere die der Deutschen - um welche Deutschen geht es hier?' Gemeint seien wohl kaum türkische oder syrische Flüchtlinge, die die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt haben. Aus dem Entwurf spreche vielmehr eine 'Definition der Deutschen als Abstammungsgemeinschaft'. Ein solches Verständnis könnte kaum deplatzierter sein als ausgerechnet in einer Ausstellung, die Flucht und Vertreibung als Konstanten der deutschen wie der internationalen Geschichte herausstellt. Und es wäre ein mehr als fragwürdiges politisches Signal aus dem von Alexander Dobrindt (CSU) geleiteten Innenministerium, in dessen Aufgabenbereich die Flucht- und Migrationspolitik fällt. Hat man im BMI, das einen harten Kurs gegen die Aufnahme von Flüchtlingen fährt, womöglich ein Problem mit einem Dokumentationszentrum, das einen empathischen Blick auf Fluchtschicksale von Kolumbien über die Ukraine bis Vietnam wirft und diese in Beziehung setzt zu den Erfahrungen von vertriebenen Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2026 - Geschichte

In der NZZ erinnert Lucien Scherrer an die Kulturrevolution, eines ihrer ersten Opfer, die Lehrerin Bian Zhongyun, und an westliche Linke, die das mörderische Spektakel zustimmend aufnahmen: Die RAF, aber auch der Philosoph Konrad Farner, Louis Althusser, Herbert Marcuse, Noam Chomsky oder Sartre. "Der linke amerikanische Influencer Hasan Piker, der von Leuten wie Bernie Sanders hofiert wird, hat kürzlich ein Bild aus Peking gepostet, auf dem er stolz eine rote Mao-Bibel in die Kamera hält. Piker ist ein typischer Vertreter jenes 'Wohlstandsmaoismus' (Markus Gabriel), der im Westen überall Rassismus und Polizeigewalt sieht, aber gleichzeitig mit antisemitischen Terroristen und sozialistischen Polizeistaaten sympathisiert. Bis heute gibt es im Westen auch Hardcore-Kommunisten wie die deutsche Partei MLPD, die regelmäßig an Klimastreiks und Demos 'gegen rechts' mitläuft. Für deren Anhänger ist bis heute klar, dass die Kulturrevolution eine Glanzleistung von Mao war. Die auch von Wissenschaftern recherchierten Opferzahlen bezeichnete die Partei 2016 als 'frei erfunden'."
Stichwörter: Kulturrevolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2026 - Geschichte

"Wir erleben ein geschichtspolitisches Rollback", kommentiert Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, auf Twitter und weist auf eine scharfe Intervention des Verbands Deutscher Historiker zum Umbau der Stiftung Flucht, Vertreibung,Versöhnung hin. Hier ist bekanntlich eine Neujustierung der Gremien geplant, die den Nachfahren der Vertriebenen eine Mehrheit und das letzte Votum gibt (unsere Resümees). Zuständig ist das CSU-geführte Bundesinnenministerium. Der geplante Umbau, so die Historiker, "fokussiert die Aufgaben der Stiftung explizit auf das Leid der Deutschen und ersetzt die historische Kontextualisierung von Flucht und Vertreibung durch ein selbstbezügliches nationales Narrativ. Der dritte Namensbestandteil der Stiftung - Versöhnung - tritt auf diese Weise zugunsten einer deutschen Opfererzählung in den Hintergrund." Die Historiker fordern vor einem Umbau der Stiftung eine breite Debatte. Hier als pdf-Dokument.

Ist Krieg für Unternehmen profitabel? Der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Werner Plumpe blickt in der NZZ zurück auf die Geschichte des Ersten Weltkriegs, um die Frage zu beantworten. Natürlich, die Rüstungsindustrie macht im Krieg Gewinn, aber für den Rest sieht es schlecht aus: "Die Rückkehr auf die Weltmärkte war schwierig. Sie zog sich hin, und die Konkurrenz war erheblich größer geworden. Ihre alte weltwirtschaftliche Dominanz erlangte die deutsche Industrie etwa im Bereich von Farben und chemischen Produkten nie mehr zurück (...) Mochten einzelne Unternehmen profitieren; die europäischen Volkswirtschaften standen in den 1920er Jahren durchweg schlechter da als vor dem Krieg. Vom zusammengebrochenen Weltfinanzsystem ganz zu schweigen, dessen Rekonstruktion nie mehr gelang. Noch die Tiefe der Weltwirtschaftskrise von 1929 war eine kaum verhüllte direkte Folge des Krieges."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2026 - Geschichte

Inzwischen sind wir so weit von der Nazizeit entfernt, dass für die meisten Deutschen selbst Großeltern, die noch verstrickt sein konnten, längst tot sind. Eher geht es inzwischen um Urgroßeltern. Spiegel und Zeit bieten neuerdings Datenbanken an, in denen man nachforschen kann, ob Familienmitglieder in der Partei waren. Das Angebot gilt nur für Abonnenten. Die Lyrikerin Anja Utler, Jahrgang 1973, begrüßt diese Möglichkeit, braucht eine solche Abfrage aber nicht um zu erfahren, dass ihre geliebten Großeltern Nazis waren. Die Verstrickung wurde damals nicht thematisiert. Aber die Last war spürbar und teilte sich Utler etwa so mit: "Wenn ich als Kind mit meiner Großmutter zur Kirche ging, unterquerten wir eine Eisenbahnlinie. Fuhr ein Zug über die Brücke, während wir uns darunter befanden, überkam mich Panik. Ich schrie und weinte. Mir wurde erklärt, die Brücke sei stabil. Das half nichts. Ich wusste nicht, woher das Entsetzen kam; aber dass es nichts mit einem befürchteten Einsturz zu tun hatte, das war mir klar. Später erzählte ich, eher beiläufig, einer Therapeutin von mir und der Eisenbahnbrücke. Spontan sagte sie: Das sind die Deportationen."

In der Berliner Zeitung fühlt sich André Mielke total befeuert von der "Ahnenrazzia", zu der Spiegel und Zeit aufgerufen haben: "Erstens bin ich Deutscher. Deutsche sind so. Gründlich im Grauen und im Gegenteil. Zweitens: Wäre Opa damals in der Partei gewesen - und keine Sorge: Ich krieg' den Knaben dran - leuchtete meine Vorzüglichkeit noch grandioser. Ich habe aus der Geschichte gelernt. Wiederholte sie sich, ich wäre sofort Hans und Sophie Scholl in einer Person. Man sollte präventiv ein Kulturhaus nach mir benennen. Ein stabiles Selbstbild ist gut für die Seele."