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Noten für Nachrichten?

Von Robin Meyer-Lucht
04.03.2004. Das Internet macht die journalistische Arbeit transparenter und kritisierbarer. "Watch-Blogs" beäugen kontinuierlich den Nachrichtenfluss - und wollen mitreden. Doch die Standards der Beurteilung sind heftig umstritten.
Als die Bild-Zeitung Mitte Februar beschloss, Sibel Kekilli durch Skandalierung ihrer Vergangenheit zu vernichten, blieb das nicht unkommentiert. Jedes Wort der Schlagzeile "Film-Diva in Wahrheit Porno-Star" sei gelogen, schalt Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung. Auch Zeit, taz und Frankfurter Rundschau widmeten sich der besonderen journalistischen Schärfe und zerzausten Doppelmoral der Bild-Kampagne. Die FAZ am Sonntag ließ Kekilli in einem ganzseitigen Interview zu Wort kommen.

Spektakuläre journalistische Entgleisung werden zumeist von den Medien aufgegriffen. Anders verhält es sich mit den Unzulänglichkeiten der alltäglichen journalistischen Arbeit, wenn sie sich bei Fakten verstolpert oder einfachen Deutungsmustern erliegt. Zwei Beispiele aus der ganz normalen Woche des Bild-Skandals:

1. "Preistreiber" Praxisgebühr
Zahlreich wurde vermeldet (1, 2, 3, 4), dass die Praxisgebühr die "Preise" steigern würde. Dabei ist wichtig zu wissen, dass der Verbrauchpreis-Index den privaten Konsum misst, nicht aber die Kassenbeiträge. Nach dieser Logik sind steigende Beiträge keine "Inflation", die Praxisgebühr schon. Der Index misst nur eine Seite der Gesundheitskosten, worauf das Statistische Bundesamt auch deutlich hinwies. Doch dpa und Reuters hielten diese Einschränkung für nicht so wichtig und lieferten lieber eine weitere glatte Negativmeldung zum Reizthema Gesundheitsreform ab. Einzig die taz wies auf die beschränkte Gültigkeit hin.

2. Bald Pfand auf Tetra-Paks?
Trittins Verpackungsnovelle steckt im Bundesrat fest, es dauert noch Monate bis zur Entscheidung, aber eine kleine Pressemitteilung seines Ministeriums zündete. Es wurde gemeldet (1, 2), dass ein Pfand auf Tetra-Paks drohe. Im zweiten Satz folgt die Relativierung: Trittin drohe der CDU mit Pfand. Die anschließende Meldung folgt dem typischen Muster der Politkrawall-Berichterstattung: Trittin gibt Bundesrat Schuld. Die FPD nennt Trittin "störrisch" und "willkürlich". Nicht ersichtlich ist dagegen, worum es in dem Streit inhaltlich geht. Was fünf Nachrichtenagenturen nicht schafften, sei hier kurz nachgetragen: Die CDU will die pfandfreie Dose wieder einführen, hat aber noch keine einheitliche Position.

Läppische Beispiele mag man meinen. Doch die Praxisgebühr-Nullmeldung brachte es auf die Titelseiten von Tagesschau.de und Spiegel Online, sie wurde in zig Zeitungen gedruckt. FAZ und SZ brachten sie richtigerweise lieber gar nicht. Die Pfand-Nullmeldung schaffte es gar bis in die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau am 16. Februar.

In den USA haben verschiedene Aktivisten beschlossen, sich nicht länger von einer derart mäβigen Nachrichtenqualität einregnen zu lassen. Seit einiger Zeit wird zurückgepostet - das Netz bietet die besten Voraussetzungen dafür: Der Nachrichtenfluss lässt sich mitverfolgen und in Echtzeit auf der eigenen Site analysieren. Journalistische Arbeit ist durch das Internet beobachtbarer, transparenter und kritisierbarer geworden. Neben Journalisten und Leser tritt eine dritte Position: die Beobachter aus dem Netz. Der Schritt vom Medien konsumierenden zum Medien räsonierenden Publikum erscheint teilweise greifbar.

"Watch-Blogs" sind Weblogs, die sich allein der kritischen Beobachtung der Massenmedien verschrieben haben. Dabei verfolgen die Sites ganz unterschiedliche Ziele: Auf der einen Seite gibt es Angebote aus der akademischen Journalismus-Ausbildung, wie den Campaign Desk oder Grade The News. Sie versuchen, Nachrichtenangebote nach klassischen professionellen Standards wie Objektivität, Fairness und Ausgewogenheit zu bewerten. So will der Campaign Desk die Nachrichten über den US-Wahlkampf in Kategorien wie "Fact Check" oder "Spin Buster" unparteiisch kontrollieren. Dadurch soll die Journalisten-"Meute" ausgebremst werden, bevor sie mit falschen Fakten oder grob vereinfachten Deutungsmustern losprescht. Der Campaign Desk strebt selbst nach Autorität, Standards und Professionalität. Er inszeniert sich als eine Art Wächter der Werte des Informations- und Qualitätsjournalismus.

Auf der anderen Seite stehen die unabhängigen Watch-Blogger. Sie wollen lieber ganz subjektivistisch vorgehen. Sie wollen kommentieren, nörgeln oder eindreschen - aber sich keinesfalls fade gewordener Konstrukte wie Objektivität bedienen. Sie wollen unabhängig und potenziell einseitig sein. Für sie entsteht wertvolle Kritik aus einer Vielzahl ungeordneter, aber vernetzter Stimmen.

Bei der Auseinandersetzung zwischen dem Campaign Desk und den Graswurzel-Bloggern (mehr hier) geht es um nichts weniger als die zukünftige Institutionalisierung und Struktur der Kritik an Massenmedien im Internet. Die Lieblingsmetapher der meisten Theoretiker für Orte des geordneten Austauschs ist der Salon. Es geht um die Regeln der zukünftigen Netz-Salons der Journalismuskritik.

Dabei sind fast alle Fragen ungeklärt: Wie ist das Verhältnis von Kollaboration und Autorität zu regeln? Auf welcher Grundlage wird kritisiert? Wie wird verhindert, dass nicht alles in digitaler Geschwätzigkeit, in der Flüssigkeit des Netzes, in der Verminütlichung der Erkenntnis untergeht? Wie kann man die Ergebnisse zum Wochen-, Monats- und Jahresende verdichten? Lohnt sich der tägliche Kampf mit dem tausendköpfigen Informations-Ungeheuer überhaupt? Wie soll er sich finanzieren? Welche Institutionen sollen ihn tragen? Was ist mit den alten Institutionen der Journalismuskritik? Sollte man nicht vielleicht einfach bessere Zeitungen/Magazine/Sites lesen / machen?

Bis diese Fragen befriedigend geklärt sind, sei der Griff zum guten Buch geraten.