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E-Paper - Abschied aus der Internet-Öffentlichkeit

Von Robin Meyer-Lucht
18.03.2004. Viele Zeitungen, seit kurzem auch die Süddeutsche, präsentieren sich im Netz nur noch als E-Paper. Ein Irrweg, auf dem sie sich aus der Ideen-Ökonomie des Internets verabschieden, Einfluss verlieren - und dennoch keine Geschäfte machen.
Ein Gespenst geht um unter deutschen Zeitungshäusern. Erst spukte es nur bei Regionalzeitungen, doch dann zog es seine Kreise. Inzwischen hat es die überregionale Qualitätspresse erreicht. Es lässt die Manager der Zeitungs-Sites zwar nicht viel zuversichtlicher, aber doch entschlossener dreinblicken. Es schickt sich an, die Informations-Landschaft des Internets ein weiteres Mal zu verändern. Es ist das Gespenst des "E-Paper".

Acht Jahre lang stand die Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung frei zugänglich als Hypertext im Internet. Seit Anfang März kann man sie online nur noch als elektronisches Faksimile im 14x9cm-Format durchblättern. Ab Juni wird dieser Zugang 20 Euro kosten. Die Zeitung verkriecht sich in einer ungelenken Simulation ihrer einstigen Verpackung und lässt ihre Internet-Leser vor den Kopf gestoßen zurück: Fresst E-Paper oder lest woanders.

Acht Jahre nachdem der Zeit-Redakteur Klemens Polatschek furios "Tod der elektronischen Zeitung!" gefordert hat, ist sie wieder da. Es ist eine Mischung aus Ertragsdruck, willkommenem Anlass und Mutlosigkeit, welche die Zeitungen dazu treibt. Die Qualitätspresse in Deutschland hat kaum Aussicht, ihre Sites mittelfristig allein durch Werbung zu finanzieren. Daher weiß sie sich nun nicht anders zu helfen als mit dem Folterinstrument E-Paper. Mit diesem Mittel werden die Online-Auftritte aufgespalten: Auf der einen Seite verbleibt die entkernte Site als Eigenwerbung, auf der anderen Seite das E-Paper. Ein Geschäftsmodell für eine breitere Online-Auswertung der Print-Inhalte ist damit nicht gefunden.

E-Paper hat für die Verlage mehrere Vorteile: Es zählt erstens zur Print-Auflage. Die Print-Anzeigen erhalten so ganz offiziell auch im Internet weitere Leser. Es entsteht ein Anzeigengeschäft in zwei Medien. E-Paper lässt sich zweitens sehr günstig automatisch herstellen und günstig online verteilen. Mit E-Paper lässt sich drittens ein "Medienbruch" inszenieren. Das neue Format dient als eine Art Bezahlschranke im Netz.

Die Internetnutzer sind dagegen von E-Paper wenig begeistert. Sie finden, es sei schlechter lesbar und weniger nutzerfreundlich als eine Zeitung oder Site, wie die Universität Trier herausfand (hier ein ausführliches pdf-Dokument dazu). Wichtigster Vorteil aus Lesersicht sei, dass diese einen Eindruck vom Print-Layout erhalten würden. Auch Forschungsleiter Hans-Jürgen Bucher war nicht überzeugt: "Ich bin inzwischen viel zu sehr an die 'echten' Online-Ausgaben von Medien gewöhnt, als das ich mich mit E-Paper begnügen würde." (Interview hier)

E-Paper ist kein Angebot für Leser, die Online-Journalismus suchen. Es ist überhaupt kein Online-Journalismus und keine netzaffine Lösung. Es ist Print-Journalismus in digitaler Verpackung. E-Paper ist gut für Leser, die eigentlich die Zeitung wollen, sie aber gerade nicht zur Hand haben. Genau auf diese Gruppe zielen die Verlage: Abonnenten im Ausland, die schneller die aktuelle Ausgabe lesen wollen, viel reisende Leser, Leser, die die Zeitung am Vorabend lesen wollen, Abonnenten-Familien, die die Zeitung lesen wollen, die ein Elternteil mit zur Arbeit genommen hat.

Die Preispolitik für das E-Paper orientiert sich entsprechend am Print-Preis. Die Süddeutsche Zeitung bietet das E-Paper-Abonnement für 70 Prozent des Print-Preises an. Da das Print-Format dem E-Paper weit überlegen ist, wird letzteres nur derjenige bestellen, der unbedingt die Zeitung will, aber keinen SZ-Kiosk in der Nähe hat. Print-Abonnenten bietet die Süddeutsche die elektronische Version für zusätzlich 5 Euro im Monat an.

Für eine Lesergruppe aber sind derartige E-Paper-Modelle überhaupt kein attraktives Angebot: Für jene, die die Print-Inhalte der Süddeutschen online im Sinne einer Zweit- oder Drittzeitung nutzen. E-Paper bündelt Print-Inhalte für Print-Leser. Den Online-Lesegewohnheiten, wonach viele Nutzer hochselektiv nur bestimmte Ressorts lesen, kommt es in der derzeitigen Form überhaupt nicht nach. Statt dessen werden die Print-Inhalte völlig der Austausch-Sphäre des Webs entzogen. E-Paper-Inhalte lassen sich bislang nur sehr schwer adressieren und werden nicht von Suchmaschinen ausgewertet. Mit E-Paper schließt sich die Qualitätspresse aus der Ideen-Ökonomie des Internets aus. Sie verliert damit diskursiven Einfluss. Aber auch das Internet erleidet einen Imageschaden als Medium für Inhalte zweiter Klasse.

E-Paper ist ein mögliche, aber keine hinreichende Lösung für die Auswertung von Print-Inhalten im Internet. Es ist gut für Online-Leser, die eigentlich Print-Leser sein wollen. Für dieses Segment ist E-Paper sogar interessant, selbst wenn die Zeitung vollständig im Netz steht. Die New York Times, bekanntlich frei zugänglich im Netz, hat auch 4000 E-Paper-Abonnenten, die rund 300 Dollar im Jahr zahlen.

Die deutsche Qualitätspresse ist angesichts der mittleren Größe des deutschen Marktes in einer besondern Situation. Sie kann daher nicht weiter Geschäftsmodelle aus aller Welt kopieren, sondern muss aktiv ihre eigene Form der Online-Auswertung finden. Will sie sich nicht bis auf ihre Eigenwerbungs-Sites aus dem Web verabschieden, muss sie nach Formaten und Preismodellen suchen, die auch für Online-Leser und ihre typische Nutzung attraktiv sind. Die Premium-Experimente von Salon.com haben gezeigt, dass Leser bei hochgeschätzten Inhalten auch längere Werbeunterbrechungen akzeptieren und bei realistischen Preisen Online-Abonnements abschließen. Spannend sind zudem die Modelle, mit denen zum Beispiel in England Kabelfernseh-Programme in Paketen vertrieben wird. Die deutsche Qualitätspresse sollte überlegen, welche Programm-Pakete sie für Onliner zusammenstellen kann. Dabei müsste sie allerdings die Zeitung online aufschnüren und in neuen Paketen verpacken. Viele Verlage schrecken davor allein schon aus Gründen der Tradition zurück.

Jede Häme ist angesichts der schwierigen Lage der Qualitätspresse unangebracht. Das Publikum sollte nicht stolz darauf sein, dass es kollektiv so erfolgreich dem Sprung über die Bezahlschwelle verweigert. Genau derartige Mechanismen bewirken, dass zuletzt nur noch sparsam hergestellter Massenjournalismus angeboten werden kann. Die Qualitätspresse ist, im Print- und Online-Geschäft, finanziell mehr als angezählt. Die Frankfurter Rundschau wird wohl nicht die letzte überregionale Zeitung auf der Suche nach neuen Eignern sein. Es kann nicht darum gehen, von der Qualitätspresse zu verlangen, dass sie weiter alle ihre Inhalte frei ins Netz stellt. Sie sollte sich aber auch jenen zuwenden, die online nur einen Teil ihrer Print-Inhalte nutzen und nicht 70 Prozent des Print-Abonnements zahlen wollen.

Immerhin 20.000 Leser hatten sich bis Mitte März bei der Süddeutschen Zeitung für das E-Paper registriert. Nach den bisherigen Erfahrungen mit der Hochpreispolitik wäre es wohl schon ein Erfolg, wenn die Süddeutsche am Ende des Jahres 800 reine Online-Abonnenten hätte. Was für eine Aussicht: 33 Millionen Deutsche sind im Internet und 0,0008 Millionen lesen dort die Süddeutsche Zeitung. Bei Google und in Weblogs kommt sie nicht mehr vor.

E-Paper ist eine, aber keine hinreichende Lösung. Es ist das Gespenst einer Lösung.