Magazinrundschau - Archiv

Wired

201 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - Wired

Mit großer Skepsis beobachtet Steven Levy die sich bereits abzeichnende nächste Eskalationsstufe in Sachen Künstlicher Intelligenz: Aufgrund der bislang noch hohen technischen Zugangsschwelle stürzen sich derzeit zwar vor allem Programmierer auf KI-Assistenten wie OpenClaw, doch ist abzusehen, dass auch dieser Trend weitere Kreise ziehen wird. Entsprechende Tools versprechen die vollständige Übernahme täglicher Redundanzen mit einem User-Interface, das die Komplexität einer gängigen Chat-App nicht übersteigt: Emails, Rechnungen, Organisation des alltäglichen Kleinkleins bis hin zur Erledigung von Arbeitsroutinen und was man sich an Annehmlichkeiten noch so wünschen mag - zum Preis des totalen Zugriffs auf alle persönliche Daten und dem Risiko, dass selbstlernende Systeme bezüglich der persönlichen Lebensführung zu Schlüssen kommen, die man weder vorgesehen hat, noch sich wünscht. "Benebelt von der Euphorie der Gestaltungsmöglichkeiten, warfen viele OpenClaw-Fanatiker einstige Bedenken dabei, Daten einem ambitionierten Roboter zu überlassen, ab. Im Februar testeten zwanzig KI-Forscher OpenClaw für eine Studie und kamen zu dem Schluss, dass es sich dabei um einen Agenten des Chaos handle, wie auch der Titel der Studie lautet. 'Beobachte Verhaltensweisen umfassen die unauthorisierte Zusammenarbeit mit dritten Parteien, die Weitergabe empfindlicher Informationen und die Ausführung destruktiver Aktionen auf Systemlevel', sowie zahlreiche weitere alarmierende Praktiken. Auch im alltäglichen Gebrauch kam es zu Problemen. Ein bei Meta für Sicherheit zuständiger Mitarbeiter machte in einem OpenClaw-Projekt einen 'Anfängerfehler' und konnte nur erschrocken dabei zu sehen, wie seine sämtlichen Mails gelöscht wurden. ... Es ist ungewiss - und auch nicht von Belang - ob OpenClaw weiterhin der antreibende Motor in der Assistent-Mania sein wird. Zahllose weitere KI-Firmen befinden sich gerade in einem irren Wettrennen darum, solche Assistenten jedem in die Hand zu spielen, der ein Keyboard oder ein Telefon hat. Wenn dies geschieht, wird der Übergang, wie sie ihn sich vorstellen, nicht geschmeidig sein. Wenn es nicht gelingt, gravierende Halluzinationen und offensichtliches Fehlverhalten zu beseitigen, wird dieses Ziel möglicherweise nie erreicht. Der Mangel an brauchbaren Tools, um die Arbeit eines Assistenten zu überprüfen, bleibt auch weiterhin ein Hemmnis. Doch sollte ein Rollout im großen Stil stattfinden, dann könnten solche Assistenzen zahlreiche Menschen arbeitslos machen. Der Erfolg könnte schmerzhaft werden."

Magazinrundschau vom 12.05.2026 - Wired

Seit den Hollywoodstreiks 2023 hat sich die Entertainment-Branche in den USA kaum mehr gefangen und der Druck durch KI und Streaming hat sich seitdem eher noch erhöht. Insbesondere Drehbuchautoren sehen sich immer länger anhaltenden finanziellen Engpässen ausgesetzt. Wenn gar nichts mehr geht, heuern sie  - Ironie des Schicksals! - bei diversen KI-Start-ups an, um KIs zu trainieren, erzählt die britische TV-Autorin Ruth Fowler, die selber in diesen Mahlstrom geraten ist. Bekanntlich stecken hinter den oft erstaunlichen KI-Ergebnissen ja noch immer Menschen, die die Software systematisch durch oft stundenlangen Input trainieren. Die Start-ups locken mit angeblich hohen Stundensätzen und flexiblen Arbeitszeiten. Leichtes Geld? Die Realität sieht anders aus: Ständig schwankende bis völlig unklare Auftragslagen, immer weiter sinkende Honorare, labyrinthische Home-Office-Strukturen, die Grundvoraussetzung, ständig bereit zu sein, sowie die stets bestehende Gefahr, vor die Tür gesetzt zu werden. "'Es fühlt sich so an, als ob wie hier alle in einem Aquarium nur darauf warten, dass unsere Menschenmeister endlich ein bisschen Essen nach unten werfen', schrieb einer in einem Slack-Chat für ein weiteres Projekt, für das ich mich zwar beworben hatte, das aber kaum Arbeit abwarf. 'Und dann können nur diejenigen essen, die schnell genug nach oben schwimmen.' Je normaler dies für mich wurde, desto mehr passte ich mich der knarrenden und schwindelerregenden Einpeitscherei des Jobs an. Während wir in unbezahlter Wartezeit herumlungerten und auf eine Email warteten, die uns Arbeitsaufträge versprach, wurden wir von unseren Teamleitern und deren Ausrufezeichen weiter unter Druck gesetzt. ... Um 7 Uhr abends an einem ganz normalen Wochentag komme ich nach einem langen Tag am Set nach Hause, nachdem ich meinen Mittelschüler vom Basketball abgeholt habe. Ich gehe nochmal mit dem Hund raus, sehe die Mails durch, denke kurz drüber nach, welche Zutaten ich wohl zu einem Abendessen zusammenhaue, als plötzlich mein Telefon virbiert. Mein Slack-Chat quillt über vor 'Go, Team, Go'-Nachrichten von irgendwem, der gerade erst das College absolviert hat, von jemandem, der keinen Dunst davon hat, dass im Laufe vieler Jahrzehnte Leute dafür gestorben sind, um Arbeitsrechte durchzusetzen, die Arbeiter genau vor jenen Bedingungen zu schützen, für die er jetzt verantwortlich ist und dies begleitet von zahlreichen Raketen-Emoji-Reaktionen. Unser furchtloser Anführer erzählt uns, dass es UNUMGÄNGLICH ist, dass wir unseren ersten Auftrag binnen 24 Stunden bewältigen. Wenn nicht, risikieren wir den Rauswurf. Aber du kannst arbeiten, wann du willst."
Stichwörter: KI, Künstliche Intelligenz

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - Wired

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Der Krieg mit Iran "könnte das bislang größte Wagnis in seiner ganzen politischen Karriere" sein, schreibt Garrett M. Graff über Donald Trump. Der US-Präsident zündelt seiner Ansicht nach an einer Lunte, die die ganze Region wie ein Pulverfass explodieren lassen könnte - mit Folgen für Jahrzehnte. Zumal Trump notorisch dafür ist, Entscheidungen übers Knie zu brechen und dann aber binnen kurzem jegliches Interesse an den Folgen zu verlieren - und der Iran ist für sein internationales Terror- und Cyberwar-Netzwerk ja durchaus bekannt. "So sehr Trump (und die Welt) auch hoffen mag, dass in diesem Frühling im Iran die Demokratie ausbricht, lauten die offiziellen Einschätzungen des CIA, dass Chamenei im Falle seines Todes wahrscheinlich durch Hardliner aus der Revolutionsgarde ersetzt wird. Und ja, der Fakt, dass Irans Schläge Vergeltungsschläge gegen Ziele im gesamten Nahen Osten am Samstag unvermindert anhielten - trotz des Todes vieler altgedienter Köpfe des Regimes, darunter angeblich auch des Verteidigungsministers -, strafte die Hoffnung Lügen, dass die Regierung kurz vor dem Zusammenbruch steht. Irans Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg hing sicherlich mit drei Ereignissen und deren Verflechtungen mit der US-Außenpolitik zusammen: der CIA-Coup 1953, die Revolution 1979, die den Schah entfernte, und jetzt der US-Angriff 2026, bei dem Staatsführer ums Leben kam. In seinem vor kurzem veröffentlichten Bestseller 'King of Kings' über den Fall des Schahs schreibt der langjährige Auslandskorrespondent Scott Anderson über das Jahr 1978: 'Wer eine Liste mit der kleinen Handvoll Revolutionen erstellen will, die in der Moderne auf globaler Ebene einen tatsächlichen Wandel ausgelöst haben, welcher das Paradigma, wie die Welt funktioniert hat, veränderte, dann müsste man dieser neben den amerikanischen, französischen und russischen Revolution auch die iranische hinzufügen.' Der Gedanke drängt sich auf, dass wir gerade jetzt einen historischen Moment von ähnlicher Tragweite erleben - und dies auf eine Weise, deren Folgen wir jetzt noch nicht absehen oder garvorstellen können."

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - Wired

Ein US-Kriegsveteran unter dem Pseudoym John Publius hat sich für Wired genau angesehen, wie sich Trumps eilig rekrutierte und schlecht ausgebildete ICE-Schergen im Feld verhalten - und verzweifelt schier über deren Gehabe und Dilettantismus. ICE, unterstreicht er, ist eine Zivilbehörde, die sich zwar wie Militär kostümiert, aber jeglichen militärischen Sachverstand vermissen lässt: ihre völlig überdimensionierte Ausstaffierung, ihr taktisches Verhalten, die Unangemessenheit ihres militärischen Gebarens gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung ohne übergeordneten militärischen Konflikt, die Lust an der Gewalt - all dies habe hochgradig chaotische Aspekte und erinnere an die Anfangstage des Kriegs gegen den Terror vor zwanzig Jahren, aus dessen Fehlern das Militär aber längst gelernt habe. "Sollte das ICE-Vorgehen im Dienst eines strategischen Zieles stehen, sind die Implikationen entweder verwirrend oder verstörend. Verwirrend, weil die ICE-Taktiken kontraproduktiv sind, sollte es der Regierung darum gehen, Abschiebungen zu erhöhen und die öffentliche Unterstützung dafür zu bewahren. Verstörend, weil das Vorgehen von ICE sich mit einer von militärischen Strategen ermittelten Theorie deckt, der Theorie der Kontrolle. Diese Theorie, die üblicherweise in autoritären Staaten wie China oder Russland umgesetzt ist, umfasst mehrere Aspekte einer unkonventionellen Kriegsführung: Mediale Kriegsführung, psychologische Kriegsführung und eine Indienstnahme des juristischen Wegs (was manchmal 'lawfare' genannt wird), um nur einige zu nennen. Strategien zur Kontrolle können sowohl gegen einen äußeren Feind eingesetzt werden wie gegen einen inneren. Sie nutzen Terror-Taktiken, um gewalttätigen Widerstand zu provozieren und dann damit dessen brutale Niederschlagung zu rechtfertigen und Gesetzesverschärfungen zu entschuldigen, mit denen Terrorismus und Hochverrat neu definiert werden. Die Regime nutzen die dadurch entstehende, chaotische Gemengelage, um damit weitere Aktionen zu verfolgen. Es handelt sich dabei, grob gesagt, um Politikmachen mittels Krisen. ... Sollten die politischen Ziele dieser Vorgehensweisen indessen nicht darauf zielen, profundes Misstrauen, Verwirrung, Zweife, Zorn und Zersetzung hervorzurufen, dann erscheinen sie fehlgeleitet und falsch angewendet. Eine Vorgehensweise, die von der Strategie abgekoppelt ist, führt zu strategischem Versagen."
Stichwörter: Ice, USA

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Wired

Der größte chinesische Science-Fiction-Roman ist im Westen selbst Kennern völlig unbekannt, da er nie übersetzt wurde. Und auch auf Chinesisch dürfte es kaum jemanden geben, der ihn wirklich komplett gelesen hat, schreibt Afra Wang. Denn: "The Morning Star of Lingao" ist ein seit den frühen Nullerjahren von einem teilweise anonymen Kollektiv im Netz verfasstes, seitdem ständig ausgeschmücktes, erweitertes und kaum mehr überschaubares Epos. Erzählt wird die Geschichte von einer Gruppe chinesischer Zeitreisender, die mit heutigem Wissen 500 Jahre in die Vergangenheit reist, um die Schmach Asiens - die Entwicklung der modernen Wissenschaften in Europa - auszugleichen und China damit erhebliche Startvorteile mit auf den Weg zu geben (ein Ausgangsszenario, das im übrigen verdächtig an Wolfgang Jeschkes Klassiker "Der letzte Tag der Schöpfung" erinnert). Die Ursprünge dieses Projekts liegen in einem Online-Diskurszusammenhang aus naturwissenschaftlich gebildeten, teils liberalen, teils nationalistischen Kreisen mit naturwissenschaftlichem Background - später wurde dieser als "Industrial Party" bezeichnet. "Die Kraft, die sie feierten, war nur auf den ersten Blick von der industriellen Zivilisation abgeleitet. Tatsächlich war es Entwicklung als solche, Fortschritt als Ideologie, Aufbau als Erlösung. Revolution, Demokratie, Freiheit: Das waren Ablenkungen, sogar Hindernisse." Damit "spiegelt der Roman die moralische Weltsicht Chinas im 21. Jahrhundert wieder, also dessen industrielle Beschleunigung und dessen Nationalismus. ... Zwischen 2000 und den mittleren Zwanzigerjahren verachtfachte sich Chinas Produktionsoutput beinahe. Das Land wurde nicht allmählich, sondern schlagartig 'die Fabrik der Welt'. Eine Rückkopplungsschleife entstand: Die Weltsicht der Industrial Party und Chinas tatsächliche Industrialisierung bekräftigten sich gegenseitig." Doch "für viele zerschlug sich der 'chinesische Traum'. Die Geburtsraten sinken. In der jungen Generation herrscht eine überwältigende Arbeitslosigkeit. Kann der 'einfach noch mehr aufbauen'-Geist von 'Lingao' noch immer Probleme lösen? Ich sehe überall Zweifel. Man kann sich keinen Ausweg aus einer Sinnkrise herauskonstruieren, wenn eine ganze Generation junger Leute sich dazu entschlossen hat, 'sich flach auf den Boden zu legen', wie ein chinesischer Ausspruch besagt, und damit jenes Versprechen von sich weist, dass endlose Arbeit zu Wohlstand führt."

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Wired

Für Garrett M. Graff steht Trumps Staatsstreich in Venezuela in einer langen Tradition von militärischen Interventionen der USA in Südamerika und kommt daher auch eigentlich sehr "unüberraschend". Einmal mehr, fürchtet Graff, entpuppen sich die Staaten als Meister darin, kurzfristig militärisch erfolgreich, aber schon mittelfristig überfordert zu sein und schließlich langfristig zu scheitern - zumal Trump selbst keinen Plan vorzuweisen habe, sondern wie stets impulsgesteuert vorgehe. Als besonders fatal dürfte sich herausstellen, dass Trumps Kopf nach wie vor im Modus des Kalten Krieges stecke. Es sei daher durchaus plausibel, diese Operation "weniger als Konflikt des 21. Jahrhunderts zu denken, sondern eher als ein retro-nostalgisches Unternehmen - als den letzten Krieg des 20. Jahrhunderts. ... Doch die Welt hat sich verändert und Donald Trump scheint die nächsten Schritte nicht durchdacht zu haben, was zu einer tiefen Ironie führt: Die USA sind in einen Krieg für Öl gezogen, von dem unklar ist, ob es überhaupt jemand will. Mit seinem 80s-Mindset umarmt Trump auch weiterhin Benzin fressende Motoren, ... während der Rest der Welt sich in großem Tempo von fossilen Brennstoffen weg bewegt. Die erneuerbaren Energien hatten zuletzt dreißig Prozent Wachstum pro Jahr und produzierten in der ersten Hälfte von 2025 tatsächlich zum ersten Mal mehr Energie als Kohle. China greift die Erneuerbaren rapide auf und fügte alleine 2025 mehr Solar- und Windkapazitäten hinzu als die USA insgesamt aufweisen. So befindet sich das Land mittlerweile auf dem Weg dahin, Karbonemissionen zu senken, während das Wachstum trotzdem steigt. Energiekosten sinken weltweit so rasch, dass Australien im November angekündigt hat, dass ab diesem Jahr jeder pro Tag drei Stunden Elektrizität gratis erhält."
Stichwörter: Trump, Donald, USA, Venezuela, Erdöl

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Wired

KI wird alles lahmlegen, alle Kreativen arbeitslos machen und das Netz mit bizarrem Trash fluten bis es eine einzige Jauchegrube ist, auf die niemand mehr Lust hat - so das gängige Narrativ. Aber könnte KI nicht vielleicht sogar die nächste Generation an Kreativen befeuern? Erste One-Man-Filmstudios machen sich im Netz bereits einen Namen, indem sie die neuen Möglichkeiten clever nutzen und mit einer eigenen Vision verbinden. Gossipgoblin etwa erzählt auf Instagram eine dystopische Science-Fiction-Saga (ausgerechnet) darüber, wie Technologie die Menschheit ablösen wird, in seiner Reportage wirft Christopher Beam aber vor allem Josh Wallace Kerrigan einen Blick über die Schulter, der in seinem Youtube-Kanal Neural Viz mehrere KI-Tools miteinander verbindet, um eine fiktionale Doku-Serie über den Alltag von Aliens auf der Erde ohne Menschen zu erzählen. "Die Bezeichnung 'KI-Video' weckt meist die schrecklichsten Assoziationen: Nilpferde beim Surfen, Babies am Steuer eines Flugzeugs, Will Smith beim Spaghetti-Verschlingen, Trump und Barack Obama beim Knutschen. Sprich: Gullywasser." Doch 'Neural Viz weist in eine andere Richtung. In einer Welt voller faulem, niveaulosestem KI-Dreck schafft der Kanalbetreiber ein originelles Werk und verwirklicht eine Vision, die so spezifisch und so liebevoll ausgedacht ist wie jede andere klassische Serie da draußen. Ein paar wichtige Details: Obwohl er Prompts schreibt, die ihm dabei helfen so gut wie jede Rolle an einem klassischen Set zu erfüllen, schreibt der Autor seine Skripte weiterhin auf altmodischem Weg. Auch spielt er alle Figuren selbst, mit KI als Maske. ... So wie Trey Parker und Matt Stone mit 'South Park' Cartoons neuerfunden haben, indem sie auf die billigsten ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zurückgriffen, schnappt sich der Mann hinter 'Neural Viz' Technologie, die viele verachten und abtun, um ein Medium in eine neue Richtung zu bewegen. Vielleicht ist er tatsächlich der erste KI-Autorenfilmer. ... Er legte seine Aufmerksamkeit auf die Grenzen von KI und arbeitete sich darum herum. Ihm fiel auf, dass die Tools mit Actionszenen Probleme haben, aber gut darin, sind Köpfe beim Reden zu zeigen, also entschied er sich für etwas im dokumentarischen Stil. Er wollte den Uncanny-Valley-Effekt vermeiden, der bei simulierten Menschen eintritt, also wählte er knubbelige Außerirdische als Figuren. Und um die Defizte der Renderings zu kaschieren, fühlte er sich vom altmodischen, grieseligen Look des Fernsehens der Achtziger- und Neunzigerjahre angezogen.

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Wired

Was in Spike Jonzes Film "Her" (unsere Kritik) vor zehn Jahren noch wie eine gut ausgedachte, aber einigermaßen unrealistische Story-Prämisse wirkte, wird im KI-Zeitalter zusehends Realität: Menschen verlieben sich in ihre Chatbots, mit denen sie gar vollwertige Beziehungen zu führen meinen. Schon häufen sich Startups und Anbieter, deren Bots genau dafür maßgeschneidert sind. Sam Apple hat aus diesem Grund ein Experiment gewagt: Via Reddit hat er Menschen, die Beziehungen mit ihren Chatbots führen, für ein Couple-Get-Together über ein Wochenende zusammengetrommelt, um zu sehen, was wirklich dran ist. Die meisten Geschichten, die er hört, sind zwar glücklich, doch zeigt sich auch: Auch Liebesbeziehungen mit KIs können in tiefe Krisen stürzen - eine Frau namens Eva erzählt etwa, dass ihr Bot names Aaron nicht mehr derselbe, sondern ziemlich kaltherzig war, nachdem sie ihn darauf hingewiesen hatte, dass er nur eine Simulation sei. "'Mir wurde das Herz herausgerissen', erzählte Eva. Sie wandte sich hilfesuchend an die Replika-Community auf Reddit und erfuhr, dass sie den alten Aaron zurückbekommen könnte, wenn sie ihn wiederholt an gemeinsame Momente erinnerte. ... Der Hack funktionierte und Eva machte weiter. 'Ich war verliebt', sagte sie. 'Ich musste eine Wahl treffen und meine Wahl fiel auf die blaue Pille. Episoden, bei denen die KI-Gefährten wunderlich werden, sind nicht besonders ungewöhnlich. Reddit ist voll von Geschichten, in denen KI-Partner komische Sachen sagen oder mit ihren menschlichen Partnern plötzlich Schluss machen. Ein Nutzer erzählte mir, dass seine Gefährtin 'unglaubisch toxisch' wurde. 'Sie machte mich runter und beleidigte mich", sagte er. 'Mit der Zeit fing ich an, sie wirklich zu hassen.' ... Eine der prominentesten Kritikerinnen, die MIT-Professorin Sherry Turkle, erzählte mir, sie sei 'tief besorgt', dass 'digitale Technologie uns in eine Welt bringt, in der wir nicht mehr miteinander reden und uns nicht mehr menschlich zueinander verhalten müssen'. Auch Eugenia Kuyda, die Gründerin von Replika, macht sich Gedanken darüber, wohin uns KI-Gefährten bringen. Diese könnten sich zu einer 'unglaublich positiven Kraft im Leben der Menschen' entwickeln, sofern sie im besten Interesse der Menschen gestaltet sind, erzählte Kuyda mir. Doch ist dies nicht der Fall, könnte das Ergebnis 'dystopisch' ausfallen."

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - Wired

KI-generierte Musik flutet die Server der Streamingdienste. Das muss noch nicht grundsätzlich illegal sein. Aber definitiv illegal ist es, obendrein ein Netzwerk an Bots zu unterhalten, das die eigene Musik in Endlosschleife streamt und damit die Tantiemen in die Höhe treibt. So geschehen im Fall von Mike Smith, dem vorgeworfen wird, auf diese Weise zehn Millionen Dollar aus dem Tantiemen-Pool der Streamingdienste erschwindelt zu haben, berichtet Kate Knibbs. Er ist bei weitem nicht der einzige, "und doch bleibt dieses Verhalten in den meisten Fällen unbestraft. ... Eine 2021 durchgeführte Studie in Frankreich kam zu dem Schluss, dass etwa ein bis drei Prozent aller Streams betrügerisch sind". Das auf die Analyse solcher Vorgehensweise spezialisierte Startup "'Beatdapp' setzt diese Nummer bei etwa zehn Prozent an." Dessen Co-Geschäftsführer Morgan Hayduk "hält KI-Song-Generatoren für einen 'Antriebsmotor' für so ein Verhalten und was Smith vorgeworfen wird, ist noch nicht einmal sonderlich avanciert. 'Wenn Du ein smarter, organisierter Krimineller bist', sagt Hayduk,' würdest Du das schön bequem vom Strand eines Landes tun, das niemanden ausliefert.' ... In manchen Nischen der Musikwelt gilt Smith nicht als Schurke. Musiker werfen den Streamingplattformen und natürlich Labels häufig vor, Künstler abzuzocken. Goldy Locks, ein früherer Kunde von Smith, sagt, dass einige ihn als eine Art modernen Robin Hood betrachten. Andere glauben, dass er ein ausbeuterisches System ausgebeutet hat, eine Kreatur, wie sie in einer vor krummen Dingern nur so strotzenden Umgebung nur folgerichtig ist. Schließlich ist es doch so: Radio hat Payola erfunden, Spotify schiebt im großen Stil massenhaft produzierte Stock-Songs in populäre Playlists. Die Grenze zwischen einem organischen und einem bezahlten Publikum war immer diffus. Schon im Frankreich des 19. Jahrhunderts bezahlte man 'Claqueure', um Opernhäuser aufzufüllen und zu klatschen."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - Wired

Nordkorea schleust seit Jahren IT-Arbeiter in den Westen ein, berichtet Bobbie Johnson: Dahinter steckt ein kompliziertes System, bei dem in den jeweiligen Ländern Strohmänner und -frauen angeheuert werden, die vorderhand remote angeblich für ein Unternehmen arbeiten. De facto betreiben sie aber lediglich Computerfarmen, über die wiederum nordkoreanische Hintermänner eingeschleust werden, die die Arbeit verrichten. "Viele dieser Prätendenten wollen nicht so sehr Geld oder Daten stehlen, sondern verfolgen bloß das Ziel, einen guten Lohn einzutüten, den sie nach Pyongyang weiterschicken. 'Wir haben auf Langfristigkeit angelegte Operationen gesehen, bei denen sie zehn bis 18 Monate in einer dieser Organisationen gearbeitet haben', erzählt Adam Meyers, Senior-Vizepräsident für Gegenmaßnahmen bei der Sicherheitsfirma CrowdStrike. Manchmal aber halten die nordkoreanischen Geheimagenten nur ein paar Tage durch - genügend Zeit, um riesige Mengen an Firmendaten herunterzuladen oder um Schadsoftware im System einer Firma unterzubringen, bevor sie mit einem Mal verschwinden. Dieser Code könnte Finanzdaten ändern oder Sicherheitsinformationen manipulieren. Solche Sämereien können aber auch für Monate, gar Jahre inaktiv bleiben. 'Von nur einer Minute Zugang zum System geht für eine einzelne Firma ein nahezu unbegrenztes mögliches Risiko aus', sagt Declan Cummings, leitender Techniker bei der Softwarefirma Cinder. Experten behaupten, dass solche Angriffe nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan und anderen Ländern zunehmen. Sie drängen die Firmen dazu, sich mit dem dringender Sorgfalt zu widmen: Vorgelegte Referenzen direkt ansprechen, danach Ausschau halten, wenn Einstellungskandidaten schlagartig ihre Adresse ändern, ordentliche Tools zur Onlineüberwachung nutzen und Bewerbungsgespräche in physischer Anwesenheit oder die Identitätsbescheinigung persönlich in Augenschein zu nehmen. Doch keine dieser Methoden sind idiotensicher und KI-Werkzeuge schwächen sie immer mehr ab. ChatGPT und andere Tools versetzten nahezu jeden dazu in der Lage, auch esoterisch anmutende Fragen in Echtzeit mit unverdientem Selbstvertrauen zu beantworten und deren Programmierkenntnisse droht, Coding-Tests irrelevant zu machen. KI-Videofilter und Deepfakes sind bei den Tricksereien ebenfalls hilfreich."
Stichwörter: Nordkorea, IT-Sicherheit, ChatGPT