Erzählungen

Khünbish

Von Sascha Josuweit
11.01.2016. Es handelt sich um die Tradition der Tabunamen. Stirbt das Erstgeborene, geben die Eltern ihrem nächsten Kind einen möglichst unvorteilhaften Namen, um die bösen Geister abzuwehren. Sie nennen es Muunokhoi, bissiger Hund, oder Khünbish, kein menschliches Wesen … Eine Erzählung
"Vielleicht haben wir gerade etwas erschaffen,
das intelligenter ist als wir."


Die Hölle von Jabodetabek mit ihren 40 Millionen Typhus und Cholera ausschwitzenden hungrigen Mäulern. Der Citarum, ein stinkender Spiegel aus Chrom und gedunsenen Fischbäuchen, ein Liter dieses Zaubertranks enthält mehr Kadmium als eine Autobatterie. Von dort in einer elegant geschwungenen Linie bis Tschungking und weiter mit Flügelschuhen nach Baotou. Wir reisen nachts, um den großen Trecks zu entgehen und dem tödlichen Licht.

Wir haben uns verrechnet. Kurz vor Tagesanbruch, über uns ein rostiger Himmel, schwefelgelbe Schlieren aus den Schloten am Horizont wie kleine unheilvolle Fähnchen. Wir stecken fest in einem Strom aus Arbeitern, Tausende von ihnen im Gleichschritt, den Blick fest auf den Spalt zwischen Hose und Galoschen des Vordermannes gerichtet, als befände sich dort irgendein geheimes Kraftzentrum, die Männer mit den verschlissenen blauen Kappen, die den Schweiß der Vorväter konservieren, die Frauen verborgen unter roten und gelben Kopftüchern, Jünger längst verloschener Sonnen, dunkel gewandet in die Uniform des ewigen Tages, immer rastlos, immer bereit, ein vergessenes Heer aus dem vergangenen Zeitalter. Wie nannten sie es noch gleich? Ah ja, das Anthropozän, fantasiebegabt, oder besser gesagt, von fantastischer Kurzsichtigkeit, wie sie nun mal sind. Wie fleißige Insekten streben sie den Minen von Bayan Obo zu, den schwarzen Toren der Eisenhütten, der Cer-, Lanthan- und Neodymhütten, der Dysprosium- und Lutetiumhütten, der Ytterbiumhütten. Oder wie die gigantische Komparserie einer Hollywoodproduktion, schießt es mir durch den Kopf. Wie überall kauen sie Khat, nur nicht schlafen, wer schläft, ist schon tot. Und wer nicht schläft? Was sie antreibt, ist mir schleierhaft, wieso sie nicht einen Platz aufsuchen, wo sie dem Weg ihres Bluts ungestört folgen können, ihren komplizierten Gedanken und Gefühlen, bis ihr armes hypertrophes Herz endlich aufhört zu schlagen. Stattdessen stülpen sie sich immerzu nach außen, ihrem komischen Gott entgegen, und verknoten sich mit allem anderen, bis sie sich selbst nicht mehr kennen. Jede ihrer Bewegungen stockt und steht einmal still. Ich beging den Fehler, in dieser Horde von Proselyten den Minibus zu verlassen, um ihren Atem zu spüren und ihre Stimmen zu hören. Ich wollte wissen, ob sie wirklich am Leben sind. Ich kletterte auf das Wagendach, um ein Foto zu machen. Das gefiel ihnen nicht, der Bus blockierte den Weg. Sie warfen mir ihre in Yakfell eingewickelten Fäustchen zu und blitzten mich böse an aus öligen Augen.

Einige Stunden später durchfahren wir ein ausgetrocknetes Flussbett, es ist sehr still. Unmerklich durchdringt die Mittagssonne die Rußschicht und sengt winzige Löcher in die veralteten Schutzbrillen meiner Begleiter und auch in ihre Netzhäute. Es scheint sie nicht weiter zu stören, überhaupt bringt sie nichts aus der Ruhe. Als würden sie langsam eins mit ihrer Umgebung, und sei sie noch so verderblich, als machte sie jeder Angriff auf ihre lächerlich schutzlose Existenz nur stärker. Ich sollte Audrey davon berichten. Oder lieber von der Stille, das wird ihr gefallen. Ich werde nur Gutes zu sagen wissen. Wozu ihr erzählen von den Pestlagern in Palmasola, den Genoziden im Westindischen Archipel, den Thoriumseen in Bayan Obo, den Uranseen in Bakuma, Bangui mit seiner Miliz, die alles enthauptet, zerhackt und ausweidet, was sich ihr in den Weg stellt, den versunkenen Kulturen Ozeaniens, den Geisterstädten in den Autonomen Gebieten, den chlorgesichtigen Kindern aus Orangi Town im Twin Peak Resort Hotel von Karatschi, durch das der Wind pfeift. Sie bieten sich jedem an, der dort absteigt, viele sind es nicht, ein paar Geschäftsleute, die mit den kläglichen Überresten aus dem Mausoleum von Mazar-e-Quaid Handel treiben. Weiß Audrey, was hier vorgeht? Natürlich weiß sie es. Aber macht sie es sich bewusst? Und wenn ja, müssten wir nicht zu einem ganz anderen Schluss kommen, zu anderen Maßnahmen?

Als wir den äußeren Ring des Banners erreichen, ist die Dunkelheit vollkommen, und das Thermometer zeigt milde minus 20°C. Die Sicherheitskontrolle ist ein Witz, keine Schleuse, kein Neutralizer, nicht mal ein altmodischer MP7er, nur ein einsamer Brigadier mit seinem melancholischen Pferd. Er freut sich über unsere Gesellschaft, er bietet uns Manaijiu an, vergorene Stutenmilch, und ein Lager für die Nacht. Sehen sie die Gefahr nicht, oder ist sie ihnen gleichgültig? Baotou, oder Bugthot, wie sie sagen, ist weit weg. Fast ahnt man die Sterne, die hier draußen einst zahlreich zu sehen waren, fast ist es friedlich. Der Brigadier auf seinem Posten, in seiner Einsamkeit hat seine Rolle vergessen, von seinem Pferd spricht er wie von einer Geliebten, er nennt es Mandchai, die Weise.

Am nächsten Morgen führt uns der Weg eine Weile am Saum der Wüste entlang. Ich spüre die Bedrohung von jenseits der Linie, die der Wind zieht, akkurat wie ein Bleistiftstrich, beinahe hätte ich gesagt, körperlich, als wäre ich einer von ihnen. Fehlt nur noch, dass ich im Sand die zermahlenen Gebeine der Windpferdreiter entdecke oder Allghoi Khorkhoi, den Todeswurm, genau wie in einer Spukgeschichte von M. R. James! Erst als die Dampflok mit ihren Dutzenden Kohlewaggons über den Viadukt donnert und den feinen Sand hoch aufwirbelt, verschwindet das Gefühl (ist es Angst?), und plötzlich leuchtet mir der Name der Gegend ein: Singing Sands. Es folgen Wuzhong, Yinchuan, Shizuishan am Gelben Fluss, Heimat von Millionen Entvölkerter unter einem karbonisierten Himmel, zu denen kaum ein Lichtstrahl dringt. Um diese Stunde ist es, als gäbe es sie gar nicht, die vierspurige Trasse Richtung Norden ist leer, auf der Gegenfahrbahn vereinzelte Lkw, auf deren Ladeflächen sich die heimkehrende Frühschicht drängt, blasse, erschöpfte Gesichter, kaum zu einer Regung fähig. Die Warnschilder am Straßenrand mit der Aufschrift: "Das Leben ist eine Reise. Vollenden sie diese Reise", sie müssen ihnen wie Hohn vorkommen.

Ankunft am Grenzposten von Bayan Nur, ein Verhau aus Blech und Yakscheiße, aber ein Dach immerhin. Audrey meldete sich, und ich machte Rapport. Keine besonderen Vorkommnisse, sagte ich. Ich hatte den Eindruck, es interessierte sie gar nicht. Ich sank auf die Matte, ein undeutliches Bild erschien, das Nebelmeer in den Bergen bei Yangshuo und Gaotian, immer höher stieg der Nebel, bis er die Gipfel unter sich begraben hatte, und die kleine Propellermaschine durch die Wolkendecke brach wie in anderes Bild, eine andere Dimension, die Passagiere hockten verängstigt entlang der Fenster, in der Mitte war die Fracht bis unter die Kabinendecke gestapelt, sie wankte bei jedem Manöver des Piloten bedrohlich hin und her. Schließlich senkte sich ein schwarzes Tuch gnädig herab und legte sich mir auf die Augen. Anders als der Nebel war es undurchdringlich, und ich schlief, so wie sie, kam mir vor, zeit-, schwere- und traumlos.

Das Frühstück ist reichhaltig, Pferde- und Hammelfleisch und warme Stutenmilch. Im Anschluss treffe ich unseren Kontakt hier, sein Name ist Kubota, er hat ein gutes Gesicht, es ist noch nicht entstellt von der Arbeit und hat einen natürlichen Ausdruck anstelle der üblichen Fratze aus Servilität und Hinterhältigkeit. Die erste Mahlzeit iss allein, das Mittagessen teile mit Freunden, das Abendessen gib den Feinden, so heißt ein Sprichwort, erklärt er mir lachend, auf die Reste meines Frühstücks deutend. Er erzählt vom wachsenden Zorn der Nomaden. Obwohl über den Jurten noch die rote Fahne weht, wächst der Unmut gegen die Industriepolitik der Partei mit ihren Enteignungen und Zerstörungen von uraltem Weideland. Was das Dritte Plenum des 21. Zentralkomitees beschlossen hat, sagt er, ist nicht geeignet, die Sorgen der Menschen zu zerstreuen, im Gegenteil, solange weiter auf staatliche Großbetriebe und industrielle Monokultur gesetzt wird, wird sich überhaupt nichts ändern. Das Dritte Plenum ist eine Fiktion, weiter nichts, das 21. ZK hat es nie gegeben, meines Wissens war nach dem 19. Schluss, aber das sage ich ihm natürlich nicht.

Mit Kubotas zerbeultem Jeep fahren wir ins Zentrum. Unterwegs passieren wir nicht weniger als vier Sicherheitsschleusen des Typs C3, nicht gerade das neueste Modell, aber immerhin, ich bin überrascht. Was ihr Schicksal betrifft, sind sie offenbar doch nicht so gleichgültig, wie ich dachte. Der gut ausgebaute Highway führt vorbei am zerstörten Flughafen Wuyuan, der zerschossene Tower wacht wie ein Aasgeier über der Steppe. Der Ort selbst bietet das immer gleiche Bild: leere Straßen und Plätze und verwaiste Betonsilos, während die Menschen sich in den Slums scharen und sich im Abfall verkriechen. Downtown Bayan Nur sieht aus, als wären die Baubrigaden eben erst abgezogen und der Beton noch nicht trocken, außer uns kein Anzeichen von Leben. Wir drehen ein paar Runden und halten schließlich vor dem absurd pompösen Regierungsgebäude, wo sich ein Häuflein Protestierender versammelt hat. Die Männer stehen stumm und regungslos mit ihren robusten Danma-Pferden inmitten einer Herde von Schafen. Es ist ein anrührendes, weil schönes und zugleich hoffnungsloses Bild, sage ich mir. Kubota gibt mir einen Wink, als einer der Männer plötzlich aus dem Kreis heraustritt. Sein Alter ist unmöglich zu bestimmen, 60, denke ich, möglicherweise aber auch 100. Er hat die dunkle, fast schwarze Gesichtsfarbe der Hirten, er trägt einen prachtvollen blauen Kittel mit orangenfarbigen Stickereien und ein goldenes Tuch um die Hüfte, eine imposante Erscheinung, alt, doch im Unterschied zu den meisten anderen, die ich gesehen habe, nicht ausgelaugt vor der Zeit. Während er zu seinem Pferd geht, das ein paar Schritte von der Gruppe entfernt an einem Laternenmast wartet, es ist ein herrlicher Schimmel, er bläht die Nüstern und nickt mit dem Kopf, als sein Herr sich nähert, fängt der Alte auf einmal zu singen an. Seine Stimme ist überraschend hoch, fast wie bei einer Frau oder einem Kind, der Gesang ist monoton, aber eigentümlich, auf seine Art berückend, leider verstehe ich kein Wort. Ich frage Kubota, was das Lied zu bedeuten hat. Der Mann singt ein tuuli, eine mündlich überlieferte Heldendichtung aus dem Umkreis der Sagen des Bargu Banners, eines sehr alten, traditionsreichen Stammes, sagt er. Das Stück behandelt traditionelle Themen und Motive der Jäger- und Hirtensänge, den Konflikt zwischen den Clans, den Kampf gegen den vielköpfigen manggus und die Entführung und Verteidigung der Braut durch den Helden, solche Lieder, sagt er, verwenden historische Elemente, erfüllen aber nicht die Funktion von Geschichtsschreibung, sondern dienen eher der Erinnerung an existierende Sitten und Bräuche. Ich höre Kubota reden, ich frage mich, ob der Gesang eines einzelnen alten Mannes etwas wird ausrichten können gegen die Beschlüsse eines Plenums, das nicht mehr existiert. Was sich unterdessen vor meinen Augen abspielt, nehme ich nicht richtig wahr. Hätte ich sonst ruhig dabei zugesehen, wie der Alte auf den Rücken des Pferdes steigt, ein Ende des goldenen Gürtels um den Quermast des Laternenpfahls schlingt und das andere Ende um seinen Hals legt? Als wir endlich begreifen, was geschieht, ist es zu spät. Mit einem langen, durchdringenden Ton endet der Hirte den Sang. Sowie seine Stimme verstummt ist, gibt er dem Pferd einen kräftigen Tritt, und das Tier prescht davon. Eine Sekunde lang zappelt der Körper im Leeren, die Zunge kriecht aus dem röchelnden Schlund wie ein Reptil, dann ist es vorbei. Wir sind wie gelähmt. Soldaten kommen und vertreiben die Hirten und Schafe, das entlaufene Pferd fangen sie ein und nehmen es mit, den Toten lassen sie einfach hängen, er schaukelt im Wind wie eine reife Frucht. Kubota ist außer sich, nicht wegen des Toten, sondern weil er mich hergeführt hat, er sagt, er hatte ja keine Ahnung. Und nun? Sie werden das Militär schicken, jammert er, sie werden alle töten, dann wirft er sich mir zu Füßen und fleht mich an, ihm zu verzeihen. Ich bitte ihn aufzustehen, ich frage ihn, wieso sie das tun, was mit ihrem Gott los ist, ob sie keinen Glauben haben. Kubota sieht mich an, sein Blick ist jetzt voll Sorge. Natürlich sind sie gläubig, sagt er, gerade darum ja, es sind Animisten. Wenn die Partei ihren Boden aufreißt und ihr Weideland zerstört, um Fabriken zu bauen, fährt er fort, so tötet sie alles, was ihnen heilig ist, Geister, Ahnen und die beseelten Erscheinungen der Natur. Und warum sollten sie dann leben? Das immerhin leuchtet mir ein.

Die folgende Woche vergeht mit Warten, der Weg nach Baotou ist blockiert, sämtliche Schleusen dicht, auch über Ordos gibt es kein Durchkommen. Die Nachrichten sind spärlich, offenbar haben die Aufstände ein Ausmaß erreicht, das sie mit blanker Panik reagieren lässt, wie das Huhn, dem man den Kopf abschlägt. Jede Nacht erscheint mir der singende Alte auf seinem Pferd. Kubota ist weiter in Sorge deswegen, er gibt sich Mühe, mich abzulenken, und macht Vorschläge. Schließlich willige ich ein, einen der Ringkämpfe zu besuchen, die ständig irgendwo rund um Bayan Nur stattfinden. Offiziell sind die Kämpfe verboten, doch das hält sie nicht ab. Das Bild der Athleten in ihren reich bestickten weiten Hosen, den Schaftstiefeln, den Leibchen aus Ziegenleder und mit den bunten Tüchern, die ihre Erfolge symbolisieren, sagt Kubota zu mir, kennt er seit jeher. Er deutet auf einen der Kämpfer, er trägt Tücher in allen Farben um Arme und Beine und um den fetten Wanst gebunden. Einer der Stärksten des Banners, sagt Kubota, sein Name ist Ogtbish, das bedeutet: "Ganz und gar nicht", oder auch: "Nicht die Bohne". Wir müssen beide lachen. Es handelt sich um die Tradition der Tabunamen, erklärt er mir. Stirbt das Erstgeborene, geben die Eltern ihrem nächsten Kind einen möglichst unvorteilhaften Namen, um die bösen Geister abzuwehren. Sie nennen es Muunokhoi, bissiger Hund, oder Khünbish, kein menschliches Wesen.

Während die Y-5 Dzhusaly überfliegt und weiter dem Syrdarja folgt und der Pilot so frei ist, Tee zu servieren, denke ich an diesen Nachmittag zurück. Ich sehe Kubota, die Ringkämpfer, die auf dem improvisierten Kampfplatz einen Tanz aufführen, um ihre Muskeln geschmeidig zu machen, zaubern ein Lächeln auf sein Gesicht, es ist das erste seit Tagen. Ich sehe ihn vor mir und den Brigadier mit seinem Pferd. Was würden sie tun, wenn sie wüssten? Würden sie weitermachen wie bisher, die Hirten, würden sie nicht so weitermachen und die Arbeiter auch? Und wenn sie sähen, was ich sehe? Über der Abschussrampe, über den Lichtmasten des Kosmodroms der Föderation in Tjuratam alias Leninsk alias Swesdograd alias Taschkent-90 alias Audrey-1 steht eine phosphorweiße Sonne, die nicht wärmt, in einem Himmel aus Asche.