Eberhard Spree, Musiker des Gewandhausorchesters, begibt sich für einen epischen Longread für die "Bilder und Zeiten"-Beilage der FAZ auf spekulatives, durch Detailrecherchen aber doch gut abgesichertes Terrain und fragt sich, was Bach in seiner Leipziger Zeit von Japan gewusst haben kann. Man würde meinen, durchaus nicht viel, da Japan sich zu dieser Zeit abschottete. Doch diese Einschätzung täuscht, wie Sprees eindrucksvolle Rekonstruktion der Publizistik und Öffentlichkeit in der Mitte des 18. Jahrhunderts beweist. Hier und da gab es doch Austausch, Eindrücke und Bücher, etwa von Engelbert Kaempfer (hier auf archive.org) und in den Illustrationen japanischer Musikinstrumente von Johann Caspar Scheuchzer, die über die "Musikalische Bibliothek" auch "in das unmittelbare Umfeld der Familie Bach gelangten. ... Der Autor des Beitrags wusste über die japanische Musik eigentlich nur, dass Europäer, die sie gehört hätten, darin übereinstimmten, dass die 'Melodeyen und Composition sehr abgeschmackt' klingen würden." Bach "könnte diesen Beitrag gekannt haben - und dürfte als Orgelsachverständiger gewusst haben, dass zum Beispiel die einfache Zeichnung eines Orgelprospekts nicht ausreicht, um das Instrument, seine Stimmung oder die Qualität der Musik, die dafür komponiert und auf ihm gespielt wird, beurteilen zu können."
Weiteres: Guido Holze hat für die FAZ das hr-Sinfonieorchester nach Parisbegleitet, wo das Orchester ThierryEscaichs "Te Deum pour Notre-Dame" uraufgeführt hat. Dass die Klavierbranche in Deutschland wirtschaftlich zu kämpfen hat, deutet Konstantin Sakkas in der FR als Symptom des Niedergangs des Bildungsbürgertums, das sich keine Klaviere mehr ins Eigenheim stellen will. Clemens Haustein berichtet in der FAZ vom Intonations-Festival in Berlin. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS den Bariton BenjaminAppl.
Besprochen werden ein neues Album von The Minus 5 (FR) und das neue Drangsal-Album "Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen", mit dem Max Gruber sein düsteres Synthpop-Soloprojekt zur Indierock-Band erweitert (Zeit Online, taz).
Vor allem verunsichertes Erstaunen empfindet David Hugendick (Zeit Online) vor Sleep Token, einer zu ausgetüftelten Maskeraden neigenden Progressive-Metal-Band, die gerade mit ihrem Album "Even in Arcadia" aus dem Stand in USA, UK und Deutschland an die Spitze der Charts gewandert ist. Zu bezeugen ist "ein ausgeprägter Hang zu einer leicht aus dem Ruder gelaufenen Epik, in der diese Band ihre Freude am Erblühen und Verwelken auslebt, an Schönheit und deren Zertrümmerung, an Lieblichkeit und dem tiefen Wunsch, eine Welt nach allen Regeln der Kunst abzufackeln. ... Es ist eine an zahllosen Genres hochgebildete Musik. Ihre stilistische Mehrdimensionalität bietet einen Überfluss an sogenannten Stellen; in der Attraktionsdichte ist für nahezu alle etwas dabei, das man mit entrückter Begeisterung anderen Leuten vorspielen will. Es kann dabei allerdings auch vorkommen, dass man Sleep Token 40 Sekunden lang für die derzeit intelligenteste, brillanteste BanddesPlaneten hält und in den folgenden anderthalb Minuten mal für eine banalere. Auf einer Sleep-Token-Platte wird man unfreiwillig zum Legionär des Augenblicks. So gesehen ist es kein Wunder, dass ihr Erfolg auf TikTok und Instagram begann, wo eine überaus funkige Passage ihres vorigen Albums, die mit dem Rest des eigentlichen Songs kaum etwas zu tun hatte, plötzlich etliche Kurzvideos untermalte."
Außerdem: Weitere Nachrufe auf BrianWilson (unser Resümee) schreiben Detlef Diederichsen (taz) und Harry Nutt (FR). "Klar, extra zum Feiern raus nach Tegel zu fahren, ist vergleichsweise mühsam", muss Andreas Hartmann in der taz feststellen, doch könnte auf dem Areal des früheren Flughafens die Zukunft der im inneren Stadtgebiet mittlerweile doch arg gebeutelten BerlinerClubszene liegen. Manuel Brug erinnert in der Welt an Händels Zeit in Italien. Florian Heimhilcher plauscht für die FAZ mit dem österreichischen Musikmanager StefanRedelsteiner, der gerade seine Autobiografie veröffentlicht hat.
Besprochen werden BruceSpringsteens Konzert in Berlin (FAZ, Tsp, SZ), MatthiasPapes Buch "'Kunst und Krieg'. Prinz Louis Ferdinand, Ludwig van Beethoven und seine Wiener Mäzene" (FAZ), VanMorrisons erst 47. Studioalbum "Remembering Now" (SZ), DJMargauxGazursAlbum "Blurred Memories" (taz), SophiaKennedys "Squeeze Me" (FR) und das Comeback-Album von Pulp (Freitag).
"Er war nicht für diese Zeiten gemacht", seufzt Jens Balzer auf Zeit Online: Der frühere BeachBoyBrianWilson ist im Alter von 82 Jahren gestorben - und damit eine der tragischsten Figuren im Pop: Ausgestattet mit einem sagenhaften Gespür für eingängige Popsongs, die einem den kalifornischen Strand noch in den grauesten europäischen Winter zaubern, entfremdete er sich bald vom Pop-Business, vergrub sich in ambitionierteste Projekte wie das Album "Smile", an dem er Jahrzehnte feilte, ohne es je wirklich befriedigend zu einem Abschluss zu bringen, und litt zudem unter erheblichen psychischen Problemen. "Die Erfolgsformel der frühen Beach Boys ist einfach", schreibt Klaus Walter in der SZ. "Good Time Rock'n'Roll mit Chuck-Berry-Riffs und Harmoniegesang bei überschaubarer Themenvielfalt: Mädchen und Mobilität, zu Lande wie zu Wasser, die Essenzen des Surf Sounds." Doch "bei all dem Surf & Fun komponiert Brian Wilson schon bald Lieder, die auch eine gewisse Wehmut in sich tragen. ... Es gehört zur Ironie des kalifornischen Albtraums, dass einige der steinerweichendsten Songs der Beach Boys als Zeugnisse einer schweren psychischen und physischen Krise verstanden werden müssen."
"Glücklich war Brian", schreibt Michael Pilz in der Welt, "wenn er allein in seiner Kammer am Klavier saß, bei geschlossenen Jalousien. Ihn ängstigten die Sonne und das Meer, die Wellen und die Menschen. Er schrieb Songs wie 'Surfin'', 'Surfin' U.S.A.' und 'Surfer Girl', stand aber nur ein Mal, in einer Samstagabendfernsehshow, auf einem auf der Bühne liegenden Surfbrett und ruderte mit den Armen in der Luft. Auf Bandfotos trägt er das Brett unter dem Arm wie eine Notenmappe. Licht- und wasserscheu erfand er seinen inneren Strand in der Musik, das Paradies im Pop. InMono." Bereits 1963 entstand "In My Room", der Song, in dem Wilson seine paradoxe Lage erstmals auszudrücken versuchte:
"Die Beach Boys konnten Brian Wilsons klangliche Entwürfe bald nicht mehr allein realisieren", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "Das beweist insbesondere das Album 'Pet Sounds', das 1966 erschien. Brian Wilson hatte hier alle Möglichkeiten moderner Studiotechnik ausgenutzt und den Band-Sound radikal erweitert. ... Damit färbte und schichtete er den schillernden Sound ähnlich wie zuvor die einzelnen Gesangsstimmen. ... Es gab nun keinen anderen Pop-Musiker, der Song, Sound, Arrangement und Produktion künstlerisch so frei und souverän bestimmte wie Brian Wilson. Im Vergleich zu den konkurrenzierenden Beatles fungierte er bei den Beach Boys sozusagen als John Lennon, Paul McCartney und George Martin in einer Person." Weitere Nachrufe schreiben Jan Wiele (FAZ), Gerrit Bartels (Tsp) und Thomas Kramar (Presse),
Weiteres: Jolinde Hüchtker freut sich in der Zeit, dass die aufstrebende Rapperin Doechii bei der Verleihung der BET Awards gewagt hat, was in der US-Musikszene derzeit irritierenderweise kaum einer wagt: Trumpöffentlichzukritisieren. Juan Martin Koch (NMZ) und Fridtjof Küchemann (FAZ) resümieren die Regensburger Tage Alter Musik. Maja Görtz denkt in der taz darüber nach, wie jungeRapperinnen das Schimpfwort "Fotze" feministisch umdeuten. Besprochen wird Little Simz' Album "Lotus" (FAZ.net).
Die Musikkritiker trauern um den begnadeten Funkmusiker SlyStone. "Er war ein Innovator, er war ein musikalischer Revolutionär, er war ein Prophet", seufzt Ueli Bernays in der NZZ. Und "obwohl er Ende der 1960er Jahre mit elektrisierenden Grooves und einer humanistischen Message in die amerikanische Öffentlichkeit drang, war Sly Stone frei von Strenge oder Fanatismus. Seine spielerischeOffenheit verdankte der gewitzte Künstler, der sich in glitzernde Klamotten kleidete und breitkrempige Hüte über dem gepflegten Afro trug, wahrscheinlich seiner stupenden Musikalität. So vielseitig talentiert er war, wollte er sich weniger auf ein fixes Profil ausrichten, lieber überraschte er durch Stilbrüche und gewagte Mixturen. Dabei glänzte er selber auch als glamouröserSänger, der fehlendes vokales Volumen durch ein schmeichlerisches Timbre und elegante Phrasierung kompensierte."
Er "nahm sie alle voraus", meint Andrian Kreye in der SZ: "Prince, Michael Jackson und Stevie Wonder, Funkrock, Hip-Hop, und er sollte selbst seine Vorväter wie Miles Davis und Herbie Hancock zur Kehrtwende vom Hardbop zumJazzrock inspirieren." Der große Durchbruch gelang ihm 1968 mit einem schier atemberaubenden Auftritt in der ansonsten eher biederen "Ed Sullivan Show": "Nach dem furiosen Medley der ersten beiden Hits startete seine Band mit 'I Want to Take you Higher' durch wie ein Kampfpilot, der vom viel zu kurzen Flugzeugträger abheben muss. In einem Affenzahn walzen sie da durch die Genres. Die Gitarre schrubbt durch die Harmonien wie ein Mähdrescher, der Bass pumpt aus der Tiefe, der Schlagzeuger drischt auf sein Set, als gelte es, die Trommeln zu zerlegen, Trompete und Saxofon setzen die strahlenden Akzente."
Julian Weber fokussiert in seinem taz-Nachruf auf den politischen Sly Stone des Albums "Stand", erschienen 1969. "Musik und Texte bringen die Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung auf soziale Teilhabe und das gestiegene Selbstbewusstsein der Schwarzen Musikkultur mit dem Optimismus der Hippie-Ära zu etwas völlig selbstverständlichem Neuem zusammen: Funk. Groove und spirituelle Bestimmung waren abgeleitet von Soul und Gospel; Psychedelik und Experimentierfreude kamen vom Rock." Stone verkörperte "wie kein Zweiter den Spirit einer Ära, die Aufbruchstimmung der 1960er Jahre, den Willen, Dinge zu ändern". Weitere Nachrufe schreiben Nadine Lange (Tsp), Harry Nutt (FR), Jan Wiele (FAZ) und Samir H. Köck (Presse).
Weiteres: Zum Auftakt von BruceSpringsteensDeutschlandtourführt Erhard Grundl in der taz durch Leben und Werk des US-Rockstars. Reinhard J. Brembeck resümiert in der SZ die Regensburger Tage Alter Musik. Christian Wildhagen schreibt in der NZZ zum Tod des Musikkritikers PeterHagmann. Besprochen wird Güner Küniers neues Album "Yaramaz" (JungleWorld).
Weltweit gibt es ein "Riesenbedürfnis nach Bach", sagtHans-Christoph Rademann, Leiter der Bach-Akademie Stuttgart, dessen Projekt "Vision Bach: Mit Bach das Leben begreifen" mit Bach-Kantaten aus dessen Leipziger Amtsjahr als Thomaskantor 1723/24 nun auf CD erscheint, im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann. Dabei gehe es nicht um den christlichen Glaubenshorizont von Bachs Musik, so Rademann: "Es wird in den Kantatentexten viel verhandelt, sogar, dass man seine Steuern zahlen müsse, der Umgang mit dem Geld wie mit dem Nächsten. Jedes Mittel, das den Menschen darauf hinweist, dass er Nächstenliebe üben müsse, ist doch zu begrüßen. Das ist kein alleiniges Thema des Christentums oder der Kirche, sondern ein gesamtgesellschaftliches. (…) Es wird auf unterschiedlichsten Wegen nach Sinn gesucht. Es gibt, auch in anderer Literatur oder in Musik, die Gott nicht direkt anspricht, das Thema der "überirdischen Empfindung". Das muss etwas mit der Seele zu tun haben."
Besprochen wird Valentin Garvies Kompositionszyklus "Onda errante", gespielt vom Ensemble Modern (FR), das Debütalbum "Addison" des amerikanischen Pop-It-Girls Addison Rae (SZ) und das Album "Spanish Leather" von Álvaro Lafuente Calvo, der als "guitarricadelafuente" auftritt (FAZ).
Michael Barenboim, Sohn von Daniel Barenboim und bis 2024 Dekan der vom Bund mitfinanzierten Barenboim-Said-Akademie, wo er weiterhin eine Professur für Violine und Kammermusik innehat, hatte im gestrigen, von uns übersehenen VAN-Interview Israel nicht nur "Völkermord" vorgeworfen, sondern auch internationale Sanktionen und einen Boykott Israels gefordert. Kritik an der israelischen Kriegs-Politik findet Alex Brüggemann bei backstageclassical zwar notwendig, aber die Einseitigkeit des Barenboim-Sohnes, der kein Wort über den 7. Oktober verlor, ärgert ihn nicht nur, sondern er gefährde auch das Erbe seines Vaters: "Wäre es nicht gerade Aufgabe von Kulturschaffenden in einer sich radikalisierenden Welt, die Verletzung menschlicher Würde auf allen Seiten gleichermaßen zu thematisieren? Was ist so schwer an der Bestandsaufnahme, dass sowohl Israel der Bevölkerung in Gaza unmenschliche Gewalt antut als auch es die Hamas in ihren Attacken auf Israels Zivilgesellschaft und an ihren eigenen Leuten? Gibt es so etwas wie ein 'böseres Böse'? (...) Wer im Gleichschritt mit Gruppen kämpft, die Israel das Existenzrecht absprechen oder mit BDS-Maßnahmen belegt, trägt nicht zu Frieden und Verständigung bei, sondern vertieft die Gräben."
Zum 150. Todestag von Georges Bizet erinnert Michael Stallknecht in der NZZ daran, dass Bizet keineswegs ein reiner Opernkomponist war, wie jetzt auch einer vom Palazetto Bru Zane herausgegebenen Edition zu hören ist: "Klaviermusik ist da zu hören, darunter die abgründigen 'Variations chromatiques', ebenso Klavierlieder, in Frankreich einfach 'Mélodies' genannt. Bizet war ein exzellenter Pianist, der ebenso gut eine Karriere als Solist hätte machen können, aber sich aktiv dagegen entschied. Einiges in der Box des Palazzetto sind Weltersteinspielungen, vor allem die Übungsarbeiten, die Bizet als Student in Angriff nahm, um irgendwann den Prix de Rome zu gewinnen: Chöre mit Orchesterbegleitung, die Kantate 'Le Retour de Virginie'". Hier sind Bizets Variations chromatiques zu hören:
Weitere Artikel: Für die SZ trifft sich Torsten Gross mit Jarvis Cocker, der nach 24 Jahren das erste neue Pulp-Album vorlegt. In der tazplädiert die Singer-Songwriterin Ebba Durstewitz für eine Unkenntnis beim Thema Songwriting und das Recht auf Pathos im Pop. In der FAS denkt Elisabeth Fleschutz angesichts des Erfolgs von Deutsch-Rapperinnen wie Shirin David und Ikkimel über die Frage nach, ob diese Musik dem Feminismus schadet, oder seine "coolste, neueste Variante" ist.
Besprochen wird ein Beyoncé-Konzert in London (SZ) und das neue Klavieralbum "Ostranenie" von Grischa Lichtenberger, das für Max Dax in der FR zum "Radikalsten und Überraschendsten" gehört, "was seit vielen Jahren im Grenzbereich zwischen klassischer und elektroakustischer Musik an Pianomusik veröffentlicht wurde". Und das klingt dann so:
So viel ist für Joachim Hentschel in der SZ bereits sicher: Bei den Festivals wird von "Rock am Ring" bis zur "Fusion" wird es diesen Sommer jede Menge "Viva Palestina" und ähnliche Gesänge geben, kaum jemand wird aber offen die Hamas verurteilen oder "an die Juden erinnern, auf die gerade auf den Straßen von Washington und Boulder Mordanschläge verübt wurden". Wie gehen die Veranstalter aber mit Boykott-Aufrufen und Cancel-Vorwürfen um, wollte Hentschel wissen und fand von fünfzehn nur drei Festivalagenturen, die zum Gespräch bereit waren: "Fast keiner will derzeit das Risiko eingehen, ohne Not einen Shitstorm zu entfachen, der im blödesten Fall dem Ticketumsatz schadet. Anti-Eskalationspläne haben aber mit Sicherheit auch die, die nicht über sie reden wollen. 'Bei uns treten über 350 Künstlerinnen, Künstler und DJs auf', sagt Oliver Vordemvenne, Geschäftsführer der Eventagentur I-Motion, die das Tanzmusikfestival Nature One veranstaltet. 'Um hier das Risiko auf Null zu reduzieren, müssten wir alle vorab einem Gesinnungstest unterziehen und auf sämtlichen Social-Media-Kanälen rund um die Uhr checken, wie sie sich zu politischen Themen äußern.'"
Im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann setzt Tobias Rempe, neuer Intendant des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt, alle Hoffnung auf Berlins neue Kultursenatorin SarahWedl-Wilson - und er erzählt, wie er das Kernrepertoire des klassischen Konzerts erweitern will: "Mit 'Berlin Tracks' legen wir eine neue Reihe im Konzerthaus auf, die sich an Berliner Künstlerinnen und Künstlern orientiert, die an der Peripherie der Kunstmusik unterwegs sind und sich dort ein eigenes Publikum herangezogen haben. Da ist Derya Yıldırım dabei, die in einer Begegnung der Zupfinstrumente Bağlama und Mandoline auf Avi Avital trifft."
Besprochen wird "Lotus", das neue Album der britischen Rapperin Little Simz (taz, mehr hier), die Ausstellung "Kompakt 500" zur 500. Platte des Lölner Techno-Labels im Kölnischen Kunstverein (ZeitOnline), "Black Samson, the Bastard Swordsman", das neue Album von Wu-Tang Clan (NZZ) und ein Konzert mit Mozarts drei letzten Sinfonien unter dem Dirigat von Paavo Järvi in der Zürcher Tonhalle (NZZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Es ist nicht mal nur die Tatsache, dass Spotify zwar Millarden-Umsätze einfährt, während der überwältigende Teil der Musiker von dem Geldsegen so gut wie nichts abbekommt - was Liz Pelly in ihrem Buch "Mood Machine" offenlegt - die den Hamburger Musikproduzenten Johann Scheerer in der Zeit wütend macht. Auch "das Überangebot an Musik auf Plattformen wie Spotify, entstanden durch den Wegfall von Gatekeepern wie Plattenfirmen oder Musikjournalistinnen, hat einen massiven Wertverlust verursacht", meint er und denkt über die Zukunft der Musikindustrie in "genossenschaftlich organisierten Plattform" nach, die "beliebig erweiterbar - physische Produkte, digitale Downloads, Konzertkarten und vieles mehr anbietet. Hundert Prozent der Einnahmen fließen direkt an die Musikerinnen und Musiker, während die Plattform durch freiwillige Spenden finanziert wird."
Eines teilt SZ-Kritiker Jakob Biazza mit Obama, Jay-Z und Kendrick Lamar: Sie sind große Fans der britischen Rapperin Little Simz. Kaum zu glauben, dass die in den letzten Jahren von Ängsten und Blockaden geplagt war, entstanden ist daraus aber das herausragende Album "Lotus", das Biazza nicht nur zeigt, was aus Ängsten entstehen, sondern auch wie frei Pop heute noch sein kann. Etwa die Songs "Lonely" und vor allem "Blue": "Gütige, vergebende Klavierakkorde, eine sanft eingesprenkelte Nylonsaiten-Gitarre, im Hintergrund huschen ein paar Geister herum und der gar nicht genug anzuhimmelnde Sänger Sampha, der die ganze Schönheit und Trauer der Welt in der Stimme hat, singt den Refrain. Und darüber wieder diese federleichten Texte, mehr rezitiert als gerappt diesmal, die fragen, wie man das aushalten soll, wenn die ganze Welt sich plötzlich abwendet und die Geliebten einen verraten." Im Tagesspiegel ist auch Nadine Lange ganz hingerissen. Das lassen wir uns nicht entgehen:
Weitere Artikel: Ebenfalls für die Zeit trifft sich Stella Schalamon mit Billie Eilishs Bruder Finneas, der nicht nur die Songs der Schwester schreibt und produziert, sondern mit seinem zweiten Album "For Cryin' Out Loud!" auch gerade selbst tourt. Für Zeit Online spricht Juliane Liebert indes mit der Britpop-Band Pulp. Besprochen werden außerdem ein Berliner Konzert der Sängerin FKA twigs (Zeit), ein Berliner Konzert der Rockband Blue Öyster Cult (Welt), das von Jonathan Meese, seiner Mutter und DJ Hell aufgenommene Album "Gesamtklärwerk Deutschland" (FR) und ein Liederabend in Frankfurt, bei dem Marina Rebeka Lieder von Tschaikowsky, Rachmaninow oder Cesar Cui sang (FR).
Den BadenweilerMusiktage ist unter ihrem neuen Intendanten, dem Pianisten MoritzErnst, eine "gelungene Transformation" geglückt, freut sich Max Nyffeler in der FAZ, und dies auch weil "der neue Leiter nicht dem Trugschluss aufsitzt, die Daseinsberechtigung mit zeitgeistigemFirlefanz, Cross-over und dem Auftritt von künstlerischen Selbstdarstellern beweisen zu wollen, sondern das hohe musikalische Niveau auf neuer Basis fortsetzen will". Bernhard Uske resümiert in der FR das Orchesterfest der Alten Oper in Frankfurt. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Jazzmusiker AnthonyBraxton zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Konzert des Tenors JulianPrégardien in Wien (Standard) und das Album "2025 - hay không hay lắm" des vietnamesischen Musikers Dzung (taz).
Jan Brachmann spricht für die FAZ mit FlorianAmort, dem neuen Leiter der Händel-Festspielein Halle, über das Festspielprogramm 2025. Auf dem Programm steht auch ReinhardKeisers Oper "Octavia". Bei Keiser ging der junge Händel einst in die Lehre und tatsächlich ähnelt dessen "Agrippina" Keisers Werk doch überaus auffällig. Ein Fall von geistigem Diebstahl also? Amort differenziert: "Heute sprechen wir schnell von Plagiat - ein Urteil im Kontext des modernen Urheberrechts. Die damalige Kompositionspraxis war eine andere, man könnte stattdessen wertungsfrei von Intertextualität sprechen: Händel hat bei seinem Mentor und Konkurrenten Keiser nicht einfach abgeschrieben, sondern Passagen übernommen, bearbeitet und neu kontextualisiert. Es ging nicht immer nur um Originalität im heutigen Sinn, sondern um Wirkung, AufführungspraxisundKunstfertigkeit. Händel hat sich die Musik angeeignet - als kreative Strategie, aber auch als Zeichen von Selbstbehauptung, das Vorbild zu übertreffen."
Mit regem Interesse hört sich Luca Glenzer (Jungle World) durch die Compilation "Free/Future/Music" aus dem Hause AltinVillage & Mine. Die Ursprünge des in Leipzig ansässigen Labels liegen in der Hardcore-Punk-Szene der Neunziger, seitdem hat es aber "einige musikalischeMetamorphosen erlebt" und sich "zu einem Hort für Minimal Music, Jazz, Dub, HipHop, Ambient und Krautrock entwickelt". Geblieben ist die unabhängige Haltung. "Soundästhetische Einigkeit sucht man deshalb eher vergeblich. Das ist nicht nur verschmerzbar, sondern geradezu zu begrüßen, zeigt sich doch gerade darin ein Zugang zu Musik, der von Offenheit und Neugier geprägt ist." Was auch Patrick Hohlweck in seinem der aktuellen Compilation beiliegenden Kurzessay unterstreicht: "Darin geht es um das Verhältnis der drei Dimensionen Freiheit, ZukunftundMusik. Demnach verfolgt das Label den Anspruch, 'ein Forum für freie Musik und Zukunftsmusik' zu sein - was nicht nur impliziere, jenseits von Nostalgie und Trendbezogenheit zu operieren, sondern auch, Musik als 'Vehikel für flüchtige Blicke in eine Zukunft zu verstehen'."
Weitere Artikel: Die MünchnerJazzszene - vor Jahrzehnten noch tonangebend, seitdem eher in alle Winde verstreut - stellt sich neu auf, beobachtet ein darüber hocherfreuter Andrian Kreye in der SZ: Als Hotspots notieren wir uns die Jazzbar Vogler sowie die Jazzveranstaltungen im Bergson, Boxwerk und im Live Evil. "Punk lebt von Provokation", schreibt Nicholas Potter in der taz und porträtiert RoyElani, den Sänger der (allerdings im sehr überschaubaren Rahmen von Kellerkonzerten tätigen) israelischen Punkband TheHolocausts, die in Israel angefeindet wird, bei Konzerten in Deutschland sich für ihren Namen rechtfertigen muss und in der BDS-geprägten britischen Punkszene - trotz demonstrativer Pali-Solidarität - nicht willkommen ist, weil sie aus Israel kommt.
Besprochen werden das neue Pulp-Album "More" (Standard), MileyCyrus' neues Album "Something Beautiful" (Presse, NZZ, unser Resümee), die Memoiren von Beyoncés Mutter TinaKnowles (NZZ), das Frankfurter Konzert von Stereolab (FR), das neue Album "Strawberries" des australischen Songwriters RobertForster (Standard), der Abschluss von IgorLevits Luzerner Pianoreihe (NZZ), RashadBeckers Album "The Incident" (FR), das neue Blond-Album "Ich träum doch nur von Liebe" (taz), ein Konzert der Jazzmusiker JulianundRomanWasserfuhr in Frankfurt (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Foxwarren (Standard).
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