Einmal frostiger Abgrund mit alles, bitte! tazler Robert Mießner versenkt sich tief in AleksandraSłyż' gemeinsam mit AlexFreiheit umgesetztes Album "Ghsting". Zu erleben "ist ein avanciertes Hörstück, eine dramatische Text-Ton-Collage mit bestürzenden und verstörenden Klangbildern: vier Kapitel nebulöser Ereignisse in einem namenlosen Hotel in einer namenlosen Stadt. Die Auflösung schafft Klarheit, aber hilft nicht gegen das Unbehagen. Alex Freiheit beschwört, verflucht und spottet. Sie performt den Text im polnischen Original. ... Słyż greift tief in die Trickkiste von Horrorfilm-Soundtracks: Synthesizer vermessen Hallräume und erzeugen Kellerambient, es grummelt und fiept, und tatsächlich meint man den eisigen Wind hinter dünnen Fenstern zu hören. ... Einiges in dem Text deutet darauf hin, dass er tatsächlich in Osteuropa angesiedelt ist, aber es handelt sich um ein ziemlich gewieftes Spiel mit dem Osten als Projektionsfläche, als Versuchung, auch erotischer Natur: Dracula spielt mit hinein, Leopold von Sacher-Masoch, Carl Felix von Schlichtegroll, 'Die Hexe von Klewan', Texte, in denen, wie das unwirtliche Hotel von 'Ghsting', entrückte Orte und Räume, ein Schloss oder eine Burg, die Handlung mitbegründen."
Weiteres: Für die FAZ porträtiert Robin Passon den Geiger JohannesPramsohler. Besprochen werden der Auftakt des LucerneFestivals (NZZ), ein Konzert des West-EasternDivanOrchestras unter DanielBarenboim mit LangLang in Salzburg (Standard), RolandKaisers Konzert in Berlin (BLZ), ein neues Album von Erkki-SvenTüür (FR), ein Konzert des Sängers und Pianisten DanielHeide in Salzburg (Standard), LukasSternaths Auftritt beim Rheingau Musikfestival (FR), ein Konzert des OrchestreduChambredeLausanne unter RenaudCapuçon in Wiesbaden (FR), Natalie Bergmans Album "My Home Is Not in this World" (Standard) und AnatForts Album "The Dreamworld of Paul Motian" (Tsp).
Die Welt der physischenTonträger differenziert sich aus: Aktuell macht insbesondere in der Welt des K-Pop und generell im asiatischen Raum das KiT-Format von sich reden, das analoge Physis und digitale Welten miteinander verbindet. Jochen Overbeck weiß in der Welt Genaueres: "Es ist ein hybrides Plastikding" und "digitales Identifikationstool. ... Verbunden wird es mit dem Smartphone. Man drückt dazu das Album ans Handy", dann "öffnet sich die App und schaltet anschließend die Musik und, je nach Release, verschiedene Videos, Fotoinhalte und auch Community-Funktionen frei. So kann man nicht nur mit anderen Anhängern einer Band in Kontakt treten, sondern wird zudem mit digitalen Fleißplaketten belohnt, wenn man einen Song mehrfach anhört." Außerdem gibts noch analoge Beigaben, die das Retrogefühl stärken. "Ziemlich wahrscheinlich, dass wir in den nächsten Monaten Veröffentlichungen aus dem Hip-Hop und Mainstream-Pop sehen werden. Denn wer einmal beim Record Store Day in der Schlange eines teilnehmenden Plattenladens stand, weiß: Die Musikindustrie gibt ihr Bestes, um auch die Jugend wieder zu treuenTonträgerkäufern zu erziehen."
Weiteres: Nö, schreibt Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne an die Adresse des Welt-Autors Jens Ulrich Eckhard (unser Resümee): Was dieser an aktuellen Nostalgiephänomen aufzählt, habe mit der "Retromania", wie sie SimonReynolds vor fast 15 Jahren diagnostizierte, im engeren Sinne nichts zu tun. Im Freitagschlägt Konstantin Nowotny vor, Musik künftig wieder physisch oder wenigstens digital zu kaufen statt Streamingdienste zu abonnieren, die die Künstler erst nicht bezahlen und dann, wie DanielEk von Spotify dies eben getan hat, die so erwirtschafteten Erträge in KI-Waffensysteme zu investieren. Wolfgang Schreiber resümiert in der SZ das Berliner Festival "YoungEuroClassic".
Besprochen werden ein Bruckner- und Schubert-Abend der WienerPhilharmoniker unter RiccardoMuti bei den SalzburgerFestspielen (Standard), der Auftakt des Grafenegg-Festivals (Standard), das Buch "Soundtracks" des Musikarchäologen GraemeLawson (FR), AndreasSchaerers Auftritt in der Frankfurter Reihe "Jazz im Palmengarten" (FR), S.G. Goodmans Album "Planting By the Signs" (FR) und das Memoir "Dass es uns überhaupt gegeben hat" des österreichischen Rockmusikers MarcoWanda (SZ, FAS).
Benjamin Moldenhauer führt in der taz schwer beeindruckt durch die besten Metal-VeröffentlichungenausdemglobalenSüden. Die Zeiten, als man im globalen Norden auf popkulturelle Erzeugnisse aus dem Süden noch mit zwar wohlwollender Arroganz blickte, sind endgültig vorbei, freut er sich. Gerade nach Indonesien lohnt der Blick: "Metal war schon zu Zeiten der indonesischen Militärdiktatur zentraler Bestandteil der Jugend- und Subkultur des Inselreichs und kulturell so bedeutsam wie in wahrscheinlich keinem anderen als Schwellenland geltenden Staat. Metalbands galten der Kulturpolitik unter Suharto als 'Setan Barat', westliche Teufel, Alben wurden vielfach zensiert oder in vorauseilendem Gehorsam gar nicht erst veröffentlicht. ... Trotz aller Unterschiede in den politischen Systemen zeigen sich ähnliche Dynamiken auch in Westafrika - etwa bei Arka'nAsrafokor", dessen vielgestaltige Songs"sich - analog zu den politischen Protesten auf der Straße seit 2024 - als energetischer Angriff auf eine einbetonierte politische Landschaft lesen" lassen.
Insbesondere dieses Stück der indonesischen Band Incinerated legt uns Moldenhauer ans Herz:
Weitere Artikel: Christoph Forsthoff singt in der NZZ ein Loblied auf das Schweizer FestivalKlostersMusic. Stefan Weiss blickt gemeinsam mit dem Rockmusiker MarcoWanda im Standard-Gespräch auf die Geschichte dessen Band Wanda zurück. Kevin Weber erinnert in der NZZ an den Aufstieg der Teenieband TokioHotel vor zwanzig Jahren. Ronald Pohl erinnert derweil im Standard an BruceSpringsteens vor 50 Jahren erschienenes Album "Born to Run".
Besprochen werden NatalieBergmans Album "My Home Is Not In This World" (FR), ein Konzert des Bundesjugendorchesters beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Konzert von Jethro Tull in Bad Nauheim (FAZ) und das neue Album von Twins ("Die Unperfektheit des Handgemachten lungert in jeder Note", schreibt Hilka Dirks in der taz).
"Dieser Zauberklang": SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck hat viel Freude an dem 300 Jahre alten ClavichordnamensUrsula, das ihm AlexanderGergelyfi in Salzburg präsentiert. Ausweislich einer Notiz seiner Witwe komponierte Mozart auf genau diesem Instrument einst "Die Zauberflöte": "Kaum jemand wird sich dieser übermächtigenAura, der Genius scheint dann unter den Hörern zu weilen, verschließen können. Erst recht nicht, wenn Gergelyfi die 'Zauberflöten'-Ouvertüre darauf intoniert. Oder wenn man gar selber ungelenk ein paar Töne darauf anschlagen darf. Beim Mozart-Abend der 'Nachtmusiken' (unser erstes Resümee) stehen denn auch die drei Herren Nigl, Gergelyfi und der Schauspieler August Diehl ergriffen wie bei einer Leichenfeier um den unspektakulären und durchaus einem Sarg ähnelnden Kasten herum. Dann erst sperrt Gergelyfi den Deckel auf und entlässt den 'Zauberflöten'-Beginn in Richtung des atemlos lauschenden Auditoriums, das sich sehr schnell an das Leise, Intime und Elysische dieses Instruments gewöhnt. So nah kann man Mozart sonst nie kommen." Benjamin Moldenhauer versteht in der taz den hiesigen Musikjournalismus nicht mehr: In Großbritannien hat die US-Künstlerin SofiaIsella letztes Jahr schon Stadionkonzerte für Taylor Swift eröffnet. Insbesondere über die geschickte Social-Media-Präsenz der Singer-Songwriterin hat sich um Isella eine regelrecht kultische, vor allem weiblicheFanbase gebildet. Aber hierzulande scheint sie gerade auch bei den Auskennern komplett unter dem Radar zu laufen. Nun hat sie in Berlin gespielt: "Das Publikum ist zu über 90 Prozent weiblich, und die üblichen Konzertquälereien bleiben entsprechend aus. Es wird nicht gerempelt und dominant gelärmt. ... Isella spielt alleine Gitarre, Violine und Klavier; der Rest kommt vom Band. In ihrer Musik verbinden sich Gothic-Pop, der Industrial Rock der neunziger Jahre und Neoklassik zu etwas Düsterem, das aber aufputscht - vielleicht, weil alle Intensitätserzeugung hier immer als allseitiges Empowerment verstanden werden will. In einigen Songs von Isella stecken mehr Ideen und Wendungen, als andere Künstler*innen auf einem ganzen Album zustande kriegen." Diese Musik "ist auf eine schwer fassbare Weise nicht nur ausgeprägt formbewusst, sondern wirklichformvollendet".
Außerdem: Luzi Bernet schreibt in der NZZ über den Cantatore FrancescoDeGregori, der mit seinem beliebten, vor 50 Jahren veröffentlichten Album "Rimmel" wieder auf Tour geht. Besprochen werden ein Konzert von Bonaparte in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Wailsers in Hanau (FR).
Manuel Brug berichtet in der Welt über die "Kleinen Nachtmusiken", eine sich zusehends als feine Tradition entwickelnde Veranstaltung der Salzburger Festspiele. "Im weißen Europa-Saal der Edmundsburg, draußen dunkelt es, klingt die 'Zauberflöten'-Ouvertüre zart und zirpend verwispert. GeorgNigl singt und säuselt dazu sitzend Papagenos 'Mädchen oder Weibchen' mit der leicht beschwipsten Heurigen-Seligkeit eines Wienerlieds. Mozart wird hier trotz der leise-silbrigen Nuancen jede feinbalancierte Klassik ausgetrieben. Er gebärdet sich greinend noch einmal todeswund als junger Wilder. Doch beide Musiker können es auch mit sehr viel mehr Zurückhaltung, vor allem horcht Nigl in eben nicht nur flüssig-galant servierten Liedern mit oft nur halber Stimme jeder Textnuance nach. AlexanderGergelyfi findet in Rondos, Trauermusiken, Fantasiefragmenten Mozart als Modernen."
Weiteres: Jakob Biazza denkt in der SZ über die Marketingstrategie von Taylor Swift nach, die gerade auf kryptischen Umwegen ein neues Album angekündigt hat. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Jazzsängerin SheilaJordan. Besprochen werden Drakes Konzert in Zürich (NZZ), GraemeLawsons musikarchäologisches Buch "Soundtracks" (FR), RenéeRapps Popalbum "Bite Me" (Standard) und diverse neue Musikveröffentlichungen, darunter "Love" von Das B, eine Interpretation von John Coltranes Jazzklassiker "A Love Supreme" (online nachgereicht von der FAZ).
Robert Mießner führt in der taz anhand der Compilation "Rövolution" durch die überaus lebendige Indieszene in Chemnitz. In der tazgratuliert Benjamin Moldenhauer dem Berliner IndielabelNoisolution zum 30-jährigen Bestehen. Besprochen werden der Berliner Abend "TSA: in transmission" mit experimenteller Musik aus Georgien (taz), ein Schostakowitsch-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard), ein Konzert von Drake in Zürich (TA), Robbie Williams' Auftritt in Frankfurt (FR), MarkErnestus' Album "Khadim" (FR) und eine öffentliche Generalprobe des Mozarteumorchesters unter RobertoGonzález-Monjas (FAZ).
Auch ein verregneter Sommer kann einen Sommerhit hervorbringen, schreibt Joachim Hentschel in der SZ. 1980 gelang das etwa der Goombay Dance Band mit "Sun of Jamaica" (gottlob längst vergessen), aber auch Lipps Inc mit "Funkytown" (bis heute ein Abräumer). Die Voraussetzungen dafür sind natürlich trotzdem eingeschränkt, denn Sommerhits machen "ja besonders ihre völlig ungefragte Präsenz aus. Diese bestimmte, nicht verhinderbare Art von Play-ohne-Demand, wie man sie fast nur im Sommer erlebt, wenn öffentliche Orte, Flussufer oder Plastikstuhl-Sitzgruppen zu ständigen Schauplätzen werden." Und in diesem Jahr? Vielleicht schafft es ja auf den letzten Metern doch noch dieser Youtube-Zufallsfund der früheren Viva-Moderatorin Luca Vasta, der "auf magische Art alles einlöst, für einen Moment. 'Disco Mare', Ende Juli hochgeladen, hört sich an wie der letzte Blick in die tiefstehende Feriensonne. Ein wunderbarer kleiner Ohrwurm mit klarer, nicht zu aufdringlicher Spätachtziger-Farbe, zum Tanzen, aber auch ein Stich ins Herz."
Für Nick-Drake-Philologen ist die umfangreiche Box "The Making Of 'Five Leaves Left'" schlicht eine "Sensation", versichert Jürgen Goldstein in der FAZ. Zu hören sind zahlreiche Probeaufnahmen und abweichende Einspielungen aus den Sessions zu Drakes Debütalbum von 1969. "Für Puristen, die das Debüt für überproduziert halten, werden diese Einspielungen die gültigen Fassungen darstellen. Der Klang ist superb, die Songs sind bemerkenswert. ... Drake eilt der Ruf voraus, ein einsamer Schweiger gewesen zu sein, ein schüchterner Melancholiker. Nun aber hört man einen entspannten Drake kommentieren, mal humorvoll, immer zupackend. Als Musiker wusste er, was er wollte. Die ersten Einspielungen lassen auch das Potential erkennen, das Boyd entfalten sollte. Was bei den Proben nach Rohdiamanten klingt, hat auf dem Album seinen letzten Schliff erhalten. ... Das Herantasten an die finalen Fassungen wird nacherlebbar."
Weitere Artikel: Max Nyffeler spricht für die FAZ mit Michael Haefliger, der nach 26 Jahren seinen letzten Jahrgang als Leiter des LucerneFestivals bestreitet. Adrian Schräder stellt in der NZZ den Schweizer Rapper OGFlorin und dessen Produzenten Melodiesinfonie vor.
Besprochen werden Konzerte von RomanBorisov und dem TenebraeChoir beim Rheingau Musik Festival (hier und dort in der FR), FrançoisLazarevitchs Album "Voix humaines" mit Kompositionen von MarinMarais (FAZ) und das Album "Puff of Smoke" von den WoodBrothers ("Selten hat man einen Kontrabass auf einer Studioaufnahme derart scheppern und schnarren, dabei aber schlafwandlerisch sicher grooven gehört wie jenen von ChrisWood", freut sich Jan Wiele in der FAZ).
Schostakowitsch-Festspiele in den Feuilletons zum heutigen 50. Todestag des russischen Komponisten. Insbesondere sein Verhältnis zur sowjetischenFührung steht anhaltend im Mittelpunkt des Interesses: Mit Stalin habe er viele Jahre "ein lebensgefährliches Katz-und-Maus-Spiel" getrieben, erinnert Jakob Knaus in der NZZ - und immer wieder werden in seiner Musik gut versteckte "subversive Botschaften" aufgedeckt. Angesichts des politischen Klimas in Russland heute aber stellt sich die Frage, ob "die Diskussion um den geheimen Hintersinn vieler Werke Schostakowitschs schon wieder systemfeindlich" ist. "Die Kulturbürokratie ist sich offenbar noch uneins, wie man mit dem nicht mehr zu leugnenden subversiven Gehalt von Schostakowitschs Musik umgehen soll." Kerstin Holm (FAZ) ist da schon besser informiert: In einem neuen Buch hat der äußerst linientreue Historiker LeonidMaximenkow unlängst den Versuch unternommen, den Komponisten wieder eindeutig auf sowjetischen Hurra-Patriotismus festzulegen. Der Autor "exerziert die feindliche Übernahme der Hochkultur durch den Staat vor, der auf deren Prestigewert Anspruch erhebt, während er auf deren menschlich-künstlerische Substanz pfeift."
Jan Brachmann (FAZ) stellt sich viele Fragen: "Gelingt es Schostakowitsch nie mehr, aus dem SchattenStalins herauszutreten? Oder zynischer: Ist Stalin ein Werbe- und Gruselmaskottchen für eine Kunst, der man sonst nichts zutraut? Und Schostakowitsch ein zielgruppenoptimierterDissident für ein westliches Publikum, das Helden liebt, aber selbst nichts riskieren will? Wer sich heute ehrlich mit Schostakowitsch auseinandersetzt, muss sich fragen: War der Komponist wirklich der 'Dissident', als den ihn die westliche Rezeption seit vier Jahrzehnten zu zeichnen versucht?" Nun, "politisch hat Schostakowitsch laviert wie zweihundert Millionen andere Sowjetbürger auch, hat manchem aus der Patsche geholfen und viele peinliche Unterschriften geleistet. ... Er war - spätestens nach 1936 - kein Stalinist mehr, aber nie ein offener Dissident. Was er als Künstler eigentlich war, muss erst noch entdeckt werden."
Der russische Exil-SchriftstellerMichailSchischkin (NZZ) sieht Schostakowitsch im Lichte seiner letzten Sinfonie - es gibt bei ihm "keine nichtautobiografische Musik" - als innerlich schwer zerrissenen, an seinen Widersprüchen leidenden Künstler: "Er wusste genau, was um ihn herum vorging, und schrieb doch Musik, die der verlogenen Propaganda diente. Er hasste die Partei und war in sie eingetreten. Er verachtete die Lakaien der Sowjetmacht und hielt untertänige Reden. Als man ihn anwies, einen Stein auf einen Gerechten zu werfen, tat er es: Er unterschrieb zornige Erklärungen der 'sowjetischen Intelligenz' gegen das Akademiemitglied Andrei Sacharow. Er wusste, er wurde als menschliches Antlitz eines Sklavenimperiums benutzt. Aber er wusste auch: Seine Musik hilft den Sklaven, zu überleben. Nicht allen, aber doch einigen."
Hier eine Aufnahme der Fünfzehnten durch das hr-Sinfonieorchester unter AndrésOrozco-Estrada:
Für Manuel Brug (Welt) ist Schostakowitsch gerade wegen dieser Ambivalenzen "der Klangchronist des 20. Jahrhunderts." Marco Frei spricht in der NZZ mit seit den Neunzigern in Deutschland lebenden Komponisten SergeiNewski darüber, was Schostakowitsch heutigen Komponisten noch zu sagen hat. Und das ND bringt einen epischen, dreigeteilten Longread von Berthold Seliger: Hier der erste Teil, die beiden weiteren sind unter dem Text verlinkt.
Themenwechsel: Mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" liegt die US-Forscherin CarlaShapreau richtig, die zu dem Schluss gekommen ist, dass sich die seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollene Stradivari der Familie Mendelssohn seit 2005 im Besitz des japanischen Geigers EijinNimura befindet, schreibt Helmut Mauró in der SZ. "Das ist nicht nur überraschend. Wenn sich all das bewahrheitet, ist es schlichtweg eine Sensation. Das Verblüffende an Shapreaus Fund: Jeder konnte dieses Instrument sehen, es war nicht verschwunden. Es hieß offenbar nur anders." Auf ihrer Website gibt Shapreau einen detaillierten Einblick in ihre Aufdeckung.
Weiteres: Ronald Pohl arbeitet sich im Standard an den politischen Fehlgriffen von RogerWaters ab, der gerade ein neues Livealbum veröffentlicht hat. Ruth Lang Fuentes versucht in der taz herauszufinden, warum Italopop in all seinen Schattierungen und Qualitätsniveaus in Deutschland von einem Revival ins nächste stolpert. Besprochen werden HerbertBlomstedts Gesprächsband "Mission Musik" (Standard), ein Konzert von Leftfield in Zürich (NZZ), KaeTempests Album "Self Titled" (FR) und ein Konzert der Jazzmusikerin NoraKamm in Frankfurt (FR).
Jazzlegende EddiePalmieri ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war "eine Naturgewalt", schreibt Andrian Kreye in der SZ, "Kraftakte waren sein Markenzeichen" - wenn er am Flügel "mit festen Tastenhieben diese verzinkten Blockakkorde der Nuyorican Salsa aus dem Klangkörper schaufelte, konnte es einem schon mal in Beine und Unterleib schießen. ... 'Madman of Salsa' war der Spitzname, den sich Eddie Palmieri damals mit seinem frenetischen Spiel einhandelte. Da konnte es schon mal passieren, dass er die Tasten mit den Unterarmen traktierte und so die Cluster des Free Jazz mit der Präzision des Salsero in den Saal splittern ließ."
Von seinen Derwisch-Qualitäten an den Tasten kann man sich in dieser Live-Aufnahme überzeugen:
Auch Wolfgang Sandner erinnert sich in der FAZ an Klang gewordene Drastik: "Kopfgeburten waren diese Klänge nie, eher somatische Stimulanzien. ... Für Eddie Palmieri war das Klavier immer auch ein Schlagzeug. ... Selbst wenn er einmal auf vollgriffige Blockakkorde in beiden Händen verzichtete und Töne aneinanderreihte, kamen keine Perlenketten dabei heraus, eher Geräusche wie von Chain-Gangs auf der Flucht." Vor acht Jahren hatte er einen Auftritt in der schönen Tiny-Desk-Konzertreihe des NPR:
Angesichts der KI-Musik-Schwemme ist tazlerin Johanna Schmidt einigermaßen fassungslos, "wie unkritisch manch ein Musikjournalist mit der zusammengenerierten Musik umgeht, teilweise selbst immer wieder damit experimentiert und ganz begeistert ist. Wenn das der Weg der Wahl ist, dann wird man den Musikjournalismus bald auch in Anführungszeichen setzen können, denn wer könnte KI-Musik besser besprechen als eine KI? ... Zu Beginn des Jahres veröffentlichte Deezer, der einzige Streamingdienst, der KI-Songs explizit auch als diese ausweist, Zahlen dazu. 18 Prozent aller neu hochgeladenen Songs sind generiert. Das sind pro Tag mehr als 20.000. 20.000 Songs, die ohne Produktionskosten in die Welt geworfen werden und dem Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern gegenüberstehen, die selbst von ihrer Musik leben wollen, die Studios und Proberäume, Mixing und Mastering und vieles mehr bezahlen müssen."
Weitere Artikel: Christian Schachinger erklärt im Standard, wer die irische BDS-Band Kneecap ist, die auch schon mal eine Hamas-Flagge geschwenkt hat und auch ansonsten gerne daneben greift. Stefan Schickhaus spricht für die FR mit Lucas und Arthur Jussen. Matthieu Praun berichtet in der taz vom sorbischen FestvialMeta Solis in der Lausitz. "Subtil und präzise" nimmt der Deutschrapper Apache 207 in seinem neuen Video "Mann muss" toxische Männlichkeit aufs Korn, freut sich Majd El-Safadi in der FAZ.
Besprochen werden Steven Leckarts Eminem-Kinoporträt "Stans" (Welt), ein Konzert der SmashingPumpkins in Berlin (Tsp) und die nach Auffinden der Mastertapes endlich offizielle Erstveröffentlichung der experimentellen Filmmusik von Tobe Hoopers Horrorfilmklassiker "The Texas Chain Saw Massacre" (tazler Benjamin Moldenhauer hat an diesem "Frontalangriff auf den Hörapparat" sehr viel Freude).
Auch Handy-Terror und anhaltende Hustenanfälle im Publikum konnten für Jürgen Kesting den Brahms- und Schostakowitsch-Abend mit IgorLevit bei den SalzburgerFestspielen nicht eintrüben. Der Pianist spielte ein Programm von Jewgeni Kissin, der krankheitsbedingt ausfallen musste. Insbesondere die Interpretation der zweiten, während des Zweiten Weltkriegs entstandenen und die Finsternis dieser Zeit reflektierenden Klaviersonate von Schostakowitsch beeindruckte den FAZ-Kritiker: "Nach dem kontrapunktisch dichten Finalsatz war bei vielen Hörern das Gefühl staunender Irritation spürbar": "Es ist eine Komposition tastender und immer wieder neuer Anläufe. Zu Beginn des Larghetto führt eine scheinbar improvisierte Passage laufender Sechzehntel in ein melodisches Selbstzitat: die Umkehrung des Eröffnungsmotivs der ersten Symphonie. Ein in den ruhelosen Toccata-Satz eingeschobener, schnell-virtuoser Marsch hat einen sarkastischen Charakter - vielleicht den einer parodistischen Schlachtenmusik. Beklemmend der zweite Satz mit bruchstückhaften, quasialeatorisch auftauchenden melodischen Fragmenten. Dann ein dramatisch geballtes Variationsfinale: ganz und gar durchdrungen von der tiefen Trauer der russischen Musik und von einem Unterton der Gewalt - ein Weg ins Herz der Finsternis."
Weitere Artikel: Ueli Bernays berichtet in der NZZ von Streit in der Hiphop-Szene um Drake - zum Beispiel habe Kendrick Lamar dem in einem jüdischen Umfeld aufgewachsenen Kanadier in exemplarischem "schwarzen Chauvinismus" vorgeworfen, eine zu helle Hautfarbe zu haben. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Sängers TerryReid.
Besprochen werden ein Konzert des European Union Youth Orchestra in Berlin (Tsp), das Album "This Every Place" des FabianDudekQuartets (FR), ein Abend mit Rey&Kjavik in Frankfurt (FR), GwennoSaunders' Album "Utopia" (NZZ) und StevenLeckartsEminem-Kinoporträt "Stans" (FAZ, SZ).
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