Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

3778 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 378

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2025 - Musik

Schock in der Zürcher Tonhalle! "Gerade spielt das Tonhalle-Orchester unter seinem Musikdirektor Paavo Järvi eine besonders sehnsuchtsvolle, himmelstürmende Passage im Finale der sogenannten 'Auferstehungssinfonie', da bricht draußen im Foyer ein Tumult los. Unter lautem Stampfen und mit ordinärem 'Tschingbum!' marschiert eine offenkundig schwer angeheiterte Truppe vor den Türen auf und stört die andächtige Konzentration im Saal." Das gehört zu Mahlers Zweiter, versichert in der NZZ Christian Wildhagen, immer noch ganz hingerissen von dem Konzert. "Die Stelle ist der gewagteste Moment in diesem ohnehin kühnen Werk: Nie zuvor sind das Profane und das Erhabene in der Musik so unvermittelt aufeinandergeprallt; ... Es ist gerade der Mut zur drastischen Zuspitzung solcher Schlüsselmomente, der die Qualität von Järvis Interpretation ausmacht. Aus langjähriger Erfahrung weiß Järvi, wie sehr Mahler in der Zweiten die Traditionen der Sinfonie aufbricht, indem er sie um theatralische und oratorienhafte Elemente erweitert."

Weitere Artikel: Sylvia Prahl erzählt in der taz, wie die Compilation "Emmi Aid" entstand, mit der der Musikjournalist und -manager Martin Hossbach die Initiative zur Rettung des Emmauswalds in Berlin-Neukölln unterstützen wollte. Ebenfalls in der taz porträtiert Merle Zils die Chemnitzer Musikerin Gwen Dolyn.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2025 - Musik

Fünf Jahre ist es her, dass der Musiker Folkert Uhde bei VAN einen New Deal für die Musik- und Kulturszene forderte, der unter anderem faire soziale Absicherung und nachhaltige Strukturen mit einschließt. (Unser Resümee). Nun zieht er ebenda traurige Bilanz: Alles ist nicht zuletzt dank der Sparankündigungen viel schlimmer geworden, daher müsse die Kulturszene selbst anpacken, "Demut" zeigen und Angebote verändern, fordert er: "Wir brauchen viele verschiedene Formen und Formate, unterschiedliche Anfangszeiten, müssen Settings und Räume variieren und vor allem damit aufhören, das 'klassische Konzert' mit zwei Pausen, das mindestens 120 Minuten dauert, heilig zu sprechen. Wir haben alle weniger Zeit und mehr Arbeit, brauchen Babysitter, müssen vielleicht vor und nach dem Konzert noch etwas erledigen und neigen zu dauerhafter Erschöpfung. Deshalb: Weniger ist viel mehr! Und: Das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts neigt sich deutlich dem Ende zu. Wenn der Konzertbesuch aber als gesellschaftliche Verabredung zunehmend weniger funktioniert, müssen wir neue Gründe schaffen."

In der SZ atmet Harald Eggebrecht auf: Das Konzert des Israel Philharmonic Orchestra mit Chefdirigent Lahav Shani und Solopianist Igor Levit, die in der Münchner Isarphilharmonie das 5. Klavierkonzert in Es-Dur von Ludwig van Beethoven und die 5. Symphonie op. 64 von Peter Tschaikowsky gaben, verlief ohne größere Zwischenfälle dur. Zu erleben war stattdessen ein virtuoses Konzert: "Wer Lahav Shani und seinem Israel Philharmonic an diesem Abend zuhörte, erlebte eine orchestrale Glanzleistung, die davon geprägt war, selbst die dichtesten Klangballungen nicht als Lärm erscheinen zu lassen, sondern stets die Vielgliedrigkeit des Klangkörpers bis in feine Verästelungen hinein zu verdeutlichen. Der Eindruck, das symphonische Geschehen als groß angelegte Kammermusik zu verstehen, bei der alle gleichermaßen beteiligt sind, erfasste alle."

Weitere Artikel: In der FR schreibt Stefan Michalzik zum Tod des Jazzpianisten Christoph Spendel. In der SZ wird Andrian Kreye bei einem Kraftwerk-Auftritt in Nürnberg ganz nostalgisch. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Komponistin, Performerin, Improvisations- und Klangkünstlerin und Instrumentenbauerin Viola Yip, die ein aufblasbares, robotergesteuertes Instrument entwickelt hat. Jörg Scheller (NZZ) hört das neue Album "Dissonance Theory" der Schweizer Heavy Metal Band Coroner und stellt fest: Heavy Metal ist bürgerlich geworden: "Im Fokus heutiger Metal-Rezeption stehen neben Gesellschaftsthemen wie Gender oder Race vermehrt Virtuosität, Metal-Geschichte, die Nähe zu Klassik und Jazz sowie das Spannungsverhältnis zwischen emotionaler Intensität und technischer Präzision." Das wollen wir selber hören:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2025 - Musik

Die Feuilletons gratulierend Neil Young erwartbar wohlwollend zum 80. In der FAZ huldigt Edo Reents einem Musiker, der sich nie auf seinem eigenen Erfolgsmodell ausruhte und es fast schon zu seinem Markenzeichen erhob, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen. In den 1970ern etwa war er derjenige, "der Akustik-Folk mit Country und elektrischem Rock auf noch einmal ganz andere Art amalgamierte, als dies Dylan zuvor getan hatte; jemand, der außergewöhnliche Empfindsamkeit und rockige, jederzeit zu deftiger Spielweise aufgelegte Härte gleichermaßen verkörperte, sensibler Hippie und Rock-Superstar, der seine von Sehnsüchten und Klagen über das verlorene amerikanische Paradies durchsetze Poesie mit einer bis dahin unüblichen, knabenhaft weichen Stimme vortrug und dem Genre damit einen geradezu femininen Einschlag gab. Nicht zufällig wurde er zur Mitte der Siebzigerjahre, die recht eigentlich sein Jahrzehnt waren, als 'Greta Garbo des Rock' bezeichnet." Für SZ-ler Willi Winkler ist Young schlicht "der beste Krachmeister im unvergänglichen Rock'n'Roll".

Eine tolle Wiederentdeckung präsentiert Katharina Granzin in der taz. Emilie Mayer war im 19. Jahrhundert eine angesehene, erfolgreiche und produktive Komponistin, später wurde ihr Werk kaum noch gespielt. Die Akademie für alte Musik hat in Berlin nun an drei Abenden alle erhaltenen Werke wiederaufgeführt. "Ein Festival für Emilie Mayer" heißt die Veranstaltung im Pierre-Boulez-Saal, und Granzin ist begeistert: "'Mitreißend' ist Mayers Musik sehr oft, von bezwingendem Schwung, gepaart mit Witz und Unerschrockenheit. Mitunter scheint sie sich selbst überbieten zu wollen im Erfinden immer neuer musikalischer Motive, die sie in provokantem Kontrast gegeneinander setzt. Oder sie zeigt, etwa in ihrer e-Moll-Symphonie, wie sich aus einem Null-Motiv, einem einzigen Ton, innerhalb nur weniger Takte eine musikalische Entwicklung generieren lässt, deren gewaltige Spannung sich in einem rasanten Tutti entladen muss. Ihre humoristisch zupackende C-Dur-Ouvertüre wiederum gehört in jede musikalische Hausapotheke als hochwirksames Mittel gegen Novemberblues."

Hören Sie selbst:



Außerdem: Graham Lack schreibt für nmz einen satirischen Brief ans ZDF anlässlich der Opus Klassik-Preisverleihung. Ebenfalls für nmz besucht Ralf-Thomas Lindner das PHŒNIX Festival im Hamburger MARKK. Christoph Irrgeher porträtiert im Standard den Jazz-Trompeter Thomas Gansch, der dieser Tage seinen 50. feiert. In der Presse erinnert Wilhelm Sinkovicz an den Wiener Komponist und Kulturmanager Thomas Schlee, der im Alter von 68 Jahren verstorben ist.

Besprochen werden ein Gastkonzert der Wiener Symphoniker in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein Gastspiel des Gewandhausorchesters Leipzig im Wiener Musikverein (Presse), ein Wiener Konzert des Cloud-Rappers Yung Lean (Presse) sowie der den Neuköllner Emmauswald retten wollende Sampler "Tree Aid" (FR).
Stichwörter: Young, Neil, Mayer, Emilie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2025 - Musik

Bestellen Sie bei eichendorff21!
1939 erschien erstmals Ulrich Alexander Boschwitzs Roman "Der Reisende" - allerdings nur auf Englisch. Vor sieben Jahren wurde er erstmals auf Deutsch veröffentlicht und war "eine sensationelle Entdeckung", erzählt in der SZ Egbert Tholl. Und jetzt hat Jan Müller-Wieland Boschwitzs Geschichte eines jüdischen Geschäftsmanns auf der Flucht in Nazideutschland im Auftrag der Dresdner Philharmonie als Melodram vertont. Das Libretto verknappt die Handlung natürlich stark, bemerkt Tholl bei der konzertanten Uraufführung in Dresden, aber die Musik macht das für ihn wett: "Das Orchester ahmt die Hetze der Flucht nach, in Zuspielungen treten Zuggeräusche hinzu, atemloser Strudel. Der Chor ist Kommentar, Masse, 'Du bist Jude', manchmal auch Trost, Erinnerung, etwa an die verlorenen Möbel, an das alte bürgerliche Leben. Müller-Wieland baut die Figur des Sohns, der in Paris lebt, aus, als Idee eines Sehnsuchtsortes, der unendlich unerreichbar weit weg ist. Die zweite Gesangspartie vereint den Schwager und den illoyalen Geschäftspartner, Michael Borth singt sie mit grandioser Klarheit." Boschwitz selbst erreichte auf der Flucht vor den Nazis noch England, wurde dann aber nach Australien deportiert. Er starb mit 360 weiteren Passagieren auf der Fahrt, als sein Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.

In der NZZ stellt Christian Wildhagen den schwedischen Klarinettisten Martin Fröst vor, der nicht nur Musiker, sondern auch Performancekünstler ist. Und das ist noch nicht alles: "Fröst will vielmehr Kontinuitäten aufzeigen und die Geschichte der Musik als große Erzählung erlebbar machen, in der sich eines aus dem anderen ergibt", weshalb er viel mit zeitgenössischen Komponisten zusammenarbeitet. "Schon Ende November kehrt er im Rahmen der Migros-Konzerte in die Schweiz zurück, dann mit dem Schwedischen Kammerorchester, das Fröst seit 2019, wie nebenbei, auch noch leitet. Im Gepäck hat er das Orchesterstück 'Mirrors' von Hans Ek, der sich ebenfalls als Brückenbauer zwischen den Epochen und musikalischen Stilen versteht. Mit 'Mirrors' wollen Ek und Fröst einen neuartigen Hörzugang zu Beethovens 7. Sinfonie schaffen, dem Hauptwerk des Programms. Dessen Bezüge zu Vorbildern wie Bach, Händel, Rameau und Mozart fächert Ek in einer Collage auf, die das Bekannte in neues Licht tauchen soll."

Hier ein Konzertmitschnitt aus der Elbphilharmonie, wo Fröst - am Anfang des Konzerts - Anders Hillborgs "Peacock Tales" spielt:



Weitere Artikel: Der Standard meldet, dass die russische Musikerin Diana Loginowa wegen ihrer putinkritischen Protestlieder erneut festgenommen wurde. Der heißeste Scheiß in der Musik, wenn nicht sogar "ein bisschen revolutionär", ist zur Zeit "Sapphic Pop", annonciert Monika Rathmann in der SZ. Wer es sich nicht denken kann: Es geht um "Pop, der von queeren Frauen für queere Frauen geschrieben wird. Oft Indie- und Bedroom-Pop. Mit Songs, die sich nicht nur, aber häufig, um Beziehungen zwischen Frauen drehen." Und taz-Kritiker Tobias Damm genoss in vollen Zügen ein Berliner Festival, das an den Punk im Slowenien der frühen 1980er erinnerte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2025 - Musik

Die russische Pianistin Elena Bashkirova, die das Jerusalem Chamber Music Festival leitet, und Michael Blumenthal, früherer US-Finanzminister unter Jimmy Carter und späterer Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, wurden mit dem Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig ausgezeichnet, berichtet Jan Brachmann in der FAZ. In der NZZ resümiert Inna Hartwich die Kontroverse um den deutschen Pianisten und Dirigenten Justus Frantz und dessen Putin-Freundschaft (unsere Resümees). 

Besprochen werden das Album "John & Yoko / Plastic Ono Band: "Power To The People"" (FAZ) und Cyrille Dubois' Vertonung von "Gabriel Dupont: The Complete Songs" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2025 - Musik

15 Tracks in 13 Sprachen enthält "Lux", das neue Rosalía-Album (siehe auch hier), über das heute jedes Feuilleton, das etwas auf sich hält, berichtet. Der spanische Superstar fährt, so Bernjamin Stolz in der Presse, "schwere Geschütze auf: Bibelstellen und Rosenkränze, die Lebensgeschichten von Heiligen und die autobiografische Suche nach Transzendenz in einer sinnentleerten Welt, das Werk der französischen Philosophin Simone Weil und kryptische Texte auf Spanisch mit gelegentlichen Einsprengseln auf Hebräisch, Chinesisch, Arabisch oder Deutsch. Dieses zwischen babylonischer Sprachverwirrung und Pfingstwunder changierende Werk verlangt beim genauen Hören nicht wenig: Manchmal einen guten KI-Übersetzer, dann wieder eine gut sortierte Bibliothek, gegen Ende dann das eine oder andere Taschentuch und vielleicht sogar einen Priester."

Musikalisch orientiert sich das neue Album weniger an Latin Disco, als an der europäischen Klassik. Auf allerdings ziemlich exzentrische Art, findet Joachim Hentschel in der SZ, der der Musik in distanzierter Faszination zugetan ist: "Ob 'Lux' - dieses Ding aus Wolken, Fluff und Sumpf - den finalen Test besteht, muss sich erst zeigen. Die letzte Vollendung eines Popkunstwerks liegt bekanntlich nicht in flammenden Kritiken, sondern in der schieren Praxis. Dass die jungen Leute bald zu orchestralem Post-Fado und elektrifizierten Arien durch die Straßen gondeln und Partys feiern, ist heute noch schwer vorstellbar. Super wäre es natürlich." Für die FAS schreibt Ralf Niemczyk über den Rosalía-Hype, in der taz bespricht Ruth Lang Fuentes "Lux" und findet, dass Rosalías Hinwendung zur Hochkultur "auch was Koloniales" hat. Im Standard nimmt sich Christian Schachinger das Album vor.

Mit sonst eher aus Fußballstadien bekannten Rauchbomben haben propalästinensische Aktivisten ein Beethoven-Konzert in der Pariser Philharmonie gestört, das vom israelischen Dirigenten Lahav Shani geleitet wurde. Die Bilder der Aktion gingen um die Welt - damit haben die Aktivisten ihr Ziel, so steht zu fürchten, bereits erreicht. In der Welt rekonstruiert Martina Meister den Vorfall und weist darauf hin, dass Shani mehrfach, auch noch nach seiner viel kommentierten Ausladung in Gent (siehe unter anderem hier), sein Mitgefühl mit dem Leid in Gaza zum Ausdruck gebracht hat. Allein, es hilft alles nichts: "Verrückt ist nicht nur, dass sich israelische Künstler einer Gewissensprüfung unterziehen müssen. Noch verrückter ist, dass derartige Stellungnahmen keinen Wert mehr haben. Ein israelischer Pass allein reicht heute, um sich in den Augen der propalästinensischen Aktivisten schuldig zu machen. Dass dies Antisemitismus pur ist, wollen sie nicht wahrhaben." Mehr auch im heutigen 9punkt.

Weitere Artikel: Inga Barthels zeichnet im Tagesspiegel die einseitige Hassliebe nach, die Donald Trump mit Taylor Swift verbindet. Ebenfalls im Tagesspiegel hofft Jana Weiss, dass die Haftbefehl-Doku auf Netflix das Bewusstsein für Drogenprobleme im Musik-Business schärft. Auf van tobt eine Diskussion um den möglichen fehlenden Rückhalt zeitgenössischer Neuer Musik in Musikverlagen. Hartmut Welscher unterhält sich auf van mit Richard Loberer, der nach 20 Jahren die Tage Alter Musik in Herne, denen er als Leiter vorstand, verlässt. Bernhard Heckler trifft für die SZ einen 17-jährigen, der fordert, dass Haftbefehls Rap-Texte Schullektüre werden. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Cembalisten Lars Ulrik Mortensen zum Siebzigsten. Christian Gohlke besucht ebenfalls in der FAZ ein neues Carl-Orff-Museum in Dießen.

Besprochen werden "XXL", das Debütalbum der Party-Rapper PA69 (SZ) und das neue Militarie Gun-Album "God Save the Gun" (FR).
Stichwörter: Rosalia, Lux, Shani, Lahav

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2025 - Musik

Jedes Jahr im November findet in Wien das wunderbare Festival Wien modern statt mit, Sie ahnen es schon, neuer und neuester Musik. FAZ-Kritiker Peter Blaha hörte zum Auftakt das ORF Radio-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Vimbal Kaziboni mit Werken dreier Komponisten aus der "afrodiasporischen Community": George Lewis, Hannah Kendall und Jessi Cox. Und natürlich gab es Konzerte des Arditti Quartetts mit einigen Ur- und Erstaufführungen: "Einen starken Eindruck hinterließ Clara Iannotas 'dead wasps in the jam jar (iii)' für präpariertes Streichquartett und Sinustöne, das auch durch den Einsatz von Büroklammern zwischen Griffbrett und Steg neue Klangbereiche erforscht. Knarrende Töne kombiniert mit Flageolett-Glissandi entwickeln im Zusammenspiel einen starken Sog, der für nie nachlassende Spannung sorgt. Einer herkömmlicheren Schreibweise bedient sich hingegen Hilda Paredes in 'Diálogos apócrifos', ein Werk, das durch seine Ökonomie des Ausgangsmaterials wie auch durch seine formale Stringenz begeistert."

Hier spielen Musiker der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst den toten Wespen auf:



Amina Aziz stellt in der taz die saudische Desertrockband Seera vor. Die Musik der vier Frauen gefällt ihr gut, aber den feministischen Ansatz nimmt sie ihnen nicht ganz ab: "Seera fühlen sich als Teil einer vielfältigen Musikszene, Rockbands wie 'Sound of Ruby' und 'Garwasha' mischen Saudi-Arabien auf. Jugendlichen soll damit der Soundtrack für ihr Coming-of-Age liefert werden. Aber ist das schon eine Kulturrevolution? Seera selbst sprechen lieber von 'Renaissance'. Nora erzählt, dass sie bei Auftritten in ihrer Heimat auch Schockmomente genießen. Wenn sie im Publikum beispielsweise einen Vater mit Kind auf den Schultern mitviben sehen, freuen sie sich. Ohne die lokale Unterstützung könnten sie auch gar nicht auf Tour gehen. Nun träumt die Band davon, als Vorgruppe der US-Metalband 'System of a Down' auftreten zu dürfen". Ob jedoch "die Freiheit, die Seera in Saudi-Arabien genießt, bald auch für weniger Privilegierte im Land gelten wird, bleibt im Land, in dem Geld und Patriarchat regieren, jedoch unklar."

Hier ein Stück zum Reinhören:



Besprochen werden Molly Nilssons Album "Amateur" (FR), ein Konzert von Erykah Badu in Frankfurt (FR) und Rosalías Album "Lux" (Standard, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2025 - Musik

Kennen Sie ein Instrument namens Oktokontrabassklarinette? Vermutlich nicht, und zwar, weil es bislang nur ein einziges Exemplar dieses kurz Okto benannten Geräts gibt, dessen tonaler Umfang noch eine Oktave tiefer reicht als bei der Kontrabassklarinette. Gebaut hat sie, berichtet Ralf-Thomas Lindner in nmz, Martin Foag, und jetzt hat dessen Konstrukt einen ersten Praxistest bestanden. Mit Bravour: "Es war ein erster zärtlicher bis kraftvoll-wechselhafter Kuss zwischen Instrument und Musik. Der in Freiburg lebende Komponist Tobias Eduard Schick hat das Werk 'New Holland Drive' für Okto und Zuspielband geschrieben. Er schreibt dazu: ''New Holland Drive' reflektiert das oftmals als Gegensatzpaar konzipierte Spannungsfeld zwischen dem Natürlichen und dem Maschinellen. […] Die Körperlichkeit des Interpreten als unhintergehbarer Ausgangspunkt der Komposition durchläuft das Medium eines ausgeklügelten mechanischen Apparats mit Hilfsklappen, Baudenzügen und vielem mehr, der umso beeindruckender ist, da er die physikalischen Bedingungen der klanglichen Tiefe mit den physischen Begrenzungen des menschlichen Körpers vereinbaren muss.'"

Jens Balzer geht im Aufmacher des Zeit-Feuilletons geradezu auf die Knie vor der katalanischen Pop-Sängerin Rosalia, die auf ihrem vierten Album "Lux" achtzehn Songs in nicht weniger als dreizehn Sprachen singt (darunter Deutsch, Latein, Hebräisch und Arabisch) und mit wuchtigen Orchesterklängen nicht weniger sucht als Erlösung vor einem Gott jenseits der Amtskirchen. "Es geht um Schmerz und Verzweiflung - und um die Liebe und um den Glauben, mit dem man den Schmerz und die Verzweiflung vielleicht überwinden kann. Es geht hier also um alles, und es geht auch darum, dass Rosalía alles will, und zwar am besten gleichzeitig. Sie will Erleuchtung und Gnade, sie will ihren Geist in den Himmel erheben, aber sie will andererseits auch nicht den irdischen Freuden entsagen". Wir hören rein:



Weitere Artikel: In der NZZ erklärt Stefan Ender, wie es überhaupt zu dem Vorschlag kam, dem Dirigenten Teodor Currentzis die höchste Kulturauszeichnung Österreichs zu verleihen. In der Welt erinnert Elmar Krekeler an den heute vergessenen Beethoven-Schüler Ferdinand Ries. Ebenfalls in der Welt findet Manuel Brug: Justus Frantz war ohnehin immer nur ein Musiker zweiter Klasse. Ein aus Anlass ihrer nun auch auf Deutsch erscheinenden Biografie "Bread of Angels" führt Peter Kümmel (Zeit) ein großes Gespräch mit Patti Smith über ihr Leben als Musikerin und Schriftstellerin, ihre Freundschaften mit Klaus Biesenbach, Wim Wenders und Christoph Schlingensief und ihre nie versiegende Hoffnung.

Besprochen werden das bombastische Lady Gaga-Konzert in Berlin (taz, Tagesspiegel, Zeit Online), das Album "Batakari" des ghanaischen Rappers Ata Kak (taz), ein 22-stündiger Orgel-Marathon in der Leipziger Thomaskirche, wo Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach spielte (FAZ), der Auftakt der Radiohead-Tour in Madrid (SZ) und ein Konzert der Wiener Symphoniker mit Werken von Beethoven und Mahler in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2025 - Musik

Wieso, fragt sich Joachim Hentschel in der SZ, ist es heutzutage so schwer, an Konzertkarten zu kommen? Zumindest, wenn es um Shows von Hypekünstlern von internationalem Format geht? Ein paar Antwortversuche: "Im Vergleich zur Beatles-Zeit leben schlicht mehr Menschen auf der Welt, die am Kulturleben teilnehmen. Soziale Medien haben den PR-Drall verschärft, auf dem Veranstaltungen heute segeln. Es gibt Tiktok-Hypes wie die Recklinghausener Sängerin Ayliva, die um ein Vielfaches stärker wirken als der alte 'Wetten, dass ..?'-Effekt, mit dessen Hilfe es die 'Riverdance'-Tanztruppe 1997 schaffte, mit einem einzigen TV-Auftritt ihre Deutschlandtour praktisch auszuverkaufen. Zudem sind viele logistische Hürden verschwunden, die Leute früher davon abhielten, auf Konzerte zu gehen. Zum Beispiel, weil sie dort wohnten, wo man eh keine Tickets kaufen konnte."

Der deutsche Dirigent Justus Frantz, seit langem als Putin-Sympathisant bekannt (siehe hier), erhält vom russischen Staatschef einen Orden, berichtet unter anderen Spiegel Online. Auf Backstage Classical wendet sich Axel Brüggemann direkt an Frantz: "Als Sie keiner mehr in den Arm nahm, haben Sie die Musik verraten. Und dann verrieten Sie sich selber. Sind die Leute an ihren Tafelrunden wirklich Ihre Freunde? Sie füttern Sahra Wagenknecht und Alice Weidel. Und Ihren Klassik-Escort-Service übernimmt Hajo Frey. Er lockt Leute wie Sie und AfD-Mann Matthias Moosdorf nach Russland. Und nun hat sein Kumpel, Vladimir Putin, Ihnen auch noch den russischen Freundschaftsorden mitten ins Herz gestochen. Merken Sie denn nicht: Leonard Bernstein hat Sie geliebt, Vladimir Putin benutzt Sie! Lieber Justus Frantz, wenn es in Hamburg regnet, sind das die Tränen von Lenny und Helmut. Tutto nel mondo è burla? Nein, Sie haben unsere Liebe verspielt."

Außerdem: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Virtuosen Christopher Dell. Margarete Affenzeller erklärt im Standard, weshalb die Haftbefehl-Doku auf Netflix gerade einen Reinhard-Mey-Hype auslöst. 

Besprochen werden eine von Teodor Currentzis dirigierte Aufführung von Wagners "Ring ohne Worte" an der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel; "Und plötzlich fühlt man sich dem abdankenden Gottvater Wotan nahe, der nur noch eines herabsehnt: das Ende"), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko in der Alten Oper Frankfurt (FR) und "Soiz" ein Album der österreichischen Dialekt-Popperin Anna Buchegger (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2025 - Musik

Maurice Summen berichtet in der taz vom Jazzfest Berlin 2025. In der FAZ annonciert Vanessa Fatho eine Konzerttour der Originalband von Falco. Besprochen werden ein Konzert des Israel Philharmonic Orchestra in Frankfurt (FR) und Anna Bucheggers Album "Soiz", die mit ihrer poppigen Mischung aus "Clown, Couture und Tracht" Standard-Kritiker Christian Schachinger nicht unbeeindruckt gelassen hat.

Hier was zum Reinhören: