Auch Handy-Terror und anhaltende Hustenanfälle im Publikum konnten für Jürgen Kesting den Brahms- und Schostakowitsch-Abend mit IgorLevit bei den SalzburgerFestspielen nicht eintrüben. Der Pianist spielte ein Programm von Jewgeni Kissin, der krankheitsbedingt ausfallen musste. Insbesondere die Interpretation der zweiten, während des Zweiten Weltkriegs entstandenen und die Finsternis dieser Zeit reflektierenden Klaviersonate von Schostakowitsch beeindruckte den FAZ-Kritiker: "Nach dem kontrapunktisch dichten Finalsatz war bei vielen Hörern das Gefühl staunender Irritation spürbar": "Es ist eine Komposition tastender und immer wieder neuer Anläufe. Zu Beginn des Larghetto führt eine scheinbar improvisierte Passage laufender Sechzehntel in ein melodisches Selbstzitat: die Umkehrung des Eröffnungsmotivs der ersten Symphonie. Ein in den ruhelosen Toccata-Satz eingeschobener, schnell-virtuoser Marsch hat einen sarkastischen Charakter - vielleicht den einer parodistischen Schlachtenmusik. Beklemmend der zweite Satz mit bruchstückhaften, quasialeatorisch auftauchenden melodischen Fragmenten. Dann ein dramatisch geballtes Variationsfinale: ganz und gar durchdrungen von der tiefen Trauer der russischen Musik und von einem Unterton der Gewalt - ein Weg ins Herz der Finsternis."
Weitere Artikel: Ueli Bernays berichtet in der NZZ von Streit in der Hiphop-Szene um Drake - zum Beispiel habe Kendrick Lamar dem in einem jüdischen Umfeld aufgewachsenen Kanadier in exemplarischem "schwarzen Chauvinismus" vorgeworfen, eine zu helle Hautfarbe zu haben. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Sängers TerryReid.
Besprochen werden ein Konzert des European Union Youth Orchestra in Berlin (Tsp), das Album "This Every Place" des FabianDudekQuartets (FR), ein Abend mit Rey&Kjavik in Frankfurt (FR), GwennoSaunders' Album "Utopia" (NZZ) und StevenLeckartsEminem-Kinoporträt "Stans" (FAZ, SZ).
Jan Brachmann spricht in der FAZ mit AndreasBomba, der aktuell seinen letzten Jahrgang als Leiter der Bachwochein Ansbach bestreitet, bei der, so Brachmann, "bis heute vieleDurchlauchten, Erlauchten, Exzellenzen, amtierende und ehemalige Konzernvorstände und Aufsichtsräte zusammenkommen". Oder wie Bomba es ausdrückt: "Wir haben hier ein westdeutsches Publikum." Michael Ernst spricht in der FAZ mit dem Pianisten GeraldFauth, der eben als Leiter der Hochschule für Musik und Theaterin Leipzig im Amt bestätigt wurde. Außerdem meldet Jan Brachmann in der FAZ, dass das Brahms-Portal der Musikhochschule Lübeck mit zahlreichen kommentierten Digitalisaten und Archivalia online gegangen ist.
Besprochen werden aus Salzburg ein Schostakowitsch- und Brahms-Abend mit IgorLevit (Presse), ein Abend mit GeorgNigl (Standard) und ein Liederabend mit SabineDevieilhe und MathieuPordoy (FAZ) sowie Leikeli47s Album "For Promotional Use Only" (FR).
Progressive Rock im Frankreich der Siebziger: Heldon (Bild: Bureau B / Heldon) RichardPinhas hat in den frühen Siebzigern bei Lyotard promoviert, ein Kumpel von Deleuze war er auch. Und mit seiner Band Heldon zeigte er den zeitgenössischen Krautrockern jenseits des Rheins mit seiner "total singulären" Musik, wie man in Frankreich die verschwurbelte Teutonen-Transzendenz auf den Boden der Tatsachen holt, freut sich Diedrich Diederichsen in der taz, nachdem das Label bureau b einen weiteren Schwung alter Heldon-Platten wiederveröffentlicht hat und damit an eine Wiederveröffentlichung vor ein paar Jahren (unser Resümee) anschließt. "Die flächigen oder extrem repetitiven Klangdome und Katarakte suggerieren hier eben nichts Geistiges, sich aus dem Körper herausverflüchtigende Transzendentalien, sondern sind eben gerade körperlich und materiell. Hier steppt der Cyborg. Ihre Dehnungen, Schwellungen und Zuckungen sind das Ergebnis des ständigen Mit- und Gegeneinanders von Programmierung und Empfindung - und schließlich deren Ineinanderübergehen. Pinhas' Projekt, an dem er nun schon so lange festhält, beschäftigt sich entlang all der rhizosphärischen, chronolytischen - und was da an Deleuze orientierten Neologismen in seinem Werk sonst noch flimmert - Affekte mit dem Projekt einer Körpermusik, wie das im Rest der Welt erst in den 1990ern denkbar wurde."
Sara Peschke hält in der SZ überhaupt nichts davon, wie die in den Neunzigern auf junge Frauen geradezu befreiende Wucht der Spice Girls heute insbesondere aus feministischer Perspektive zunehmend skeptisch als bloß eskapistischer Tand gesehen wird: "Popmusik soll ja auch unterhalten, erfreuen und zerstreuen", zudem helfe es, sich noch "einmal bewusst zu machen, wo die Neunziger feministisch sonst so standen - und weshalb 'Wannabe' aus späterer Sicht vielleicht nicht besonders progressiv ist, aber damals trotzdem einiges für junge Menschen getan hat. ... Bei allem Schimpfen über Stereotypisierung, Sexualisierung und Kommerzialisierung der Spice Girls: Sie fanden die richtige Ansprache, um eine neue Generation mit feministischem Rüstzeug auszustatten; mit einfachen Botschaften ermutigten sie junge Frauen dazu, sich nicht zu verstecken, sondern hör- undsichtbar zu sein. Etwas, das akademische Diskurse eher selten in dieser massentauglichen Unmittelbarkeit schaffen."
Außerdem: Corina Kolbe berichtet vom Menuhin-Festival in Gstaad, das sich in diesem Jahr dem Thema "Migration" widmet. Philipp Schröder resümiert in der FAZ das Bardentreffenin Nürnberg, dessen Titel kaschiert, dass es sich um ein Weltmusikfestival handelt und dass das Programm in diesem Jahr sehr weiblich ist: "Der Liedermacher ist, zumindest in diesem Jahr, nicht mehr nur der Mann mit Bart, UkuleleundMundharmonika, sondern vor allem eine Liedermacherin."
Besprochen werden MarkStewarts postum veröffentlichtes Album "The Fateful Symmetry" ("In teilweise atemberaubend schönen Songs zelebriert Stewart die Absurdität der Schicksalhaftigkeit des Lebens", schreibt Max Dax in der FR), ein Auftritt von DeeDeeBridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Rockmusik, darunter ein neues Album von PharaohOverlord ("klingt so, als ob deutsche Magic-Mushroom-Experten mit Synthies und Noisegitarre bewaffnet mit einem schweren Kater im Studio stehen und nach einer Tagesstruktur suchen würden", schreibt Christian Schachinger im Standard).
Sven Beckstette hört für die taz neue Jazzveröffentlichungen, darunter auch BrandeeYoungers "Gadabaout Season". Die Harfinistin verortet sich in der Tradition von AliceColtrane, deren restaurierte Harfe die New Yorkerin bei sich verwahrte. Auf dem gemeinsam mit den Shabaka Hutchings, Joel Ross, Makaya McCraven und Niia Bertino eingespielten Album ist das historische Instrument tatsächlich auch teilweise zu hören. "Younger ... versteht ihr Album jedoch nicht als Anlehnung an ihre Heldin Alice Coltrane, sondern als persönliche Weiterentwicklung." Dafür "mischt sie die Klänge der Harfe mit elektronischenSoundelementen. Der Titel 'Gadabout Season' - Zeit des Herumtreibens - bezieht sich auf das Suchen und Finden von Sinn und Schönheit." Neben sehr von Coltrane inspirierten Stücken sind auch deutlich eigenständige Kompositionen zu hören, "wie 'Breaking Point': Über einem treibenden Groove aus Bass und Schlagzeug spielt Younger hier die ganze Resonanzfülle ihres Instruments von scharf gezupften Saiten bis zu an- und abschwellenden Arpeggiokaskaden voll aus."
Außerdem besprochen werden UweSchüttes Buch "Sternenmenschen" über DavidBowies Besuch in der Nervenklinik "Künstlerhaus" im östereichischen Gugging im Jahr 1994 (online nachgereicht von der FAZ), WolfgangZechners Buch "Völlig schwerelos", das in 99 Songs durch die deutschsprachigePopmusik führt (Standard), ein Konzert von KateNash in Frankfurt (FR), ein Konzert des Joven Orquesta Nacional de España mit dem Solisten ThibautGarcia in Wiesbaden (FR) und EdSheerans Auftritt in Zürich (NZZ, TA).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über ShelSilversteins, von BobbyBare gesungenes Stück "Lullabys, Legends and Lies":
Klaus Walter verzweifelt in der FR angesichts des Zustands der Poplinken, deren Vertreter sich scharenweise dem BDS und vergleichbaren Bewegungen anschließen - nicht alle von ihnen sind antisemitisch eingestellt, aber bei einigen verwischen die Grenzen ins ungut Diffuse. "Ins Groteske kippt der Anti-Israel-Furor bei Künstlern, die sich außerhalb der Heteronorm verorten und gegen queerfeindliche Politiken agi(ti)eren, angesichts der Tatsache, dass Israel das einzige Land weit und breit ist, in dem Nichtheteros halbwegs gefahrlos leben können. ... Und es geht noch absurder: 'Stonewall war eine Intifada', verkünden Lesben und Queers 'for Palestine', klar, das Massaker der Hamas beim unter LGBTQ+ People beliebten Supernova Festival war demnach ein legitimer Akt des Widerstands?" Dem Furor der antideutschen Linken oder eines KoljaPodkowik von der Antilopen Gang, für den der Popbetrieb ein einziges "antisemitisches Shithole" sei, will Walter sich aber auch nicht anschließen.
Weitere Artikel: Gunnar Meinhardt plaudert für die WamS mit Hendrick Simons, der in seiner Kindheit Heintje war und demnächst siebzig wird. Sehr bewundernswert findet es Jens Jessen in der Zeit am Wochenende, dass NickCave, der anfangs noch sehr gegen KI gewettert hatte, nun einen ki-reanimiertenElvis durch sein Video tanzen lässt und diese Entscheidung in seinem Online-Journal auch tapfer vor seinen Fans verteidigt: "Die wirklich erschütternde Pointe besteht vielmehr in dem dumpfen Fankult eines Publikums, das auf der Unwandelbarkeit seiner Idole besteht."
Besprochen werden das neue Album von WetLeg ("ein zeitgemäßes Album, dem jede Form von Nostalgie fremd ist", freut sich Philipp Kressmann in der Jungle World), ein Auftritt von MountZion in Linz (Presse), ein Konzert von KateNash in Frankfurt (FAZ) und BarbraStreisands neues Album "The Secret of Life: Partners Volume 2" mit Duetten mit Kollegen ("Hier klingen Gegenwart und Überzeitlichkeit als weltlich entspannte, wettbewerbsfreie Klangtrinität harmonisch zusammen", hält Manuel Brug in der WamS fest). Hier schmust sie sich gemeinsam mit BobDylan durch ein Liebeslied:
Bestellen Sie bei eichendorff21!Äußerst anregend findettazlerin Yelizaveta Landenberger die Lektüre des von Rui Pedro Dâmaso, Alexander Pehlemann und Lucia Udvardyová herausgegebenen Buches "Unearthing the Music. Footnotes to Sonic Resistance in Non-DemocraticEurope (1950-2000)". Zeitzeugen berichten darin davon, wie sie sich Pop- und Subkultur trotz und gegen der Regime, die ihnen auferzwungen wurden, erschlossen und gestaltet haben. Die tschechische Kulturwissenschaftlerin und Musikerin PavlaJonssonová etwa erzählt unter anderem von ihrer um 1980 gegründeten Punkband Zuby nehty. "Ihr Fazit lautet: In den 1980ern haben junge Frauen nicht mehr nur Fans oder Groupies sein wollen. Nein, sie hatten etwas zu sagen. Zugleich wäre es falsch, schreibt Jonssonová, von den Ostpunk-Protagonist:innen feministische Statements zu erwarten, wo es noch gar keinen solchen Diskurs gab. Trotzdem hätten sie 'ihren Teil zur Geschichte beigetragen und den Kanon' mit neuen Themen, vitaler Energie und Humor bereichert."
Außerdem: Sehr gut findet es Cornelius Pollmer in der Zeit, dass sich die schwarzrote Koalition wenigstens auf RolandKaiser einigen kann, "weil Roland Kaiser jenes Deutschland verkörpert, von dem es jetzt mehr braucht". Besprochen werden PaulWellers Album "Find El Dorado" (Presse), BurkardKunkels Album "Monxarella" mit Interpretationen von Stücken von TheloniousMonk (FR)und FrankieCosmos' neues Album "Different Talking" ("ein Album übers Älterwerden aus der Perspektive eines sympathischen Millennials aus New York", freut sich Johann Voigt in der taz).
"An den WienerPhilharmonikern ist der Zug der Zeit vorbeigefahren", seufzt Jan Brachmann in der FAZ. Großes hat er von ihnen lange nicht mehr gehört, in fast allen früheren Spezialgebieten haben mittlerweile andere Orchester die Nase vorn, so sein Befund. "Die aktuelle Situation bei den Salzburger Festspielen ist nun pikant, weil der Dirigent Esa-PekkaSalonen diesen Sommer die szenische Einrichtung von ArnoldSchönbergs 'Erwartung' in Verbindung mit dem 'Abschied' aus GustavMahlers 'Lied von der Erde' dirigierte, dazu auch das Konzert mit IgorStrawinskys 'Oedipus Rex', kombiniert mit der 'Symphonie fantastique' von HectorBerlioz. Salonen war nämlich schon die Zentralgestalt der diesjährigen Osterfestspiele - dort freilich mit dem FinnischenRundfunk-Sinfonieorchester. Der direkte Vergleich zeigt: Am Dirigenten liegt es nicht, wenn jetzt, im Sommer, fast alles pauschal, konturlos und konfektioniert klingt - die Leistungen einzelner Holzbläser ausgenommen. ... Dass man in Saarbrücken und Wuppertal orchestral einen besseren Schönberg hört als in Salzburg, ist schon bemerkenswert."
Ozzy Osbourne mag tot sein, aber Metal kann ja gar nicht sterben, schreibt Jens Balzer in der Zeit, "weil es sich beim Metal eben zunächst und zuletzt um spirituelle Musik handelt, um Musik zur Erhebung des Geistes. Und das Bedürfnis nach dieser Art von Musik ist unstillbar, zumal in spirituell so obdachlosen Zeiten wie den heutigen. Metal erhebt den Geist, weil er den Körper verlässlich zu Boden drückt durch kompetenten Einsatz von Lautstärke und Bass. ... Metal ist meditative Musik, gerade die vonSunnO))) eignet sich hervorragend zur inneren Einkehr und zum Yoga. Doom-Metal-Yoga gehörte in den vergangenen Jahren zu den interessantesten Trends in der Yogaszene. ... Es ist Musik, die fremde Menschen - gerade auch Männer, die sich sonst dagegen wehren - zu zärtlichen Gemeinschaften verbindet; und es ist eine Musik, die dazu geeignet ist, alte Kulturen und archaisches Wissen in die Gegenwart zu retten." Aktuell lässt Balzer die Mähne im übrigen am liebsten zum aktuellen Album "Ül" der chilenischen Band Mawiza rotieren.
Außerdem: Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel, dass in Berlin auch im Sommer kaum ein spielfreier Tag zu vermelden ist. Besprochen wird das Berliner Konzert der aktuellen Iron-Maiden-Tour (Tsp).
Die Retromania, die der britische Pophistoriker SimonReynolds schon 2011 kulturkritisch diagnostizierte, hat sich in den 2020er-Jahren überhaupt erst so richtig Bahn geschlagen, stellt Jens Ulrich Eckhard entgeistert in der Welt (und nach Lektüre eines Pieces von Spencer Kornhaber im Atlantic) fest. Zumindest kulturell gesehen habe dieses Jahrzehnt kaum mehr eine Gegenwart, aber dafür jede Menge aufgewärmte Vergangenheit zu bieten, wie man in allen Sparten beobachten könne, aber "in der Musikbranche ist die Entwicklung am deutlichsten, wie eine Auswahl an Kultur-Meldungen aus den vergangenen drei Wochen zeigt: Madonna bringt ein Remix-Album ihrer Hits aus den 90ern raus. Iggy Pop kehrt mit 78 Jahren auf die Bühne zurück. Bruce Springsteen veröffentlicht mit 'Tracks II' ein sieben Alben umfassendes Monumental-Werk. Oasis auf Reunion Tour. Und auch Coldplay klimpert sich wieder durch die Weltgeschichte. ... Und Instagram ist seit einigen Monaten geflutet mit alten Aufnahmen, etwa einem Auftritt Paul van Dyks auf der Berliner Loveparade oder von Technopartys aus den frühen Tagen des Berliner Clubs 'Tresor'. Die Message: früherwarallesfreier, exzessiver, ungefährlicher, schlicht besser." Zu einem ähnlichen Befund gelangt der Kulturhistoriker Peter Pichler im Standard.
Weitere Artikel: Dierk Saathoff erzählt in der Jungle World, wie die deutschen Punkpioniere S.Y.P.H. bereits auf ihrem zweiten und dritten Album, die beide vor kurzem wiederveröffentlicht wurden, gemeinsam mit HolgerCzukay von Can an der Schnittstelle zwischenPunk- undKrautrock operierten. Sehr befremdlich findet es Monika Rathmann in der SZ, dass einige lautstark verärgerte Fans von Fletcher "offenbar eine Art Mitspracherecht einfordern, wie ihr Idol sein Privatleben auch in Zukunft gestaltet", da die sich stets zu ihrer Bisexualität bekennende Popsängerin, die bis dahin über lesbischeLiebesbeziehungen gesungen hatte, nun mit einem Mann zusammen ist. Stefan Fromman spricht für die Welt mit der Pastorin Alisa Mühlfried, die im Auftrag des Herrn auf dem Gelände des Metal-FestivalsvonWacken unterwegs ist. In der Metal-Szene selbst, die in der Regel als unpolitisch gilt und darauf auch Wert legt, regt sich indessen spürbar Missmut darüber, dass die unpolitische Toleranz zunehmend auch rechtsextreme Musiker miteinschließt, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Patrick Viol schreibt in der Jungle World einen Nachruf auf OzzyOsbourne. Fernerhin setzt uns tazlerin Ann-Kathrin Leclère darüber in Kenntnis, dass sie ihren Spotify-Account gekündigt hat.
Besprochen werden neue Alben von CarwynEllis (taz), BenLaMarGay (FR) und Tropical Fuck Storm ("Zehn Songperlen sind auf diesem psychedelischen wie närrischen und melodiös gut aufgestellten Album zu finden", freut sich Christian Schachinger im Standard).
Schwer beeindruckt ist SZ-Kritiker Joachim Hentschel von der englischen Band The New Eves, die "noch vor wenigen Jahren ... längst von irgendwem zur derzeit aufregendsten neuen Band des Universums ausgerufen worden wären". Beispiel: "Cow Song", die aktuelle Single. Die muss man "ganz gehört haben, die sechs Minuten und 21 Sekunden mit all ihren Wendungen, brachialen Ausbrüchen und an der Herzklappe kratzenden Harmonien. Erst dann wird man möglicherweise kapieren, was für atemberaubende, schöne, erschreckende Musik das ist: bukolischer Punkrock. Folklore mit satanischen Tätowierungen. Emily Brontës 'Sturmhöhe', aber in der Feminismus-5.0-Version. ... Klar, hier prallen viele, sehr viele, zum Teil auch leicht durchgelutschte Buzzwords aufeinander. Stadtflucht und Gothic-Horror, schwarze Magie, weibliches Empowerment und Animismus." Aber kurz: Das aktuelle Album der New Eves klingt "so großartig, verstörend und absolut einzigartig wie derzeit sonst nichts im knöcheltiefen Tümpel, der von verzweifelten T-Shirt-Olmen noch immer Indierock genannt wird".
Dass gerade diverse Indiebands, die in ihren Nischen zwar Ansehen haben, aber darüber hinaus kaum abstrahlen, Spotify aufgrund der KI-Waffeninvestitionen von CEO DanielEk verlassen, könnte fürs Musikgeschäft durchaus Folgen haben, meint Kristoffer Cornils auf Zeit Online. Als Stichwortgeber dient ihm die "Weggabel-Theorie" des Marktforschungsunternehmens Midia, derzufolge künftig kleine Bands, die von Spotify meist weniger als wenig haben, künftig wieder auf engmaschige Beziehungen zu ihren Fans setzen. Sollte es Bands wie Deerhoof, XiuXiu und KingGizzardandtheLizardWizard "gelingen, ihre Karrieren weitgehend unbeschadet fortzusetzen, vielleicht sogar aufzublühen durch den Ausstieg aus einem System, das nie für sie gedacht war, könnte ihr Beispiel Schule machen, zumindest unter Musikerinnen und Musikern einer bestimmten Größenordnung. Bei null müssten diese Musikerinnen und Musiker nicht anfangen. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Streamingangebote, deren Ausschüttungsmodalitäten, stilistische Spezialisierung oder genossenschaftliche Organisation den Bedürfnissen kleinerer Bands und Künstlerinnen entgegenkommen."
Weitere Artikel: Nicht nur den Berliner, sondern auch den WienerClubs geht es nicht sonderlich gut, berichtet Christian Schneider in einer Standard-Reportage. Boris Herrmann erzählt in der SZ davon, wie er den Konzerten von Phish hinterher reist: "Nicht jedes Konzert ist gut, aber jedes ist ein eigenesKunstwerk", erfährt er von den Fans, die dies seit vielen Jahren tun. Der Smashing-Pumpkins-Sänger BillyCorganerinnert sich im Zeit-Online-Gespräch mit Sinem Kılıç an OzzyOsbourne. Christiane Albiez (NZZ) und Wolf-Dieter Peter (NMZ) erinnern an MikisTheodorakis, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Nicht ohne Amüsement nimmt Michael Wurmitzer in einer Standard-Glosse zur Kenntnis, dass HarryStyles in seinem Onlineshop auch Dildos und Gleitgel anbietet. Julia Neumann schreibt in der taz einen Nachruf auf den Oriental-Jazz-Pionier ZiadRahbani. Und Jan Wiele verabschiedet sich in der FAZ von dem Mathematiker und Satiriker TomLehrer, der von Georg Kreisler über den Freak Folk bis zu den Simpsons wohl so ziemlich alles und jeden inspriert hat. Unvergessen ist seine schöne Abrechnung mit dem Opportunismus eines WernhervonBraun:
Besprochen werden neue Alben von Tyler, theCreator ("Schön ist, dass das Album alle Phasen einer gelungenen Party abdeckt", meinttazler Johann Voigt) und des Münchner Rappers Shindy ("Mit seiner Mischung aus Dekadenz und Katholizismus bewegt" er sich "ganz in der Fin-de-siècle-Tradition der Dandys und deren Flucht in ästhetische Gegenwelten", meint Jens Ulrich Eckhard in der Welt) sowie Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter "A Dark Flaring" des Signum Quartetts (Standard).
Stichwortgeber unter sich: "Hier wurde Hip-Hop geboren" (Paramount+) Die auf Paramount+ gezeigte Doku-Serie "Hier wurde Hip-Hop geboren" konnte Welt-Kritiker Dennis Sand nicht überzeugen: An Aufarbeitungen der Geschichte von Hip-Hop herrscht seit vielen Jahren kein Mangel, dieser Versuch hier wärme allerdings nur auf, was andernorts schon ausführlicher erzählt wurde. Als Host der Serie konnte immerhin LL Cool J gewonnen werden, "an sich eine gute Wahl, gilt er als eine respektierte und anerkannte Old-School-Instanz, dessen eigene Geschichte interessant genug wäre, ihr eine Folge zu widmen. Stattdessen bekommt der Zuschauer von ihm aber nur einige lose Geschichten angerissen, die bedauerlicherweise nie auserzählt werden. Auch die eigentlich interessanten Gesprächspartner (Big Daddy Kane, Fat Joe, etc.) werden bloß zu Stichwortgebern degradiert." Aber "auch wenn das Konzept im Ganzen nicht aufgeht, so bleiben doch einige Details immerhin ganz spannend. Wenn etwa die Bedeutung von alternativen Fahrdiensten (Schwarze haben damals fast nie Taxis bekommen und sich entsprechend selbst organisiert) für den Vertrieb von Mixtapes dargelegt wird. Doch dann geht es auch wieder viel zu lange um Belanglosigkeiten."
Elmar Krekeler erinnert in der Welt an die Werke der afro-amerikanischen Komponistin FlorencePrice, deren vor über hundert Jahren entstandene Werke nun "in einer fabelhaft musikantischen, fast schon zu ernsten, glasklaren und doch angemessen süffigen Aufnahme mit dem MalmöOperaOrchestra unter dem Price-Experten JohnJeter" veröffentlicht wurden. "Was Florence Price schrieb, hätte zu Lebzeiten keinen Avantgardepreis gewonnen. Würde man ihre Violinkonzerte und das Klavierkonzert ... in einer Art akustischer Blindverkostung abhören, würde man sie auf ein halbes Jahrhundert vor ihrer Entstehung datieren. Aber unbedingt der Meinung sein, dass es große Musik ist, die mit großer Lust den Farbenreichtum des (nicht allzu späten) romantischen Orchester als Basis nutzt, in durchaus konservativen Strukturen neue Geschichten zu erzählen und elegant, ansteckend spielerisch und manchmal umwerfend unangestrengt afroamerikanische Elemente mit einer stilistischen Quersumme von Mendelssohn bis Dvorak zu einer ganz eigenen, sich ihrer Kraft und Imaginationsfähigkeit bewussten Sprache zu verbinden." Mehr dazu auch bei SWR Kultur.
Außerdem: Elmar Krekeler porträtiert in der WeltOmer Meir Wellber, den neuen Generalmusikdirektor an der Hamburger Staatsoper. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod von Jazzsängerin CleoLaine. Besprochen werden eine das Konzert von IronMaiden in Frankfurt (FR, FAZ), ein Konzert von DieHandlung in Hamburg (taz) und Spindrifts Album "Trio Studies" (FR).
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