Mit "Sitzkissen und teils sogar mit Schlafsack" ausgerüstet kamen Bach-Enthusiasten am Samstag in die Leipziger Thomaskirche, wo der Organist Johannes Lang 22 Stunden lang das komplette Orgelwerk von Bach spielte, das heißt "235 Stücke nonstop"- "das ist irre", ruft SZ-Kritiker Helmut Mauró: "Die großen Fugen sind natürlich das Beste von Bach, von den bescheidensten Titeln - Präludium und Fuge - kann man das Größte erwarten. Wie das durch die engmaschig verwobenen Melodiefäden donnert und pfeift und strahlt und zirpt, man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und wenn die ganz tiefen Register kommen, dann knattert das in die Magengrube, als schwebte ein Helikopter über der Kirche.Solche Klangwucht würde man von einer Barockorgel nicht unbedingt erwarten, aber die Bach-Orgel in der Thomaskirche ist ein besonderes Instrument, ein historisch bestens informierter Neubau."
Hier eine etwas ältere Aufnahme von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, die Lang auf der Bachorgel in der Thomaskirche spielt:
Weiteres: Jan Brachmann stellt in der FAZ den neuen Chefdirigenten der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern, den Katalanen Josep Pons, vor. Harry Nutt hat sich die Bootlegserie Nummer 18 "Through the Open Windows" mit den allerersten Songs von Bob Dylan angehört. Rolf Thomas war für die FAZ beim Jazzfest Berlin und hat die Auftritte von Marc Ribot und Mary Halvorson angesehen. In der SZ schließt sich Anna Weiß dem Jubel über das neue Album von "Florence + the Machine" an (unser Resümee).
Einen großen Wurf legt die Band Florence + the Machine mit ihrem neuen Album "Everybody Scream" vor, findet Zeit-Online-Autor Torsten Groß. Frontfrau Florence Welch verarbeitet diesmal vor allem ein persönliches Trauma: eine Fehlgeburt, die sie nur mit knapper Not überlebte. Herausgekommen ist musikalische Wucht ohne Ende. Der Song "Drink Deep" etwa ist "eine wirkmächtige Beschwörung mit dramatischen Wehklagen in den von gewaltigen Fanfaren ornamentierten Refrains, die als moderne Dorian-Gray-Abhandlung in Songform funktioniert. Pop als verwunschener Zaubertrank, drunter macht Florence Welch es nicht: In dem Liedtext erzählt Welch davon, wie alle anderen Leute aus ihrem persönlichen Umfeld älter werden, Kinder bekommen, ihr Leben führen, sie selbst hingegen einfach immer weiter der Popstar bleibt - ausgesaugt wie von einem Vampir in den alten Horrorsagen."
Auch Nadine Lange (Tagesspiegel) hält sich gern in Welchs düsteren Soundscapes auf: "Auf 'Everybody Scream' packt Florence Welch noch mehr Düsternis in ihren Markenzeichen-Sound, lässt mythische Elemente einfließen, spielt mit Mittelalterbezügen. Sie selbst nennt das Doom Folk. Es ist kein Zufall, dass die Platte, an der unter anderem Mitski, Mark Bowen von Idles und Aaron Dessner von The National mitwirkten, an Halloween erscheint. So lädt die Sängerin zusammen mit einem weiblichen Chor zum 'Witch Dance', der mit einer spannungsgeladenen wogenden Dramaturgie in den Bann zieht und entfacht im Finale von 'Sympathy Magic' einen wild lodernden Synthie-Scheiterhaufen."
Man höre selbst:
Ein anderes tolles Album stellt Mathis Raabe auf Zeit Online vor: Oklous "Choke enough" arbeitet mit den Werkzeugen des Hyperpop a la Charlie XCX und macht daraus etwas anderes, eigenes. Im Refrain des Songs "obvious" etwa "setzt ein knarzender Bass ein, und ein heller Synthesizer, der entfernt an ein Blasinstrument erinnert, spielt eine Melodie, die so ähnlich auch in einem EDM-Track vorkommen könnte. Ganz klar sind das Versatzstücke von Clubmusik. Aber nie setzt ein ganzer Drum-Beat ein, und alles klingt ein bisschen dumpf und weit weg, so als würde die Party unter Wasser stattfinden, oder eher noch: in einem Traum. Nur Oklous Stimme klingt nah und beruhigend, so als würde sie einen an der Hand durch die Traumdisco leiten und auch sagen, dass es gar nicht schlimm ist, dass man peinlicherweise seinen Schlafanzug anhat."
Auch da hören wir rein:
Außerdem: Detlef Diederichsen blickt in der taz wieder zurück in die Popmusikgeschichte und schreibt über die "Dämmerung der Majors". Ljubiša Tošić schaut im Standard voraus auf das Festival "Wien Modern". Wilhelm Sinkovicz berichtet in der Presse vom 125. Geburtstagskonzert der Wiener Symphoniker im örtlichen Musikverein. Jürgen Kesting empört sich in der FAZ über allgegenwärtige Phrasen der Marke "Musik ist Emotion pur" in der Musikpublizistik - die längst nicht mehr nur in PR-Texten zu finden sind, sondern auch die Musikkritik heimsuchen.
Besprochen wird außerdem Tame Impalas Album "Deadbeat" (taz; "der geile Wumms wird mitten im Song zerstört durch Ambient-Gewaber, irgendwann folgt dann wieder Unz Unz Unz, aber der Flow ist flöten gegangen").
Nach neun Jahren seit ihrem letzten Album melden sich die Chicagoer Postrock-Pioniere Tortoise mit ihrem neuen Album "Touch" zurück. Wie in ihren goldenen Zeiten, den Neunzigern, zeigt sich die Band sehr in sich und in ihren komplex montierten Soundbezügen ruhend, schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz, und vielleicht sogar ein Mü zu ruhig. "Das Zusammenspiel der fünf Musiker wirkt fast körperlos traumwandlerisch, keine Hektik oder Dringlichkeit, nichts Forciertes. Tortoise gelingt es fast durchweg, ästhetisch-schöne Oberflächen und hintergründige Details zusammen zu strukturieren. Man kann das Album im Sinne von Erik Satie als Tapete oder als Kopfhörermusik hören. ... Nach all den Jahren wird es allerdings manchmal langweilig: Dann, wenn Tortoise sich allzu sehr auf einen stoisch-endlos-repetitiven Neu!-Beat verlassen." Doch "im glücklicherweise häufigeren Fall driftet die Musik dabei mitsamt den Hörerinnen ins Tiefenentspannte und Abgeklärte. 'Promenade à deux' etwa, mit unerwartet romantischer Anmutung im Titel, gehört zu den schönsten Instrumentalballaden der Bandgeschichte. 'A Title Comes' basiert auf einem statisch pulsierenden Bass, über den Jeff Parker eine smoothe Jazz-Gitarre legt, bevor dann eine schillernde Synthie-Melodie das ganze Gebilde ins Flauschige schubst."
Jan Brachmann erinnert in der FAZ an unter anderem von Thomas Mann geführte historische Kontroversen um das deutscheLied und dem damit verbundenen "Musikchauvinismus" rund um die "deutscheInnerlichkeit" in Abgrenzung zur "bloß äußerlichen Zivilisation Frankreichs." Dabei steckt "hinter der vermeintlich exklusiv deutschen Innerlichkeit romantischen Wesens ein Engländer italienischer Herkunft als wichtigster Impulsgeber. Eine Geschichte musikalischer Romantik ist ohne MuzioClementi nicht zu schreiben.... Es ist Zeit, dass wir mit dieser Sonderstellung des deutschen Liedes aufräumen, dass wir seine Vergötzung und Fetischisierung beenden, um uns danach, erleichtert und klüger geworden, wieder an ihm zu erfreuen."
Weiteres: Die kenianische Blackmetalband Chovu musste ihre Europa-Tour absagen, weil ihr die Deutsche Botschaft mit dem Verdacht auf Migrationsabsicht die Visa verweigerte, berichtet Nicolai Kary in der taz. Besprochen werden Meredith Monks Album "Cellular Songs" (FR), ein Konzert von DeeDeeBridgewater beim Schweizer Festival Jazznojazz (NZZ), ein Konzert der WienerSymphoniker unter PetrPopelka (Standard), ein Auftritt von Yungblud in Wien (Standard), eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (NZZ), Rosalías Single "Berghain" (SZ) und das neue Album von LilyAllen, die darauf mit ihrem Ex-Ehemann, dem Schauspieler DavidHarbour, abrechnet (SZ).
Im VAN-Gespräch mit Merle Krafeld gibt der Komponist LucDöbereiner Einblick in seine Arbeit an dem Seniorenchor-Stück "Rekonstruktion für Chor", für das er auch auf KünstlicheIntelligenz zurückgreift. Ihn interessiert die Frage, "wie Technologie unser Hören strukturiert, unser Miteinander-Spielen, das Musikmachen, das Notieren und so weiter, alles, was zum Musizieren dazugehört. Technologie kann da auch ein Sinusoszillator sein, also ganz einfache Technologie. Bei KI sind zwei Sachen anders als sonst in elektroakustischer Musik oder elektronischer Musik: Man kann mit sehr vielen Daten arbeiten, sie durchsuchen und so Dinge entdecken, die man als Mensch sonst nicht entdecken oder wahrnehmen könnte. Und: Die Modelle können sich anpassen, das ist ja der Grundmechanismus des maschinellen Lernens, das hat man zum Beispiel bei einem Sinusoszillator nicht, der erzeugt einen bestimmten Ton, passt sich aber nicht an."
Merle Krafeld berichtet im VAN-Magazin vom Stand der vom Kulturstaatsministerium beauftragten Provienzprüfungen der sieben im Staatsbesitz befindlichen Streichinstrumente, die einst von den Nationalsozialisten angeschafft wurden, um sie unter anderem an "gottbegnadete" Musiker zu verleihen: Die Nazis kauften "die fünf Geigen, eine Bratsche und ein Cello zwar von Instrumentenhändlern, ihre Vorgeschichte stuft die aktuelle Studie allerdings in zwei Fällen als 'bedenklich' und in den fünf weiteren als zumindest 'klärungsbedürftig' ein. ... Wie mit den sieben 'Meistergeigen' des aktuellen Forschungsprojekts umzugehen ist, bleibt - zumindest, solange weder bewiesen noch widerlegt ist, dass sie im Kontext nationalsozialistischer Verfolgung entwendet oder erworben wurden - vorerst ungeklärt."
Weitere Artikel: Bei einer Veranstaltung in Berlin trafen ukrainische und deutsche Poeten und Musiker aufeinander, berichtet Katja Kollmann in der taz. Für die Welt spricht Manuel Brug mit der Cellistin JuliaHagen, die schon mit 30 Jahren "zu den herausragenden Musikerinnen auf ihrem Instrument gehört". Dorothea Walchshäusl erinnert in der NZZ an den "Tango Jalousie", den JacobGade vor hundert Jahren geschrieben hat. Das VAN-Magazin bringt eine Chronik der Ereignisse nach der Absage der EssenerPhilharmoniker, eine neue Auftragsarbeit von ClaraIannotta aufzuführen (unser Resümee), was im Nachhinein alles als eine große Kaskade des Aneinander-Vorbeiredens erscheint. Christian Schachinger erinnert im Standard an den vor 60 Jahren erschienenen The-Who-Song "My Generation".
Besprochen werden Konzerte von UriahHeep (FR) und Slavka Zámečníková (FR) sowie das Album "Plays the Breadminster Songbook" von The Alien Dub Orchestra (FR).
Anne-Catherine Simon von der Presse hat gegen die Auszeichnung dagegen nichts einzuwenden: "Alles wäre klar, würde man endlich die beharrliche Überhöhung und Selbsterhöhung der Kunst entsorgen. Würde man endlich aufhören, die menschliche Kompetenz zum 'Schönen', also zum ästhetisch Gelungenen, diese spezifische Art von Ausdruckskraft, aufblähen zur Meisterschaft im 'Wahren' und 'Guten'." Mit neuen Geigenbögen aus dafür besonders gut geeignetem Fernambukholz aus Brasilien könnte es bald ein Ende haben, schreibt Stefan Schickhaus in der FR: In einem Monat entscheidet die 20. Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens darüber, ob sie dem Antrag Brasiliens folgt und den Nationalbaum Paubrasilia echinata unter besonderen Schutz stellt. "Für die Bogenbauer wäre die Verschärfung des Schutzstatus ein ernstes Problem." Für den Geigenbauer Florian Leonhard "liegt die noch größere Bedrohung jedoch woanders: Der internationale Handel mit historischen Meisterbögen - teils mehrere Hundert Jahre alt - stünde vor dem Aus. Das wäre aus seiner Sicht eine kulturhistorischeKatastrophe, vergleichbar mit dem Handelsverbot für Elfenbein. ... Der Bau neuer Bögen ist also das eine Thema - das andere, in Leonhards Augen gravierendere ist die Einschränkung des alltäglichen Verkehrs mit Fernambukholzbögen. 'Es kann ja nicht sein, dass eine Spitzengeigerin wie Anne-Sophie Mutter mit ihrem Bogen, der seit 200 Jahren in Geigerhand ist, nicht mehr unterwegs sein darf.'"
Weiteres: Maxi Broecking porträtiert in der taz den New Yorker Saxofonisten DavidMurray, der beim Jazzfest Berlin auftritt. Robin Passon resümiert in der FAZ die Bohuslav-Martinů-Festtage in Basel. Karl Fluch spricht für den Standard mit dem österreichischen Schlagersänger Fuzzman. Torsten Groß redet in der SZ mit der Popmusikerin FlorenceWelch. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzschlagzeuger JackDeJohnette (weitere Nachrufe hier). In der FRgratuliert Stefan Michalzik MartinLejeune zum Jazzstipendium der Stadt Frankfurt. Der Podcast "Und dann kam Punk" spricht mit Westbam mehrere Stunden über dessen Punkwurzeln.
Besprochen werden das neue Blood-Orange-Album "Essex Honey" (taz, mehr dazu bereits hier), der Konzertfilm "M" von DepecheMode (Welt) und CatStevens' Autobiografie (NZZ).
Der Jazzschlagzeuger JackDeJohnette zählte zu den letzten großen Legenden des Jazz - er spielte mit Miles Davis, Thelonious Monk, John Coltrane, Bill Evans, Keith Jarrett und vielen weiteren, die, wie er, Rang und Namen hatten. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern stieß er vom Jazz aus das Tor zur Rockmusik mit auf: "In den befreiten Improvisationen des Jazz zu dieser Zeit steckte genug Psychedelik, um auch bei Konzerten zu wirken, auf denen nach ihnen Band wie die Grateful Dead spielten", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Immer größer wurden die Ensembles und Festivals, immer lauter die Musik. DeJohnette passte ideal dazu, weil er sich mit seiner offenen Spielweise auch gegen elektrische Gitarren und Keyboards durchsetzen konnte." Später bei ECM Records "konnte sich Jack DeJohnette immer wieder neu erfinden und entwickeln. In seinen Gruppen New Directions und Special Edition entwickelte sein Schlagzeugspiel eine Zentrifugalkraft, die sich Generationen zum Vorbild nahmen."
"Diese Subtilität. Diese Kraft. Diese Präzision", schwärmt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, "dieser Sinn für perkussive Klanglichkeit, die sich ihren Raum nicht von der Notwendigkeit abkaufen lässt, das rhythmische Gerüst zu liefern. ... Ob er Hardbop-Bands einen Drive verlieh, der sie über ihre Grenzen hinaustrieb oder in Fusionsexperimenten wie Compost groovte, ob er seiner eigenen Band Special Edition Schachtelrhythmen verordnete oder sich den Fliehkräften eines freien Jazz hingab, wie ihn die afroamerikanische Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) seiner Heimatstadt Chicago pflegte: Er war von einer seltenen Vielseitigkeit und blieb, anders als viele Kollegen, dabei doch immer er selbst." Ja, "DeJohnette konnte alles - auch abseits des Feinnervigen Substanz liefern", schreibt auch Ljubiša Tošić im Standard. Einen weiteren Nachruf schreibt Ueli Bernays in der NZZ.
Weitere Artikel: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Kontrabassisten FelixHenkelhausen. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. YuvalWeinberg ist der künftige Leiter des RundfunkchorsBerlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Tobias Langley-Hunt ist im Tagesspiegelratlos, warum die neue Single von Rosalía ausgerechnet "Berghain" heißt - jedenfalls lassen weder Text, noch Video einen Bezug zu dem Berliner Club erkennen.
Besprochen werden das neue Album von LilyAllen, die darauf laut Zeit-Online-Kritikerin Juliane Liebert "die zeitgenössische Dialektik des Persönlichen bespielt", eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (Welt), ein Johann-Strauß-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard) und das neue Album des Berliner Schlagersängers TristanBrusch (Zeit Online).
Maxi Broecking porträtiert in der tazAngelicaSanchez, die beim Jazzfest Berlin in zwei unterschiedlichen Formationen auftritt und sich dafür interessiert, "wie die Verästelungen der Nervenbahnen in Klangsysteme übersetzt werden können". Anna Weiß spaziert für die SZ mit dem Berliner Chansonnier TristanBrusch durch Neukölln bis zum Tempelhofer Feld. Stefan Michalzik resümiert in der FR das Deutsche Jazzfestival 2025in Frankfurt. "Die Popwelt hat plötzlich Spaß an der Ehe", schreibt Julian Theilen in der Welt angesichts dessen, dass mit TaylorSwift, LanaDelRey, DuaLipa und CharliXCX gerade ein ganzer Schwung millionenschwerer Popstars vor den Traualtar zieht. Im Standarderinnert Christoph Irrgeher an JohannStrauß, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden MariaKanitz' und LukasBecks Buch "Lauter Hass" über "Antisemitismus als popkulturelles Ereignis" (FR), eine Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl und dessen Kokainsucht (SZ), ein Auftritt von DianaKrall in Wien (Standard) und WolfgangMuthspiels Album "Tokyo" (Standard).
In der Frankfurter Pop-Anthologieschreibt Uwe Schütte über den "Cold Song" von KlausNomi:
Die EssenerPhilharmoniker haben sich nach einer Orchesterabstimmung dagegen entschieden, ClaraIannottas als Auftragswerk für das Essener Festival NOW komponierte Arbeit "Sand like gold-leaf in smithereens" aufzuführen, meldet VAN nach einer Stellungnahme der Komponistin. Demnach habe es schon frühzeitig im Schaffensprozess konfliktträchtige Vorbehalte gegenüber der Instrumentierung des Stücks "für verstimmte Violine, Orchester und Elektronik" gegeben. Iannotta warnt "vor einem Klima der 'stillenSelbstzensur', das entstehen könne, wenn Orchester sich neuen Klangideen verweigerten: 'Wenn Situationen wie diese nicht thematisiert werden, riskieren wir, dass Komponist:innen - besonders jüngere - ihre Sprache vorauseilend anpassen. Das schränkt künstlerische Freiheit und kollektive Vorstellungskraft ein.' Die Komponistin kritisiert einen 'tiefgreifenden Mangel an Neugier' in Teilen des Orchestersystems. 'Ein Orchester, als eine der mächtigsten und symbolträchtigsten Institutionen des Musiklebens, kann nicht behaupten, unsere Zeit zu repräsentieren, wenn es nur eine Art von Musik akzeptiert - nämlich diejenige, die den konventionellsten Vorstellungen von Instrumentation und Form entspricht.'"
Weitere Artikel: Julian Weber (taz), Gerrit Bartels (Tsp) und Joachim Hentschel (SZ) schreiben zum Tod des Soft-Cell-Musikers DaveBall. Bernd Noack (NZZ) und Wilhelm von Sternburg (FR) erinnern an JohannStrauss, der heute vor 200 Jahren geboren wurde. Dazu passend bringtDlf Kultur eine Lange Nacht von Jürgen König zu Strauss.
Besprochen werden PhilippThers Studie "Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs" (online nachgereicht von der FAZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit AlexanderMalofeev (FR), eine Kino-Doku über den Rapper Haftbefehl (FAZ) und das neue Album von Evan Dando (SZ).
"Alles pulsiert, und die Skizzen werden tanzbar", schreibttazler Benjamin Moldenhauer über "Hypgerglyph", das neue Album des Chicago Underground Duo, das auf dem renommierten Label International Anthem sein Comeback nach über zehn Jahren feiert. "Chad Taylor spielt polyrhythmische Muster, die man mit afrikanischen Musiktraditionen assoziiert. Rob Mazurek passt meist kurze, oft äußerst expressive Trompetenlinien in das überbordende Drumming ein, die in ihrer Rohheit und manchmal auch ihrer Brüchigkeit viel vom Spiel Don Cherrys haben." Es gelingt ihm "wie kaum einem anderen Jazztrompeter zurzeit, Gegensätzlichkeiten zu spielen und zugleich zu forcieren. Reizdichte und Leichtigkeit, Chaos und Struktur, Lounge-artiges und Freejazz-Zitate. In 'Contents of Your Heavenly Body' geht es um Körperlichkeit und Schönheit und implizit auch darum, dass die Zuschreibung, Jazz sei geschmäcklerisch und feingeistig, Blödsinn bleibt."
Wenn der öffentlich-rechtlicheRundfunk nach Ansicht der Politik kürzen soll - wohlgemerkt nicht etwa an der Menge von Heimatschnulzen und TV-Kommissaren, sondern an den Rundfunkorchestern -, dann gründet er erstmal, und zwar in der Regel eine Arbeitsgruppe. Im März machte die Politik ihre Forderung laut und schon im August meldeten die ARD-Anstalten Vollzug - Arbeitsgruppe gegründet. Was tut sich seitdem? VAN fragte nach. "Zugegeben, das war etwas übermütig", kommentiert Hartmut Welscher. "Geduld, Geduld, lautete folgerichtig die Antwort der freundlichen ARD-Pressestelle. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe werde mitsamt Auftrag schließlich erst in der nächsten Sitzung der Intendantinnen und Intendanten Ende September 'besprochen und beschlossen'." Weitere Nachfragen seitdem ergaben, dass mit Entwicklungen irgendeiner Art wohl überhaupt erst Ende 2026 zu rechnen sei. "Bis wir im nächsten Reformherbst wieder aufwachen, könnte die ARD vielleicht eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben zu der Frage, warum bei ihr noch jede simple Angelegenheit in kafkaesker Verantwortungsdiffusion endet."
Weitere Artikel: Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit RaphaëlPichon über dessen Arbeit mit dem EnsemblePygmalion und mit AdamPultzMelbye über dessen Forschungen, wie sich KI zur experimentellen Musik nutzen lässt. Arne Löffel spricht für die FR mit Teinel Throssell alias HAAi. Konstantinos Kosmas schreibt auf Zeit Online einen Nachruf auf DionysisSavvopoulos, den "Liedermacher der 68er-Bewegung in Griechenland". Ueli Bernays schreibt in der NZZ zum Tod des Soft-Cell-Keyboarders DaveBall.
Besprochen werden das neue Album von TameImpala (es fehlt eine "Idee von Klangwahrhaftigkeit", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online, "für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren, ist diese Musik ein Geschenk", schreibt Karl Fluch im Standard), ein neues Album der Chicks on Speed, denen zugleich eine Retrospektive in München gewidmet ist (taz), ein neues Album der Cellistin SolGabetta (NZZ), BobDylans Konzert in Hamburg (FR) und JoanneRobertsonsAlbum "Blurrr" ("purer musikalischer Genuss", schwärmttazler Johann Voigt).
Musik wird in Russland zum Mittel des Protests, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Die Band Stoptime hatte bei einem Straßenkonzert auf dem Newski-Prospekt im Stadtzentrum von Sankt Petersburg regierungskritische Songs gespielt. Die 18-jährige Sängerin Diana "Naoko" Loginowa wurde festgenommen, aber im Internet kursieren Solidaritätsvideos. Und kurz vor ihrer Festnahme hatte die Band noch ein Video mit dem Song "Kooperative Schwanensee" des russischen Rappers Noize MC eingespielt: "Jener Protestsong, den Noize MC 2022 nur kurz nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine veröffentlicht hatte, wurde von einem russischen Gericht im Mai als 'extremistisch' eingestuft. Darin kritisiert der Rapper den Krieg, die Staatspropaganda mit hasserfüllten Talkshows von Moderatoren wie Wladimir Solowjow sowie das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der russischen Gesellschaft: 'Wo wart ihr acht Jahre lang, ihr verfickten Unmenschen! / Ich will Ballett sehen / Lasst die Schwäne tanzen! / Lasst den Opa um seinen See zittern! / Weg mit Solowjow vom Bildschirm - lasst die Schwäne tanzen!' Mit 'dem Opa' ist wohl Putin gemeint, und 'Schwanensee' ist nicht nur das Ballett von Tschaikowski, sondern auch eine Metapher für den Zusammenbruch der politischen Ordnung."
Glaubt man Pop-Kritiker Jens Balzer in der Zeit in einem kleinen Eassy über die "Zukunft der Pop-Kritik im Feuilleton", dann kriegt man als Pop-Kritiker Morddrohungen, wenn man das neue Taylor-Swift-Album verreißt - ein lebensgefährlicher Job also. Besonders rabiat scheinen K-Pop-Fans zu sein. "Wenn man früher glaubte, dass Künstler Angst vor ihren Kritikern haben müssen, dann müssen heute eher Kritiker Angst vor den Fans der von ihnen kritisierten Künstler haben." Und dann noch die Influencer: "Der Influencer will keine Distanz zu seinen Gegenständen, er will reine Unmittelbarkeit."
Weiteres: Max Nyffeler gratuliert dem Komponisten Toshio Hosokawa in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden ein Konzert der Weltmusikstars Dhafer Youssef und Sona Jobarteh in Frankfurt (FR) und das "rundum lebendige" Suede-Album "Antidepressants" (Ebenfalls FR).
Und Florian Eichel hat für die Zeit den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einen der renommiertesten Kalvier-Wettbewerbe weltweit, besucht. Wenn der 24-jährige Georgier David Khrikuli Chopin spielt, klingt es, als höre man ihn zum ersten Mal, schreibt er. Hier kann man sich Bild und Ton machen, sein Auftritt in Warschau steht bei Youtube online:
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Ramie Targoff: Shakespeares Schwestern Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Bischoff. Elizabeth Cary bringt sich schon als Jugendliche mehrere Sprachen selbst bei und sorgt als Zehnjährige bei einem Hexenprozess…
Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts Sozialismus oder Barbarei? Sozialismus in der Barbarei! In seinem neuen Buch zieht Kohei Saito eine ernüchternde Bilanz: Teile der Umwelt, die unseren Wohlstand zuverlässig…
Tuvia Tenenbom: Wie nennt ihr dieses Land hier? Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Adrian. Mitten im Kriegs- und Krisenjahr reist Tuvia Tenenbom dorthin, wo Geschichte, Religion und Politik auf engstem Raum aufeinandertreffen:…
Linea Maja Ernst: Fast Abend, immer noch hell Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. An der Uni waren Sylvia und ihre Freunde unzertrennlich, jetzt haben sie Jobs, Beziehungen, manche sogar Kinder. Doch eine Sommerwoche…
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