Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2025 - Kunst

Inzwischen ist bekannt, welche Juwelen die Diebe aus dem Louvre erbeuteten, darunter eine Halskette und ein Ohrring aus der Kollektion von Kaiserin Marie-Louise, der zweiten Frau von Napoleon Bonaparte, und die Krone der Kaiserin Eugénie, die die Diebe allerdings verloren, meldet unter anderem der Tagesspiegel.

Bekannt waren auch die gravierenden Sicherheitslücken im Louvre, erinnert derweil Peter Kropmanns in der NZZ: "Erst im Sommer sickerte über streikendes Aufsichtspersonal durch, dass nicht nur Wasserschäden sowie defekte Toiletten und Aufzüge zu beklagen sind, sondern auch der erhebliche Personalmangel sowie etliche Schwachstellen im Sicherheitskonzept. Nun wurden nur wenige Stunden nach dem Raub Passagen eines alarmierenden Vorberichts des staatlichen Rechnungshofes bekannt, der im kommenden Monat in definitiver Fassung vorgelegt werden sollte. Demzufolge ist der Louvre sicherheitstechnisch seit langem in dramatischem Rückstand. Ein Drittel der Säle eines der Gebäudeflügel verfügt über keine einzige Überwachungskamera. In anderen Museumsbereichen fehlt entsprechende Technik in drei Vierteln der Räume."

Nils Minkmar erlebt in der SZ indes ein Land im "Wettrennen um die größtmögliche Selbstanklage": "Die Polizei hört sich im Milieu der üblichen Verdächtigen um, denn solch ein Raubzug überfordert auch die Branche der französischen Meisterdiebe. Die Gewerkschaften verweisen auf ihre wiederholten und ignorierten Warnungen, denn in den vergangenen Jahren wurden viele Stellen im Wachdienst gestrichen. Und der Präsident, der schon die Kathedrale in Rekordzeit erneuerte, die Olympischen Spiele nach Paris holte, der verspricht nun also eine rasche Ergreifung der Täter und eine Sicherstellung der geraubten Stücke."

Geradezu wehmütig erinnert sich Jonathan Guggenberger (taz) in der Berliner Galerie Krone daran, wie "rebellisch, melancholisch und lebensecht" Pop-Publizistik einst sein konnte. Dort werden derzeit Aufnahmen von Daniel Josefsohn gezeigt, und zwar nicht dessen "Hau-Drauf"-Kampagnen, sondern bisher "ungesehene, kleinformatig-tagebuchartige Momentaufnahmen", die Guggenberger Josefsohns nonkonformistische Haltung zeigen: "Ein junger Mann, der mit gespreizten Beinen auf einem abgewetzten Mid-Century-Schreibtisch sitzt und masturbiert. Verschwitzte, erschöpfte Gesichter, die zwischen aufgewühlten Laken hervorschauen. Das ineinander verschlungene Liebespaar, das mit vom Rave verschmutzten Lederstiefeln im Bett liegt und auf einem Fernseher Fesselpornos schaut. Alles verletzliche Szenen, in die die Kehrseite des Exzesses - das up and down und die Vergänglichkeit - schon unabwendbar eingeschrieben sind. Josefsohn schmiegt sich an diese Momente, als ob er sie vor dem Verschwinden retten will. Das ist seine Qualität als Dokumentarist: Er zeigt das Leben, wie es ist, und setzt sich selbst dazu in Beziehung."

Weitere Artikel: Berlin kann aufatmen, zumindest, was den Raubkunstverdacht der 96 surrealistischen Kunstwerke der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch betrifft, verkündet Marcus Woeller in der Welt. 26 Werke werden nun in der Ausstellung "Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus" in der Neuen Nationalgalerie mit besonderem Fokus auf deren Provenienz gezeigt, dabei sind die Objektbiografien mitunter spannender als die Werke selbst, findet Woeller. 

Besprochen werden außerdem die der deutsch-jüdisch-südafrikanischen Expressionistin Irma Stern gewidmete Ausstellung im Berliner Brücke-Museum (taz, mehr hier), die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Pariser Fondation Louis Vuitton (FAZ) und die Yayoi Kusama-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel (SZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2025 - Kunst

Am Sonntagmorgen ist der Louvre überfallen worden, die Diebe haben Schmuckstücke aus Napoleons Juwelensammlung mitgenommen, melden verschiedene Medien übereinstimmend. Tobias Timm erinnert der Raub in der Zeit an den Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe 2019: "Was passiert nun mit den verschwundenen Juwelen aus dem Louvre? Die Täter könnten versuchen, sie als Pfand zu verwenden, um eine große Lösegeldsumme vom Museum oder seiner Versicherung zu erpressen. Der Fall des Grünen Gewölbes hat nämlich auch gezeigt, wie schwierig es ist, historische Juwelen zu Geld zu machen. Viele Brillanten und Diamanten haben einen einzigartigen Schliff, sind also für Experten sofort wiederzuerkennen. Für einen erfolgreichen Verkauf müssten sie unter hohem Materialverlust umgeschliffen und so unkenntlich gemacht werden. Ein Vorgehen, das den Verlust dieser historisch so wichtigen Objekte endgültig besiegeln würde."

Eine sehr hübsche Karikatur zum Einbruch: "Sie sind da lang gelaufen."


In der Berliner Zeitung macht Harald Neuber ein ungutes Muster sichtbar, in das sich der Louvre-Raub einfügt: "Was hier verloren geht, ist nichts Geringeres als das kollektive Gedächtnis Europas. Der organisierte Kunstraub hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die romantische Vorstellung vom Kunstdieb als kultiviertem Gentleman-Ganoven à la Thomas Crown ist eine Hollywood-Fantasie. Die Realität ist prosaischer und brutaler. Die Operation Pandora IX, durchgeführt von Europol und Interpol im Jahr 2024, führte zu 80 Festnahmen in 23 Ländern und zur Sicherstellung von 37.700 illegal gehandelten Kulturgütern. Die Ermittler zeichnen das Bild einer hochprofessionellen, arbeitsteilig organisierten Kriminalität: Späher, die monatelang Sicherheitslücken auskundschaften. Logistiker, die Fluchtwege und Verstecke organisieren. Hehler mit Verbindungen zu internationalen Schwarzmärkten. Und ausführende Kommandos, die mit militärischer Präzision zuschlagen. Die Täterprofile sind dabei so divers wie beunruhigend." Auch Tagesspiegel und NZZ berichten.

Weiteres: Die taz stellt die Künstlerin Kerstin Brätsch vor, die die heutige Ausgabe illustriert.

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Close Enough. Perspectives by Women Photographers of Magnum" im C/O Berlin (Monopol) und "Michaelina Wautier" im Kunsthistorischen Museum Wien (FAZ).
Stichwörter: Louvre, Kunstdiebstahl, Kunstraub

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2025 - Kunst

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Ein Beitrag geteilt von Dariia Kuzmych (@dariiakuzmych)


Yelizaveta Landenberger stellt auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, die den Krieg in der Ukraine, in dem sowohl ihr Partner, ihr Vater als auch ihr Bruder kämpfen, in ihrem Werk verarbeitet, etwa in Aquarell-Skizzen, die sie "für eine große Installation im österreichischen Traiskirchen, einem Ort, der vor allem für sein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge bekannt ist", machte: "Als die russische Vollinvasion begann, befand sich Kuzmych gerade in Wien und sollte ihren Beitrag vorbereiten. Sie beschloss, ihre Skizzen von gebrochenen Knochen, zerrissenen Muskeln und Weinreben auf große Segelstoffpaneele zu drucken. 'Körperreich, samtig, stechend, pochend' lautet der Titel ihrer Arbeit. Es sind Worte, die sowohl Wein als auch Schmerz beschreiben können. Österreich wirke auf sie unglaublich hedonistisch, das Erstaufnahmezentrum befinde sich inmitten von Weinreben. Dieser Kontrast habe sie interessiert, erläutert sie: 'Die traumatische Erfahrung trennt dich von der Welt ab. Sie ist wie ein Schleier vor den Augen, durch den du die Welt betrachtest.'"

Ausstellungsansicht: "Anatomie der Fragilität". Bild: Clemente Susini, Venerina (Liegende weibliche Figur mit abnehmbaren anatomischen Teilen), 18. Jh. (ca. 1782). Foto: Arnim Eisenhut (privat)

Sylvia Staude (FR) betrachtet fasziniert die Körper-Kunst, die der Kunstverein Frankfurt in der Ausstellung "Anatomie der Fragilität" zeigt. Alles andere als "perfekte Körper-Bilder" kann man hier sehen, im Gegenteil wird der Mensch in seiner Verletzlichkeit gezeigt - das ist manchmal auch etwas eklig: "Aus Bologna kommen anatomische Wachsfiguren von Clemente Michelangelo Sasini (1754-1814), am spektakulärsten wohl die 'Venerina'. Eine zarte Frau, deren Kopf (mit echtem Haar) zurückgebeugt ist, ihr Hals ist dadurch entblößt - gleichzeitig trägt sie eine Perlenkette. Gab es ein (totes) Modell, wollte man ihr damit einen Rest von Respekt erweisen, entblößt, wie sie ist? Denn ihr Brust- und Bauchraum sind offen, ihr zu Füßen liegt unter anderem das Gedärm. Einen hautlosen Arm gibt es in der Ausstellung, darauf blaue Adern wie Flüsse. Augäpfel gibt es, die in allerlei Richtungen blicken. Die Nerven wie Tentakel, als würden sich die Augen ankrallen am Gesicht." 

Weiteres: In der taz zeichnet Tilman Baumgärtel die Geschichte der "Copy Art" nach, Kunst, die mit Fotokopien arbeitet. Besprochen werden die Ausstellung "Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter" im Kunstpalast Düsseldorf (FAZ), die Ausstellung "Diane Arbus. Konstellationen" im Gropius Bau Berlin (FAS, tsp) und die Ausstellung "Impressionismus in Deutschland. Max Liebermann und seine Zeit" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (NZZ).
Stichwörter: Ukrainekrieg

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2025 - Kunst

Bild: Diane Arbus, Lady bartender at home with a souvenir dog, New Orleans, La. 1964 © The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation

Diane Arbus fotografierte "Alte, Dicke, Menschen mit Behinderung, trans Personen, Paare mit schrägen Hobbys", Susan Sontag verwendete in ihrem Essay "Über Fotografie" von 1977 den Begriff "Freak Show", erinnert uns Birgit Rieger im Tagesspiegel - und widerspricht: Denn die Schau "Konstellationen" im Berliner Gropiusbau zeigt: "Arbus' Herangehensweise spricht dagegen. Sie lässt die Kamera arbeiten und die Menschen sich selbst inszenieren. Meist trifft sie die Personen mehrmals, baut langfristige Beziehungen auf, besucht sie zu Hause." Auch Marcus Woeller kann in der Welt keineswegs erkennen, dass Arbus auf "die Anderen" herabsehe, wie Sontag behauptete: "Arbus' Interesse an den Rändern der Gesellschaft erscheint hier als humanistischer Impuls: keine zynische Gleichmacherei, sondern radikale Gleichbehandlung. … Sie wollte zeigen, was die plurale Gesellschaft beinhaltet - und hat damit die Akzeptanz des Andersseins vorweggenommen. Für Arbus war Fotografie nie Mittel der Idealisierung, sondern Medium der Wahrhaftigkeit - ein Gegenentwurf zu den Schönheitsnormen, die sie als Fotografin für Modemagazine einst bedient hatte."

Die Biennale von São Paulo ist nicht nur die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Südamerika, sondern auch die nach Venedig zweitältesten Kunstbiennale der Welt, erinnert Martina Farmbauer, die für die Welt die 36., aktuell von HDK-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung kuratierte Ausgabe besucht hat. Auch im "Globalen Süden muss der Globale Süden erst einmal ankommen", erkennt die Kritikerin hier, denn auch in Brasilien werden viele Künstler erst jetzt entdeckt: "Im Fokus stehen unter ihnen vor allem afrobrasilianische und indigene Künstler. Die Bronzeskulpturen von Nádia Taquary, deren Arbeit von Geschichten und Traditionen schwarzer Frauen aus der Kolonialzeit inspiriert ist, waren der Favorit mehrerer Besucher, etwa des deutsch-brasilianischen Sammlerpaares Stefan Vilsmeier und Sérgio Linhares aus München. Taquarys beeindruckende, unheimliche Skulpturen interpretieren den weiblichen Körper als Vogel ähnliche Figuren. Zu der Installation 'Ìrokò: A árvore cósmica' gehört auch ein leuchtend-orangener Baum aus Fiberglas."

Besprochen werden außerdem die Schau "Gothic Modern" in der Wiener Albertina (NZZ, mehr hier) und - im Welt-Print - die Minimal Art Ausstellung in der Pinault Collection in Paris (wir haben schon darauf hingewiesen).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2025 - Kunst

 Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room - Illusion Inside the Heart, 2025
Innenansicht, Spiegelpolierter Edelstahl mit Glasspiegeln und farbiges Acryl, 300 x 300 x 300 cm, Collection of the artist. © Yayoi Kusama

Hinter der "hippiesken Farbenfrohheit und Popkulturnähe" der Werke Yayoi Kusamas blitzt immer wieder "das Fratzenhafte der Welt, das Schaudern vor dem Tod" hervor, stellt Zeit-Kritiker David Hugendick in einer großen Retrospektive der japanischen Künstlerin in der Fondation Beyeler fest: "Man läuft hier durch die Obsessionen einer Frau, einer Tochter aus wohlhabendem, verstocktem Haus, der die späten Fünfzigerjahre im ohnehin verstockten Japan zu eng, zu stickig wurden und die nach New York floh, und bald steht man vor der Verlorenheit ihres Bildes The Pacific Ocean, ein Seestück, das nach ihrem Flug entstand, ein Tosen aus wabernden grauen Punkten auf dem Grau der Leinwand, eine frostige Einsamkeit, die einen verschluckt, eine Eiswüste der Abstraktion. Kusamas Punkte sind nicht immer perfekte Punkte, oft ähneln sie Zellstrukturen, Blutkörperchen, organischer Materie, und ihre Punkte sind nie als Ende zu verstehen, sondern eher als halluzinatorische Ausbreitung der Endlosigkeit, als Raster, als unendliches Netz. Und wenn kein Ende in Sicht ist, kann man das natürlich auch Vision nennen."

Benedict Enwonwu Black Culture 1986 Lent by Kavita Chellaram 2025 © The Ben Enwonwu Foundation 

"Nie zuvor ist nigerianischen Künstlern der Moderne so viel Prominenz und Raum gegeben worden", wie in der Ausstellung "Nigerian Modernism" in der Tate Modern in London, staunt FAZ-Kritikerin Eva Lapido: "Herausragend sind die Werke von Ben Enwonwu, dem bekanntesten Vertreter der nigerianischen Moderne, der als Bildhauer und Maler arbeitete. Vor der Unabhängigkeit schuf er, nach zahlreichen Sitzungen in Buckingham Palace, eine überlebensgroße Bronze von Queen Elisabeth II. Nach der Unabhängigkeit erhielt er den Auftrag des Daily Mirror, die Londoner Lobby der britischen Zeitung zu verschönern. Seine Holzskulpturen von stehenden Zeitungslesern sind grandiose Beispiele für die Fusion von Realismus und Phantasie, Witz und Ernst, Funktion und Kunst, die damals in Mode war und dem heutigen Zeitgeist so gefällt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2025 - Kunst

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515 Holzschnitt Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Nürnberg war ein "früher Treiber der Globalisierung", lernt ein verzückter Stefan Trinks in einer Ausstellung des dortigen Germanischen Nationalmuseums. Der Handel und die Künste blühten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Mittelfranken. Einige Exponate zeigen sehr direkt, wie der Nürnberger Einfluss damals selbst in fernsten Orten sichtbar wurde. "Unfassbar", so Trinks in der FAZ, "scheint ein vollständig beschnitztes und rubinverziertes Elfenbeinkästchen aus dem heutigen Sri Lanka, eines von nur elf weltweit erhaltenen, auf dessen Deckel unverkennbar Dürers Dudelsackspieler prangt. Obwohl Motive als Grafik auf Papier einigermaßen leicht reisen können, schüttelt man dennoch vor dem weit mehr als 12.000 Kilometern Seeweg gereisten und von einem ceylonesischen Schnitzer aufgegriffenen Nürnberger Musikanten in Bein den Kopf."

FAZ-Kollege Georg Imdahl wiederum schaut sich in den Hamburger Deichtorhallen um, wo derzeit Daniel Spoerri eine Schau gewidmet ist. Bekannt geworden ist der Künstler vor allem durch seine Skulpturen aus Essensresten. Imdahl ist einigermaßen fasziniert. "Die Ausstellung macht vor allem dies kenntlich: In all den Essensresten, geleerten Weinflaschen, verkrusteten Messern und Gabeln tut sich nicht nur gepflegte Geselligkeit kund. Gewiss auch keine Henkersmahlzeit, wohl aber stets ein kleiner Tod. Vieles sieht nach Gelage aus. Den Ansprüchen eines Knigge hätte manch dergestalt hinterlassenes Memento mori nicht genügt."
Agnes Martin, Blue-Grey Composition, 1962 Pinault Collection. © Agnes Martin Foundation, New York / SIAE 2023. Photo Marco Cappelletti © Palazzo Grassi

"Alles hat seine Zeit gehabt. Auch 'Minimal'": Das lernt Hans-Joachim Müller in einer Schau, die die Pariser Pinault-Collection einer Kunstrichtung widmet, die zurück zu den Basics, den alltäglichen Grundlagen unseres Lebens strebte. Müller denkt in der Welt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Minimal-Art nach und konzentriert sich in seiner Besprechung vor allem auf die Arbeiten von Frauen, die lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen. Wie zum Beispiel die Brasilianerin Lygia Pape, deren Arbeiten für Müller zu den Höhepunkten der Schau zählen: "Ihre 'Tecelar'-Holzschnitte auf Japanpapier mit Flächen aufgelöster Kuben, kriechen wie fliehende Ameisenschwärme über die Wände. Während ein wackliges Video zeigt, wie Pape aus einer am Meer abgestellten Papierhütte in einem Akt selbstgeburtlicher Anstrengung schlüpft, während auf großer Leinwand die Teilnehmer einer Performance unter einem bis auf die Köpfe alles abdeckenden Tuch zum 'neokonkreten Ballett' animiert werden. Und nebenan, ganz hinten herrscht erhabenes Schweigen, wo im dunklen Raum ein Dutzend rechteckiger Bündel Goldfäden schräg zwischen Decke und Boden gespannt sind, dass es aussieht, als breche das Sonnenlicht durch ein Gitter ins Verlies."

Besprochen werden "Elvira Bach: So rot, so rot", in der Berliner Galerie Friese (taz), Bryan Adams' Fotoausstellung "#Shotbyadams" im Kunsthaus Göttingen (SZ), die Schau "Der Berliner Skulpturenfund", die im Neuen Museum von den Nazis verfemte und erst jüngst wiederentdeckte Werke präsentiert (Tagesspiegel, Standard), die Schau "Utopia. Recht auf Hoffnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz), die Helga-Paris-Retrospektive im Fotografiska Berlin (FR) und die Schau "Vom Dunkeln ins Licht: Eine Spurensuche" im Berliner Kunstquartier Bethanien, in der Kunstwerke präsentiert werden, die von Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel geschaffen wurden (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2025 - Kunst

Aus "dem Vollen" schöpft die Ausstellung "Fünf Freunde" im Kölner Museum Ludwig, die sich dem "Beziehungsnetzwerk" der Künstler John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly widmet, freut sich taz-Kritikerin Regine Müller. Die fünf Künstler verband tiefe Freundschaft, ihre Kunst und auch gegenseitige Liebe: "Hoch anzurechnen ist der Ausstellung, dass sie die 'Queerness' der Künstler und ihre Liebesbeziehungen zwar als Erzählfaden definiert, aber gar nichts Reißerisches hat. Die Schau guckt nicht durchs Schlüsselloch, sondern versucht, die Codes und Hinweise auf das Private in den Werken zu finden. Am offensichtlichsten gelingt das in einem offenen Rondell, das mit Rauschenbergs 'Bett' von 1955 die prominenteste Leihgabe der Schau zeigt. Für diese Arbeit aus der Reihe der 'Combines' klebte Rauschenberg sein eigenes Bett mit Laken und inzwischen ausgebleichter Steppdecke auf eine Holzunterlage und besprenkelte und bekritzelte den Kopfteil mit Farbe und Grafit. Wenn man will, kann man in den Kritzeleien im Kopfteil Reminiszenzen an die typische Arbeitsweise von Cy Twombly erkennen. Gegenüber steht in der Schau eine 'Odalisk'-Skulptur, die Rauschenberg mit einem ausgestopften Hahn bekrönte, dessen englischer Name 'cock' bekanntlich doppeldeutig ist."

Sarah Gillespie, Peppered Moth, 2021, Mezzotinto, aus der Serie A Litany of Moths, © Sarah Gillespie 

Die Geheimnisse der Nacht kann FR-Kritikerin Sylvia Staude im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg ergründen. Dort widmet sich die Ausstellung "Nachtleben" verschiedenen Facetten der Dunkelheit. Zum Beispiel mit Thierry Cohens "'Darkened Cities' von denen im Sinclair-Haus Tokio, Warschau, Rio de Janeiro in Umrissen und mit Sternenhimmel zu sehen sind. Mit Sternenhimmel? In der Realität sind diese Städte viel zu hell. Cohen fotografiert sie darum sogar tagsüber, dann den Himmel an einem lichtfernen Ort desselben Breitengrades, fügt beides digital zusammen. So dass sich nun ein zaubrisch funkelnder Himmel über grau-schwarzen Gebäuden wölbt. Noch ein Stück weiter geht Yann Mingard in seiner Serie 'Repaires' (franz. Versteck, Unterschlupf), die als Fotobuch erschienen ist, das von Seite zu Seite dunkler, schwärzer wird. Eines der letzten Bilder aus dieser Reihe hängt im Sinclair-Haus - und wenn man lange genug schaut, die Augen gewöhnt, wenn die fast schwarze Fläche nicht zu sehr spiegelt, erkennt man im feinen Umriss eine fliegende Eule."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2025 - Kunst

Gertrud von Kunowski: Die Malschule. Credit: Bauhaus-Archiv Berlin, Gerrud von Kunowski

Dank der Kuratorin Kathrin DuBois kann Jörg Restorff (Monopol) in der Ausstellung "Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter" im Kunstpalast Düsseldorf so einige interessante Kunstwerke entdecken. Die Ausstellung lenkt den Blick auf Künstlerinnen, die zwischen 1819 und 1919 in Düsseldorf gearbeitet haben, letzteres Datum markiert die "schrittweise Öffnung der Kunsthochschule für Frauen". Hier werden anhand von 31 Künstlerinnen die zahlreichen Facetten ihres Könnens gezeigt: "Ihre Selbstporträts scheinen uns in direkte Tuchfühlung mit ihnen zu bringen. Diese Nähe über eine Distanz von mehr als 150 Jahren hinweg vermittelt am eindrücklichsten das vitale Selbstbildnis, das Mathilde Dietrichson 1865 anfertigte. Nicht von ungefähr wurde es als Cover-Motiv des Katalogs ausgewählt. Die norwegische Künstlerin, damals 28 Jahre alt, wendet den Kopf nach rechts, um uns geradewegs ins Gesicht zu blicken - so, als wolle sie Kontakt zum Betrachter aufnehmen. Sie hatte ihre Ausbildung in Düsseldorf 1857 begonnen. (…) Obwohl Mathilde Dietrichsons Bilder international präsent waren - unter anderem auf der Weltausstellung 1878 in Paris -, verblasste ihr Ruhm schon zu Lebzeiten."

Besprochen werden außerdem die Installation "Steve McQueen: Occupied City" im Rijksmuseum Amsterdam (NZZ) und Asta Grötings Ausstellung "Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve" im Frankfurter Städel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2025 - Kunst


"Natur, Kultur und Imagination" vermischen sich in der Installation "Flüssige Matrix" des israelischen Architekten Yuval Baer zu einem "Rausch" aus Farben und Formen, dem sich Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Meixner im Kunstraum "The Ballery" in Berlin kaum entziehen kann. Dass das Werk "auf den Lehren der Kabbala basiert, der mystischen Lehre des Judentums, und mit uralten Daten aus dem 'Buch der Schöpfung' operiert, mit deren Hilfe man im Idealfall zu universellen Einsichten gelangen kann, muss man Baer glauben. Ohne ein Wissen darüber lässt sich kaum etwas entziffern. Im Raum selbst legt sich die Projektion wie eine luzide Schicht zwischen die Architektur, die ihre Konturen verliert. Auch die Besucher werden Teil des Loops, in dem Blüten wachsen und verwelken, wo tiefrote Flammen tanzen und es blaue Codes vom Himmel regnet."

Weitere Artikel: Im WamS-Interview unterhält sich der Fotograf Andreas Gursky mit Boris Pofalla über seine neue Ausstellung in der White Cube Gallery in London. Anlässlich einer Ausstellung im Musée de l'Orangerie in Paris stellt Bettina Wohlfahrt in der FAZ die Galeristin Berthe Weill vor. Besprochen wird die Suzanne-Duchamp-Retrospektive in der Schirn in Frankfurt (FR, unser Resümee).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2025 - Kunst

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In ihrer Zeit brachte es Marcels Schwester Suzanne Duchamp zu einigem Ruhm, schnell geriet sie aber in Vergessenheit. Nun widmet ihr die Frankfurter Schirn eine erste große Einzelausstellung und Stefan Trinks (FAZ) bemerkt, dass sich die Malerin keineswegs hinter ihrem Bruder zu verstecken braucht. Zu sehen sind frühe kubische Stadtveduten, gemalte Readymades und Schrift-Material-Collagen, die Hannah Höchs Collagen ebenbürtig sind, so Trinks: "Das äußert sich in seltener Klarheit auf der in mehrfacher Hinsicht verstörenden Collage 'Vergessene Ariette der benommenen Kapelle' von 1920. Die zwei Jahre zuvor vollzogene Metamorphose von Ballons in Vollmonde und jene der explodierenden Sterne in bunte Lichtreflexe im Bild entsprachen Duchamps großem Faible für den poetisch gestirnten Himmel über uns. Diese ausgeprägte Astrophilie kehrt in 'Ariette' wieder als dichtes Sternregen-Feuerwerk, das als Vexierbild indirekt den amorphen Körper eines Bogenschützen mit den Gesichtszügen ihres Mannes Jean inklusive eines echten Glasauges bildet. Der Pfeil der surreal quer durch das Bild gespannten Bögen peilt eine Zielscheibe an, die Crottis Hinterkopf anstelle eines Ohres bedeckt." Den Katalog zur Ausstellung haben wir bereits in unserem Bücherbrief August empfohlen. 

Ernst Ludwig Kirchner, Akrobatenpaar - Plastik, 1932-1933, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990. Foto: Jakob Jägli

Obwohl nahezu gleich alt, begegneten sie einander nie - Ernst Ludwig Kirchner wünschte sich allerdings, einmal gemeinsam mit Picasso ausgestellt zu werden. Den Wunsch hat ihm das LWL-Museum in Münster nun erfüllt, und Alexander Menden (SZ) erkennt in Kirchners Werk zwar Picassos Einfluss, schlechter weg kommt der deutsche Expressionist dabei aber nicht: "Tatsächlich wirkt er in der Frühphase seines Schaffens teils sogar risikofreudiger als Picasso. Während dieser 1901 einen weiblichen liegenden Akt ganz impressionistisch und frontal malt, wagt Kirchner 1904 im gleichen Sujet eine unkonventionellere, unidealisierte Rückenansicht. Allerdings muss man dabei im Hinterkopf behalten, dass Kirchner damals noch immer Architekturstudent war und gerade erst ein Interesse für das Werk Kandinskys und die französischen Neoimpressionisten entwickelte, während Picasso bereits erste Ausstellungen in Paris gehabt hatte."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Ian Waelder: thereafter", "Trevor Yeung: Underwater Haze", "Som Supaparinya: The rivers they don't see" in der Kestner-Gesellschaft in Hannover (taz) und die Ausstellung "Andrzej Steinbach: "Hier" im Museum für Photographie Braunschweig (taz)