Lange vor Jürgen Teller, der jüngst einen Bildband über Auschwitz herausbrachte (mehr in unserem Fotolot), lichtete der französische Fotograf Raymond Depardon im Jahr 1979 das Konzentrationslager im Stil des "des Taktvoll-Dokumentarischen, Unpathetisch-Betroffenen, vor allem aber dezidiert Signaturfreien" ab, erinnert Marc Zitzmann, der für die FAZ die Depardon-Ausstellung im Mémorial de la Shoah in Paris besucht hat: Depardon versuchte "das Unfassbare zumindest in seinen materiellen Relikten zu erfassen, in Landschaften, Gebäuden und hinterlassenen Objekten. Depardons Bildkompositionen sind schnörkellos: sauber belichtet und fokussiert, fast unweigerlich lotrecht. Nur selten erlaubt sich der Fotograf eine expressionistische Schräge - besonders ausdrucksvoll im Querformat einer Laterne vor einem um 45 Grad gebeugten Wachturm. Was am stärksten im Gedächtnis haftet, ist der harte Kontrast zwischen verschneiten Dächern, Böden und Wiesen unter bleichem Himmel einerseits und finsteren Bauten, Bäumen und Masten anderseits."
Laut UNESCO wurden bis April 2025 485 Kulturstätten, darunter 34 Museen, in der Ukraine beschädigt, weiß Christian-Zsolt Varga, der sich in der FAZ die Frage stellt, wie der Angriff auf die kulturelle Identität die Arbeit von Kuratoren und Künstlern verändert. Nach wie vor versuchen auch die Künstler Widerstand zu leisten, gegen die Leere, den Angriff auf die Kultur und das Vergessen, erfährt Varga etwa von der BildhauerinZhanna Kadyrova. "Mit 'Russian Rocket' beklebte sie Fensterscheiben von Autos und S-Bahnen in europäischen Städten mit raketenförmigen Stickern. Während der Fahrt entsteht so die Illusion von Geschossen, die vor der Kulisse friedlicher Normalität vorbeifliegen. Für die Serie 'Harmless War' tauchte sie zerschossenen Kriegsschutt in weiße Farbe und überführte ihn in geometrische Skulpturen. Formal glatt, beinahe dekorativ. Es ist ein Angebot - und eine Kritik an der ästhetischen Entschärfung des Krieges im Westen."
Trump will die Bundesmuseen in Washington auf "spaltende" Narrative prüfen lassen (unser Resümee). "Das ist ein kulturpolitischer Dammbruch", kommentiert Marcus Woeller in der Welt: "Wenn die unterschiedlichen Perspektiven der historischen Forschung und Darstellung durch einen vom Weißen Haus diktierten inhaltlichen Standard ersetzt wird, dann ist das mehr als eine Verwaltungsvorgabe und mehr als ein zensorischer Eingriff - es ist der Versuch einer ideologischenRe-Formatierungder Geschichte. (...) Gerichte werden klären müssen, ob die Revision verfassungskonform ist. Die zentrale Frage: Handelt es sich bei Museumsausstellungen um staatliche Meinungsäußerung oder um kuratorische Inhalte, die vom ersten Verfassungszusatz (freie Meinungsäußerung) geschützt sind?" Zunächst aber komme es auf den "Ungehorsam" von Direktoren, Kuratoren und Mitarbeitern der Institutionen an, so Woeller. "Museen werden zu Schaufenstern der Regierungspolitik", kommentiert Daniel Völzke bei Monopol.
Besprochen wird die Bernd Zimmer-Ausstellung in der Berlin Galerie Brennecke (Tagesspiegel).
Die Zensur in den USA geht in eine neue Runde, berichtet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ. Donald Trump hat nun angekündigt, die Ausstellungen in den Smithsonian-Museen zu überprüfen: "Trumps Offizielle kündigten darin an, sie würden die Ausstellungen in zunächst acht der 21 Smithsonian-Museen auf den 'Ton, die historische Kontextualisierung und die Übereinstimmung mit amerikanischen Idealen' hin überprüfen. Die Museen hätten 120 Tage Zeit, 'spalterische oder ideologisch motivierte Sprache durch einigende, historisch korrekte und konstruktive Beschreibungen' zu ersetzen.
Besprochen wird die Ausstellung "The Quiet Space" im Kraftwerk Berlin (taz) und die Ausstellung "Fiona Tan: Monomania" im Rijksmuseum Amsterdam (FAZ).
Von Angesicht zu Angesicht mit dem Sonnenkönig: Peter Kropmanns studiert in einer Ausstellung in Versailles begeistert eine Marmorbüste Ludwig XIV., angefertigt von Gian Lorenzo Bernini. Es ist die "Büste eines jungen Mannes mit üppiger Lockenpracht, selbstbewusst und entschlossen in den Raum schauend, unter dem Hals ein Spitzenjabot, Schultern und Brust in einen faltenreich zu einer Seite flatternden Umhang gehüllt, als fahre der Wind hinein." Sie entstand 1665 bei einem Aufenthalt Berninis in Versailles: "Der König nämlich hatte ihn auch gebeten, sein Antlitz zu meißeln, wofür er dreizehn Sitzungen erdulden musste. Als das Abbild samt Perücke nach gut drei Monaten vollendet, geschliffen und poliert war, soll Bernini es als sein 'am wenigsten schlecht' geratenes Porträt bezeichnet haben. Der höchst anspruchsvolle Dargestellte war seinerseits begeistert. Zwar befragte er seine Höflinge, wie es um die Treffsicherheit stand, mit der seine Physiognomie naturgetreu erfasst wurde. Doch erkannte er selbst, dass der idealisierte Ausdruck seines Selbstverständnisses, jenes eines werdenden absolutistischen Souveräns, perfekt gelungen war."
Die ukrainische Kuratorin Marina Hrytsenko und der Künstler David Chichkan sind beide an der ukrainischen Front gefallen. In der FAZ würdigt Konstantin Akinscha deren Verdienste: "Als alleinerziehende Mutter blieb Marina nicht nur in der Stadt, sondern zog mit ihrem Kind in den Keller des Museums, um dessen Sammlung vor Plünderung und Zerstörung zu schützen. Sie blieb bis Anfang April, als sich die russischen Truppen zurückzogen, in dem Gebäude - ohne fließendes Wasser und Strom. Für den Schutz der Schätze während der Schrecken der Belagerung und der ständigen Bombardierungen erhielt sie kaum öffentliche Anerkennung." In der tazschreibt Yelizaveta Landenberger über Chichkan: "Viele fassten seine Kunst als Provokation auf. Seine Ausstellungen wurden mehrfach von Ultrarechten demoliert, zuletzt wurde seine Ausstellung in Odessa Anfang 2024 auf deren Druck hin abgesagt. Aber Chichkan ließ sich nicht unterkriegen."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Graffiti" im Museion Bozen (taz).
Weiteres: In der tazstellt Jonathan Guggenberger den jüdischen Künstler und Influencer Navot Miller vor, dessen Bilder in der Ausstellung "Paradise" in der Galerie Dittrich & Schlechtriem in Berlin zu sehen ist. Besprochen wird die Ausstellung "Netzwerk Paris - Abstraction-Création 1931-1937" im Arp-Museum Rolandseck (FAZ).
Hilka Dirks berichtet in der taz von der Ostfriesland Biennale. Nicola Kuhn porträtiertKathleen Reinhardt, die Direktorin des Georg Kolbe-Museums, im Tagesspiegel.
Besprochen wird: Die Ausstellung "The Lure of the Image - Wie Bilder im Netz verlocken" im Fotomuseum Winterthur (NZZ).
Peter Truschner betrachtet für sein Perlentaucher-Fotolot die Annegret-Soltau-Ausstellung im Städel - endlich wird sie groß gewürdigt! Ihre Selbstreflexion ist klassisch feministisch: "Soltau nimmt ihren nackten, weiblichen Körper ins Visier, diesen Ort des patriarchalischen Kulturkampfes, den eine Generation von feministisch motivierten Künstlerinnen als fremdbestimmt und politisch instrumentalisiert erkennt, und sich vornimmt, mit den Mitteln der Kunst Selbstbestimmung über ihn und ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft zu erlangen." So zeigt sie ihren nackten Körper etwa als den Körper einer Schwangeren und einer Mutter: "Die seriellen Schwarzweiß-Arbeiten, die zu dieser Thematik entstehen, gehören ästhetisch zu den besten Arbeiten zu diesem Thema überhaupt (soll heißen: nicht nur in Deutschland, und nicht nur in der Fotografie). Die Negative der auf Bögen zusammengefassten Einzelbilder - mal zwanzig, mal eintausenddreihundertzweiundfünfzig - sind mit einer Nadel zerkratzt (weshalb Soltau sie 'Foto-Radierungen' nennt) und so lange bearbeitet worden, bis Soltaus Körper ausgelöscht ist, und nichts als Schwärze übrig bleibt."
Detail eines byzantinischen Mosaiks. Jabalia. Foto: J.-B. Humbert Die Ausstellung "Saved Treasures of Gaza" im Institut du Monde Arabe, die 5000 Jahre kulturelle und archäologische Geschichte in Gaza nachzeichnet, ist zu einem Sommerhit in Paris geworden, weiß Angelique Chrisafis im Guardian. Der Ausstellung gehe es darum, Gaza, einst Handelszentrum und intellektuelles Zentrum, seine Geschichte und Menschlichkeit zurückzugeben, sagt Élodie Bouffard, die leitende Kuratorin. "Eines der wichtigsten Stücke der Ausstellung ist eine kleine Marmorstatue einer Göttin, vermutlich Aphrodite oder Hekate, aus der römischen oder hellenischen Zeit, die einst in einem Tempel saß. Bouffard sagte, das Schicksal der Statue sei ein Symbol für die Geschichte und die archäologischen Herausforderungen in Gaza. 'Sie ist ein Meisterwerk. Sie muss während der Zwangschristianisierung Gazas zwischen 402 und 405 n. Chr. verschwunden sein, aus ihrer Nische in einem Tempel entwendet. Möglicherweise wurde sie ins Meer geworfen, wo sie 1.500 Jahre lang verschwand, bis ein Fischer sie vor Blakhiya fand, einem heute zerstörten Viertel. Er beschloss, sie einem palästinensischen Sammler zu überlassen - so wurde sie gerettet.'"
Weitere Artikel: Der Kunstmarkt hat sich erholt, so scheint es, schreibt Ursula Scheer im Aufmacher des FAZ-Feuilleton. Das liegt allerdings vor allem daran, weil bei Auktionen die Luxusgüterbranche boomt. Ebenfalls in der FAZgratuliert Andreas Platthaus der britischen MeisterbilderzählerinPosy Simmonds zum Achtzigsten.
Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ betrachtet der Volkswirt Bertram Schefold die Gruppe um Diogenes in Raffaels Fresko "Die Schule von Athen" nochmal genauer. Ebenfalls auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Felix Philipp Ingold daran, wieviele ukrainische Künstler und Schriftsteller der Moderne russifiziert wurden.
Sehr zufrieden flaniert Jonathan Jones für den Guardian über das Edinburgh Art Festival, das in einigen Werken immer wieder auch die Vergangenheit des Nahen Ostens aufgreift. Etwa in Mike Nelsons Fotografien poetischer Ruinen einer zerstörten türkischen Stadt, die in der Fruitmarket Gallery ausgestellt werden: "Sie sind am unteren Ende der Galeriewände aufgehängt, mit kahlen Glühbirnen und niedrigen Bänken, um eine intime Vorstellung davon zu vermitteln, wie sich der Künstler diese verlorene Welt vorstellt. Roland Barthes schrieb über seine Fixierung auf eine Fotografie der Alhambra aus dem 19. Jahrhundert: 'Ich möchte dort leben'. Nelson gesteht etwas Ähnliches und unterläuft es dann mit einer Installation in einem anderen Teil der Galerie, die eine inzwischen abgerissene Wohnsiedlung darstellt: eine Rekonstruktion, die zu einem unmöglichen, verschlungenen Labyrinth wird."
Weitere Artikel: Die FAZ füllt das Sommerloch mit der Serie "Kunst in Kontroversen". Jürgen Kaube erklärt im Aufmacher des Feuilletons, worum es geht: "Gefragt werden soll … auch nach den Begriffen und Wahrnehmungsformen, mit denen wir heute an Kunst herantreten." Der Fotokünstler Andres Serrano hat sich für die Gestaltung des amerikanischen Pavillons in Venedig beworben, und zwar mit einem provokativen Projekt, meldet Philipp Meier in der NZZ: Er will eine "Art Trump-Memorabilien-Altar" errichten. Der italienische Fotograf Gianni Berengo Gardin ist im Alter von 94 Jahren gestorben, meldet Zeit Online mit dpa. In der Welt erinnert Gesine Borcherdt jene, die dem deutschen Kunstbetrieb Zensur vorwerfen, daran, "dass laut §130 des Strafgesetzbuches Volksverhetzung hierzulande verboten ist - also alle Handlungen, die gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu Hass und Diskriminierung anstacheln, wozu auch die Verharmlosung und Verbreitung solcher Inhalte zählt."
Besprochen wird die Ausstellung "Norddeutsche Realisten - Licht, Wetter, Weite" in der Galerie im Marstall in Ahrensburg (taz).
"Die Banalität des Bösen existiert stets auch in Bildform", denkt sich Stefan Trinks in der FAZ, wenn er sieht, wie jüngst die Homeland Security Gemälde für die Propagierung eines weißen Amerikas nutzte. So postete sie auf ihrer Facebook-Seite John Gasts kleinformatiges Ölgemälde "American Progress" von 1872. Zu sehen ist eine "blauäugige blonde Frau in weißem antikisierendem Gewand" mit einem "Schulbuch" in der Hand, die vor Dampfrössern, Soldaten und Farmern herschwebt. "Vor allem aber schiebt die Schwebende gewissermaßen einen ebenfalls weißen Planwagen mit Kolonisatoren vor sich her, deren Hunde bereits Vieh der Indianer zerfleischen, und einen Stamm rothäutiger Indigener mit Federschmuck auf wilder Flucht, von denen sich eine Barbusige mit Tomahawk drohend gegen die Personifikation umwendet, während der Stamm in eine vom Maler durch die Dunkelzone am linken Rand angedeutete ungewisse Zukunft oder gar den Untergang zieht." Der Social-Media-Director der Homeland Security postete unter dem Gemälde: "'A Heritage to be proud of, a Homeland worth Defending', also 'Ein Erbe, auf das man stolz sein kann, eine Heimat, die es wert ist, verteidigt zu werden'".
Martina Meister trifft sich für die Welt mit Christoph Wiesner, Chef der Rencontres d'Arles. Nachdem Trump angekündigt hatte, unliebsame Fotos, die mit DEI in Verbindung gebracht werden könnten, aus Regierungsarchiven zu löschen, war Wiesner auf die Idee gekommen, das Fotofestival unter das Motto "Unbelehrbare Bilder" zu stellen. Es gehe ihm um Bilder, die "Widerstand leisten", erklärt er. "Unter den 'unbelehrbaren Bilder' ist alles zu finden: Fotos der First Nations People aus Australien. Die neue Szene Brasiliens. Die sizilianische Fotografin Letizia Battaglia, die mutig den Terror der Mafia dokumentierte. Der Amerikaner Louis Stettner, dessen Arbeit eine Brücke zwischen der amerikanischen Street Photography und der humanistischen Schule Frankreichs bildete. Das Auge des Modeschöpfers Yves Saint-Laurent, das des Fotografen, aber auch das des Fotografierten."
Weitere Artikel: Beate Scheder (taz) besucht die Berliner Malerin Evelyn Kuwertz in ihrem Atelier. Für die Welt begeht Roger Abrahams gemeinsam mit dem niederländischen Schriftsteller und Kurator Abdelkader Benali das neue Rotterdamer Museum zur Geschichte der Migration Fenix.
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Camille Claudel und Bernhard Hoetger. Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ, mehr hier)
"Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968". Ausstellungsansicht Haus der Kunst, 2025. Foto: David Levene "Für Kinder" ist die aktuelle Ausstellung im Münchner Haus der Kunst betitelt - und doch lohnt sie auch für Erwachsene, versichert Brita Sachs in der FAZ. Nicht nur, weil hier Werke von Bruce Naumann oder Ólafur Elíasson ausgestellt werden, sondern weil die Schau jene Kunst seit den späten Sechzigern beleuchtet, als "Avantgarde-Kollektive, feministische Ansätze und politische Gerechtigkeitskämpfe auch die Kunst aufwirbelten" und Künstler Kinder in ihre Arbeiten einbezogen: "Harun Farocki begann damals wunderbare 'Einschlafgeschichten' mit seinen Zwillingstöchtern zu filmen. Die Mädchen liegen im Bett und erzählen sich Beobachtungen und Ausgedachtes über Schiffe, Brücken, Eisenbahnen und Katzen, bevor zu sehen ist, dass auch die verrücktesten Kindergeschichten sich als wahr herausstellen können. Erzählt die eine, sie habe von einem Schiff geträumt, das im Aufzug fährt, was die Schwester nicht glauben mag, zeigt die nächste Einstellung ein Schiff im Hebewerk einer Schleuse."
Ganz "fulminant" findet auch Jörg Häntzschel in der SZ die Ausstellung, die auf Empfindungen und Instinkte abzielen soll, die bei Erwachsenen angeblich nicht mehr aktivierbar sind. Etwa "Ernesto Netos Installation 'Uni Verso Bébé II Lab', ein zeltartiger riesiger, weißer Mutterleib, dessen Inneres voller weicher Stoffe, Bälle und Kissen ein urvertrautes Gefühl von Geborgenheit, Intimität und Leichtigkeit vermitteln soll. Andere Künstler begeistern die Kinder durch gezielten Bruch von Konventionen. Wie Basim Magdy, der für 'Pingpinpoolpong' Tischtennisplatten um Schikanen und Hindernisse ergänzt hat. Die Besucher praktizieren dort einen Mix aus Tischtennis, Billard und Flipper, eine 'unausführbare Sportart', die scheitern und lachen lässt, wie der Wandtext wahrheitsgemäß vorhersagt."
Nicht weniger als die (Kunst-)Geschichte Amerikas von den 1900er bis in die 1980er erzählen will die Ausstellung "Untiteld" im New Yorker Whitney Museum of American Art - und das gelingt prächtig, findet Veronica Esposito, die im Guardian auch einige neue Entdeckungen in der Schau macht: "Eine der Neuerwerbungen, die in der Ausstellung im Mittelpunkt steht, ist das eindrucksvolle Werk 'Massacre at Wounded Knee II' des indianischen Künstlers Fritz Scholder aus dem Jahr 1970. Das zur Abstraktion tendierende Gemälde ist größtenteils in gebrochenem Weiß gehalten, mit einem dünnen, wellenförmigen grünen Band am oberen Rand und zwei abstrakten Figuren in kräftigem Rot, die auf die zahlreichen Morde verweisen, die das Gemälde darstellt. Der Titel bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 1890, bei dem weit über 300Lakota-Indianer im Rahmen einer langjährigen Kampagne zur Eroberung ihres Landes durch das US-Militär getötet oder verwundet wurden."
Bedeutend zurückgenommener als die zeitgleich im Pariser Centre Pompidou stattfindende Wolfgang-Tillmans-Ausstellung (unser Resümee) erscheint die Schau, die das Haus Cleff dem Fotografen derzeit in seiner Heimatstadt Remscheid ausrichtet, bemerkt Lars Fleischmann (taz), der hier von Tillmans die Geschichte der Stadt Remscheid erzählt bekommt: "Er zeigt ihre Industrie, ihre Maschinen, ihre Arbeiter. Sinnlich und stofflich inszeniert er Schutzkleidungen, glühende Metalle, meterhohe Sägeblätter der ortsansässigen Firma Lennartz. Nah, aber nicht menschelnd, geradezu beiläufig wirken seine farbsatten Aufnahmen aus einer Produktionshalle der Montanfabrik Dirostahl. Ein Arbeiter schaut mit zusammengekniffenden Lippen und müden Augen in die Kamera, hat sich scheinbar gerade erst zu ihr hingewandt, sein Gesichtsschutz ist nach hinten geklappt, sitzt wie die goldene Mitra eines Bischofs über seinem Kopf. Tillmans' Dokumentarismen werden beständig durch seine Werbeästhetik hopsgenommen, manchmal meint man, die Fotografien entstammten einer Image-Kampagne des Bundeswirtschaftsministeriums für die Industrienation Deutschland, hätten die Bilder nicht auch ihre Ambivalenz."
Philip-Lorca diCorcia: "Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30". Haus der Photographie/Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg.
Frank Keil atmet indes in der taz auf, die Kunst von Nan Goldin mal wieder jenseits von BDS-"Getöse" zu sehen - und zwar in der Stadtgalerie Kiel, die in der Ausstellung "High Noon" Fotografien von Goldin, ihren langjährigen Wegbegleitern David Armstrong und Mark Morrisroe sowie von Philip-Lorca diCorcia zeigt, "der mit der Goldin-Clique nie etwas zu tun haben wollte, weshalb er für die Mehrzahl seiner Bilder einen separaten Raum bekommen hat. Dass er am Ende auf eigene Weise doch dazu gehört, sieht man, schaut man seine Serie über männliche Prostituierte in Los Angeles an, für die er 1992 ein Stipendium bekam. Das wiederum war an eine Bedingung geknüpft: Er dürfe von dem Geld keine so genannten obszönen Bilder erschaffen - es war das Zeitalter des Ronald Reagan. Doch diCorcia wusste sich zu helfen: Vordergründig bekleidet, offenbaren seine Protagonisten sorgsam inszeniert ihr Innerstes, dazu nüchtern der Name, der Ort, der Preis pro sexuelle Dienstleistung. Schlicht ikonisch sein Bild 'Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30', weit mehr als ein visuelles Marilyn-Monroe-Zitat..."
Weitere Artikel: Mit Blick auf Meditationsräume und Achtsamkeitsübungen in Museen geht Astrid Mania in der SZ äußerst skeptisch der Heilkraft von Kunst nach.