Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3660 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 366

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2025 - Kunst

Spitzensaum, 1894, Öl auf Leinwand, 42 x 48 cm, Zornmuseet, Mora
© Zornmuseet, Mora

FAZ-Kritiker Wolfgang Krischke gerät über die "handwerkliche Brillanz, die Strahlkraft und erzählerische Lebendigkeit" der Werke des schwedischen Malers Anders Zorn, die die Hamburger Kunsthalle in einer Ausstellung zeigt, ins Schwärmen. Es ist die bisher größte Schau mit Werken des "Malerfürsten" aus dem 19. Jahrhundert und Krischke kann sich gar nicht satt sehen: "Einen wichtigen Teil des OEuvres bilden die Porträts: Zorn malte die Personen nicht im Atelier, sondern platzierte sie in ihren alltäglichen Umgebungen, erfasste sie in typischen Posen und bei charakteristischen Tätigkeiten: Der Bankier sitzt an seinem Schreibtisch im gediegen eingerichteten Arbeitszimmer, zwischen den Fingern eine Zigarre haltend; die Dame der Gesellschaft im elegant-farbenfrohen Abendkleid hat im Salon Platz genommen, den Arm lässig auf die Rückenlehne des seidenbezogenen Sofas gelegt; der Schauspieler agiert auf der Bühne, der Opernsänger probt vor dem Notenpult. Oft hat der Betrachter den Eindruck, die Dargestellten wendeten sich aus dem Bild heraus direkt an ihn."

Weiteres: In der SZ berichtet Till Briegleb von der 18. Istanbuler Biennale. Besprochen werden die Ausstellungen "Fra Angelico" im Palazzo Strozzi und Museo di San Marco in Florenz (NZZ), "Jitka Hanzlová: Identities." in der Albertina in Wien (taz) und "Bis es wehtut - Eine Gruppenausstellung zum Werk von Sascha Weidner" im Kunstverein Wolfenbüttel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2025 - Kunst

Georges de la Tour: La Madeleine pénitente. Credit: National Gallery of Art, Washington.


Die Georges de la Tour-Ausstellung im Pariser Musée Jacquemart André regt Hans-Joachim Müller in der Welt an, ein wenig über das Leben des Künstlers nachzudenken, über das kaum etwas bekannt ist. Die Bilder, die mit neuer "virtuoser Lichtregie" überzeugen, brauchen aber vielleicht auch wenig biografisches Beiwerk, auch wenn das "unserer Zeit, die die schillernde Künstlerperformance braucht, um an der Kunst Gefallen zu finden, fast unverständlich" ist. "Und doch kann man es ganz gut aushalten, dass der Maler sein Lebensgeheimnis ins Geschichtsgrab mitgenommen hat. Seine Bilder sind Geheimnis genug." Ob er, der vor rund 400 Jahren malte, wohl in Italien war, um von den Meistern dieser Zeit zu lernen? "Woher sollte der Lothringer sein Faible für die flackernde Beleuchtungsmagie haben, wenn er solche Effekte nicht bei italienischen Meistern wie Guido Reni oder Carlo Saraceni gelernt hat, die um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert aus Caravaggios Hell-Dunkel-Theatralik populäre Barockformeln gemacht haben? Heute neigen die Kunstwissenschaftler eher zur Skepsis."

Für Hanno Rauterberg in der Zeit entwickeln die Bilder einen "grundstürzenden" Sog: "Nie sieht man auf seinen Bildern ein Fenster, eine Tür, nichts öffnet sich dem Außen und lässt den Tag herein. Es gibt da nur ein schwarz umhülltes Jetzt, einen oft rätselhaften Moment der Verhaltenheit. Und doch ist die Dunkelheit dieses Künstlers nie düster. Im Gegenteil, er malte sich immer weiter hinein ins Unmalbare, in jene Sphären, die sich dem Auge entziehen. Und hoffte innig darauf, dass sich im Unsichtbaren ein neuer Anfang zeige."

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Die Möglichkeit der Unvernunft" von Jan Böhmermann & Gruppe Royale im HKW Berlin (Welt, SZ, Tagesspiegel, Monopol interviewt Böhmermann), "John Singer Sargent - Éblouir Paris" im Pariser Musée d'Orsay (NZZ) und "Göttlich! Meisterwerke der italienischen Renaissance" im Diözesanmuseum Freising (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2025 - Kunst

Tobias Pils, Sleepers (2), 2022. Rachovsky Collection, Dallas. Foto: Jorit Aust, Copyright: Tobias Pils

Im Standard schreibt Michael Wurmitzer mit großer Sympathie über den österreichischen Künstler Tobias Pils, dem das Mumok sozusagen Mid-Career eine große Ausstellung widmet: Er ist in dieser Zeit "von der Abstraktion aufs Figurative gekommen und vom Schwarz-Weiß-Grau auf die Farbe." Oft spielte der Zufall mit, lernt Wurmitzer von dem Künstler. "Nehmen wir seinen 'Blindensturz' von 2024, das Vorbild von Pieter Bruegel kennt er seit der Kindheit. Eines Tages habe er sich gefragt, wie es sich anfühlen würde, es zu malen. Er begann, und als er am nächsten Tag wieder ins Atelier kam, beschloss er, es bei nur drei der taumelnden Figuren und ohne den Hintergrund zu belassen. 'Wozu Hintergrund? Sie sehen ja nichts.' Es ist, in Grün gehalten, auch eines seiner frühesten bunten Bilder. Die Farbe habe sich in sein Werk 'eingeschlichen', sagt Pils. Nämlich indem er einmal die falschen Tuben gekauft habe, blaue statt schwarze. So kam es zu blauen Bildern, mit Ocker gemischt ergab das Blau einen Grünton. In der Folge ging er ins Geschäft, machte die Augen zu, griff sich ein paar Tuben."

In der FAS berichtet Karen Krüger von der Istanbul Biennale, die "Zukunftsfähigkeit durch Widerstand, Solidarität und Resilienz" feiert. Besonders Resilienz hat die Kunstszene in der Türkei bitter nötig: "Eine Zäsur bedeutete 2017 die Inhaftierung des Kunstmäzens Osman Kavala auf Grundlage hanebüchener Anschuldigungen. Er ist weiterhin im Gefängnis, obwohl der Europäische Gerichtshof schon 2019 urteilte, dass er freigelassen werden muss. Was Europas Gerichte sagen, ist Ankara mittlerweile egal und die Sittenwächter der Regierungspartei gehen gegen alles vor, was nicht in das Bild ihrer religiös-konservativen Türkei passt." Die Istanbuler Kunstszene erinnert immer wieder mit Kunstaktionen an Osman Kavala, erzählt der Künstler Halil Altındere. "'Das Problem ist, dass die Künstler politisch sind, aber dass die Museen und Institutionen stumm bleiben, obwohl Kavala mit sehr vielen von ihnen zusammenarbeitete. Ich empfinde das als großes Problem.'"

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen der Bildhauer Ludwig Münstermann im Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg (FAZ, mehr hier) und Trisha Donnelly im MMK Tower in Frankfurt (FR). Außerdem hat die Zeit die Besprechung zur Ausstellung "Mika Rottenberg. Queer Ecology" im Lehmbruck-Museum in Duisburg online nachgereicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2025 - Kunst

In monopol stellt Simon Elson in einem ausführlichen Artikel die Künstlerin Schirin Kretschmann vor, die gerade eine Ausstellung im Freiburger PEAC Museum hat: "Kretschmann führt auf zwei Metern Höhe ein dunkelgraues, gut hundert Meter langes Gurtband durch die - inklusive Vorzimmer - zehn Museumsräume, setzt es mit einer riesigen Ratsche unter Spannung, verschnürt oder umarmt damit die gesamte Institution. 'Ten By One', so heißt diese Arbeit und auch die Ausstellung. Weil in diesem Museum 'alles Malerei ist', so formuliert es Kretschmann, funktioniert ihr vorsichtiger und doch kompromissloser Eingriff exzellent. Mit kleinen Mitteln erzeugt sie große Wirkung, eben auch, weil sich alles auf die Geschichte des hier gesammelten radical painting bezieht. Dieses hat der Malerei längst ihre einst durch klassische Verfahren, Farbpalette, Pinsel und Bilderrahmen gesetzten Grenzen eingerissen. Und Kretschmann findet den aus dem Bildlichen gelösten ästhetischen Kern im gesamten Bewegungsraum. So können die farbigen Schaumstoffpolster, die den Druck des Gurts auf die Türrahmen abfangen, ebenso malerische Impulse sein wie die grauschwarzen, zerschnittenen Schmutzfangmatten von 'Exit'."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Polyphonic Views" im Funkhaus Berlin (monopol) und "Welto and the Sacred Bush - Lernen von karibischen Gärten" der Berliner Spore Initiative (hyperallergic).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2025 - Kunst

Parastou Forouhar, aus der Serie "Das Grass ist Grün, der Himmel ist Blau und Sie ist Schwarz", 2017, Fotografie, Digitalprint auf Alu-Dibond, 120 x 80 cm, © Parastou Forouhar

In der taz gibt Katrin Bettina Müller einen Ausblick auf eine Ausstellung der deutsch-iranischen Künstlerin Parastou Forouhar in den Kunstsammlungen Chemnitz: Im Frühjahr wurde Forouhar, die 1991 aus dem Iran nach Deutschland auswanderte, mit dem Gabriele Münter-Preis ausgezeichnet, anlässlich dessen stellt sie jetzt mit fünf Künstlerkolleginnnen, darunter Esra Ersen und Annegret Soltau, ihre vieldeutigen Arbeiten aus: "In ihrer aktivistischen Arbeit ist Parastou Forouhar eindeutig und zielgerichtet. In der Sprache ihrer Kunst dagegen liegt die Stärke oft in den Ambivalenzen. Da gibt es eine vierteilige Fotoarbeit, 'Freitag' (2003), vier Bahnen von dunklem Stoff. Nur in einer Bahn wird ein wenig vom Körper darunter sichtbar, wahrscheinlich Teil einer Hand, die den Stoff hält. Deren Form aber ist doppeldeutig, die Öffnung der Glieder erotisch aufgeladen. Die Verhüllung triggert den Voyeurismus, je weniger man sieht, desto mehr Fantasmen lassen sich hineinlegen. Vieldeutig sind auch die Papierbahnen voller Augen, die Ketten und Gitter bilden. Ein Moment von Verführung, der sprechenden und betonten Augen liegt darin ebenso wie der bedrohliche Zustand des Angestarrt-Werdens und der Überwachung."

Stephanie Comilang, Still von Search for Life II, 2025. Video, Farbe, Ton, 18:22. Min.
Courtesy of the Artist ChertLüdde, Berlin, and Daniel Faria Gallery, Toronto. Search for Life is a work in the form of a diptych commissioned by TBA21, Sharjah Art Foundation, and The Vega Foundation. Collection of The Vega Foundation

Für die FR kann Sylvia Staude in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt die philippinische Künstlerin Stephanie Comilang und deren Videoarbeiten entdecken, die im Ausstellungsraum "prachtvoll eingerichtet sind. Das beginnt mit der jüngsten, 'Search for Life II' von 2025, die auf einen Vorhang aus Kunststoff-Perlen projiziert wird. Denn es geht um Perlenhandel, Perlenzucht, Perlentaucher der indigenen Sama-Bajau, die früher von ihrer gefährlichen Arbeit gut leben konnten. Ein Mann zählt auf, was mit dem Erlös für eine Perle alles gekauft werden konnte, 'die Dinge waren so günstig', sagt er. Man sieht Männer, die ohne jede Ausrüstung tauchen. Man hört, dass es Tote gab. Aber dann wurde die Perlenzucht lukrativer. Kurz sind die Blicke auf Berge von Muschelschalen, auf einen chinesischen Perlenmarkt - die Videoarbeit ist 18 Minuten lang."

Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Hanno Rehlinger, dass der einzige Studiengang zur Kunst Afrikas an der FU Berlin, Sparplänen zum Opfer fallen könnte. Im taz-Gespräch unterhält sich die Philosophin Dorothea Winter mit Marc Tawadrous über KI, Kitsch und Kunst. Besprochen wird die Ausstellung "Georges de la Tour - Entre ombre et lumière" im Musée Jacquemart-André in Paris (Zeit) und die Ausstellung "Wotruba International" im Belvedere 21 in Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2025 - Kunst

Carl Schuch - Waldinneres beim Saut du Doubs. Belvedere, Wien. Quelle: Städel

Die große Carl-Schuch-Ausstellung im Frankfurter Städel, die siebzig Bilder des österreichischen Malers (1846-1903), der vor allem für seine Stillleben und Landschaftsmalerei bekannt ist, mit Werken französischer Meister von Cezanne bis Manet kombiniert, sorgt in den Feuilletons für Furore. Stefan Trinks feiert in der FAZ in erster Linie Schuchs Arbeit mit Farben: "Der Begriff Tonalität klingt nicht ohne Grund nach Musik; für jedes seiner Stillleben legt Schuch mit den Farben von Neuem eine eigene Rhythmik über die Farbtonwerte fest. Häufig wie die alten Niederländer und Rembrandt vor tiefem Schwarz, lässt er das flammende Orange seiner herbstlichen Kürbisse leuchten, nicht ohne sie wie Vermeer mit dem Pinsel zu akupunktieren (oder wie Trübner zu stricheln), indem er scheinbar abstrakt punktartige Tupfer auf die Oberflächen der Dinge setzt, die eben keine Lichtreflexe sind."

Auch Judith von Sternburg setzt sich in der FR mit Schuchs Arbeitsweise auseinander: "Man muss sich, das ist das Wichtigste und prägt die Schau, Schuch als experimentierfreudigen, akribischen Tüftler an der Leinwand vorstellen, skeptisch gegen andere, aber vor allem gegen sich selbst. Er überarbeitete die eigenen Bilder manisch, wie es scheint, legte Schicht über Schicht, umkreiste dieselben Motive immer wieder in diversen Varianten. Machte sich Notizen über die Bilder anderer, skizzierte Anordnungen, ging den Farbwerten nach."

Michael Wurmitzer unterhält sich im Standard mit Erik Berger von der Wiener LIK Akademie für Fotografie darüber, was es bedeutet, wenn KI-generierte Bilder Preise erhalten wie gerade dieses Foto Roberto Corinaldesis. Berger hält nicht viel von der These, dass die neue Technik künstlerische Leistung entwertet. Vielmehr fange die Kreativität "dann halt beim Prompten an. Ich habe auch bereits hunderte Porträts KI-generiert, aber keines davon würde auch nur irgendwie annähernd in einem Wettbewerb etwas reißen. Auf die Idee, das zu prompten, muss man erst einmal kommen, wie der Mann ausschaut, dass die Katze mit dabei ist. Allein das ist für mich bereits ein kreativer Prozess. Man macht nicht ein Prompt, und das Bild ist da, da geht sehr viel geistige Leistung hinein."

Weitere Artikel: Stephanie Buhmann besucht für monopol Calder Gardens, einen Kunstgarten in Philadelphia. Sebastian Frenzel beschäftigt sich ebenfalls auf monopol mit der Studie "Von der Kunst leben", die die finanzielle Lage von Künstlern evaluiert und sieht Licht und Schatten.

Besprochen werden die an verschiedenen Orten in der Metropolregion Hamburg präsentierte, unkuratierte Schau "Kunstgriff Dithmarschen" (taz), Tabita Rezaires Ausstellung "Calabash Nebula: Cosmological Tales of Connection) im Weltmuseum Wien (Standard), Clara Bahlsens Solo-Schau "Magical Rage" in der Berliner Galerie Villa Heike (taz), "Für Kinder. Kunstgeschichten nach 1968" im Münchner Haus der Kunst (Tagesspiegel), die Plattenbauten-in-der-Kunst-Ausstellung "Wohnkomplex" im Potsdamer Das Minsk (Welt) und "In touch. Encounters in the Collection" in der Hilti Art Foundation, Vaduz (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2025 - Kunst

Ludwig Münstermann, Herkules, Tragefigur eines Kamins im Schloss Delmenhorst, um 1610, Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Foto: Martin Luther

"Wirklich eine Wucht" ist die Ausstellung "Münstermann" im  Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg, die Werke des Oldenburger "Herrgottsschnitzers" Ludwig Münstermann zeigt, staunt taz-Kritiker Benno Schirrmeister. Im 17. Jahrhundert schuf Münstermann unzählige Skulpturen für protestantische Kirchen in und um Oldenburg. Eine Sensation ist für den Kritiker zum Beispiel seine Herkules-Figur, die sehr untypisch für ihre Zeit ist: "Dieser Herkules ist eher ein nachdenklicher Schlacks mit Schnäuzer, fast melancholisch. Vielleicht guckt er so traurig, weil er als Heide keinen Anteil an Gottes Gnade haben kann. Einst hat diese Skulptur einen Kaminaufbau getragen, wie der Held im Mythos den ganzen Erdball. Sie muss ihre Stärke weder sich selbst noch irgendjemandem sonst beweisen. Also hängt die rechte Schulter etwas schräg nach unten, auf der linken ruht eine recht handliche Keule, ohne die Herkules kaum als Herkules erkennbar wäre: schmal der Brustkorb, langgestreckt die Oberschenkel, echte Tänzerbeine. Das rechte ist leicht vorgestellt, das linke angewinkelt. So bildet die Sandstein-Skulptur eine auch in sich noch einmal geschwungene Linie. Figura serpentinata nennt das die Kunstgeschichte."

Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der Bildhauerin Brigitte Meier-Denninghoff in der Berlinischen Galerie (FR) und die Ausstellung "William Kentridge: Listen to the Echo" im Museum Folkwang in Essen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2025 - Kunst

36 Richter sind nun für das geplante deutsche Schiedsgericht zur Restitution von Raubkunst ernannt worden, meldet die FAZ. Jörg Häntzschel weiß in der SZ Näheres dazu, warum jüdische Organisationen mit dem neuen Schiedsgericht nicht unbedingt glücklich sind: "Der 'Bewertungsrahmen', der dem neuen Verfahren zugrunde liegt, wird Restitutionen in vielen Fällen erschweren oder unmöglich machen.(…) Während bislang bei allen Juden, die etwa Kunst unter Wert verkaufen mussten, nicht eigens nachgewiesen werden musste, dass sie dies aufgrund ihrer Verfolgung taten, gilt für Händler künftig nicht mehr pauschal die 'Verfolgungsvermutung'. Trotz ihrer 'individuellen' Verfolgung als Juden ist danach ein 'ordnungsgemäßer Geschäftsverkehr' denkbar. ... Dass das Schiedsgericht ein Schritt hin zu einem Restitutionsgesetz sein wird, wie die jüdischen Verbände hoffen, ist kaum anzunehmen. Sie wird es den Trägern von Museen in vielen Fällen erlauben, ihre Werke vom Raubkunstverdacht freizusprechen."

Elke Buhr interviewt für Monopol den amerikanischen Künstler Sam Falls, dessen in Zusammenarbeit mit der Natur entstandene Werke gerade in der Zürcher Galerie Eva Presenhuber ausgestellt werden. Seine "natürlichen Fotogramme" stellt er draußen her, lange Belichtungszeiten durch die Sonne sind einkalkuliert, und diesmal auch Regen: "Ich verwende dazu ein trockenes Pigment, das auf Wasser reagiert. Ich nehme die Leinwand mit nach draußen in den Wald, wähle Pflanzen aus der Region, lege sie auf die Leinwand und bringe das Pigment auf. Die Feuchtigkeit der Nacht oder auch der Regen aktivieren die Farbe. Dann entferne ich die Pflanzen wieder. Das Bild, das man dann sieht, ist nicht nur ein Abbild dieser Pflanzen, sondern auch der Atmosphäre, des Windes, des Regens, des Wetters."

Weitere Artikel: Gottfried Boehm gratuliert dem Maler Raimer Jochims zum 90. Geburtstag (FAZ), Verena Krieger trauert um die Wiener Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat (FAZ), Jan Brachmann erinnert an den litauischen Maler Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, der vor 150 Jahren geboren wurde (FAZ).

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Flucht. Fotografien aus Moldau, Armenien und Georgien von Frank Gaudlitz" im Museum Europäischer Kulturen Berlin (Tagesspiegel) und Sophy Ricketts "Stream" in der Londoner Cob Gallery (Another Mag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2025 - Kunst

Edvard Munch, Golgatha, 1900. Munchmuseet, Oslo. © Photo: Munchmuseet / Ove Kvavik

Die Wiener Albertina will mit ihrer Ausstellung "Gothic Modern" den Einfluss der Gotik und des Mittelalters auf die Moderne beleuchten. Das gelingt gut, findet Katharina Rustler im Standard. "Interessant ist beispielsweise die unterschiedliche Deutung von Motiven wie Dämonen. Während sie bei Heiligenbildern des heiligen Antonius aus dem 15. Jahrhundert als grässliche Monster dessen Glaubensprüfung darstellen, stehen sie in der Moderne - etwa im eindrücklichen Gemälde des deutschen Malers Sascha Schneider - als lauernde Wesen für unterdrückte Emotionen. Ähnlich kann diese zunehmende Psychologisierung beim biblischen Sujet von Adam und Eva beobachtet werden. Im 16. Jahrhundert malte Lucas Cranach sie als zartgliedriges, einander zugewandtes Paar, das der Versuchung noch widersteht. Inspiriert davon erscheint das erste Menschenpaar bei Max Beckmann 1917 hingegen stark konturiert, verzerrt und bereits verloren."

Der Leiter der Artbo in Bogotá, Jaime Martínez, spricht im Interview mit Monopol über die Entwicklung der Messe und über kolumbianische Kunst, die dort zu entdecken ist, mit sehr spezifischen Themen: "Kolumbien hat eine lange Geschichte von Gewalt, man wächst mit der Vorstellung auf, dass man viele Gegenden nicht besuchen kann, weil es dort kaum staatliche Strukturen gibt. Territorium war von Kartellen, Rebellengruppen und dem Staat immer wieder hart umkämpft, Tabu für uns Stadtmenschen, aber schon immer in unserem Kopf. Wenn ich eine Ausstellung zu diesem Thema besuche, denke ich manchmal: 'Nicht schon wieder! Wir sollten doch in der Lage sein, über etwas anderes zu sprechen!' Aber dann wird mir klar, dass das unser politischer Körper ist. So drücken wir uns aus. Wir kennen Großteile unseres eigenen Staatsgebiets nicht, wir wissen nicht wirklich, wie die Menschen dort leben, deshalb ist es eine sehr politische Angelegenheit, durch Kunst dieses Thema zu vermitteln."

Weiteres: Im Interview mit der taz erklärt die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian ihre Kasseler Lichtskulptur, die an Halit Yozgat und Walter Lübcke erinnern soll, beide Opfer rechten Terrors. Elke Buhr plaudert für Monopol mit der zauberhaften Fran Lebowitz, die erklärt, warum sie Andy Warhol nicht mochte. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Thomas Steinfeld an den amerikanischen Kunsthistoriker Bernard Berenson. Besprochen wird die Ausstellung "Wohnkomplex" zur "DDR-Platte" im Potsdamer Minsk (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2025 - Kunst

Ashley Hans Scheirl, Dandy Dust, 1998. 16-mm-Film, courtesy sixpackfilm


Katharina Rustler besucht für den Standard eine Ausstellung der queer-feministischen Künstlerin Ashley Hans Scheirl im Wiener Belvedere 21. Passt, meint sie: "Die einzelnen Bereiche wirken wie eine riesige Installation, und dennoch passen sie in ihrem Design nicht ganz zusammen. Genre, Medium und Gender sind bei Scheirl immer fließend zu verstehen. ... Das älteste Werk in der Schau animiert das Publikum, gleich selbst in Aktion zu treten. In Dialog mit dem 1979 entstandenen Film 'Die Artisten in der Zirkuskuppel' wartet ein metallenes Turngerüst (mit darunterliegender Matte) auf mutige Freiwillige. Humor ist integraler Bestandteil von Scheirls Werk, den die Künstlerin gekonnt mit kritischen und tiefgründigen Fragestellungen zu Identität, Neoliberalismus oder Macho-Gesten in der Kunst verwebt."

Die Ausstellung "Kirchner x Kirchner" im Kunstmuseum Bern "ist eine kleine Sensation", staunt Hans-Joachim Müller in der Welt, und er meint es nicht freundlich angesichts friedlich lümmelnder Bergbauern oder Sonntagsszenen am Brunnen: "Selten einmal ist in einer Kirchner-Ausstellung so deutlich geworden, wie sich das Werk von seinen nervösen Anfängen in dekorative Gefälligkeit verwandelt hat, wie es die performative Aktmalerei der Dresdener Zeit und die bizarren Straßen-Szenen der Berliner Zehnerjahre im Davoser Exil wie abgetane Kapitel hinter sich gelassen hat und mit Louis de Marsalles Hilfe um den französischen Picasso-Thron herumgeschlichen ist."

Weitere Artikel: Bettina Wohlfarth unterhält sich für die FAZ mit dem Präsidenten des Centre Pompidou Laurent Le Bon über die Schließung des Museums, dem eine gründliche Renovierung bevorsteht. Und Gina Thomas besucht für die FAZ das neue David-Bowie-Zentrum im Victoria & Albert Museum in London, in der taz schreibt dazu Stephanie Grimm, die außerdem ein neues Album und ein Buch zu Bowie vorstellt.