Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3730 Presseschau-Absätze - Seite 47 von 373

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2024 - Bühne

Szene aus "Le lacrime di Eros", Dutch National Opera Amsterdam. (Foto: Dutch National Opera | Monika Rittershaus)

Ein "Kaleidoskop von Seelensplittern" bekommt ein beeindruckter Welt-Kritiker Manuel Brug an der Dutch National Opera zu sehen. Romeo Castelluccis und Raphaël Pichons Oper "Le Lacrime di Eros" verbindet Musiken des Frühbarock von unter anderem Claudio Monteverdi, Giulio Caccini und Jacopo Peri mit "schönen, aber auch brutalen, bisweilen verstörenden Bildern": "Blut fließt durch Plastikschläuche, die von der Decke als abstrakt pumpendes Mobile hängen, die Schlange der Versuchung klammert sich an einen schwebenden Ring. Das lebensnotwendige Wasser kann schlimmen Schmerz bereiten, und es dient während einer Taufe doch wieder als fluide Verbindung zum Göttlichen. Hemden und Laken werden mit Blut übergossen und getränkt, dann werden die Flüssigkeiten auf dem Boden ganz prosaisch mit zwei elektrisch rotierenden Kehrmaschinen entfernt. Puppen haben Sex. Schließlich beschwören zwei Liebende ihre Lust und ihr Selbstvergessen. Und töten einander doch schrecklich einsam und sachlich wie tristanesk - durch die Autoabgase des Anderen, die in die jeweils eigene Limousine geleitet werden."

Besprochen werden Felicitas Bruckers Inszenierung von Henrik Ibsens "Baumeister Solness" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Miloš Lolićs Inszenierung von Robert Ickes Stück "The Doctor" am Cuvilliéstheater in München (FAZ) und Guillermo Amayas Inszenierung von Johann Sigismund Kussers Oper "Adonis" im Schlosstheater Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2024 - Bühne

Szene aus "Halt's Maul, Kassandra" am Deutschen Theater Berlin Foto: Thomas Aurin.

In ihrer Inszenierung "Halt's Maul Kassandra" am Deutschen Theater Berlin beschwören Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nicht nur den DDR-Dissidenten, Dichter und Filmemacher Thomas Brasch mit einer Auswahl seiner Texte und Gedichte, sondern auch die "versunkene DDR" selbst, erzählt Nachtkritikerin Esther Slevogt, die einen tollen Theaterabend verbracht hat: "Einmal, da taucht die DDR als Gespenst und Engel der Geschichte in Gestalt des zerbrechlichen Jörg Pose tatsächlich auf, an dessen nackten Oberkörper riesige Flügel befestigt sind. Unbeholfen versucht er damit zu flattern, steigt aber nicht auf. Nur sein Bild nimmt als riesengroßes Filmbild die ganze Bühne ein. 'Erkennst du mich noch immer nicht. Ich bin die DDR', sagt er leise. 'Wieder hast du die Tür vor mir verschlossen und wieder wird ein Schlag von mir sie öffnen. Sprengt die Tür. Wieder hast du die Fenster vor mir verriegelt, damit du dich im Dämmerlicht von der Gegenwart ausschließen und ungestört einschlafen kannst', so die Worte dieses DDR-Geists in einem Theatertext aus dem Jahr 1974."

Einem "wilden, zuweilen selbstverliebten und vor allem herrlich trotzigen" Abend applaudiert auch taz-Kritiker Tom Mustroph: "Mitregisseur Kuttner steht als eine Art Conferencier im Deutschen Theater auf der Bühne - mal eine schnieke Offiziersmontur, Zeitfenster 16. bis 18. Jahrhundert, mal eine konstruktivistisch angehauchte Clownstracht an (Kostüme: Daniela Selig). Das passt, denn sowohl Narr wie Elitesoldat des Geistes muss Brasch gewesen sein. In die "schmerzhaften Regionen dieser deutsch-deutsch verquälten Künstlerbiografie" wird SZ-Kritiker Peter Laudenbach entführt: "Statt lustigen Budenzauber abzufackeln, lesen die Schauspieler einfach sehr klar und schön einige Gedichte Braschs. Es ist ein wenig, als würde der Tote zu uns sprechen." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und Berliner Zeitung.

Weitere Artikel: In der FAZ unterhält sich Jan Brachmann mit dem Opernintendanten Bernd Loebe und dem Publizisten Michel Friedman, deren Gesprächsreihe "Friedman in der Oper" an der Oper Frankfurt in die zweite Runde geht. Ebenfalls der FAZ denkt Jürgen Kesting zum hundertsten Todestag Giacomo Puccinis über die Modernität von dessen Opern nach.

Besprochen werden der Tanzabend "Seven Sins" am Stuttgarter Theaterhaus mit Choreografien von unter anderem Aszure Barton, Sidi Larbi Cherkaoui und Sharon Eyal (FR), Martina Drostes Inszenierung von "Zeit für Zeug:innen" im Historischen Museum Frankfurt (FR), Hannah Frauenraths Inszenierung ihres Stücks "Magic Town" am Staatstheater Mainz (taz), Ronny Jakubaschks Inszenierung von Coline Serreaus Stück "Hase, Hase" am Theater Konstanz (nachtkritik), Eva Spreitzhofers Bühnenadaption ihrer Filmkomödie "Wie kommen wir da wieder raus?" am Landestheater Niederösterreich St. Pölten (nachtkritik), Ève Signeyroles Inszenierung der Verdi-Oper "Macbeth" an der Deutschen Oper Berlin (Tsp), David Pountneys Inszenierung von Krzysztof Pendereckis Einakter "Die schwarze Maske" an der Oper Warschau (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2024 - Bühne

Vorm Showglitter-Rahmen: Yanina Cerón & Aysima Ergün © Ute Langkafel MAIFOTO

Einen witzigen Abend hat Nachtkritikerin Elena Philipp mit Nurkan Erpulats Inszenierung von Nora Abdel-Maksouds Komödie "Café Populaire Royal" am Gorki-Theater verbracht, allerdings mit deutlichen "kämpferischen und bitteren" Untertönen. Die Ursprungsversion spielt in Zürich, für Berlin wurde das alles ein bisschen umgeändert, aber der Grundplot bleibt: die Alt-Marxistin Püppi träumt "von einem rußverschmiertem Arbeiter als Nachfolger in ihrer Sozialraum-Kneipe 'Spatz'". Die Bewerber sind unter anderem Svenja und Aram - und haben mit der Arbeiterklasse so gut wie gar nichts am Hut: "Nora Abdel-Maksouds Enttarnungsdramaturgie folgend, kommt heraus, dass Svenja aus Würzburg ein Erbe zu erwarten hat. Und Aram ist nicht wirklich Putz-, Massage- oder Lieferspezialist, sondern Wirtschaftspsychologe auf Wohnungssuche, der ob vermeintlich besserer Chancen auf 'Unterschicht' gemacht hat. Auch er kennt 'die Armen' nicht aus eigener Anschauung, sondern hat ihren Habitus auf RTL2 studiert. Den russisch klingenden Akzent für seine neue soziale Rolle hat er nach dem Film-Bösewicht Ivan Drago aus 'Rocky IV' modelliert."

Auch Christine Wahl lobt im Tagesspiegel den Witz und die Klugheit der Aufführung und sieht deutliche Parallelen zur Realtiät: "Wenn Cigdem Teke kurz vor Schluss in einem eigens während der Proben erarbeiteten Monolog nicht nur aus ihrer Rolle als Püppi, sondern aus dem kompletten Gestus der Aufführung heraustritt und über die Wirksamkeit der Bühnenkunst nachdenkt, landet der Abend dann sehr direkt und ironiefrei in der Tagesaktualität. Da geht es nicht nur um reale politische Krisen, sondern man kann auch an die Sparauflagen für die Berliner Kultur denken."

Der ehemalige Intendant der Komischen Oper in Berlin, Barrie Kosky, appelliert in einem offenen Brief, den der Tagesspiegel abdruckt, eindringlich an die Politik, einen Baustopp des neuen Gebäudes zu verhindern - auch im Hinblick auf dessen jüdische Geschichte: "Wussten Sie, dass die Produzenten Alfred und Fritz Rotter dieses Theater retteten und bewahrten und es während der Weimarer Republik zum wichtigsten Operetten- und Revuetheater in ganz Deutschland machten? Wussten Sie, dass beide 1933 aus Berlin verjagt wurden und mittellos im Exil starben? Wussten Sie, dass die größten jüdischen Operettenkomponisten des 20. Jahrhunderts allesamt in diesem Haus gewirkt haben? Leo Fall, Paul Abraham, Oscar Straus, Emmerich Kalman und ihre fast ausschließlich jüdischen Librettisten wirkten alle an diesem Theater. Wussten Sie, dass die größten Stars der deutschsprachigen Operettenwelt jüdisch waren und alle auf der Bühne in der Behrenstraße sangen, tanzten und spielten? Richard Tauber, Fritzi Massary, Gitta Alpar, Rosy Barsony und viele andere waren Weltmeister:innen ihres Fachs."

Der neue Intendant des Wiener Burgtheaters, Stefan Bachmann, schildert im NZZ-Interview seine Pläne für das Haus: Er möchte "flachere Hierarchien" einführen, wichtig ist ihm außerdem, dass die Schauspieler im Mittelpunkt bleiben. Die stünden "hier im Zentrum. Das mag wie eine Binsenwahrheit tönen - ist es aber nicht. Es ist hier immer wichtiger, wer auf der Bühne spielt, als wer's inszeniert hat. Das finde ich gut. Es gibt auch eine besondere Kultur, Literatur zu vermitteln, Literatur sprechen zu lassen, was ich auch als sehr wertvoll empfinde. Ich habe im neuen Programm selber stark auf Narration gesetzt. Es geht darum, Geschichten packend zu erzählen."

Außerdem: FAZ und SZ gratulieren der Tänzerin, Choreografin und Filmemacherin Yvonne Rainer zum Neunzigsten. "Kenntnis- und kompromisslosen Kulturabbau" wirft Nachtkritikerin Elena Philipp dem Berliner Senat hinsichtlich der Kultur-Sparpläne in der Nachtkritik vor. Gina Thomas berichtet in der FAZ vom Umzug der English National Opera von London nach Manchester. Besprochen wird Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Antonín Dvořáks Ballett "Rusalka" an der Oper Neapel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2024 - Bühne

"The Winter's Tale". Foto: Ashley Taylor.

Dass mal wieder ein richtiges "Handlungsballett" auf die Bühne der Wiener Staatsoper kommt, erfreut Sylvia Staude in der FR: Shakespeares "The Winter's Tale", Musik von Joby Talbot, ist von Christopher Wheeldon choreografiert worden. Wunderbar emotional und trotzdem leichtfüßig kommt das Ballett daher: "Die pure Freude der Feiernden, der Tanzenden vermittelt sich in einer Ausgelassenheit, die trotzdem sorgfältig ziseliert ist. Da hinein stellt der Choreograf zum Beispiel einen Pas de deux von Perdita mit Florizel, der artistische Herausforderungen enthält, dennoch wie mühelos hingetupft wirkt. Auf der anderen Seite versteht es Christopher Wheeldon, Gemütsverfassungen mittels sparsamer Bewegungssprache darzustellen. Etwa durch spinnenartig krabbelnde Hände beim eifersüchtigen Leontes (Brendan Saye), der auch auf fast gruselige Art seinen Kopf über Polixenes' (Masayu Kimote) Schulter und Arm rollt. Eckig, abrupt sind seine Schritte, groß ist sein Schmerz."

Weiteres: Die FAZ schlüsselt auf, um welche Summen es genau geht bei den erzwungenen Sparmaßnahmen der Schaubühne.

Besprochen werden: "Ufer des Verschwindens", das gleichzeitig im Theater unter dem Dach und im A Studio Rubín Prag gespielt wird, inszeniert von Matthias Naumann und Johannes Wenzel (taz) und Nicolas Stemanns "Orestie I-IV" am Thalia Theater Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2024 - Bühne

Szene aus "Eine Zierde für den Verein". Bild: Birgit Hupfeld

Wirtschaftskrisenromane aus den 1930er Jahren haben auf deutschen Bühnen derzeit Hochkonjunktur, aber gelegentlich ist das ein Glücksfall, freut sich Jakob Hayner in der Welt, nachdem er Elsa-Sophie Jachs Adaption von Marieluise Fleißers einzigem Roman "Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen" am Münchner Residenztheater gesehen hat. Das liegt weniger an der Inszenierung in "poppiger Puppenhausästhetik", so Hayner. Aber der Roman um den an Krise und Inflation irre gewordenen Tabakhändler Gustl ist eine tolle Wiederentdeckung: "Die Inflationszeit ist bei Fleißer auch ein moralischer Entwertungsschock, der sich kaum bemerkbar im Alltag ausbreitet. Ein Niedergang der menschlichen Beziehungen, wie man ihn auch heute - spätestens seit der Corona-Krise - deutlicher spüren kann. Eine Übergangszeit, die Antonio Gramsci die 'Zeit der Monster' nannte. 'Das sind keine kleinen Angestellten und Verkäufer mehr', heißt es in dem Stück. 'Das sind die entfesselten Barbaren der Kleinstadt, welche die augenblickliche Formel ihres Heils ins Ohr von Unberufenen heulen.' Noch schwelt es, schreibt Fleißer, bald wird es brennen."

Weitere Artikel: Von der Soli-Gala "Das Konzert" am Dienstagabend im Berliner Festspielhaus, die anlässlich der Kürzungen des Kulturetats durch den Berliner Senat stattfand, berichtet Andreas Hartmann in der taz. Im Zuge der Einsparungen fürchtet die Berliner Schaubühne eine Insolvenz, meldet der Tagesspiegel.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2024 - Bühne

Sophiensäle: Crowd © DACM / Gisèle Vienne Photo: Estelle Hanania

Jakob Hayner würdigt in der Welt Gisèle Vienne als eine der Künstlerinnen der Stunde, die derzeit gleich doppelt in Berlin präsent ist. Neben einer Puppenausstellung Viennes im Haus am Waldsee bespricht Hayner auch das Tanzstück "Crowd", das in den Sophiensälen zu sehen ist. Und auf den ersten Blick nur junge Leute beim Raven zeigt. Auf den zweiten jedoch "offenbart sich ein komplexes Mikrogeschehen des Begehrens. Wen zieht es wohin? Wer stößt wen zurück? Wer badet im Licht und wer steht im Schatten am Rand? Manchmal bewegen sich die Tanzenden so abgehackt wie im Stroboskoplicht. Dann fließt es wieder. Eine Chipspackung zerfliegt, eine Colaflasche sprudelt über. Plötzlich ein gellender Schrei. Die Party wird immer unheimlicher. Etwas läuft gewaltig schief, spürt man. Oder ist schon lange zuvor schiefgelaufen?"

Die Kürzungspläne des Berliner Senats werden konkreter - auch im Kulturbereich. van veröffentlichte gestern via bluesky eine Liste, die nach Institutionen aufgeschlüsselt ist und insgesamt ein Streichungsvolumen von 130 Millionen Euro nahelegt. Tobi Müller kommentiert auf Zeit Online: "Die Liste hat darum Sprengkraft, weil die dort verzeichneten Kürzungen extrem unterschiedlich ausfallen. So muss das Maxim Gorki Theater nur rund eine von rund 20 Millionen einsparen, das Deutsche Theater aber drei von knapp 30 Millionen. Es geht also um Unterschiede von mal fünf, mal zehn Prozent. Auch das Berliner Ensemble muss nicht auf ganze zehn Prozent verzichten, die Popbehörde Musicboard aber auf 25 Prozent: 750.000 von drei Millionen Euro Zuwendungen fallen da laut der Liste auf einen Schlag weg." Müller selbst macht für die anstehende Krise neben den Kürzungen selbst auch die zu hohen Fixkosten im Theaterbereich verantwortlich.

Der Osten ist noch nicht verloren, glaubt Andrea Hanna Hünniger ebenfalls in der Welt. Sie besucht eine Diskussionsveranstaltung in Gera im Rahmen des Theaterpreises "Faust". Hier reden Theaterleute mit der lokalen Bevölkerung. Nicht mit den gut 35%, die bei den letzten Wahlen für die AfD gestimmt haben, sondern mit dem Rest. Der ist immerhin noch in der Mehrheit und nimmt das Gesprächsangebot mit Freude an. Eine Diskutantin "erzählt, dass sie im Theater meist nicht einer dramaturgischen Absicht folge, sondern eher 'aus Versehen' etwas lerne. Und dass genau das ein großes Potenzial habe: Was gebe es eigentlich Besseres als versehentliches Lernen? Eine örtliche Choreografin stimmt ihr zu. Sie erzählt, dass die Aufklärung schlichtweg bei Kinder- und Jugendarbeit beginne. Und wer das Lernen noch lerne, lerne eher zufällig. Wie so etwas aussehen könne, schlägt die Berliner Regisseurin Lena Brasch vor, Spross einer ostdeutschen Kulturdynastie. Sie erläutert ihr Konzept: eine Mischung aus Popkultur und griechischer Tragödie." Für Zeit Online berichtet Peter Kümmel vom Theaterpreis.

Außerdem: Atif Mohammed Nour Hussein schreibt auf nachtkritik über das Schmierentheater der aktuellen Weltpolitik. Die SZ beschäftigt sich in zwei Texten mit explodierenden Baukosten insbesondere im Bühnenbereich. Michael Stallknecht zeichnet nach, weshalb sich verschleppende Theaterbauprojekte fatal für das Image der Kultur sind. Roland Muschel gibt ein Update in Sachen Zeitplanverschiebung und Kostensteigerung bei der Oper Stuttgart.

Besprochen werden Sidi Larbi Cherkaouis "Ihsane" am Ballet du Grand Théâtre de Génève (Welt), die Konzertperformance "Ich bin mir selber fremd geworden" im Leipziger ZiMMT (nmz) und Gordon Kampes Kinderoper "immmermeeehr" an der Deutschen Oper Berlin (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2024 - Bühne

Szene aus "Sweeney Todd". Foto: Jan Windszus Photography

Reichlich Horror und schwarzen Humor bekommen die KritikerInnen von Barrie Kosky mit Stephen Sondheims makabrem Musical-Thriller "Sweeney Todd" über einen aus Rache mordenden Barbier an der Komischen Oper geboten - und äußerst ambivalent fallen ihre Urteile aus. In der SZ erlebt Reinhard J. Brembeck "musikalisch wie szenisch ein Meisterstück an Leichtigkeit, Eleganz, Understatement, Doppelbödigkeit. Kein deutsches Opernhaus dürfte derzeit zu solch einer Show fähig sein". Und auch von Wurst aus Menschenfleisch lässt er sich nicht abschrecken: "Hier camouflieren Jahrmarktheiterkeit, Volksliedharmlosigkeit und Tonalitätszauber konsequent ein zutiefst desillusioniertes und depressives Menschenbild. Das Stück appelliert an das Unterhaltungsbedürfnis der Menschheit, das Grauen erscheint als ein Ist-gar-nicht-so-schlimm in den Alltag eingemeindet." In der taz lobt auch Katharina Granzin: "Koskys Inszenierung trifft, kongenial zur Vorlage, einen genau richtig lakonischen Ton, dessen schwarzer Humor nicht zum einfältigen Lustgruseln einlädt. Noch im Lachen ist das Erschrecken über das Lachen hier allzeit mit eingepreist."

Beifall für vor allem für die Schauspieler, allen voran Christopher Purves als Sweeney Todd und Dagmar Manzel als Mrs Lovett spenden auch Clemens Haustein in der FAZ und Ulrich Amling im Tagesspiegel, dem es insgesamt allerdings an Subtilität mangelt: "Generalmusikdirektor James Gaffigan schenkt Sondheims Musik viel Aufmerksamkeit und orchestrale Klasse, macht sie dabei aber auch seriöser, als sie eigentlich ist. Das raubt ihr subversive Kraft, die sich auch szenisch nicht zeigen will. Kosky stellt das Stück professionell durch, vermeidet aber jegliche Zuspitzung des dramaturgisch immer wieder durchhängenden Abends." Und in der Berliner Zeitung winkt Peter Uehling ganz ab: Er sieht eine harmlose "Nummernrevue, die ungeduldig macht, weil scheinbar ständig vom Pfad der eigentlichen Geschichte abgewichen wird." Immerhin: "James Gaffigan am Pult des Orchesters der Komischen Oper gelingt eine pointierte und farblich enorm reiche Interpretation, die in keinem Moment den Faden verliert."

Weitere Artikel: In der taz berichtet der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler von seiner USA-Reise, die er nach der Trump-Wahl im Rahmen einer Hamlet-Inszenierung an einer Universität in San Antonio in Texas besucht hat. In der Welt rät Alan Posener zu einem Besuch auf der MS Goldberg, ein jüdisches Kulturschiff in Berlin, auf dem fast jeden Abend Veranstaltungen mit jüdischen Künstlern oder zu jüdischer Kultur stattfinden. Im Tagesspiegel schreibt die ukrainische Dramaturgin und Regisseurin Anastasiia Kosodii über ihre Arbeit mit einem Kriegsveteranen, über den sie das Stück "Traveller's Playlist" erarbeitet hat.

Besprochen werden das Disability & Performance Festival "No Limits" im Berliner Hebbel am Ufer (taz), Helge Schmidts Stück "Unser Erbe: Tax me if you can" am Staatstheater Wiesbaden (taz), das Fast Forward Festival am Staatstheater Dresden (nachtkritik), Maxim Didenkos Adaption von Sasha Filipenkos Roman "Kremulator" im Rahmen des Festivals Voices in der Berliner Elisabeth-Kirche (FAZ) und Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes russlandkritischer Oper "Leben mit einem Idioten" am Opernhaus Zürich, der es laut Manuel Brug in der Welt an sämtlichen russischen Anspielungen mangelt, mehr hier.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2024 - Bühne

Szene aus "Armida" Foto: Steffen Gloede.

Björn Reinke muss seine Inszenierung von Joseph Haydns Oper "Armida" gar nicht aufwendig aktualisieren, meint Clemens Haustein in der FAZ, der das Stück im Schlosstheater des neuen Palais Potsdam gesehen hat. Denn ihr Thema ist zeitlos: Der Kreuzritter Rinaldo muss sich zwischen "Myrte und Maschinengewehr" entscheiden, zwischen der Liebe zur Nichte des gegnerischen Königs von Damaskus und seiner Pflicht. Selbst eine idyllische Waldszene kann nichts daran ändern, dass er sich am Ende falsch entscheidet, erzählt Haustein: "Vor dieser Szene schob sich der zaudernde Ritter ein paar Pillen ein. Idylle als Drogenrausch. Das ist ein bisschen traurig und auch zynisch, möchte aber den schlimmen Schluss der Oper entschuldigen: dass Rinaldo sich am Ende allen Ernstes für die Gewalt entscheidet und den Myrtenbaum fällt. Damit ist nach dem Libretto die Quelle der Zauberei beseitigt, aus der Armida schöpfte. Dass diese Quelle aber nichts anderes ist als die Liebe, beglaubigt durch das uralte Symbol der Myrte, lässt einen bestürzt zurück. Hier behält die Pflicht für Volk und Vaterland das letzte Wort, selbst wenn die Liebe dran glauben muss. Das kann nur ein Wahnsinniger oder ein Mensch unter Drogen vollziehen, sagt Reinke und lässt Rinaldo am Ende mit blutender Brust in den Bühnenvordergrund torkeln. Der Mord an der Liebe wird zum Selbstmord. In Armidas Schoß liegt der Antiheld schließlich wie der Gekreuzigte bei der Gottesmutter."

Auch Klaus Büstrin ist im Tagesspiegel angetan, vor allem vom "warmen Timbre" und "der eleganten Verzierungskunst" Aytaj Shikhalizadas als Armida und Liam Bonthrones als Rinaldo. 

Besprochen werden Wilke Weermanns Inszenierung des Schauerstücks "Der Untergang des Hauses Usher" mit Texten von Edgar Allan Poe am Theater Aachen (nachtkritik), Barbara Webers Inszenierung von Suzie Millers MeToo-Monolog "Prima Facie" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Marieluise Fleißers Stück "Eine Zierde für den Verein" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ), Dominique Schnizers Inszenierung von "Der große Gatsby" nach F. Scott Fitzgerald am Staatstheater Meiningen (nachtkritik), Lisa Nielebocks Adaption von Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht" am Schauspiel Frankfurt (FR) und die Choregrafie "Dunkelheit" vom Duo Billinger & Schulz im Studio Naxos in Frankfurt (FR) und Maxim Didenkos Inszenierung des Theaterstücks "Cremulator", basierend auf einem Roman von Sasha Filipenko, im Rahmen des Voices Performing Arts Festivals in Berlin (taz, tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2024 - Bühne

Szene aus Sidi Larbi Cherkaouis "Ihsane". Foto: Gregory Batardon, Grand Theatre de Geneve


Vor zwei Jahren hat der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui mit dem Stück "Vlaemsch (chez moi)" seine flämischen Wurzeln erforscht: die Welt seiner katholischen Mutter. Jetzt geht er mit "Ihsane" im Grand Théâtre de Genève den Spuren seines marokkanischen Vaters nach, mit dem ihn, den schwulen Tänzer, wenig verband, und der starb, als sein Sohn neunzehn war. In der NZZ ist Lilo Weber, die sich auch mit Cherkaoui unterhalten hat, stark beeindruckt: "Das Wort 'Ihsane' steht in Arabisch für ein Ideal von Güte, Wohlwollen, Liebenswürdigkeit, auch Perfektion und Schönheit. Sidi Larbi Cherkaoui versteht das als Humanismus avant la lettre. Doch er wäre nicht er, der Rebell und Bilderstürmer, würde sein 'Ihsane' nicht die Verletzung des Ideals, die Umkehrung, mitmeinen. In Belgien wird der Begriff mit einem Verbrechen assoziiert, das als erster homophober Mord gesetzlich anerkannt wurde. Im April 2012 prügelten in Lüttich vier Männer den homosexuellen Araber Ihsane Jarfi zu Tode."

Auch Dorion Weickmann (SZ) ist ergriffen, vor allem vom Schluss, der eine Versöhnung nahe legt: "Weiße Vorhänge rauschen herein und begrenzen einen White Cube als Kulisse für paradiesische Harmonie. Sie bestimmt das Miteinander. Auch der Männer, die in Küssen versinken. Über simple Kreuzschritte setzt der Choreograf ein Wellenmeer aus Oberkörpern, das alles mit allem verschmilzt. Zuletzt kniet eine Handvoll Tänzer an der Rampe, reicht Erde von Hand zu Hand, teilt das Elementare, Lebensnotwendige, das niemand besitzen kann." FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster erweicht das nicht, denn sie kann "die Einsamkeit und Isolation seines nach Belgien eingewanderten marokkanischen Vaters ... nicht wirklich sehen und spüren", schreibt sie enttäuscht und wird dann streng: "Der berühmteste zeitgenössische Choreograph versteht seine Kunst in 'Ihsane' als Predigt und die Welt als ihrer dringend bedürftig. Das ist nachvollziehbar, aber zugleich ist Kunst als Umarmung auch ein komplettes Missverständnis."

In einem Kurzkommentar in der FAZ zeigt sich Simon Strauß wenig begeistert von Joe Chialos einsamer Entscheidung, die Architektin und Kuratorin Çağla Ilk als neue Leiterin des Gorki-Theaters zu berufen: "Was für einen Begriff von Theater er mit ihr verbindet, sagte der Senator nicht. Offenbar reicht die Zugehörigkeit zum richtigen 'Netzwerk' inzwischen aus, um eines der wichtigsten Theaterhäuser Berlins anvertraut zu bekommen. Ob man ein spezifisches Verständnis vom Theater hat, ist kein Kriterium mehr", murrt er. Es gibt auch noch eine kleine Hürde in der Berufung, erinnert Peter Laudenbach in der SZ: "Weil Chialo derzeit aufgrund der Haushaltslage und des vom Finanzsenator verhängten Ausgabestopps keine finanziellen Verpflichtungen eingehen kann, steht der vorläufige Intendantenvertrag von Ilk unter Finanzierungsvorbehalt."

Weitere Artikel: In der Welt stellt Jacob Hayner die französische Choreografin und Puppenspielerin Gisèle Vienne vor, die man derzeit in Berlin mit ihrem Tanzstück "Crowd" (Sophiensäle) und zwei Ausstellungen (im Haus am Waldsee und im Georg-Kolbe-Museum) entdecken kann. Susanne Lenz und Ulrich Seidler unterhalten sich ausführlich für die Berliner Zeitung mit dem Görlitzer Theaterintendanten Daniel Morgenroth über Ostdeutschland, die AfD, knappe Finanzen und Demokratieverständnis.

Besprochen werden außerdem noch Lisa Nielebocks Adaption von Édouard Louis' autobiographischer Erzählung "Wer hat meinen Vater umgebracht" am Theater Frankfurt ("ein klassenkämpferisches Kammerspiel, das zwar nicht ärgert, sich aber auch nicht empfiehlt", urteilt in der nachtkritik Shirin Sojitrawalla, der hier "einfach zu viel Durchzug" herrscht), Frédérick Gravels Tanzstück "History Is Mostly Made Of Flesh" am Staatstheater Mainz (FR) und Aron Stiehls Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" in Bonn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2024 - Bühne

Çağla Ilk übernimmt ab 2026 die Intendanz des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin und löst damit die bisherige Intendantin Shermin Langhoff ab, meldet der Standard - das hatte die FR bereits skeptisch vermutet (unser Resümee). Ulrich Seidler analysiert für die Berliner Zeitung, was das Publikum von Ilk zu erwarten hat, die zuvor bereits als Dramaturgin am Haus war und noch bis Mitte 2025 die Kunsthalle Baden-Baden leitet: "Ilks Ansatz hat nun aber weniger einen sozialen und politischen, sondern mehr einen ästhetischen Ausgangspunkt und lässt sich aus ihrer genreübergreifenden Tätigkeit ableiten, bei der sie munter die Zäunchen zwischen darstellender, performativer, installativer und bildender Kunst überschreitet oder flachlegt." In Baden-Baden löste sie "erst einmal einen kleinen Eklat mit der Idee der israelischen Künstlerin Yael Bartana aus: Sie wollte von einem Hubschrauber mit einem Schofarhorn - einem traditionellen jüdischen Blasinstrument - um 6 Uhr morgens die Einwohner der Kurstadt aus den Betten pusten. Çağla Ilks Konzept, kurz zusammengefasst: Im Theater Ausstellungen machen und im Museum Theater - und dann mischen."

Im Tagesspiegel hatte Patrick Wildermann Ilk bislang nicht auf dem Schirm und runzelt erst einmal noch die Stirn ob des Chialo-Alleingangs: "Den Dialog mit dem Gorki über mögliche Kandidatinnen oder Kandidaten hat er offensichtlich nicht gesucht, als es um die Nachfolge ging. Es gab auch keine Findungskommission, keine Ausschreibung, das bestätigt der Senator. Über die 'Setzung' habe er allein entschieden. Klar, Chialo hat qua Amt das Recht auf solche Alleingänge. Aber das ist kein Argument für mangelnde Transparenz."

Weitere Artikel: Die Welt sucht und findet Theaterstücke über die DDR, aber ohne Ostalgie: "Gittersee" von Charlotte Gneuß und Leonie Rebentisch am Berliner Ensemble und "Dumme Jahre" von Thomas Freyer und Tilmann Köhler am Deutschen Nationaltheater Weimar. Mit Ethel Smyth wird in der NZZ eine Opernkomponistin vorgestellt, die sich auch als Suffragette einen Namen gemacht hat und nun wiederentdeckt wird. Der Tagesspiegel berichtet von der Eröffnung des inklusiven "No Limits"-Theater- und Tanzfestivals am HAU.

Besprochen werden Hasko Webers Inszenierung der Humperdinck-Oper "Hänsel und Gretel" am Deutschen Nationaltheater Weimar (FAZ), Kleists "Der zerbrochne Krug" in der Katakombe im Kulturhaus Frankfurt inszeniert von Carola Moritz (FR), "WTF?!", Inszenierung und Konzeption von Malte Lachmann, am Theater Lübeck (Taz) und "Funklerwald", geschrieben von Jorinde Dröse und Regula Schröter und inszeniert von ersterer am Theater Bremen (Taz).