Der niederländische Choreograf Hans van Manen ist im Alter von 93 Jahren gestorben. In der SZ erinnert Dorion Weickmann nicht nur an einen "Grandseigneur" seines Fachs, der das von ihm mitbegründete Nederlands Dans Theater und das Het Nationale Ballet prägte, sondern an einen der "einflussreichsten Erneuerer" desBalletts: "Hans van Manen hat das europäische Ballett aus dem Prokrustesbett der Tradition gelöst und neoklassisch modelliert. Seine Schöpfungen waren kristallin, klar und so scharf konturiert, dass es keiner abendfüllenden Erzählstoffe bedurfte, um vom Kern der menschlichen Natur zu erzählen. Vom Lieben, Leiden, vom Balzen und Begehren, Sehen und Sehnen. Diesem Meister wird so schnell keiner nachwachsen." In der FRruft Sylvia Staude nach.
Er wurde "Mondrian des Tanzes" genannt, erinnert in der Welt Manuel Brug: "'Weniger ist mehr', war sein Leitspruch. Fusselfrei, auf die Essenz reduziert. So war Hans van Manen, der privat so dandyhaft wie barock-überbordend sein konnte, schon immer in seiner Kunst. Und mehr noch: Lange vor unseren Genderdebatten hat er etwa Männer in Röcke wie Frauenkleider gesteckt. Bei ihm waren Tänzer erstmals nackt, er zeigte konsequent auch im Duo tanzende Männer, und stets waren eigentlich die Frauen bei ihm die Stärkeren. Ein Geschlechterkämpfer vor der Zeit, der solches nie vorhatte." "In klassischer, gelassener Manier schritt er mit seinen Tänzen einen himmlisch weiten Kreis vollkommener Schönheit ab", schreibt Wiebke Hüster, die sich in der FAZ nicht entscheiden kann, welches von Manens Stücken sie für das beste hält: "Vielleicht 'Two Gold Variations', vielleicht 'Variations for Two Couples', 'Frank Bridge Variations', 'Metaforen', 'Große Fuge'?"
Oder sind es vielleicht die "Polish Pieces"?
Die Regisseurin Lena Brasch und der Drehbuchautor Juri Sternburg, Teil der Theaterfamilie Langhoff, stammen beide aus jüdisch-kommunistischen Familien - mit "East Side Story - A German Jewsical" am Berliner Gorki-Theater bringen sie ihr erstes gemeinsames Projekt auf die Bühne. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischen Familie vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung - und zwar mit vierköpfiger Band, stauntNachtkritiker Georg Kasch: "All die Verzweiflung, die Trauer, die Wut, als Jüdin und Jude in Deutschland immer eine Rolle zugewiesen zu bekommen, nie ganz zu Hause zu sein, sie vibriert nicht zuletzt in diesen Liedern. Und der Wunsch danach, solidarisch zusammenzustehen, wenn's mal wieder drauf ankommt." Im Tagesspiegel keimt bei Tom Mustroph nach der Aufführung der Gedanke auf, dass "angesichts des aktuell aufflammenden Faschismus und Nationalismus ... in der Rückschau dieses 'Jewsicals' auch Züge einer neuen, eher dunklen Zukunft liegen könnten".
Besprochen werden Nikolaus Habjans Inszenierung von Beethovens "Fidelio" unter dem Dirigat von FranzWelser-Möst an der Wiener Staatsoper (In einem Festakt erinnert die Staatsoper anlässlich der Zerstörung vor achtzig und der Wiedereröffnung vor siebzig Jahren auch an die Künstler und Angestellten des Hauses, die ab 1938 vom Betrieb ausgeschlossen wurden, informiert Stefan Ender in der NZZ, weitere Besprechung in der FAZ), Marco Damghanis Stück "Die Allerletzten" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (FAZ), Julia Lwowskis Inszenierung "Ignorance is Bliss" vom Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen und Ensemble Trisolde in den Berliner Sophiensälen (nachtkritik, taz) und Antonia Baehrs Stück "Gut gemacht!" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).
Staatsoper Berlin: Wozzeck. Bildnachweis: Stephan Rabold "Wozzeck" wird 100 und Christian Thielemann dirigiert die Jubiläumsaufführung an der Staatsoper Unter den Linden, wo Alban Bergs Büchner-Oper 1925 zum ersten Mal öffentlich vorgeführt worden war (unsere Resümees). Die Feuilletons sind hingerissen von dem Ergebnis. Andrea Breths unauffällige Inszenierung findet Manuel Brug in der Welt zwar nicht der Rede wert. Macht aber nichts, im Gegenteil. Denn: "So können die Klänge mühelos die Szene beherrschen. Und Christian Thielemann dirigiert sie so romantisch wie abwägend. Da blühen die Kantilenen, da entfalten sich prachtvoll die vielen Momente der Soloinstrumente. Er leitet das liebevoll im Detail, doch gelassen voranschreitend. Und immer textdeutlich. Das klingt offener, vielfältiger als sonst, zerfällt aber nie in die Summe seiner raffinierten Einzelteile. Thielemann staunt - und das Publikum staunt mit, folgt aufmerksam dem faszinierenden Spiel der stolzen Staatskapelle."
Albrecht Selge findet in van auch für Breths Inszenierungsstrategie, die dem Stück "viel Raum lässt", lobende Worte. Vor allem jedoch bejubelt er einen "Cast schon nah an Traumbesetzung. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann und Stephen Milling sind Muster an präziser, ungemein verständlicher Deklamation. Der umwerfende Tambourmajor von Andreas Schager, diesen Sänger, den man, finde ich, nicht nicht lieben kann, mag fast zu charmebolzig für eine derartige Kotzbrockenfigur sein. Aber das trägt sein Gran dazu bei, dass man sie noch besser versteht, die arme Marie, prekäre alleinerziehende Mutter und Träumerin und Mordopfer, eine Frau, die von Anja Kampe wahrlich berührend auf die Bühne gebracht wird, fern aller schrill-'expressionistischen' Ausstellung." Bojan Budisavljević ist auf nmz gleichfalls ausgesprochen zufrieden: "Absolute Musik eben." Konrad Muschik widmet sich in seiner taz-Besprechung mehr der Oper selbst als der aktuellen Berliner Aufführung. Für die Zeit besucht Christine Lemke-Matwey die Aufführung gemeinsam mit der Grünen-Politikerin Ricarda Lang.
Im FAZ-Interview mit Christian Gampert schildert die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Hadar Galron, die das israelische Isra-Drama-Theaterfestival leitet, die Herausforderungen bei der Durchführung des Festivals, die durch internationale Boykotte (unser Resümee) erschwert wird. Außerdem erklärt sie, was Trumps Friedensplan in Israel auslöste: "Ja, plötzlich brach Frieden aus. Das war sehr seltsam. Ich dachte immer, nur Kriege brechen aus; hier brach dank Donald Trump auf einmal Frieden aus. Aber das ist natürlich keine Patentlösung - wir müssen wirklich ein großes Durcheinander aufräumen. Das, was sie uns angetan haben, und das, was wir ihnen angetan haben. Vielleicht versetzt uns das Theater in die Lage, uns diesem Chaos zu stellen und uns nicht gleich wieder abzuwenden."
Weiteres: Atif Mohammed Nour Hussein fragt in der nachtkritik, weshalb sich das deutsche Theater, aber auch die deutsche Literatur und das deutsche Kino nach 1945 so selten mit deutsch-jüdischem Leben auseinandergesetzt haben. Besprochen werden Marco Goeckes "Nussknacker"-Inszenierung am Ballett Basel (SZ; "die überzeugende Überschreibung eines Klassikers"), die Familienoper "Ich bin Vincent! Und ich habe keine Angst" am Theater an der Wien (Presse; "Die Musik ist effektvoll, bleibt aber distanziert"), Puccinis "Bohème" an der Wiener Staatsoper (Presse; "lauter Jubel, leise Enttäuschung", Standard; "erst erfrischend agil und pointiert, dann kurz süffig, dann elegant, danach poetisch") und die giftmordlastige Gaetano-Donzelli-Oper "Lucrezia Borgia" am Nationaltheater Mannheim (FR; "Roberto Rizzi Brignoli dirigiert mit der erforderlichen Verve").
Szene aus "Die Ameise" an der Oper Bonn. Foto: Bettina Stöß.
"Ein später, durchschlagender Triumph" gelingt mit der vergessenen Oper "Die Ameise" aus dem Jahr 1961 von Peter Ronnefeld, freut sich FAZ-Kritikerin Lotte Thaler. Kateryna Sokolova hat die surreale Story, die sich zwischen "E.T.A. Hoffmann und Kafka" bewegt, an der Bonner Oper auf die Bühne gebracht. Es geht um den Gesangslehrer Salvatore, der seine Schülerin umgebracht haben, soll, "im Gefängnis fliegt sie ihm als Ameisenkönigin zu und wird zur singenden Sensation ausgebildet." Die Kritikerin ist von allem begeistert, aber vor allem von "Nicole Wacker als von einer ehrgeizigen Mutter (Susanne Blattert) zum Gesangsunterricht getriebenen halbwüchsigen Formica, die ihrem Lehrer Salvatore mit stratosphärischem Koloratursopran den Kopf verdreht. Dietrich Henschel spricht, singt, spielt ihn mit somnambuler Verfasstheit, völlig eingesponnen in einen Kokon aus pädagogischem Eros, in dem die Liebe zum Gesang mit der Liebe zur Schülerin zusammenfällt. Als sie ihn verlassen will, verliert er sich selbst, wird wahnsinnig."
Besprochen wird Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (taz), Marco Goeckes Inszenierung von Tschaikowskys Ballett "Der Nussknacker" am Theater Basel (NZZ) und Johanna Nuutinens Choreografie "Æon" an der Studiobühne des Osnabrücker Theaters (taz).
Sehr eindrücklich berichtet Matthias Naumann für die nachtkritik von dem israelischen Theaterfestival Festival "Isradrama". Viele Produktionen setzen sich in unterschiedlichsten Weisen mit dem 7. Oktober auseinander. Diese Produktionen wird man in Europa kaum sehen können - weil ein nicht ausgesprochener Boykott an europäischen Bühnen betrieben wird, so Neumann. Der Boykott ist auch anderweitig spürbar: "Aufführungsrechte zu verweigern, ist eine stille Methode des Boykotts, die niemand öffentlich skandalisiert, die anscheinend jedoch zahlreich praktiziert wird. Hört man sich in diesem November 2025 in der israelischen Theaterszene um - während in Europa die Hetze gegen Israel unvermindert weitergeht, als gäbe es keinen Waffenstillstand -, wird einem schnell deutlich, wie isoliert israelische Künstler*innen zur Zeit sind. Die Zahl der Kooperationen mit europäischen und nordamerikanischen Theatern ist merklich zurückgegangen, ebenso Einladungen zu Festivals, Residenzen. Eine Abgeschnittenheit von Europa macht sich bemerkbar, die gerade diejenigen trifft, die sich als linke, kritische Künstler*innen gegen die rechte israelische Regierung stellen."
Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Robert Schittko Eine "kluge Bühnenfassung" von Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" sieht FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen am Schauspiel Frankfurt. Ran Chai Bar stellt in seiner Inszenierung das Dreiergespann Basil, Lord Henry und Dorian in den Mittelpunkt. Zu den "stärksten des Abends" gehört diese Szene: "Dorian hat Basil und Henry in ein schäbiges Eastend-Theater mitgenommen, wo das Mädchen auf der Bühne steht, in das er sich verliebt hat und das er heiraten will. Nun starren sie auf die Bühne im Stück, also in die Richtung der Frankfurter Zuschauer, die wiederum einzig in den Gesichtern der drei einen Abglanz davon erhaschen, wie Dorians Freundin spielt. Das tut sie offensichtlich katastrophal, wie sich rasch in den anfangs vorfreudigen, dann mutig um Begeisterung ringenden und schließlich resignierten Mienen der drei ganz exzellent abzeichnet. Dorian nimmt seiner Verlobten das Versagen übel und lässt es sie spüren. Als er am nächsten Tag die Nachricht von ihrem Selbstmord erhält, versucht er zu weinen. Und kann es nicht."
Judith von Sternburg ist in der FR vor allem von der Darstellung Henrysbeeindruckt: "Ihm gehört gewissermaßen das künstliche, stilisierte Feld, das die Regie bereitet. Ihm als der unmenschlichsten der drei Figuren, einem Scheusal, so kalt und gleichgültig, dass es schon wieder ganz nett ist. Stefan Graf spielt das fulminant, eine Karikatur, aber eine gekonnte. Wörter, die er nicht mag ('Treue'), vernichtet er beim Sprechvorgang. Ihm ist es zu verdanken, dass die Anfangssequenz, das Kennenlernen, das Umgarnen des Lamms, dermaßen glüht, dass der folgende Discoabend mit Eurythmics' 'Sweet Dreams' eine echte Spannungsentladung bringt."
Besprochen werden Claus Nicolai Six' Inszenierung von "Lecken3000" am Burgtheater Wien (nachtkritik, taz), Claus Guths Inszenierung des Musicals "Cabaret" im Münchner Residenztheater (SZ), Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (nachtkritik), David Böschs Inszenierung von Ödön von Horváths Stück "Der jüngste Tag" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Angeliki Papoulias Inszenierung von Euripides Stück "Hekabe" am Schauspielhaus Zürich (NZZ) und Holger Schultzes Inszenierung von Tennessee Williams' Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Theater Heidelberg (nachtkritik).
Szene aus Alban Bergs Oper "Wozzeck" an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Stephan Rabold. Alban Bergs Oper "Wozzeck" ist nach hundert Jahren an die Staatsoper Unter den Linden zurückgekehrt (unser Resümee). Im FAS-Interview mit Thomas Lindemann erklärt die Regisseurin Andrea Breth, was sie an dem Stoff so fasziniert. Das Stück sei "eine Metapher der Armut", Wozzeck "widerfährt eine regelrechte Entindividualisierung, er wird zur Kreatur heruntergezogen (...) Wir haben mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber eine Drehbühne erschaffen, die wie ein ewiges Holzgefängnis aussieht. Die Räume sind winzig, getrennt durch Holzgitter, man kann immer alles sehen, es gibt kein privates Dasein. Und es dreht sich, weil Wozzeck immer gehetzt ist, er rennt und rennt, wie ein Hamster im Rad. Es wird nie besser, es wird immer schlimmer: Er taumelt von einer Arbeit zur nächsten und wird doch immer wieder versklavt. Alban Berg hat in der Oper wunderbare Zwischenspiele komponiert, die die Szenen voneinander trennen, und da wird es bei mir einfach schwarz. Da will ich nichts bebildert haben. So bleibt die blitzlichtartige, gruselige Kurzform der Oper erhalten: von einer Katastrophe in die nächste."
Besprochen werden Wolfgang Nägeles Inszenierung von Harrison Birtwistles Oper "Punch and Judy" mit der Oper Frankfurt (FR) und Caroline Stolz Inszenierung von Ray Cooneys Stück "Außer Kontrolle" an der Komödie Frankfurt (FR).
Am 14. Dezember 1925 fand die Uraufführung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" an der Staatsoper Unter den Linden statt, dort wird sie nun hundert Jahre später unter dem Dirigat von Christian Thielemann erneut aufgeführt, freut sich Michael Maier, der in der Berliner Zeitungerinnert, dass Berg damals rassistischen und antisemitischen Angriffen ausgesetzt war: Dramaturg "Detlef Giese sagte der Berliner Zeitung, dass Berg von den antisemitischen Zeitungen als 'Komponist jüdischer Abkunft dargestellt und mit Vorurteilen belegt wurde' - obwohl Berg nicht Jude war. Giese: 'Rassistische Stereotype wurden bemüht, um ästhetische Vorbehalte der Musik gegenüber zu begründen.' Dass Bergs Werke in der NS-Zeit dann als 'entartet' galten und nicht mehr aufgeführt wurden, stehe in dieser Tradition."
Weiteres: Für die Welt zieht Manuel Burg mal mehr, mal weniger amüsiert durch die Pariser Musicalszene. Besprochen werden das Konzert "Sufi-Poesie aus Aleppo" in der Reihe "Musiken der Welt" im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper (FR), Leonardo Raabs Inszenierung von Dario Fos und Franca Rames linker Boulevardklamotte "Bezahlt wird nicht" am Staatstheater Mainz (FR), Christiane Rösingers Musicalabend "Leben im Liegen" am Berliner HAU (taz, Tagesspiegel) und Imre Lichtenberger Bozokis Inszenierung "Die verschissene Zeit" nach Barbi Marković am Wiener Kosmotheater (nachtkritik).
Szene aus "Hasenprosa". Foto: Laura Nickel Maren Kames' "Hasenprosa" schaffte es vergangenes Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis, nun hat Marlon Otte die poetische Geschichte um die Begegnungen eines Hasen mit einer jungen trauernden Frau auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt gebracht, staunt Judith von Sternburg in der FR. Nina Wolf gibt die junge Frau, Sebastian Reiß den Hasen: "Es gibt ein einfaches buntes Bühnenbild von Marco Pinheiro, in dem sich das Duo lässig tummeln, verbergen und Quatsch machen kann: Kisten und Kästen - einer enthält die sommerlichste aller Blumenwiesen, einer hat ein Bullauge wie eine Waschmaschine. (…) Die Bewegungssprache ist deutlich, vor allem naturgemäß die des Hasen, der vorläufig im ohnehin schon orangefarbenen Licht eine Karotte isst. Reiß beim Mümmeln und Murmeln zuzusehen und wie er die schmucken Vorderzähne dann doch herausnimmt, um sich den Menschen gegenüber verständlich zu machen, ist schon ein Spaß."
Weitere Artikel: Für die Zeit trifft Christine Lemke-Matwey die amerikanische Komponistin Meredith Monk, die derzeit an der Folkwang Universität die Pina-Bausch-Gastprofessur innehat. Martin Thomas Pesl sendet der nachtkritik einen Lagebericht aus Wiens Theaterlandschaft, die im kommenden Jahr mit Budgetkürzungen von 7 Prozent im Vergleich zum laufenden Jahr auskommen muss.
Besprochen werden außerdem Isabelle Redferns Inszenierung "Porneia" - eine Überschreibung von Aristophanes' "Lysistrata" von Golda Barton am Hamburger Thalia Theater (taz), Vasily Barkhatovs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala (NZZ), Hans Abrahamsens Vertonung von Andersens "Schneekönigin" an der Semperoper in Dresden (FAZ) und Christiane Rösingers Stück "Leben im Liegen" am Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik).
Teatro alla Scala: Lady Macbeth von Mzensk. Credit: Bescia e Amisano Welt-Autor Manuel Brug kann einiges anfangen mit Vasily Barkhatovs Inszenierung der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala. Musikalisch ist die Aufführung ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und auch die szenische Umsetzung sticht: "Das Stück wird realistisch ernst genommen, nie ironisiert, aber immer wieder in die Klammer des Als-ob gestellt - und gewinnt so an Poesie. Dafür bricht dann in der eisigen Steppe des Finales ein riesiger Gefangentransporter durch die Glaswand, die filigranen Lüster senken sich als Eiskristalle herab. Die neue Geliebte ihres Lovers Sergej, den die rachsüchtige Katerina mit ins Wasser zieht, wird hier zum Brandopfer als flackerndes Fanal. Sehr tarkowskihaft all das." Max Nyffeler ist in der FAZ nicht gar so begeistert und vermutet angesichts eines Plots voller Heimtücke und - vor allem - Vergewaltigungen: "Es ist wohl die Faszination des Bösen, die den Theaterbesucher in Atem hält."
Einen denkwürdigen Ballettabend erlebt FAZ-lerin Wiebke Hüster an der Hamburger Staatsoper. "La Sylphide", eine Sternstunde des Tanztheaters der Romantik, überzeugt ebenso wie Aleix Martinez' "Äther", eine zeitgenössische Antwort auf August Bournonvilles Klassiker. Der neue Ballettdirektor Lloyd Riggins, der das schwere Erbe Demis Volpis antritt, startet mit einem Volltreffer. Tatsächlich "wurden nicht nur die guten Tänzer, sondern auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, seine Solisten und sein Dirigent Markus Lehtinen gefeiert, weil sie wie die Tänzer den ästhetischen Sprung über fast zwei Jahrhunderte hinweg nahmen, als wäre es gar nichts. Es ist großartig zu erleben, dass Musiker und Tänzer beides können und beides lieben, die Romantik und das Zeitgenössische, und zwei in den Mitteln und Anforderungen so weit voneinander entfernten Epochen an einem Abend Gerechtigkeit widerfahren lassen."
Außerdem: Manuel Brug schaut sich für die Welt in der PariserMusical-Szene um. Mit dem arg braven Emanzipationsspektakel "La Cage Aux Folles" im Théâtre du Châtelet kann er wenig anfangen, Jacques Offenbachs "Robinson Crusoe" am Théâtre des Champs-Élysées kommt besser weg. Nicht nur in Berlin, auch in Baden-Württemberg wird im Kulturbereich fleißig gekürzt, berichtet Björn Hayer in der taz. Esther Slevogt erinnert auf nachtkritik an den jüdischen Theaterkritiker Arthur Kürschner. Ebenfalls auf nachtkritikgedenkt Christian Rakow seines 2022 verstorbenen Kollegen Nikolaus Merck, der das Online-Theatermagazin einst mitgegründet hatte. Und noch einmal nachtkritik: Martin Thomas Pesl schaut sich in der Wiener Theaterszene um.
Besprochen werden eine "MadameButterfly" an der Wiener Staatsoper (Walter Dobner hat in der Presse weder für die Sopranistin Eleonora Buratto noch für Dirigent Giampaolo Bisanti viel lobende Worte übrig) und "Dinner for one" von Guillaume Poix und Rebekka Kricheldorf am Theater Neumarkt Zürich (nachtkritik; "Eigentlich geht hier gar nichts auf, aber mit gewissem Witz").
Szene aus "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!". Foto: Luna Zscharnt Ein Krippenspiel an der anarchistischen Volksbühne? Das passt dank Christian Filips Stück "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!" ganz hervorragend, jubeln die Kritiker. Wenn Sophie Rois als Franz von Assisi in den Klassenkampf zieht, um gegen Kapitalismus, Klickfarmen und "Tech-Feudalismus" zu kämpfen, amüsiert sich nicht nur Peter Laudenbach in der SZ: "Die Revue hangelt sich an zwei Themensträngen entlang: Franz von Assisi predigt Armut, spricht mit den Vögeln und wird vom Papst (großartig: Kerstin Graßmann) als 'Kommunistenschwein' verdammt. Weil Franz von Assisis Liebe zu den Vögeln zwar schön ist, vor allem wenn Messiaen sie vertont, der Abend aber bitte nicht in den Erbauungskitsch abrutschen soll, verspeist Sophie Rois mit Genuss ein Brathähnchen. Margarita Breitkreiz spielt eine menschliche Horrorkrähe, und Hitchcocks Vögel jagen auf den Videowänden unschuldige Amerikaner."
Im Tagesspiegelächzt Rüdiger Schaper zwar unter all den "existenziellen Themen", die Musik findet er aber grandios: "In einer unsäglichen Szene über Krieg und Pazifismus mokiert [Regisseur Filip] sich über Aufrüstung und inszeniert einen ausgelassenen folkloristischen Russentanz, begleitet von dem fulminanten Orchester unten an der Rampe. Kleine Weihnachtsaufmerksamkeit für Putin." Welt-Kritiker Jakob Hayner erlebt "nicht nur das schönste und wohl opulenteste Krippenspiel des Jahres, sondern (es) folgt als Metakrippenspiel auch einem heiligen Ernst. Es ist die Suche nach der ungeteilten Welt in einer Gesellschaft auf dem Privatisierungstrip." Auch Nachtkritiker Christian Rakow ist begeistert: "Heiligsprechungen, Wunderglaube, Aufruhr, Revolutionswehen! Ein feuerrot strahlendes Giotto-Bühnenbild! Also Opulenz gar kein Ausdruck." Nur in der FAZ schimpft Simon Strauss: "Zu viel Aufwand…, um den Gedanken derHeiligkeit der Einfachheit zu überführen".
Besprochen werden außerdem Mozarts im zarten Alter von 14 Jahren komponierte Oper "Mitridate, re di Ponto" an der Oper Frankfurt (ein "atemberaubend spannendes musiktheatralisches Ereignis", ruft Judith Sternburg in der FR, in der FAZ ist auch Jan Brachmann angetan), ein Tanzstück von Maciej Kuźmińskis "Cantos" am Hessischen Staatsballett (FR), Rabih Mroués und Lina Majdalanies Lecture Performance "Vier Wände und ein Dach" im Frankfurter Mousonturm (FR), Yael Ronens Stück "Sabotage" an der Berliner Schaubühne (taz) und Anna Bernreitners Inszenierung der Strauss-Oper "Die Fledermaus" mit neuen Texten von Patti Basler an der Oper Zürich (NZZ).
Judith von Sternburg erlebt in "Hamlet", inszeniert von Burkhard C. Kosminski, für die FR auch einen Protest gegen Kulturkürzungen, denen das Schauspiel Stuttgart entschieden, manchmal fast ein bisschen zu effektreich, entgegentritt: "Kälte geht hier vor Leidenschaft. Hamlet selbst, der Schauspieler Franz Pätzold als Gaststar, ist aggressiv wie ein aufgeklapptes Messer und hält den Ball zugleich flach. Imposant, eisig, nonchalant. Entsprechend kraftvoll das Finale mit Degen und Gift, von Annette Bauer choreografiert. Der Rest ist ein Song. Nein, der Rest ist ein eindrucksvoller Protest gegen drohende massive Einsparungen in der Kultur seitens der Stuttgarter Stadtpolitik."
FürNachtkritikerin Verena Großkreutz eiert das Stück ziemlich durch die Gegend, so richtig zusammenpassen will da nichts wirklich: "Hier wird gealbert, dort maßlos übertrieben. Wann dringt man vor zum ernsten, zeitlosen, bedeutenden Kern des Stücks? Im Umfeld des klamottig Inszenierten verlieren die Monologe Hamlets jedenfalls flugs ihre Bedeutsamkeit. Und nicht nur der Wahnsinn Ophelias (eigentlich einfühlsam gespielt von Pauline Großmann) wird dadurch zur Farce. Entscheidet man sich für Schenkelklopfer, begeht man gleichzeitig einen Verrat am Wahrhaftigen: an den Figuren, die echte Gefühle zeigen."
Auch die SZ macht auf die Budgetkürzungen aufmerksam, die dem Theater bevorstehen und gegen die protestiert wird.
Weiteres: Gerald Felber feiert in der FAZ hundert Jahre seit der Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck". Sabine Küper-Busch und Shahzad Mudasir porträtieren den Kabuler Tänzer Vantace für Jungle World.
Besprochen werden: Ilker Cataks "Das Lehrerzimmer", inszeniert von Adrian Figueroa am Nationaltheater Mannheim (taz), "Alles Liebe" von Misha Cvijovic und Philipp Amelungsen, inszeniert von Anna Weber am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!", geschrieben und inszeniert von Christian Filips an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik) und "Eine perfekte Hochzeit" von Matthew Lopéz, inszeniert von Christian Brey am Theater Oberhausen (Nachtkritik).
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