Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2026 - Bühne

Thomas Schmauser als Mephisto an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic

Der Schauspieler Thomas Schmauser hat letztes Jahr die drei bedeutendsten deutschen Theaterpreise gewonnen. Seine "flackernd feinnervige Schauspielkunst" kann man demnächst auch beim Theatertreffen in Berlin bewundern, wo er als "Mephisto" in Jette Steckels Inszenierung für die Münchner Kammerspiele auftritt, erzählt Christine Dössel (SZ) in ihrem Porträt des Schauspieler: "Der 53-Jährige verkörpert die Figur völlig vor- und werturteilsfrei. Als Theater-Maniac, der er auch selbst ist, stürzt er sich radikal - mit schlaffem Leib und wunder Seele - in den Absolutismus dieses Charakters, der die Kunst über alles setzt und glaubt, als Schauspieler der Politik entkommen zu können. Höfgens Credo: 'Es gibt kein Außerhalb von Theater.' Sein Körper weiß es besser und reagiert auf seine eigene Weise. Knickt ein, schlottert vor Angst, wabbelt, zappelt. Schmausers Höfgen hat epileptische Panikattacken, wie auch Gründgens sie hatte, und er liebt heimlich Männer, so wie jener. Die Bandbreite, mit der Schmauser das spielt, von steifer Verdruckstheit bis hin zu explosiven An- und Ausfällen, ist enorm und hat etwas schmerzhaft Pathologisches."

Szene aus "Serotonin" mit Guido Lambrecht. Foto: Thomas M. Jauk

Ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen ist Sebastian Hartmann - und zwar gleich zwei Mal: mit seiner Inszenierung des "Hauptmanns von Köpenick" am Staatstheater Cottbus und der Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Serotonin" am Hans Otto Theater in Potsdam. Jakob Hayner hat ihn für die Welt getroffen und ist beeindruckt von Hartmanns Kunstverständnis: "Hartmann wird nachgesagt, einer der letzten Romantiker des Theaters zu sein. Einer, der noch an die Kunst glaubt. Man versteht jedenfalls, was gemeint ist, wenn er von der Metaphysik des Theaters spricht. 'Die Kunst hat einen schöneren Klang, wenn sie mit der Seele in Kontakt tritt, nicht mit einem Diskurs', sagt Hartmann. 'Der Rest ist Realpolitik. Die bringt uns nur als Konsumenten zusammen, aber nicht als Menschen, die in ihrem Wesen immer mehr zurückgedrängt werden.'"

Im Interview mit der taz sprechen Hartmann und der Schauspieler Guido Lambrecht über Houellebecqs "Serotonin", aus dem sie ein fünfstündiges Solo für Lambrecht destilliert haben - was nicht nur wie ein Marathon klingt, sondern wohl auch einer ist: "Nach zwei Stunden kann Guido nicht mehr, das ist zu beobachten", sagt Hartmann. "Dann hört der Transport des Spielers auf. Dann beginnt der Spieler einsam zu sein, kommt in den Gedankenfluss. Für mich hat der Abend einen meditativen Charakter. Wenn man begreift, dass nichts anderes passiert, beginnt etwas Merkwürdiges. Man löst sich von seiner Erwartungshaltung. Halte ich das fünf Stunden aus? Das ist irgendwann egal. Es beginnt so etwas wie eine gedankliche Autolyse. Man fängt an, in sich selber zurückzufallen."

Weiteres: Volker Zander besucht für die taz den Sänger Josef Protschka, der vor 70 Jahren als Zwölfjähriger bei der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge" die Vokalstimme beigetragen hatte. Besprochen werden Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne (nachtkritik, Tsp), Sasha Schewelews Inszenierung von Caren Jeß' "Heartship" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Alize Zandwijks Inszenierung des "Hamlet" am Theater Bremen (nachtkritik), die Uraufführung von Robert Seethalers "Vernissage" in der Inszenierung von Jana Vetten am Theater Bamberg (nachtkritik), Jakob Arnolds Inszenierung von Schnitzlers "Ruf des Lebens" im Schlosstheater Moers (nachtkritik), Anna-Elisabeth Fricks "Anatomy of Failing" am Theater Kiel (nachtkritik), die Uraufführung einer performativen Klassenfahrt: "Speed - Auf den letzten Metern" von Sarah Viktoria Frick, Martin Vischer und dem Ensemble am Landestheater Niederösterreich (nachtkritik), Yannic Han Biao Federers "Asiawochen" in Heidelberg (FR), die Ballett-Trilogie "Van Manen / Kylián / Goecke" am Theater Basel (NZZ) und Donizettis "Lucia di Lammermoor", "musterhaft gelungen" als "Lucie de Lammermoor" aufgeführt an der Opéra Comique in Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2026 - Bühne

Szene aus Hundeherz. Foto: Thomas Aurin

Welt-Kritiker Jakob Hayner schwirrt der Kopf, nachdem ihn Regisseurin Claudia Bauer am Schauspielhaus Hamburg mit Armin Petras' Adaption von Bulgakows Novelle "Hundeherz" eine "Tour de Force durch die Abgründe des Post- und Transhumanismus" absolvieren hat lassen. Petras versetzt Bulgakows Satire auf den Sowjetmenschen, in der einem Hund Hirnanhangdrüse und Hoden eines Alkoholikers implantiert werden, ins Silicon Valley und lässt den Hundemenschen auf der Bühne pöbeln und onanieren. Subtil ist das Ganze nicht: "Da ist vom 'finanziell-elektronischen-militärischen Komplex' die Rede oder von einem Wahrheitsministerium für die algorithmische Steuerung öffentlicher Diskussionen, euphemistisch als 'Optimierung der Meinungsmelodie' bezeichnet. Wer abweicht, riskiert mehrjährige Haftstrafen im Demokratieförderlager."

taz-Kritiker Jens Fischer bewundert zwar Schauspieler Oscar Olivio, der die Puppe so zum Leben animiert, dass er fast selbst zum Hund wird. Was die Regisseurin uns mit diesem "blutleeren Tohuwabohu" sagen will, bleibt ihm allerdings ein Rätsel: "Wer ist dieses Menschtier? Erst mit der Angst vor Katzen ausgestattet, mutiert es nach den Implantaten der Männlichkeit zum Katzenkiller. Ein Opfer wird Täter, der alle Andersartigen hasst, denn 'die suchen doch nur, was sie klauen können'. Ein xenophober AfD-Wähler? Jedenfalls einer, der sich benachteiligt fühlt und sagt: 'In diesem Land dürfen nur die Intellektuellen schimpfen.'"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2026 - Bühne

Oper Leipzig - Regina. © Tom Schulze

Zum 225. Geburtstag Albert Lortzings gibt es ein veritables Lortzing-Festival mit diversen Opernaufführungen und mehr. Clemens Haustein hat sich für die FAZ die ersten Vorführungen angesehen und stellt vor allem angesichts der "Regina"-Inszenierung der Leipziger Oper fest, dass hier ein eminent politischer Künstler zu entdecken ist: "Vom lächelnden Lortzing-Ton ist in 'Regina' nicht viel zu hören, die Musik seiner letzten Oper ist kantiger, dramatischer, kraftbetonter. Große Chorpassagen, vom Chor der Oper Leipzig mit wuchtiger Präsenz gesungen, machen deutlich, dass es hier nicht um ein Kammerstück geht, eher schon um eine Volksoper. ... Lortzings eigenen Standpunkt darf man wohl hinter jenem des Vorarbeiters Richard vermuten, der es schafft, einen Streik der Arbeiter zu moderieren. Als Mann der Vernunft und des Augenmaßes zeigt sich Lortzing da, als früher Vertreter demokratischer Ordnung, die den Ausgleich zwischen den Parteien sucht."

Auch Welt-Kritiker Manuel Brug ist von der Leipziger "Regina" ziemlich angetan: "Der versierte Bernd Mottl betont gekonnt die Aktualität dieses Dreiakters. Seine Inszenierung spielt mit einem altdeutschen, an die Krupp-Villa Hügel gemahnenden, staatstragenden Waffenfabrikanten-Ambiente, einem Keller für die mit (K.-o.-Tropfen-)Bier als Opium fürs Volk eingeschläferte Arbeiterschaft und dem Bombenlager einer Deutschlandfahnen schwenkenden, zur Wiederaufrüstung bereiten Nation." Lortzings ebenfalls in Leipzig zur Aufführung kommenden "Waffenschmied" findet Brug hingegen "arg altbacken".

Schaubühne - Needles and Opium. Foto: Tristram Kenton

Noch ein Text vom FIND-Festival für Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne (siehe auch hier). FAZler Christoph Weissermel scheint die diesjährige Auswahl insgesamt eher mittelinteressant zu finden; hin und weg ist er jedoch von Robert Lepages Miles-Davis-Stück "Needles and Opium", das in einer überarbeiteten Fassung präsentiert wurde: "'Wie verwandelt man Schmerz in Schönheit?', wird einmal gefragt, und in seiner vierten Inszenierung an der Schaubühne zeigt Lepage, wie genau er das weiß. In einem zum Publikum offenen, sich in alle Richtungen drehenden Kubus, in den Räume, Straßenszenen, Jazzclubs projiziert werden, liegen, wandeln, schweben die Schauspieler und schaffen so eine hypnotische, mitunter zirkusähnliche Atmosphäre. Das passt zur Thematisierung von Drogensucht und Liebeskummer, wobei, glaubt man der Inszenierung, beide Worte dasselbe meinen."

Jakob Hayner macht sich in der Welt Gedanken über die Legitimations- und teilweise auch Publikumskrise des Theaters. Teil des Problems ist für ihn, dass die Bühnen von theaterfremden Initiativen vereinnahmt werden, die sich, zum Beispiel, zur Aufgabe setzen, die Stadtgesellschaft abzubilden: "Theater verstehen sich heute nicht mehr als kritischer Beobachtungsposten der Gesellschaft, sondern als zivilgesellschaftliche Akteure in ihr." Doch "wer kann schon Theaterleiter ernst nehmen, die ihr tägliches Brot Widerstand nennen, als ob sie bei Amazon einen Betriebsrat gründen wollten, während sie aber mit ihrem Gehalt in Höhe eines Bundesministers zum einkommensstärksten einen Prozent der Gesellschaft gehören?"

Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein überlegt in der nachtkritik, ob es nicht sinnvoll wäre, die gesamte organisatorische Arbeit im Kulturbereich an Stiftungen zu übergeben. Ralf Stabel blickt in der BlZ voraus auf das Ballettfestival in Gera, das am 8. Mai eröffnet wird.

Besprochen werden ein dem Choreographen Glen Tetley gewidmeter Ballet-Abend am Stuttgarter Ballet (FAZ - "faszinierend und fast befremdlich unemotional") und Tim Etchells "Everything Must Go" am Berliner Hebbel am Ufer (Tagesspiegel - "Die Choreografien erinnern ... an Avatare mit Wackelkontakt").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2026 - Bühne

Szene aus "Malina". © Annemone Taake

Jan Brachmann (FAZ) kann es kaum glauben: Dem Komponistenpaar Karola Obermüller und Peter Gilbert ist es tatsächlich gelungen aus Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" eine Oper zu machen - und Franziska Angerer hat sie vorbildlich auf die Bühne des Aachener Theaters gebracht: "Nonlinear, aber zielstrebig wie der Roman, erzählt auch die Oper den Ausbruch einer Frau aus der Beziehung mit dem begehrten Mann Ivan, für den sie nur Dekor in einer Welt sein darf, die ansonsten funktionieren muss. Auch das Dekor muss funktionieren: Es soll Freude verbreiten! Die Legende ist Wunschtraum erfüllter Liebe und Trost über den Verlust. Am Ende steht die Aufzehrung der Frau durch den fürsorglichen Mann. Oder stand sie schon am Anfang? Wenn Akbari und Sabadus ziemlich früh die slowenischen Worte für 'ich und du' singen - 'jaz in ti' -, verschmelzen beider Stimmen in überschießender Schönheit."

Das Opernhaus La Fenice in Venedig trennt sich nach monatelangem Streit von Dirigentin Beatrice Venezi, die als Meloni-nah gilt, berichtet unter anderem Karen Krüger in der FAZ: "Die Entscheidung sei unter anderem 'wegen wiederholter schwerwiegender öffentlicher Äußerungen der Dirigentin' getroffen worden, 'die beleidigend sind und den künstlerischen und beruflichen Wert' des Fenice beeinträchtigten und unvereinbar seien 'mit dem Schutz und dem Respekt, der den Orchestermusikern gebührt'". Den letzten Anstoß gab ein Interview Venezis mit der argentinischen Zeitung La Nación, in dem sie Oper und Orchester vorwarf, dass "die Positionen praktisch vom Vater an den Sohn weitergegeben werden".

Weitere Artikel: Das Ensemble der Shieveh Theater Company aus Teheran sollte die Ruhrfestspiele mit dem Drama "Das Kind" der iranischen Autorin Naghmeh Samini eröffnen, kann aber wegen der aktuellen Lage im Iran nicht anreisen, meldet der Tagesspiegel mit dpa.

Besprochen werden außerdem Krystian Ladas Inszenierung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the Waves" am Staatstheater Mainz (FR), Monika Gintersdorfers Ballettkomödie "La langue de Molière" im Mousonturm (FR), Bastian Krafts Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Anna Smolars Inszenierung der Oper "Eurydike und Orpheus" nach einem Libretto von Roberto Bolesto und Musik von Jan Duszyński an den Münchner Kammerspielen (SZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble (taz) und Damiano Michielettos Inszenierung der Mozart-Oper "La clemenza di Tito" an der Oper Zürich, die durch den Anschlagsversuch auf Trump eine unerwartete Aktualität bekam, wie Christian Wildenhagen in der NZZ notiert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2026 - Bühne

"Leben und Schicksal". Foto: Armin Smailovic.

Knapp vier Stunden braucht Johan Simons für seine Inszenierung von Wassili Grossmans Roman "Leben und Schicksal" am Schauspielhaus Bochum - das ist gar nicht so lang, bedenkt man, dass der Roman gut tausend Seiten hat. Herausgekommen ist dabei laut FAZ-Kritiker Hubert Spiegel ein "fesselnder Theaterabend ... konzentriert, intensiv, berührend. Ein historischer Stoff, aber von unvergänglicher Aktualität, und eine puristische, stellenweise geradezu brechtisch anmutende Inszenierung, die mit humanistischem Pathos, also mit der größten Ernsthaftigkeit, der Frage nachgeht, in welchen Winkeln des Herzens das Menschliche überleben kann in unmenschlichen Zeiten. Die Sowjetunion war ein Riesenreich, aber vielen ihrer Bewohner ließ sie kaum Raum genug zum Atmen. Die Verhältnisse sind beengt, jeder beobachtet jeden, Moskaus langer Arm reicht weit."
 
Auch Nachtkritiker Gerhart Preußer ist beeindruckt, wie es Simons gelingt, auch in dieser Inszenierung ein Mittel zu finden, die über tausend Seiten des Romans auf die wichtigsten Handlungsstränge zu komprimieren, ohne dass das Stück an Komplexität einbüßt. Hier ist es die Musik, "am intensivsten in der Szene, in der eine jüdische Ärztin mit einem ihr fremden Kind von den Deutschen in die Gaskammer verfrachtet wird. Dieser wirklich herzzerreißende Monolog wird aufgeteilt zwischen Sprechgesang Elsie de Brauws und der Darstellerin der Ärztin (Carla Richardsen), unterbrochen mehrfach von einem Wiegenlied-Thema aus Dmitri Schostakowitschs 10. Symphonie, die das Quartett dazwischenschiebt. Immer wieder in oder zwischen den Szenen erklingen Fragmente aus dieser Symphonie, denn das ist die entscheidende Konzeptionsidee: Die Koppelung von Grossmans Roman mit der Symphonie Schostakowitschs."
 
So richtig sicher ist sich Nachtkritikerin Isa Hoffinger nicht, ob sie sich in den Münchner Kammerspielen ekeln oder fasziniert sein soll, wie Doris Uhlich menschliche Körper mit Schleim überkippt und dabei Geschlechtergrenzen und Normen tanzender Körper überschreitet: "Die Tänzer geben sich ihren eigenen Bewegungen hin, erobern bestimmte Ecken des Raumes, besetzen ihre persönlichen Nischen. Dann wiederum schmiegen sich die Körper paarweise aneinander, binden sich zu pyramidenförmigen Gebilden zusammen oder reihen sich wie Glieder einer Kette aneinander und schlängeln sich gemeinsam wie ein Riesenwurm vorwärts. Sind wir nun Individuen oder Gemeinschaftswesen? Auch das lässt sich nicht klar auseinanderhalten. Schlitternd und rutschend erweitern diese Körper ihre Grenzen, weichen Hautbarrieren auf: Sie gehen aufeinander zu und enge Verbindungen ein. Sie prallen aneinander ab oder öffnen sich füreinander, spenden sich Geborgenheit in Umarmungen."

Weiteres: Wiebke Hüster trauert in der FAZ um "Frankreichs berühmteste Ballettmeisterin" Claude Bessy, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Robert Ickes "Ödipus"-Inszenierung am Residenztheater München (SZ), Die Physiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Yael Ronens "Burn, Baby, Burn!" am Schauspiel Hannover (SZ), Sebastian Baumgarten inszeniert Gert Ledigs Roman "Vergeltung" am Schauspiel Köln (taz), Johanna Wehner inszeniert Thomas Manns "Buddenbrooks" am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare in Egitto" in der Inszenierung von David McVicar (Tagesspiegel), Opera Incognita führt Beethovens "Fidelio" im Münchner Justizpalast auf (NMZ) und Anna Smolar inszeniert "Orpheus und Eurydike" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2026 - Bühne

Szene aus den "Drei Schwestern". Foto: Jörg Brüggemann


Vom Landhaus in den Bunker: Dorthin hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik am Berliner Ensemble Tschechows "Drei Schwestern" verlegt, im Hintergrund wird der Krieg vorbereitet. Christine Wahl (Tagesspiegel) ist hin und weg: "Koležnik gelingt mit diesem Abend etwas absolut Verblüffendes: Sie schafft - und zwar nicht nur optisch durch Klaus Grünbergs Bunker-Bühnenbild, sondern auch subkutan, im Spiel - ein Ambiente von Bedrohung, mentaler Kriegspräsenz und permanenter Alarmbereitschaft, das über konkrete Kriegsszenarien weit hinausweist und in dem Tschechow so gegenwartsdurchlässig klingt wie schon lange auf keiner Theaterbühne mehr. ... Die Grenze zwischen Außen und Innen ist längst erodiert, die Kaserne ein quasi öffentlicher Ort, an dem jeder intime Moment von der nächsten Truppenübung ausgebremst werden kann. Und die Art, in der das hier eben nicht, wie so häufig, bloß Behauptung bleibt, sondern tatsächlich aus den Körpern und Tonlagen der Spielenden kommt, macht den Abend wirklich außergewöhnlich."

Auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist begeistert, er versteht das Stück plötzlich ganz neu: "Koležnik stellt die romantischen Klagen über die Scheinhaftigkeit der Existenz vom Kopf auf die Füße. In ihren 'Drei Schwestern' ist es der Krieg, der das Leben scheinhaft werden lässt. Damit holt sie Tschechow in die Gegenwart von 'Zeitenwenden' und 'Kriegstüchtigkeit'. Das ist mit so viel Tempo und Genauigkeit inszeniert, hat Witz und Ernst gleichermaßen, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt auch an dem überragenden Ensemble, auf das man am Schiffbauerdamm zurückgreifen kann: von Stammkräften wie Constanze Becker, die man lange nicht mehr so gut gesehen hat, bis zu überzeugenden Neuzugängen wie Sebastian Zimmler." Nachtkritiker Iven Yorick Fenker hat sich dagegen trotz toller Schauspieler eher gelangweilt: "Alles ziemlich old-school", wie Putins Schnur-Telefon, an dem er mit dem Atomkrieg drohte, "aber natürlich sehr, sehr aktuell".

Weitere Artikel: Steffen Becker berichtet in der nachtkritik von den Asiawochen am Theater Heidelberg. In der FR erinnert Arno Widmann an die Uraufführung von Kleists "Penthesilea" 1876. Nach Simon Strauß in der FAZ (unser Resümee) beklagt jetzt auch Jakob Hayner in der Welt eine "Verzwergung" des Theaters in Deutschland, das jetzt lieber Aktivismus statt Kunst mache.

Besprochen werden außerdem Robert Ickes Modernisierung von Sophokles' "Ödipus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Lamin Leroy Gibbas Inszenierung von Lennart Kos' Anti-Wellness-Komödie "Balance und Harmony" an den Münchner Kammerspielen ("lebensnah", findet nachtkritikerin Hannah Eder), Bastian Krafts Dürrenmatt-Inszenierung "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritiker Christian Rakow ist trotz Crossgendern unterwältigt), Katharina Kohlers Adaption von Maria Lazars Roman "Veritas verhext die Stadt" am Nationaltheater Mannheim (taz), Armin Petras' "Hundeherz" nach dem Roman von Michail Bulgakow, in der Inszenierung von Claudia Bauer am Hamburger Schauspielhaus (es gibt viel zu gucken auf der Bühne, "nur findet die Inszenierung in ihrem Versuch der umfassenden Weltkommentierung kein Zentrum", meint nachtkritiker Stefan Forth), Philipp Krebs' Musiktheater "Zornfried" nach dem gleichnamigen Roman von Jörg-Uwe Albig am Staatstheater Kassel (FR) und ein Auftritt des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2026 - Bühne

Szene aus "Stabat Mater". Foto: Andre Cherri

Nachtkritikerin Esther Slevogt zieht eine nicht zufriedene Bilanz des diesjährigen FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, das sich "Unruheherden in Familien, auf Schulhöfen und in postkolonialistischen Kulturen" widmete. Besonders eindrücklich erscheint ihr das Stück "Stabat Mater" der brasilianischen Theatermacherin Janina Leite, das "die von Unterdrückung und Gewalt geprägte Schieflage zwischen Männern und Frauen untersucht. Sie bittet männliche Pornodarsteller zu einem Casting, und stellt ihnen die Frage, ob sie bereit wären, mit ihr eine Sexszene unter der Regie ihrer Mutter zu drehen. Reaktionen und Ergebnisse werden an diesem Abend in aller Drastik präsentiert, wie auch die Mutter der Theatermacherin, Amalia Fontes Leite, leibhaftig in Erscheinung tritt. (…) Auf der Bühne steht den ganzen Abend, be- oder eben nicht bekleidet, wie wir's hierzulande aus Performances von Florentina Holzinger kennen, Janaina Leite und führt mal theoretisch, mal praktisch durch eine Kulturgeschichte der Gewalt gegen Frauen, die sie hier nun sozusagen am eigenen Leib oder besser mit diesem Leib zu exorzieren versucht."


Szene aus "Die weiße Madonna von Einsiedlen". Foto: Lucia Hunziker

Rico Brandle ist in der NZZ müde vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, das nur die eigene politische Meinung bestätigt. Jüngster Fall: Patricija Katica Bronićs Inszenierung von Fatima Moumounis und Laurin Busers Stück "Die weiße Madonna von Einsiedeln" am Theater Basel, basierend auf dem wahren Fall um einen Migranten, der 2024 in der Klosterkirche von Einsiedeln die Schwarze Madonna entkleidete, ihr die Krone und das Zepter wegriss und sich selbst aufsetzte. Im Stück wohnt im selben Ort Alice Weidel, die Dorfbewohner teilen ihre Ideologie, wollen sie aber aufgrund ihrer Homosexualität per Volksentscheid abschieben, resümiert Brandle: "Die Figuren, auch der Abt und die Mönche, sind allesamt bloße Karikaturen von zurückgebliebenen Hinterwäldlern. Das Schweizer Dorfleben und das System der direkten Demokratie erscheinen als ein großer Witz, über den man herzhaft lachen könnte, wäre nicht alles von einer fremdenfeindlichen Ideologie durchtränkt. Nur eine Person ist vollauf vernünftig und gänzlich unbescholten: der Muslim Tarik Berger, der pflichtbewusst das christliche Heiligtum rettet - und wegen seiner Religion und Herkunft trotzdem in Not gerät."
Stichwörter: Find-Festival

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2026 - Bühne

Gorki Theater - Kassandra. © Esra Rotthoff

Esther Slevogt nimmt auf nachtkritik Marta Górnickas "Kassandra" am Berliner Gorki Theater (siehe auch hier) zum Anlass für eine Wutrede wider eine aktivistische Theaterpraxis, die sich die Dinge zu einfach macht. Indem sie sich einen uniformen Popanz namens Deutschland zurecht legt, auf den dann alles Übel dieser Welt projiziert wird. Anstatt dass man Überlegungen anstellt, die auch für die eigene, als postmigrantisch verstandene Position unbequem sind. Wie zum Beispiel die Folgenden: "Wie damit umgehen, dass marginalisierte Gruppen in dieser Gesellschaft oft auch Proxies von Parteien geopolitischer Konflikte sind? Wie aushalten, dass an dieser Stelle Interessenskonflikte entstehen können zwischen allen möglichen Parteien, von denen der Mainstream nur eine von vielen möglichen ist? Wie erhält man da einen gesellschaftlichen Konsens? Wie kann das Theater ein Aushandlungsort für alle bleiben? Fragen, die sich jetzt auch diese Kassandra hier offenbar erst gar nicht stellt. Sondern sich in der Pose der Unschuld und der Parteigängerin für die selbstgerechte Sache gefällt und dabei in rechthaberischer Abfälligkeit Fragen von Komplexität als feige, denkfaul oder weltflüchtig abtut."

Simon Strauß besucht für die FAZ eine Probe der Tschechow'schen "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble unter der Regie von Mateja Koležnik. Besprochen wird Puccinis "Turandot" an der Oper Frankfurt (Welt - "so eindrücklich wie schrecklich").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Bühne

"Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater © Arno Declair

SZ
-Kritikerin Christiane Lutz rechnet es Regisseur Jan Friedrich hoch an, dass sie zur Abwechslung mal gut gelaunt aus dem Theater kommt. Seine Adaption von Tonio Schachingers mit dem Buchpreis ausgezeichneter Gaming-Geschichte "Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater ist witzig, unterhaltsam und sensibel: "Till und seine Mitschüler tragen in den Klassenzimmerszenen Masken mit puppenhaft verzagten Gesichtsausdrücken und 'grüne Polohemden und braune Segelschuhe, rosa Poloblusen und weiße Jeans', wenig subtile Hinweise auf ihren sozialen Status. Die Schauspieler wechseln fliegend und mitreißend zwischen allen weiteren Rollen, es wird gerauft, gepöbelt, gesäftelt, geraucht, getanzt." . Als "Tills Vater an Krebs stirbt, ist das ein für die Zuschauer überraschender Moment und für Till eine ausschließlich persönliche Angelegenheit, mit wenigen, exakt eingesetzten Blicken und Worten auf der Bühne doch nachspürbar." Friedrich bleibt nah an der Vorlage und damit leider etwas hinter den "gigantischen Möglichkeiten des Theaters" zurück, merkt Lutz an, die trotzdem sehr zufrieden ist.

Besprochen wird Zufit Simons Inszenierung von "The Fight Club" zur Eröffnung des Best OFF Festival Freier Theater in Hannover (taz), Marta Górnickas Inszenierung von "Kassandra" am Maxim Gorki Theater (FAZ), Jorinde Dröses Inszenierung von Caren Jeß' Stück "Bookpink New Arrivals" am Deutschen Theater Berlin (taz), Marc von Hennings Inszenierung seines Stücks "Unruhe am Rand der Schöpfung" im Theater am Leibnizplatz in Bremen (taz) und Paloma Muñoz' Choreografie "Im Mohnfeld" im Mainzer Staatstheater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2026 - Bühne

"Kassandra". Foto: Magda Hueckel.


Das Maxim-Gorki-Theater verabschiedet sich mit Marta Górnickas "Kassandra or Songs of the Canaries" von der Intendanz Shermin Langhoffs. Es wird politisch, es wird rhythmisch, es wird anklagend, wie Nachtkritikerin Elena Philipp beobachtet: "Mit Druck und ungemein präzise skandiert das 24-köpfige Ensemble seine Anklage an ein so selbstgefälliges wie selbstmitleidiges Deutschland, das die eigene Gewaltneigung im Nahraum ebenso negiert wie die schuldhafte Komplizenschaft in internationalen Angelegenheiten. Waffen in alle Welt exportieren, aber sich verstecken, sobald es unangenehm wird: Laut Allensbach Institut möchten 90 Prozent der Deutschen alles Schlimme am liebsten ignorieren. Doch immerhin sind 'wir' Weltmarktführer in 'Er-in-ner-ungs-kul-tur'! - 'You Are All Idiots' kommentiert das Debbie Arega, ein junges Mitglied des wie üblich altersgemischten Górnicka-Chores, auf ihrem knallroten T-Shirt. Aber das ist okay, sagt sie uns noch: 'I accept it.'" Philipp wird auch ein bisschen konkreter, nennt die Stichwörter "Documenta", "Genozid", und "es versteht ohnehin jede*r, wovon hier die chorische Rede ist".
 
Für Susanne Messmer in der taz geht es um das "Prinzip des Ungehörtseins selbst", das hier wie auf einem "grobschlächtgem Punkkonzert" angeklagt wird: "Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen, Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als trifft - und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist kein Chor, der - wie im antiken Theater - kommentiert, sondern einer, der eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig. Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf - nicht als Argument, sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über Abschiebungen, das Stadtbild oder den Bundestag als Zirkuszelt so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der SZ.

Weiteres: Auf deutschen Bühnen wird viel gestorben, konstatiert Boris Motzki für die FAZ.

Besprochen werden: Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" wird von Tobias Kratzer an der Staatsoper Hamburg zusammen mit Alexander Zemlinskys Einakter "Eine florentinische Tragödie" aufgeführt (FR), die Gruppe Wunderbaum bringt am Schauspielhaus Bochum "Die Kunst des Deals" auf die Bühne (Nachtkritik), Stas Zhyrkov inszeniert mit "Nach dem Leben" die Bühnenfassung eines Films von Hirokazu Koreeda am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Bettina Jahnke inszeniert Yasmina Rezas Roman "Der Gott des Gemetzels" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Tagesspiegel).