Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2025 - Bühne

"Die Abweichlerin". Foto: Lalo Jodlbauer.


Nachtkritiker Andreas Schnell lässt sich von Tove Ditlevsens "Die Abweichlerin"  in der Fassung von Karin Henkel am Hamburger Schauspielhaus in den Bann ziehen. Lina Beckmann verkörpert die Protagonistin Lise Mundus, die in einer Ehekrise nach einem neuen Mitbewohner sucht und sich ihre Suizidversuche mit Tabletten schönfärbt: "Virtuos gleitet Beckmann durch die verschiedenen, schon bei Ditlevsen angelegten Perspektiven, verwandelt sich im Nullkommanix von der tablettensüchtigen Dichterin in den Mann der treuen Haushälterin, der sich wiederum mal eben so mithilfe eines Pappfernsehers zum Maigret fantasiert. Das ist durchaus im Sinne Ditlevsens, die die doch recht düstere Geschichte ihrer selbst vielstimmig mit kühnem erzählerischem Drive und Witz gestaltet, und es nimmt dem Stoff etwas von der Härte."

Über "Ex" von Marius von Mayenburg an der Berliner Schaubühne kann taz-Kritikerin Sophia Zessnik nur seufzen: Die Geschichte um ein Paar, das sich im Alltagstrott irgendwann nicht mehr viel zu sagen hat, ist weder innovativ noch aufregend, meint er: "Die passive Aggressivität, mit der sich das Paar die gegenseitige Missachtung um die Ohren wirft und die irgendwann sogar in aktive Gewalt umschlägt, trägt leider nicht über die gesamten zwei Stunden Stückdauer. Da hilft auch der Auftritt der titelgebenden Ex, der Zoohandlungsfachverkäuferin Franziska, nicht. Deren Figur bleibt derart schemenhaft, dass man es Darstellerin Eva Meckbach kaum verübeln mag, sie nicht ausfüllen zu können. Ob es nicht ausgereicht hätte, 'die Ex' wie anfangs als unsichtbares Damoklesschwert über der Beziehung schweben zu lassen, fragt man sich unweigerlich."

Weiteres: Der Regisseur Christopher Rüping darf sich über den Berliner Theaterpreis freuen, vermeldet die Berliner Zeitung.

Besprochen werden: Sebastian Hartmanns "Faust" am Staatstheater Kassel, ein Musiktheater nach der Oper "La damnation de Faust" von Hector Berlioz (FR) und "Making the Story" vom Kollektiv Futur 3 am Schauspiel Köln (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2025 - Bühne

Nachtkritikerin Sarah Heppekausen zieht nach zwanzig Jahren "postmigrantischem Theater" eine Zwischenbilanz. Richtungsweisend scheinen ihr inzwischen vor allem jene Häuser "unter der Leitung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte" zu sein, "die diese nun eben nicht mehr deutlich markieren, sondern als gegeben voraussetzen, als Teil gesellschaftlicher Realität und Baustein kultureller Identität", etwa das Schauspiel Essen unter der Leitung von Selen Kara und Christina Zintl: "Das Sichtbarmachen von Menschen, Geschichten und Verhältnissen ist seit jeher Prinzip des Theaters. Neu ist, dass die Perspektiven hierzulande längst mehr und vielfältiger geworden sind. Da lohnt sich dann eben auch mal ein genauerer Blick auf Ophelia - wie ihn Selen Kara in ihrer 'Hamlet/Ophelia'-Inszenierung unternimmt. Auch wenn diesem Unterfangen, Ophelia als Handlungstreibende zu etablieren, das permanente Ringen um Konsistenz und Kausalität durchaus anzumerken ist, so stellt es doch die unbedingt zumutbare Frage: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Frau nicht als das Andere definiert würde (wie Simone de Beauvoir im Programmheft zitiert wird)? Was wäre, wenn wir die Zuschreibung des Andersseins endlich wieder verlernten?"

Weitere Artikel: Für die Zeit trifft sich Peter Kümmel mit Cate Blanchett und Thomas Ostermeier, die derzeit gemeinsam Tschechows "Die Möwe" auf die Bühne des Londoner Barbican Theaters bringen: "Man müsse, sagt sie …, Tschechows Figuren in ihrer Fülle spielen - der Dramatiker sei roh und grausam, aber er liebe seine Figuren." Für den Tagesspiegel spricht Claudia Reinhard mit Verena Usemann und Teresa Monfared, die sich für den Verein Bühnenmütter* für eine bessere Vereinbarkeit von der Arbeit am Theater und Mutterschaft einsetzen. Indes wird das Berliner Ensemble die Inszenierung "#Motherfuckinghood" nach dem Spiegel-Bericht über mutmaßliche Missstände am BE auf Wunsch der Schauspielerin Claude De Demo und der Regisseurin Jorinde Dröse vorerst nicht mehr spielen, meldet Peter Laudenbach in der SZ. Intendant Christian Spuck hat seine Pläne für die Spielzeit 2025/26 am Berliner Staatsballett vorgestellt, meldet Sandra Luzina im Tagesspiegel: Unter anderem werden Kirill Serebrennikov und der Choreograf Yuri Possokhov die Produktion "Nurejew" erstmals außerhalb Russlands erarbeiten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2025 - Bühne

St. Pauli Theater an der Reeperbahn: Oleanna. Ein Machtspiel"
Foto: Heiko Dietz

Dieses Stück hat "bereits vor über dreißig Jahren prophezeit, womit wir es heute zu tun haben", staunt Irene Bazinger in der FAZ. Es geht um David Mamets "Oleanna. Ein Machtspiel", das das St. Pauli Theater an der Reeperbahn wieder auf die Bühne bringt, inszeniert von Ulrich Waller. Womit haben wir heute zu tun? Mit MeToo-Debatten rund um Machtmissbrauch und political correctness, und eben das wird auch bei Mamet verhandelt, wenn ein Professor und eine Studentin aufeinander treffen. Die Studentin fühlt sich bevormundet, der Professor gibt vor, sie zu verstehen, bald steht jedoch der Vorwurf des sexuellen Übergriffs im Raum. "Beide Kontrahenten kriegen ihr Fett ab, beide erscheinen phasenweise glaubwürdig, dann wieder verlogen, verletzt und heimtückisch, offenherzig und undurchschaubar. Was wäre die Lösung dieses Stellvertreterkrieges? David Mamet sah die Probleme, hatte aber auch keine Antwort. Daher bleibt es bei einem Schattenboxen mit Wirkungstreffern, in Hamburg beherzt abgefeuert von Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf, die das Publikum mit Verve und Nachdruck fragen: Wie konnte es so weit kommen?"

Michael Wurmitzer bespricht im Standard "Unwalling the Wall", ein Bühnenstück des Regisseurs Yosi Wanunus. Das im Wiener Theater am Werk uraufgeführte Werk will laut Wanunu, der selbst in Israel geboren wurde, aber seit Jahrzehnten in Österreich lebt, der angeblich allgegenwärtigen israelischen Perspektive auf den Nahostkonflikt etwas entgegen setzen. Teils persönlich gefärbt greift das Stück laut Wurmitzer bis ins 19. Jahrhundert, also noch bis vor die britische Mandatszeit, zurück und fokussiert auf die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung durch Krieg und, später, staatliches israelisches Handeln. Mit erstaunlich leichter Hand inszeniert ist das alles, meint der Rezensent, inhaltlich ist die Tendenz freilich eindeutig: "Israel sei wie ein Druckkochtopf, sagt Wanunu und verallgemeinert: Wer dort aufwachse, sehe das Land stets als Opfer und entwickle Rachegefühle." Wurmitzers eigenes Fazit bleibt, was politische Fragen betrifft, ambivalent: "Szenischer Einfallsreichtum und darstellerischer Einsatz hätten mehr Applaus verdient, als es die Bedrücktheit nach den zwei Stunden zulässt - während derer man das komplette Fehlen eines Versuchs um Verständnis für wenigstens Teile des israelischen Handelns doch auch mit Beklemmung registriert."

Außerdem: Wolfgang Behrens denkt auf nachtkritik über das Verhältnis von Dramaturgie und Disposition nach. Haben Mozart-Opern ein Problem mit ihren zu positiven Enden? Dazu stellt Holger Noltze in van Überlegungen an.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Londoner Barbican Theater mit Cate Blanchett (Welt, "Wie ein sehr gutes Salted Caramel: Man schmeckt erst die Süße, bevor das Salzige kommt.") und David Safiers "Solange wir leben" in der Inszenierung Alize Zandwijks am Theater Bremen (taz, "Abend, der in keiner Sekunde langweilig wird, aber wirklich bis an die Schmerzgrenze geht").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2025 - Bühne

Szene aus "Gertrude Stein und eine Begleitperson" am Frankfurter Kulturhaus. Foto: Andreas Kemler.

An Gertrude Stein, aber vor allem an ihre Partnerin Alice B. Toklas erinnert Anja Becker mit ihrer Inszenierung von Win Wells' Stück "Gertrude Stein und eine Begleitperson" im Frankfurter Kulturhaus, erfahren wir von FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Eine sehenswerte "Bühnen-Bio" über die Freundin und Geliebte, deren "goldbrauner Anwesenheit" sich Stein 1907 zuwandte, wie Sternburg zitiert. "So schäbig der Raum, so symmetrisch stehen je ein körpergrößer Spiegel seitlich davor und vor diesem zwei kleine Sitzbänke. Wichtig ist das Manuskript aus leeren Seiten, das anfangs auf dem Boden liegt und dann, in Fetzen oder durch die Lüfte flatternd, für Steins Testament und Bücher einsteht. Beide tragen samtiges Schwarz: Toklas ein Kleid passend zu ihren kurzen Haaren, Sattler zum Steinschen Streichholzschnitt in Blond. Da das Stück den Todestag Steins zum losen Rahmen macht, ist seine Stein eine Geistpräsenz, der Dialog ein Geistergespräch, was Sattler in wabernde Bewegungen umsetzt."

Weitere Artikel: In der FAZ befragt Jürgen Kesting den Regisseur Tobias Kratzer zu seinen Plänen als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Robert von Lucius schreibt ebenfalls in der FAZ den Nachruf auf den südafrikanischen Schriftsteller und Autor Athol Fugard, eine wichtige Stimme in der Protestbewegung gegen die Apartheid. Kathrin Bettina Müller stellt in der taz die Regisseurin Anita Vulesica vor, die mit ihrer Inszenierung von "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" (unser Resümee) zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist.

Besprochen werden Elas Weilands Inszenierung der Performance "Ein Mensch ist keine Fackel" am Theater Aufbau Kreuzberg (tsp), Anna Malena Großes Adaption von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ulrich Wallers Inszenierung von David Mamets Stück "Oleanna - Ein Machtspiel" am St. Pauli - Theater Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 - Bühne

Szene aus "Freedom Sonata" am Haus der Berliner Festspiele. Foto: Julia Gat.

Der israelische Choreograf Emanuel Gat versteht "Freiheit nicht als grenzenlos, sondern als Übernahme von Verantwortung", erklärt Yi Ling Pan in der taz. Deshalb herrscht auch in seiner "Freedom Sonata", die er im Haus der Berliner Festspiele auf die Bühne brachte "keine Anarchie", aber große Vielfalt, die manchmal schon an Überforderung grenzt, so die Kritikerin: "Gespielt wird mit wilder Assoziation. Die Tänzerin Rindra Rasoaveloson steht scheinbar unbeteiligt in Distanz zur rennenden Meute. Aber mit flatterndem Kleid, leichten Handgesten und im weißlichen Nebel steuert sie die anderen mit göttlichen Kräften. Sakral und zugleich primitiv mutet der Zeitlupengang an, in dem sich fünf Tänzer:innen vor gleißendem Licht in surrealen Posen fortbewegen. Ist es Suche oder Feier? Aber schon ist die Formation aufgelöst und es folgt die nächste. Daraus wird auch ein Spiel der Reizüberflutung. Die Musik bricht abrupt ab, warme und kalte Beleuchtung wechseln sich ab, und die Kostüme beweisen, wie vielseitig eine Farbe sein kann. Weiß, dann Schwarz, als enges Hemd, Sportbra, Boxershorts."

Nicht so viel kann Wiebke Hüster in der FAZ mit diesem Tanzstück anfangen. Warum wechselt sich hier Musik von Kanye West, der im Moment wieder verstärkt mit rassistischer und antisemitischer Hetze auffällt, mit Ludwig van Beethoven ab? Für Hüster verliert das Stück gerade am Ende an Spannung und "die bedeutungsschwangere Atmosphäre und die komplizenhaften Blicke, welche die Tänzer wechseln, sind Bestandteile eines Rätsels, das man nicht mehr unbedingt lösen möchte."

Weiteres: In der FAZ schreibt Simon Strauss den Nachruf auf den DDR-Regisseur Wolfgang Engel. Besprochen werden Philipp Rosendahls Inszenierung von "Liv Strömquists Astrologie" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Marie Bues' Inszenierung von Caren Erdmuth Jeß' Stück "Die Walküren" nach Wagner am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Romy Lehmanns Inszenierung von Juliane Hendes' Stück "Liebe und Plattenbauten" am Hessischen Landestheater Marburg (nachtkritik), André Kaczmarczyks Inszenierung von "Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Londoner Barbican Centre (SZ, taz), Ute M. Engelhardts Inszenierung von Carl Ditters von Dittersdorfs Singspiel "Doktor und Apotheker" an der Oper Frankfurt (FR) und Claudia Bossards Adaption von Emily Brontës Roman "Sturmhöhe" am Schauspielhaus in Bochum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2025 - Bühne

Szene aus "Die Möwe" am Barbican Center London. Foto: Marc Brenner.

"Vom oft beschwiegenen Sinneskonflikt zweier Generationen" bekommt FAZ-Kritiker Simon Strauß bei Thomas Ostermeiers Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Londoner Barbican Centre erzählt. Und zwar mit einer Performance von Cate Blanchett, die den Kritiker fasst vom Sitz fegt. Mit solchem Einsatz verkörpert Blanchett die in die Jahre gekommene Schauspiel-Diva Arkadina, die mit der Liebe ihres Mannes zu einer jüngeren Frau umgehen muss, dass der Kritiker nur staunen kann: "Sie reißt sich den Mikroport vom Leib, zieht alle Glieder zu sich, wird zum elenden Häuflein und: weint. Für einen Moment hört man im großen Saal des Barbican Theatre nichts als ihr Schluchzen. Für einen Moment ist sie das, was Millionen auch sind und vor ihr schon waren: eine Frau, die Angst vor dem Altern hat, voller Wut auf ihren Körper, der seinen eigenen Weg geht, sich dem erotischen Ego widersetzt. So groß ist diese Schauspielerin, dass sie sich ganz klein machen kann, keinen Schutz mehr beansprucht, sich die Blöße gibt und dem Betroffenheitsblick des Publikums ausliefert: Auch sie wurde älter."

Nicht "den Hauch einer Romanze" gönnt Ostermeier seinen Charakteren, betont im Tagesspiegel Rüdiger Schaper, der das Stück ebenfalls gerne gesehen hat. Dass Tschechow selbst sein Stück als Komödie bezeichnet hat, kann man hier dank selbstironischer Blanchett und Situationskomik nachvollziehen: "Ostermeier nimmt die Einladung in London gern an, bis hin zu kleinen Slapstick-Szenen mit Cate Blanchett. Ihr angebeteter Trigorin (Tom Burke) wirkt abwesend, ein Schlaffi, erst in der Begegnung mit der 20-jährigen Nina (Emma Corrin), die eigentlich mit Kostja (Kodi Smit-McPhee) zusammen ist, wacht der müde Narzisst auf."

Besprochen wird Sophia Senns Inszenierung von Hayat Erdogans Lehrstück "Klasse & Kitsch" am Theater Neumarkt (NZZ). Für die WamS trifft Jakob Hayner den ehemaligen Burtheater-Regisseur Matthias Hartmann zum Gespräch in Wien.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2025 - Bühne

FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster schwebt nahezu, nachdem sie "A Land Within" von Ioannis Mandafounis mit der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau gesehen hat, so anmutig und aufwühlend findet sie das Dargebotene: "Der Tanz ist wild, durchdacht, spektakulär gut, umstandslos direkt: so nahbar und verrückt zugleich, rau und dennoch unsentimental. Das Tanzen in den Pas de deux lässt einen stellenweise regelrecht ergriffen zurück, weil es eine große Intimität zu zweit erzeugt und diese zugleich vorführt, sie uns zeigt, uns als Zuschauer mit einbezieht. Wenn man bedenkt, dass in vielen Balletten der Tanzgeschichte Pas de deux die Höhepunkte bilden, die Momentaufnahme dessen, was zwischen Menschen für wünschenswert und möglich gehalten wird, dann manifestiert sich in diesem neuen Stück eine Formel, die der Gegenwart gerecht wird und sie transzendiert."

Weiteres: Wo Krise ist, da ist auch Faust, konstatiert Jakob Hayner für die Welt anhand zweier neuer Goethe-Inszenierungen am Landestheater Eisenach unter der Regie von Lydia Bunk und am Deutschen Nationaltheater Weimar, verantwortet von Jan Neumann. Nachtkritik empfängt einen Theaterbrief aus Serbien, der die Zusammenhänge von Kulturschaffenden und Protestierenden in den Blick nimmt.

Besprochen wird: Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff" am Münchener Residenztheater, sehr frei nach Shakespeare (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2025 - Bühne

Es ist die bisher größte Performance der deutschen Künstlerin Anne Imhof, staunt Tobias Timm im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: In der 5000 Quadratmeter großen Exerzierhalle der New Yorker Park Avenue Armory hat sie zwei dutzend SUVs zu einer "modernen Wagenburg" aufgebaut, auf deren Dächer eine Gruppe junger Menschen skandiert "We're fucked! We're doomed!" Für Timm das "Stück der Stunde": "Ein 'Drill für die Liebe', so hatte es Imhof schon vor einem Jahr angekündigt, solle das werden. Sie habe gespürt, in welche Richtung sich die Dinge in den USA entwickeln würden; so etwas vorauszusehen, sei sie in der Kunst trainiert. Einfach hat sie es sich mit dieser Performance nicht gemacht: Das Stück ist eine komplexe und nicht lineare Neuerzählung von Shakespeares Romeo und Julia, teils Theaterstück und Ballett, teils Punkkonzert und Installation - voll mit Zitaten aus anderen Kunstgenres." Warum die New Yorker Kunstszene zu Trump noch schweigt, will Timm von Marina Abramović, die im Publikum ist, wissen: Sie spricht "von einer 'Katatonie', von einer fast schon physischen Erstarrung als Folge einer Depression."

Auf Hyperallergic ärgert sich hingegen Hakim Bishara über diese "infantile, komisch unpolitische und tragisch hohle" Performance, die zwischen trauriger Schulaufführung und einem Berliner Rave auf Ketamin mäandere: "Zombieartige Teenager klettern auf glänzende schwarze Cadillac-SUVs, wo sie kiffen, sich tätowieren lassen oder einfach nur gelangweilt ins Leere starren. Sie sind unterdrückt von dieser ungerechten Welt, in der unterdrückerische Erwachsene das Klima zerstören und Transsexuellen ihre Rechte nehmen. Das ist das Politischste, was die Show zu bieten hat: irgendwo auf dem Boden lagen ein paar zerrissene Pappstücke mit Sätzen wie 'Help me I'm trans' und 'don't touch my tits'. ... Leider sieht das, was der rebellische Aufschrei einer verkorksten Generation gegen die Brutalität des Kapitalismus und die mörderischen Ideologien unserer Führer hätte sein können, am Ende aus wie ein Fotoshooting für eine Balenciaga-Werbung und klingt auch so." Fotos findet man bei Women's Wear Daily.

Besprochen werden außerdem die Reihe "Digital Sins", die von der Neuköllner Oper und dem Berliner Museum für Kommunikation veranstaltet wird (taz), der Auftakt des F-Festivals - (F for Fuck the patriarchy) im Berliner Ballhaus Prinzenallee (Tsp) und Jan Neumanns "Faust"-Inszenierung am Nationaltheater Weimar sowie Lydia Bunks "Faust"-Inszenierung am Landestheater Eisenach (Welt).
Stichwörter: Imhof, Anne, Balenciaga

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2025 - Bühne

Ronald Pohl stellt im Standard das Mühlheimer Theater an der Ruhr vor, das mit Mitmach- und Nahbarkeitsbühnenkunst dem politischen Gegenwind wie auch den Zwängen des Repertoirebetriebs widersteht. Dass "eines der ungewöhnlichsten Stadttheater der Bundesrepublik" derzeit den Pier-Paolo-Pasolini-Abend "Io so - Mittelungen an die Zukunft" (mehr hier) auf dem Programm hat, kann da kein Zufall sein: "Pasolini, der kommunistische Gottsucher, bildet die Brücke, die aus der Vergangenheit pfeilgerade in die Zukunft führt. Zu Lebzeiten trat dieser Heilige wider Willen wie ein flammender Engel auf. 'PPP' beklagte lauthals die Verfälschung aller Werte: die Korrumpierung jeder Form von Volkstümlichkeit. Jetzt führt man auch in Deutschland den Begriff der 'Volksgemeinschaft' wieder im Mund. Gegen solche Marktschreier betreiben Ciulli und Kollegen das Theater an der Ruhr: im Raffelbergpark, flankiert vom Gebrumm der Ruhrpott-Autobahn."

Außerdem: Stefan Weiss spricht im Standard mit den Kabarettisten Marina "Malarina" Lacković und Lukas Resetarits. Wiebke Hüster schreibt in der FAZ über Boris Charmatz' vorzeitigen Abgang am Tanztheater Wuppertal.

Besprochen werden Jette Steckels "Mephisto" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, "gewitzt, klug und uneingeschränkt charismatisch"), Christof Loys Puccini-Inszenierung "Turandot" am Theater Basel (NZZ, "szenische Details irritieren") und Dušan David Pařízeks Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Welt, "Durch den Schuss Ayn Rand bekommt der Klassiker Brecht neue Frische").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2025 - Bühne

Szene aus "Der Fall McNeal". Foto: Tommy Hetzel

Große Namen am Wiener Burgtheater: Jan Bosse hat Ayad Akthars neues Stück "Der Fall McNeal" in Übersetzung von Daniel Kehlmann auf die Bühne gebracht, und dafür nach fünfjähriger Burg-Abstinenz Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle als mit Künstlicher Intelligenz tricksender, soziopathischer Großschriftsteller besetzen können. In der Welt staunt Jakob Hayner: "Akhtar gelingt es meisterhaft, mit Schein und Sein zu spielen und so mit jeder Szene das Rätsel weiter zu entfalten. McNeal, ob mit seiner Agentin (Dorothee Hartinger), seiner ehemaligen Affäre (Zeynep Buyraҫ) oder einer jungen, schwarzen Journalistin von der New York Times (Safira Robens), bleibt dabei so widersprüchlich, wie es auch Virginie Despentes mit 'Liebes Arschloch' gelungen ist. Es ist weder ein Abgesang noch eine Eloge auf die alten, weißen Männer. Auch, weil es gar nicht so sehr um diese Männer geht, sondern um die epochale Frage, was wir eigentlich unter Kreativität verstehen. Den genialischen, aber abgründigen Einzelnen? Den mechanischen Apparat, der digitalen Maschine gleich? Oder gibt es ein Drittes zwischen Romantik und Determinismus?"

Fragen nach dem Verhältnis von Kunst, KI und Urheberschaft sieht nachtkritikerin Andrea Heinz hier zwar nicht beantwortet, dennoch bewundert sie, wie Bosse die KI auf die Bühne bringt: "Schon zu Beginn sieht das Publikum sich selbst, von einer Live-Kamera (Andreas Deinert, Andrea Gabriel, Mariano Margarit) auf der Bühne gefilmt, auf die dortige Leinwand projiziert. McNeal fotografiert, um noch eine Ebene hinzuzufügen, mit seinem Handy in den Zuschauerraum. Videotechnik und Deep Fake werden den ganzen, zweistündigen Abend hindurch den Bühnenraum bestimmen, der ansonsten nur aus glänzender lackschwarzer Oberfläche und wenigen Requisiten besteht, einer Krankenhaus-Liege etwa, die ab und zu aus der Unterbühne auftauchen. FAZ-Kritiker Martin Lhotzky sieht indes mehr ein "Kammerspiel".

Besprochen werden Hans Walter Richters Inszenierung von Adolphe Adams "Postillon von Lonjumeau" an der Oper Frankfurt (FAZ, FR) und Christian Stückls Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Münchner Volkstheater (SZ, nachtkritik) und Jetske Mijnssens Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Oper Zürich (NZZ).