Efeu - Die Kulturrundschau

Kreise drehen sich wie kleine Planeten

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13.08.2020. Die SZ hofft, dass der neue MIDI-Standard künftig sämtliche Anschlagdynamiken einer Gitarrensaite zum Klingen bringt. taz und Perlentaucher empfehlen wärmstens Marcell Jankovics' 1981 entstandenen Animeklassiker "Sohn der weißen Stute", der wieder in die Kinos kommt. Dlf Kultur fragt, warum die große Diversity-Mode in der Kunst so faul rüberkommt. Und: Die Debatte um Lisa Eckhart geht weiter.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2020 finden Sie hier

Film

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Mit Marcell Jankovics' 1981 in Ungarn entstandenen "Sohn der weißen Stute" kommt ein im Westen bislang kaum gekannter Klassiker des Animationsfilms als restaurierte Wiederaufführung in die Kinos. Der aus dem Fundus von Mythologie und ungarischen Volkssagen schöpfende, dabei noch ziemlich avantgardistische Film knallt mächtig, schreibt die Kritik: "Auf der Ebene der Zeichen macht Jankovics seine Figuren allesamt zu Formwandlern, den Helden ebenso wie die geretteten Prinzessinnen, die Stute ebenso wie die Eiche und den heimtückischen Gnom", schreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher. "Verhältnismäßig langsam verzerren sich in 'Sohn der weißen Stute' die Silhouetten, Spalte öffnen sich und geben Verstecke frei, Kreise drehen sich wie kleine Planeten, auf denen die Figuren voran marschieren und erinnern dabei in ihrer Flächigkeit an die Anfänge des Animationsfilm, den Scherenschnitt." Auch Michael Meyms schwärmt in der taz: "Losgelöst von erzählerischen Konventionen oder gar von Kategorien wie Logik und Realismus, lässt Jankovics seiner visuellen Fantasie freien Lauf und reizt die Möglichkeiten des Animationsfilms bis an die Grenze aus." Robert Wagner von critic.de sieht in dem Film "so naiv und einfach er einerseits ist, andererseits eine verspielte Würdigung seines Sujets: der Schöpfungskraft."

Jasamin Ulfat-Seddiqzai ärgert sich im Kommentar auf Dlf Kultur darüber, dass zwar überall ein Mehr an diversen Figuren zu beobachten ist, diese aber nur in Ausnahmefällen auch wirklich interessant erzählt werden: "Charaktere wachsen nicht mit der Geschichte, sie sind wandelnde Ausrufezeichen, ihre Diversität nur billiger Effekt. ... Platte Charaktere schaden der Idee von mehr Diversität. Schlecht geschriebene schwule Charaktere nerven nicht, weil sie schwul sind, sondern weil ihre Schöpfer faul erzählen. Wahrscheinlich werden die spannendsten diversen Charaktere erst dann wieder entstehen, wenn die große Diversity-Mode vorbei ist."

Außerdem: Für die FR spricht Daniel Kothenschulte mit Marco Bellocchio über dessen Mafiafilm "Il Traditore", der ziemlich breit (Perlentaucher, Standard, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, taz, SZ) besprochen wird (mehr zum Film bereits in unserem Überblick gestern). In der FAZ geißelt Dietmar Dath Disney und andere Film-Großkonzerne dafür, dass sie mit ihrer Rückhalten großer Filmboliden das Kino trockenlegen.

Besprochen werden Sally Potters "Wege des Lebens" mit Laura Linney (SZ), Alon Gur Aryes Komödie "Mossad" (taz, Presse), Leonie Krippendorffs "Kokon" (Berliner Zeitung), Jan Schomburgs romantische Komödie "Der göttliche Andere" (Tagesspiegel) und die DVD-Ausgabe von Władysław Pasikowskis polnischem Epos "Der Kurier" (Berliner Zeitung).
Archiv: Film

Literatur

Andrea Geier ärgert sich auf 54books, das der deutsche PEN unter seiner Präsidentin Regula Venske sich mit einem Offenen Brief gegen die Drohungen ausspricht, die zur Lisa-Eckhart-Posse der letzten Tage geführt, sich im Nachhinein allerdings lediglich als "besorgte Wortmeldungen aus der Nachbarschaft" entpuppt haben - was Venske hätte wissen können, aber übergeht und stattdessen das Internet als Zensurmaschine hinstellt: "Was da 'im Internet' vor sich ging, ist Teil einer nun mittlerweile lang andauernden, kontroversen Auseinandersetzung beispielsweise darüber, ob Eckharts Comedy antisemitisch ist oder Antisemitismus entlarvt. Diese Diskussionen haben aber nicht die Absage der Lesung verursacht. Kritische Debatten 'im Internet' pauschal zu einer von verschiedenen 'Formen von Zensur' zu erklären, ist ein Armutszeugnis für den PEN, eine Organisation, die aus der eigenen Arbeit für verfolgte Autor*innen den Unterschied zwischen Zensur und Kritik sehr wohl kennt."

Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig die Eckhart-Kritiker die Tatsache ignorieren, dass die Kabarettistin von dem Literaturfestival ausgeladen wurde, nachdem die Veranstalter Warnungen aus der Nachbarschaft erhalten hatten. In der Zeit macht Alexander Cammann dafür in erster Linie die Feigheit der Institutionen verantwortlich: "Der Hamburger Fall zeigt, wie so etwas funktioniert: Denn die sogleich heftig diskutierten 'Drohungen' gegen den Nochtspeicher wurden rasch zu 'Warnungen von Nachbarn' herabgestuft, keineswegs drohte 'Weimar' auf den Straßen von St. Pauli, wie Hansen laut befürchtete. Aber es reichte zuvor schon das Unwohlsein von Autoren gegenüber Eckhart, um die Sache ins Rollen zu bringen. Die Panik vor Social-Media-Attacken, die hemmungslos eskalieren, steckt allen Institutionen neuerdings in den Knochen, Kuratoren, Lektoren, Autoren und Pressestellen starren auf die nächste Retweet-Rudelbildung. Wenn dann Institutionen nicht stark genug sind, sind die Klimaerhitzer daran mitschuldig."

Eine wirksame cancel culture gibt es nicht, meint - ebenfalls in der Zeit - Sophie Passmann, die behauptet, Künstler wie Eckhart würden von so einer Fiktion nur profitieren: "Zunächst mal ist das, was als linker Gesinnungsterror gilt, weder links noch Gesinnungsterror. Es ist oftmals nur der freundliche Hinweis, dass es anständig wäre, aus Menschen nicht ständig Pointen zu machen und den Gratismut, den es dafür braucht, dann nicht auch noch zur Selbsterhöhung als Grenzgang zu bezeichnen. ... In Wahrheit ist die Empörung natürlich breit über alle politischen Lager verteilt, je nachdem, wer da gerade auf der Bühne stehen soll. Und am Ende profitiert keines der Lager von der cancel culture und ihrem übermächtigen Ruf, es sind einzig und allein die Institutionen, die sich aus jedem Promo-Desaster nachträglich mit ein wenig Pseudo-Diskurskritik herausstehlen dürfen."

Weitere Artikel: Die Schwedische Akademie wehrt sich mit rechtlichen Mitteln dagegen, dass eine Neonazi-Organisation Gedichte früherer Akademiemitglieder veröffentlicht, berichtet Aldo Keel in der NZZ. Stefan Pannor analysiert im Tagesspiegel die Lage des US-Comicverlags DC, dessen Belegschaft vom Mutterkonzern Time Warner gerade bis weit in hohe Ränge um ein Drittel verkleinert wurde.

Besprochen werden unter anderem Anne Webers "Annette - ein Heldinnenepos" (taz), Deepa Anapparas Debütroman "Die Detektive vom Bhoot-Basar" (SZ), Monika Marons "Artur Lanz" (online nachgereicht von der FAS) und Alexander Kluges "Russland-Kontainer" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Steve McQueen, Ashes 2002-2015, Video still. Courtesy the artist, Thomas Dane Gallery and Marian Goodman Gallery


Marion Löhndorf besucht für die NZZ zwei Ausstellungen des britischen Künstlers Steve McQueen: in der Tate Britain das Projekt "Year 3", mit Fotos von Schulklassen aus der 3. Klasse, und eine zweite Schau in der Tate Modern. Dabei fällt ihr auf, dass McQueen immer wieder "den Körper als Schauplatz gesellschaftlicher und persönlicher Ereignisse [zeigt]. Und manchmal wird dieser Schauplatz zum Schlachtfeld. Der Künstler versteht sich aber auch auf leise Gesten. In einem kurzen Videoclip (1992-1997) filmte er eine Zufallsbeobachtung: Zwei Männer, vielleicht Einwanderer aus der Karibik, bewegen sich mit großer Effizienz und Selbstverständlichkeit durch dichte Menschenmengen auf einer Londoner Straße, jeder von ihnen trägt eine eingetopfte Palme wie simple Symbole ihrer Herkunft. Noch von weitem sind die Palmwedel zu sehen und heben die beiden Träger von der Menge ab, auch als sie schließlich einen Bus besteigen, winken und verschwinden."

Weiteres: Julia Reinl unterhält sich für monopol mit der Fotografin Lilian Mauthofer, die im Oktober 2019 die Protestbewegung im Libanon fotografiert hat. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Barlach reloaded" im Ernst Barlach Museum in Ratzeburg (FAZ, monopol).
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Archiv: Kunst

Musik

Der MIDI-Standard hat in den Achtzigern die Produktion elektronischer Musik revolutioniert, indem er digitale Musikinstrumente miteinander "sprechen" ließ. Mit der sich nun abzeichnenden Marktreife von Midi 2.0 könnte der nächste Schritt erfolgen, glaubt Quentin Lichtblau in der SZ: Konnten miteinander verschaltete MIDI-Geräte bis dahin untereinander nur in eine Richtung kommunizieren, soll es nun munter hin und her gehen und das noch deutlich schneller. Hinzu kommt "eine Auflösung von 16 Bit. Das bedeutet, dass Midi künftig wohl sämtliche Anschlagdynamiken von Gitarrensaite bis Bongo-Trommel abbilden kann - anstatt von 128 Werten gibt es schließlich nun 65.000. ... Es ist also durchaus möglich, dass künftige Midi-Geräte wie Blas- oder Saiteninstrumente aussehen, und dass sie alle Facetten der Tonerzeugung digitalisieren können. Und damit genau das erreichen, woran die alte Technik bisher noch scheiterte: die vollständige Verschmelzung von Mensch und Maschine."

Außerdem: Max Nyffeler berichtet in der FAZ vom Musikfestival in Davos, dessen hohen Grad an Abwechslung der Kritiker sehr schätzt. Peter Weissenburger schreibt in der taz über die Pläne, unter dem Namen American Song Contest ein US-Pendant zum Eurovision Song Contest auf die Beine zu stellen. Harry Nutt (FR) und Christian Schröder (Tagesspiegel) schreiben Nachrufe auf den Sänger Trini Lopez.

Besprochen werden das Debütalbum "Call in the Crash Team" des Projekts Land Yacht Regatta, hinter dem der Lyriker Simon Armitage steckt (NZZ), und das neue Album von Kitschkrieg (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Midi, Elektronische Musik