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Spiel mit dem Feuer

Von Ina Hartwig
22.12.2011. Bevor der Papst im Deutschen Bundestag sprach, saß neben ihm der katholische, geschiedene und wiederverheiratete Bundespräsident Christian Wulff erwartungsvoll auf seinem Stuhl. Dieser hatte sich zuvor öffentlich gewünscht, das Oberhaupt seiner Kirche möge auf die geschiedenen wiederverheirateten Katholiken zukommen, offenbar in der Annahme, der Zeitgeist und die allgemein gelockerten Sitten würden diesem Papst das Herz erweichen. Der Wunsch blieb unerfüllt. Zwar neigte sich Benedikt XVI. in seiner Rede ziemlich gewieft den Grünen zu mit seinem Appell, das Kreatürliche zu achten; Christian Wulff, dem höchsten Amtsträger im Staat, kam er nicht entgegen. Der Katholik aus Osnabrück wurde von der "Sünde", das Sakrament der Ehe gebrochen zu haben, nicht erlöst.
Bevor der Papst im Deutschen Bundestag sprach, saß neben ihm der katholische, geschiedene und wiederverheiratete Bundespräsident Christian Wulff erwartungsvoll auf seinem Stuhl. Dieser hatte sich zuvor öffentlich gewünscht, das Oberhaupt seiner Kirche möge auf die geschiedenen wiederverheirateten Katholiken zukommen, offenbar in der Annahme, der Zeitgeist und die allgemein gelockerten Sitten würden diesem Papst das Herz erweichen. Der Wunsch blieb unerfüllt. Zwar neigte sich Benedikt XVI. in seiner Rede ziemlich gewieft den Grünen zu mit seinem Appell, das Kreatürliche zu achten; Christian Wulff, dem höchsten Amtsträger im Staat, kam er nicht entgegen. Der Katholik aus Osnabrück wurde von der "Sünde", das Sakrament der Ehe gebrochen zu haben, nicht erlöst.

Allein den Wunsch geäußert zu haben, deutete auf Christian Wulffs Gewissensdruck hin. Da der Privatkredit für sein Haus, der ihn dieser Tage in Bedrängnis bringt, im Zusammenhang seiner neuen Liebe, seiner zweiten Ehe, gewährt wurde, ist es nicht abwegig, die versuchte Verheimlichung eben dieses Kredits vor dem niedersächsischen Landtag mit dem Gewissensdruck in Verbindung zu bringen, der ihm aus der Scheidung erwachsen ist. Man könnte geradezu eine Vermischung zweier Gewissenskonflikte vermuten, des "katholischen" und des "politischen" schlechten Gewissens. So gesehen, wohnte die katholische Schuld im Haus der illegitimen Ehe, dessen Finanzierung verschwiegen wurde. Dahinter wiederum lauert der Verdacht politischer Bestechlichkeit, dem ebenfalls etwas Illegitimes anhaftet.

Andererseits hat sich Christian Wulff, wie einst Rudolf Scharping, das Glück der neuen Verbindung mehr als nur ansehen lassen. Er hat sich überwältigen lassen vom erotischen Triumph an der Seite einer erheblich jüngeren Frau; eine sehr menschliche Regung, die aber, da sie öffentlich begierig reproduziert wird, für die zurückgelassene Ehefrau und die Tochter eine Ehrverletzung bedeuten muss. Spätestens seit Wulff als Bundespräsident mit seiner Neu-Ehefrau das Schloss Bellevue bewohnt, werden uns Fotos des küssenden Präsidentenpaares offeriert. Christian Wulff müsste das nicht tun, er will es so. Offenbar hat er seinen männlichen Stolz nicht im Griff.

Die Zeiten, da die "bürgerliche" Gesellschaft die Scheidung eines Politikers bestrafte, sind lange vorbei. Unglückliche Ehen müssen nicht mehr geführt werden um des Anstandes willen. Wer würde das beklagen wollen? Doch so einfach ist es gerade angesichts von Politikerkarrieren nicht, zu denen meistens zwei gehören, ein Mann und eine Frau im Hintergrund. Denn die erste Ehefrau ist in den meisten Fällen jene, die den politischen Aufstieg jahrelang unterstützt, die Mühen der Ebene mit durchschreitet, auf Eigenes verzichtet, die für das Wohl der Kinder sorgt, während der Gatte - wie Christian Wulff im niedersächsischen Wahlkampf - vor der Fernsehkamera das Image des sauberen Familienvaters herauskehrt.

Auch Wulffs Konkurrent ums Präsidentenamt, Joachim Gauck, lebt nach langer Ehe in einer neuen Verbindung, allerdings geschieden ist er nicht. Dem Protestanten wird die Meinung des Papstes ohnehin gleichgültig sein. Ob Gauck als Bundespräsident seine Freundin vor den Kameras der Yellow Press geküsst hätte? Eher nicht. Vermutlich ist das Spiel mit dem Feuer eine Wulff'sche Eigenart, dieses Zündeln an der Repräsentantenrolle.

Hierzu passt auch die Koketterie, mit der Bettina Wulff ihre Oberarm-Tätowierung herzeigte, kaum war ihr im Sommer 2010 die Rolle als First Lady zugefallen. Und der Bundespräsident war sich nicht zu schade, das der Körpersprache der Sträflinge, Seemänner und Landstreicher entliehene Accessoire als "cool" zu bezeichnen. Da hätte er auch gleich sagen können, er fände die geritzte Haut seiner Frau erregend.

Es trifft sich, dass nicht nur der Papst auf seiner Deutschlandtournee den Geschiedenen nicht entgegenkam, sondern dass gleichzeitig ein Buch die Bestsellerlisten stürmte, das sich des Themas "Sex in der Ehe" mit wohlkalkulierter Tabulosigkeit annahm. Charlotte Roches "Schoßgebete", adressiert an ein radikal-libertäres Spießertum, wickeln die pornografische Fantasie gewissermaßen in die Heizdecke eines Ehebettes ein. Darauf turnen ein älterer Mann und eine junge Frau, während der Nachwuchs in der Schule weilt. Dass die Autorin, wie Bettina Wulff, eine Tätowierung auf dem Oberarm trägt, wird niemanden überraschen.

Das Spielchen mit den Medien geht unterdessen weiter. Beziehungsweise ging weiter. Denn was die First Lady vor ein paar Wochen noch im Interview der Bunten anvertraute, würde sie heute wahrscheinlich nicht mehr so unschuldig aufsagen: "Unsere Kinder sind getauft und ich lege Wert darauf, dass sie nach christlichen Werten erzogen werden. Wir beten immer vor dem Abendessen." Sieht man sich die höhnischen online-Leserkommentare an, schwant einem, dass das Beten nicht geholfen hat.

Netz hat keine Grenzen

Von Thierry Chervel
20.12.2011. Lieber Jürgen,
Lieber Jürgen,

am Anfang Deines Textes stellst du fest, wie das Ebook Grenzen niederreißt, am Ende willst du neue Grenzen hochziehen! Du bist der Erfinder des Libroids. Du weißt, dass sich das "Buch" im Zeitalter seiner Digitalisierung verflüssigt. Die Grenzen zwischen Autor und Verlag, zwischen Buch und Buch, zwischen erster und zweiter Auflage, zwischen Buch und Bibliothek, zwischen Schrift und anderen Kommunikationsformen, zwischen Buch und Publikum, zwischen Publikum und Verlag verschwimmen.

Im Grunde kann man sich fragen, ob all diese Begriffe überhaupt noch zutreffen, oder ob sie nicht Hilfskonstruktionen sind, Übertragungen von Begrifflichkeiten aus der alten Printwelt in die neue, noch gar nicht formierte, ständig in Bewegung befindliche digitale Welt. Hilke-Gesa Bußmann hat recht mit ihrem Kommentar zu Deinem Artikel: Die Frage ist, ob ein Ebook überhaupt ein "Buch" ist. (Auch auf Google Plus gibt es einen interessanten Kommentarthread zu dem Artikel.)

Wie sehr die Dinge im Fluss sind, zeigt ja schon der Blick ein paar Jahre zurück. Im Jahr 2000 benutzten wir schon mehr oder weniger alle das Internet. Aber Google war in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Die Form des Blogs hatte sich noch nicht etabliert. Soziale Netzwerke existierten noch nicht einmal im Traum.

Inzwischen hat Google das Netz neu strukturiert - und dann ist sein Stern unerwartet abgesunken, weil Google noch ein Netz repräsentiert, das auf Suche und Finden basiert, während Facebook schon ein Netz bietet, das sich durch Empfehlungen konstituiert.

Und dann sind da noch Apple, das sich das Netz als App untertan machen möchte, und Amazon, das schon an jeder Ecke steht und Handel treibt. Diese Konzerne sind nicht groß geworden, weil sie amerikanisch sind, sondern weil sie das Netz verstanden haben.

Erinnern wir uns an Amazon und Bertelsmann. Ein gewisser Thomas Middelhoff trat einst an, um Amazon in Deutschland mit BOL die Marktführerschaft streitig zu machen - und ist kläglich gescheitert. Aber nicht daran, dass Bertelsmann ein deutscher Konzern ist, der gegen die amerikanische Übermacht chancenlos wäre - denn Bertelsmann war damals viel größer als Amazon -, sondern daran, dass Bertelsmann mit den Mitteln eines Konzerns die Dynamik der neuen Technologie einfach nicht erfassen konnte.

Die Entscheidung eines Steve Jobs oder Jeff Bezos lässt sich auch mit 17 Ausschusssitzungen bei Bertelsmann nicht kontern! Der Triumph der Netzkonzerne ist gewissermaßen der Triumph von Einzelunternehmern gegen Industriestrukturen, der Sieg der Idee gegen das System. Schöpferische Zerstörung: Guter alter Schumpeter.

Du hast recht, dass Verlage heute auf die Entwicklung blicken wie das Kaninchen auf die Schlange. Sie sind heute in der gleichen Situation wie seinerzeit die Musikindustrie gegenüber Steve Jobs. Ihre Alternative war Itunes oder totaler Kontrollverlust. Seitdem kassiert Apple bei ihnen 30 Prozent Provision und verwaltet die Kundendaten.

Amazon ist für die Verlage zur Zeit sogar noch gefährlicher. Denn von Amazon profitieren die Verlage - gerade die Qualitätsverlage - seit Jahren. Anders als Thalia mit seiner dumpfen Markteffizienz mobilisierte Amazon die Backlist der Verlage. Amazon bietet auch kleinen Verlagen bessere Chancen als Thalia. Denn Amazon hat alles, Thalia nur was auf dem Tisch liegt. Zu Amazon kommen zwar keine Vertreter. Aber Thalia schließt Vertreter kleiner Verlage von vornherein aus!

Gleichzeitig wächst natürlich die Abhängigkeit von Amazon, das wie ein schwarzes Loch den Markt in sich aufzusaugen droht. Auch Thalia schwankt, hört man.

Die Idee, alternative Strukturen gegen solche Riesen aufzubauen, ist natürlich nie falsch, aber setzt sie voraus, dass man nationale Grenzen gegenüber diesen "amerikanischen" Konzernen hochzieht? Wenn Alternativen zu Amazon und Apple entstehen, dann nur auf der Ebene des Netzes insgesamt, das sich schwer in Reservate aufteilen lässt, obwohl China und der Iran nach Kräften daran arbeiten... Schon Google Editions bietet mit seinem dezentralen Modell einen anderen Weg als Amazon und Apple mit ihrem Monopolisierungsdrang. Strategisch war aus Sicht der Verlage und Autoren wahrscheinlich nichts dümmer als der erbitterte Krieg gegen Google Books. Solange Google nicht dauerhaft das Monopol auf die Digitalisate bekommen hätte, wäre sein Modell fairer gewesen als das automatische Handaufhalten des allseits beliebten Steve Jobs.

Die Digitalisierung ist nicht amerikanisch. Europa hat einen großen Anteil daran: Linux, HTML, MP3 sind in Europa erfunden worden, leider nicht die Geschäftsideen, die ihr Potenzial realisieren. Aber man kann die Digitalisierung nicht einerseits wollen und ihr mit einer Erfindung wie dem Libroid huldigen, und andererseits ihre Effekte mit den alten kulturkonservativen Argumenten ("Land, Volk und Sprachgemeinschaft") einhegen.

Ich bin auch nicht sicher, ob Du die Gefahren, die durch die Monopolisierungstendenzen drohen, richtig beschreibst.

Die Gefahr ist nicht, dass Amazon und Apple, dadurch dass sie verlegerisch tätig werden, irgendwelche Bestseller in den Markt drücken, gegen die der starke deutsche Buchmarkt keine Chance hätte. Hier müssen Verlage wie Randomhouse, die Holtzbrinck-Verlage, Hanser oder Piper, die zum Teil international agieren und selbst "amerikanisch" sind, wirklich überhaupt keine Angst haben. Die Gefahr ist, dass Amazon und Apple die Infrastrukturen des Medienkonsums an sich reißen. Und ehrlich gesagt: Diese Situation ist zum Teil schon eingetreten.

Und es etablieren sich parallele Märkte, die von den Verlagen nicht mehr kontrolliert werden. Autoren publizieren gleich bei Amazon und manchen gelingt dabei sogar ein Coup. Selbst etablierte Autoren nutzen Amazon, um ihre Backlist selber zu digitalisieren: Ihre Verlage kümmern sich nicht darum, obwohl Ebooks für den Leser gerade in der Backlist sinnvoll wären. Und in den alten Verträgen waren die entsprechenden Rechte nämlich noch nicht abgetreten. Die Autoren sind ganz zufrieden, wenn sie siebzig Prozent bekommen und Amazon dreißig, auch wenn die Situation, schon wegen der niedrigeren Preise bei Amazon, nicht vergleichbar ist mit Verlagskonditionen, wo Autoren bestenfalls zehn Prozent bekommen. Und auch die Leser lesen nicht mehr unbedingt Bücher, sondern alles mögliche, das sich im Netz anbietet - zum Beispiel lange Reportagen, die sich für den Vorortzug besser eignen und über die man sich über Foren wie Longform oder Longreads austauscht. Überdies lesen deutsche Leser mehr auf englisch. Verlagen geht also auch Mediennutzungszeit verloren.

Wenn Verlage sich zusammenschließen, um eine eigene Plattform für Ebooks anzubieten, dann besser nicht, indem sie ihre Zeit verschwenden um bei Politikern ihre kulturelle Relevanz einzuklagen - wie die Zeitungskonzerne mit ihrem jahrelangen Kampf um ein Leistungsschutzrecht - sondern mit Ideen. Die Plattform der Verlage müsste besser sein als Amazon und Apple.

Zum Beispiel indem diese Plattform liberal mit den Rechten umgeht. Physische Bücher kann man kopieren oder verleihen. Mit neuen Ebooks geht das nicht. Mehr Liberalität würde den Verlagen nützen, nicht schaden. Hier könnte sich eine neue Plattform gegenüber Amazon oder Apple auszeichnen. Auch Funktionen wie das Gespräch über Bücher oder Informationen über Bücher aus bestimmten Interessenbereichen lassen sich außerhalb von Konzernstrukturen vielleicht besser, kooperativer und sympathischer organisieren. Die Verlage können die Entwicklungen nur überleben, wenn sie sich ihnen öffnen, nicht wenn sie sich verschließen!

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

Spiel mit dem Feuer

22.12.2011. Bevor der Papst im Deutschen Bundestag sprach, saß neben ihm der katholische, geschiedene und wiederverheiratete Bundespräsident Christian Wulff erwartungsvoll auf seinem Stuhl. Dieser hatte sich zuvor öffentlich gewünscht, das Oberhaupt seiner Kirche möge auf die geschiedenen wiederverheirateten Katholiken zukommen, offenbar in der Annahme, der Zeitgeist und die allgemein gelockerten Sitten würden diesem Papst das Herz erweichen. Der Wunsch blieb unerfüllt. Zwar neigte sich Benedikt XVI. in seiner Rede ziemlich gewieft den Grünen zu mit seinem Appell, das Kreatürliche zu achten; Christian Wulff, dem höchsten Amtsträger im Staat, kam er nicht entgegen. Der Katholik aus Osnabrück wurde von der "Sünde", das Sakrament der Ehe gebrochen zu haben, nicht erlöst. Von Ina Hartwig

Netz hat keine Grenzen

20.12.2011. Lieber Jürgen, Von Thierry Chervel