Betonierung des status quo

Von Thierry Chervel
22.06.2011. Die FAZ und die SZ klagen ja schon seit Jahren kreuz und quer durch die Gegend - gegen alles, was ihnen im Internet nicht behagt, zuerst gegen den Perlentaucher (seit sechs Jahren dauert der Prozess und geht gerade von der höchsten Instanz zurück in die zweithöchste, mehr hier), aber sie bedrohen auch Studenten, die sich für ihre Leitartikel interessieren und darauf verlinken wollen. Bei allem, was sie in ihrer Herrlichkeit stört, rufen sie: "Ih, das lebt. Mach' tot, mach' tot." Nun klagen sie also, gemeinsam mit dem Springer-Verlag und anderen wichtigen Akteuren, gegen die Handy-App der Tagesschau. "Durch gebührenfinanzierte Texte und durch Sender, die im Internet Zeitung machen, ist die weltweit einmalige Vielfalt der Qualitätszeitungen in ihrer Existenz bedroht", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ.
Hanfeld hofft, dass die Leser schon für die Artikel der Zeitungen bezahlen würden, falls die Öffentlich-Rechtlichen auf eine textliche Präsenz im Internet verzichten. Je weniger Inhalt im Netz zirkuliert, desto eher kommen die reuigen Leser zur Zeitung zurück. Noch sind sie offenbar nicht zahlungswillig - denn kostenpflichtig sind die Zeitungen im Netz ja schon jetzt. Von den fünf oder sechs Qualitätszeitungen, die wir im Perlentaucher Tag für Tag auswerten, steht praktisch keine mehr einfach so online. Ich habe das hier schon mehrfach dargelegt - aber es muss wiederholt werden, weil die Zeitungen unverdrossen bei den Politikern mit falschen Behauptungen hausieren gehen: In der FAZ, der Zeit und der SZ verschanzen sich in Wahrheit bestimmt 90 Prozent der Artikel hinter Bezahlschranken. Bei der FR und NZZ sind es etwas weniger. Die Welt stellt ihre Artikel zwar online, aber nur als Schaufenster für Google, denn die Leser finden auf Welt online nirgends ein Inhaltsverzeichnis, durch das sie erraten könnten, was in der Zeitung steht. Allenfalls durch Zufallsfunde über Google News stoßen sie auf diese Artikel. Allein die taz stellt ihre Artikel noch uneingeschränkt online. Aber auch sie hält ihr Inhaltsverzeichnis gut versteckt.
Dazu haben die Zeitungen natürlich ein gutes Recht! Nur sollten sie dann nicht behaupten, dass sie im Internet "Zeitung" machen und dafür auch noch Leistungsschutzrechte verlangen. Sie sollten auch nicht so tun, als würde die Präsenz der Öffentlich-Rechtlichen sie zwingen, ihre Inhalte kostenlos preiszugeben. Denn sie tun es jetzt schon nicht. Den größten Teil der Zeit - Stefan Niggemeier hat das neulich am Stern sehr schön exemplifiziert, aber er hätte es auch an der SZ zeigen können - verwursten sie online nur Ticker und Agenturfotos. Mit diesem Material und reduziertem, meist prekär gehaltenem Personal, das längst nicht so gut verdient wie die Herren aus dem Print, schaffen die Zeitungen einen Stellvertreter für ihre Marke im Netz.
Innovativ hat sich so gut wie keines der Medienhäuser im Netz verhalten. Dass sie gar versucht hätten, Medien außerhalb einer Vorzeigefunktion für ein Printinstitut zu entwickeln, zum Beispiel Blogs wie Huffington Post oder Techcrunch, ist nicht überliefert. Warum Risiken eingehen, wenn jammern schon reicht?
Nicht dass die Onlineredakteure nicht besten Willens sind und im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, das beste draus zu machen. Aber gerade, wenn sie genuine Onlineformen - sagen wir ein Videoblog - entwickeln, ist das ja auch wieder nicht "Zeitung". Mit anderen Worten: Das was die Zeitungen im Netz machen, ist nicht Zeitung, aber das was die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Netz machen, soll auch auf keinen Fall Zeitung sein. Die Verleger heucheln, dass sich die Balken biegen.
Und ihre Reaktion ist zutiefst reaktionär. Sie sagt: Hier die Zeitungskonzerne, die die Gattung der Texte verwalten. Dort die Öffentlich-Rechtlichen, die das Genre des Bewegtbilds pflegen. Die Trennungen der vordigitalen Ära sollen künstlich ins Netz transferiert werden. Und beide Sphären erhalten Bestandsschutz.
Aber in Wirklichkeit sind die Onlinetexte der öffentlich-rechtliche Anstalten so "zeitungsähnlich" wie die Videoblogs von Matthias Matussek "fernsehähnlich" sind. Diese Begriffe sind obsolet, denn sie sind beide Internet.
Im Grunde verhalten sich die Zeitungskonzerne also nicht anders als die öffentlich-rechtliche Anstalten selbst. Sie versuchen im Moment des Verschwimmens der Gattungsgrenzen zwischen den Medien ihren vormaligen Status zu zementieren. Sie handeln in konfliktueller Komplizenschaft auf schrumpfendem Terrain. Als könnten Eisbären die Schollen, die sie als Territorium betrachten, durch den Klimawandel retten.
So wie die öffentlich-rechtliche Anstalten in dem Moment, wo ihr Publikum im Schnitt über sechzig Jahre alt ist, eine Garantie des Status quo durch die Zwangsabgabe bekommen haben, die auch von all denen bezahlt werden muss, die ihr Angebot gar nicht mehr nutzen, so wollen sich auch die Zeitungen durch gesetzliche Vorschriften und Leitungsschutzrechte vor dem Medienwandel bewahren - auf Kosten der Allgemeinheit.
Die Politiker haben natürlich auch nicht auf das Internet gewartet. Sie betrachten die öffentlich-rechtliche Anstalten als Spiegel ihres Glanzes und sagen den Zeitungen Leitungsschutzrechte zu, um gute Presse zu kriegen. Da arbeitet ein ganzes seit Jahrzehnten eingespieltes System an seiner Selbsterhaltung. Aber moderne Politiker sollten sich auch fragen, ob sie sich wirklich auf zwei Gerontokraten stützen sollten, die selbst nach allen Seiten um Absicherung flehen.
Das eigentlich Absurde an den öffentlich-rechtlichen Anstalten sind jedenfalls nicht die Tagesschau-Apps. Die politischen Aufgaben sind viel tiefgreifender. Das Problem ist das Festhalten an Strukturen, die vor dreißig jahren noch Sinn gehabt haben mögen. Warum braucht jede öffentlich-rechtliche Anstalt jeweils ein eigenes Gesundheitsmagazin, wo doch alle Sender heutzutage überall zu sehen sind? Am Föderalismus kann's nicht liegen: In Bayern ist man nicht anders krank als in Bremen. Wäre nicht zum Beispiel eine öffentlich-rechtliches Gesundheitsportal im Netz viel sinnvoller, das seriöse und geprüfte Informationen bietet und in das die Sender ihre Inhalte einspeisen könnten?
Aber müsste so ein Portal unbedingt von den Anstalten realisiert werden, deren Internetadressen, ehrlich gesagt, nicht immer kompetent wirken? Oder ließen sich solche Projekte nicht auch ausschreiben - so dass alle Akteure im Markt, also auch Zeitungen oder Internetmedien, sich darauf bewerben könnten? Hanno Beck und Andrea Beyer haben hierzu auf Carta einen bestechenden Vorschlag gemacht.
Vielleicht ließe sich ja eine Milliarde Euro von den acht abzweigen, um solche neuartigen Modelle auszuprobieren. Sie müsste doch freiwerden, wenn man wenigstens ansatzweise anfinge, die Redundanzen des Regionalismus abzubauen. Ein Beispiel: Wie einst in den siebziger Jahren, als jedes dritte Programm nur in seiner Region zu empfangen war, werden die paar Spielfilme, die heute noch laufen, von Sender zu Sender gereicht. Man darf sie also zuerst auf WDR und drei Wochen später auf NDR gucken. Und das ist um so absurder, wenn man bedenkt, welche Spielfilmtradition die dritten Programme, die einst durch ihre Truffaut-Retros und "Mythen, Monster, Mutationen" brillierten, längst aufgegeben haben. Heute erfüllen die dritten Programme ihren Auftrag durch regionale Spielhows, Kutschenfahrten durchs Weserbergland, Volksmusik und "Tatort"-Wiederholungen. Mit anderen Worten: Sie sind zu achtzig Prozent der Sendezeit überflüssig.
Aber auch die Zeitungen übersehen in ihrer Fixierung auf die Machtverhältnisse der vordigitalen Zeit, wohin der Medienwandel wirklich geht. Ob in Richtung Ipad, ist noch fraglich. Die britische Financial Times, die sich mit der Vermarktung von Inhalten auskennt, hat sich vom Ipad zurückgezogen und bietet stattdessen eine ipad-optimierte Website, weil sie aus verständlichen Gründen Apple den Dreißigprozentanteil an den Einnahmen und mehr noch den Zugriff Steve Jobs' auf sämtliche Leserdaten missgönnt (mehr hier).
Übrigens haben Leser - zumal in Deutschland durch die hohen GEZ-Gebühren - einen begrenzten Medienetat und werden nicht die Probleme sämtlicher Medien durch das Abonnement von Apps lösen, die nicht einmal die Funktionalitäten und die Offenheit des Netzes aufweisen. Im Iphone haben Apps noch den Vorteil der besseren Benutzbarkeit auf geringer Fläche, im Ipad funktioniert das Internet im Prinzip genauso gut wie auf dem Computer. Und wenn eine Zeitung alle Möglichkeiten des Ipad mit Ton und Video ausnutzt, was ist daran eigentlich noch "Zeitung"?
Das heißt nicht, dass nicht für Medieninhalte und gerade auch für substanzielle Artikel gezahlt würde - allerdings für einzelne Artikel. Jon Krakauers unglaubliche Reportage über Greg Mortensen hat sich auf dem Amazon-Kindle zehntausendemal verkauft. Statt der glitzernden, aber letztlich reaktionären und hermetischen CD-Rom-Ästhetik der Ipad-Apps werden wohl eher medienübergreifende Plattformen entstehen, die es erlauben werden, einzelne Artikel zu kaufen. Itunes oder Google News wären ein Modell. Zwei oder drei Euro für einen einzigen FAZ-Artikel - soviel kostet das jetzt offiziell in den umständlichen Archiven der Zeitungen - sind allerdings eine weit überzogene Preisvorstellung.
Auch ein solches Modell wird den Zeitungen nicht wieder jene Rente bringen, die sie einst als Organisatoren der regionalen Märkte aus ihren Rubrikenanzeigen bezogen. Darum muss der Strukturwandel der Öffentlichkeit auch als ein ganzes gedacht werden. Es geht nicht an, die Existenz der öffentlichen-rechtlichen Anstalten nach einem Modell aus vordigitaler Zeit zu betonieren, während sämtlichen privaten Medien das Geschäftsmodell verloren geht.
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Verweigerung von Trauerarbeit

Von Thierry Chervel
08.06.2011. Ende der neunziger Jahre zerriss eine Debatte über den Kommunismus die französische Öffentlichkeit Anlass war das von Stéphane Courtois herausgegebene "Schwarzbuch des Kommunismus", das die Verbrechen sämtlicher kommunistischer Regimes im 20. Jahrhundert bilanzierte. Noch 1997/98 konnte diese Bilanz einen Sturm der Entrüstung in Frankreich entfesseln. Die Kommunisten waren unter Premierminster Jospin (und Päsident Chirac) in der Regierungskoalition. Jospin trat vor die Assemblée nationale und verteidigte die kommunistische Utopie. Ich war damals Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris. Michi Strausfeld, die Entdeckerin der großen lateinamerikanischen Literatur für Suhrkamp, und eine enge Freundin Sempruns, lebte damals ebenfalls in Paris und vermittelte mir damals den Kontat zu Jorge Semprun, dessen scharfe Intelligenz und zugleich Gelassenheit mich in diesem Gespräch über das "scheußliche Geheimnis" der intellektuellen Sympathie mit dem Kommunismus tief beeindruckten. Aus Anlass seines Todes habe ich es nochmal aus meinem Archiv geholt.Thierry Chervel

Das Schwarzbuch erzählt an sich nichts Neues. Die Verbrechen des Kommunismus waren bekannt. Wie erklären Sie sich die Schärfe der Auseinandersetzung um das Buch?

Semprún: Zum Teil sind die Gründe in Frankreich selbst zu suchen. Die KPF ist mit Ausnahme der politisch unwichtigen KP Spaniens die einzige Kommunistische Partei Westeuropas, die weiterhin unter ihrem ursprünglichen Namen eine Rolle spielt - ohne dass sie je von sich aus einen Schritt zur Selbstkritik oder Erneuerung unternommen hätte. Im Grunde kommt diese Debatte also ein wenig zu spät. Sie war dann, wie oft in Frankreich, sehr heftig, sehr schnell, sehr oberflächlich. Das Buch hat sich sehr gut verkauft, aber wurde es auch richtig gelesen? Zwei oder drei Sätze im Vorwort des Herausgebers Stéphane Courtois luden zur Heftigkeit in der Polemik förmlich ein und haben zuerst das Autorenteam selbst zerrissen.

(Jorge Semprun bei einer Veranstaltung im Jahr 2006, Foto: attila (tekatana), CC, bei Flickr)
Einer dieser Sätze lautet: "Der Hungertod eines ukrainischen Kulakenkinds 'gilt soviel' wie der Hungertod eines jüdischen Kindes im Getto von Warschau." Was halten sie von diesem Vergleich?

Ich halte es für falsch, die Polemik an diesem Punkt zu eröffnen. Man muss an den Wurzeln der beiden Regimes ansetzen. Der Tod eines Kindes in Auschwitz, der Tod eines Kindes im Gulag, der Tod eines Kindes in Ruanda, ein Kind, das in Algerien von den Islamisten geköpft wird - das ist der absolute Horror! Aber womit soll man den absoluten Schrecken vergleichen, mit einem anderen absoluten Schrecken? Alle gewaltsamen Tode von Kindern sind vergleichbar, und doch brauchen sie nichts miteinander zu tun zu haben. Also hat der Vergleich keinen Sinn.
Ich glaube, man muss am Anfang anfangen und sagen: Es kommt nicht in Frage, und zwar wirklich in keinem Fall, den Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus zu verweigern. Wie auch immer die Schlüsse aus diesem Vergleich sind, und wer auch immer sie zieht. Der Vergleich ist notwendig. Zunächst, weil wir aus ihm den Begriff des Totalitarismus gewinnen, auch wenn bei diesem Begriff alle Welt vor Schmerz aufheult . . .
. . . naja, vor allem eine gewisse Linke . . .

. . . auch eine gewisse Rechte. Er wurde aus vielen Gründen abgelehnt, vor allem während der Zeit des Kalten Krieges, aber wir brauchen ihn.
Warum?

Erstens, weil er uns erlaubt, das 20. Jahrhundert zu analysieren. Zweitens, weil sich dadurch ihn der Unterschied zwischen der Demokratie und dem Rest definieren lässt. Drittens, weil sich erst durch die Identität des Begriffs ersehen lässt, worin Nationalsozialismus und Kommunismus anders sind. Die Anerkennung der Identität ist Voraussetzung: Beide Systeme basieren auf einer Einheitspartei, einer alles beherrschenden Staatsideologie und auf dem Schrecken. Dieser Staatsterror erlaubt einen quantitativen Vergleich, bei dem sich herausstellt, dass die Kommunisten mehr Tote auf dem Gewissen haben als die Nazis, unter anderem, weil sie mehr Zeit hatten.
Innerhalb dieser beiden totalitären Systeme muss man, glaube ich, an dem historischen Argument der Einzigartigkeit des Judenmords festhalten, auch wenn es ein gefährliches Argument ist, weil man sich hier schnell in die Bereiche der Metaphysik verliert. Zwar sind im Gulag wesentlich mehr Menschen gestorben, auch lässt sich die Deportation der Kulaken mit dem Judenmord vergleichen, denn auch sie hat eine metaphysische Seite und ist mehr als nur Klassenkampf. Aber die Besonderheit des Judenmords besteht in seinem massiven, bürokratischen, industriellen Charakter, in der Tatsache, dass er auf ganz Europa ausgedehnt wurde, in den Gaskammern. Nicht im Antisemitismus wohlgemerkt, hier stimme ich Goldhagen nicht zu. Auch Stalin war Antisemit. Die Dokumente zeigen, dass er am Ende seiner Herrschaft antisemitische Säuberungen plante.
Wie erklärt sich der Widerstand gegen den Totalitarismusbegriff?

Wir sind in Frankreich, also lassen Sie uns über Frankreich reden. Die Verweigerung des Vergleichs speist sich aus den selben Quellen wie die Weigerung, sich mit Vichy auseinanderzusetzen. Es ist eine Verweigerung von Trauerarbeit. Denn wer den Vergleich akzeptiert, muss die gesamte Geschichte der Intellektuellen, die Geschichte der Linken und der politischen Bündnisse revidieren - bis zum heutigen Tage: Ist das eigentlich dieselbe KP wie früher, die da in Regierung sitzt, oder ist es eine andere? Jedes europäische Land hat in seiner Geschichte Kapitel, die es überprüfen muss. In Frankreich scheint mir der Widerwille dagegen am zähesten.
Nun gibt es die Frage, die auch Jospin vorgebracht hat, als in der Nationalversammlung über das Schwarzbuch debattiert wurde. Die französischen Kommunisten mögen sich etwas spät vom Stalinismus gelöst haben, aber auf nationaler Ebene haben sie eine eher positive Rolle gespielt, wie es die Volksfront, die Résistance und der Kampf gegen den Kolonialismus zeigen.

Da ist etwas Wahres dran, auch wenn es nicht die ganze Wahrheit ist. Mich bekümmert die kulturelle Seite der Sache. Positive Rolle hin oder her, aber als Sartre, der einflussreichste Intellektuelle der fünfziger Jahre, sagte: "Jeder Antikommunist ist ein Hund" und "Es ist eine Niedertracht, die sowjetischen Lager untersuchen zu wollen"?, blockierte er eine ganze mögliche Debatte. Um einen Begriff der Historiker des letzten Jahrhunderts zu gebrauchen: Wer kann heute ermessen, welche Schäden die kommunistische Hegemonie über die Kultur - die in Frankreich einen großen Teil der Nachkriegszeit dauerte - in der Seele dieses Landes anrichtete?
Kleinigkeiten lassen hier am tiefsten blicken. Margarete Buber-Neumanns Buch "Als Gefangene bei Hitler und Stalin", wo sie erzählt, wie sie als ehemalige Kommunistin von Stalins Schergen an Hitlers Schergen übergeben wurde, hat man in Frankreich bis in die jüngste Zeit in zwei Bänden publiziert: "Déportée à Ravensbrück" und "Déportée en Sibérie", obwohl es sich um ein zusammenhängendes Buch handelt. Aber man wollte nicht beide Erfahrungen unter einem Buchdeckel vereinigen. Oder das Erinnerungsbuch "Les staliniens" von Dominique Desanti, die 1956 mit der KP gebrochen hat. In diesem Buch gibt es eine Person, die bis zu einer bestimmten Seite unter dem Namen Annie Besse auftritt. Später taucht eine andere Person auf, die den Namen Annie Kriegel trägt. Es handelt sich um ein und dieselbe Frau: Annie Kriegel hat eine Schule der Kommunistenforschung begründet, aus der auch Stephane Courtois stammt. Aber bevor sie mit der KP gebrochen hatte, war sie Annie Besse, eine hohe Parteifunktionärin, der Schrecken der Pariser Intellektuellen, die Beria des Quartier latin! Desanti erwähnt diese Identität mit keinem Wort. Auch Kriegel selbst ist nie auf ihre persönliche Geschichte eingegangen. Man wusste es und schwieg darüber. Das zeigt, wie schwer sich die französische Linke mit ihrer Vergangenheit tut. Der erste, der selbst aus dem Kommunismus stammt und eine wirkliche Synthese vorlegte, mit allen Grenzen, die so ein Buch hat, ist François Furet mit seiner "Vergangenheit einer Illusion" von 1995!
Sie selbst schildern den Schock, mit dem bei Ihnen die Trauerarbeit einsetzte, in "Was für ein schöner Sonntag" von 1980. Sie erzählen, wie Sie Anfang der sechziger Jahre Solschenizyn und Schalamow lesen und wie Sie sich als ehemaliger "Kazettler" aus Buchenwald in den "Zeks" aus dem Gulag wiedererkennen. Es ist ein Schock der Überblendung, eine Art unwillkürliche Erinnerung an das Erlebnis eines anderen, die Sie fast überwältigt.

Und die einen der Unterschiede zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus ausmacht, denn wenn man erst einmal die innere Identität akzeptiert hat, muss man auch den Unterschied wahrnehmen. Zu den wichtigsten gehört, dass man mit ehemaligen Kommunisten reden kann, während es sehr schwierig ist, mit einem ehemaligen SSler zu reden. Die Entdeckung von Solschenizyn und später Schalamow war entscheidend für mich. Den ersten Teil der Buchenwald-Trilogie, "Die große Reise", habe ich 1962 noch in einer Art naiven oder pseudonaiven Haltung geschrieben. Es gibt noch keine Distanz zwischen Autor und dem Erlebnis eines jungen Kommunisten, der überzeugt ist, dass die Nazi-KZs den brutalsten Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus darstellen. Als Ende der vierziger Jahre die ersten Berichte aus dem Gulag kamen, habe ich noch gesagt, das ist Propaganda, das kann nicht sein. Bei Solschenizyns "Ein Tag des Ivan Denissowitsch", 1962, konnte ich mich nicht mehr sperren. Und Schalamow halte ich für den größten Schriftsteller der Lagererfahrung überhaupt.
In der Kritik, die Sie selbst im Journal du dimanche über das Schwarzbuch geschrieben haben, sprechen Sie vom "ungeheuren scheußlichen Geheimnis" des Engagements für den Kommunismus und sagen, dass sich die künftige Forschung auf die Spur dieses Geheimnisses begeben solle.

Ich zitiere einen Satz von Octavio Paz: "Selten haben soviele gute Gründe soviele wohlmeinende Seelen dazu gebracht, soviele Ungerechtigkeiten zu begehen." Nur sollte man, bevor man vom Geheimnis spricht, nicht vergessen, dass es sehr starke Gründe gab, sich für den Kommunismus zu engagieren. Deutschland und Frankreich waren in den zwanziger, dreißiger Jahren in der Krise, die Leute waren verzweifelt, die Arbeitslosigkeit wütete, die Nazis stiegen auf. Diese Gesellschaften ändern zu wollen, war keine absurde Idee. Darin bestand das Projekt der Kommunisten, und das haben die Leute verstanden. Das ist doch begreiflich. Diese Gesellschaften mussten verändert werden, sie müssen es übrigens bis heute!
Worin besteht nun das "ungeheure scheußliche Geheimnis"?
In dem Umstand, dass sehr schnell Hinweise vorlagen, die zeigten, dass das bolschewistische System nicht funktionierte. Nicht nur die Intellektuellen, auch die Arbeiter hätten hellhörig werden müssen - meist waren es ja qualifizierte Arbeiter, die in die KP gingen, die Aristokratie der Arbeiterklasse. Das Rätsel ist, dass der Mythos all diesen Desillusionen und Realitäten solange standhalten konnte. Wie konnte dieses politische Engagement jahrzehntelang so blind und so religiös werden? Und warum gibt es bis heute soviele Menschen - ich meine hier nicht nur Intellektuelle, sondern Leute aller Kategorien ?, die längst nicht mehr glauben, dass der Kommunismus die Lösung parat hält und die trotzdem sagen: "Aber schön war's doch"? Wie in dem Lied von Piaf: "Je ne regrette rien."
Auch François Furet spricht in seinem Buch sehr viel vom Geheimnis der kommunistischen Illusion. Als eine der Quellen sowohl der nationalsozialistischen als auch der kommunistischen Ideologie benennt er den "Hass auf den Bourgeois", der vor allem ein bürgerlicher Selbsthass war. Der Demokrat blickt in den Spiegel, und zurück blickt der Krämer.

Aber dieses Phänomen betrifft vor allem den bürgerlichen Intellektuellen im weiteren Sinn des Worts, nicht die Arbeiterklasse, die sich doch auch hat blenden lassen. Übrigens vergisst Furet hier, auf einen fundamentalen Unterschied zwischen Nazis und Kommunisten einzugehen. Der "Hass auf den Bourgeois" schön und gut, aber der Hass der Nazis zerstörte die Bourgeoisie nicht, während die Kommunisten sie wirklich zerstörten. Die Nazis benutzten, manipulierten sie, aber sie haben das Verhältnis von Kapital und Arbeit intakt gelassen. Die Kommunisten waren also, von einem soziologischen Standpunkt aus gesehen, zerstörerischer für die Gesellschaft. Mit der paradoxen Konsequenz, dass es leichter ist, vom Faschismus zur Demokratie zurückzukehren als vom Kommunismus. Trotzdem hat es den "Hass auf die Bourgeoisie" auf beiden Seiten gegeben. Die bürgerliche Demokratie mit all den Schimpftiteln, die man ihr gegeben hat - "bourgeois", "formell", "jüdisch-freimaurerisch", "jüdisch-bolschewistisch" ?, war der Hauptfeind sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken, durchs ganze 20. Jahrhundert, bis heute.
Beide griffen die Demokratie im Namen eines zu verwirklichenden Ideals an. Das ist vielleicht einer der Punkte, die nach dem Mauerfall am schwersten zu verstehen sind. Und noch aufs "Schwarzbuch" antwortet man: "Ja, aber die Kommunisten hatten eine Utopie, ein Ideal." Die Demokratie hat doch auch Ideale!

Das sagen Sie heute! Daran merkt man, wie jung Sie sind! Versetzen sie sich zurück in die dreißiger Jahre. Hier ist das Buch von Furet übrigens sehr sehr stark: Es beschreibt die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, dieses sinnlose Massaker und die Unfähigkeit der Demokratie, diesen Krieg zu beenden. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatte die Demokratie alle Kraft zur Mobilisierung vollends eingebüßt. Die Franzosen sind passiv in den Krieg gegangen, ohne Ideal, und haben sich von deutschen Panzerdivisionen überrennen lassen, mit 100 000 Toten. Die Demokratie mag das schönste Ideal überhaupt sein, aber 1939 lag es am Boden. Es stand erst 1940 wieder auf, als Frankreich geschlagen war, als Hitler ganz Europa beherrschte und als Großbritannien, vor Hitlers wahnsinnigem Überfall auf die Sowjetunion, ganz alleine gegen ihn kämpfte.
In den Reaktionen gegen das Schwarzbuch schwang manchmal eine Art Trotz mit: Der Kommunismus mag kriminell gewesen sein, aber lag in ihm nicht eine Hoffnung? Solche Fragen wurden in der Fernsehdebatte zu dem Buch gestellt: Bleibt jetzt nur die Perspektive eines entfesselten, globalisierten Kapitalismus, der sich um so rücksichtloser gebärden kann, als er vom Gespenst des Kommunismus nichts mehr zu befürchten hat?

Es sind die schwierigsten Fragen überhaupt. Diese Gesellschaft ist ungerecht, und sie muss verändert werden. Aber wie sollte sich heute eine revolutionäre Bewegung strukturieren - im Wissen, dass die bolschewistische Revolution gescheitert ist und nur zu einem System geführt hat, das noch blutiger ist als der Kapitalismus? Der Reformismus hatte noch nie sehr viel mobilisierende Kraft. Man müsste also ein revolutionär-reformistisches Modell entwickeln, aber das ist sehr schwierig, denn die Sozialdemokratie, die diese Rolle spielen könnte, hat eigentlich auch keine Konsequenzen aus der neuen Situation gezogen. Es gibt einzelne Intellektuelle, die einzelne Antworten vorschlagen - André Gorz mit seiner Neuverteilung der Arbeit, Emmanuel Todd mit seiner Rückkehr zur Nation und zum Protektionismus ?, aber es gibt keine Bewegung, die die soziale Unzufriedenheit bündeln könnte. Also werden entweder die Finanzmärkte die Situation managen, mit aller Brutalität - oder . . . Ja, oder was? Wird Europa die Antwort auf die Frage sein?
Wir feiern in diesem Jahr den 150. Geburstag von Marx' Kommunistischem Manifest, anderthalb Jahrhunderte Kommunismus. Marx sagte die Globalisierung voraus - ein paar Dummköpfe glauben ja, dass das etwas Neues sei. Allerdings hatte Marx er ein messianisches, verrücktes Verhältnis zur Zeit, er glaubte, dass diese letzte Phase des Kapitalismus vor der sozialistischen Revolution unmittelbar bevorstünde. Wir haben sie heute heute erst erreicht. Nur eine Revolution wird nicht kommen.
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Das Interview erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 1998.

Lasst uns den 4. Juni vergessen

Von Ai Weiwei
06.06.2011. Lasst uns den 4. Juni vergessen, diesen Tag, der keine besondere Bedeutung hat. Das Leben hat uns gelehrt: In einem totalitären Regime sind alle Tage gleich, alle totalitären Tage sind ein einziger Tag, es gibt keinen Tag Zwei, kein Gestern und kein Morgen. Weil das so ist, brauchen wir nur das Kontinuum und keine speziellen Abschnitte der Wirklichkeit, keine Phasen der Gerechtigkeit oder Gleichheit.
Menschen ohne Redefreiheit, ohne Pressefreiheit und ohne Wahlrecht sind keine Menschen und brauchen kein Gedächtnis. Wenn wir aber kein Recht auf ein Gedächtnis haben, wählen wir das Vergessen.
Lasst uns jede Verfolgung, jede Demütigung, jedes Massaker, jede Vertuschung, jede Lüge, jedes Versagen und jeden Toten vergessen, alles, was in der Erinnerung schmerzen könnte, und lasst uns immer auch gleich vergessen, dass wir etwas vergessen. Alles geht mit rechten Dingen zu, so dass sie uns auslachen, als seien sie unbescholtene, anständige Herren.
Vergessen wir die Soldaten, die auf Zivilisten geschossen haben, die Panzer, die mit ihren Ketten die Körper der Studenten zermalmt haben, die Kugeln, die durch die Straßen geflogen sind, und das Blutvergießen, die Stadt und den Platz, wo keine Tränen vergossen wurden. Vergessen wir die endlosen Lügen und die Machthaber, die auf unserem Vergessen bestehen, vergessen wir ihre Schwäche, ihre Tücke und ihre Unfähigkeit. Ihr werdet sie bestimmt vergessen, man muss sie vergessen, sie können nur existieren, wenn man sie vergisst. Um überleben zu können, lasst uns vergessen.
Ai Weiwei
Im Juli bringt der Galiani Verlag die Blogtexte Ai Weiweis heraus. Diese Tweets vom 3. Juni 1989 mit einem paradoxen Text zum 20. Jahrestag des staatlichen Massakers am Platz des Himmlischen Friedens stellt der Verlag allen Medien zur Verfügung, "um Ai Weiwei die geraubte Stimme zurückzugeben".

Betonierung des status quo

22.06.2011. Die FAZ und die SZ klagen ja schon seit Jahren kreuz und quer durch die Gegend - gegen alles, was ihnen im Internet nicht behagt, zuerst gegen den Perlentaucher (seit sechs Jahren dauert der Prozess und geht gerade von der höchsten Instanz zurück in die zweithöchste, mehr hier), aber sie bedrohen auch Studenten, die sich für ihre Leitartikel interessieren und darauf verlinken wollen. Bei allem, was sie in ihrer Herrlichkeit stört, rufen sie: "Ih, das lebt. Mach' tot, mach' tot." Nun klagen sie also, gemeinsam mit dem Springer-Verlag und anderen wichtigen Akteuren, gegen die Handy-App der Tagesschau. "Durch gebührenfinanzierte Texte und durch Sender, die im Internet Zeitung machen, ist die weltweit einmalige Vielfalt der Qualitätszeitungen in ihrer Existenz bedroht", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ. Von Thierry Chervel

Verweigerung von Trauerarbeit

08.06.2011. Ende der neunziger Jahre zerriss eine Debatte über den Kommunismus die französische Öffentlichkeit Anlass war das von Stéphane Courtois herausgegebene "Schwarzbuch des Kommunismus", das die Verbrechen sämtlicher kommunistischer Regimes im 20. Jahrhundert bilanzierte. Noch 1997/98 konnte diese Bilanz einen Sturm der Entrüstung in Frankreich entfesseln. Die Kommunisten waren unter Premierminster Jospin (und Päsident Chirac) in der Regierungskoalition. Jospin trat vor die Assemblée nationale und verteidigte die kommunistische Utopie. Ich war damals Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris. Michi Strausfeld, die Entdeckerin der großen lateinamerikanischen Literatur für Suhrkamp, und eine enge Freundin Sempruns, lebte damals ebenfalls in Paris und vermittelte mir damals den Kontat zu Jorge Semprun, dessen scharfe Intelligenz und zugleich Gelassenheit mich in diesem Gespräch über das "scheußliche Geheimnis" der intellektuellen Sympathie mit dem Kommunismus tief beeindruckten. Aus Anlass seines Todes habe ich es nochmal aus meinem Archiv geholt.Thierry Chervel Von Thierry Chervel

Lasst uns den 4. Juni vergessen

06.06.2011. Lasst uns den 4. Juni vergessen, diesen Tag, der keine besondere Bedeutung hat. Das Leben hat uns gelehrt: In einem totalitären Regime sind alle Tage gleich, alle totalitären Tage sind ein einziger Tag, es gibt keinen Tag Zwei, kein Gestern und kein Morgen. Weil das so ist, brauchen wir nur das Kontinuum und keine speziellen Abschnitte der Wirklichkeit, keine Phasen der Gerechtigkeit oder Gleichheit. Von Ai Weiwei