9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2025 - Wissenschaft

"Wie soll sich die Geschichtswissenschaft zu den politischen Entwicklungen unserer Zeit verhalten?" In der FAZ resümiert Jannis Koltermann verschiedene Positionen zum Thema. Während die einen eine linksliberale "Hegemonie" fürchten, blicken die anderen besorgt auf den Rechtsruck. Die Spaltung drückt sich unter anderem in der Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus aus, wie Koltermann etwa einer diesem Thema gewidmeten Ausgabe der Fachzeitschrift Geschichte und Gesellschaft aus dem vergangenen Jahr entnimmt: "Darin plädieren die Autoren, wie es der Herausgeber zusammenfasst, 'für das notwendige Augenmaß in der Politisierung ihrer Forschungsergebnisse', zugleich aber 'für eine eingreifende, eine engagierte Geschichtswissenschaft' auf ihren jeweiligen Feldern. Man kann den Impetus, der Wagner, Gerstenberger und andere Vertreter einer histoire engagée antreibt, zweifellos nachvollziehen: Wenn NS-Gedenkstätten geschändet werden und eine mindestens in Teilen rechtsextreme Partei die Umfragen anführt, sollte das keinen Demokraten kaltlassen. Die Frage ist freilich, ob der Demokratie mit einer dezidiert aktivistischen Wissenschaft mehr geholfen ist als mit einer Wissenschaft, die so weit wie möglich wertneutral arbeitet und gerade deswegen glaubhaft fake news entlarven, die Freiheit der Forschung verteidigen und mündige Bürger ausbilden kann."
Stichwörter: Geschichtswissenschaften

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2025 - Wissenschaft

Amerikas Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der sich zwar für Nahrungsergänzungs-, Entwurmungsmittel und Steroide begeistert, aber das Impfen ablehnt und zahlreichen Institutionen die Mittel für Forschung entzogen hat, ist nur die Spitze eines Eisbergs der Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA, stöhnt der Medizinethiker Arthur L. Caplan in der FAZ: Ein "Grund, warum die Wissenschaft in einer skeptischen, von Covid gezeichneten Öffentlichkeit als Feindbild dient, ist die mangelnde Erziehung und Ausbildung in den Wissenschaften an amerikanischen Schulen. Viele amerikanische Kinder besuchen Privatschulen, in denen Geschichten aus der Bibel statt Evolutionslehre und Geologie im Mittelpunkt stehen. Im öffentlichen Schulsektor endet die Ausbildung in Wissenschaft häufig mit der Highschool. Die Mehrzahl der College-Absolventen vermag nicht zu erklären, worin Wissenschaft besteht oder warum der Glaube an wissenschaftliche Expertise gerechtfertigt ist. Fast ebenso viele haben keine Vorstellung davon, wie ihre Nahrung tatsächlich angebaut wird und schließlich auf ihren Tisch gelangt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2025 - Wissenschaft

Während sich viele Hochschulpräsidenten Trumps Kampf gegen die Universitäten noch widersetzen, stimmte Claire Shipman, seit März Präsidentin der New Yorker Columbia-Universität, einem Deal zu, "der wegweisend für andere Hochschulen sein könnte", befürchtet Frauke Steffens in der FAZ: "Columbia verpflichtete sich nicht nur zur Zahlung von 221 Millionen Dollar Bußgeld und neuen Maßnahmen gegen Antisemitismus. In Zukunft soll auch eine Ombudsperson über Zulassungen und Personalentscheidungen wachen. In der Vereinbarung heißt es, Columbia dürfe in Zukunft 'keine persönlichen Stellungnahmen, Diversitätsnarrative oder irgendeine Erwähnung von ethnischer Identität' bei der Zulassungsentscheidung mehr berücksichtigen. ... Weiter wird festgehalten, dass alle 'Ersatzhandlungen' für die angeblich Weiße diskriminierende Berücksichtigung von 'race' zu unterlassen seien, etwa die Gewichtung von Armut. Gleichzeitig soll die Hochschule die Daten, die sie nicht mehr berücksichtigen darf, erheben und 'an die Ombudsperson und an die Vereinigten Staaten' weitergeben: neben Durchschnittsnoten auch 'race, Hautfarbe', so die Vereinbarung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2025 - Wissenschaft

Der neue Direktor des amerikanischen National Institute of Health (NIH) Jay Bhattacharya und Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verkörpern den Sieg des Querdenkertums über die Wissenschaft, sagt der Blogger Derek Lowe im Gespräch mit Nina Rehfeld von der FAZ. Die beiden schleifen an allen möglichen Stellen die staatliche Förderung und damit die Grundlagenforschung: "Die sogenannte RNA-Interferenz zur Abschaltung bestimmter Gene beispielsweise wurde entdeckt, als Forschern Merkwürdigkeiten in der Farbe von Petunienblüten auffiel. Ich kann mir genau vorstellen, wie jemand wie Kennedy sagt: 'Kann doch nicht wahr sein, dass wir Steuergelder für die Beobachtung von Petunienblüten ausgeben!' Aber das ist Wissenschaft! Wir können nicht ahnen, welche Erkenntnisse zu bahnbrechenden Therapien führen."

Dass Trump in seinem Feldzug gegen die Ivy-League-Unis nicht rational agiert, sieht auch der Politologe Stephan Bierling in der NZZ so. Trump agiere schlicht aus Rache gegen ein Milieu, das ihn besonders verabscheut, diagnostiziert er. Und dabei geht er "als Sieger vom Feld: Die Spitzenunis haben vor ihm gekuscht, wie zuvor schon Tech-Milliardäre, TV-Sender und parteiinterne Gegner. Um das Lösen von Problemen ging es ihm dabei nie, sondern um eine Demonstration seiner Macht. Dabei haben die Eliteunis tatsächlich schwere Mängel. Erstens den Antisemitismus: Selbst Columbia kam in einer internen Untersuchung gerade zu dem Ergebnis, Judenfeindlichkeit sei an ihrer Uni 'ernst und allgegenwärtig'. Insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften bereiten mit trendigen Konzepten wie Postkolonialismus oder 'critical race theory' den Nährboden für politische Aktivisten. Wie im Marxismus unterteilen sie die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, diesmal freilich nicht anhand des Eigentums an den Produktionsmitteln, sondern anhand von Hautfarbe oder Herkunft." Als weiteres Problem benennt Bierling "die wachsende Rolle ausländischer Geldgeber", als da sind Katar, China und Saudi-Arabien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2025 - Wissenschaft

Donald Trump ist mit seiner radikalen Kürzung des Wissenschaftsetats zwar nicht durchgekommen, dafür hat er jetzt per Dekret die Verteilung der Fördergelder an politische Beamte mit strikten ideologischen Vorgaben übergeben, berichtet in der FAZ Thomas Thiel: "Punkt für Punkt wird ausgeführt, was alles nicht gefördert werden darf: Wissenschaft, die den Glauben verbreitet, es gebe mehr als zwei Geschlechter, die ethnische Diskriminierung untersucht oder die illegale Immigration fördert. ... Nun stimmt es, dass Forschung zu Diversity, Equity and Inclusion nicht immer frei von ideologischen Färbungen war, die MAGA-Ideologie, die man der Wissenschaft als Gegenprogramm verordnen will, ist dazu aber nur die verzerrte Alternative. Im neuen Dekret wird nicht der geringste Versuch gemacht, sinnvolle Maßnahmen zum Minderheitenschutz von identitärer Propaganda abzugrenzen."

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Auf der Geisteswissenschaftenseite der FAZ liest Friedrich Wilhelm Graf die seinerzeit ungedruckt gebliebene, jetzt bei Duncker und Humblot erschienene philosophische Dissertation des Historikers Thomas Nipperdey.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2025 - Wissenschaft

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Im Interview mit der SZ erklärt der Soziologe Emanuel Deutschmann, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, was exponentielles Wachstum ist: Angenommen die Weltwirtschaft wächst jedes Jahr um etwa 3,35 Prozent, dann gibt es irgendwann einen gewaltigen Schub, einen "Take-off", so Deutschmann: "Bei einem Wachstum von unseren 3,35 Prozent oben hätte sich die Weltwirtschaft nach etwa 21 Jahren verdoppelt - und nach 100 Jahren sogar versiebenundzwanzigfacht. Dann wären aus den 100 Milliarden Dollar schon 3,2 Billionen Dollar geworden." Das zu verstehen sei wichtig, um die Effekte von Energieverbrauch, Treibhausgasen, Durchschnittstemperatur oder Plastikproduktion zu verstehen. Er empfiehlt nicht gerade Degrowth, aber eine Stabilisierung, für die es gute Beispiele gebe, wie das Verbot der Herstellung des Treibhausgases FCKW: "Die ist heute im Grunde bei null. Das wäre ein Beispiel für eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2025 - Wissenschaft

"Es wird jetzt ernst für Israel - und für die Bundesregierung", konstatiert Thomas Gutschker in der FAZ mit Blick auf Drohungen der EU, die Teilnahme Israels am Forschungsprogramm Horizon Europe zu stoppen. Es handelt sich dabei um eines der größten öffentlichen Förderprogramme weltweit, in dem Israel durch das Assoziierungsabkommen teilnimmt. Feierliche Erklärungen gegen Israel-Boykott scheinen also vorerst vergessen. In der EU braucht es "eine qualifizierte Mehrheit, was in der Praxis nur möglich ist, wenn Berlin sich nicht länger schützend vor Tel Aviv stellt", erläutert Gutschker und findet den Vorstoß besonders deshalb "bemerkenswert, weil das Assoziationsabkommen im Regelfall vorsieht, dass beide Seiten einen Assoziationsrat halten, falls eine von ihnen Vertragsverstöße geltend macht. Eine Ausnahme davon ist nur bei 'besonderer Dringlichkeit' möglich. Die Kommission sieht diesen Fall nun wegen der 'sich rapide verschlechternden humanitären Lage im Gazastreifen' gegeben."

"Den Gegnern Israels - und von denen gibt es in den europäischen Institutionen reichlich - geht das Ganze natürlich nicht weit genug", kommentiert Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen. "Sie werden weiter dafür trommeln, dass die EU Israel zu einer Art Aussätzigen unter den Nachbarstaaten erklärt. Und egal, wie lange der Krieg in Gaza noch andauern wird: Die Beziehungen zwischen Israel und Europa werden auf lange Zeit hinaus schwer gestört sein. Ob sie überhaupt reparabel sind, muss sich erst noch zeigen."

Auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ würdigt Uwe Walter sechzig Jahre "Fischer Weltgeschichte", die sich nicht nur durch ihr Taschenbuchformat auszeichnete, sondern auch durch den Verzicht auf einen verantwortlichen starken Herausgeber, junge Autoren und eine große Aufmerksamkeit für die Welt außerhalb Europas. Das Ergebnis war alles in allem phantastisch, wenn es auch nicht von jedem goutiert wurde: "Qualität und formatbedingte Wahrnehmung konnten auch unerwünschte Effekte zeitigen. Bahnbrechende Synthesen wurden in der Fachwelt kaum wahrgenommen und weitergedacht, weil sie 'nur' im billigen und ephemeren Taschenbuch daherkamen, dessen Lektüre durch Studenten eher hinzunehmen denn erwünscht war." Walter empfiehlt wärmstens eine Wiederentdeckung.

Außerdem in der FAZ: Friedrich Weissbach berichtet über eine Konferenz zu Frantz Fanon und die Dekolonialismusdebatte, die er offenbar recht ergiebig fand, wenn auch etwas sehr harmonisch: "Das war streckenweise irritierend, etwa wenn die Ansicht, dass das Handeln der Hamas ein dekolonialer Befreiungskampf sei, unkommentiert blieb." Hans Hütt hörte einen Berliner Vortrag von Philip Manow über liberale Politik und Populismus. Und Thomas Thiel denkt über die Ironie nach, dass autoritäre Parteien, die ihren Aufstieg ihrer Kritik an Neoliberalismus und Globalisierung verdanken, jetzt selbst neoliberal handeln, wie zum Beispiel Donald Trump mit seiner "big beautiful bill". In der Zeit schreibt Robert Gast zu 100 Jahren Quantenphysik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2025 - Wissenschaft

In der FAZ versucht Dietmar Dath zu erklären, warum KI nicht versteht, was "neu" ist, auch wenn die britische Initiative namens Metascience Novelty Indicators Challenge (MetaNIC) fest daran glaubt. Dath lässt sich das auf einer Autofahrt von einer "Expertin für ionische Flüssigkeiten" erläutern: "In Nature hat Benjamin Steyn vom UK Metascience Unit Mitte Juni erklärt, warum er MetaNIC unterstützt: Die dabei benutzten KI-Systeme, sagt er, könnten 'die Bedeutung von Wörtern und Sätzen' in MINT-Fachsprache erfassen, 'nicht nur deren Häufigkeiten'. 'Was er hier unter Bedeutung versteht', sagt die Frau am Steuer, 'ist aber gar nicht so weit weg von dem, was er Häufigkeiten nennt. Zeichenbedeutung wird in der KI als bedingte Wahrscheinlichkeit von Nachbarschaften zu anderen Zeichen in Erklärungen und anderen Trainingsdaten aufgefasst, korrelativ, vermittelt über Gewichtungen, zu Ausgabewahrscheinlichkeiten hochgerechnet. Wer nicht weiß, wie das funktioniert, muss dem Steyn einfach glauben, das ärgert mich.'"

Fast hundert Jahre, nachdem Werner Heisenberg 1925 die Quantenmechanik vorgestellt hatte, trafen sich rund dreihundert Quantenphysiker auf Helgoland, um zu besprechen, wieviel weiter sie damit gekommen sind. Es ist immer noch unmöglich, mit der Quantentheorie eine objektive Realität zu beschreiben, lernt Ulf von Rauchhaupt (FAZ): "Insbesondere in den Fragerunden und Kaffeepausen dominierte nicht selten eine Stimmung gespannter Ratlosigkeit. Gemma De les Coves, eine renommierte mathematische Physikerin von der Universität Barcelona, machte sie sogar zum sogar Hauptmotiv ihres Vortrags: 'Ich verstehe die Quantenmechanik nicht', erklärte die junge Professorin unverblümt, 'dabei arbeite ich seit Jahren darüber. Aber das ist ziemlich verbreitet, denke ich.'" Was die Anwesenden nicht daran hinderte, interessante Interpretationsvorschläge zu machen. 

In der FR erinnert Michael Hesse an das Helgoland-Erlebnis von Werner Heisenberg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2025 - Wissenschaft

In der Welt schreibt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke zum hundertsten Todestag von Gottlob Frege, dem in Wismar geborenen "Begründer der modernen Logik und Wegbereiter der analytischen Philosophie, die die Zusammenhänge zwischen Sprache, Mathematik und logischem Denken durchleuchtet". Frege war brillant, ist aber auch heute kaum bekannt, weil ihm außer Koryphäen wie Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein oder Rudolf Carnap kaum jemand folgen konnte. "Freges Ziel war die Entwicklung einer streng logisch aufgebauten Symbolsprache nach dem Vorbild der Algebra. Sie sollte das 'reine Denken' eins zu eins wiedergeben, ohne die Vagheiten und Täuschungen der 'Wortsprachen'. So nannte Frege die natürlichen Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Latein", erklärt Krischke.
Stichwörter: Frege, Gottlob

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2025 - Wissenschaft

Donald Trump und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy kämpfen an den Unis nicht einfach gegen woke Theorien, sondern auch gegen Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse noch nach in der Aufklärung begründeten Prinzipien gewinnen - also auch Naturwissenschaften. Nun will Kennedy den Forschern vorschreiben, wo sie publizieren. Heike Schmoll zeigt sich im Leitartikel der FAZ alarmiert: Wissenschaft solle "sachfremde Kriterien und Ansprüche" vermeiden: "Universitäten dürfen deshalb keine Arenen des politischen Meinungskampfes sein, weil sie damit ihrer Kernaufgabe, dem Ringen um Erkenntnisfortschritt in Forschung und Lehre, nicht mehr nachkommen können."