"Kultur ist zu einer Leerstelle in unser Gesellschaft geworden",
klagt der E-Musik-Blogger Axel Brüggemann in
Backstageclassical. Und diese "
Leerstelle Kultur soll aus allen politischen Lagern mit Ideologie aufgefüllt werden". Als Protagonisten einer euphorisch-disruptiven
Schleifung des Kulturbegriffs nennt er den
Welt-Redakteur Ulf Poschardt, der einer reaktionären Wende das Wort rede, während er in seinem Porsche die Technomusik auf volle Lautstärke dreht. Ein anderer Ort der Verflachung ist für Brüggemann allerdings das
öffentlich-rechtliche Fernsehen, wo niemand mehr auf die Idee käme über kulturelle Themen zu diskutieren oder kulturelle Referenzen zu nennen: "Egal, ob Jessy Wellmer in den 'Tagesthemen' oder Dunja Hayali im 'heute journal', ob die Podcaster Robin Alexander oder Micky Beisenherz, ob Polit-Clowns wie Hazel Brugger oder Jan Böhmermann - irgendwie hat man den Eindruck, dass man mit keinen von ihnen tiefgreifend über '
Parsifal'
oder '
Zauberflöte', über die Buddenbrooks oder Schopenhauer debattieren kann." Vom neuen Kulturminister
Wolfram Weimer erwartet Brüggemann, dass er "sich darauf besinnt - übrigens in guter alter konservativer Tradition - die Kultur
aus der Politik herauszuhalten und stattdessen die Mittel der Politik nutzt, um der Kultur wieder zu ihrem Recht zu verhelfen".
Dazu passt ein Artikel von Mark Siemons in der
FAS, der eine Diskussionsveranstaltung von
Andreas Rödders "Denkfabrik R21" verfolgte - hier fragten sich Konservative, ob sie auf Tradition oder "
Disruption" setzen sollen. Poschardt war natürlich auch da und sagte: "So viel man kaputt machen kann, sollte man kaputt machen."
Als gerade das Internet zu voller Blüte kam, träumte
Wolfram Weimer noch, wie so viele deutsche Journalisten, von einem
richtigen Printmagazin mit schönen Anzeigen. Einen direkten Kontakt zum Schweizer Verleger Michael Ringier hatte er schon mal. Der Medienjournalist Peter Littger erinnert sich in der
SZ daran, wie sie damals, 2003,
Cicero gründeten, das ein deutsches
Atlantic sein sollte. "Es lag damals ein gewisser journalistisch-publizistischer Aufbruch in der Berliner Sommerluft. Noch herrschte die (wenn auch schon mählich verblassende) Vision von der deutschen Hauptstadt als
kreativer Megacity, vom trostlosen Potsdamer Platz als neuem Soho im Werden, vom ehemaligen Grenzgebiet von Potsdam und Berlin als den neuen Hamptons. Und keine Party, auf der nicht die Sehnsucht nach einem 'deutschen
Vanity Fair' oder einem 'deutschen
Economist' hochkam."