9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2025 - Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Klaus Hillenbrand resümiert in der taz eine Fachtagung der Gedenkstätte "Stille Helden" in Berlin, auf der neue Forschungsergebnisse zum Thema jüdischer Widerstand in der NS-Zeit vorgetragen wurden. Lange wurde das Gerücht verbreitet, die jüdische Bevölkerung hätte sich von den Nazis widerstandslos "zur Schlachtbank" führen lassen - viele Studien widerlegen das mittlerweile, wie Hillenbrand zum Beispiel vom Historiker Stephan Lehnstaedt lernen kann, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Gerade in Osteuropa kam es "zu wahrlich heldenhaften Widerstandsaktionen", die in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben seien. "Etwa in der heute belarussischen Kleinstadt Nowogródek, in der 1943 nach Massenmorden durch die Nazis laut zeithistorischen Angaben nur noch 237 jüdische Menschen lebten. Sie wussten, was ihnen bevorstand. Sie gruben einen 250 Meter langen Tunnel mit nur 70 Zentimeter Durchmesser, der aus dem Ghetto heraus führte. Dann stimmten sie ab: Mit 165 zu 65 Stimmen votierte die Gemeinde für den Ausbruch. Es entkamen etwa 170 Menschen, viele von ihnen schlossen sich jüdischen Partisanen an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2025 - Geschichte

Angesichts der fortschreitenden Versuche der Trump-Regierung, die Geschichte umzuschreiben, fordert uns Hannes Stein in der Welt dazu auf, den schwarzen Intellektuellen Frederick Douglass wiederzuentdecken, ein wichtiger Vordenker der abolitionistischen Bewegung, und vielleicht sein Buch "Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave" (hier frei verfügbar) nochmal zu lesen, das zwanzig Jahre vor dem Ende des Bürgerkriegs erschien: "Das Buch war dermaßen brillant geschrieben, dass viele Weiße glaubten, Douglass habe es nicht selbst verfasst - trotzdem avancierte es sofort zum Bestseller. In Douglass' Buch konnte das interessierte Publikum nachlesen, dass schwarze Männer, Frauen und Kinder in den Südstaaten unter (wie wir heute sagen würden) Gulag-ähnlichen Bedingungen lebten: Jeder durfte sie foltern, vergewaltigen, totschlagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2025 - Geschichte

Vor hundert Jahren platzierten die Weimarer Rechtsparteien in einem geschickten Schachzug den Feldmarschall Hindenburg als Präsidentschaftskandidaten. Sie kamen damit durch, weil die Linke gespalten war, erzählt Heinrich August Winkler in der FAZ: "Aus dem zweiten Wahlgang am 26. April 1925 ging Hindenburg, der Kandidat des 'Reichsblocks', mit einem Stimmenanteil von 48,3 Prozent als Sieger hervor. Wilhelm Marx, der Bewerber des republikanischen 'Volksblocks', kam auf 45,3 Prozent. Ernst Thälmann, der von der KPD trotz der mageren sieben Prozent, die er in der ersten Runde erhalten hatte, erneut ins Rennen geschickt worden war, verbuchte 6,4 Prozent. Hätten die Kommunisten ihre Anhänger im Sinne einer Politik des kleineren Übels aufgerufen, für Marx zu stimmen, wäre vermutlich dieser Reichspräsident geworden. 'Hindenburg von Thälmanns Gnaden', titelte der sozialdemokratische Vorwärts tags darauf zu Recht." So viel zur These, dass Linke nicht zum Aufstieg von Rechten beitragen können.

Der russische Journalist Andrei Kolesnikow zeichnet in der NZZ die Geschichte des russischen Verhältnisses zu den USA nach, das durchaus ambivalent war: "Selbst in der postsowjetischen Ära führten die übermäßige Aufmerksamkeit für das amerikanische Modell sowie die Mantras vom Verschwinden der unipolaren Welt zu einem Gefühl der unausweichlichen Abhängigkeit von 'ihnen'. So hieß es mitunter, die russische Verfassung von 1993 sei in den Vereinigten Staaten geschrieben worden. Während der Jelzin-Ära war Russland dermaßen abhängig von den USA, dass es nach 2000 einer von Putin initiierten Änderung des Grundgesetzes bedurfte, um das Land wirklich souverän zu machen. Gleichzeitig aber blieb man überzeugt davon, dass Amerika ein wirtschaftlich starkes Land sei, von dem man viel lernen könne, mit dem sich eine Zusammenarbeit lohne und das ein Wohlstandsniveau aufweise, das man selber anstreben müsse." Seit Donald Trump erneut im Amt ist "und den Friedensvermittler gibt, erlebt Russland eine Neuentdeckung Amerikas und verlagert die Lösung seiner Probleme erneut auf die USA, wodurch der Mythos von der absoluten Macht der amerikanischen Supermacht wieder auflebt. Die Verkörperung des Bösen und die Quelle des Wohlstands in der Welt engagiert sich in den Augen der Russen einmal mehr für den Weltfrieden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2025 - Geschichte

Gerade in dem Moment, in dem die letzten Überlebenden des Holocaust sterben, käme es darauf an, die Erinnerung wachzuhalten und zu erzählen, was passiert ist. Statt dessen wird die Erinnerung aber durch immer neue Interpretationen, Instrumentalisierungen und Manipulationen zugeschüttet, konstatiert Johannes Boie in der NZZ. Natürlich geht es auch um Omri Boehm und die Rede, die Boehm nicht in Buchenwald halten durfte (unsere Resümees). Boie erwähnt zwar nicht den zutreffenden Vorwurf Boehms an die israelische Regierung, die sich im Namen eines angeblichen Kampfes gegen Antisemitismus mit der Internationale der Rechtspopulisten verbündet (den Boehm hier äußerte). Aber er beschreibt gut, wie Boehm selbst in seiner Rede mit absichtlichen Unschärfen arbeitet. Offensichtlich bleibe, "dass er 'ein Körnchen Wahrheit' in der Behauptung sieht, wonach die auf den Holocaust gemünzte Aussage 'Nie wieder' auch auf Gaza zu münzen sei. Womöglich, dies lässt sich anhand des Textes nicht abschließend klären, hält er ein 'Körnchen Wahrheit' auch im Vergleich der Situation in Gaza mit dem Holocaust für möglich. Obendrein setzt Boehm in diesen Zeilen das einzige Geschehen, dessen Intention vielleicht dem Holocaust verwandte Züge trug - nämlich den barbarischen und nur mit einer vollständigen Auslöschung eigener Ethik erklärbaren Anschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 - mit dem Verteidigungseinsatz der israelischen Armee in Gaza gleich."
Stichwörter: Boehm, Omri, 7. Oktober

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2025 - Geschichte

Droht uns ein neues "Rapallo", fragt Thomas Schmid in der Welt angesichts der Tatsache, dass bei mehr als einem Drittel der Wähler die Russlandliebe neu oder wieder entflammt ist. "Hinter dem Rücken aller westlichen Staaten unterzeichneten im April 1922 in Rapallo, südlich von Genua gelegen, höchste Repräsentanten Deutschlands und des revolutionären Russlands einen Vertrag zur gegenseitigen Anerkennung und Zusammenarbeit", erinnert Schmid. Gerade das rechte Lager verband die "Feindschaft gegen den liberalen Westen" mit Russland so stark, "dass sie über andere Differenzen - Sozialismus gegen Kapitalismus - nonchalant hinwegsehen konnten. So wie heute viele Deutsche über die Differenz zwischen Rechtsstaat und Diktatur hinwegsehen. Und Russland dafür bewundern, dass dort nicht palavert wird, sondern angeblich Ordnung herrscht."

Der heute 92-jährigen Holocaust-Überlebende Naftali Fürst bekommt vom Freistaat Thüringen zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationlagers Buchenwald den Verdienstorden des Landes verliehen. Die Welt druckt die Rede, die Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) gehalten hat und plädiert dafür, Erinnerung nicht als Pflichtübung, sondern als "Prozess fortwährender Selbstprüfung" zu verstehen: "Der Antisemitismus kehrt nicht etwa zurück - er war nie verschwunden. Was verschwindet, ist die Zaghaftigkeit, ihn wieder sagbar zu machen. Und oft geschieht das nicht in den groben Parolen der Straße, sondern in der geschmeidigen Sprache der Relativierung, der bewussten Umdeutung, der rhetorischen Verschiebung. Wer sagt, man müsse 'auch mal die anderen Opfer sehen', will selten würdigen - er will nivellieren. Wer vom 'Schuldkult' spricht, meint nicht Auseinandersetzung, sondern Abwehr. Antisemitismus kommt nicht nur mit Springerstiefeln. Er kommt mit akademischem Duktus, mit moralischem Rigorismus, mit vermeintlicher Israelkritik. Der heutige Antisemitismus ist anschlussfähig - bis in die Mitte der Gesellschaft, selbst unter jenen, die sich für aufgeklärt halten. Er zeigt sich nicht nur in Parolen, sondern in scheinbaren Distanzierungen, in selektiver Empathie."

Weitere Artikel: In der Welt erzählt Gunnar Leue die Geschichte des "Buchenwald-Liedes", einer Hymne auf das KZ, die zwei in Buchenwald inhaftierte jüdische Schlagerstars, der Librettist Fritz Löhner-Beda und der Komponist Hermann Leopoldi, schreiben mussten. In der NZZ warnt Johannes Boie vor einer Banalisierung der Vergangenheit, wenn der Holocaust für Tagespolitik missbraucht werde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Deutschen standen gar nicht so entschlossen hinter der NSDAP, wie es in der gegenwärtigen Forschung bisweilen den Eindruck macht - zu diesen Ergebnissen kommt der Historiker Peter Longerich in seinem neuen Buch "Unwillige Volksgenossen". Nach Auswertung von "offiziellen Stimmungsberichte aus den Jahren 1933 bis 1945" kommt Longerich zu dem Ergebnis, wie er im Zeit-Interview erklärt, dass es große Unzufriedenheit mit dem Regime gab, "wer trotz dieses Befundes glaubt, es habe eine überwältigende Zustimmung gegeben, läuft Gefahr, noch nachträglich der NS-Propaganda auf den Leim zu gehen." Der Historiker Frank Bajohr hält dem entgegen, dass man nicht unbedingt glühender Nazi gewesen sein musste, um das System zu unterstützen: "Es steht außer Frage, dass es ein breites Meinungsspektrum gab. Zustimmung artikuliert sich aber nicht nur in Worten. Man kann ein System auch durch Handeln legitimieren, ohne notwendigerweise mit den ideologischen Grundannahmen übereinzustimmen. Ich habe mich intensiv mit der sogenannten Arisierung jüdischen Eigentums beschäftigt. Ein offen zur Schau getragener Antisemitismus war da so gut wie nie die Motivation. Man musste auch kein Antisemit sein, um sich zu beteiligen: Es ging um materielle Interessen. In einer Diktatur mitzumachen, ist nicht nur eine Frage von äußerem Zwang oder innerer Überzeugung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2025 - Geschichte

In der NZZ vergleicht Thomas Fuster die von Trump verhängten Zölle mit den Ereignissen rund um die Weltwirtschaftskrise 1929. Auch damals führten die USA mit dem "Smoot-Hawley Act" abrupt hohe Zölle ein. Könnte es zu einer vergleichbar schlimmen Situation  kommen? "Viel hängt davon ab, wie das Ausland reagiert und ob es zu einer Eskalation wie in den 1930er Jahren kommt. Ökonomen sprachen damals von einer 'Beggar thy neighbour'-Politik. Gemeint sind Maßnahmen wie Gegenzölle, Importquoten, Devisenkontrollen und Währungsabwertungen, die den Nachbarn zum Bettler machen sollen. Die Erfahrung zeigte jedoch, dass die Eskalation letztlich beide Seiten zu Bettlern machte (...) Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen waren verheerend. Zwar geht die Behauptung, Smoot-Hawley habe die Weltwirtschaftskrise ausgelöst, an der Realität vorbei. So fand der New Yorker Börsencrash, der den Roaring Twenties ein jähes Ende bereitete, schon im Oktober 1929 statt, also mehr als ein halbes Jahr vor der Verabschiedung der Zollerhöhungen. Unbestritten ist aber, dass der Zollkrieg die Wirtschaftskrise verschärfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2025 - Geschichte

Um die Familie Le Pen zu verstehen, muss man auf die Geschichte der 68er-Studentenbewegung zurückschauen, meint Leander Scholz in der Welt. Seiner Meinung nach hat Le Pen die Diskurse der 68er über die Dritte Welt auf die eigene Bevölkerung übertragen: "Stattdessen muss man den Zusammenhang zwischen der Neuen Linken und der Neuen Rechten begreifen. Denn Jean-Marie Le Pen nahm für sich in Anspruch, ebenso für 'sein Volk' zu kämpfen, wie sich die Studentenbewegung für das Selbstbestimmungsrecht unterdrückter Völker vor allem in der damaligen 'Dritten Welt' eingesetzt hatte. Er beschrieb die Lage der einheimischen Franzosen nach dem gleichen Muster, wie die Studenten den Kampf indigener Völker gegen den westlichen Neokolonialismus auffassten, und klagte in der gleichen Manier eine kulturelle Überformung an. Sein Programm speiste sich nicht mehr aus dem alten Gefühl kultureller Überlegenheit, sondern rückte die Angst ins Zentrum, die Franzosen könnten das gleiche Schicksal erleiden wie andere 'bedrohte Völker'. Seit 1968 galt das 'Recht auf Differenz' für verschiedene Lebensstile, für abweichende sexuelle Orientierungen, für kulturelle Unterschiede und nach dem Verständnis von Le Pen ebenso für das französische Volk."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2025 - Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Caroline Fetscher, Autorin einer zweibändigen Monografie zum Thema, erinnert in der taz an Albert Schweitzer, der in diesen Tagen 150 Jahre alt wurde. In der frühen Bundesrepublik wurde ein wahrer, heute tief versunkener Kult um ihn betrieben, den sie so deutet: "Eben noch 'Herrenvolk' mit kolonialen Ambitionen, sahen sich die Deutschen nach der Niederlage zunächst selbst kolonisiert von den Alliierten. 1948 hielten Demonstranten in München ein Protestschild hoch, das klarstellen wollte: 'Wir sind Deutsche und kein Kolonial-Volk!' Zur Kompensation konnte man auf Schweitzers Miniaturkolonie in Afrika blicken, wo zwar Elende in primitiven Baracken auf Holzpritschen lagen, aber alles einem guten Zweck folgte. Hier entstand einer der ersten postkolonialen Shifts: Wie eine Kulisse ließ sich 'Afrika' vor den Holocaust schieben. Das war umso eher möglich, als Schweitzer öffentlich nie ein Wort über den Holocaust verlor. Wer an Lambarene spendete, konnte, wie beim Ablasshandel, an einer Wiedergutmachung mitwirken, die völlig entkoppelt war von jüdischen Opfern." Über den starken Anteil jüdischer Emigranten an Schweitzers Klinik in Lambarane war übrigens laut Fetscher lange Zeit so gut wie nichts bekannt.
Stichwörter: Schweitzer, Albert

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2025 - Geschichte

Prostitution und vor allem Zwangsprostitution unter den Nazis ist ein noch weitgehend unerforschtes Thema. Die Berliner Kunstschau "Missing Female Stories" der auf "Recherchekunst" spezialisierten Künstlerin Birgit Szepanski widmet sich diesem Thema. Die Nazis hatten Prostituion zunächst verboten, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. "Mit Kriegsbeginn 1939 setzte der NS-Staat andere Prioritäten in Sachen Prostitution. Einerseits wurden Prostituierte nun aus Furcht vor einer Beeinträchtigung der Wehrkraft durch Geschlechtskrankheiten komplett erfasst und scharf kontrolliert. Andererseits machten sich die Nazis selbst zu Zuhältern. Da gab es die Bordelle für die Soldaten der Wehrmacht jenseits der deutschen Grenzen. Auch wurde eine entsprechende Einrichtung für die KZ-Schergen von Auschwitz errichtet. In zehn KZs entstanden Bordelle für Gefangene. Diese Lager waren nicht nur Orte des Mordens, sondern auch der Zwangsarbeit. Keineswegs jeder männliche Häftling durfte eine der Prostituierten besuchen. Der NS-Rassismus war Auslöser für die Entwicklung von Bordellen für Zwangsarbeiter. Die Nazis fürchteten, die Verschleppten könnten sich deutschen Frauen nähern."
Stichwörter: Rassismus, Wehrmacht