Droht uns ein neues "
Rapallo",
fragt Thomas Schmid in der
Welt angesichts der Tatsache, dass bei mehr als einem Drittel der Wähler die
Russlandliebe neu oder wieder entflammt ist. "Hinter dem Rücken aller westlichen Staaten unterzeichneten im April 1922 in Rapallo, südlich von Genua gelegen, höchste Repräsentanten Deutschlands und des revolutionären Russlands einen Vertrag zur gegenseitigen Anerkennung und Zusammenarbeit", erinnert Schmid. Gerade das rechte Lager verband die "Feindschaft
gegen den liberalen Westen" mit Russland so stark, "dass sie über andere Differenzen - Sozialismus gegen Kapitalismus - nonchalant hinwegsehen konnten. So wie heute viele Deutsche über die Differenz zwischen Rechtsstaat und Diktatur hinwegsehen. Und Russland dafür bewundern, dass dort nicht palavert wird, sondern
angeblich Ordnung herrscht."
Der heute 92-jährigen Holocaust-Überlebende
Naftali Fürst bekommt vom Freistaat Thüringen zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationlagers Buchenwald den Verdienstorden des Landes verliehen. Die
Welt druckt die Rede, die Thüringens Ministerpräsident
Mario Voigt (CDU) gehalten hat und plädiert dafür, Erinnerung nicht als Pflichtübung, sondern als "Prozess fortwährender Selbstprüfung" zu verstehen: "Der Antisemitismus kehrt nicht etwa zurück - er war nie verschwunden. Was verschwindet, ist die Zaghaftigkeit, ihn wieder sagbar zu machen. Und oft geschieht das nicht in den groben Parolen der Straße, sondern in der
geschmeidigen Sprache der Relativierung, der bewussten Umdeutung, der rhetorischen Verschiebung. Wer sagt, man müsse 'auch mal die anderen Opfer sehen', will selten würdigen - er will nivellieren. Wer vom 'Schuldkult' spricht, meint nicht Auseinandersetzung, sondern Abwehr. Antisemitismus kommt nicht nur mit Springerstiefeln. Er kommt mit akademischem Duktus, mit moralischem Rigorismus, mit vermeintlicher Israelkritik. Der heutige Antisemitismus ist anschlussfähig - bis in die Mitte der Gesellschaft, selbst unter jenen, die sich für aufgeklärt halten. Er zeigt sich nicht nur in Parolen, sondern in scheinbaren Distanzierungen, in selektiver Empathie."
Weitere Artikel: In der
Welt erzählt Gunnar Leue die Geschichte des
"Buchenwald-Liedes", einer Hymne auf das KZ, die zwei in Buchenwald inhaftierte jüdische Schlagerstars, der Librettist
Fritz Löhner-
Beda und der Komponist
Hermann Leopoldi, schreiben mussten. In der
NZZ warnt Johannes Boie vor einer Banalisierung der Vergangenheit, wenn der Holocaust für Tagespolitik missbraucht werde.