Vorgeblättert

Leseprobe Marion Messina: Fehlstart - Teil 1

16.01.2020.
Kapitel 2

Aurélies Studium hatte an einem Donnerstag begonnen. Die Universität von Grenoble lag außerhalb des Zentrums und war ein wunderbar grüner, moderner Studienort – so hatte man es vierzig Jahre zuvor gesehen. Sie hatte sorgfältig ihre Tasche und die Federmappe gepackt und die Stunden gezählt, die sie von ihrem neuen Lebensabschnitt trennten.
     Da sie stets bereit war, sich den kleinsten Veränderungen anzupassen, hatte sie die farbenfrohe, enge Kleidung der Abiturientin gegen weite Blusen und Holzohrringe getauscht. Sie hatte sich kaum geschminkt, nur etwas Eyeliner aufgetragen und sich mehrere Tage nicht gekämmt, um möglichst wie eine
Bohemienne auszusehen.

Die im Gang vor der Tür von Amphi 1 der Pierre-Mendès-France-Universität versammelte Schar vermittelte ein ehrliches, ungeschöntes Bild der »Diversität« à la française, des Konzepts, von dem alle reden, ohne es je erlebt zu haben. Eine knappe Mehrheit der Truppe bestand aus Bürgerkindern, die gut in die Konsumgesellschaft integriert waren, junge Frauen mit Slim Jeans, Ballerinas und geglättetem Haar, Jünglinge mit Schmachtlocke und locker am Handgelenk baumelnder Umhängetasche, den neuesten weißen Smartphones und gewienerten Schuhen, nette Gesichter ohne jede Zukunftsangst, vor Selbstsicherheit blitzende Augen, völlig entspannt, höchstens ein bisschen wachsam in dieser neuen, von der sowjetischen Architektur inspirierten Umgebung. Dann kamen die Kinder der alternden Rechten, die mit achtzehn aussahen wie mit dreizehn oder fünfzig – je nach Licht. In Marineblau und Naturfarben gekleidet, mit furchtsamem Blick und gekrümmtem Rücken schienen sie auf die Messe oder die nächste Mahlzeit zu warten. Sie hätten ihr Jurastudium auch in einem Stall oder einem Kolchos absolviert, solange sie nur sicher waren, dass die Familientraditionen und ihr Rang gewahrt blieben.
     Ein paar neonfarbene Jogginghosen über den speckigen, weichen Hüften der Töchter nordafrikanischer Einwanderer brachten etwas Leben in die spießige Masse. Die Gespräche waren gedämpft, die Teenager-Spontaneität überließ allmählich der Zurückhaltung und der falschen, in Misstrauen schmorenden Schamhaftigkeit des Erwachsenenalters das Feld.

Aurélie gehörte zum Lager der neutralen Elemente, der kleinen Weißen mit gesenktem Blick und verschränkten Armen, die vor Unbehagen schwitzten, obwohl die Umgebung dafür konzipiert worden war, gerade sie zu Tausenden in den berühmten Hörsälen zu empfangen.
     Ohne besonderen Kleidungsstil, die Baumwolloberteile einfarbig oder mit schlechtem Englisch bedruckt, ohne besondere Merkmale, ohne gemeinsame Interessen, standen sie einzeln in den Ecken und starrten auf ihre Telefone. Die Menge strömte in den riesigen Hörsaal, und die sozioprofessionelle Zugehörigkeit ließ sich sogleich wieder an den eingenommenen Plätzen ablesen; die kleinen Neutralen verteilten sich. Der Saal war zwei Jahre zuvor nach den Protesten gegen die Ersteinstellungsverträge renoviert worden. In die Tische waren noch seltsame Runen mit eindeutiger Botschaft gegen rechts, gegen Freihandel, für den öffentlichen Dienst und für eine freie Ardèche graviert.
     All diese Ausbrüche von Hormonen und gutem Willen hatten die Krise nicht verhindert und ebenso wenig, dass aus Gymnasiasten Abiturienten wurden und die Studentenzahlen überall im Land wuchsen.

Ein Mann betrat den Saal und stellte seine abgewetzte Aktentasche auf den Hartfaserschreibtisch auf dem Podium. Er klopfte ans Mikro, aber es wurde nicht still. Er räusperte sich mehrmals und putzte seine Brille an seinem Hemd mit ausgeprägter Rückenfalte. Er trug eine Hose mit Hahnentrittmuster; die raffinierte Anordnung blassbrauner Locken sollte den rosig welken Schädel verbergen.
     Er begann seinen Vortrag trotz des Lärms und setzte ihn auch vor der dröhnenden Geräuschkulisse der Studenten in der letzten Reihe fort, die der unwiderstehlichen Anziehungskraft des Sozialstipendiums erlegen waren.

»So ein Jurastudium macht man nicht mit links. Man braucht Methode und Strenge. Eiserne Disziplin und Willenskraft. Sie werden die Welt verstehen und die oft verkürzten Informationen der großen Medien besser begreifen. Sie brauchen eine Auswahl von Werken, mit deren Hilfe Sie die zentralen Konzepte beherrschen lernen. Sie werden sich mein letztes Buch besorgen müssen, das bei Presses universitaires de Grenoble erschienen ist.«

Aurélie schrieb gewissenhaft mit, konnte sich aber nicht konzentrieren. Die Stimme des Mannes war tief, unterbrochen von lautem Schlucken und unangenehmen Schmatzgeräuschen. Er wiederholte denselben Vortrag seit Jahrzehnten, machte Witze über den General und über Mitterrand, sprach von der Fünften Republik wie von einer jüngst stattgefundenen Revolution; in den ersten Reihen notierten die künftigen Diplomanden für Notariatsrecht jedes Wort und legten den Arm zum Schutz vor möglichen Abschreibern um ihren Block.

Nach den zwei Stunden dieser ersten Vorlesung hatte sich Aurélie wie ein frisch defloriertes Mädchen gefühlt, sie konnte es nicht fassen, dass etwas so lange Erträumtes so fade, unnütz und endlos sein konnte. Die Frustration ließ ihren Unterleib schmerzen. Wie die Hälfte ihres Jahrgangs eilte sie zu
den Kaffeeautomaten. Im Vorbeigehen schnappte sie ein paar Worte auf, konnte sich aber nicht durchringen, auf die anderen zuzugehen.
     Die Studenten unterhielten sich über ihre Abiturprüfungen im Juni, ihre Ferien, die altmodische, mitleiderregende Aufmachung des Professors; niemand schien sich über die Erbärmlichkeit der ersten Vorlesung aufzuregen. Das waren zu viele Leute, zu viele identische Personen, um einen auszuwählen, den sie hätte ansprechen können.
     Den pickligen Jungen mit Turnschuhen links, der so nett aussah? Oder den anderen mit bartlosem Gesicht rechts, der erzählte, er habe sein Abi in Barcelona gefeiert und sich super amüsiert?

An den folgenden Tagen musste sie Wahlpflichtfächer wählen und mehrere Stunden anstehen, um das Formular bei der Verwaltung abzugeben.
     Ein A5-Blatt mit einem umfangreichen Stundenplan präsentierte ihr die fantastische Vielfalt der Fächer, für die sie sich einschreiben konnte: portugiesische Literatur, französische Zeichensprache, Bildanalyse, antike Philosophie, Badminton, Intensivkurs Japanisch, Informatik, Kommunikation und Medien, spanische Landeskunde, Phonologie, Geschichte der zeitgenössischen Kunst, Fotografie, kritische Comic-Analyse.
     Die Anmeldung für die optionalen Unterrichtseinheiten erfolgte in einem Algeco-Container, wo drei Sekretärinnen mit Kordeln an den Brillen die Blätter stempelten und vor Müdigkeit lange Seufzer ausstießen.

Der erste Studienmonat zog sich hin wie ein langer und schmerzhafter Gelenkerguss. Aurélie fuhr früh in Fontaine los und durchquerte ganz Grenoble mit der Straßenbahn, in Hubert-Dubedout stiegt sie auf die Linie B um. Die Fahrzeit war endlos; sie fuhr allein, setzte sich in den Hörsaal und blieb allein. Die anderen bekundeten Sympathien und bildeten Gruppen, sie aber war verschlossen, unfähig zu jeder Form von zwischenmenschlichem Kontakt.
     Sie reiste im Geiste, versuchte, von ihrer beruflichen Zukunft zu träumen, dann kehrte sie plötzlich mit einem Erschauern und einem schrecklichen Gefühl von Einsamkeit in die Gegenwart zurück und drohte zu versinken.      War es der fehlende Enthusiasmus der Lehrkräfte, die diskreten, aber penetranten Ordnungsrufe aus den ersten Reihen in die letzten, wie in einer großen Gymnasialklasse, die ständig geschlossenen Verwaltungsbüros, der kalte, betonierte Gang vor den Hörsälen, die gequälten Formen moderner Kunst auf dem Campus oder die unerträgliche Kluft zwischen ihrer Vorstellung vom intellektuellen Leben und der armseligen Wirklichkeit?
     In der Schulzeit hatte sie sich so oft mit einem Ordner unter dem Arm die Nachmittage und Wochenenden mit eifrigem Studium verbringen und mit Glanz die Kurse absolvieren sehen, die früher der Elite vorbehalten gewesen waren, hatte sich ausgemalt, wie sie mit Leichtigkeit und Demut die soziale Leiter
bis zur Spitze erklomm und der Stolz ihrer Familie wurde.
Doch leider war ihr Leben entsetzlich langweilig.

     Die öden Jahre in einer Schule voll depressiver und entmutigender Lehrer, die ihr schon vor der ersten Prüfung erklärten, wie die Nachhilfekurse für die Wiederholung des Abis ablaufen würden, das ganze libidinöse Teenagerdasein hatte sie tapfer durchgehalten, indem sie an die bevorstehende unvergessliche Unizeit mit vielen Reisen und Begegnungen gedacht hatte. Die nämlich hatte man ihr für die Jahre 18 – 25 versprochen, das goldene Zeitalter des Durchschnittswesteuropäers. Als sie die heiß erwartete Volljährigkeit erreichte, bekam sie das Wahlrecht und eine Geldkarte.
     Aber ihr Leben war immer noch das eines Kindes. Sie kam mit einem Rucksack voll immer schlechterer Mitschriften nach Hause, und ihre Aufgaben für den nächsten Tag ließen sie vor Langeweile ersticken. Immer ging es mehr um die Form als um den Inhalt, die Technik füllte den Raum, der ursprünglich für die Gelehrsamkeit bestimmt gewesen war. Recht wurde in wenigen, ineffizienten Kursen gelehrt, die nur wenig mit seinen griechisch-lateinischen Ursprüngen und seiner gesellschaftlichen Bedeutung zu tun hatten, es ähnelte einer riesigen Bedienungsanleitung, die man verinnerlichen und anwenden sollte.
     In der Sekundarstufe hatte sie den besten Unterricht von Dozenten der katholischen Kirche erhalten, die sie Maupassant und Zola lesen ließen. Ihre politischen Ansichten waren sehr unscharf, die Äußerungen und Personen austauschbar.

Aurélie war immer in die staatlichen Schulen des einfachen Frankreichs gegangen. Sie hatte Lily von Pierre Perret auswendig gelernt, Daniel Pennac, Azouz, der Junge vom Stadtrand und Das Tagebuch der Anne Frank gelesen, auf Arabisch und Wolof gegen den Rassismus gesungen, war gegen den Krebs gelaufen, hatte im letzten Schuljahr Kondome an jüngere Schüler verteilt, von den Gefahren des Analverkehrs, der Fellatio und des Drogenkonsums mit Spritzen gesprochen, um gegen Aids zu kämpfen.
     Sie war Spezialistin für Mülltrennung, kannte die Dauer der Abgeordnetenmandate der Stadt, des Departements und der Region sowie das Mindestalter für eine Kandidatur. An der Uni würde sie dieselben dürftigen Typen finden wie am Gymnasium: Die größten Faulpelze, die sogar das Bildungswesen für hoffnungslos hielt, waren am Ende der 11. Klasse aussortiert worden. Der Staat förderte das Handwerk als größten Arbeitgeber Frankreichs, aber die Gymnasiallehrer benutzten die Berufsausbildung als Müllhalde für schlechte Elemente. Seit einigen Jahren schossen Privatschulen, an denen man unter guten Bedingungen einen Berufsabschluss machen und ebendiesen Elementen entgehen konnte, wie Pilze aus dem Boden.

Ihre Kommilitonen waren weder gut noch schlecht und hatten durchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten, die ihnen Prüfungsnoten zwischen 10 und 11 einbrachten; wer auch nur eine Spur neugieriger als die Mehrheit war, wurde zum Sündenbock und bekam den Spitznamen »Intello« verpasst. Sie hatten das Abitur weder mit großer Anstrengung noch besonders mühelos bestanden. In der Masse der Erstsemester fand sich weder Talent noch Kreativität. Kunst wurde nur gewürdigt, wenn sie Profit generierte. Ein Karaoke-Sänger wurde ausgelacht, bis er eine Talentshow im Fernsehen gewann. Selbst die Callas hätte sich als Straßensängerin im Jobcenter anmelden und mit einem Eingliederungsvertrag fünfzehn Stunden pro Woche einen Chor in einem Problemviertel leiten müssen.

     Sie hießen Jérémie, Yoann, Julie, Audrey, Aurélie, Benjamin, Émilie, Élodie, Thomas, Kévin, Charlotte, Jérémy oder Yohann. Alle hatten den gleichen Kleidungsstil oder die gleichen tolerierten Extravaganzen: Dreads, Piercings, Sirwals, bunte Tücher in den Haaren, Basecaps wie ein in den Neunzigern berühmt gewesener Straßensänger. Sie betrachteten Musik oder Film durch ein groteskes politisch-soziales Prisma und empfahlen ihr höchstens die letzten Neuheiten in französischer Synchronisation. Diese Leute waren nicht abstoßend, aber total uninteressant, bevorzugte Gesprächsthemen waren die letzte Sauftour und das nächste Komasaufen, manchmal auch eine nicht sehr subtile engagierte Allegorie über Hitler und Sarkozy.

     Das Schul- und Hochschulsystem förderte den Aufstieg mäßig kompetenter Personen auf Kosten der Superkompetenten oder der Totalversager. Letztere, weil sie nichts zustandebrachten, Erstere, weil sie eine Gefahr für das System und seine Konventionen darstellten. Der Mittelmäßige sollte über nützliche und praktische Kenntnisse verfügen, die nicht ausreichten, um seine eigene ideologische Basis zu hinterfragen.
     Nach einem Abschluss zwischen FHS und M . A . wurde er Verwaltungsfachangestellter oder Betriebstechniker. Er beherrschte die Kunst des PowerPoint und den Managerjargon und stützte sich kräftig auf die unteren Ebenen der Hierarchie, die die praktische Arbeit erledigten, für die er nicht ausgebildet worden war. Die Nutzlosigkeit des an der Universität vermittelten Wissens war ein Tabu. Man wurde nicht gleich gelyncht, aber meistens missverstanden.

Ihre Banknachbarn wechselten jeden Tag und hätten sie nie wiedererkannt. Offenbar fehlte ihr das nötige Magnetfeld, damit man sie bemerkte oder gar spontan zu einer der großen Jahrgangspartys einlud, die es jeden Donnerstag gab. Auf den Einladungsflyern stand, dass sie zehn Euro kosteten, Freigetränk inklusive, und in der Diskothek Le Phoenix stattfanden. Dazu das Foto einer silikongeformten Blondine mit glattem, hüftlangem Haar. Die nach den Frisurkonventionen des Discount-Erotikfilms drapierte Mähne bedeckte allerdings nur ein Drittel des tiefen Ausschnitts im Krankenschwester- oder Weihnachtsfrauenoutfit, je nach Thema des Abends.
     Das Model trug einen kurzen Rock, unter dem zarte orange Schenkel hervorsahen, und einen kleinen, mit Photoshop eingefügten Brilli im Nabel; die Augen waren übertrieben schwarz geschminkt, der Mund perlmuttglänzend, und der manikürte Finger steckte zwischen strahlenden Zähnen.

Leseprobe Teil 2