Vom Nachttisch geräumt

Ein anderes Licht,
ein anderer Schatten

Von Arno Widmann
14.05.2019. Das Orchester der Schritte hören: Cees Nootebooms Streifzüge durch Venedig.
Am 31. Juli wird Cees Nooteboom 86 Jahre alt werden. Sein neuestes Buch - mit Texten aus 30 Jahren - ist eines seiner schönsten. Ein Buch über Venedig. Kein Reiseführer, sondern ein Verführer. Die Schönheit der Texte von Nooteboom liegt auch darin, dass er sich solche billigen Scherze verkneift. Aber wie bei allem wirklich Guten, spielt auch bei Nooteboom die Fehlervermeidung keine Rolle. Seine Sätze sind schön, nicht weil sie makellos sind, weil kein Lehrer an ihnen etwas aussetzen könnte, sondern weil sie beides verbinden: Sie sind gebaut und sie fließen. Sie sind verhalten und sie quellen über vor Information. Sie schildern, was Nootebooms Augen sehen, so, dass der Leser es auch zu sehen glaubt und zu riechen und zu hören.

Venedig. Foto: Simone Sassen

Wenn Nooteboom denkt, bilden wir uns ein, mit ihm zu denken und können der Versuchung, uns für klug zu halten, kaum widerstehen. Das ist eine der Ursachen für Nootebooms Erfolg bei den Lesern und den Neid, auf den er bei Kritikern und Kollegen stößt. Die finden, dass er das zu gut kann. Während wir, seine ihn bewundernden Leser, gar nicht genug davon haben können, mit ihm das Orchester der Schritte zu hören aus einer Zeit, die das Auto noch nicht kannte.

Der Leser ist auch dabei, als Nooteboom längst nicht mehr in Venedig ist, als er traurig bewegt die Berichte über eine große Ausstellung im Museo Correr mit Werken des von ihm so geliebten Francesco Guardi (1712-1793) liest. "Im Grau der Zeitung vor mir schaue ich zum Ufer der Giudecca, wo ich erst vor kurzem noch spazieren ging, ich sehe die kleine Insel, auf der ich gewohnt habe, gefangen zwischen Licht und Schatten, ein fernes Dämmergebiet, in dem ich einer der Schemen sein könnte, die seine Gemälde bevölkern."

Nooteboom vervielfältigt sich. Er ist in dem Bild, das er anschaut. Er ist sogar in der Fotografie des Bildes. Und wir mit ihm. Er scheint eben nicht "gefangen zwischen Licht und Schatten". Er scheint aus sich hinauszutreten ins Freie. Bei dem sich bald herausstellt, dass er auch hier wieder zwischen Licht und Schatten gefangen ist. Aber: ein anderes Licht, ein anderer Schatten. Das lernen wir bei Cees Nooteboom.

Cees Nooteboom: Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser, mit farbigen Fotografien von Simone Sassen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 240 Seiten, 24 Euro