Vom Nachttisch geräumt

Von Marcusejungen ausgebuht

Von Arno Widmann
14.05.2019. "Die ganze letzte Nacht Kampflärm im Quartier Latin" - eine Auswahl von Samuel Becketts Briefen aus den Jahren 1966-1989 erzählt nur wenig vom Mai '68.
Brief von Samuel Beckett an Harold Pinter, 21. April 1969
Schreiben konnte er nicht und was er dennoch schrieb, taugte nichts, außerdem: Es fiel ihm nichts mehr ein und auf keinen Fall wollte er den Nobelpreis. So schrieb er. Was aber tat er? Er schrieb, er drehte Filme, er bekam den Nobelpreis. Die Rede ist von Samuel Beckett. Die deutsche Ausgabe seiner Briefe liegt jetzt mit dem mehr als 1000 Seiten umfassenden vierten Band abgeschlossen vor. Es ist eine winzige Auswahl. Allein der letzte Band, der die Jahre 1966-1989 dokumentiert, müsste, würden alle überlieferten Briefe abgedruckt, 9000 Seiten haben. Es ist also davon auszugehen, dass demnächst ergänzende Bände erscheinen werden, in denen dann auch etwas über Becketts Privatleben zu erfahren sein wird. Diese Briefausgabe gibt es nur, weil die Herausgeber sich streng an Becketts Anweisung hielten, nur Briefe zu veröffentlichen, die mit seinem Werk zu tun haben.

Immerhin weisen Sie darauf hin, dass das Bild, das Beckett von seinen Berlinaufenthalten zeichne, wenig mit den Tatsachen zu tun habe. Er schreibt zum Beispiel, er sei allein durch Berlin spaziert, habe allein gegessen, sei allein auf seinem Zimmer gewesen. Sein Biograf James Knowlson lieferte das ganz andere Bild eines auch in Berlin höchst geselligen Beckett.

Aber natürlich liest der Beckett-Enthusiast sehr gerne, wie der Autor als Regisseur seine Schauspieler bewegt. Hamm und Clov, Knecht und Herr, die Protagonisten aus dem "Endspiel", stehen besser nicht im Zentrum der Bühne. Vielleicht lässt man als Regisseur, denkt sich Beckett, jedenfalls schreibt er das, seine Schauspieler besser mal allein. Dann fällt ihnen leichter etwas ein. Wenn sie sich zu viel einfallen lassen, kann man sie immer noch stutzen.

Der Herausgeber Dan Gunn schreibt in seiner Einführung: "Eine auffallende Lücke in den Briefen jener Zeit bildet der Pariser Mai 1968 mit seinen Demonstrationen und Tumulten, von denen sich viele direkt vor seiner Haustür abspielten - in der Gegend der Place Denfert-Rochereau." Die ausführlichste Bemerkung dazu findet sich in einem Brief Becketts vom 11. Juni 1968 an seinen Onkel Jim Beckett: "Hier steht es sehr schlimm und es ist keineswegs vorbei. Die ganze letzte Nacht Kampflärm im Quartier Latin, Studenten & Polizei gehen wieder hart zur Sache. Molotow-Cocktails & Tränengasbomben explodierten bis 6 Uhr morgens."

Aus Cascais, dem vor Lissabon gelegenen Badeort schreibt Beckett im Februar 1969 an Theodor W. Adorno: "Ich bin, soviel ich weiß, und das ist nicht viel, noch nicht von den Marcusejungen ausgebuht worden. Wie Sie mir einmal im Iles Marquises (einem Pariser Restaurant) sagten, ist das alles ein Missverständnis. War jemals so viel Rechthaben mit so viel Torheit verbunden?" Ein Blick in das englische Original dieses Briefes könnte einen aufklären, ob Beckett von Rechthaberei schrieb oder davon, dass die Studenten zwar Recht hätten, aber von diesem Rechthaben nur einen höchst törichten Gebrauch machten. Dass mit dem Rechthaben allein noch wenig gewonnen ist, dass es vielmehr darauf ankommt, es klug umzusetzen, ist eine Einsicht, die einen meist erst ereilt, wenn es zu spät ist.

Samuel Beckett: Was bleibt, wenn die Schreie enden? - Briefe 1966-1989, hrsg. von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn, Lois More Overbeck Aus dem Englischen von Chris Hirte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 1008 Seiten mit 15 s/w Abbildungen, 66 Euro