Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

447 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 45

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - Guardian

Sonia Faleiro fragt, warum der im Westen für seine Friedfertigkeit gefeierte Buddhismus sich in einigen ostastiatischen Ländern mehr und mehr zu einem politischen Machtfaktor entwickelt, der Anschluss sucht an nationalistische Bewegungen: "In Sri Lanka sind die safranfarbenen Roben buddhistischer Mönche für die muslimische Minderheit des Landes zu einem furchteinflößenden Symbol geworden, da Gruppen wie die Bodu Bala Sena ihre Anhänger unter dem Banner des 'Schutzes' des Buddhismus mobilisieren. In Myanmar tragen Figuren wie Ashin Wirathu, der Hass gegen die Rohingya schürte, ähnliche Roben. Die Mönche, die diese gewaltsamen Bewegungen anführen, scheinen nicht von der Suche nach Nirwana im Jenseits getrieben zu sein, sondern von einem Streben nach Dominanz in diesem Leben. Ihre Handlungen werden zum Teil von historischen Kräften wie dem Kolonialismus geprägt, der rassische Hierarchien einführte und bestimmte Religionen über andere stellte. Wirtschaftliche Ungleichheit verschärfte diese Spannungen, was die Bevölkerung dazu brachte, Trost in der Religion zu suchen - und den Mönchen dadurch unverhältnismäßig großen sozialen und politischen Einfluss verlieh. So entstand ein Muster, das auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist: gewaltsame nationalistische Bewegungen gewinnen auf Kosten von Minderheiten an Schwung, während die Machthabenden ein Gefühl der Opferrolle instrumentalisieren, um ihre Kontrolle zu festigen. Die Mönche machen zudem eine weniger bekannte Dimension des Buddhismus sichtbar: seine patriarchale Struktur. In Süd- und Südostasien, besonders in der Theravada-Tradition, genießen männliche Mönche Privilegien, die Frauen systematisch verwehrt werden. Figuren wie Wirathu, die von ihren Anhängern verehrt und durch ihre Roben legitimiert werden, machen diese Hierarchien sichtbar: wer erhoben wird, wer gehört wird, wer zum Schweigen gebracht wird. Ihr Aufstieg zeigt, wie Nationalismus sich mit männlich geprägten Ideologien verbindet und männliche Dominanz weiter festigt."
Stichwörter: Buddhismus

Magazinrundschau vom 25.11.2025 - Guardian

Die London Review hat kürzlich über die Scamcamps in Südostasien berichtet (unser Resümee): Da ging es vor allem um die Ausbeutung der Scammer. Snigdha Poonam schaut sich jetzt in Jamtara um, einem Ort, der in Indien zu einem Synonym für Cybercrime geworden ist. Er erzählt die Geschichte eines legendären Scammers nach und erläutert, inwiefern der Siegeszug der Handys und der diversen Betrugsmaschen, die die Mobiltelefone ermöglichen, das Leben im ländlichen Indien nachhaltig verändert hat - hier eher zugunsten der Scammer. Geändert hat sich nicht zuletzt das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Kasten. Tatsächlich gehören viele Scammer den niederen Kasten an. Das sorgt immer wieder für Ärger "Die Polizei hatte Betrüger dank lokaler Informanten aufgespürt. Doch wer waren diese Informanten? Die Beschuldigten verweisen oft auf Angehörige höherer Kasten aus ihren Dörfern, die ihre Missbilligung über den ausgestellten Wohlstand von Familien niedrigerer Kasten zum Ausdruck gebracht hatten. Nicht alle von ihnen konnten Informationen weitergeben, aber es bestand kein Zweifel daran, dass sich in ihren Reihen eine Menge Groll aufgebaut hatte. Als ich durch die Dörfer reiste, war die Spannung unübersehbar." In einem Dorf trifft Poonam auf den Großgrundbesitzer Bunty Singh, der zu denjenigen gehört, denen die neue Situation nicht behagt. "Einst war seine Familie die einflussreichste in der Gegend gewesen; nun haben die Singhs Konkurrenz durch Familien aus niederen Kasten bekommen, die ihren Status durch Cyberbetrug verbessern konnten. Früher arbeiteten deren Männer auf Singhs Feldern, und ihre Frauen rollten Tabak im Hof seines Bungalows. Er verkaufte die Ernte auf einem Großmarkt und den handgerollten Tabak an eine Fabrik. An manchen Tagen bezahlte er die Arbeiter; an anderen schickte er sie mit Getreide für ihre Küchen und Stroh für ihre Dächer nach Hause. Jetzt seien einige dieser Familien Millionäre geworden, sagte er in einem Ton unerträglichen Bedauerns. 'Ihre täglichen Transaktionen würden dich schockieren. Heute siehst du große Geldscheine entweder im Portemonnaie eines Politikers oder eines Cyber-chor (Cyber-Diebs).' Dass Politiker durch Korruption märchenhaft reich wurden, verstand sich von selbst; weit schwerer zu akzeptieren war die Vorstellung, dass marginalisierte Menschen mit ähnlichen Mitteln ähnliche Erfolge erzielten."
Stichwörter: Cybercrime, Indien, Kastenwesen

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - Guardian

Melvyn Ingleby berichtet aus Tadamon, einer Vorstadt von Damaskus, in der das Assad-Regime in den 2010ern Massaker an Zivilisten verübt hatte, denen wohl hunderte, wenn nicht tausende von Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Sturz Assads blieb es in dem Ort zunächst weitgehend friedlich - und das, obwohl Mitglieder der paramilitärischen National Defense Force (NDF), die für Assad die Drecksarbeit erledigten, teils immer noch in der Nachbarschaft leben. Inzwischen jedoch wachsen die Spannungen: "Nicht alle in Tadamon sind geduldig. Viele Bewohner finden die offensichtliche Straffreiheit von Assads ehemaligen Schergen nur schwer zu ertragen. Vor allem richtet sich ihre Wut gegen einen Mann: Fadi Saqr." Dieser Fadi "Der Falke" Saqr war, da sind sich viele in Tadamon sicher, maßgeblich beteiligt an den Massakern. Aber: "Anstatt sich wegen seiner Rolle als NDF-Kommandeur vor Gericht verantworten zu müssen, arbeitet 'der Falke' nun mit der neuen Regierung zusammen. Im vergangenen Februar besuchte Saqr das Viertel unter Sicherheitsbegleitung, angeblich um der Regierung dabei zu helfen, mit anderen ehemaligen Regimeanhängern über die Abgabe von Waffen zu verhandeln. Am folgenden Tag gingen Hunderte von Menschen in Tadamon auf die Straße, um gegen Saqrs Auftauchen zu protestieren, und hängten eine Puppe von ihm an einen improvisierten Galgen." Überhaupt "hat sich die Sicherheitslage in Tadamon seit Saqrs Auftauchen verschlechtert, wie der lokale Sicherheitsbeauftragte Abdelrahman meint. Einige Wochen nach der Pressekonferenz wurde ein Mann, dem vorgeworfen wurde, als Saqrs Leibwächter gearbeitet zu haben, auf offener Straße erschossen, mehrere Rachemorde an mutmaßlichen ehemaligen NDF-Mitgliedern folgten. 'Wir haben es eilig und setzen die Regierung unter Druck, die Verbrecher zu bestrafen', so Abdelrahman weiter. Je länger die Straflosigkeit andauere, desto schwieriger werde es für ihn, die Einwohner davon abzuhalten, Rache zu nehmen. 'Ist wirklich zu erwarten, dass jemand, der den Mörder seines Bruders oder den Vergewaltiger seiner Schwester direkt vor sich sieht, nicht handelt? Er mag einmal, zweimal, mehrfach geduldig sein. Aber am Ende wird er handeln.'"
Stichwörter: Syrien, Tadamon, NDF

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - Guardian

Wie wirken sich die Kürzungen der Trump-Regierung im Bereich Entwicklungshilfe vor Ort aus? Um diese Frage zu beantworten, besucht Mara Kardas-Nelson eines der betroffenen Länder, nämlich Sierra Leone. Dort wird das Gebaren Trumps, erfahren wir, keineswegs als eine Ausnahmesituation erfahren; sondern eher als business as usual. "Im Gespräch mit Freunden und Kollegen war das Gefühl, dem ich am öftesten begegnete, nicht Panik, sondern Resignation. Alle Sierra-Leoner, mit denen ich sprach - von Mangoverkäufern und Elektrikern bis hin zu Menschen im Gesundheitswesen und hochrangigen Politikern - äußerten Angst und Unsicherheit über die Kürzungen. Doch sie beschrieben diese Situation als etwas Normales, ja sogar Erwartbares. Die möglichen Katastrophen - ein Mangel an HIV-Medikamenten oder Impfstoffen - wurden mit einem gleichgültigen 'Was soll man schon erwarten?'-Schulterzucken abgetan. Ein Fahrer einer NGO, mit dem ich sprach und der für eine amerikanische Organisation arbeitete, hatte seinen Job verloren, als die Kürzungen im Januar 2025 erstmals bekannt gegeben worden waren, und ihn im April wiederbekommen, als einige Mittel wieder zu fließen begannen. Diese Art von Stop-and-Go-Hilfe überraschte ihn nicht. Er war 2014 zum ersten Mal Fahrer für eine NGO geworden, als in Westafrika der bisher größte Ebola-Ausbruch der Welt wütete. Hunderte Millionen Dollar wurden damals von ausländischen Geldgebern zugesagt, um das Virus zu stoppen, ausländische NGOs stellten massenhaft Personal ein. In den Jahren danach hatte er erlebt, wie viele seiner Kollegen entlassen wurden, als die Gelder versiegten und NGOs ihre Arbeit einschränkten oder ganz einstellten. Warum sollte er diesmal etwas anderes erwarten? Mustapha Kabba, stellvertretender Chefmediziner im Gesundheitsministerium von Sierra Leone, sagte mir, er könne sich über die Kürzungen gar nicht allzu viele Sorgen machen, weil er gar nicht genau wisse, wie viel Geld die US-Regierung Sierra Leone tatsächlich zukommen lasse: Die Finanzierung sei so undurchsichtig, fließe durch so viele verschiedene NGOs, jede mit eigenem Budget, Zeitplan und Prioritäten, dass er kein klares Gesamtbild habe, was betroffen sei - und somit auch nicht, welche Lücken er füllen müsse."

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Guardian

Dass Social-Media-Plattformen von Idealisten geleitet werden, die die Menschheit in eine bessere, demokratischere Zukunft führen wollen, kann man heute selbst kleinen Kindern nicht mehr weismachen. Wie eng Twitter beispielsweise schon seit geraumer Zeit mit autokratischen Regimes, konkret dem saudi-arabischen Königshaus, verbunden ist, erläutert Jacob Silverman: "Bis zur zweiten Amtszeit Obamas war Twitter in Saudi-Arabien zu einem Ort geworden, an dem die Herrscher des Königreichs Propaganda verbreiteten, abweichende Meinungen überwachten und Zielpersonen für das persönliche Enforcer-Team Prinz Mohammeds identifizierten. Viele Saudis wussten, dass sie besser nicht unter ihrem echten Namen auf Twitter posten sollten. Doch die saudische Regierung war sogar in der Lage, pseudonyme Konten zu enttarnen und deren Besitzer ausfindig zu machen - die anschließend verhaftet wurden. Lange Zeit fragten sich oppositionelle Saudis, wie genau das möglich war und ob es Gegenmaßnahmen geben könnte. Sie gingen davon aus, dass die saudische Regierung Zugang zu den besten westlichen Sicherheitsfirmen und hochentwickelter Spionagesoftware hatte. Was sie damals noch nicht wussten: Prinz Mohammed und seine Helfer verfügten über etwas noch Besseres - ein Spionagenetzwerk innerhalb von Twitter selbst. Im Juni 2014 besuchte ein saudischer Beamter namens Bader Al Asaker die Twitter-Zentrale in San Francisco. Al Asaker war Generalsekretär der Wohltätigkeitsorganisation des Prinzen, der Misk Foundation, und leitete zugleich das Privatbüro des Kronprinzen. Einer derjenigen, die diese Besichtigung arrangierten, war der Twitter-Mitarbeiter Ahmad Abouammo. Laut US-Staatsanwälten wurde Abouammo von Al Asaker gezielt angeworben, um für ihn zu spionieren. In den darauffolgenden Monaten erhielt Abouammo mehr als 100.000 Dollar in bar und Geschenke, während er Informationen sammelte, darunter E-Mail-Adressen, Telefonnummern und private Nachrichten von saudischen Dissidenten, Journalisten und anderen relevanten Nutzern." Und das war nur der Anfang. Seit Elon Musks Übernahme von Twitter haben sich die Dinge keineswegs zum Besseren gewendet, meint Silverman.

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o beschreibt, wie der Kolonialismus Sprache in ein Machtmittel verwandelte. Nicht erst in Indien und Afrika, sondern bereits viel früher in Irland wurde etwa die englische Sprache dazu verwendet, schwächere Populationen zu unterdrücken. Was aber folgt daraus? Sicherlich nicht, stellt Thiong'o klar, dass es eine schlechte Sache ist, fremde Sprachen zu lernen. Aber: "Selbst wenn eine Sprache zur gemeinsamen Verständigungssprache zwischen vielen Sprachen wird, sollte dies nicht aufgrund einer vermeintlich angeborenen Nationalität oder Globalität dieser Sprache geschehen, sondern aus Notwendigkeit und praktischem Bedarf. Und selbst dann sollte sie nicht auf dem Friedhof anderer Sprachen wachsen. Eine ausgewogene und inklusive Bildung braucht ein neues Motto: Netzwerk, nicht Hierarchie. Wir müssen verstehen, dass alle Sprachen, große und kleine, eine gemeinsame Sprache haben - sie heißt Übersetzung. Bildung darf niemals zu sprachlicher und kultureller Selbstisolation führen. Ich möchte mich mit der Welt verbinden - aber das bedeutet nicht, dass ich meine eigene Ausgangsbasis verleugnen muss. Ich möchte mich von meinem Standpunkt aus mit der Welt verbinden. Ich glaube, dass das Ziel von Bildung Wissen ist, das uns unsere wahren Verbindungen zur Welt zeigt - aber ausgehend von unserer eigenen Basis. Von dieser Basis aus erkunden wir die Welt; und aus der Welt bringen wir das zurück, was unsere Basis bereichert. Das scheint mir die wahre Herausforderung bei der Organisation und Vermittlung von Wissen in einem inklusiven und ausgewogenen Bildungssystem der heutigen Welt zu sein."

Magazinrundschau vom 07.10.2025 - Guardian

Samanth Subramanian berichtet über eine Inselguppe im Pazifik, die 2022 den Zugang zum Internet verlor - weil der Ausbruch eines Unterwasservulkans ein Kabel auf dem Meeresgrund zerstörte. Der Vorfall zeigt einerseits die Verletzlichkeit von IT-Infrastruktur - erst 18 Monate nach dem Ausbruch konnte der Internetzugang der Inseln wieder vollumfänglich hergestellt werden; und andererseits die immense Bedeutung, die das Internet in unserer Gegenwart gewonnen hat. Selbst die simpelsten Nachrichten gelangten plötzlich kaum noch an ihre Empfänger: "Vava'u war eine ganze Insel voller Menschen, die der Welt mitteilen wollten, dass es ihnen gut ging. Wenn nicht Roy Neyman gewesen wäre, ein Segler, der seine Jacht dort vorübergehend festgemacht hatte, hätten sie vielleicht viele Tage gebraucht, um diese Nachricht hinauszuschicken. Auf seiner Jacht hatte Neyman ein Garmin-Gerät, mit dem man teure Textnachrichten über Satellit verschicken konnte, und er nutzte es, um Regierungsstellen in Australien und Neuseeland zu kontaktieren. Eine Zeit lang richtete er in einem örtlichen Café ein Kommunikationszentrum ein, wo die Bewohner von Vava'u ihre Nachrichten diktieren konnten - als wäre er der offizielle Briefschreiber in einem mittelalterlichen Dorf - und so ihre Verwandten im Ausland erreichten. Innerhalb von zwei Wochen verschickte er 1.600 Nachrichten." Auch Zahlungen konnten nicht mehr auf dem üblichen Weg getätigt werden: "Nach ein paar Wochen nahm die Regierung tägliche Flüge zwischen Tongatapu und Vava'u auf und man fand eine merkwürdige und umständliche Lösung. Jeden Morgen lud die Hauptfiliale einer Bank auf Tongatapu eine Tabelle mit den Kontodaten der Bewohner von Vava'u auf einen USB-Stick; dieser wurde dann nach Vava'u geflogen, wo die örtliche Bankfiliale mithilfe der Tabelle Abhebungen und Einzahlungen verbuchen konnte. Am selben Abend kehrte der USB-Stick nach Tongatapu zurück, damit die Änderungen in die Hauptdatenbank der Bank eingepflegt werden konnten."
Stichwörter: Internet, Vava'u

Magazinrundschau vom 23.09.2025 - Guardian

Chang Che porträtiert Song-Chun Zhu, einen AI-Forscher, der lange in Harvard und an der UCLA gearbeitet hatte, seit 2020 aber ein staatliches AI-Forschungsinstitut in China leitet. Zhu, lernen wir, vertritt die Auffassung, dass sich der gegenwärtige Mainstream seiner Forschungsrichtung auf dem Holzweg befindet, da er zu einseitig auf große Datenmengen setzt. Sein eigenes Beijing Institute for General Artificial Intelligence (BigAI) setzt hingegen auf ein Modell, das Kognition alltagsnah nachbilden möchte: "Beim letztjährigen Tech-Forum hatte BigAI ein virtuelles humanoides Kind namens TongTong vorgestellt, von dem sie hofften, dass es Fähigkeiten besitzen würde, die den meisten KI-Systemen fehlen. Forscher sind sich weitgehend einig, dass gesunder Menschenverstand, also Intuitionen darüber, wie die physische und soziale Welt funktioniert, zu den schwierigsten Dingen gehören, die neuronale Netzwerke erfassen können. Wie der AI-Pionier LeCun kürzlich sagte: 'Wir haben LLMs, die die Anwaltsprüfung bestehen können, also müssen sie ja intelligent sein. Aber dann können sie nicht in 20 Stunden Autofahren lernen wie ein 17-Jähriger, sie können den Esstisch nicht abräumen oder die Spülmaschine einräumen, wie es ein 10-Jähriger in einem Versuch kann. Warum ist das so? Was fehlt uns?' TongTong war noch nicht fähig, als Jurist zu arbeiten, schien aber dazu in der Lage zu sein, eine Spülmaschine zu beladen. Das Programm wurde entwickelt, um die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten eines drei- bis vierjährigen Kindes zu imitieren. In diesem Jahr stellte das BigAI-Team TongTong 2.0 vor, von dem sie behaupten, dass es die Fähigkeiten eines fünf- oder sechsjährigen Kindes besitzt. Auf einem großen Bildschirm erschien TongTong 2.0 in Form eines animierten Mädchens, das in einem virtuellen Wohnzimmer spielte. An der Frontseite des Konferenzraums führte ein BigAI-Ingenieur eine Live-Demonstration von TongTongs Fähigkeiten vor. Als der Ingenieur TongTong bat, mit ihrer Freundin LeLe, einem weiteren KI-Geschöpf, zusammenzuarbeiten, um ein Spielzeug zu finden, schien TongTong Bereiche zu meiden, die ihre Freundin bereits durchsucht hatte. Später, als TongTong gebeten wurde, eine Fernbedienung von einem Regal zu holen, das außerhalb ihrer Reichweite war, benutzte sie ein Kissen, um die eigene Reichweite zu erhöhen. Bei ähnlichen Aufgaben mit ChatGPT haben Forscher herausgefunden, dass das Programm ein schlechter Problemlöser ist, wenn es um Fragen des gesunden Menschenverstands ist. Zhu glaubt, dass diese Schwäche keine ist, die tief lernende Systeme wie ChatGPT überwinden können."

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - Guardian

Eine ziemlich deprimierende Lektüre: Phil Hoad schreibt über die Filmindustrie der Gegenwart im Zeichen von Streaming (und demnächst AI). Wie groß der Einfluss der Algorithmen auf die Filmproduktion tatsächlich ist, ist schwer zu sagen. In jedem Fall werden die Streamingdienste mehr denn je von gleichförmigem, aggressiv mittelmäßigem Content überflutet. Die Hoffnungen, die einst hier und da in die neuen Vertriebswege gesetzt wurden, haben sich gründlich zerschlagen: "Es gab einmal die Vorstellung, dass Streaming-Dienste - mit der Hilfe unbegrenzten Speicherplatzes und entsprechend ausufernden Katalogen - neue Zielgruppen für weniger bekannte Filme finden würden. Doch in einer Analyse der Netflix-Nutzungsdaten zwischen 2016 und 2019 fand der unabhängige Forscher Stephen Follows heraus, dass das Unternehmen noch stärker auf eine Handvoll großer Titel angewiesen ist als das Kino mit seinen Ticketverkäufen: Die obersten sieben Prozent der Netflix-Titel in den USA machten 50 Prozent der Aufrufe aus (im Vergleich zu 41 Prozent der Kinoumsätze für die obersten sieben Prozent der Kinofilme). Das Problem ist nicht so sehr, dass Filme von Algorithmen gemacht werden, sondern vielmehr, dass der Algorithmus durch die kontinuierliche Bestätigung der dominanten Filmästhetik selbst eine verflachende, verrohende Wirkung auf unseren allgemeinen Geschmack hat. (…) 'Streaming-Unternehmen haben nicht nur keinen Anreiz, inhaltliche Vielfalt im Filmgeschäft zu fördern', sagte Ted Hope, 'sondern sie haben auch das vorher bestehende Geschäftsmodell zerstört, das Vielfalt überhaupt erst möglich machte.' Wenn Netflix oder ein anderer Streaming-Dienst einen Film kauft, verlangt er für gewöhnlich, dass er zum alleinigen weltweiten Distributor wird; dieses Modell begünstigt von Natur aus massenmarkttaugliche Produkte, die sich in vielen Gegenden durchsetzen werden. Es hat die alte Taktik, Verwertungsrechte stückweise in einzelnen Territorien vorzuverkaufen - die oft die einzige Möglichkeit war, unabhängige Filme zu finanzieren - obsolet gemacht."

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - Guardian

Sind "Babyklappen", also Einrichtungen, die es Müttern - oder wem auch immer - ermöglichen, Säuglinge anonym bei medizinischen Institutionen abzugeben, wo sie dann zumeist Adoptivfamilien zugeführt werden, sinnvolle Einrichtungen? Laura Spinney untersucht diese Frage aus verschiedenen Perspektiven. Wissenschaftliche Untersuchungen jedenfalls lassen Zweifel aufkommen. Es gibt "Hinweise darauf, dass Babyklappen genau das fördern, was sie eigentlich verhindern sollen. Als die dänische Regierung darüber beriet, ob sie eingeführt werden sollten, beauftragte sie Laura Navne und Marie Jakobsen vom Dänischen Nationalen Zentrum für Sozialforschung in Kopenhagen mit einer Untersuchung der Auswirkungen von Babyklappen in zehn wohlhabenden Ländern. Das überraschende Ergebnis, veröffentlicht 2021, lautete: 'Babyklappen erhöhen die Häufigkeit von Kindesaussetzungen.' Die Regierung entschied sich daraufhin gegen ihre Einführung. Das dänische Ergebnis deckt sich mit jüngsten historischen Forschungen in Italien, die zeigen, dass die Aussetzungsraten sanken, nachdem die Findelräder, Vorläufer der Babyklappen, im 19. Jahrhundert abgeschafft wurden. Diese wurden einerseits von armen Familien mit mehr Kindern, als sie ernähren konnten, genutzt, andererseits stellten sie eine geheime, gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit dar, unehelich geborene Babys loszuwerden. Damit verfestigten sie das Stigma unverheirateter Mütter, während Väter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Heutige Babyklappen existieren in einem anderen kulturellen Kontext, erfüllen aber laut den Autorinnen der Studie ebenfalls diese doppelte Funktion - den Schutz von Säuglingen und gleichzeitig die Aufrechterhaltung eines Systems, das die Ursachen von Kindesaussetzungen nicht an der Wurzel bekämpft."
Stichwörter: Babyklappen

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Guardian

Barbara Speed erzählt die Geschichte der Jesus Army, einer insbesondere in den 1990er Jahren prominenten britischen Sekte, die in der Öffentlichkeit lange verharmlost, aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten gar glorifiziert wurde. Speed porträtiert insbesondere Philippa Barnes, eine junge Frau, die seit ihrer frühen Kindheit Teil der Sekte war und lange brauchte, um sich von der Gruppierung zu lösen - selbst nachdem ihr Vater und sie im Zuge eines Missbrauchsskandals in Konflikt mit der Sektenführung geraten waren. Warum fiel ihr und vielen anderen der Austritt so schwer? "In der öffentlichen Vorstellung sind Kulte hermetisch geschlossene Gemeinschaften, die ihre Mitglieder physisch von der Außenwelt abschotten. Die Jesus Army behauptete jedoch, anders zu funktionieren: Mitglieder durften zur Schule gehen, arbeiten und außerhalb der Gemeinschaftshäuser wohnen. Doch ähnlich wie ein missbräuchlicher Partner Kontrolle über alle Lebensbereiche eines Opfers ausübt, hatte der Sektengründer Stanton ein System mentaler und emotionaler Kontrolle aufgebaut, das auf einer gängigen Sektentaktik beruhte: die schrittweise Trennung der Mitglieder von der restlichen Gesellschaft, von Familienangehörigen und sogar voneinander. Die durchbrochenen Bindungen wurden durch einen einzigen Bezugspunkt ersetzt: die Sektengemeinschaft. Da es keinen anderen Ort mehr gab, an den sie sich wenden konnten, verstärkten alle Gefühle von Angst und Stress, die durch das Leben in der Organisation ausgelöst wurden, letztlich nur die Bindung an sie. Das hilft zu erklären, warum Philippa und ihre Eltern nach dem Prozess und der Verurteilung durch die Leitung dennoch in der Gemeinschaft blieben. 'Eigentlich hätten wir damals gehen müssen', sagte sie. 'Aber es kam uns gar nicht in den Sinn. Wir hatten ein lebenslanges Versprechen abgegeben.' Ihre Wohnungen, Arbeitsplätze, Freundschaften und ihr Besitz waren vollständig mit der Gruppe verflochten. Wer die Gemeinschaft verließ, wurde geächtet - die übrigen Mitglieder durften nicht mehr mit ihnen sprechen oder ihnen schreiben, und bei den Gottesdiensten wurden Lieder über ihren Verrat gesungen."
Stichwörter: Sekte, Jesus Army, 1990er