Literarischer Rettungsschirm für Europa

Wovon ich rede, wenn ich von Europa rede

(Meine Mutter und Europa). Von György Dragomán
25.09.2012. Von Europa sprechen, heißt von Freiheit sprechen. Für den ungarischen Autor György Dragomán ist diese Freiheit nach den Erfahrungen der Diktatur der einzige Sinn von Europa.
Meine Mutter steht vor den Trümmern der Mauer am Potsdamer Platz, Hand in Hand mit meinem vierjährigen Sohn, und sie heult und heult, so sehr, wie ich sie noch nie heulen gesehen habe, um uns Touristen, wie wir auch, aber nur meine Mutter weint, ihr Gesicht ist voller Tränen. Sie weint aus Freude, aus Wut und aus Trauer, sie weint, weil sie es nicht für möglich gehalten hätte, das einmal zu erleben, diesen Moment, hier zu stehen, ohne dass es die Mauer gibt, sie weint vor Wut, dass ein so beschissenes Stück Beton es geschafft hat, ihr Leben und ihre Jugend zu zerstören, sie weint wegen der Vergangenheit und der verlorenen, unwiederbringlichen Freiheit, wegen der Hausdurchsuchungen, der verweigerten Reisepässe, der beschlagnahmten Bücher, der Verhöre, sie beweint den Verlust meines Vaters, sie weint ihretwegen, meinetwegen. Sie heult, berührt mit der Hand ein Stück Mauer, als könnte sie es nicht glauben und müsste sie anfassen, um es glauben zu können, dann lässt sie sie los, dann berührt sie sie wieder.

Wie soll man das erzählen können, dieses Weinen, damit man es versteht und es nicht bloß Jammer ist, klagender Kummer, sondern schmerzendes Glück, wie damals im September 2006, als meine Mutter das erste Mal mit ihren eigenen Augen die Spuren der Mauer sah. Meine Mutter blickt mich an und sagt nichts, das muss sie auch nicht, denn ich verstehe alles, glaube ich zumindest, ich verstehe, was ich verstehen kann, und so stehen wir da, frei seit fast zwanzig Jahren, freie europäische Bürger, doch schon ein Stück Beton genügt, um uns an all die Bitterkeit der Gefangenschaft und natürlich an die alles hinwegfegende Freude der Freiheit zu erinnern.

Meine Mutter weint vor Schmerz und wegen der schlimmen Erinnerungen, und weil es vorbei ist und wir davongekommen sind. Ich umarme sie. Wir sind davongekommen und doch sind wir es nicht, irgendwie leben wir immer noch mit der Mauer zusammen, es wird immer so bleiben, wir werden sie nie vergessen, der Anblick ihrer zerfallenden Reste voller Graffiti wäre gar nicht nötig, wir würden uns auch so erinnern, jeden Augenblick.

Man muss weinen, denn es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass wir hier stehen, mitnichten notwendig, dass alles so geschehen ist, wie es geschehen ist, wir müssen weinen, weil wir am Leben sind. Weil wir frei sein dürfen - ein unbegreifliches und unerzählbares Gefühl.

Für mich bedeutet Europa dies, die plötzliche und immer wieder von Neuem auf mich einstürzende, unermesslich schwere Freiheit, ich durchlebe sie tagtäglich von Neuem, in kleinen wie in großen Dingen, ich durchlebe sie, wenn ich eine zweifarbige Zahnpaste auf meine Zahnbürste drücke, wenn ich, ohne nachzudenken und unumwunden, aussprechen kann, was mir gerade in den Sinn kommt, oder wenn ich mich an einen Tisch im Café setzen und einen Kaffee bestellen kann und man mir ihn mit einer Madeleine und einem Glas Wasser tatsächlich auch bringt, lauter Absurditäten, über die ich selbst lachen muss, ich bin immer noch imstande, beim Anblick der exotischen Früchte auf dem Tresen eines Supermarkts lange und gerührt dazustehen, so sammle ich die Augenblicke der Freiheit auf wie Gefangene die halb aufgerauchten Zigarettenkippen, keine einzige lasse ich auf dem Boden liegen. Ich stehe in der Mitte der Bibliothek und atme den Duft der Bücher und ich weiß, dass sich in den Regalen alles befindet, was sich dort nur befinden kann, und ich darf entscheiden, was ich lesen will, keiner schreibt es mir vor, es gibt keine Behörde, die mir vorkauen würde, was ich zu denken und zu sagen habe, keiner zwingt mich, die Wirklichkeit in die einzige ihm genehme Ideologie zu übersetzen.

Die Erinnerung an die Diktatur ist wie eine merkwürdige seelische Alzheimer-Krankheit, ich weiß, dass ich frei bin, doch es ist, als würde ich es immer wieder vergessen, und der Schmerz des Ganzen stürzt immer wieder auf mich nieder.

Für mich bedeutet Europa Freiheit, bedeutet die Tränen meiner Mutter, es bedeutet, dass sie frei weinen kann, dass sie aus Freude weinen kann, dass sie nur ihren eigenen Gefühlen ausgeliefert ist und nicht der Geschichte, höchstens der Erinnerung an sie. Europa bedeutet Glück, ein kitschig rührendes, für andere vielleicht gar nicht merkliches, langweiliges Glück, das sogar die Auslage einer verwitterten Zeitungsbude am Stadtrand funkelnd im Grau um sie herum erstrahlen lässt, weil sie die gesamte Weltpresse ohne Einschränkung und unzensiert zur Verfügung hat, es bedeutet, dass ich zu der frisch erworbenen Zeitung morgens um vier eine Zitrone kaufen kann und den Gemüsehändler, dessen Laden Tag und Nacht geöffnet ist, plötzlich bitten kann, mir zu der Zitrone auch eine Feige zu geben, die er mir dann auch gibt, Europa bedeutet, dass ich die beiden Früchte in meiner Manteltasche spüre und den noch dunklen Park durchquere und es nicht abwarten kann, nicht abwarten kann und nicht abwarten will, bis ich zu Hause bin, und sofort in beide hineinbeiße, weil ich hier und jetzt den aromatischen sauren Geschmack der Zitrone durch ihre bittere Schale hindurch schmecken will und dazu die hervorbrechende Süße der weichen Feigenkerne.

Das ist unerzählbar. Und doch kann ich von nichts anderem erzählen, wenn ich von Europa reden will, muss ich immer hier anfangen, wer das versteht, erfasst den Sinn. Wir müssen, wenn wir von der Rettung Europas sprechen wollen, irgendwo hier anfangen, Europa ist für mich niemals ein geografischer oder ökonomischer Begriff, für mich wird es stets den Abbau der inneren und äußeren Grenzen bedeuten, es bedeutet, dass der schon beinahe metaphysische Beweis der Möglichkeit der Freiheit trotz allem erbracht werden konnte.

Denn mit den Erfahrungen der Diktaturen im Rücken ist es offensichtlich, dass dies der einzige Sinn von Europa sein kann, die immer wieder von Neuem durchlebte Freiheit, dafür ist das Ganze da, dafür, dass jeder europäische Bürger sie erlebe. Man darf niemals vergessen, dass das keineswegs selbstverständlich ist, die Möglichkeit der Freiheit und des Glücks ist nicht selbstverständlich, das Ziel muss sein, da sie trotz allem entstanden ist, sie irgendwie auch aufrechtzuerhalten.

Rede ich von Europa, rede ich von der Freiheit. Im Gedenken an meine Mutter.

Übersetzt aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer


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György Dragománs Text erschien in der Reihe "Europe now: Ein literarischer Rettungsschirm für Europa", die das Internationale Literaturfestival Berlin organisiert hatte. Wir bringen in Kooperation mit dem Festival 19 Texte von 19 Autoren, jeden Tag einen.