Link des Tages

Lettre Ulysses Award 2004

30.09.2004. Die Welt ist gespannt: Am Samstag wird zum zweiten Mal der Lettre Ulysses Award für literarische Reportage verliehen. Wir suchen Links zu den Themen und den nominierten Autoren.

Der Lettre Ulysses Award möchte Reporter auszeichnen, deren Mut, Neugier und Sprachvermögen zu Berichten führt, die den Komplexitäten und Widersprüchen der Welt gerecht wird. Wie riskant dieser Job mitunter ist, zeigt das Beispiel der letztjährigen Gewinnerin: Die russische Journalistin Anna Politkowskaja, ausgezeichnet für ihre Berichterstattung aus Tschetschenien, wurde auf ihrem Weg nach Beslan mit Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert (mehr hier).

Insgesamt sind 100.000 Euro sowie Stipendien und Sachpreise ausgelobt. Am Samstag bei der Verkündung der Gewinner werden die elf Mitglieder der internationalen Jury, die die Entscheidungen getroffen haben, und alle sieben Finalisten anwesend sein; Auszüge aus den nominierten Texten werden von den Verfassern gelesen. Der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb hält eine Rede zur Arabischen Welt heute und der Doyen der Reportageliteratur Ryszard Kapuscinski übergibt dem Gewinner die Lettre-Ulysses-Trophäe.

Keiner der sieben für die Endrunde nominiertenTexte ist bislang auf deutsch veröffentlicht worden, Auszüge erscheinen aber in der aktuellen Ausgabe von "Lettre International". Dabei umfassen die Texte ein breites Themenspektrum und spielen auf vier Kontinenten.

Daniel Bergner schildert in "Soldiers of Light" das Grauen des Bürgerkriegs in Sierra Leone und widmet sich dabei insbesondere den Kindersoldaten und dem Versuch, nach dem Zerfall eines Staates, ein neues demokratisches Gemeinwesen zu installieren. Die Los Angeles Times wählte "Soldiers of Light" zum "Best Book in 2003". Ein Afghanistan-Text des Journalisten findet sich hier.

Howard W. French schreibt ebenfalls über Afrika. In seinem Buch "A Continent for the Taking. The Tragedy and Hope of Afrika" (mehr hier) entwirft er ein Panorama des Kontinents nach Kolonialisierung, Unabhängigkeit und Kaltem Krieg. Er analysiert ebenso die Wirtschaftinteressen des Westens wie die Korruption der afrikanischen Eliten.

Das chinesische Autorenpaar Chen Guidi und Wu Chuntao legen einen, bisher nur auf chinesisch veröffentlichten Text vor: "Untersuchung der Lage der chinesischen Bauern". Das Buch über die Lebenswirklichkeit der fast 900 Millionen chinesischen Bauern war ein Sensationserfolg in China; mittlerweile ist es nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich und die Autoren stehen wegen Verleumdung vor Gericht.

Der Franzose Jean Hatzfeld hat sich in Ruanda in ein Gefängnis begeben und protokolliert in "Une saison de machettes" seine Gespräche mit Massenmördern des Genozids 1994. Das Buch, das 2003 bereits mit dem "Prix Femina" ausgezeichnet wurde, erscheint demnächst auf deutsch.

Der Gewinner des "Pulitzer-Prize" Tracy Kidder ist in "Mountains Beyond Mountains. The Quest of Dr. Paul Farmer, a Man Who Would Cure the World" (mehr hier) den Spuren eines amerikanischen Arztes und Ethnologen durch Haiti, Lateinamerika und andere Armutsregionen gefolgt. Farmer kämpft dort gegen die katastrophale Gesundheitssituationen, gründet Krankenhäuser und hofft, diese Regionen so dem weltweiten Vergessen zu entreißen.

Ein heftig diskutiertes Buch hat Ground Zero zum Schauplatz: William Langewiesche war der einzige Journalist, der Zugang zu den Ruinen der Twin Towers hatte. In "Amerian Ground. Unbuilding the World Trade Center" beschreibt er sowohl die psychologischen und sozialen als auch die technischen Dimensionen der Aufräumarbieten. Dabei gelingt es ihm, die Mythenbildung um das Ereignis in Frage zu stellen.

Geografisch Europa am nähesten ist die Reportage des Portugiesen Paulo Moura von Publica. Vor den Toren der Festung Europa portraitiert er Flüchtlinge, die versuchen, bei Gibraltar in den reichen Norden zu gelangen. Mitunter warten sie unter unfassbaren Umständen in den Wäldern bei Tanger jahrelang auf ihre Chance, in kaum seetüchtigen Booten und zu horrenden Tarifen nach Spanien zu gelangen.

Keine leichte Wahl für die Jury aus zehn verschiedenen Sprachkreisen. Alle Texte hätten die Auszeichnung verdient, bringen sie dem Leser doch Orte und Ereignisse näher, die jenseits von Meldung und Nachricht liegen.

Felix Wiesjahn