Essay

Lauf Genosse - Eine Antwort auf Götz Aly

Unser Kampf führte auch aus dem Totalitarismus heraus Von Wolfgang Eßbach
11.04.2009. Götz Alys Buch "Unser Kampf" hat die Scharfsicht von Renegaten-Literatur - und teilt mit ihr den zu engen Fokus auf das Autobiografische. Den antitotalitären Keim in 68 übersieht Aly völlig.
Dieser Artikel ist eine Antwort auf Götz Alys Essay "Gegen den Muff von vierzig Jahren". Auch Wolfgang Kraushaar hat bereits auf Alys Artikel reagiert. D.Red.

I.

Was ist mir bei der Lektüre aufgefallen? Zunächst wird in dem Buch eine zielgenaue Sozialsatire der altgewordenen Kämpfer von damals gegeben, die man gut und gerne neben Jess Jochimsens "Eberhard und Renate" (Leseprobe) stellen kann. Das hat einen hohen Unterhaltungswert und man spürt, dieser Spott und Hohn in den Charakterisierungen trifft das Wesentliche. Ich habe auch herzlich mitlachen können. So zielgenau trifft in der Regel ja nicht der Hermeneutiker, sondern der Insider, der Verräter wird. Als ich das Buch durchgelesen habe, habe ich mich gefragt, was das für ein Genre ist. Ich würde den Text in die Reihe der Renegaten-Literatur stellen, wobei ich mit "Renegat" keine negativen Assoziationen verbinde. Ich denke an so großartige Texte wie Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis", Wolfgang Leonhard "Die Revolution frisst ihre Kinder" und vor allem an Manes Sperber "All das Vergangene" und "Zur Tyrannis" oder an Edgar Morins "Autocritique", und andere mehr.

Renegaten-Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass der Autor aus einer autobiografischen Perspektive schreibt, sich in einem konkreten Erfahrungsraum bestens auskennt, weil er dabei war, und dann eine Wahrheit ausspricht, die Ideologien, oder Weltanschauungen, an die er selbst geglaubt hat, entlarvt und zerstört, um den Weg für neue Einsichten frei zu machen. Dabei gibt es unendliche Variationen zwischen schlichtem Überläufertum, fundamentalem Skeptizismus oder Entwürfen für ein anderes Denken.

Die autobiografische Perspektive ist bei Götz Aly transparent gemacht. Der Leser wird aufrichtig darüber informiert, was Götz Aly früher alles gedacht und angestellt hat. Es geht um Westberlin 1969ff., um den Hochschulkampf der "Roten Zellen" West-Berlin, um die "Rote Hilfe", einen mit der Kommunistischen Partei Deutschlands Aufbauorganisation (abgekürzt KPDAO) verbundenen Verein. (Zur genaueren Kennzeichnung dieser Gruppe hatte man damals von der KPDOA, der Kommunistischen Partei ohne Arbeiter gesprochen). Wer in diesem Spektrum der zerfallenen 68er Bewegung weiter forscht, wird zweifellos eine hochgradige Affinität zu totalitären Gruppen feststellen können. Die Ablösungsprozesse in den sogenannten K-Gruppen, die zum Teil erst Mitte der achtziger Jahre erfolgten, verliefen oft äußerst schmerzhaft. Ich bin heilfroh, dass ich in den siebziger Jahren nicht in diese Gruppen, sondern in die Göttinger Redaktion der Zeitschrift Politicon gegangen bin. Um nicht mit der FDP verwechselt zu werden, nannten wir uns nicht "liberal", sondern "libertär", auch nicht "sozialliberal", sondern "libertär sozialistisch".

Auch in Politicon standen etliche wahnhafte und saudumme Beiträge. Aber auch einige Artikel zur Kritik des Neoleninismus, zur Kritik der RAF, zur Verteidigung von Solschenizyn und zur Diskussion von Foucault und der französischen Antitotalitaristen, der Neuen Philosophen, das ist auch heute noch lesbar. Was mich um 1970 in Göttingen davor bewahrt hat, in den Untergrund zugehen, war der mäßigende Einfluss, den meine Lehrer und politischen Mentoren auf mich hatten: der Soziologe Hans Paul Bahrdt und der Northeimer Bürgermeister Erich Gerlach, ein Spanienkämpfer, Freund von Karl Korsch, in der SPD untergetaucht, sowie der quasi trotzkistische Entrist Peter von Oertzen.

Mit der autobiografischen Perspektive, die dem Buch von Götz Aly zu Grunde liegt, sind nun eine ganze Reihe anderer Erfahrungsräume ausgeblendet. West-Berlin ist der Nabel der Welt. Lokale, regionale Differenzen werden nicht in den Blick genommen. 68 erscheint bei Aly als wilder Einheitsbrei, als ob alle so gewesen wären, wie er. Die sachhaltigen Unterschiede der heterogenenStrömungen werden unterbelichtet. Man erfährt auch zu wenig über den Hass und die Verfeindung innerhalb der APO. Die 68er in der SPD oder der FDP, in den Gewerkschaften oder in den Kirchen, werden allenfalls am Rande erwähnt. Insgesamt reproduziert das Buch das Erzübel vieler Diskussionen über diese Zeit, nämlich die Fiktion von 1968 als eines kohärenten, kompakten Phänomens.

Das hat es nicht gegeben. Die 68er waren ein in sich zerrissener Haufen. Überdimensioniert ist in dem Buch - autobiografisch durchaus nachvollziehbar - was ein Angehöriger der West-Berliner Roten Hilfe der siebziger Jahre heute zu bereuen hat. Überhaupt wird 1968 als nationales Phänomen in den Blick genommen, was ich schon vom Ansatz her für grundfalsch halte.


II.

Zu der ersten autobiografischen Schicht kommt bei Götz Aly nun eine zweite, wichtige Schicht hinzu, die das Buch zu etwas Anderem macht. Nämlich sein Studium der Nachlässe von Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, die Bücher von Jürgen Domes über Mao Zedong und die Kulturrevolution von 1967 und Einschlägiges aus dem Bundesarchiv. Das ergibt nun nicht nur einen ganz anderen Blick auf das Geschehen, es ist auch wirklich weiterführend. Denn die Perspektive der Remigranten auf 68 ist noch weniger rezipiert, als die Perspektive der jungen, liberalen, diskussions- und konfliktfreudigen Dozenten, die Ende der fünfziger Jahre angefangen hatten, Ideen für Reformen in Westdeutschland zu entwickeln und durchzusetzen. Ich nenne sie die 58er und nenne nur exemplarisch die Namen Dahrendorf, Hennis, Conradi, Killy, Bahrdt, Popitz, Patzig, Lübbe, Habermas und andere mehr. (Nebenbei bemerkt: Wäre Götz Aly Mitte der sechziger Jahre in Freiburg gewesen, so hätte er mit Ernst Fraenkel über Doppelstaat und Demokratie hier diskutieren können, denn ich hatte ihn im Wintersemester 65/66 zum SDS nach Freiburg eingeladen). Der Zusammenklang der beiden Schichten, einmal die Renegaten-Perspektive und das andere Mal die Aufarbeitung der Nachlässe und die dort entdeckten Deutungen von 68, das macht sowohl den Reiz, als auch die Problematik des Buches von Götz Aly aus.

Texte, die so sehr zwischen Confessio und Geschichtsdeutung oszillieren, fordern zu prinzipiellen Erwägungen über Recht und Unrecht und über die Gewalt in der Geschichte heraus. Ohne Philosophie gibt es da kein weiterkommen. Ich weiß, bei Historikern ist Philosophie eine Art Schimpfwort, bestenfalls etwas vom anderen Stern. Die philosophischen Selbstdeutungen der 68er, die sich intellektuell artikuliert haben, orientierten sich überwiegend an der Linie Hegel-Marx. Wer von Revolution sprach, hatte das im Sinn. Aufgerufen mit diesem Wort, war die bürgerliche, politische Revolution von 1789, das Scheitern einer deutschen Revolution 1848, das Scheitern des Aufstands in Paris 1871, die siegreiche Oktoberrevolution 1917, das Scheitern des Aufstands von Kronstadt 1921, das Scheitern der deutschen Revolution 1918-1923, die endgültige Niederlage der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung 1933 und die Niederlage der Demokratie im Spanischen Bürgerkrieg. All das war Gewaltgeschehen, das in der Hegel-Marxschen Linie im Lichte einer Philosophie der Revolution progressistisch gedeutet werden konnte. Dies formte auch das, was mit Peter Weiß als "Ästhetik des Widerstands" genannt werden kann.

All das ist heute eine versunkene Welt. Auf dem Höhepunkt der Mairevolte 68 sagte de Gaulle: "Ich bin nicht Louis Phillipe". Auch in höheren Semestern an Eliteuniversitäten, fängt da erstmal das große Googeln an, wer das überhaupt war. Heute ist progressistische Geschichtsphilosophie out. Wenn nicht Hegel, dann - so hat man ja auch nach 1848 gedacht - dann gilt es eben skeptisch zu werden und zurück zu Kant zu gehen, dem Hausphilosophen von Helmut Schmidt. Ich habe auch erst in den achtziger Jahren Kant richtig gelesen. Und dabei habe ich etwas gefunden, was mir bis heute einleuchtet: Seine Reflektion der Französischen Revolution, die fast ein Jahrzehnt nach 1789 gelesen werden konnte. Die Reflektion betrifft das Prinzip Revolution im Unterschied zu Regierungswechseln, Staatstreichen, Eroberungen und anderem mehr. Kant schreibt:

"Die Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unseren Tagen vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greueltaten dermaßen angefüllt sein, dass ein wohldenkender Mensch sie, wenn er sie, zum zweiten Mal unternehmend, glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiment auf solche Kosten zu machen nie beschließen würde - diese Revolution, sage ich, findet doch in den Gemütern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Teilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt ? ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte ? aber, wenn der bei dieser Begebenheit beabsichtigte Zweck auch jetzt nicht erreicht würde, wenn die Revolution ? fehlschlüge ?, jene Begebenheit ist zu groß, zu sehr mit dem Interesse der Menschheit verwebt, und, ihrem Einflusse nach auf die Welt, in allen ihren Teilen zu ausgebreitet, als dass sie nicht ? bei irgendeiner Veranlassung günstiger Umstände ? zur Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollte ?"

Ich verzichte auf eine ausführliche Interpretation und sage nur, 1968 war im philosophischen Sinne ein kleiner bescheidener Versuch dieser Art. Das ist eine Dimension, die ich in Götz Alys Buch vermisse. Die philosophische Haltung in diesem Buch ist wenig skeptisch-kritisch, dafür eher depressiv-pessimistisch. Ich teile da weit mehr Andre Glucksmanns Formulierungen: "68 war ein kurzes Hellwerden über das 20. Jahrhundert", ein Sonnenstrahl, ein kurzes Aufatmen nach all den Vernichtungen: "Plötzlich schien es, als sei diese Utopie des Friedens in Europa realisierbar". Aber eben nur ein kurzer Sonnenstrahl. "Der gewöhnliche Kapitalismus wurde nicht erschüttert." Die moralischen Verluste waren groß und es ist ein Verdienst von Götz Aly, diese Verluste aufgezeigt zu haben.


III.

Damit komme ich zum letzten Punkt der These von Aly, die deutschen 68er knüpften an den Aktionismus ihrer 33er Väter an. Das hat große Aufregung verursacht. Der Film läuft ja schon seit Jahren in Deutschland: Immer wenn etwas mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen verglichen wird, hört das öffentliche Nachdenken auf und Empörungswellen gehen durch das Land. Es ist ja auch gut, dass die antisemitische Staatsreligion der Nazis Zug um Zug durch die nationale Zivilreligion des Holocaustgedenkens ersetzt wurde. Nun muss man wissen, 1968 wurden nicht nur den Demonstranten zugerufen: "Euch hat Hitler vergessen zu vergasen", es gab auch andere Bemerkungen. Als ich im Februar 68 zum ersten Mal als frisch gewählter AstA-Vorsitzender, Mitglied des SDS, mit dem Hochschulreferenten Walter Theuerkauf vom SHB zur Sprechstunde des Göttinger Rektors Walter Killy ging, begrüßte uns Killy mit den Worten: "Aha, Sie kommen zu zweit". Killys Frau stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie. Er wusste was das heißt, wenn man zu zweit kommt.

Ich erinnere mich auch an Sitzungen des Akademischen Senats der Georgia Augusta, an denen damals - Spitze des Fortschritts - ein Privatdozent und der AStA-Vorsitzende als Zuhörer zu einigen Tagesordnungspunkten teilnehmen durften. In diesen Sitzungen wurden Vergleiche zwischen den nationalsozialistischen Studenten der zwanziger Jahre und uns, der Vergleich zwischen SA-Methoden und Teach-Ins, Go-Ins, Sit-Ins öfters gezogen. Als in einer dieser Sitzungen die Dekane sich einig wurden, dass die Studenten aufhören müssten auf die Straße zu gehen, weil sonst ein neues 33 drohe, ergriff der damalige Dekan der Philosophischen Fakultät, der Pädagoge Heinrich Roth das Wort und hielt eine Eloge auf den aufrechten Gang, den Protest, und er geißelte den deutschen Untertanengeist, die Anpassungswilligkeit der Deutschen an jede Herrschaft. Ein Dekan rief dann: "Aber doch nicht der Mob in den Gassen!" Und die Antwort von Heinrich Roth hat sich mir tief eingeprägt. Er erwiderte: "Alle Demokratie kommt seit 1789 von der Straße".

Der Vergleich 33er/68er führt in das dornige Feld der Totalitarismustheorien. Die bisherigen Theorien gehen in der Regel von den beiden realisierten Vollgestalten totalitärer Herrschaft: Bolschewismus und Nationalsozialismus aus. Der "Archipel Gulag" und "Auschwitz", als Geschichtszeichen, sind die beiden Pole der Unmenschlichkeit. Man kann das dann noch weitergehend im Sinne der Unvergleichbarkeit sakralisieren. Davon ausgehend werden dann Linien gezeichnet, die in die Totalitarismen führen. Das ist für den Nationalsozialismus in Variationen ausbuchstabiert entweder ganz weiträumig "von Luther zu Hitler" oder "von Preußen zu Hitler" oder etwas kürzer "von der Romantik zu Hitler", von "Bismarck und Wilhelm II. zu Hitler", von der "Jugendbewegung zu Hitler", vom "Nationalismus des deutschen Bürgertums zu Hitler" - das ist das Thema "die Zerstörung der Vernunft" in Gebirgen von Literatur breit ausgewalzt.

Wer dem so folgt, beginnt nach Antitotalitärem zu suchen. Aufklärung ist da immer untadelig: "Wen diese Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht ein Mensch zu sein", singt Sarastro in der Zauberflöte. Aber je näher man ins 20. Jahrhundert kommt, entpuppt sich so mancher Antitotalitarismus als ein Totalitarismus anderer Art: Trotzki und Bucharin einerseits oder auf der anderen Seite die Nationalsozialisten, die bessere nationalsozialistische Ideen als Hitler hatten, also zum Beispiel Leute wie Werner Best, für die Hitler ab 1939 die völkischen Grundsätze verraten hatte.

Wer genauer hinsieht, wird vermutlich im 20. Jahrhundert auf einen Pluralismus von Totalitarismen stoßen. Man denke nur an das Wuchern der Antis und Anti-Antis. Antikommunismus, Antikapitalismus, Antifaschismus, Antiliberalismus. Das Paradox eines Pluralismus von Totalitarismen löst sich, wenn man auf den Kern des Totalitarismus geht, wie ich ihn sehe, nämlich den Bellizismus. Für mich ist der Totalitarismus alles andere als ein System. Er ist ein innere und äußere Grenzen verletzender Krieg in Permanenz.

Götz Aly stellt sehr stark auf den Begriff der Bewegung ab. Das ist für mich nicht so einleuchtend. Der Gedanke: die Bewegung ist alles, das Ziel nichts, stammt ja von Eduard Bernstein, der doch wohl unverdächtig für die 33er/68er Konstellation ist, die Aly im Sinn hat. Aktionismus ist mir auch zu wenig.

Treffender ist für mich der Bellizismus, als Kern der Totalitarismen. Anfang und Ende dieses Bellizismus, das wäre auch einmal ein Thema: Man könnte mit den großen Antipoden um 1900 beginnen, mit der absoluten Gewaltverneinung Tolstois und der absoluten Gewaltbejahung von Sorel. Dazwischen waren viele Formeln möglich. Der nach der Oktoberrevolution nach England geflohene russische Revolutionär Isaak Steinberg hat eine Formel geprägt, mit der er versucht hat in den Bellizismus ethische Grenzen zu ziehen: "Kampf immer, Gewalt in Grenzen, Terror nie." Und dazu gehört auch die Juristenfrage: Wie kann der Abgrund zwischen Legalität und Legitimität überbrückt werden?

Wenn es um das Ende des Bellizismus im 20. Jahrhundert geht, so stellt sich die Frage: Inwiefern war 1968 noch totalitär, inwiefern schon posttotalitär? Ich würde sagen, sie war noch totalitär in ihren moskautreuen Gruppen, in ihren Neoleninistischen und Maoistischen Gruppen, in der RAF und der "Bewegung 2. Juni". Sie war posttotalitär, wo sie sich in theoretischer und praktischer Hinsicht an der Revolte im Westen orientierte.

Am Fruchtbarsten in theoretischer Hinsicht wurde auf lange Sicht die Orientierung an der französischen Diskussion. Hans Peter Gente hat zuerst in der Zeitschrift Die Alternative und dann im Merve-Verlag unverdrossen am Ideentransfer aus Frankreich gearbeitet. Dazu gäbe es noch viel zu forschen. 1987 erschien in Frankreich eine interessante Polemik von Luc Ferry, dem späteren Kultusminister und Alain Renaut. Der Titel lautete "La pensee 68. Essai sur l'anti-humanisme contemporain", in Deutschland irreführend vermarktet unter dem Titel "Antihumanistisches Denken", ohne Verweis auf 68. Wen geißeln die Autoren als zentrale Theoretiker von 68? Sie geißeln Michel Foucault, Jacques Derrida, Jacques Lacan und Pierre Bourdieu, also die strukturalistische und poststrukturalistische Linie, den Dekonstruktivismus und das postmoderne Denken. Wer die Autoren kennt, weiß, dass dies Fixsterne gewesen sind, die vielen aus dem Dunkel des Totalitarismus herausgeholfen haben.

Und neben Frankreich hat vor allem in praktischer Hinsicht die US-amerikanische Linke Wegweiser aus totalitärem Denken aufgestellt. Ganz entscheidend waren die Kontakte des deutschen SDS zum amerikanischen SDS (Students for Democratic Society). Aus den USA kam nicht nur die Musik, deren Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann, sondern auch die Protestformen Teach-In, Go-In, Sit-In, das ganze Arsenal von Techniken des Civil Disobedience.

Fazit: "Lauf Genosse! Die alte Welt ist hinter dir her!" lautete ein in der Zerfallsphase der 68er-Bewegung populäres Motto. Und in der Tat hat die alte Welt des Totalitarismus seit 1970 einige Gruppen und Strömungen wieder voll eingeholt. Da könnte man Götz Aly zustimmen, da hat sich etwas von den 33er Vätern vererbt. Aber das ist eben nicht überall so gewesen. Und es ist fraglich, ob es überhaupt für heute ein historisches Gewicht hat. Viel wichtiger waren damals die Schritte, die aus dem totalitären Horizont herausführten. Und sie haben es verdient, heute erinnert zu werden.

Wolfgang Eßbach