Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2025 - Literatur

Die Zeit druckt in abgeänderter Version eine Rede des Schriftstellers Karl Ove Knausgård zur Eröffnung einer Tagung der Rilke-Gesellschaft in Prag. Durch Rilke-Lektüre und Sprach-Experimente sei es ihm gelungen, zu seiner eigenen Sprache zu finden, erklärte Knausgard, dabei spielten auch die Eigenheiten der norwegischen Schriftsprache Bokmål eine Rolle: "Als Rilkes Roman 1965 ins Norwegische übersetzt wurde, geschah dies in einem sehr konservativen Bokmål. Gleiches gilt für Marcel Prousts Werke. Es wäre undenkbar, ja lächerlich gewesen, die beiden in radikales Bokmål zu übersetzen, da es mit Alltäglichkeit, Arbeiterklasse, Volkstümlichkeit, Mündlichkeit assoziiert wurde, während konservatives Bokmål steifer, feierlicher, bornierter war. Als junger, radikaler Mann mit dem Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden, schrieb ich natürlich radikales Bokmål. Nachdem ich Rilke und Proust gelesen hatte, experimentierte ich damit, konservativ zu schreiben. Dabei geschah etwas. (...) Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller."

Die Zeit veröffentlicht heute ihre Weihnachtsliteraturbeilage. Besprochen werden ansonsten Ivan Segrés "Der Westen, die Indigenen und wir" (FAZ), Robert Macfarlanes "Sind Flüsse Lebewesen?" (FAZ), Louise Pennys Krimi "Der schwarze Wolf" und John Irvings "Königin Esther" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2025 - Literatur

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Arbeiten - für was, für wen, warum? Diese Fragen stellt sich die Protagonistin in Kikuko Tsumuras Roman "Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen". Sie versucht mit einer Reihe von Low-effort-Jobs, die sie alle nach kurzer Zeit wieder kündigt, eine Art Balance im Leben zu finden. Ein Buch, das gut in die Debatten um Gen Z und Leistung, Identität und Selbstfindung passt, findet Benita Berthmann in der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind": "Der erste Job, den sie von ihrer Fallmanagerin Frau Masakado vermittelt bekommt, besteht darin, für eine Observationsfirma die Bänder einer Überwachungskamera auszuwerten. Das Zielobjekt ist eine reichlich monoton lebende Freelance-Autorin, in deren Wohnung 'Schmugglerware' vermutet wird, ohne dass sie es weiß. Die Protagonistin und Erzählerin sitzt in der Firma ihre Stunden ab, schaut auf zwei Bildschirmen gleichzeitig Überwachungsvideos und kommt zu dem Schluss: 'Einen so zeitintensiven und gleichzeitig arbeitsarmen Job wie den, eine alleinstehende Autorin im Homeoffice zu observieren, gibt's kein zweites Mal auf der Welt.' Trotzdem schafft es Tsumura, der Montonie des Arbeitsalltags eine spannende Geschichte entgegenzusetzen, die nicht nur die Protagonistin zur Selbstreflexion anregt, sondern auch die Leserinnen."

Besprochen werden u.a. Thomas Pikettys "Für einen ökologischen Sozialismus" (FR), Anna Seghers' "Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921-1925" (FR), Colette Andris' "Die Frau, die trinkt" (FAZ), Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (FAZ), Daniel Mezgers "Bevor ich alt werde", Paul McCartneys "Wings: Die Geschichte einer Band on the Run - Eine Oral History" (Welt) und John Irvings "Königin Esther" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2025 - Literatur

Die Brücke über die Drina wird heute politisch genauso instrumentalisiert wie Ivo Andrićs gleichnamiger Roman, meint Benedikt Karl, der für die Welt in die Republika Srpska gereist ist, den serbischen Landesteil Bosnien-Herzegowina. Vereinnahmt wird Andric von allen Seiten, besonders jedoch von den großserbischen Nationalisten, erzählt ihm der Germanistikprofessor Vahidin Preljević. "'Das fängt schon damit an, dass Ivo Andrić als serbischer Autor vereinnahmt wird', sagt der Literaturwissenschaftler. 'Dabei hat er sich niemals nur als serbischen Autor ausgegeben.'" Heute setzen nationalistische Serben eben nicht das Militär für ihre Ziele ein, sondern Kultur. "Pro-serbische Politiker versuchten, 'alle abweichenden Merkmale einer bosnisch-serbischen Identität zu eliminieren'. Das fange bei der Sprache und kulturellen Gepflogenheiten an. 'Über diese kulturelle Schiene soll die Identifikation mit Bosnien gekappt und auf Serbien selbst übertragen werden', schlussfolgert der Wissenschaftler."

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Im Interview mit der NZZ kennt der Dichter und ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, der gerade den zweiten Band seiner Memoiren veröffentlicht hat, kein Pardon für Krimis, Fantasy und alles, wo "Spiegel-Bestseller-Autor" draufklebt: "Schriftstellerisch ist das alles vollkommen belanglos. Der kulturelle Bruch ist, glaube ich, der, dass Literatur eines Tages nicht mehr als Kunst angesehen wurde, sondern als Unterhaltung für gestresste Menschen." Wer keine Lust hat, lange Romane zu lesen, soll doch einfach mal einen Gedichtband in die Hand nehmen, empfiehlt er: "Man lernt mit ihnen, sich kurz zu fassen. Man sollte in allen Institutionen, von der Bank bis zum Parlament, am Anfang von Sitzungen ein Gedicht vorlesen. Wenn Friedrich Merz vor Beginn der Haushaltsdebatte ein Gedicht von Paul Celan deklamieren würde! Oder von Arnfrid Astel: 'Ich hatte schlechte Lehrer. / Das war eine gute Schule.' Gedichte können in der kürzesten Form unendlich viele Fenster aufstoßen. Heute findet das Gedicht leider vor allem auf Traueranzeigen statt."

Besprochen werden die Schau "Les Mondes de Colette" in der französischen Nationalbibliothek in Paris (FAZ), Sibylle Bergemanns Bildband "Das Denkmal" über die Entstehung des Ostberliner Marx-Engels-Forums (taz), Roland Kaehlbrandts Liebeserklärung an die deutsche Sprache (Welt), Susanne Krings Adaption von Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" als Hörspiel (taz), Biografie über den Diktator Franco (FR), Anna Maschiks Roman "Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten" (FR), Salman Rushdies Roman "Die elfte Stunde" (Tsp), Thomas Steinfelds "Rauschen in der Nacht" (FAZ), Rudolf Schlögls Band über "Europas Frühe Neuzeit" (FAZ) und Heinrich Meiers Biografie über Leo Strauss (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2025 - Literatur

Noch nie habe es so viele Übersetzungen palästinensischer Lyrik ins Französische gegeben wie seit dem Krieg in Gaza, lernt Ann-Kristin Tlusty von dem Arabisten Richard Jaquemond. Der hat Gedichte des  palästinensischen Dichters Yousef el-Qedra übersetzt, den sie bei Zeit Online vorstellt. El-Qedra, 42 Jahre alt, ist aus Gaza geflohen und lebt heute in Marseille. "Im Exil bietet die arabische Sprache Yousef el-Qedra nicht länger ein Zuhause. 'Die Wörter bedeuten nichts mehr', sagt er. Das Wort Haus, zum Beispiel. Früher habe er damit Sicherheit, Familie, Intimität verbunden. Heute denkt er bei Haus an Ruinen, Leichen. 'Alles ist zerstört.' Was macht ein Lyriker, der seine Sprache an einen Krieg verloren hat? 'Der Krieg ist in meine Texte eingedrungen, so wie er in mein Leben eingedrungen ist.' El-Qedras Texte handeln nun von Hunger, dem Wind, dem Regen, der ins Zelt dringt, eine knappe, bildreiche Sprache: 'Ein Lied ohne Melodie ist Hunger / Ein Tanz in der völligen Leere'."

Allzuviel Aufsehen hat die "Begnadigung" Boualem Sansals in den deutschen Medien nicht gerade ausgelöst - dabei war sie ein Erfolg Frank-Walter Steinmeiers. Claus Leggewie fasst in der FR nochmal zusammen: "Der Schriftsteller wurde zum Spielball algerisch-französischer Querelen, die der damalige rechtsgerichtete Innenminister Bruno Retailleau durch sein Vorhaben eskalierte, restriktive Maßnahmen gegen die seit Jahrzehnten laufende Einwanderung algerischer Migranten zu ergreifen. Auch die französische extreme Linke bekleckerte sich nicht mit Ruhm und gab Sansal eine Art Mitschuld an seiner Verhaftung, weil er sich mit Islamfeinden eingelassen habe."

Unsere Bücher der Saison sind online! Thomas Pynchon liefert eine metafiktionale Detektivgeschichte mit Jazz, Nazis und Agenten. Mit Verena Keßler werden wir zum wilden Grizzly im Gym. Nora Haddada erzählt von der unwahrscheinlichen Liebe zwischen einer propalästinensischen und einem proisraelischen Linken. Andras Visky führt uns ins stalinistische Rumänien. Bei den Sachbüchern kam Amat Levins Geschichte Afrikas groß raus, und bei den Politischen Büchern der Versuch der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, mit "Zerstörungslust" den Rechtsextremismus zu verstehen. Hier also unsere Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher im Herbst 2025.

Weitere Artikel: In der FR drückt Claus Leggewie seine Erleichterung über die Freilassung Boualem Sansals (unsere Resümees) aus und wünscht ihm alles Gute. Besprochen werden Charly Hübners Jules-Verne-Lesung von "20.000 Meilen unter den Meeren" (FAZ), Alan Moores Roman "Das Große Wenn" (Tagesspiegel) und Josefine Rieks Roman "Wenn euch das gefällt" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Stichwörter: Palästinensische Lyrik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2025 - Literatur

Er rate keinem Franzosen nach Algerien zu reisen, sagt der französische Philosoph Pascal Bruckner, der sich seit dessen Verhaftung für Boualem Sansal einsetzte, im Welt-Gespräch mit Martina Meister. Er dankt Frank-Walter Steinmeier und betont, wie sehr die Begnadigung Sansals dank deutscher Hilfe Frankreich gedemütigt habe: "Algerien ist unser schlechtes Gewissen. Konservative wie Linke werden davon wie von einem Gespenst verfolgt. Es ist das alte Schluchzen des weißen Mannes. Wir fühlen uns immer noch schuldig, anstatt Klartext zu reden. Macron hätte das als junger Präsident, der nach der Entkolonialisierung geboren wurde, leisten können. Aber er hat versagt, er hatte nicht den Mut. ... Macron ist der Gehörnte in dieser Geschichte. Er hat sich in seiner Analyse getäuscht, indem er die französische Kolonialzeit in Algerien mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs gleichgesetzt hat. Das ist nicht dasselbe. Die Kolonialmächte haben schreckliche Verbrechen verübt, aber das ist nicht zu vergleichen mit dem, was die Nationalsozialisten verbrochen haben."

Keineswegs, stellt Hans-Christian Rößler in der FAZ klar, ist alles wieder gut in Algerien, nur weil Sansal nach einem knappen Jahr wieder auf freien Fuß gesetzt wurde (siehe unter anderem hier). Zu Haftstrafen verurteilt wurden zuletzt unter anderem Christophe Gleizes, ein französischer Sportreporter, sowie der Dichter Mohamed Tadjadit, jeweils mit Verweis auf Anti-Terror-Paragraphen. Zudem: "In Algeriens Nachbarland Tunesien ist die Lage noch schlimmer. Drei Journalisten sind dort in Haft. Das dortige Regime des autoritär regierenden Präsidenten, um den sich Europa sehr bemüht, greift schonungslos gegen Kritiker und Dissidenten durch."

Die Welt-Serie "Actionszenen der Weltliteratur" widmet sich diese Woche Charles Baudelaire. In der FAZ überlegt sich Reto Zingg, was Don Quijote unserer Gegenwart zu sagen hat. Christian Mayer und Julia Rothhaas unterhalten sich in der SZ mit Florian Illies. Der Dirigent Herbert Blomstedt schreibt in der Welt über die Bücher seines Lebens. Gregor Dotzauer interviewt im Tagesspiegel den Bestseller-Autor Bernhard Schlink. Selma Schiller stellt in der FAZ die amerikanische Autorin Eve Babitz vor. Jakob Hayner besucht für die Welt die Wiener Autorin Barbi Marković. Ebenfalls in der Welt ärgert sich Ulf Poschardt über Rainald Goetz' laut Poschardt an Duckmäusertum gescheitertes Instagram-Experiment.

Besprochen werden Ken Keseys Roman "Seemannslied" (FAZ), Gayl Jones' "Evas Mann" (FAZ) Jaime Baylys "Die Genies" (FAZ), Berit Glanz' "Unter weitem Himmel" (FAS), Salman Rushdies "Die elfte Stunde" (FAS), Claudia Sievers' "Das Buch des Lebens zu Ende lesen" (FR), Ian McEwans "Was wir wissen können" (taz) und Bijan Moinis "2033" (taz).
Stichwörter: Sansal, Boualem

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2025 - Literatur

Boualem Sansal ist in Berlin, fliegt aber heute oder morgen schon nach Paris. Kamel Daoud publiziert in Le Point ein kleines Telefongespräch, das sie geführt haben: Es gehe ihm eher gut, sagt Sansal, "ein Jährchen im Gefängnis wird mich nicht kaputtmachen."

"KD: Aber sag mal, was hast du denn in diesem Jahr gelesen?
BS: Gelesen?
KD: Hattest du die Möglichkeit oder die Freiheit zu lesen oder nicht?
BS: Lesen? (überrascht lachend) Das ist verboten. Es gibt nur religiöse Bücher oder arabische Bücher. Das ist alles, was es dort [im Gefängnis, Anm. d. Red.] gibt. Aber es gibt einen geheimen Buchhandel, man bezahlt mit Zigaretten oder Keksen. Damit kann man welche bekommen." Sansal würdigt in dem Gespräch auch den deutschen Anteil an seiner Befreiung: "Ich hoffe, dass sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien dank Deutschland und unserer Diplomatie weiterentwickeln werden."

Weitere Artikel: In der NZZ erzählt Isabelle Noth, wie Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman "Das Versprechen" (verfilmt als "Es geschah am helllichten Tage" mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe) Ende der 50er Jahre mithalf, sexuelle Gewalt an Kindern zu enttabuisieren. Jürgen Kaube schreibt in der FAZ zum zweihundertsten Todestag des Dichters Jean Paul. Ebenfalls in der FAZ berichtet Marc Zitzmann von Streit um die Leitung des Comicfestivals von Angoulême.

Besprochen werden Mopsa Sternheims Roman "Im Zeichen der Spinne" (taz), Anthony Hopkins' Autobiografie "We Did Ok, Kid" (NZZ), Antje Schrupps "Unter allen Umständen frei" (FR), Josephine Johnsons "Ein Jahr in der Natur" (FR), Juliette Faures "The Rise of the Russian Hawks" (NZZ), Volker Weidermanns Buch "Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens" (SZ), Frédéric Neyrats "La Condition Planétaire" (FAZ) sowie Jörg Blechs und Matthias Rilligs "Mutter Erde" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2025 - Literatur

Boualem Sansal ist in Deutschland eingetroffen, meldet unter anderem der WDR. Ein Militärflugzeug hat ihn gestern Abend nach Berlin gebracht. Die "Gnade" kam schließlich über den Umweg einer Initiative Frank-Walter Steinmeiers zustande, der sich vielleicht am Nawalny-Modell inspirierte. In Frankreich ist die Erleichterung groß. "Jetzt geht es nicht darum, nach den Gründen für seine Freilassung zu fragen", sagt Kamel Daoud in einem kurzen Gespräch mit Le Point, "sondern einen Schriftsteller in einem freien Land willkommen zu heißen. Die Inhaftierung von Boualem sagt weniger über das aus, was er schreibt, als darüber, was aus Algerien geworden ist und was es sein sollte." Martin Schult, der beim Börsenverein den Friedenspreis organisiert, hat sich unablässig für Sansal eingesetzt und stand mit dem Bundespräsidialamt im steten Austausch. Heute begrüßt er zusammen mit Claus Leggewie im Perlentaucher Sansal in Deutschland: "Salut Boualem! Wichtig für uns ist: Es hat sich erwiesen, dass man auch in aussichtslos scheinenden Fällen nicht verzagen und niemals aufgeben darf." Erste Kommentare in Frankreich klingen etwas verlegen: "Letztlich war es Deutschland, das Boualem Sansal - und Algerien - einen Ausweg bot", muss der Figaro konzedieren. Mehr dazu in unserer Meldung.

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Drei Jahre nach dem Attentat auf ihn legt Salman Rushdie mit "Die elfte Stunde" erstmals wieder ein belletristisches Werk vor. Volker Weidermann trifft für die Zeit auf einen erstaunlich optimistischen Rushdie, der sich auch weiterhin den Mund nicht verbieten lässt und bereits seinen Hundertsten plant. Nur mit Blick auf die Zukunft der USA verliert Rushdie den Optimismus, auch weil Schriftsteller und Intellektuelle plötzlich so leise sind: "Zunächst haben wir in den USA ja keine große Tradition des politisch engagierten Schriftstellers. … Es gibt einen brutalen Angriff auf die Kultur in diesem Land. Es ist völlig klar, dass die aktuelle Regierung Kultur als Feind betrachtet. (…) Die Kultur hat einfach Angst. Der Antritt dieser Regierung hat ein enormes Trauma verursacht in der ganzen kulturellen Szene. In der Welt der Kunst, Erziehung, Bildung. Es wird überall Geld gestrichen, beim Radio, Fernsehen, bei Stipendien. Der Angriff ist umfassend. Es hat eine Weile gedauert, bis die Menschen das realisiert haben. Aber der Widerstand beginnt genau jetzt."

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Verlage wollen viele und kurze Bücher, sagt der gerade für seinen 1.200-Seiten-Roman "Zeit der Mutigen" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnete, in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev im Standard-Interview. Denn "ein zu langer Roman braucht von allem viel: Papier, Pflege, PR, Geduld. Und das ist teuer." Außerdem ärgert er sich über den Begriff "migrantische Literatur": "Er ist eine der größten Demütigungen, ein Verrat, eine schriftstellerische Leistung wird so sofort diskriminiert. Wenn ein deutscher oder ein österreichischer Autor nach Amerika fährt und über den Arbeitsmarkt oder die Wirklichkeit dort schreibt, erzählt, wie er sich damit plagt, dort zu bleiben, dann kommentiert jeder, das sei ein existenzieller Roman oder ein Abenteuer. Niemandem würde in den Sinn kommen, zu sagen, das ist ein Migrantenroman. "

Weitere Artikel: Für die Zeit porträtiert Berit Dießelkämper Rama Duwaji, Ehefrau von Zoran Mamdani, neue First Lady von New York - vor allem aber Illustratorin: "In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit arabischer Kultur, Frauenrechten und Schwesternschaft sowie den humanitären Krisen im Sudan, Libanon und in Gaza, bei der sie auch das Wort 'Genozid' verwendet." Sehr viel kritischer liest sich ein Porträt in der Jüdischen Allgemeinen: "Dass sie, wie ihr Mann, Hass sät, übersieht man gern; dass ihre Kunst schwach und performativ ist, ebenso." Ebenfalls in der Zeit bittet Florian Illies Familie Mann zur Familienaufstellung. Rico Brandle liest für die NZZ Lukas Bärfuss' in der Schweizer Wochenausgabe der Zeit erschienenen Essay mit dem Titel "Die Schweiz als Kolonie", in dem er der Schweiz vorwirft, zum "Vasallenstaat der USA" geworden zu sein. Lars von Tönne (Tsp) berichtet von einem Eklat beim Festival International de la Bande Dessinée d'Angouleme, das wichtigste Event der europäischen Comicszene, das von vielen Akteuren boykottiert wird, nachdem Franck Bondou, Leiter des ausrichtenden Unternehmens 9ᵉArt+ undurchsichtige Buchführung, toxisches Management, Verschlechterung des künstlerischen Angebots und Verdacht auf Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde.

Besprochen werden unter anderem Autobiografien von Patty Smith (SZ) und Anthony Hopkins (SZ), Sonja Eismanns Studie "Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie" (taz), Tomasz Różyckis "Feuerprobe" (FAZ), Oksana Maksymchuks "Tagebuch einer Invasion" (FAZ) und Salman Rushdies Erzählungen "Die elfte Stunde" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2025 - Literatur

Titelblatt des Jeune Indépendant von gestern.
Der französisch-algerische Autor Boualem Sansal, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist wegen einer Meinungsäußerung nun seit einem Jahr in Haft. Auch die Krebserkrankung Sansals hat das Militär- und Präsidialregime unter Abdelmadjid Tebboune bisher nicht bewegt, Sansal freizulassen. Ein Gericht bestätigte im Juli seine Haftstrafe von fünf Jahren. Kommt nun Bewegung in die Sache? Die algerische Tageszeitung Le Jeune Indépendant meldet: "Der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier hat Abdelmadjid Tebboune gebeten, den seit einem Jahr inhaftierten Schriftsteller Boualem Sansal zu begnadigen. Aufgrund seines 'Alters' und seines 'schlechten Gesundheitszustands' könnte dem Autor gestattet werden, sich zur medizinischen Behandlung nach Deutschland zu begeben, betont die deutsche Diplomatie. Dies geht aus einer gestern veröffentlichten Erklärung des Präsidialamtes hervor." Tebboune kennt das deutsche Gesundheitssystem gut, weil er sich hier auch behandeln lässt. Auch in der SZ gibt es bereits eine Meldung.

Farid Alilat zitiert in Le Point aus einer algerischen Tickermeldung, in der auch ein Statement Steinmeiers weitergegeben wird: "Ich habe meinen algerischen Amtskollegen gebeten, Boualem Sansal zu begnadigen. Diese Geste wäre Ausdruck eines humanitären Geistes und einer aufgeklärten politischen Vision und würde auch meine enge persönliche Beziehung zu Präsident Tebboune und die ausgezeichneten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern widerspiegeln."

Beteiligen sich deutsche Belletristik-Verlage heimlich am kulturellen Boykott Israels - indem schlicht kaum noch Bücher aus dem Hebräischen übersetzt werden, fragen Marle Gundlach und Felix Stephan in der SZ. Die Zahlen zumindest sind eindeutig, die Anzahl der Übersetzungen ist seit 2024 eingebrochen. Auch die Betroffenen haben eine klare Meinung: "Sie bekämen zu hören, sagen die Israelis, dass hebräische Literatur im Moment schwer zu vermarkten sei und die Nachfrage spürbar abgesunken. Dass man befürchte, vor den Buchläden und in den Kommentarspalten könnten sich antiisraelische Proteste Bahn brechen, wenn man ausgerechnet jetzt hebräische Literatur in die Schaufenster stelle. Sie fühlen sich also, in einem Wort, in Sippenhaft genommen für die Kriegsführung einer rechtsnationalen Regierung, die kaum jemand so scharf, präzise und beharrlich kritisiert wie sie selbst, die israelischen Autoren, Verleger, Publizistinnen." Gundlach und Stephan glauben allerdings eher den deutschen Verlegern, die das Ende der Jerusalemer Buchmesse, einen Generationenumbruch im israelischen Literaturbetrieb und anderes als Gründe anführen.

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David Szalay hat, wie unter anderem Michael Wurmitzer im Standard durchgibt, für seinen Roman "Was nicht gesagt werden kann" den Booker Prize gewonnen. Die Feuilletons sind ziemlich angetan von diesem Buch, das seiner Hauptfigur István durch verschiedene, nicht zuletzt sexuelle Eskapaden folgt. "Er spricht wenig, dieser István, hauptsächlich sagt er 'Okay', und so scheint sein Leben bisweilen fremdgeleitet. Doch was Szalay hier in knappen Dialogen und schlichter Prosa macht, ist nichts anderes, als zu zeigen, wie äußere Umstände, Zufälle und Gelegenheiten ein Leben formen, und dass vieles weniger über die Ratio als über den Körper und das Begehren läuft." "Szalays Kunst", meint Christiane Lutz in der SZ, "liegt darin, Sprache auf ihr oft unschönes Gerüst zu reduzieren. Wie auf einem Röntgenbild nur die Knochen zu sehen sind, ist in dem Roman nur das zu lesen, was zwar alles zusammenhält, aber roh wirkt, unvollständig. Die Leerstellen füllt Szalay, indem er sie stehen lässt, der Körper um das Gerüst entsteht beim Lesen."

Außerdem: Jan Wiele gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Frank Witzel zum 70. Besprochen werden unter anderem der fünfte Band der Brautbriefe Sigmund Freud und Martha Barnays' (FAZ), Frank Verstraete und Céline Broeckaerts "Warum niemand die Quantentheorie versteht" (FAZ), Samantha Schweblins "Das gute Übel" (FR), Salman Rushdies "Die elfte Stunde" (SZ), Nevra Ebrahimis "Und Federn überall" (Tagesspiegel), Lee Yuris "Broccoli Story" (Welt) und Clemens Marschalls "Wilde Wanda" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2025 - Literatur

Die Frankfurter Buchmesse ist seit Corona nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Buch Wien, die am Mittwochabend startet, scheint es besser zu gehen. Den Eindruck erweckt jedenfalls Patrick Zöhrer, Leiter der Buch Wien, im Interview mit dem Standard: "Die Nachfrage von Ausstellern ist da, ebenso vom Publikum. Letztes Jahr durften wir wegen zu vieler Besucher am Samstag sogar für eineinhalb Stunden niemanden mehr hineinlassen. Das hat dazu geführt, dass wir beschlossen haben, dass wir eine zweite Halle brauchen. Und ich glaube, das eine bedingt das andere: Verlage mögen es, wenn viel los ist, und das motiviert sie dann, noch bessere Autorinnen und Autoren zu präsentieren, was wieder mehr Publikum anzieht. Wir befinden uns seit ein paar Jahren in einem Aufwärtstrend."

Weitere Artikel: Dimitré Dinev gewinnt für seinen Mammutroman "Zeit der Mutigen" den Österreichischen Buchpreis, meldet die Presse. David Szalay gewinnt mit seinem Roman "Flesh" (dtsch. "Was nicht gesagt werden kann") den Booker Prize, berichtet die Zeit. Markus Ehrenberg war für den Tagesspiegel dabei, als Jonas Hassen Khemiri zusammen mit Daniel Kehlmann und der Schauspielerin Luise Wolfram seinen Roman "Die Schwestern" im Berliner Renaissance-Theater vorstellte. Julia Hubernagel berichtet in der taz von der Buchmesse "Seitenwechsel".

Besprochen werden Salman Rushdies Erzählband "Die elfte Stunde" (FR) und eine Menge Romane, darunter Alejandro Zambras "Nachrichten an meinen Sohn" (FAZ), Itamar Vieira Juniors "Feuer" (FAZ), Kim Eui-kyungs "Hello Baby" (FAZ), Nelio Biedermanns "Lázár" (Tsp) und Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2025 - Literatur

Etan Comics, Zufan, 2003


Für die taz schaut sich Carmela Thiele im Weltkulturenmuseum Frankfurt Comics aus Afrika an: Die Ausstellung "Sheroes" zeigt Arbeiten von Autorinnen aus Südafrika, Kenia, Nigeria, Ghana, Kamerun, Äthiopien, Madagaskar und Uganda - die "empowern und erweitern den Horizont", freut sich Thiele: "'Zum Teil leben die Comicmacherinnen, mit denen wir gearbeitet haben, in der Diaspora: in Frankreich oder in den USA. Und trotzdem sagen viele, dass schwarze Heldinnen unterrepräsentiert sind', so Kuratorin Julia Friedel (...) Zu sehen sind handgezeichnete Comic-Panels, Animé, Videos, die über die afrikanische Graphic-Novel-Szene berichten und viele Comic-Bände, die das Publikum in die Hand nehmen kann. Von der Decke hängen Sprechblasen. Wer spricht? Die Autorinnen und Sheroes natürlich. Das Moongirl Dede etwa, ein Wassergeist aus der 16-teiligen Serie 'Moongirls' der ghanaischen Autorin Akosua Hanson: 'In Moongirls kämpfen queere afrikanische Sheroes für ein Afrika, das frei ist vom Patriarchat, Neokolonialismus, Homophobie und vielen anderen Problemen.'"

Am Wochenende fand die rechte Buchmesse "Seitenwechsel" auf dem Messegelände in Halle an der Saale statt (unser Resümee). Bernhard Heckler berichtet für die SZ von katastrophaler "Infrastruktur und Logistik" - und auch inhaltlich ist das Ganze, Redebeiträge von Alexander Gauland, Matthias Matussek und Gloria von Thurn und Taxis inklusive (um nur einige zu nennen), ziemlich unerträglich - aber auch ein bisschen skurril: "Das Compact-Magazin hat den pompösesten Stand auf der Messe, mit dem Alleinstellungsmerkmal 'farbige Trennwände' in einem ansonsten sehr weißen Buchmessebild. Neben Büchern und Magazinen gibt es Kleidung, Kunst und Alltagsgegenstände zu kaufen. Zum Beispiel Kappen mit der Aufschrift 'Make Germany Great Again', formschöne Zigarrenschneider oder kleine, kunterbunte Aquarelle. Für zehn Euro erwirbt der Besucher die naive Malerei eines Baums auf einer Mini-Leinwand. Die ausstellende Künstlerin sagt: 'Das ist der goldene Baum. Ihnen viel Glück und viel Gold in Ihrem Herzen.'"

Hier wird ein diffuses Wir-Gefühl beschworen, stellt FAZ-Kritikerin Julia Encke fest. Bei den Redebeiträgen auf dem Podium gibt es kaum Widerspruch oder Diskussion, etwas, wovon Buchmessendiskussionen eigentlich leben: "Alles, was im geschlossenen Raum der Halle passiert, vollzieht sich im Gestus der Selbstgewissheit und Selbstfeier, in Spott und Häme gegen 'die anderen'. Es sind nicht nur 'alte weiße Männer' zu sehen, sondern auch viele Frauen und, gerade da, wo Influencer auftreten, junge Menschen. Am Samstag sitzen die sogar auf dem Boden und stehen dicht gedrängt, als mit Götz Kubitschek der als Influencer 'Shlomo' bekannte Aron Pielka vermummt mit weißer Maske in einem der Konferenzräume auftritt. Bekannt für rassistische und islamfeindliche Positionen, war er von 2024 bis 2025 wegen Volksverhetzung inhaftiert."

Die SZ druckt Eva Illouz' Marbacher Schiller-Rede. Sie versucht, Donald Trump unter Lektüre des "King Lear" auf die Spur zu kommen. Vor allem aber benennt sie eine Eigenschaft Trumps, die ihrer Meinung nach zu selten thematisiert wird. Seine Tendenz zu rückhaltloser Selbstbeweihräucherung: "Eigenlob ist eine Lüge, die zugleich unwahr und aufrichtig ist. Die Möglichkeit, zwischen Lügen, Übertreibungen und einer Wahrheit zu unterscheiden, bricht hier zusammen. Aus diesem Grund kann das selbstschmeichelnde Subjekt typischerweise nicht zwischen Realität und ihrer Übertreibung oder Verzerrung unterscheiden. Es hat die menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion verloren."

Besprochen werden unter anderem Dieter Stiefels Buch "Daniel Swarovski-'Es hätte können, alles ganz anders kommen'" (SZ), Jan Röhnerts "Wildnisarbeit. Schreiben, Tun und Nature Writing" (FR) und Sanna Marins "Hope in Action" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.