Medardo Rosso, Bambino malato, 1895 Foto: mumok / Markus Wörgötter Museo Medardo Rosso, Barzio Begeistert stromert Stefan Trinks im FAZ-Auftrag durch die Ausstellung "Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur" im Wiener Mumok. Rosso ist der "bekannteste Unbekannte unter den Bildhauern", erläutert Trinks und sollte in einem Atemzug mit Rodin genannt werden. Neue Wege beschritt er unter anderem darin, dass er in seinem Werk die Bildhauerei konsequent mit anderen Künsten, unter anderem der Fotografie, verband. Besonders radikal sind seine Arbeiten "in der Denkmalplastik. Er holte die Dargestellten buchstäblich wie Rodin seine Bürger von Calais vom Sockel, bringt sie auf Augenhöhe mit dem Betrachter, weil dieser nicht mehr zu jemanden aufschauen sollte, der schon durch diesen 'himmelnden Blick', wie ihn die Kunstgeschichte nennt, heroisiert würde. Im italienischen 19. Jahrhundert des Risorgimento gibt es in jeder Stadt des Belpaese eine Straße, einen Platz oder ein Denkmal für Giuseppe Garibaldi. Auch Rosso versucht sich an einem Denkmal für diesen Nationalhelden, lässt Garibaldi aber nicht stehen, vielmehr unheroisch sitzen."
Einen Föhn stellen Jakob Lena Knebl und Markus Pires Mata im Landesmuseum Darmstadt neben das Bild eines Herrn mit Föhnfrisur, neben einen Mülleimer hängen sie Landschaftsmalerei. Das Kunst- und Designexpertenduo durfte für eine Ausstellung mit dem Titel "Ich muss mich erst einmal sammeln" die Depots des Museums durchforsten. Katharina J. Cichosch war für die taz vor Ort und freut sich: "Die gesamte Schau vollführt eine assoziative Vermengung aus High und Low, Kunst und Design, Natur und Kunst, den schönen und den praktischen Dingen. Vor Ort stellt sich bald eine gute Orientierungslosigkeit ein: Namen, Jahreszahlen, Epochen, bildungsbürgerliches oder akademisches Wissen sollen für den Ausstellungsbesuch keine Rolle spielen. Überhaupt keine, wie das Duo im Gespräch versichert."
Außerdem: Freddy Langer gratuliert in der FAZ dem Fotografen Andreas Gursky zum 70. Laura Ewert trifft sich für Monopol mit der Schweizer Künstlerin Sandra Knecht.
Besprochen werden die Ausstellung "Die Mauer: vorher, nachher, Ost und West" im Berliner Max-Liebermann-Haus (Tagesspiegel), Max Schaffers Schau "Weihnachtsfeier der Senatsverwaltung für Finanzen (abgesagt)" in der Berliner Galerie Die Möglichkeit einer Insel (taz Berlin), die Schau "Ernst Ludwig Kirchner und die Künstler der Gruppe Rot-Blau" im MASI, Lugano (NZZ) und "Neue Sachlichkeit" in der Kunsthalle Mannheim (FR).
In der SZ zeichnet Andrian Kreye Toscanis Werdegang nach: "Er hatte den Chef der Sportmarke Kappa überredet, eine Jeans-Kollektion mit dem Produktnamen Jesus herauszubringen. Sein Argument: Der Name habe einen hohen Wiedererkennungswert, sei seit zweitausend Jahren eine der erfolgreichsten Marken der Welt, aber nicht geschützt. Und so hingen zum Start in ganz Italien Plakate, auf denen nur ein Po in einer viel zu engen Jeans-Short zu sehen war, dazu ein Bibelvers als Slogan: 'Wer mich liebt, der folgt mir'." Bei Zeit Online schreibt Christoph Amend den Nachruf.
So soll es aussehen, das Häuschen auf dem Mond. Foto: The Moonhouse Gallery
Der schwedische KünstlerMikael Genberg "darf nach zwanzigjähriger Vorbereitung ein kleines schwedisches Sommerhäuschen auf den Mond schicken", freut sich Alex Rühle in der SZ. An Bord einer "Hakuto-R-Sonde des japanischen Raumfahrtunternehmens Ispace" soll das Häuschen auf dem Mond einen Platz finden - ein guter Weg, uns daran zu erinnern, wie glücklich wir uns schätzen können auf der Erde zu leben und (noch) nicht auf den Mond ausweichen müssen, findet der Kritiker, wo wir umgeben wären von "grauem Staub und ewiger, tödlicher Stille": "Genberg musste im Verlauf der Planung kleinere Abstriche machen. Ihm schwebte eigentlich ein Haus in der Größe eines Erwachsenen vor. Ispace war seinem Projekt sehr zugetan, will die Firma doch laut Eigenwerbung 'die menschliche Präsenz im Weltraum erhöhen'. Sie war aber nur bereit, sein Kunstwerk mitzunehmen, wenn es nicht mehr als 100 Gramm wiegt. Weshalb das Haus jetzt elf Zentimeter breit und acht Zentimeter hoch ist." Auf dieser Website wird der Countdown bis zum Launch runtergezählt.
Weiteres: In der Berliner Zeitungbespricht Ingeborg Ruthe das Buch "Der Mensch in der Skulptur - Figurative Kunst der Gegenwart" der Kunstkritikerin Helga Meister ("kurzweilig, voller Anekdoten und kompetenter Analysen", findet die Kritikerin). Besprochen wird die Ausstellung "Who, Me?" mit Werken von Adrian Piper in der Kunsthalle Portikus in Frankfurt am Main (taz).
Noch Mitte der Neunziger wurde das Bild "Generativ" der Collage-Künstlerin Annegret Soltau nach Protesten aus mehreren Ausstellungen entfernt, erinnert Freddy Langer in der FAZ, weil es angeblich "schamverletzend" sei. So konservativ ist man heute zum Glück nicht mehr - und so kann Langer ihre Arbeiten in einer Ausstellung im Museum Goch bei Düsseldorf betrachten. Ein bisschen mitgenommen ist er aber auch von diesem Werk, das sich mit schmerzhaften Themen auseinandersetzt: dem verschwundenen Vater, der mangelnden Liebe der Mutter - Kunst ist für Soltau nicht "erlösend", so Langer, das Leid der Künstlerin wird sichtbar. In Bildern "mit bezeichnenden Titeln wie 'Körperöffnung' oder Aufnahmen von zerschnittenen Leibern wie auf dem Tisch eines Kriminalpathologen und zusammengeflickt, als entstammten sie dem Labor eines Doktor Frankenstein. Da sind Körper eng verschnürt oder eingewoben wie von Spinnennetzen, aber nicht aus Lust wie in den japanischen Fesselpraktiken des Bondage, sondern als Metaphern für ein Gefühl der Unfreiheit. Figuren sind neu zusammengesetzt mit enorm vergrößerten Augen oder Geschlechtsteilen anstelle von Bäuchen. Und es sind Gesichter zusammengenäht zu Fratzen aus den Augen, Nasen und Mündern von drei oder vier verschiedenen Menschen, bisweilen auch Tieren."
In der FAZ blickt Frauke Steffens nach Los Angeles, wo die verheerenden Brände auch Museen und Galerien bedrohen. Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ macht sich Raquel Erdtmann Gedanken über visuelle Strategien des historischen Antisemitismus. Dafür zeichnet sie den Lebenslauf des Betrügers Aron Abrahamsz nach, der 1737 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde sowie den Fall des Bankiers Joseph Süskind Oppenheimer, der 1738 in Folge einer antisemitischen Hetzkampagne hingerichtet wurde. Ebendort ergründet Thomas Combrink die graphischen Arbeiten des Schriftstellers Günter Kunert. Außerdem veröffentlicht die FAZ einige Fotografien von Alexandros Avramidis, der ukrainische Soldaten auf einer Pilgerreise in die Ägäis begleitet hat. Zeit Online meldet mit dpa, dass die bildende Künstlerin Katharina Fritsch den begehrten Kaiserring erhält. Besprochen wird die Ausstellung "Karl-Heinz Adler: Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen + Art (tagesspiegel).
Ruth Hebler: Karikaturmeter. Bild: Wilhelm-Busch-Museum. Die Ausstellung "Künstlerische Intervention - Die Freiheit der Kunst - Zehn Jahre nach 'Je suis Charlie'" im Wilhelm-Busch-Museum Hannover versammelt allerhand Karikaturen und Auseinandersetzungen mit dem Anschlag, der vor zehn Jahren von islamistischen Terroristen verursacht wurde, berichtet Nadine Conti in der taz. Die Zeichnungen "sollen den Diskurs zur Freiheit der Kunst wiederbeleben. Der eben nicht nur historisch oder kulturalistisch geführt werden kann, sondern - angesichts von Rechtsruck und neuen Empfindlichkeiten - längst wieder mitten in modernen, europäischen Gesellschaften geführt werden muss, die vielleicht schon dachten, sie wären ihm entwachsen. Herausgekommen ist dabei eine wilde Mischung aus Beiträgen unterschiedlichster Spiel- und Tonarten. Da sind die klugen, nachdenklichen Beiträge einer Ruth Hebler, die etwa mit ihrem 'Karikaturmeter' dazu einlädt, sich zu überlegen, wo man sich selbst auf dem Spektrum der Meinungsfreiheit bewegt - zwischen harmlosem Katzencontent und zensiertem Propheten. Oder unter der Überschrift 'Humor ist eine ernste Sache' mit zwei Dutzend Denkblasen über dem Kopf der Zeichnerin vorführt, wie die Schere im Kopf schneidet: Versteht man das, so wie ich es meine? Lachen hier die Falschen? Auf den Shitstorm habe ich keinen Bock! Ist es das wert?"
Ausstellungansicht. Bild: Kunsthalle Recklinghausen. Georg Imdahl unternimmt für die FAZ eine Zeitreise in der Ausstellung "Die Anfänge: Radical Innovations", die ihn in die Gründungszeit der Kunsthalle Recklinghausen führt: Sie "erzählt viel von der Kunst im Ruhrpott und den Künstlern um Emil Schumacher und Thomas Grochowiak in der Gruppe 'junger westen', bis heute kleingeschrieben, und von ihrer zeittypischen, regionalen Abstraktion. Deren Bilder hat die Kunsthalle Recklinghausen vielfach angekauft, weniger hingegen die der Malerinnen, die in den Fünfzigern in Recklinghausen in größerer Zahl ausgestellt haben, darunter Jeanne Coppel, Sigrid Kopfermann oder Hal Busse mit sehenswerten Bildern. Ihnen ist jetzt eine eigene Etage vorbehalten, eine andere den Männern. Man wird nicht überhäuft mit Werken, aber das Interesse an den Künstlerinnen ist geweckt.
Weitere Artikel: Im Silent Green im Berliner Wedding treffen bei der Ausstellung "UnNatural Encounters" Natur, Kunst und KI aufeinander, sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der European Media Art Platform. Bernhard Schulz trifft darin für Monopol "nicht nur eine Augen- und Ohrenweide, sondern auch eine zutiefst melancholische Erinnerung an die unvermeidbare Entfremdung des Menschen von der Natur." Eine weitere Besprechung findet sich im Tagesspiegel.
Wax Follies, female impersonator group from Penang, 1982, found photo collection of Hoo Fan Chon Sehr angeregt, wenn auch mit leichtem "Kopfbrummen" angesichts der Vielschichtigkeit der Schau kommt Jens Hinrichsen (Monopol) aus der Ausstellung "Young Birds from Strange Mountains" im Schwulen Museum in Berlin, das derzeit einen Überblick über queere Kunst im Pazifikraum gibt. Hinrichsen findet "einen überzeitlichen Resonanzraum, der queere Kulturschaffende über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg verbindet. 'Wissen der Vorfahren' und 'Spirituelle Wege' bilden denn auch zwei Kapitel der Ausstellung, die außerdem mit Überschriften wie 'Verkörperte Versprechen' und 'Tropische Technologien' gegliedert ist. ... 'Bongkar Pasang' heißt eine Soft-Skulptur der aus Yogyakarta stammenden Künstlerin Tamarra. Ein aus rotem Bast geflochtener und mit einer Holzmaske und Glöckchen verzierter Umhang, der auf Transgender-Schamanen in der Bugis-Kultur in Südsulawesi anspielt, denen ihre Götter die Macht verliehen haben sollen, den König zu beraten. Die Volksgruppe der Bugis kannte fünf soziale Geschlechter: 'Makkunrai' (feminine Frau), 'Calabai' (weiblicher Mann), 'Calalai' (männliche Frau), 'Oroané' (maskuliner Mann) und 'Bissu', den männliche und weibliche Energien verkörpernden Menschen, der mit den Göttern sprach."
Kurz nach Giorgia Melonis Regierungsübernahme im Oktober 2022 kündigte ihr damaliger Kulturminister Gennaro Sangiuliano eine große Futurismus-Ausstellung an, mit dem Ziel "die italienische Identität wiederbeleben", erinnert Ulrike Sauer in der NZZ. Nun ist die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom zu sehen, kritische Experten wurden zuvor aus dem beratenden Kuratorium geworfen - zu sehen ist eine Schau, die von der Nähe des Futurismus zum Faschismus nicht viel wissen will. Das könne man ja im Katalog nachlesen, bemerkt Gabriele Simongini, Kurator der Ausstellung und Kunstkritiker der rechten Tageszeitung Il Tempo gegenüber Sauer. Er führt sie lieber zu "Oldtimern und Wasserflugzeugen, die auf dem gebohnerten Museumsparkett platziert wurden. Da steht ein roter, 90 Jahre alter Maserati, den man zwei Tage lang polieren ließ. Am Steuer sei einst Tazio Nuvolari gesessen, der größte Rennfahrer seiner Zeit, sagt Simongini begeistert. Zu sehen ist auch das einzige erhaltene Exemplar des Fiat Siluro Chiribiri, dem 1913 ein Geschwindigkeitsrekord gelang, sowie Europas erstes Motorrennrad der Marke Frera. Die PS-Ikonen verkörpern die futuristische Verherrlichung von Geschwindigkeit, Dynamik und Kraft. Für den Kurator repräsentieren sie zudem die stolzen wirtschaftlichen Leistungen des Landes."
Weitere Artikel: Mit dem Kitsch von Jeff Koons kann Stefan Trinks (FAZ) in der Regel nicht viel anfangen. Wenn Koons seine Werke im Museo de Bellas Artes in Granada aber gemeinsam mit Picasso-Sohn Bernard und Pissaro-Urenkel, dem Kunsthistoriker Joachim Pissarro, nicht nur Werken von Picasso, sondern 36 anderen Werken von der Spätgotik bis zum Barock gegenüberstellt, lässt sich Trinks gern in einen philosophischen Dialog über den Begriff der Reflexion verwickeln. Gern posierte er vor der Kamera, selbst fotografierte Max Ernst nie. Welche große Rolle die Fotografie für den Surrealisten dennoch spielte, erfährt Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Fotogaga" im Berliner Museum für Fotografie, die vor allem Exponate aus der Sammlung Würth zeigt: "Technisch vielseitig wie kein anderer Surrealist schabte, schrubbte, kratzte, schraffierte und schnitt Max Ernst seine Motive zurecht." In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen der Illustratorin Jutta Bauer zum Siebzigsten. Im Tagesspiegel freut sich Alexander Conrad schon jetzt auf das an der Grunewaldstraße in Berlin bis 2027 entstehende "Bildlabor Kleistpark", das die vom Ehepaar Breu geführte HegenbarthSammlung Berlin beherbergen wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Träum weiter - Berlin, die 90er" in der C/O Berlin (taz), die JeewiLee-Ausstellung "Field of Fragments" in der Pankower Galerie Sexauer (taz), die Ausstellung "Ein Funke im System - Revision, Perturbation, Selbstdekonstruktion" in der Stadtgalerie Kiel (taz) und die Gerhard Richter-Ausstellung "Verborgene Schätze. Werke aus Rheinischen Privatsammlungen" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (Tsp, mehr hier).
Der Kunsthistoriker Peter Geimer beschäftigt sich auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ mit Gerhard Richters Werkzyklus "Birkenau", der auch im Deutschen Bundestag zu sehen ist. Richters Bilder basieren auf Fotografien, die vier Auschwitzhäftlinge 1944 heimlich anfertigten, um die Nazi-Mordmaschinerie zu dokumentieren. Richter übermalte die Aufnahmen und verwandelte sie in abstrakte Bildräume. Der Bezug auf die Schoah blieb zunächst implizit - in neueren Versionen des Zyklus wird er jedoch explizit betont, teilweise werden Richters Bilder gemeinsam mit Reproduktionen der Originale ausgestellt. Der Zyklus gilt als eines der zentralen Werke in Richters Schaffen und als gelungene künstlerische Bearbeitung des Holocaust. Geimer ist da deutlich skepktischer, schreibt von einer "atmosphärischen Aufladung durch das düsterste Ereignis der deutschen Geschichte bei gleichzeitiger maximaler Unverbindlichkeit der Form", die der Rezeption viele, vielleicht allzu viele Freiheiten lässt. Zumindest, meint er, wären korrekte Fotocredits angebracht: "Es wäre gut, wenn (...) an allen Orten, an denen über den Zyklus 'Birkenau' gesprochen wird, neben dem Namen des Künstlers Gerhard Richter auch die Namen derjenigen genannt würden, die im Sommer 1944 in einer kollektiven Anstrengung und unter Lebensgefahr vier Fotos an die Nachwelt gerichtet haben: Alberto Errera, Alter Fajnzylberg, Abraham Dragon, Shlomo Dragon."
Kulturkürzungen allerorten. Das Kunstforum Wien wird derzeit freilich nicht von Sparplänen der öffentlichen Hand bedroht, sondern vom Rückzug des Hauptsponsors Bank Austria. Hubertus Butin rekonstruiert den Fall für die FAZ und ist entsetzt über das Vorgehen der Bank: "Natürlich hat ein Wirtschaftsunternehmen das Recht und die Freiheit, seine Sponsoringpolitik zu ändern. Doch wie die Bank Austria dabei vorgeht, kann man nur als respektlos und schäbig bezeichnen. An einer fairen Übergangslösung hat Ivan Vlaho bisher kein aufrichtiges Interesse gezeigt, denn die Direktorin und das Team des Kunstforums erfuhren offiziell erst durch die Presseerklärung vom 9. Dezember von den Schließungsplänen. Anstatt zuvor persönliche Gespräche zu führen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wurde Ingried Brugger ohne Rücksicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Gesellschaftliche und kulturpolitische Verantwortung scheint der Vorstandsvorsitzende der Bank nicht zu kennen."
Außerdem: Im Standardzählt Michael Wurmitzer derweil auf, wer in Österreichs Kulturinstitutionen Leitungspositionen übernommen hat. Wilfried Weinke bespricht für die taz ein Buch der Kunsthistorikerin Helene Roth über emigrierte deutsche Fotografen in New York. Katharina Cichosch unterhält sich auf monopol mit dem Galeristen und Künstler Il-Jin Atem Choi über dessen Arbeit als Geschäftsführer der Produzierendengalerie Intershop in Leipzig.
Besprochen wird "Harald Frackmann: A World in Almost 12"X12"" in der Berliner Werkstadtgalerie (taz Berlin).
Bild: Leonardo da Vinci: The Virgin and Child with St Anne and the Infant St John the Baptist ('The Burlington House Cartoon'), c.1506-08 Ein solches "Gipfeltreffen der Giganten" kommt so schnell nicht wieder, jubelt Peter Richter in der SZ, nachdem er sich in der Royal Academy London selten ausgestellte Werke von Michelangelo, Raffael und Leonardo da Vinci ansehen durfte. Im Jahr 1504 trafen die drei Renaissance-Größen aufeinander, als eine Kommission beriet, wo Michelangelos gerade fertiggestellter "David" aufgestellt werden sollte. Zudem gerieten Leonardo und Michelangelo in direkte Konkurrenz, weil ein großes Wandgemälde für den neuen großen Ratssaal, die Sala del Gran Consiglio, geschaffen werden sollte. Es sind vor allem die Zeichnungen, die Richter faszinieren, darunter einige der zärtlichsten Mutter-und-Kind-Konstellationen: "Es gibt da etwa eine von Michelangelo, auf der die Jungfrau beim Stillen des Jesuskindes scheinbar verträumt zu einem muskulösen, nackten Jüngling herüberschaut, der sich, quergelegt, ebenfalls auf dem Blatt befindet, und dazwischen noch die Karikatur eines Kopfs, Typus augenrollender Kellner. Solche fast schon surrealistischen Zufallsbegegnungen sind eigentlich nur im Medium der Zeichnung möglich. Man sieht dabei auch, dass das Wort Studie wirklich von Studieren kommt."
Im Tagesspiegel gratuliert Nikolaus Bernau nicht nur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die nun zwölf Millionen Euro mehr Förderung erhalten, sondern auch Hermann Parzinger, Claudia Roth und Vorgängerin Monika Grütters, die daran arbeiteten die Finanzblockade der Länder zu durchbrechen. Dass die Länder insgesamt nur drei Millionen Euro beisteuern, findet Bernau dann allerdings doch ziemlich knauserig: "Selbst wenn man Berlin nicht mitzählt, das als Sitzland der Stiftung mehr zahlt, sind die drei Millionen 200.000 Euro pro Land. Die Staatskanzleien dürften höhere Portokosten haben."
Weitere Artikel: Die Welt wirft einen Blick auf die sehenswertesten Ausstellungen im Jahr 2025, darunter Wolfgang Tillmans im Dresdner Albertinum und Lygia Clark in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Auch die Berliner Zeitungschaut auf die besten Ausstellungen 2025. Für die FAZ besucht Georg Imdahl die Malerin Nicole Eisenmann in ihrem New Yorker Atelier.
"Les Baigneuses à la tortue", Henri Matisse 1906/1907, gemeinfrei. Die kleinen Dinge sind es, die die große Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler bei Basel spannend machen, verrätMonopol-Kritikerin Alicja Schindler. Am besten gefällt ihr der Teil der Ausstellung, "in dem sich die Auswirkungen von Matisses Italien-Reise im Sommer 1907 nachvollziehen lassen." Denn hier sind nicht die hinreichend bekannten Klassiker zu sehen, sondern Bilder, die der Kritikerin "ungewöhnlich, rätselhaft und irgendwie eigenartig" erscheinen. Wie zum Beispiel das 1907/1908 entstandene "Baigneuses à la tortue": "Die Szene ruft Paul Cézannes Badende wach, die Einteilung des Hintergrunds in eine ultramarinblaue obere und eine grüne untere Fläche erinnert an Giottos Darstellung der Taufe Christi in der Scrovegni-Kapelle in Padua. Die holzschnitthafte Körperlichkeit der drei Frauen ist imposant, im Gegensatz zu ihrer prähistorisch wirkenden Massigkeit sieht die Schildkröte am unteren Bildrand winzig aus, trotzdem zieht das kleine Tier meine Aufmerksamkeit auf sich wie sonst kaum etwas in der Ausstellung. Ein Detail, das hier keinen Sinn ergibt - und doch wichtiger sein könnte als es scheint. ... Welche Ausstellungsnarration würde sich wohl ergeben, würde man alle Bilder nochmal ausgehend von der Frage nach der Schildkröte umhängen?"
Außerdem: In der FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf den österreichischen Kunsthistoriker Rudolf Preimesberger. Besprochen werden die Ausstellung "Böse Blumen" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (FR) und die Erwin Wurm-Retrospektive in der Albertina Modern in Wien (NZZ).
In der FAZ stellt Hannes Hintermeier den Fotografen Heinz Gebhardt vor. Besprochen werden eine fotografische Serie von René Groebli in der Berliner Galerie Johanna Breede (Tsp), eine Ausstellung über den Austausch von Ideen und Künsten zwischen Ludwig XIV. von Frankreich und dem chinesischen Qing-Kaiser Kangxi im Hongkonger Palace Museum (FAZ), Ausstellungen des Malers und Einstein-Freunds Josef Scharl in der Berliner Galerie Nierendorf (Tsp), des französischen Künstlers Philippe Parreno im Münchner Haus der Kunst (Tsp), der israelischen Künstlerin Alona Rodeh im umgebauten Kunstmuseum Gelsenkirchen (monopol) sowie eine Ausstellung illustrierter Kinderbücher seit dem 19. Jahrhundert in der Münchner Pinakothek der Moderne (FAZ).