"Ivy", 2010, Viviane Sassen. Foto: Collezione Marmotti, Reggio nell'Emilia. Fasziniert streift Hanno Rauterberg für die Zeit durch die Ausstellung "This Body made of Stardust" in der Collezione Marmotti im italienischen Reggio Emilia. Die Fotografien der niederländischen Künstlerin Viviane Sassen eröffnen ihm einen Raum zwischen Realität und Traum. Es gelingt ihr, findet der Kritiker, "das Entrückte im Gegenwärtigen" auszuspüren, gerade da, wo man nichts sieht: "Wie Schwarze Löcher ziehen uns diese Schatten hinein, lenken die Blicke auf das, was nicht auszumachen, nicht zu erkennen ist. Und just auf diese Weise öffnet sich etwas, ein Raum der Imagination, der nicht flach ist, sondern rasch an Tiefe gewinnt. Es sind konspirative Schatten, die Schatten einer fotografierenden Bildhauerin. Schon sehr lange, im Grunde seitdem der Mensch sich selbst beobachtet, beobachtet er auch dieses seltsam dunkle Ding, das ihm beständig folgt, das er nicht abschütteln kann, das er besitzt, ohne darüber verfügen zu können. Sassen liebt die unheimlichen Schatten, in denen Menschen fast verschwinden."
In der Zeit ist Maxim Biller fuchsteufelswild angesichts von Jürgen Tellers "eleganten und völlig empathielosen Lager-und-Tod-Fotos", versammelt im Band "Auschwitz-Birkenau" (unsere Kritik): "Ich habe es inzwischen mindestens zehnmal, zwanzigmal durchgeschaut und dabei immer wieder gedacht: Was soll das? Wem hilft dieses fette, geschmackvoll gestaltete Coffee-Table-Book über das Signature-KZ der Nazis, zu verstehen, was damals die Opfer und die Täter gefühlt hatten? Warum soll ich mir auf vielen Seiten die wunderschönen, feuerrot leuchtenden Hagebutten-Büsche von Birkenau ansehen?"
Weiteres: In der Zeit stellt Berit Dießelkämper fest, dass Picassos Kriegsbild "Guernica" auch heute, wo wir täglich mit schrecklichen Bildern konfrontiert werden, noch eine stark abschreckende Wirkung entfaltet. Besprochen wird die Annegret-Soltau-Retrospektive "Unzensiert" im Städel Frankfurt (FAZ) und eine Ausstellung von Sun Yitian in der Berliner Galerie Esther Schipper (Tsp).
Wie, fragt sich Oliver Koerner von Gustorf auf monopol, reagiert Monica Bonvicini, eine der zentralen Protagonistinnen der queeren Kunst der 1990er, auf die politischen Herausforderungen unserer Zeit? Eine Soloschau in der Berliner Galerie Capitain Petzel dient ihm als Anschauungsgegenstand: "Oben in der Galerie eine Reihe von durchscheinenden, klassischen Kleiderhaken aus transparentem, buntem Glas, gelb, schwarz, türkis, an denen farblich abgestimmte Slips hängen. Das hat etwas unglaublich Intimes, aber auch etwas Leichtes, Nouvelle-Vague-mäßiges, den Geschmack von Godard-Filmen aus den Sechzigern oder Catherine Deneuve in Jacques Demys 'Die Regenschirme von Cherbourg'. Bonvicinis poetische Genauigkeit, mit der sie das Erbe der Moderne seziert, zu dem auch der Faschismus gehört, hat etwas Erleichterndes."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Jungle Worldbespricht Jens Kastner die eben erschienene Übersetzung einer Vorlesungsreihe Gilles Deleuze' über Malerei - und zitiert den wie stets eigensinnig denkenden Philosophen folgendermaßen: "Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der abstrakte Maler genau wie ein Delphin ist. Es sind Delphine, Maler-Delphine. Deswegen sind sie abstrakt. Ihr wahres Vorgehen besteht darin, einen Code für alle möglichen Stoffe und einen genuin analogen Inhalt zu erfinden. Sie pfropfen dem pikturalen Stoff einen durch und durch pikturalen Code auf. Damit erreichen sie etwas Geniales. Mit anderen Worten, das sind keine abstrakten Maler, es sind wahrhaft Meeressäugetiere. Wie mir scheint, ist es dasselbe Problem wie mit den Delphinen. Aber egal. Hauptsache, wir kommen ein wenig voran."
Lisa-Marie Berndt unterhält sich auf monopol mit der Fotografin Bex Wade darüber, was künstlerische Arbeiten gegen wachsende Transfeindlichkeit ausrichten können.
Besprochen werden die Schau "Park McArthur. Contact M" im Wiener Mumok (Standard), die Elisabeth Schraders Werk gewidmete Schau "Vager Raum" im Berliner Ladenlokal am Rosa-Luxenburg-Platz (Tagesspiegel, taz), eine Biedermeier-Ausstellung im Wiener Leopold-Museum (Standard), "L'Expérience de la nature. Les arts à Prague à la cour de Rodolphe II" im Louvre (NZZ) sowie die von Tom McCarthy kuratierte Medienkunst-Ausstellung "Holding Patterns" im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (taz). Außerdem wird in der FR die Ausstellung "Unter Pflanzen" im Bad Homburger Sinclair-Hausrezensiert, und zwar passenderweise von Sylvia Staude.
FAZ-Kritikerin Alexandra Wach versteht nur zu gut, warum das Werk des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader Kultstatus hat. Und, dass das nicht nur an seinem tragischen Verschwinden während einer Segelfahrt über den Atlantik vor fünfzig Jahren liegt, sondern auch an seiner Kunst, zeigt ihr eine beeindruckende Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Auffallend ist für die Kritikerin hier die Faszination des Künstlers für das Motiv des Falls - im philosophischen wie praktischen Sinn: "Auch in der fotografischen Arbeit 'Untitled (Tea Party)' von 1972, in der Ader durch ein Waldstück zu einem Silbergedeck kroch, um von einer Fallbox gefangen genommen zu werden, rückt das Fallen in den Vordergrund, nicht zuletzt mit der Anspielung auf die Tee-Party des exzentrischen Hutmachers aus 'Alice im Wunderland'. Ader hat den Fall nicht erfunden, rezipierte Wittgensteins 'Tractatus logicophilosophicus' und Camus' Roman 'Der Fall'. Aber keiner hat das Motiv des Kontrollverlusts so hartnäckig aufgegriffen wie er, wenn er sich etwa dabei filmte, wie er auf dem Fahrrad absichtlich in eine Amsterdamer Gracht 'ausrutschte' oder nach langer Hängepartie von einem Baumast in einen Fluss fiel."
Weiteres: In der FRgratuliert Ingeborg Ruthe dem Georg-Kolbe-Museum, dem ersten Nachkriegs-Museum im Berliner Westen, zum anstehenden 75. Jubliäum. Besprochen wird die Ausstellung "Gerhard Richter · 81 Zeichnungen · 1 Strip-Bild · 1 Edition" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp), "A History Of Influence" mit Werken von Mario García Torres im Fridericianum in Kassel (taz).
Im neuen Wiener Foto Arsenal lässt sich FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier mit der Ausstellung "Magnum. A World of Photography" das Unbekannte in den bekannten Fotos der Agentur Magnum zeigen: "Beginnend mit den Kriegsfotografien Robert Capas vom D-Day, Dennis Stocks 'James Dean am Times Square' (1955) oder Inge Moraths 'Ein Lama auf dem Times Square' (1957), wird der allzu vertraute Eindruck dieser Fotoklassiker unterlaufen, indem die Schau sozusagen die Rückseiten der Bilder in den Blick nimmt. Denn die aus dem Pariser Archiv der Agentur geliehenen Bilder erzählen eine eigene Geschichte, zeigen, was sonst verborgen bleibt: Anweisungen für die Mitarbeiter in der Dunkelkammer, an welchen Stellen die Bilder nachbearbeitet werden sollen, welchen Nutzungsbedingungen sie unterliegen. (…) Man folgt der Genese längst ikonischer Fotografien aus der Perspektive der Entwickler - Manipulation war auch damals schon fixer Bestandteil des Gewerbes."
Besprochen werden: Jürgen Tellers Fotografien "Auschwitz Birkenau" im Kunsthaus Göttingen (taz) und die Ausstellung "81 Zeichnungen - 1 Strip-Bild - 1 Edition" mit Gerhard Richters Zeichnungen in der Graphischen Sammlung München (Monopol).
Gestern startete das Gallery Weekend in Berlin. Viel russische Kunst ist zu sehen, zum Beispiel von Nadja Tolokonnikowa oder der "Bruderschaft der neuen Holzköpfe", einer Performergruppe aus Sankt Petersburg oder eine Ausstellung von Aktivisten und Künstlern rund um das in Russland verbotene Nachrichtenportal Meduza im Kunstraum Kreuzberg, erzählt Peter Richter in der SZ. Aber es geht natürlich auch ums Verkaufen: "Der kapitalismuskritische Vibe der vielen Demonstrationen, die an diesem Tag die Wege der Kunstbetriebsmenschen kreuzen, steht natürlich immer in einem gewissen Kontrast zu deren kommerziellen Nöten und Wünschen, die mit einer hochkarätigen Schaufensterausstellung (von Karin Sander bis Christian Jankowski) im Kaufhaus des Westens, KaDeWe, diesmal sogar einen symbolischen Ausdruck bekommen haben. Und während die einen mit grimmigen 'Ihr da oben'-Parolen auf Fahrraddemos Richtung Villenviertel radeln, knallen in der Kunstsammlung der Deutschen Bank absolut buchstäblich die Korken, denn Julian Charrière zeigt dort, als Kollateral-Event, eine Show, die vom Champagnerhaus Ruinart gesponsert wird - mit deren Produkt allerdings auch elementar zu tun hat: Es geht darin um die Korallen in dem Meer, das einst die Gegend der Champagne bedeckte, dem teuren terroir sozusagen erst seine Würze verlieh."
Die "Bruderschaft der neuen Holzköpfe" suchen Lücken im System. Foto: Alexander Lyashko/@societeberlin / Galerie BQ
Eine wunderbare Entdeckung - neben dem Werk der Künstlerin Elisabeth Schrader, Mutter von Maria, in der Stedi-Stiftung - sind für FAS-Kritiker Niklas Maak die schon oben erwähnten "Holzköpfe" aus St. Petersburg, die zwischen 1996 und 2002 rund hundert Performances veranstalteten, denen die Galerie BQ eine Ausstellung widmet: "Der zerfallende Ostblock hinterließ ein Vakuum, in dem, wie die Berliner Schau zeigt, eine besonders wilde, gut gelaunte russische Freiheit möglich wurde: Die Performer der 'Bruderschaft der Neuen Holzköpfe' posierten in Erdgruben, die im Bürgersteig aufgerissen wurden und die an einen rechteckigen Gordon Matta Clark erinnern, schossen einen Pfeil mit der Aufschrift 'Exit' durch die Kuppel einer reaktionären Kirche, machten sich in Nacktvideos über Männerbilder lustig, zerhackten Mobiliar, zündeten es an und brieten auf der Straße über dem Feuer Spiegeleier für alle."
Nadja Tolokonnikowa, Foto: Pussy RiotNadja Tolokonnikowa hat die Zelle nachgebaut, in der sie im russischen Arbeitslager in Mordowinien saß. Sie wäre gern zu ihrer Ausstellung bei Nagel Draxler nach Berlin gereist, hat sich aber nicht getraut, weil Russland sie auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt hat, und sie nicht weiß, wer sie ausliefern würde, erzählt sie im Interview mit der FAS. Sie versuche ständig, neue Medien auszuprobieren, sagt sie, aber sie performe auch noch. Zuletzt habe sie eine Protestperformance mit Studentinnen der University of Houston organisiert: "Gegen diese Zensur-Atmosphäre in den USA gerade... Wir wollten einfach zeigen, dass es in diesem repressiven Klima an den Universitäten schon reicht, wenn man als eine Gruppe von Frauen mit einem kryptischen Banner - eine Hommage an das 'Ideale Banner' des sowjetischen Künstlerduos Komar und Melamid - still zusammensteht, um als unerwünschter Protest wahrgenommen zu werden."
Mehr zum Gallery Weekend in der Welt, wo Gesine Borcherdt einen Rundgangvorschlägt, und im Tagesspiegel, wo Birgit Rieger über eine Christoph-Schlingensief-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie schreibt.
Weiteres: Marcus Woeller unterhält sich für die Welt mit dem Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy über ihre Ausstellungen zum zwanzigsten Geburtstag der Leipziger Baumwollspinnerei. Katharina Rustler spricht für den Standard mit der Wissenschaftlerin Kate Crawford, die beim neuen Kunstfestival Vienna Digital Cultures als Rednerin auftritt, über die Gefahren eines unüberlegten Umgangs mit KI.
Caravaggio: "Das Martyrium der Heiligen Ursula", 1610. Archivio Patrimonio Artistico Intesa Sanpaolo. Foto: Claudio Giusti Ausgerichtet wird die Jubiläums-Ausstellung "Caravaggio 2025" zwar vom Palazzo Barberini in Rom, begrüßt wird sie vom Vatikan dennoch: Offenbar hat die Kirche dem Maler verziehen, weiß Eva Clausen, die in der NZZerinnert, dass es die Katholische Kirche war, die die Todesstrafe gegen den Maler verhängte, als er 1606 einen Mord beging. Sieben Jahre zuvor war er erst von Kardinal Francesco Maria Del Monte für die Kirche entdeckt worden: "Caravaggio wagte es, die biblischen Ereignisse nicht als Andachtsbild huldvoll distanziert zu malen, sondern sie als dramatische Momente eines im Hier und Jetzt lebenden Evangelisten zu inszenieren. Die Gegenwart, das Rom der Schankstuben und Straßenhändler, bildete eine neue, nie gesehene Kulisse für die Episoden der Heiligen Schrift. Die Kirche war verblüfft, doch musste sie zugeben, dass gerade diese naturalistische, menschennahe und so wenig andächtige Darstellung die Gläubigen zutiefst ansprach."
Anlässlich der Initiative "Constellations", in deren Rahmen auch internationale Galerien in Warschau präsentiert werden, verschafft sich Philipp Hindahl für Monopol einen Überblick über die polnische Kunstszene, die sich langsam wieder von der Regierung unter der PiS-Partei erholt: zum Beispiel das Muzeum Sztuki Nowoczesnej, der "wichtigste kulturelle Ort des Landes". "Die Sammlungspräsentation umfasst 150 Werke, viele davon behandeln Themen, die unter der PiS-Regierung wenig Raum bekamen: Feminismus, LGBTQ-Rechte, aber auch die Shoah und der Krieg in der Ukraine. Man hört unterschiedliche Meinungen: Das Museum sei zu vorsichtig. Oder: Endlich weht ein frischer Wind. ... Im progressiven Lager hat sich vorsichtiger Optimismus ausgebreitet. Gleichzeitig ist da eine Nervosität, dass die aktuelle Regierung nicht von Dauer sein könnte, dass die Hoffnung, die rechtsgerichtete, kulturfeindliche PiS-Regierung hinter sich zu lassen, nur ein vorübergehendes Stadium ist." In der NZZmeint Felix Ackermann, dass die neue Regierung so viel in der Kultur gar nicht verändert.
Weitere Artikel: In der FAZ resümiert heute auch Gerald Wagner die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen (unser Resümee). In der SZ berichtet Nils Klawitter von Protesten der Tiroler Seilbahnbranche gegen die Kunstinstallation "Schnee von morgen", für die der Fotokünstler Lois Hechenblaikner im Tiroler Skigebiet Ellmau 230 Skier aus einem Speicherteich ragen lässt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Besprochen wird die Susan-Sontag-Ausstellung "Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn ("Sontag war eine Meisterin der Sichtbarmachung. ... Die Pose war Teil des Inhalts", lernt FR-Kritiker Michael Hesse).
Cyprien Gaillard: Retinal Rivalry, 2024 (film still), 3D motion picture. Foto: Sprüth Magers Berlin Zehn Jahre war es still um Cyprien Gaillard, der spätestens mit seiner Arbeit Artefacts, für die er 2011 durch den zerstörten Irak reiste und die Reste des antiken Babylons filmte, berühmte wurde. Nun ist der Pariser Performancekünstler zurück, freut sich Gabriel Proedl, der Gaillard für die Zeit gleich ein paar mal in Paris und München getroffen hat. München spielt auch in Gaillards aktueller filmischer Arbeit "Retinal Rivalry", die im Rahmen des Gallery Weekends bei Sprüth Magers in Berlin gezeigt wird, eine Rolle. Erneut arbeitet er sich am von Hitler geplanten Haus der Kunst ab: "Zu sehen sind eine Totale der Theresienwiese während des Oktoberfests, Wanderwege in Sachsen, das Michael-Jackson-Memorial beim Bayerischen Hof in München oder eben das Haus der Kunst. Die Methode ist schon etwas außergewöhnlicher: Die Alltagsszenen filmte Gaillard mit zwei höchstauflösenden Arri-Kinofilmkameras, die eigentlich für Ultrazeitlupen-Aufnahmen konzipiert sind. ... Durch die hohe Frame-Rate und die gewaltige Helligkeit der 3D-Bilder wirkt die Welt kurz, als würde sie durch Facetten-Augen einer Fliege betrachtet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Welt resümiert Boris Pofalla die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen, aber klare Worte zum seit dem 7. Oktober verstärkt grassierenden Antisemitismus in der Kunstwelt vermissen ließen, wie Pofalla anmerkt. Hutter vertritt in "Anstößige Bilder. Gesellschaftskampfspiele um den documenta- fifteen-Skandal" die These eines "konservativen Backlash": Die deutschen Medien seien dem Kollektiv Ruangrupa mit Ignoranz begegnet, es herrsche ein "Nicht-Kennen-Wollen der kulturellen Umgangs- und Traditionsformen, die in anderen Gegenden der Welt gängig sind." Bude geht in "Kunst im Streit" hingegen vom "Niedergang einer Orthodoxie, 'dem Ende des durchgehenden globalen Kunstsprechs" aus und widerspricht Hutte vehement: Man könne an indonesische Künstler keine anderen Maßstäbe ansetzen, "schließlich bewegten sich alle im selben System, dem der bildenden Kunst, und Kunst sei 'eine Form des Übersetzens'."
Weitere Artikel: Private Kunstmuseen boomen, vermutlich auch aufgrund der anwachsenden Vermögenskonzentration bei Superreichen, schreibt Florian Heimhilcher in der FAZ. Das Publikum darf sich freuen, staatliche Museen ziehen indes den Kürzeren, etwa beim Erwerb von Werken lebender Künstler, die, sobald sie in Privatmuseen hängen, höhere Verkaufspreise erzielen: "So berichtet der französische Soziologe Alain Quemin darüber, dass staatliche Käufer zunehmend aus dem Markt für begehrte zeitgenössische Künstler gedrängt werden." Kathleen Reinhardt, aus Thüringen stammende Direktorin des Berliner Georg-Kolbe-Museums, wird auf der Biennale in Venedig kommendes Jahr den deutschen Pavillon kuratieren, meldet Jörg Häntzschel in der SZ erfreut: "In ihrer Arbeit hat sie sich auch immer wieder mit der Geschichte der ehemaligen sozialistischen Länder beschäftigt und sie mit Postkolonialismus und Black Studies in Beziehung gesetzt." In der FAZ betrachtet Stefan Trinks das Gemälde, das Trump im Weißen Haus aufhängen ließ, und das ihn als Märtyrer mit "perforiertem Ohr" zeigt.
Besprochen werden die Viviane Sassen-Ausstellungen: "This Body Made of Stardust" in der Collezione Maramotti sowie die Ausstellung "Being Twenty" in Chiostri Di San Pietro und im Palazzo da Mosto, beide in Reggio Emilia (taz) und die und die Ausstellung "Anselm Kiefer - Sag mir wo die Blumen sind" im Van-Gogh-Museum und im Stedelijk-Museum in Amsterdam (NZZ).
Frank Auerbach: "Self Portrait". 2024, Acryl auf Holz. Foto: Galerie Michael Werner 1939 wurde der jüdische, in Berlin geborene Maler Frank Auerbach von seinen Eltern aus Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis nach London geschickt, dort wurde er als einer der Vertreter der "School of London" bekannt. Nach seinem Tod im November des vergangenen Jahres zeigt die Berliner Galerie Michael Werner zum ersten Mal überhaupt Bilder von Auerbach in Berlin. Doch taz-Kritiker Martin Conrads erfährt von Kuratorin, Auerbach-Biografin und Modell Catherine Lampert, dass dem Maler die Ausstellung zwar gefallen hätte, nach Berlin gereist wäre er hingegen nicht: "Während der stundenlangen Modellsitzungen habe Auerbach den irischen Dichter William Butler Yeats zitiert, während er mit den Pinseln jonglierte und eine Farbschicht nach der anderen auftrug, um sie dann wieder abzukratzen, bis das Bild für ihn fertig war, aber Dinnereinladungen etwa habe er eher ausgeschlagen. Seine haptischen Porträts, die er selbst mit Goyas Spätwerk verglichen hat und die andere schon an präkolumbianische Terrakottaobjekte erinnerten, wollte er für sich selbst sprechen lassen, sein Werk nicht mit seiner Biografie in Verbindung bringen lassen; einen impliziten Einfluss des Holocaust auf sein Werk habe er abgestritten."
Weitere Artikel: In der Welt nutzt Cornelius Tittel die Yoko-Ono-Doppelausstellung im Martin-Gropius-Bau und in der Neuen Nationalgalerie, um bitterböse mit Direktor Klaus Biesenbach abzurechnen: Onos Kunst hält Tittel mitunter für "Partizipationskitsch" - und wie jemand wie Biesenbach es trotz nur "durchwachsener Leistungen" zum Direktor der Neuen Nationalgalerie gebracht hat, ist Tittel ein Rätsel: "Einen Mangel an Substanz durch eine Erweiterung der Machtbasis auszugleichen, ist auch eine Strategie." Charlie-Hebdo-Zeichner Luz hat Otto Müllers Bild "Zwei Halbakte" aus dem Jahr 1919, das später in der Münchner NS-Ausstellung "Entartetete Kunst" hing, als Graphic Novel verarbeitet, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Benno Stieber staunt in der taz, wie gut die Avatare funktionieren, die ihn in Landesausstellung "Uffruhr" in Bad Schussenried durch die Bauernkriege führen.
Dass es mit unserer Zivilisation bald vorbei sein könnte, sieht FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier in der Kunsthalle München, wo die seit 2018 auf Weltreise befindliche Wanderausstellung "Civilisation. Wie wir heute leben" Fotografien vom Klimawandel zeigt: "240 Bilder von 110 Fotografen, wenig bekannten, aber auch sehr bekannten. Der Großteil kann auch als Appell an den Betrachter gelesen werden: Prüfe dich, inwieweit du Mitverursacher und Nutznießer bist. Denn der Mensch vergeht im Anthropozän, und dazu braucht er Rohstoffe für die Handyproduktion. Edward Burtynsky dokumentiert etwa den Preis, den der Lithium-Abbau in der chilenischen Atacama-Wüste fordert. Die Becken schimmern in aparten Grün-, Gelb- und Silbertönen, geben auf den ersten Blick ihren toxischen Charakter nicht preis, sondern wirken wie ein überdimensionaler Malkasten inmitten einer steinigen Ebene."
Weiteres: Die tazporträtiert den samischen Künstler Anders Sunna, der in Schweden Debatten um Identität und Rechte von Minderheiten angestoßen hat. Die FAZ gratuliert dem südafrikanischen Künstler William Kentridge zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ schüttelt Ursula Scheer den Kopf ob der Bestrebungen Donald Trumps, einen Skulpturenpark mit 250 "amerikanischen Helden" bauen zu lassen.
Artur Riedel: Frau mit Wasserball, 1932. Sammlung Suter, Basel. Im Chemnitzer Museum Gunzenhauser gibt es derzeit mit "European Realities" eine Ausstellung von "Weltrang" zu sehen, verspricht Andreas Platthaus (FAZ), der gleich 190 Künstler des Realismus' aus 22 Ländern kennenlernt, die auf je ganz eigene Weise auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre reagierten. Wer kennt etwa den im Spanischen Bürgerkrieg exekutierten Maler Torsten Jovinge oder den in einem stalinistischen Schauprozess in Tiflis erschossenen Maler Romans Suta? Zu sehen ist hier aber auch, wie in den Dreißigerjahren der künstlerische Realismus dann in jene "idealisierende Darstellungsform" kippte, "die Nationalsozialisten wie Kommunisten gleichermaßen begeistern sollte, exemplarisch vorgeführt an Gerhard Keils 'Turnerinnen' von 1939. Wenn mit Ernst Nepos Porträt einer vierköpfigen Musterfamilie das 1929 gemalte Werk eines später federführenden österreichischen NS-Kunstfunktionärs neben den malgestisch ähnlichen 'Drei Kindern' (1926) des als 'entartet' gebrandmarkten und trotzdem von Rudolf Heß geschätzten Georg Schrimpf hängt, ist das eine jener Konstellationen, die der Chemnitzer Ausstellung besonderen Reiz verleihen."
Vor fünfzehn Jahren wurde der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi verhaftet, der heute bestens von eigenen Werken leben kann. Anlass für das FAS-Feuilleton, auf sieben Seiten über Original und Fälschung nachzudenken: Jonathan Guggenberger lässt sich von Liz Haas und Luzius Bernhard vom Kunst-Team UBERMORGEN und der Silicon-Valley-Aussteigerin und Netzkünstlerin Gretchen Andrew erklären, wie subversiv heute noch die absichtliche Verwischung von Original und Fake sein kann: "Online ist es supereinfach, mit Kopien oder Fälschungen zu täuschen", sagt Andrew. "Interessanter ist es aber, Kunst zu machen, die Systeme untergräbt, Technologie herausfordert. In meiner Arbeit richtet sich der Witz auf das System selbst, nicht auf einzelne Personen. Frühe Netzkunst tendierte dazu, das Publikum in die Irre zu führen, aber das Irritieren von Systemen - wie das der Kunstwelt oder die, die definieren, was ein Original ist - ist viel mächtiger."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Der Kunsthistoriker Peter Geimer erinnert an die Fälschungen des Niederländers Han van Meegeren, der seit den 1930ern sieben falsche Vermeers, darunter eines an Hermann Göring, verkaufte. Anhand des "Handbuchs für Kunstfälscher" des Malers und Kunstfälschers Eric Hebborn erklärt Geimer, wie die perfekte Fälschung selbst Kunsthistoriker täuscht. Niklas Maak fragt sich im Aufmacher, was der Kunstmarkt eigentlich angesichts rapide wachsender Fälschungen tut. Mark Siemons überlegt mit Theorien von Hans-Ulrich Gumbrecht, Markus Gabriel und Peter Sloterdijk, wie aus Fälschungen Kunst wird. Tobias Rüther erinnert daran, wie Wolfgang Herrndorf als Maler, der vor allem alte Meister imitierte, scheiterte. Laura Helena Wurth besucht das Berliner Rathgen-Forschungslabor, das älteste Museumslabor der Welt, das Bilder auf ihre Echtheit prüft. Der Medienwissenschaftler Roland Meyer beschreibt die Enteignung der Künstler durch KI, die gleichzeitig dazu dient, Geschichte umzuschreiben (mehr in 9p).
Weitere Artikel: Nie gab es eine Ausstellung mit Bildern des jüdischen Malers Frank Auerbach, der als Kind vor dem Holocaust von Berlin nach London fliehen konnte, in seiner Geburtsstadt zu sehen. Die Galerie Michael Werner widmet Auerbach nun eine erste Ausstellung in Berlin, an der der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren gestorbene Maler noch mitwirkte, wie Max Dax im Welt-Gespräch mit dessen Biografin Catherine Lampert erfährt: "Nachdem er Reisen nach Deutschland jahrzehntelang vermieden hatte, war Frank von der Idee regelrecht begeistert, mit 93 Jahren ein erstes Mal in seiner Heimatstadt auszustellen." Für den Tagesspiegelwirft Christiane Meixner einen Blick auf das kommender Berliner Gallery Weekend.
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