Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2025 - Kunst

Bild: Sumi Anjuman, I am the Mother too, 2019 Tintenstrahldruck, Dauerleihgabe der Freunde des Kunstpalastes, Foto: © Sumi Anjuman

Mutterschaft, so viel lernt Hubert Spiegel in der FAZ in der Ausstellung "Mama. Von Maria bis Merkel" im Düsseldorfer Kunstpalast, wird seit eher "verklärt, verkannt, entstellt, benutzt und instrumentalisiert". In 120 Gemälden, Skulpturen, Fotografien und Objekten vom vierzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart begegnet der Kritiker den zahlreichen Ansprüchen und Erwartungen an Mütter: "Die Ausstellung zeigt Mütter, wie sie sich selber sehen ... Schönstes Beispiel: Ein Foto des Künstlers Aldo Giannotti, der seiner Mutter ein Plakat mit der Aufschrift 'MOM' in die Hand gedrückt hat, um ihr dann ein Seil um die Füße zu schlingen und sie kopfüber von der Decke baumeln zu lassen. Natürlich steht nun auch das Plakat auf dem Kopf. Seine Aufschrift lautet nun: 'WOW'. Manches ist lustig, anderes beklemmend, und manches, wie eine frühe elektrische Brustpumpe aus den Fünfzigerjahren oder Annoncen für Johnson's Babypuder mit riesigen Säuglingen und däumlingskleinen Müttern, ist beides zugleich."

Bild: Tata Ronkholz: Trinkhalle, Köln-Nippes, Merheimer Straße 294, 1983 © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025

Gleich zwei wichtige Würdigungen entdeckt Marcus Woeller (Welt) in der SK Stiftung Kultur in Köln. Zum einen widmet das Haus der Becher-Schülerin Tata Ronkholz eine längst überfällige Retrospektive - zum anderen wird hier die zum regionalen Kulturerbe erhobene "Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet" gewürdigt, die Ronkholz auf ihren "Wimmelbildern" bis 1985 festhielt: "Lange, bevor die Politik das soziale Wesen der Kioske (wie Büdchen/Trinkhalle andernorts unzureichend genannt werden) erkannte, hatte die Fotografin Tata Ronkholz Büdchen und Trinkhalle bereits ein Denkmal gesetzt. Sie erkannte, dass diese Orte eine eigene Ästhetik artikulieren - in der Architektur und der Gestaltung der Auslage. (…) Besonders liebenswert ist die Trinkhalle in Düsseldorf-Gerresheim, die sich zwischen ein Wohnhaus und eine Garage klemmt. Wahrscheinlich keine zwei Meter breit, hat sie doch alles, was ein Büdchen ausmacht. Manche sind tatsächlich nichts weiter als Buden, etwa der kleine Schuppen, der sich im bergischen Odenthal an ein Fachwerkhaus schmiegt. Andere scheinen unter dem Budenzauber aus Bierwerbung fast zusammenzubrechen."

"Der Kanon der bildenden Kunst ist verwestlicht", sagt die Polin Alicja Knast, Direktorin der Nationalgalerie Prag im Gespräch mit Tomasz Kurianowicz (Berliner Zeitung), in dem sie ihr Ziel für die Nationalgalerie formuliert: "Menschen kennen die Namen von Picasso und Van Gogh. Aber sie kennen nicht die Namen von Kubišta und Zrzavý. Diese Werke haben es aufgrund der Sprachen, in denen diese Künstler beschrieben wurden, nicht in den Kanon geschafft. Die Ausweitung des Kanons ist eines unserer wichtigsten Ziele."

Weitere Artikel: Hilke Dirks besucht den montenegrinischen Künstler Dante Buu für die taz in seinem Atelier. Der Vorsitzende der Hilma-af-Klint-Stiftung und Großneffe der Künstlerin, Erik af Klint, forderte in der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ein Museumsverbot für die Werke der Malerin, meldet Tobias Timm in der Zeit: "In Zukunft sollen af Klints Bilder nach seinem Willen nur noch in einem Tempel für eine ausgewählte Gruppe 'spirituell Suchender' gezeigt werden." Drei große Ausstellungen eröffnet der Künstler Wolfgang Tillmans dieses Jahr, im Haus Cleff in seinem Heimatort Remscheid, im Pariser Centre Pompidou und im Dresdner Albertinum. Im SZ-Porträt von Peter Richter erzählt er, dass er zudem in Charkiw ausstellen wird und weshalb das Schauen auch politisch ist.

Besprochen wird die Ausstellung "Gläsern - forms of uncontrolled control" im Schloss Biesdorf (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2025 - Kunst

Leonardo da Vinci | Stehender männlicher Akt, um 1503-1506 | The Royal Collection / HM King Charles III, Windsor Castle © Royal Collection Enterprises Limited 2025 | Royal Collection Trust

Schwelgerisch lustwandelt FAZler Stefan Trinks durch eine Ausstellung in der Wiener Albertina, der es gelungen ist, ganze 26 Zeichnungen Leonardos an einem Ort zu versammeln. Umgeben sind sie von zahlreichen Meisterwerken Dürers, Tizians und anderer. Ganz besonders angetan ist Trinks von der Farbigkeit der ausgestellten Arbeiten. Dank der oft ins Surreale spielenden Kolorierung "imaginiert man (…) fast immer unterbewusst eine abgerückte Welt. Leonardos Pferdestudien für das sieben Meter hohe Bronze-Reiterdenkmal für Francesco Sforza in Mailand schweben genauso im blauen Luftreich der Utopie wie seine unfassbare anatomische Studie eines Pferdelaufs, eines menschlichen Beins und eines Kentauren daneben - was nichts anderes bedeutet, als dass er in einem imaginären Überschuss fest von der Existenz der Pferdemenschen ausgeht und einen frankensteinschen Mix aus beidem aufs Blatt wirft."

Saskia Trebing überlegt sich auf monopol, was es bedeutet, wenn in Washington, offensichtlich auf Druck der Trump-Regierung, ein "Black Lives Matter"-Schriftzug von einer Washingtoner Straße entfernt wird. Geht es dabei lediglich um verzichtbare Symbolpolitik, auf die sich die politische Linke zuletzt allzu oft konzentrierte? Keineswegs, findet Trebing: "Für Trump und seine Mitstreiter ist das Symbolische alles andere als nebensächlich. Sie wollen kontrollieren, wie künftig gebaut wird; wollen bestimmen, was im Kennedy-Kulturzentrums aufgeführt wird und was nicht. Das brutale Vorgehen gegen die Rechte von trans Menschen sind genauso Teil eines culture war wie die offensive Inszenierung einer geldgetränkten, weißen Vulgär-Elite."

Außerdem: Jan Kage spricht für monopol mit dem Autor und Kurator Christoph Tannert über Untergrundkunst in der DDR.

Besprochen werden Elisabeth Neudörfls Schau "Ansichten von K." (wie Kaiserslautern) in der Barbara Wien gallery, Berlin (taz), die Protestbewegungen unter anderem gegen die letztes Jahr abgewählte PiS-Regierung gewidmete Ausstellung "The Impermanent" im Museum für Moderne Kunst in Warschau (SZ), Kristian Schullers Fotografieausstellung "Pictures" im Kunstraum Potsdam (Tagesspiegel) und Sonya Schönbergers Installation "Nägel" in der Berliner Kulturkirche St-Matthäus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2025 - Kunst

Isa Genzken, Schauspieler, 2016. Ausstellungsansicht im Antikensaal. Foto © Norbert Miguletz


Das passt aber gut zusammen, findet Stefan Trinks in der FAZ: In einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus treffen die Skulpturen der Künstlerin Isa Genzken auf Werke von ägyptischer Zeit bis ins 18. Jahrhundert. Eine vielversprechende Kombination, so Trinks, denn "in einer viele tausend Jahre umspannenden Sammlung wie der Frankfurter fügen sich Genzkens Werke geradezu harmonisch ein, weil Kunst und insbesondere Hoch- und Hofkunst häufig dem Exzess frönte, und das nicht nur im Manierismus." Die Skulpturen ergänzen und verstärken ihre Wirkung gegenseitig: "Eine weiße Gips-Pharaonin steht neben einer kräftig farbig gefassten auf von der Künstlerin entworfenen filigranen Holz-Ziehharmonika-Sockeln; beide tragen eloxierte Sonnenbrillen, die Nofretetes Eleganz trotz Verhängung des Blicks der geblendeten Gottkönigin noch betonen. Oder genauer: noch fokussieren, denn durch die semitransparente Brille der bunten Schönheitsgöttin sieht man deren Augen deutlich, und so kann der Betrachterblick den Pharaonenblick quer durch den Saal verfolgen."

Weiteres: Maritta Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über den Verbleib eines Glasfrieses des Künstlers Hans Vent aus DDR-Zeiten. Nicola Kuhn greift im Tagesspiegel die Raubkunst-Affäre um die Bayerische Staatsgemäldesammlung auf (unsere Resümees). Besprochen wird die Ausstellung "Polaroids. Helmut Newton Stiftung" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 - Kunst

Weiteres: In der NZZ denkt Philipp Meier über die Aura des Originals nach. Besprochen werden die Ausstellung "Kykladitisses. Unerzählte Geschichten der Frauen auf den Kykladen" im Museum für Kykladische Kunst in Athen (FAZ), die Ausstellung "Udo Lindenberg - Panik in Tübingen" im Neuen Kunstmuseum Tübingen (FAZ), zwei Ausstellungen zum Achtzigsten von Anselm Kiefer im Amsterdamer Stedelijk und im Van Gogh-Museum (SZ), die Ausstellung "Undermining the Immediacy" im MMK Tower in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Mensch Berlin" zum vierzigjährigen Jubiläum der Kunstsammlung der Berliner Volksbank (tsp), die Neupräsentation der Glassammlung im Kunstpalast Düsseldorf (taz) und die Ausstellung "So flows the tide of things" mit Werken von Yaşam Şaşmazer in der Zilberman Galerie in Berlin (taz).
Stichwörter: Kunstpalast Düsseldorf

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2025 - Kunst

Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger rast in der Ausstellung "Many Worlds Over" auf dem Motorrad durch ein zertrümmertes Seoul - zumindest virtuell. Der Hamburger Bahnhof in Berlin hat der koreanischen Videokünstlerin Ayoung Kim ihre erste Einzelausstellung in Deutschland gewidmet, in der ihre Werke auf riesigen LED-Bildschirmen zu sehen sind. Durch "geschickt integrierte Spiegel sind digitale Bewegtbilder, Spiegelbilder und Realität oft nicht auseinanderzuhalten" und so wird Rieger mitten hineingezogen in Kims Werkzyklus 'Delivery Dancer', indem "es um Lieferdienstfahrerinnen get, die in Megacitys wie Seoul Kurierfahrten erledigen, totalüberwacht und gesteuert von einer App, die Bestellungen verwaltet und optimale Routen berechnet. Die strenge KI, die alles managt, nennt sich 'Dancemaster'. Sie ist auf Produktivitätssteigerung programmiert. Die großen Player der sogenannten Gig Economy mit ihren ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnissen, allen voran Uber, standen Pate. Ständig heißt es: schneller fahren, der nächste Auftrag wartet, beeile dich!"

Drei große Ausstellungen eröffnet der Künstler Wolfgang Tillmans dieses Jahr, im Haus Cleff in seinem Heimatort Remscheid, im Centre Pompidou und im Dresdner Albertinum. Im FAZ-Interview erzählt er, dass es außerdem ein besonderes Anliegen für ihn war, eine Ausstellung mit dem ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov in Charkiw zu organisieren. Und, warum man im Kriegsgebiet nicht nur Waffen braucht, sondern auch Kunst: "Ich finde es schwierig, da eine Entweder-oder-Position einzunehmen. Was ich von Ukrainern höre, ist, dass es dort einen wahnsinnigen Hunger nach Kultur und Dialog gibt, weil eben keiner hinkommen kann. Man darf sich gar nicht zusammenfinden in öffentlichen Räumen, und diese Ausstellung ist in diesem Fall nur möglich, weil das Yermilov Center unterirdisch ist und aus Beton. Die Ermüdung nach drei Jahren ist enorm, und wenn ich einen Beitrag leisten kann, dass auch die menschliche Dimension dieses Überfalls nicht in Vergessenheit gerät, tue ich das gerne. So hatte ich auch umgekehrt hier in Berlin mit meinem Ausstellungsraum Between Bridges die 'Kyiv Biennale 2024' mitveranstaltet."

"Dass Nachkommen der einstigen Eigentümer von Raubkunst hingehalten und von einem der bedeutendsten Museen des Landes Kunstwerke zurückgehalten werden, ist unerträglich" - Charlotte Knobloch meldet sich in der SZ empört im Raubkunst-Skandal um die Bayerische Staatsgemälde-Sammlung zu Wort (unsere Resümees): "Die Verantwortlichen müssen jetzt schnellstmöglich Klarheit schaffen - und geraubtes Gut endlich zurückgeben. Dass der Bayerische Landtag nun einstimmig entsprechende Maßnahmen beschlossen hat, ist ein erster unerlässlicher Schritt. Die Eigentümer und ihre Erben haben einen Anspruch auf eine zügige Umsetzung. Das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politik und Museen in Sachen Restitution geraubten Gutes ist erschüttert - es darf nicht verspielt werden."

Weiteres: In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe Anselm Kiefer zum Achtzigsten, in der FAZ besucht Stefan Trinks die ihm zu diesem Anlass gewidmeten Ausstellungen im Amsterdamer Stedelijk und im Van Gogh-Museum (mehr hier). NZZ-Kritiker Philipp Meier freut sich über die Wiedereröffnung des Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten in Winterthur. Besprochen wird die Ausstellung "Tata Ronkholz: Gestaltete Welt - eine Retrospektive" in der SK Stiftung Kultur in Köln (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2025 - Kunst

Nicht sehr gönnerhaft greift Patrick Bahners in der FAZ die Berichterstattung der SZ über mangelnde Restitutionen geraubter Kunstwerke der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf (unsere Resümees). Die SZ beachte gar nicht, das die Bayern gar kein Personal haben - als sei die Besetzung solcher Abteilungen nicht eine politische Entscheidung: "Für die Bearbeitung von 5.300 Verdachtsfällen sind zweieinhalb Personen zuständig: In der Berichterstattung der Süddeutschen wie in den Reden der Landtagspolitiker fehlt jede Abschätzung des Tempos und des Niveaus der Arbeit, das bei diesem Zahlenverhältnis realistischerweise erwartet werden kann. Mit Zahlen wird gerne die Dringlichkeit des Themas beschworen, aber Rechnungen unterbleiben, weil sie das Skandalisieren erschweren." Und überhaupt beruhe die Berichterstattung der SZ auf einer "falschen Behauptung": "'Alarmstufe Rot' - im Artikel mit dieser Überschrift steht, die rote Markierung in einer Liste, die der Zeitung zugespielt wurde, stehe für das Wissen und die Überzeugung der Zuständigen, dass 'eindeutig Raubkunst' vorliege und "sofortige Rückgabe erforderlich" sei. In Wahrheit bedeutet die höchste Stufe auf der Ampelskala... den dringlichsten Aufklärungsbedarf." Gestern hatte Jörg Häntzschel in der SZ gerade die mangelnde Priorisierung des Themas als Hinhaltetaktik thematisiert (unser Resümee).

Anselm Kiefer: Steigend, steigend, sinke nieder, 2024. Foto: Michael Floor.


Zum achtzigsten Geburtstag bekommt Anselm Kiefer eine Ausstellung, die in zwei Museen gleichzeitig gezeigt wird: Sowohl das Stedelijk als auch das Van Gogh-Museum in Amsterdam zeigen "Sag mir, wo die Blumen sind." Kiefer erkennt Tagesspiegel-Kritikerin Alexandra Wach darin einmal mehr als "notorischen Ruhestörer, der mit seiner auf stoffliche Opulenz setzenden Erinnerungsarbeit stets darauf bestanden hat, dass nicht nur die Deutschen rechtsextreme Bewegungen im Auge behalten sollten, angefangen mit den provokanten Selbstporträts mit Hitlergruß bis hin zu späteren Installationen, die an megalomanische Führerbunker denken lassen. (…) Die neue Installation 'Steigend, steigend, sinke nieder' wirkt da in ihrer Reduktion auf Schwarz-Weiß fast wie ein Fremdkörper, wenn auch einer, der direkt einem Bombenhagel entstammen könnte. Myriaden von verstaubten Fotografien und Filmspulen baumeln an Bleibändern von der Decke, motivisch dominieren Landschaften und Architektur."

Weitere Artikel: Die erste Auktion mit KI-Kunst lässt das Auktionshaus Christies und den Standard unterwältigt zurück.

Besprochen werden: Die Caspar David Friedrich-Ausstellung "Die Seele der Natur" im Metropolitan Museum of Art (Monopol), Ayoung Kims "Many World Over" im Hamburger Bahnhof (Tagesspiegel), "Leonardo - Dürer. Meisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund" in der Wiener Albertina (Standard) und Wolfgang Tillmans "Weltraum" in der Albertina Dresden (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2025 - Kunst

Shu Lea Cheang. KI$$ KI$$. Home Delivery. Installationsansicht. Haus der Kunst München, 2025 Foto: Milena Wojhan

In den Installationen und Performances der taiwanesisch-amerikanischen Künstlerin Shu Lea Cheang geht es um Rassismus, Datenmüll, Überwachung, Biotechnologien, KI und Robotik, erklärt Gabi Czöppan (Tagesspiegel), die sich im Münchner Haus der Kunst in der Schau "Kiss Kiss Kill Kill" gern auf einen Science-Fiction-Parcours einlässt: "In den drei Räumen hört man Maschinen fahren und Schafe blöken, Essensgeruch liegt in der Luft, Computertasten krachen aus Röhren auf den Boden, und Pilze senden über Drähte stumme Botschaften, die sich in Musik verwandeln und für gute Stimmung sorgen. Am Anfang transportieren Miniroboter leere Pappschachteln von einer Wand zur anderen - doch das 'Home Delivery', so der Titel des Raums, endet mit einem Berg aus Papiermüll, der immerhin recycelbar ist. Gegen die unsinnige Leerfracht rebellieren die Maschinen, indem sie auf ihrer Fahrt den künstlichen Geruch von hausgemachten Lunchpaketen verdampfen. Mittendrin steht ein runder Tisch mit den Schädeln von Schafen."

In der SZ liefert Jörg Häntzschel nach im Raubkunst-Skandal der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Entgegen der öffentlichen Beteuerungen nenne ein bereits auf den Mai 2022 datierter und von den beiden damaligen Stellvertretern von Generaldirektor Bernhard Maaz an diesen adressierter Brief 6000 zu überprüfende Werke, von denen rund 1000 rot oder orange eingestuft wurden: "An dieser Stelle, so die Autoren, beginnen die Probleme. Es sei für die weitere Untersuchung dieser 1000 Fälle 'keine Priorisierung und Zeitschiene vorhanden'. Weder die Leitung der Staatsgemäldesammlungen noch die Leitung der Provenienzabteilung hätte Kriterien formuliert, welche Bilder als erste zu untersuchen seien und welche warten könnten. Angesichts der riesigen Menge und des großen Zeitaufwands, der mit der 'Tiefenrecherche' verbunden ist, ist diese Frage essenziell: Wann wird die Herkunft eines Bildes ermittelt, wann werden die Erben kontaktiert, wann wird die Restitution eingeleitet?"

In einem Welt-Essay stellt sich Hans-Joachim Müller die Frage, warum andere deutsche Städte schaffen, was Berlin nicht gelingt: Zündende Ausstellungsideen. "Es liegt etwas seltsam Defensives über der Berliner Museumspolitik. Als sollte alles tunlichst vermieden werden, was nach Auftrumpfen, nach zu viel Glanz aussehen könnte." Seine Diagnose: "Vielleicht ist das museale Pflichtenheft schlicht zu üppig ausgefallen. Vielleicht kranken die Berliner Museen an ihrer historisch aufgelaufenen Überforderung."

Weiteres: Marion Ackermann wechselt an die Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, als neuer Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden folgt ihr Bernd Ebert, der nicht überzeugt ist, dass Museen "Orte der Demokratie und niedrigschwelliger sein müssen", wie er im SZ-Gespräch mit Peter Richter sagt. Besprochen wird die Schau "Isa Genzken meets Liebighaus" im Frankfurter Liebighaus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2025 - Kunst

Sung Tieu, 1992, 2025. Grafik von Dan Solbach. © die Künstlerin.

Die Künstlerin Sung Tieu kam als Tochter eines vietnamesischen ehemaligen DDR-Vertragsarbeiters 1992 nach Deutschland. In ihren Arbeiten, denen die Berliner Kunstwerke derzeit eine Soloausstellung widmen, thematisiert sie Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland. Jens Hinrichsen betrachtet für den Tagesspiegel Werke, "die von Spannungen zwischen individuellen Lebensrealitäten und behördlicher Regulierung erzählen. Die Familiengeschichte der Künstlerin wird auch in der Ausstellung widergespiegelt. Die Fotoarbeit 'What holds us here?' zeigt Sung Tieu mit ihrer Mutter auf einer Bank sitzend, als Bild im Bild, das auf einer öffentlichen Plakatfläche erscheint. Ein intimer Moment, der auf einen regennassen Bahnsteig verpflanzt wird: Das Private wird auf unangenehme Weise politisch."

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Ingo Arend stellt in der taz Ahmet Güneştekin vor, einen türkischen Künstler, dem das Istanbuler Museum Feshane derzeit eine Werkschau widmet und der in seinen Arbeiten politische Kritik mit massentauglicher Ästhetik verbindet. Das bringt durchaus auch Schwierigkeiten mit sich: "Güneştekins Werk verkörpert paradigmatisch das Dilemma politischer Pop-Art: Kritische Ideen, gefällige Umsetzung - es ist so bunt, dass es die Kritik gleichsam in eine Ware verwandelt. Als Güneştekin 2021 im kurdischen Diyarbakır in seiner Ausstellung 'Erinnerungsraum' 34 farbige Särge in einem Festungsturm der Stadtmauer platzierte, um an die Zivilist:innen zu erinnern, die bei einem Feldzug der türkischen Armee gegen die Kurd:innen zehn Jahre zuvor getötet worden waren, wetterte der türkische Innenminister gegen ihn, die Hinterbliebenen der Opfer dagegen sahen deren Andenken verhöhnt."

Mehrere Medien (Tagesspiegel, FAZ, Berliner Zeitung, monopol) kommentieren die Ernennung Bernd Eberts zum neuen Chef der Dresdner Museen. In Belgien ist ein gestohlenes Breughel-Gemälde aufgetaucht, berichtet unter anderem der Standard. Auf monopol meint Charlie Stein: gerade angesichts des Rechtsrucks in unserer Gegenwart braucht es Geld für Kunst. Patrick Guyton fasst in der FR noch einmal den Skandal um die verschleppte Raubkunst-Rückgaben bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zusammen (siehe unter anderem hier). In der taz wiederum beschäftigt sich Klaus Hillenbrand mit einem anderen Raubkunstfall: dem Welfenschatz.

Besprochen werden die Schau "Kosmos Blauer Reiter" im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ, FR) und Monika Maurer-Morgensterns Soloschau "Szenen auf Papier" im Berliner Achim Freyer Kunsthaus (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2025 - Kunst

Links: Ellen Auerbach, ohne Titel [Porträt einer jungen Araberin], 1933-1936. © Akademie der Künste, Berlin, Kunstsammlung / Rechts: Lea Grundig, Melkerin (Ruth), 1946. © Akademie der Künste, Berlin, Kunstsammlung

Nicola Kuhn (Tagesspiegel) lässt sich im Museum Eberswalde zu den Anfängen des Israel-Konflikts führen, und zwar im Werk der beiden 1906 geborenen, jüdischen Künstlerinnen Ellen Auerbach und Lea Grundig, die beide aus Nazi-Deutschland nach Palästina emigrierten, einander aber nie begegneten. Die Fotografin Auerbach und die Künstlerin Grundig porträtierten Menschen im Alltag und im Flüchtlingslager, das "erstaunlichste Konvolut" aber bilden Grundigs "Federzeichnungen vom Wüten der Nationalsozialisten, das sie so nicht miterlebt haben kann. Auf den Blättern sind Tote in den Straßen Polens zu sehen, die Verbrennung von Thora-Rollen, aus der 'Ghetto'-Serie Hungernde, eine Kommandeuse, die ein Kind schlägt, Menschen am Sammelpunkt zum Abtransport. Woher Grundig die Informationen bezog, was ihre Quelle war, ist nicht bekannt. Gut möglich, dass der für die noch nicht gegründete UNO bestimmte 'Polen-Report' auch im Mandatsgebiet kursierte. Grundig zeichnete visionär ohne Vorlagen, ohne Fotografie wie Goya seine 'Desastres della Guerra'."

Bracha Lichtenberg Ettinger, Eurydice n.61, 2017-2022. Courtesy the Artist, © BRACHA

Das Trauma der Shoah ist auch eines der Lebensthemen der in Israel geborenen Künstlerin Bracha Lichtenberg Ettinger, deren zum Teil mit Asche entstandene Gemälde das Düsseldorfer K21 derzeit ausstellt, erkennt Regine Müller in der taz: "Stoisch legt sie wiederkehrende Motive zugrunde: Historische Fotos ihrer eigenen Familie im Ghetto von Łódź, Fotos der Olympiade von 1936, frühe deutsche Luftaufnahmen von Palästina, aufgenommen während des Ersten Weltkriegs, und das Foto einer Massenerschießung von Frauen und Kindern durch die Nazis 1942 in der Ukraine. Der Blick einer der Frauen auf den Fotografien wird dabei zum herausgehobenen Leitmotiv, ein Augenpaar, das sich auf zahlreichen der insgesamt 80 ausgestellten Arbeiten wieder und wieder findet. Andere Arbeiten zeigen wabernde, psychedelische Strukturen, aus denen sich bei genauerem Hinsehen nackte Körper herausschälen, seltsame Zwischenwesen zwischen Engeln und Lichtgestalten scheinen sich zu formieren, aber die Umrisse bleiben durchlässig, diffus. Das Farbspektrum beginnt bei den frühen, mitunter winzig kleinen Arbeiten in dunklen Erd- und Brombeer-Tönen und hellt sich im Laufe der Jahre immer mehr auf."

Weitere Artikel: In der FR schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Berliner Maler Konrad Knebel. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat zwei Werke von Max Slevogt an die Erben von Bruno Cassirer restituiert, meldet die FR mit EPD. Derweil meldet Marcus Woeller in der Welt, dass die Erben von Fritz Grünbaum das an sie restituierte Schiele-Bildnis "Knabe im Matrosenanzug" für einen guten Zweck in die Auktion gegeben haben. Der Kunsthistoriker Bernd Ebert wird neuer Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und folgt damit auf Marion Ackermann, meldet der Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Neuköllner Kunstpreis 2025" in der Berliner Galerie im Saalbau (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2025 - Kunst

Eine feine Werkschau mit vier Videos und dreißig Fotoarbeiten aus den Jahren 1997 bis 2024 widmet das Arp Museum in Remagen dem deutschen Fotografen Axel Hütte unter dem Titel "Stille Welten", die für die FAZ-Kritikerin Alexandra Wach zum "Testgelände der eigenen Wahrnehmung" wird: "Man kann von einer Ästhetik des Dunstigen, der gerade noch greifbaren Landschaft sprechen - wie überhaupt Komposition, Geduld, Zufallsvermeidung Themen sind, die sich nicht als roter Faden durch Hüttes Werk ziehen, sondern eher als gedankliche Nebelschwade. In den Tropen ist der opake Schleier durch die hohe Luftfeuchtigkeit gar so dominant, dass man sich als Betrachter im Reich gespensterhafter Erscheinungen wähnt. ... Ohnehin suggeriert das Großformat, dass man Teil des Geschehens ist und seinen ursprünglichen Standort verlassen hat, um auf seine eigenen mühsamen Versuche des Sehens und Einordnens zurückgeworfen zu werden."

Wassily Kandinsky: "Zwei Reiter vor Rot". 1911. Farbholzschnitt, © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz 

Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) findet eine Schatztruhe im Berliner Kupferstichkabinett, das seine reiche Sammlung an Grafiken aus dem Kosmos des Blauen Reiters erstmals präsentiert. Zu entdecken ist neben zahlreichen Blauen Reiterinnen "eine ganz besondere Kostbarkeit: die einzigartige Bild-Korrespondenz zwischen Franz Marc und Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie bildet ein Herzstück der Schau. Zwischen dem bayrischen Sindelsdorf und der Metropole Berlin flogen leichthändig hingetuschte Botschaften hin und her: Farbjuwelen, mit einer Briefmarke hintendrauf per Post versandt. Auf einer Karte jagt ein winziger blauer Reiter durch smaragdgrüne Berge. Auf einer anderen reckt ein schwarzes Pferd ungeduldig den Kopf. Dazu schreibt der Maler an die Freundin: '…wenn dein Milieu dich zu sehr ärgert, besteige dieses dunkle Roß und eile her.'"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel ist Nikolaus Bernau fassungslos, dass nicht mehr über den "Skandal" diskutiert wurde, den die Schließung des Pergamon-Museums für 15 Jahre bedeutet. Ebenfalls im Tagesspiegel gratuliert Christiane Meixner dem Performance-Künstler Dieter Appelt zum 90. Geburtstag und zum Gerhard-Altenbourg-Preis.

Besprochen werden die Installation "We Felt a Star Dying" der französischen Künstlerin Laure Prouvost im Kraftwerk Mitte (Welt), die Ausstellung "Mis(s)treated. Mehr als Deine Muse!" in der Kunsthalle Bremen, die auf marginalisierte Kunst von Frauen blickt (taz) und die Ausstellung "Apocalypse. Hier et demain" in der Bibliothèque nationale de France in Paris (NZZ).