Beige, beige, beige sind hier alle Farben, stutzttazlerin Julia Schöpfer beim Besuch in einschlägigen Fast-Fashion-Geschäften, die sich ganz dem durch Social Media befeuerten Clean-Girl-Image widmen. "Wenn ich die Klamotten anziehe, sehe ich um sieben Jahre älter aus", schreibt Schöpfer entsetzt. "Mit den Blazern und Anzughosen in gedeckten Tönen und einem makellos dezent geschminkten Gesicht wird ein Bild erfolgreicher Eleganz geschaffen. 'Der stille Luxus ist der Kern des Clean Girls, das Ausdruck eines konservativen Weltbildes ist', sagt Carl Tillessen, Autor und Trendanalyst für Mode am deutschen Modeinstitut. Der Trend richtet sich an den männlichen Blick und inszeniert eine Reinheitsästhetik, die auf ein zutiefst konservatives Frauenbild verweist. Konservative Mode heißt: geschlossene Dekolletés, neutrale Farben und so wenig Haut wie möglich zeigen, im Falle des Clean Girls natürliche Schönheit, mit wenig Make-up."
Außerdem gratuliert Jenni Zylka in der tazDonatellaVersace zum 70. Geburtstag.
Martin Fischer vom Tages-Anzeigerstaunt beim Blick in seinen Social-Media-Feed: Der 2022 neu eingeführte SchweizerPass wird auf den Plattformen als Design-Meisterleistung, gar als "Kunstwerk" gefeiert. Hinter der Gestaltung steckt die Agentur Retinaa, die in diesem Video erklärt, was sie sich dabei gedacht hat:
Die Autoästhetik der Gegenwart ist eine einzige Niedergangsgeschichte, seufzt Gerhard Matzig in der SZ: Alle kaufen sich SUVs und ähnliche Ungetüme, aber das Cabrio als elegante Form und Ausdruck eines sommerlichenDolceVita müsste man mittlerweile unter Artenschutz stellen. "Das Cabrio ist ein Opfer der funktionalistischen Zweckdienlichkeit (kein Platz, außer für ein kinderloses Liebespaar samt Picknickkorb), der Vollkasko-Mentalität delirierender Sicherheitsnormen, der Panorama-Schiebedächer, die zu den titanischen Flachbildschirmen daheim passen, der Elektrifizierung und des stupiden SUV-Siegeszugs. Elon Musk sagt von seinem dystopischen Cybertruck, man könne damit alle anderen Fahrzeuge plattmachen. Cabrios sind insofern Pazifisten."
Dass deutscheAutomobile international immer weniger zu melden haben, liegt vielleicht auch am Design, meint Niklas Maak in der FAZ - und daran, dass deutsches funktionales Design schon länger nicht mehr das darin liegende Versprechen auf Gebrauchsfunktionalität erfüllt. "Das Bauhaus-Erbe sei verloren, sagt auch Paolo Tumminelli, Professor für Gestaltung in Köln. ... Ein Problem des deutschen Designs beginne schon mit der Luxusstrategie der Hersteller. ... Die Autoindustrie habe 'den Sinn für Alltagsbedürfnisse verloren. Sie stellen keine Produkte für normale Menschen mehr her.' Das Auto wird zum Schwellkörper, entworfen von großen Egos für große Egos. Man könnte lange spekulieren, was das aktuelle Design etwa des riesigen BMW XM über das soziale Milieu und die Gesellschaft aussagt, die solche Autos schätzt; die Kühlerfront signalisiert weithin sichtbar, dass hier jemand kommt, der den öffentlichen Raum nicht als Begegnungs- oder Kommunikationsraum, sondern als Kampfzone voller Fressfeinde betrachtet. ... Andere, kleinere Autos sehen dafür seltsam depressiv und erbost aus. Der Volkswagen ID2 schaut mit wulstigen Scheinwerferaugen in die Gegend wie ein unter Atemnot leidender Fisch, den man gegen seinen Willen aus den lichtlosen Regionen der Tiefsee an die Oberfläche zerrte. Will man so jeden Morgen angeschaut werden?"
Standard-Kritiker Michael Freund kann nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum Westlicht zur legendären, von WillyFleckhaus als Art Director gestalteten 60s-Zeitschrift Twen den Phantomschmerzäußerungen von Hannes Hintermeier in der FAZ (unser Resümee) nur beipflichten: "Nach viel Antiästhetik und 'Anything goes' in der Grafikdesignbranche wäre es heute immer noch ein hervorragendes Magazin. Twenfehlt. Die Schau macht das bewusst."
Brigitte Werneburg wirft für die taz einen Blick auf die Gewinner des italienischen Modepreises "International Talent Support 10x10x10 Creative Excellence Award", die nun im Museum of Art in Fashion in Triest zu sehen sind. Besprochen wird EmanueleCoccias und AlessandroMicheles Buch "Das Leben der Formen. Eine Philosophie der Wiederverzauberung" (online nachgereicht von der FAS).
Jona Rausch macht sich in der taz Gedanken dazu, warum in der linkenSzene ausgerechnet Klamotten von Adidas (deren Gründer immerhin NSDAP-Mitglied war) so beliebt sind. Andreas Platthaus stöbert für "Bilder und Zeiten" der FAZ sehr angeregt im eben erschienenen Werkverzeichnis des Plakatgestalters HelmutBrade.
twen Ausgabe 12/63, Foto von Irving Penn (Courtesy Sammlung Hans-Michael Koetzle / Museum WestLicht) "Wir waren schon mal weiter", seufzt Hannes Hintermeier in der FAZ nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum WestLicht über das einst von WillyFleckhaus als Art Director gestaltete und ziemlich legendäre Sixties-Magazin twen. "Weiße Schrift auf schwarzem Grund, halbe Seiten sind leerer Weiß- oder Schwarzraum, Bilder über Doppelseiten: Fleckhaus hat eine 'visuelle Grammatik' im Sinn, so" der Fotohistoriker "Hans-Michael Koetzle, will aufklären mit Bildern. Er verordnet twen eine radikaleOptik, denkt das Heft als dreidimensionalesGesamtkunstwerk, schert sich nicht um Originalformate. Fotos sind für ihn Rohmaterial. Er beschneidet, stellt frei, kontert und rastert nach Belieben. ... Auch wenn man dezidiert kein Fotomagazin sein wollte, wurden die Seiten stets vom Bild her gedacht, der Text hatte sich der Optik unterzuordnen. ... Keine Jugendzeitschrift im engeren Sinn, richtet sich twen an eine Leserschaft, die sich mit dem Aufbruchsgeist der Sechziger identifiziert. Es geht um Themen wie Außerparlamentarische Opposition, Homosexualität, Abtreibung, Rassismus, Gleichberechtigung, und immer wieder um Sex."
Mit Kummer nimmt Silke Wichert in der SZ zur Kenntnis, dass DonatellaVersace nach dreißig Jahren ihren Posten bei Versace räumt. Sie "gehört vielleicht nicht zu den genialsten Designern unter der Sonne, aber mit Sicherheit zu den letzten großen Persönlichkeiten in einer Branche, deren Chief Creative Officer heute vor allem chefmäßig langweilen - weil sie allesamt so hochprofessionell agieren und funktionieren. Nach Karl Lagerfelds Tod war Donatella Versace die Einzige, die auch in ihrem Äußeren noch einen ikonischenAnspruch verkörperte. ... Es lag nahe, sie als Karikatur abzutun und sich über sie lustig zu machen. Dabei kam allerdings ein bisschen zu kurz, dass diese angebliche Witzfigur sich als eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Milliardenunternehmens behaupten konnte."
Valeriia Semeniuk porträtiert für den Tagesspiegel die ukrainische Modedesignerin SvitlanaVolkova, die Mode für Menschen mit Prothesen gestaltet. "Angesichts der Anzahl der Amputierten ist der potenzielle Bedarf an adaptiver Kleidung in der Ukraine riesig. ... Bislang wurden in der Ukraine nur Sporthosen mit Klettverschluss für Veteranen entwickelt. Volkovas Meinung nach eignen sie sich durchaus für zu Hause, aber gar nicht zum Ausgehen. Ihre Jeans hingegen könnte man überall tragen. Es handelt sich um eine elastische, eher schmale Hose mit einem durchgehenden Reißverschluss. Der ist allerdings nicht auffällig - im Gegensatz zu den knallbunten Details. Die aufgesetzten Taschen sind mit bunten 3D-Patches dekoriert. Diese wurden von Svitlanas Freunden von der ukrainischen Künstler-Gruppe 'Photinus studio' entworfen. Als Vorbild dienten die militärischen Chevrons, die alle Soldaten gerne tragen. Das Chevron am Ärmel kennzeichnet die Zugehörigkeit zu einer Militäreinheit. Volkova schwebt vor, dass dieses Abzeichen ein visuelles Symbol für die Community der amputierten Soldaten wird." Auf ihrem Blog denkt die Designerin über ihre Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen nach.
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