Theater Nestroyhof Hamakom - Fragments of Our Time, (c) Gregor Grkinic Ein herausragendes Stück Tanztheater bringen Christoph Bochdansky und Rose Breuss am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom auf die Bühne. "Fragments of Our Time" erzählt, so Sofia Teresa Müller im Standard, von exilierten Künstlern, die verlorene Tänze aufführen. "Aus der Hommage an vergangene Zeiten erwächst ein vielschichtiger Dialog zwischen Erinnerung und Gegenwart. Das Ensemble - unter ihnen internationale Künstler aus Argentinien, Taiwan oder der Ukraine - verwebt Vergangenheit mit biografischen Momenten der eigenen Tanzkarriere, die bis heute nachhallen. Mal wirken die Tanzenden wie im Stillstand gefangen, mal explodiert die Energie, wenn sich zeitgenössische Soundeffekte mit klassischer Klaviermusik verdichten." Besonders bemerkenswert sind außerdem "die überdimensionierten Puppen, die als Protagonisten auftreten und den Übergang von Historie zu zeitgenössischem Erlebnis erleichtern. Sie sind keine bloßen Spielfiguren, sondern werden zu Gesprächspartnern, Kommentatoren, manchmal sogar zum Teil der Identität der Tänzer."
Verena Großkreuz besucht für nachtkritik den Daniil Charms gewidmeten Soloabend "Zack. Eine Sinfonie". Der Schauspieler Wolfram Koch bringt diese dem 1942 als Opfer des stalinistischen Terrors verstorbenen Charms gewidmete Hommage derzeit am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne - als absurde Nummernrevue, die sich aus Gedichten, Dialogen und kleinen Erzählungen zusammensetzt. "Eine ganz besondere, schön schockhafte Art von Komik entsteht oft gerade aus dem pausenlosen Umswitchen in die nächste Nummer. Das Lachen bleibt einem dementsprechend immer wieder im Halse stecken. Eine Professorenfrau, die gerade noch den Tod ihres Gatten betrauert, wird von 'fremden Menschen' gegen ihren Willen in eine Irrenanstalt abgeführt. Oder eine Hygienekommission legt den fast schon verhungerten Kalugin 'in der Mitte zusammen' und kippt ihn weg 'wie Müll'."
Weitere Artikel: Christiane Lutz kommentiert in der SZ die Entscheidung des Gerhart-Hauptmann-Theaters, die Namensrechte des Hauses zum Verkauf anzubieten: Warum nicht?, fragt sie sich beziehungsweise uns. Die FAZ erinnert an den verstorbenen Bremer Theaterindendanten Michael Börgerding. Atif Mohammed Nour Hussein plädiert auf nachtkritik für ein Comeback des kulinarischen Theaters. Das Berliner Ensemble nimmt, um Finanzierungslücken zu schließen, Übernachtungsgäste auf, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitungfragt Carola Tunk: Hat das Land Berlin wissentlich eine korrupte Firma mit der Sanierung der Komischen Oper beauftragt?
Besprochen werden György Kurtágs "Fin de partie" an der Berliner Staatsoper (van, nmz) und Maria Milisavljevićs "Staubfrau" im Zürcher Schiffbau (NZZ).
Szene aus "Fin de partie" an der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Monika Rittershaus. Die "trostloseste, die berühmteste Clownerie der Weltliteratur" hat György Kurtág zu einer Oper gemacht und mit Samuel Becketts "Endspiel" ein Stück vertont, in dem es um etwas ganz anderes geht als sonst in der Oper, macht SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber klar. Das absurde Weltuntergangsszenario, das Johannes Erath für die Staatsoper Unter den Linden auf die Bühne gebracht hat, zeichnet sich aus durch seine "'Pausen und den Stillstand der Zeit, quasi das Warten auf etwas - das ist für eine Oper außergewöhnlich.' Hier gehe es einmal nicht um große Gefühle in Melodien, Gedanken, Konflikten, äußert Dirigent Alexander Soddy im Programmbuch. Mit der Staatskapelle Berlin gelingt ihm in hundert Minuten das Entscheidende: rhythmisch äußerst genau und doch hellhörig mit geschmeidiger Elastizität zu gestalten, die raffiniert geschichteten Klangfarben der komplexen Partitur aufleuchten zu lassen, immer wieder die folkloristischen Elemente von Akkordeon und Cimbalom in den Fluss zerrissener, bloß gezupfter, stockender Momente der Holz- und Blechbläser einzubinden. Ein Sog gezielt andauernder aphoristischer Verknappung muss entstehen."
Eingängig ist die Inszenierung und die Musik nicht gerade, findet FAZ-Kritiker Clemens Haustein, beeindruckende Szenen gibt es trotzdem: "Das Zirkushafte spielt eine Rolle, wenn Hamm, der Sohn, der nur noch sitzen, aber nicht mehr gehen, und Clov, sein Helfer, der nur noch gehen, aber nicht mehr sitzen kann, im paillettenbestickten Glitzeranzug erscheinen (Kostüme: Birgit Wentsch). Stephan Rügamer als glänzender Charaktertenor spielt und singt Nagg, den Vater, mit clownesker Agilität. Noch auf die Entfernung wirken Kraft und Präsenz seiner Mimik und Gestik." taz-Kritikerin Katharina Granzin ist "hingerissen" vom Bühnenbild: "Während das äußere Setting von Becketts Nicht-Drama prinzipiell maximale Trostlosigkeit vorsieht, wird diese Tristesse in der Oper ins Fantastische transportiert, wird Unsichtbares sichtbar gemacht: Wir sehen, was die statischen Figuren im Inneren bewegt, als äußere Aktion." Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer über das Stück.
Außerdem: Tom Mustroph unterhält sich in der taz mit dem Dramatiker Jeton Neziraj, dessen Theaterstück "Six against Turkey" die Auslieferung von sechs türkischen Staatsbürgern aus dem Kosovo an die Türkei aufgreift, und nun überraschend von den kosovarischen Behörden abgesagt wurde. Besprochen wird Jette Steckels Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Asche" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik).
Szene aus "Future Macbeth" am Berliner Ensemble. Foto: Jörg Brüggemann. Ein "Lehrstück über die zeitlose Bestialität des Menschen" bekommt nachtkritiker Michael Wolf am Berliner Ensemble mit Stas Zhyrkovs Inszenierung "Future Macbeth" zu sehen. Der Shakespeare-König wird von Schauspieler "Fabian Mair Mitterer als schwacher Kindskopf" angelegt, erzählt Wolf, "nicht einmal seinen Hosenschlitz kann er alleine schließen. Und nun soll er den König töten, nun soll er ein 'Held' werden, wie die Umstehenden fordern?" Pavlo Arie und Regisseur Stas Zhyrkov "fegen Moral, Normen und Ideale leichthin von der Bühne und lassen den Menschen als wahrhaft gewaltiges Wesen zurück. 'Irgendwo tötet gerade jemand jemanden', ruft das Ensemble chorisch in den Saal hinein. 'Es geschieht mit einer Geschwindigkeit von einer Person pro Minute. Bis zum Ende dieser Vorstellung werden noch Dutzende Menschen getötet worden sein.'" Gut aufgelegte Schauspieler sieht der Kritiker hier allemal, eine interessante Frage wird jedoch ausgelassen, findet er: "Wie ist Kunst denkbar in einer Welt voller Gewalt, Trieb und Hass?"
Einige gute Antworten auf eine aus den Fugen geratene Welt findet SZ-Kritiker Peter Laudenbach in dem Stück: "Macbeth hat andere Interessen, lieber würde er wahlweise mit seinem Kriegerkumpel Banquo (Magdalena Gräslund) ins Bett gehen oder mit Duncan (Elias Nuriel Kohl) herumknutschen - Killertragödien waren auch schon mal heteronormativer. Kein Wunder, dass die umwerfende Antonia Siems ihrer Lady Macbeth hellwachen Spott schenkt: Die Frau ist entschieden zu klug, zu gut gelaunt und zu schräg, um den ganzen Königsmörder-Quatsch ernst nehmen zu können."
Besprochen werden außerdem Anna Stiepanis Inszenierung von Maria Milisavljevićs Stück "Staubfrau" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik) und Jessica Glauses Inszenierung von Olga Bachs Stück "Im Ferienlager" am Schauspielhaus Stuttgart (nachtkritik).
In der Berliner Zeitung unterhält sich die Theaterregisseurin Wera Herzberg mit Susanne Lenz über ihr neues Stück "Heimat wonach", in dem sie sich mit der Lebensgeschichte ihrer jüdischen Mutter auseinandersetzt. Nachtkritiklässt über die besten Theaterproduktionen des Jahres 2024 abstimmen.
Manuel Brug konstatiert in der Welt anhand von "La Sylphide" von Filippo Taglioni, choreografiert von Pierre Lacotte am Bayerischen Staatsballett eine Krise des klassischen Balletts - die liegt aber nicht an den Stücken selbst, sondern vielmehr an ihren Inszenierungen und der Mutlosigkeit der Bühnen: Er sieht hier "das Urbild der verträumten, nicht in dieser Welt tanzenden Ballerina, die hier erstmals auf Spitzenschuhe gestellt wurde, um scheinbar luftleicht die Schwerkraft zu überwinden." Brug wünscht sich, dass alles wieder so wird, wie es früher wahrscheinlich auch nicht war: "Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das klassische Ballett (…) entgleitet unserer Aufmerksamkeit, unserem Wohlwollen, vor allem unserem gegenwärtigen Verständnis. Auch weil viele, die heute als Ballettdirektoren am Ruder sind, dafür zu wenig Wissen haben, kaum mehr Sympathie, Gefühl, Liebe gar hegen. Man mag einfach nicht mehr den geschichtlichen Spagat machen und nach heutigen strengen Maßstäben über Rassismus in den alten Geschichten, misogyne Frauenbilder, unmoderne Gleichmacherei hinwegsehen. Obwohl der Frau hier gehuldigt wird und sie im Mittelpunkt steht wie wohl sonst nur noch in der Pornografie, bleibt sie doch Objekt, muss oft sterben, wird getragen und präsentiert, muss sich als idealer, wenig bekleideter Körper zeigen. "
Die Feuilletons trauern um eine Wiener Theatergröße: Otto Schenk ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Die NZZerinnert an die große Menschlichkeit im Humor des Schauspielers, Regisseurs und Komikers: "Schenks kunstvolles Spiel mit der Deplaziertheit, sein Spaß am Übertreiben der Form und am Sprengen der Norm legte menschliche Schwächen frei. Doch es entließ das Publikum niemals entzaubert, sondern entlastet. Ob er die Zunft der Regisseure parodierte oder eine Suppenwerbung, ob er Tucholsky und Polgar vortrug, Witze und Theatergeschichten erzählte - oder mit seinen kongenialen Partnern Helmuth Lohner und Alfred Böhm die Vernunftwelt kippte: Immer wusste er die komische Fallhöhe in all ihren Nuancen auszuloten." Weitere Nachrufe bei Spiegel Online, SZ, FR, Zeit, FAZ und Standard.
Weiteres: Florentina Holzinger ist ausgewählt worden, um den Österreich-Beitrag für die Biennale 2026 beizusteuern, meldet der Standard. Die Berliner Zeitungbefragt den österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz zur angespannten politischen Lage seines Heimatlandes.
Besprochen wird: "Grease" in der Alten Oper Frankfurt, Choreografie von Rebecca Howell (FR).
Für die tazbesucht Katrin Bettina Müller das Berliner Netzwerk making a difference, das sich um die Bedürfnisse von chronischkranken oder behinderten KünstlerInnen kümmert und befürchtet, dass das Spardiktat des Berliner Senats vor allem die Mittel für Barrierefreiheit trifft. Im Tagesspiegel überlegt Rüdiger Schaper, ob Ersan Mondtag oder Kirill Serebrennikow die Intendanz der Berliner Volksbühne übernehmen werden. Ebenfalls im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels die Regisseurin Wera Herzberg, die sich in ihr aktuelles Stück "Heimweh wonach" im Heimathafen Neukölln ihrer Mutter widmet, die als Jüdin und Kommunistin die DDR mit aufbaute.
Familientreffen sind ein beliebter Stoff auf Theaterbühnen, weißtaz-Autor Jens Fischer. Zumeist wird das lustig inszeniert, die "Vergeblichkeit des Harmoniebemühens" taugt für "satirische Pointen wider eine Kultur der Verdrängung." Michel Marc Bouchards Stück "Die Nacht, als Laurier erwachte", das am Deutschen Theater Göttingen seine deutschsprachige Erstaufführung feiert, gelingt es freilich, auch "die Tragödie dahinter wirken zu lassen." Im Stück "kommt die weltweit gefeierte 'Künstlerin des Todes', Thanatopraktikerin Mireille (Yana Robin la Baume), zur Einbalsamierung und Beerdigung ihrer Mutter in die Provinz. Geheimnisvoll mondän, mit aufgerissenen Augen wie eine Gruselfilmgräfin, tritt sie auf die zur gekachelten Leichenhalle hergerichteten Bühne." Weitere Familienmitglieder treffen ein und irgendwann "fällt das Stichwort 'Vergewaltigung', deren Opfer Mireille geworden sei. Aber es gibt auch Blicke und Gesten, die Zweifel daran wecken; ein fesselndes Changieren zwischen Vertuschen und Offenbaren."
Nicht allzu viel erwarten sollte man in nächster Zeit von den Berliner Bühnen nach dem Spardiktat des Senats, klagt in der FAZ Simon Strauß. An der Komischen Oper ist bereits eine geplante, vielversprechende Inszenierung des Oscar-Wilde-Musicals "Mein Freund Bunbury" ins Wasser gefallen. Und die Volksbühne, prophezeit Strauß, wird es schwer haben, überhaupt den Betrieb aufrecht zu erhalten.
Die Frage nach dem Für und Wider von Theatersubventionen plagte schon Goethe, erinnert Jakob Hayner, der in der Welt die Geschichte des Subventionstheaters erzählt: "Mancher Hof gibt bis zu zehn Prozent für Kultur aus, weit mehr als fürs Militär. Das Bürgertum will mitziehen und dem Adel kulturell Konkurrenz machen, nur ist der Markt unsicherer als die Launen eines Fürsten. (…) Ein neues Konzept wird erst nach Goethes Tod erprobt, als 1839 mit Mannheim erstmals eine Stadt ein Theater übernimmt, mit allen finanziellen Risiken. Ein großer Schritt: Auch Städte, nicht nur Höfe, sichern die Kunst - und die Künstler. Als 1869 die Gewerbefreiheit für Theater kommt, folgt ein Boom von Theatergründungen und -neubauten, wie Jennifer Achten-Gozdowski in der wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation 'Geschichte und Politökonomie deutscher Theatersubventionen' von 2018 zeigt. Viele dieser Start-ups halten sich nur wenige Spielzeiten, Direktoren brennen mit der Kasse durch und lassen verelendete Künstler auf ausbleibenden Gagen sitzen. Eine Herausforderung für die Kommunen."
Weitere Artikel: Susanne Kennedy ist wohl die einflussreichste Regiefrau der letzten zehn Jahre, notiertnachtkritiker Janis El-Bira mit Blick darauf, wie Kennedy eine ganze Generation von Theatermacherinnen geprägt hat. Im Tagesspiegel seufzt Frederik Hanssen: Mit der für Juni 2025 geplanten Inszenierung des Musicals "Mein Freund Bunbury" von Max Hopp nach dem Oscar-Wilde-Klassiker "The Importance of Being Earnest" wird aufgrund der Kürzungen durch den Senat ausgerechnet die aufregendste Neuproduktion der Komischen Oper gestrichen. Das Berliner Ensemble benennt seinen Innenhof nach Helene Weigel, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung.
Besprochen wird Klaus Gehres Inszenierung von "Interstellar. Zwischen den Sternen" nach Christopher Nolan am Staatstheater Darmstadt (FR).
In der tazfindet Björn Hayer, dass sich Gehre mit dem Nachbauen der "astralen Bildgewalt" des Films etwas viel vorgenommen hat. "Mutig" ist dieses Theaterexperiment dennoch: "Und was überdies besticht, ist der Gesang. Immer wieder stimmen die Schauspieler eine berührende Version des Songs 'Always on My Mind' an, um dadurch die Liebe als über alle physikalischen Barrieren hinweg verbindendes Element zu feiern - keine schlechte Idee in dieser dunklen Gegenwart!"
Der Regisseur ist fürs Sehen verantwortlich, der Dirigent fürs Hören - diese Spaltung beim Musiktheater findet Dirigent Iván Fischer total uninteressant - weshalb er lieber selbst inszeniert, wie er im Interview mit der FAZ erzählt. "Wenn man mit einem Darsteller einen Charakter erarbeitet, muss man das, was man in der Musik hört, zum Ausgangspunkt machen. Gestik, Launen, Hintergedanken eines Schauspielers - man hört das alles aus der Musik! Der Regisseur ist kein Musiker, er geht von einer Geschichte oder seinem Konzept aus", erklärt Fischer und wird am Beispiel des Erwachens von Ariadne in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" konkret: "Diese Phrase des ersten Stöhnens ist rein musikalisch ein Seufzer, der sehr stark hinaufstrebt und in der Kraft anwächst. Eine Art ächzendes 'O Gott!'. Das geht zum Himmel hin. Darin liegt eine Bitte: 'Ich fühle mich so schlecht, ich kann das alles hier kaum mehr ertragen.' Das ist kein Murmeln beim Wachwerden, sondern die plötzliche Wahrnehmung eines furchtbaren Schicksals. Also eine starke Geste. Ich sehe eine Frau vor mir, die wach wird und sofort die ganze Misere begreift, in der sie steckt. Da habe ich gleich bestimmte Vorstellungen von ihrer Kopfhaltung und ihrer Körperbewegung."
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